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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 25
Quellenangabe
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
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Das vierundzwanzigste Kapitel

Shall I not take mine ease in mine inn? Soll ich nicht meine Behaglichkeit in meiner Kneipe haben? Ja, natürlich sollt Ihr das, Sir John, und was uns anbetrifft, so wollen wir uns derselbigen gleichfalls bedienen, wie es uns zusteht, das heißt, wir wollen fürs erste Herrn Ahrens, den Wirt zum grünen Esel, sein Behagen in seiner Herberge nehmen lassen.

Der Würdige stand in der Mitte des schon früher bis auf einige Kleinigkeiten genügend gekennzeichneten Gemaches, grade unter der Petroleumlampe, die trübe-stänkerig von der Decke herabhing und ihn nur sehr unvollkommen in das rechte Licht stellte. Er stand mit tief in die Taschen geschobenen Händen und tief in das Innerste seiner Seele hineinbohrenden Gedanken. Er stand kopfschüttelnd und, wie es schien, auf das höchste überrascht von dem Verlauf, welchen die merkwürdigen Angelegenheiten des Tages genommen hatten.

»Es ist doch die Möglichkeit!« seufzte er mit vollkommener Verzichtleistung auf seinen Glauben an die Menschheit. »Meine Verwunderung ist groß; aber die des Hamburger Herrn wird wohl noch größer sein! Wie nett hatten wir heute Morgen den Kessel ans Feuer gerückt, und wie prachtvoll kochte die Suppe! Ich bekam das Doppelte meiner mutmaßlichen Einnahme beim Feste, wenn ich das Fest hintertreiben konnte, und ich hätte es hintertrieben, weiß Gott, ich hatte es hintertrieben! Da hätte man merken können, was ein ordentlicher Wirt ist! – kein Mensch in der ganzen Stadt ahnte, woher der plötzliche Verdruß und die Eifersucht unter all den Vereinen zum geselligen Vergnügen und zur Beförderung der Eintracht und der schönen Künste komme; aber ich wußte es. Da war der große Zug noch ganz in Harmonie, und dann rückte der Hamburger Herr mit seinem Vorschlag heraus, und ich rückte ins Treffen. Da steckte ich erst hinter dem Vorstande der Fidelitas; dann steckte ich hinter den Mitgliedern der Harmonie; mein Kegelklub stellte sich gleich ganz auf meine Ansicht, und schon um Mittag hatte ich den Topf so ziemlich zum Überkochen gebracht. Ich glaube, die einzige Dummheit, die ich gemacht habe, ist, daß ich den Schulmeister, den verrückten Poeten, zu scharf anspielte. Er hatte natürlich meine Farbe nicht; aber was half es mir, daß er mich mit Trumpf stach? Den Satan, den Pinselmeier, den spitzfindigen Kläffer, diesen Maler Haeseler möcht' ich nur gleich selber zu Farbe verreiben und ihn an der nächsten Wand vermalen! In einer halben Stunde hat er mich um alle Früchte meines Erfolges gebracht, und ich habe es vielleicht gar noch als eine Gnade des Himmels aufzunehmen, wenn mir der Hamburger in seiner Wut nicht mit der Zeche durchgeht. Ahrens, das hast du davon! – Schockschwerenot, wenn ich den Goldenen-Kalbswirt in meine Seelenstimmung versetzen könnte! . . . Je den Umständen nach, ist meine Parole, und je den Umständen nach würde ich meine Meinung jedem gesagt haben, der mir heute mittag gesagt hätte, wie vergnügt es am Abend in meinem Hause und in meinem Gemüte zugehen würde. Daß ich ein anständiges Geschäft durch die Jubelfeier mache, kann mich, wie es jetzt ist, nur boshafter machen; denn was mache ich? Nur die Einnahme, die ich kenne, und ich hatte die schönste Aussicht, die zu machen, die der Hamburger Herr nicht kannte! Nun höre sie einer! soviel ihrer Platz in der Arche gehabt haben, treten mir die Treppe in Grund und Boden, und da – schrumm, bum, schrumm bidibum, als wenn Venus und Urania ihre Hochzeit in meinem Saale feierten! Na denn nur zu: nur immer vergnügt und durstig, meine Herren! Lavieren bleibt stets die Hauptsache! Lavieren ist für den Wirt, was für den Doktor die Lavements sind; – he, he, he, Ahrens, es freut einen doch, daß man je den Umständen nach noch imstande ist, einen Witz zu liefern. Lou–ih!«

