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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 26
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
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Das fünfundzwanzigste Kapitel.

Paddenau hatte Durst, und während der Hamburger jetzt mit weiten Schritten in der Stube langsam auf und ab stiefelte, und während der Musikmischmasch, begleitet von dem gewöhnlichen dumpfen Unterhaltungsgemurmel, oberhalb der Decke des Gastgemaches seinen Fortgang hatte, kam es, um diesen Durst zu löschen. Nur das männliche Paddenau kam; das weibliche blieb im Saal und aß Obst und Zuckerwerk aus dem Strickbeutel und aus der Tasche, was wir nicht ändern können, was uns aber auch weiter nichts angeht.

An das Büfett in der Gaststube stürzten die männlichen Paddenauer von den verschiedensten Lebensaltern und Lebensstellungen, die durch den ästhetischen Genuß trocken gewordenen Kehlen anzufeuchten, und alle waren selbstverständlich zu gleicher Zeit ungemein kritisch gestimmt und ließen an der oratorischen Leistung des Rektors Gustav Fischarth wenig Gutes. Sie erquickten nicht nur sich selber, sondern auch den Hamburger Großhändler, der von Augenblick zu Augenblick stehen blieb, in das Getümmel am Schenktische hineinhorchte und dann seinen Marsch mit einem leise gebrummten billigenden Ausrufungswort von neuem aufnahm.

Der Wirt war nur Wirt, und das Fest stieg in seiner Achtung mit dem Konsum anregender Getränke durch die Festgenossen. Wenn diese letztern im Laufe des Abends hielten, was sie jetzt versprachen, so hatte der Herr Kommerzienrat alle Aussicht, im Busen des Herrn Ahrens auf das Niveau eines zwar sehr anständigen, aber keineswegs hervorragenden Gastes herabzusinken. Ob der verherrlichte Dichter gewann, was der Kommerzienrat verlor, das ist freilich eine andere Frage. –

Aber jede Zwischenaktsmusik muß endlich einmal zu einem Ende kommen – ein Schicksal, dem wahrscheinlicherweise selbst die Sphärenmusik dereinst nicht entgehen wird – was jedoch die Paddenauer Stadtmusik anbetrifft, so hielt sich dieselbige selbstverständlich an das verabredete Honorar und brach mitten im Satze ab, als sie glaubte, dem Komitee für sein Geld genug gegeben zu haben.

Auf der Stelle stürzte jeder, eine Kontremarke besitzende Festteilnehmer den Rest aus seinem Glase hinunter und drängte sich eiligst wieder die Treppe hinauf, um für sein Eintrittsgeld alles zu genießen! Die gediegensten Kritiker beeilten sich am meisten; innerhalb zwei Minuten war die Gaststube wieder leer; der Wirt zum grünen Esel rieb sich vor seinem Büfett die Hände, und die große Firma Knackstert Witwe und Sohn hielt ein in ihrem grimmigen Marsche zum Grabe ihrer Achtung vor den gesunden fünf Sinnen des deutschen Volkes.

Herr George Knackstert schauderte abermals zusammen und jetzo tiefer und fröstelnder als je; denn jetzt war ja das Entsetzliche vor der Tür. Die so schöne seetüchtige Brigg, die zwischen Hamburg und Havanna fuhr und den Namen Wulfhilde Mühlenhoff am Stern trug, mochte die »alte Liebe« bei Kuxhafen noch häufig passieren; aber Wulfhilde Mühlenhoff selbst trieb mast- und ruderlos vor dem Winde: noch ein Augenblick des Ärgers, der Wut und des getäuschten Selbstgefühles und – der Vetter aus Hamburg konnte abreisen und ruhig sein Schiff im Hamburger Hafen umtaufen. Ja, wenn man so leichten Kaufes davonkäme! Natürlich hatte sich Pieperling geirrt: ehe Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff vor dem Dräumling auftrat, war erst die Reihe an dem Liederkranze, das Seinige zu leisten, und wehe dem, der keinen Gesang vertragen konnte, und ihn, den Paddenauer Liederkranz, der Höflichkeit wegen, aufgefordert hatte, einige Lieder vorzutragen!

Ein dumpfes Getrappel über den Köpfen zeigte den in der Gaststube Befindlichen an, daß die Schar der Sänger die Tribüne betrete, und Knackstert warf sich abermals auf einen Stuhl und griff von neuem nach der Kreuzzeitung.

