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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 22
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
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Das einundzwanzigste Kapitel

Er sprang vom Fenster zurück in die Mitte des Gemaches und überlegte es sich noch einmal, ob das Spaß oder Ernst sei, und diesmal überwältigte er in schwerem Kampfe jeden Zweifel: der treue Genosse seiner Jugend, der biedere Freund seiner Mannesjahre hatte ihn, den richtigen Moment zwischen Aufwallung und Zerknirschung machiavellisch ergreifend, im allerbesten Ernste eingesperrt, und so ließ sich denn weiter nichts tun, als daß man die Hände geballt in die Taschen schob, sie wieder herausriß, auf den Tisch schlug und sich höchlichst erstaunt die Bemerkung gestattete:

»Vieles ist mir in meinem Leben passiert, aber dieses überbietet mehr als alles!«

Einen Zweifel an seinem Schicksal hegte der Rektor von Paddenau nicht mehr; aber er ergriff doch noch einmal rüttelnd den Türgriff; er, der so manchem seiner Schulbuben die Klassentür vor der Nase zugeschlossen hatte und der wissen mußte, daß das wütendste Gerüttel in solchen Fällen wenig nütze, und daß das beste sei, man lege ruhig die Arme auf den Schultisch und den Kopf auf die Arme und sitze, Rache schwörend, die Stunden unverdienter Gefangenschaft ab! Der Schulmeister wußte das natürlich; allein noch war er nicht imstande, sich auf die Höhe des philosophischen Gleichmuts seiner Buben zu erheben. Er ging wieder zum Fenster und sah jetzt, nach Westen zu, allwo das Land zu einem Hügel sich wölbte und dadurch die Ferne ein wenig näher rückte, auf der Höhe des Horizontes, einen trotz der beginnenden Dämmerung sich ziemlich scharf gegen den grauen Himmel abzeichnenden Bauerkarren. Das sieht sich gut an, solch ein fern sich bewegend Menschen-, Roß- und Räderwerk; aber einem doppelt verriegelten Festunternehmer hilft es zu nichts, und der Rektor Fischarth rief:

»O der nichtswürdige Halunke! Also das nennt er für mich einspringen?«

Jetzt setzte er sich und zwar auf den Schemel des Malers zu Füßen der hohen Muse, die so unverkennbar die Züge der holdseligen Wulfhilde Mühlenhoff trug.

»Ich kenne die Wände und die Türen,« murmelte er, »und ich kenne auch die Taubheit der Hauswirtin. Ich könnte den Fußboden einstampfen, und niemand würde mich hören. Ist es denn möglich, daß ein Mensch den andern so falsch verstehen und so heimtückisch behandeln kann? Sowie ich herauskomme, mache ich Brüderschaft mit Knackstert! . . . Großer Gott, und was wird dieser Werwolf, der mir zum Trost nach Paddenau gekommen sein will, nun beginnen? Er wird den Dräumling auf den Kopf stellen, er wird das Unterste nach oben kehren, und in dieser Nacht noch abreisen, – abreisen, ohne Abschied zu nehmen. Ich aber werde in dem aufgewühlten Ameisenhaufen sitzen bleiben; die Verwüstung wird über mich, mein Weib und meine unglücklichen Kinder hereinbrechen – die Folgen sind gar nicht zu berechnen! Himmelhöllenelement, ich habe freilich in den letzten Wochen und Tagen bereits genug geflucht; aber der Wolfstöter Apollo wird's mir bezeugen, daß, was ich auch in der Hinsicht geleistet haben möge, das Unzulängliche noch lange nicht überwunden ist. Und das will ein Freund sein! und das kommt nach Paddenau, um den Dräumling zu studieren, und das nistet sich einem armen Schulmeister gegenüber ein, und das macht vielleicht sogar noch Ansprüche auf meine Dankbarkeit! Apollo Lykeios, dich rufe ich an, stehe mir bei; und – wenn jener Verräter wirklich Anspruch auf meine Dankbarkeit erhebt, so möge ihm deine Schwester Hekate raten, es schriftlich zu tun, mündlich sei es gefährlich!«