»Herr Ahrens?!« erschallte es wider; aber ehe wir das, was der Wirt zum grünen Esel weiter zu bemerken hatte, den kommenden Geschlechtern mitteilen, haben wir die Einzelheiten nachzuholen, die wir früherhin bei der Schilderung seines Lokales ausließen. Neben dem Ofen der Gaststube befindet sich eine Tür, vor welche bei allen feierlichen und festlichen Gelegenheiten ein Tisch geschoben wird, der als Büfett dient. Die Tür führt in ein lochartiges Gemach, und aus dem Loch führt eine enge Treppe hinauf in das erste Stockwerk des Hauses, in den Korridor vor dem großen Saale, und von diesem Korridor aus noch mit weitern zwölf Stufen bis zum Musikantengerüst. War die Tür, die in die Gaststube führte, geöffnet, so konnte man trefflich von unten nach oben, oder von oben nach unten sich alle wünschenswerten Mitteilungen machen, woran wir demnächst noch eine dramaturgische Notiz zu knüpfen haben.

»Lou–ih!«

»Herr Ahrens?«

»Ich glaube, Louis, daß wir uns, alles in allem bedacht, auf einen ganz soliden Durst nach der Festivität und in den Pausen einrichten müssen. Wie weit sind sie denn oben?«

Louis, der hinter dem Schenktisch vor einem erleuchteten Bierfasse Gläser putzte, rief in die Höhe:

»Fritze!«

»Äh?!«

»Der Herr fragt, wie weit sie im Saale sind.«

»Man versteht eben das meiste nicht von wegen des Gesummes und Fußscharrens, und zwei Drittel haben den Schnuppen, aber der Herr Rektor Fischarth hat noch immer das Wort.«

Der Kellner unten gab das Bulletin weiter, und Ahrens sprach:

»Schön! wenn der es einmal gekriegt hat, so behält er's fürs erste.«

Er meinte das »Wort«, soweit es in unserm Freunde Gustav Fischarth in Paddenau Fleisch geworden war, und er hatte keineswegs völlig Unrecht.

»So zum Beispiel heute auf dem Markte! O ja, je den Umständen nach ist es eine recht dankenswerte Gabe Gottes. Lou–ih!«

»Herr Ahrens?«

»Was macht Fritze eigentlich auf der Galerie?«

»Die Madame hat ihn hinaufgeschickt. Er soll Achtung geben, daß niemand auf die Rohrstühle steigt; aber es stehen doch schon drei auf einem, und ein halbes Dutzend ist schon durchgebrochen.«

»Das fällt aufs Komitee!« rief der Wirt zum grünen Esel mit nachdrücklichstem Nachdruck. »So ist es, wenn man nur fünf Silbergroschen Entree fordert und noch dazu bekannt macht, daß von wegen des hohen Zweckes und allgemeinen deutschen Vaterlandes wer will, auch gar nichts zu geben braucht! Schwerebrett, brauche ich mir um einen toten Schreiber meine lebendigen Stühle zusammentrampeln lassen? Lou–ih!«

»Herr Ahrens?«

»Daß mir Fritze ja aufpaßt, und vorzüglich wenn das Fräulein an die Reihe kommt; denn da sind sie mir imstande und steigen sechs auf einen, und nachher möchte ich meine Frau lieber nicht sehen! O du meine Güte, wenn man das nicht kennte?! Lou–ih, wo steckt denn Pieperling?«