Der Paddenauer Liederkranz begann und zwar mit dem reizenden Lindpaintnerschen Maigesang: »Es regt der Lenz die jungen Glieder –«, was doch einfach gelogen war. Der Lenz regte gar nichts, sondern es war ein recht kalter, dunkler und feuchter Novemberabend, und das Lied bezog sich auch sonst mehr auf den Todestag als auf den Geburtstag des verherrlichten Dichters; aber der Komponist siegte hier und jetzt, wie überall und immer mit seiner unsterblichen Melodie, und der Gegensatz nahm gleichfalls sein uraltes Recht auf der Menschen Gemüt in Anspruch. Paddenau mußte Da-Capo rufen, und rief es wirklich, noch ehe die Schlußverse des Stuttgarter Stadtrates im Saale verklungen waren.

Diese Schlußverse lauten, wenn wir nicht irren:

»Wir wollen keinen Schmerz erneuen,
Wir wollen uns des Frühlings freuen;
Die Freude sei sein schönstes Lob;«

und Knackstert, in der unumstößlichen Gewißheit, daß der Lieberkranz sofort wieder von vorn beginnen werde, sagte gebrochen und zerknirscht hinter seiner Zeitung:

»Geben Sie mir eine Flasche Sodawasser.«

Der Wirt flog nach dem Schenktisch; der Paddenauer Sängerbund verlängerte nach Möglichkeit die Qual des Vetters aus Hamburg. Er sang im ganzen acht Lieder, und von diesen acht Liedern sang er die Hälfte auf allgemeines Verlangen noch einmal. Nachdem er also zum zwölften Male zu Ende gekommen war, vernahm man in der Gaststube sein Abtrappeln unter dröhnendem Beifallrufen. Die Decke drohte einzubrechen, die zweite Pause des Vergnügens war glücklich erreicht, und wiederum stürzte Paddenau, durstiger denn zuvor, und der Liederkranz voran, die Treppe herunter an den Schenktisch.

Der Liederkranz schien sich zu einer Wüste Sahara gesungen zu haben. Zwei frische Fässer mußten herangerollt werden, diese ausgedörrte Wüste anzufeuchten.

Es zeigten sich Symptome des Händereibens an dem Wirte zum grünen Esel. Er sprach kurz: »Gleich, mein Herr!« als der zerschmetterte Großhändler gepreßt nach einem Zündhölzchen rief. Die Wogen der nationalen Erregung rissen auch ihn, den Wirt zum grünen Esel, mit sich fort, und als er endlich Zeit fand, dem großen Hamburger Kaufmann das Feuerzeug zuzuschieben, sagte er mit einem Blick nach oben:

»Es ist unzweifelhaft ein sehr schönes Fest, mein Herr! es ist doch recht großartig, einen edlen Dichter so allgemein zu ehren. Nun kommt es noch auf das Festessen an; doch das gehört in das Departement meiner Frau.«

Noch fragte er seinen hohen Gast nicht, ob er an diesem Festessen teilnehmen werde; aber der Moment war gar nicht fern wo er sich berechtigt fühlen konnte, auch diese Frage zu stellen. Die Unverschämtheit steigt nicht selten mit dem Erfolge, selbst mit dem Erfolge, welcher einem aufgedrängt wird. –

Es war die große Pause des Festes. Man hatte Zeit, sich seine Ansichten und Bemerkungen mitzuteilen, und tat es, die Gläser und Krüge in den Händen. Ein wildes Getöse erfüllte die Gaststube, der Liederkranz lobte sich selber, und die Zuhörer lobten den Lieberkranz; das Menschtum zeigte sich von seiner schönsten, edelsten, erfreulichsten Seite: jeder trank auf das Wohl des andern und tat es gern. Der Oberkommandant der Schützen ließ den Vorstand der Sangesbrüder leben. Der Vorstand der Sänger brachte ein Vivat auf den Vorsitzenden des Komitees des heutigen Abends, Herrn Rektor Fischarth aus, und sein Dämon hielt schützend die Hand über ihn, er bekam nicht die geleerte Sodawasserflasche des Herrn George Knackstert aus Hamburg an den Kopf.