Dieser Ausbruch nach all den Leiden und Beschwerden, den Ärgernissen und Kränkungen der letzten Tage war das Beste, was ein Freund dem andern zu schaffen vermochte, und wenn gleich niemand verlangen kann, daß der Rektor von Paddenau solches jetzt schon einsieht, so ist doch unbedingt Aussicht vorhanden, daß er es einsehen wird, und zwar sehr bald einsehen wird; – dann wird er dankbar sein.

Wir haben längere Zeit gebraucht, um die letzten Seiten unseres unverfälschten Berichtes niederzuschreiben; aber kaum zwanzig bis dreißig Minuten waren vergangen, seit der Maler den Schlüssel im Schlosse seiner Tür umgedreht hatte, und schon fuhr der Gefangene im Atelier auf und horchte auf eine Stimme, die im Hofe seinen Namen rief:

»Herr Rektor! Herr Rektor Fischarth!«

Es war eine Weiberstimme, und zwar die Stimme eines jungen Weibes, welche ihn rief. Wiederum zum Fenster hinstürzend und es aufreißend, erkannte er sofort die hübsche Ruferin im Hofe, eines der Hausmädchen des Geheimen Hofrats Mühlenhoff.

»Sitzen Sie da oben noch fest, Herr Rektor?«

»Freilich sitze ich hier oben noch fest, Minchen. Hast du vielleicht die Mittel, mich zu befreien?«

»Der Herr Haeseler ist bei meinem Fräulein eilig vorgesprungen; er hat es sehr eilig gehabt, und mein Fräulein hat sehr gelacht, und nun möchten Sie doch einen Bindfaden herunterlassen.«

»Ich möchte einen Bindfaden herunterlassen?«

»Ja, wenn Sie so gütig sein wollten. Ja, Herr Haeseler sagt, Sie möchten nur suchen, in seiner Werkstatt sei alles zu finden. Hier sind die beiden Schlüssel.«

Schelmisch lächelnd zeigte die junge Dirne dem Pädagogen wirklich die Schlüssel und rasselte lockend mit ihnen.

»Minchen, wäre es nicht einfacher, du stiegest die Treppe hinauf und erlöstest mich ohne alle weiteren Umstände?«

»Nein, nein, der Herr Haeseler läßt Sie bitten, einen Bindfaden herunterzulassen. Nachher soll ich noch eine andere Bestellung ausrichten.«

»Der Mensch sitzt so voll Kniffe, Pfiffe und Schrullen wie der Buchenbaum voll Maikäfer,« seufzte der Rektor, suchte und fand den Bindfaden und ließ ihn, jetzt wieder melancholisch den Kopf schüttelnd, in den Hof hinunter. Mit geschickten Händen knüpfte Minchen die beiden Schlüssel dran, und während der Festordner die Werkzeuge seiner Befreiung emporwand, sagte sie, als ein braves Mädchen, welches seine Lektion wohl gelernt hatte:

»Ein schönes Kompliment von dem Herrn Haeseler, und nun möchten Sie machen, was Sie wollten. Herr Haeseler läßt grüßen und sagen, er hätte sich unterwegs besser besonnen, und so einen alten Witz wollte er doch nicht wieder machen. Das besorgte die Weltgeschichte schon seit tausend Jahren, daß sie einen, der was gemacht hätte, einsperrte, und einen andern herausließe, der nichts gemacht hätte und doch mit großem Vergnügen die Ehre und das Geld einkassierte. Der Herr Rektor möchten sich nun selber entscheiden, ob Sie sich darauf einlassen wollten oder nicht. Wenn Sie sich darauf einlassen wollten, so möchten Sie auch selber aufschließen; der Herr Haeseler tät's nicht. Übrigens aber stehe es recht gut in Paddenau; und um unsern Herrn Knackstert aus Hamburg möchten sich der Herr Rektor keine Sorge mehr machen, es sei heraus, Herr Knackstert habe mit Herrn Ahrens von wegen des grünen Esels gesprochen; aber der Herr Haeseler werde von wegen des Esels auch mit Herrn Ahrens reden.«