»Pieperling? Den hat die Madame an die Saaltür gestellt. Er soll auf die geistigen Getränke aufpassen und keinen einlassen, der nicht mehr fest auf den Füßen steht.«

»Um Einen toten Schreiber solch ein Aufgebot!« ächzte der Wirt zum grünen Esel mit einem wehmütig vorwurfsvollen Blicke nach der Decke; doch in demselben Augenblicke fuhr er schnell herum: »Ah, Gehorsamster – ganz Gehorsamster!« und der im submissesten Gastwirtston hervorgestoßene Gruß ging an den Geknicktesten aller Hamburger Großhändler, an Herrn George Knackstert, den Chef des Hauses Knackstert Witwe und Sohn, der mit verschränkten Armen und tief in die Stirn gedrücktem Hute in die Gaststube trat und, ganz Backenbart und Ingrimm, den höflichen Wirt zum grünen Esel eine geraume Weile anstarrte, ehe er denselben wirklich bemerkte.

Als der große Kaufmann seinen Hospes endlich wirklich bemerkt hatte, zeigte es sich erst recht, wie tief er herunter war. Die Gesellschaft des Mannes war ihm angenehm; obgleich derselbe seinen Intentionen schlecht genug entsprochen hatte. Er, George Knackstert, welcher ihn am Morgen in sein Vertrauen zog und ihm, da die Umstände es erforderten, die zartesten Reize und Schönheiten seiner Seele entschleierte, fühlte sich in seinem Elend auch jetzt noch durch die Gegenwart des höflichen Herrn Ahrens wohltuend berührt.

»Ich träume das!« sagte Knackstert, und zwar fürs erste noch zu sich selber. »Ich lasse die Überzeugung, daß ich dieses nur träume, noch nicht los! Nein, nein, ich träume es leider Gottes nicht! Der Strudel hat mich gepackt und läßt mich nicht los. Und dazu bin ich von Hamburg nach Paddenau gekommen?! Was habe ich getan? was habe ich tun müssen? Man hat mich hingeschickt, diese Frau Kantorin oder Rektorin abzuholen, und ich bin hingegangen und habe sie abgeholt! Man hat mir den Auftrag gegeben, die Person in den Saal zu führen, und ich habe sie durch sämtliches übelduftende, anrüchige Gesindel hindurch hineingeschafft. Man hat mir befohlen, ihr einen Platz in der vordersten Reihe zu verschaffen, und ich habe sie wirklich – wirklich auf einen Stuhl im Vordergrund der hiesigen Bevölkerung niedergesetzt, und man hat mich dabei einen Lümmel geheißen! Eine Seequalle im Sturm würde mehr Widerstand geleistet haben – es ist entsetzlich, aber es ist nicht anzukämpfen gegen diese Wirbel. Ich bin am Ende – ich bin – ah, der Herr Wirt –«

»Gehorsamster! ganz Gehorsamster! der Herr Kommerzienrat befinden sich hoffentlich –«

»Höchst miserabel. Nicht einmal in sein Schlafzimmer kann man sich zurückziehen vor dem Verdruß. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, mein Herr; ich weiß, daß Sie Ihr möglichstes getan haben.«

»Gewiß, gewiß.«

»Aber ich habe gleichfalls mein möglichstes getan, die Illusionen, welche ich mit mir auf hiesigen Platz brachte, festzuhalten. Ich gebe es auf. Ich habe mich getäuscht, und es ist vielleicht ein Glück, daß die Enttäuschung so schnell dem Irrtum auf dem Fuße folgt. Vielleicht hätte ich zu keinem günstigeren Moment nach Paddenau kommen können. O meine Ideale! Da liegen sie; – geben Sie mir eine Zeitung, Herr Wirt.«

Stöhnend ließ sich die Firma Knackstert Witwe und Sohn an dem großen, runden Gasttische nieder und verbarg das gequälte Haupt hinter dem umfangreichen Format der Neuen Preußischen.