Herr George Knackstert hielt die Flasche krampfig umspannt, er hob sie und stellte sie mit einem Stoß wieder auf den Tisch und duckte sich gliederschlaff unter der Hand, welche sein Dämon ihm jetzt auf das Haupt legte. Dicht hinter ihm sprach jemand im Haufen:

»Jetzt kommt sie!«

Das Wort ging von Mund zu Munde, und nicht Einer blieb ruhig dabei. Hastiger wurden die kalten und warmen Getränke hinuntergegossen, und ein großer Teil der Zechenden stürzte auf der Stelle ab, um seinen Platz im Saale wiederzuerobern. Ja, jetzt kam sie wirklich, und Knackstert Witwe und Sohn konnten es nicht hindern. Ein finsterer Paukenschlag erscholl über des großen Kaufmanns Kopfe; George Knackstert, der Vetter aus Hamburg, schloß seine Rechnung mit Paddenau und dem Hause des Geheimen Hofrats Mühlenhoff ab; er protestierte den auf ihn gezogenen Wechsel des Prinzenerziehers a. D. In Ipswich in der Grafschaft Suffolk existierte die seit längeren Jahren hinterlassene einzige Tochter eines Birminghamer Geschäftsfreundes, Miß Bilha Baldgable, von welcher er ganz gewiß wußte, daß sie weder bei einem Shakespeare- noch bei einem Schiller-Jubiläum wie Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff mit ihrer Person sich in den Vordergrund stellen werde. Er hatte lange nicht an Miß Bilha Baldgable aus Birmingham gedacht; aber in diesem Moment dachte er an sie, und seine Erinnerung führte ihn weit zurück: es war eine Merkwürdigkeit, wie klar und deutlich mit einem Male Miß Bilha Baldgable vor seinem geistigen Auge stand, und er wunderte sich, seufzte und sagte auf englisch zu sich:

»Look, George, what trouble might you have spared yourself, if you at that time did propose for that most reasonable girl.«

In demselben Augenblick aber fuhr er aus seinem verbissenen Brüten wieder empor. Die Gaststube hatte sich völlig geleert; jedermann befand sich wieder in dem Festsaale, und neben ihm – neben ihm, dem großen Manne und königlichen Kaufmann aus Hamburg stand der Wirt zum grünen Esel und wagte es bereits – wagte es, ihn vertraulich auf die Schulter zu klopfen und ihm freundlich zuzureden.

»Wenn der Herr vielleicht doch noch dem Vortrag des Fräuleins beizuwohnen wünscht, so würde ich ihm vorschlagen, sich, je den Umständen nach, inkognito hinter die Tür auf der Musikantentribüne zu placieren. Man hat von dort einen sehr hübschen Blick über den Saal, und der verehrte Herr Kommerzienrat würde gewiß zuletzt doch noch eine recht angenehme Erinnerung mit sich nach Hamburg und, je den Umständen nach, nach Hause nehmen.«

»Herr, was fällt Ihnen ein?« schrie der Vetter wütend. »Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrer Tür, Ihrer Musikantenbühne und Ihren angenehmen Erinnerungen. Gar nichts will ich von Paddenau mit nach Hause nehmen – gar nichts!«

»Herr Kommerzienrat –«

»Gar nichts! sage ich Ihnen, und jetzt ersuche ich Sie dringend, mich mir selber zu überlassen.«

Der Wirt zum grünen Esel richtete sich aus einer erschreckten Verbeugung plötzlich groß und würdig auf, blickte den Gast würdig und groß an, murmelte: »Je den Umständen nach!« und ging aufgerichtet und mit den Händen auf dem Rücken zum Büfett, wo er sich einen Kognak einschenkte, denselben langsam kunstgerecht verschwinden ließ und mit einem abermaligen meinungsvollen Blicke auf den Gast hell, scharf und laut fragte:

»Louis, hat meine Frau noch nicht gemeldet, auf wieviel Kuverts wir uns einzurichten haben?«

»Nein, Herr Ahrens; aber Pieperling meint, hundertundfünfzig Plätze würden längst nicht reichen.«

»Dann ist dieses die großartigste Festivität, die seit dem großen Tierschau-Preisessen im Jahre Sechsundvierzig in diesem Hause begangen worden ist!« rief der Wirt, emphatisch mit der rechten Faust in die Fläche der linken Hand schlagend. »Ja, es ist ein imposantes, ein ideales Fest und eine Ehre für den grünen Esel; ich habe es immer gesagt, man muß selber ein Genie sein, um unter allen Umständen den Umständen nach handeln zu können. Dieser Tag wird in Ewigkeit zu meinen schönsten Erinnerungen zählen.«

Droben war auf den Paukenschlag eine tiefe Stille gefolgt; dieser folgte ein langanhaltendes Händeklatschen und Bravorufen: Wulfhilde Mühlenhoff hatte die Festtribüne betreten, und der über dem Schafott der Königin Maria Stuart lauschende Graf Leicester war in diesem Augenblick gegen Herrn George Knackstert nichts weiter als ein an der Tür seiner Frau horchender Philister.

 


 

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