Die dramatische Kunst ist schon seit längerer Zeit darauf angewiesen, irgend jemand auf einen Turm oder sonst erhöhten Aussichtspunkt steigen und von dort aus Bericht geben zu lassen, wenn in der Ferne etwas geschieht, dessen Verlauf zu kennen auf der Bühne wünschenswert ist. Und wenn der Ausluger droben wirklich etwas zu sehen und mitzuteilen hat, so lauscht das Publikum vor den Lampen immer noch mit einer gewissen Spannung, höchstwahrscheinlich angesteckt von dem Interesse, welches das Publikum hinter den Lampen pflichtgemäß zu betätigen hat. Da wir nun, angesteckt von den größten Schauspieldichtern aller Zeiten, bereits angefangen haben, in diesem Kapitel gleichfalls von dem Mann auf dem Turme Gebrauch zu machen, so sehen wir gar nicht ein, was uns hindern könnte, fortzufahren, wie wir anfingen. Wir haben auch unsere Leute in der Höhe, und im Notfall können wir auch noch Pieperling hinausschicken. –

Ein dumpfes, allgemeines, langhallendes Getöse, Hochrufen, Stuhlrücken und Fußscharren bewog den Vetter aus Hamburg, trotzdem er mit allem abgeschlossen hatte, die Nase über das veraltete Zeitungsblatt zu erheben und zu fragen:

»Was bedeutet das, Herr Wirt?«

»Wahrscheinlich wird der Herr Rektor mit seiner Rede zu Ende sein. Er hat es ausnahmsweise kurz gemacht. Ich will mir kein falsches Verdienst anmaßen, Herr Kommerzienrat, aber vielleicht liege ich ihm noch von heute mittag her in den Knochen. Lou–ih!«

»Herr Ahrens?«

»Wie weit sind sie da oben?«

»Der Herr Rektor ist fertig. Jetzt kommt wieder die Musik; nachher, hat Pieperling gesagt, sagt Fritze, kommt Fräulein Mühlenhoff.«

George Knackstert schauderte zusammen. Er warf die Kreuzzeitung wütend zerknittert auf den Tisch und zwar unter den lauten Klängen von: O wie wohl ist mir am Abend – welche schöne Melodie sofort nach unseres Freundes begeisterter Rede von der Stadtmusik angestimmt wurde, und unseren Freund bewog, den Wunsch zu äußern, daß man der Stadtmusik nicht die Auswahl ihrer melodiösen Leistungen freigestellt haben möchte.

»Je den Umständen nach ist es doch eine recht nette Feierlichkeit,« meinte jetzt, fortgerissen von den Wogen der Musik, der Wirt, ohne sich aber mit seiner Meinung direkt an den hohen Gast zu wenden.

»Eine nette Feierlichkeit? O ja! Zum Verrücktwerden ist's!« schrie Herr George Knackstert. »Befände ich mich in meinem Schlafzimmer, so würde mich nichts hindern, in Schlafrock und Pantoffeln der widerlichen Geschichte Einhalt zu tun. Ich habe das Recht, in meinem Wirtshaus im Nachtkostüm mein Zimmer zu verlassen und jeden mir beliebigen Gang anzutreten. Ich würde unbedingt in diesem Moment von meinem Rechte Gebrauch machen und höchstens meinen Diener Quante als Schutz gegen mögliche Roheiten auf dem Wege mitnehmen.«

»So feindselig wird niemand in meinem Hause dem Herrn Kommerzienrat entgegentreten!« rief der Wirt zum grünen Esel, der einsah, daß er vorhin durch seine Bemerkung einen Fehler gemacht habe und nun denselben zu verbessern wünschte.

»So?!« sagte der Hamburger groß und ergeben zu gleicher Zeit und würde wohl noch mehreres gesagt haben, wenn nicht die Stille seiner Betrachtungen plötzlich durch ein sehr tumultuarisches Eindringen Paddenaus in die Gaststube gestört worden wäre.

 


 

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