»So? so? so?« rief der Rektor. »Was hat denn dein Fräulein gesagt, Minchen?«

»Nichts! aber mein Fräulein ist sehr vergnügt und läßt Sie ebenfalls grüßen und läßt Ihnen ebenfalls sagen, sie in Ihrer Stelle würde es sich ebenfalls eine ziemliche Weile überlegen, ehe sie von den beiden Schlüsseln Gebrauch machte.«

»Ei, ei, hat sie das gesagt?«

»Jawohl, und sie will es veranstalten, daß Herr Knackstert Ihre Frau Gemahlin zu der Feierlichkeit und Aufführung heute abend abholt, und jetzt empfehle ich mich Ihnen, Herr Rektor. O Herr Rektor, veranstalten Sie doch öfters solch einen hundertjährigen Geburtstag, es ist zu schön, und ich habe auch einen heute morgen im Zuge gehabt! Schönen guten Abend, Herr Rektor!«

Sie war entschlüpft, und der Festordner stand und wog die zwei verhängnisvollen Schlüssel nachdenklich in der Hand; ratloser als jetzt war er noch nie in seinem Leben gewesen.

»Nun soll ich tun und lassen, was ich will? Was tue ich?« fragte er und wandte sich naturgemäß an die schöne zornige Muse, die den Kranz an den Busen drückte und sich einen Weg durch den Dräumling bahnte. In der leichten Dämmerung verschwand die gebotene Flüchtigkeit der talentvollen Mache des Sumpfmalers, und das Bild trat wie lebendig aus dem dunkeln Hintergrunde hervor.

Der Rektor Fischarth legte die Schlüssel auf den Tisch und ließ sich auf dem Schemel vor der Staffelei nieder.

Er hatte über vieles nachzudenken, ehe er sich die Pforten zur Freiheit erschloß, und die Göttin entrückte ihn, wie eben die Göttinnen ihre Lieblinge zu entrücken pflegen.

»Siehe, wie du dich verkleidest,« sprach er. »Was würden wir mit dir anzufangen wissen, wenn du nicht wie hier unter der Maske einer guten Bekannten zu uns kämest? Ach, du kommst nicht nur in Einer Verkleidung, du kommst in vielfältigen Masken, und nur denjenigen zählst du deinen Freunden zu, der dich unter jeglicher erkennt, der sich von dir fesseln läßt und dich nicht verleugnet, wenn du in der widerlichsten, abgeschmacktesten, wunderlichsten, unbehaglichsten ihm nahest. O Mnemosyne, du bist wahrlich nicht umsonst die Tochter des Uranos und der Erde, und deinen Töchtern sind nicht ohne Gründe außer den Schwänen und Nachtigallen auch die Grillen, die Zikaden heilig! O Mnemosyne, wer führte denn deine Töchter nach Thespien in Böotien? Ein roher Mazedonier war es; und wer nicht glauben kann, daß die neun Mädchen ebenso gern in Abdera als in Athen singen, dem ist immer noch ein ehern Band um die Stirn geschmiedet; und wer es in Abdera aufgibt, auf ihren Gesang zu achten, weil das Völklein umher ihn durch Geschwätz und Fußgescharr stört, den nennst du mit Recht einen Betrüger, wenn er sich noch fernerhin für deinen Diener ausgibt. Vae impostoribus! die Besten jeglichen Landes und Volkes werden euch aus dem Heiligtum treiben, nicht mit Gewalt, mit Geißelhieben und Umstürzen eurer Wechslertische, nein, mit jenem ruhigen Lächeln, jenem fast mitleidigen Lächeln, welches seit Anbeginn der Menschendämmerung alle falschen Götzen von ihren Altären warf und allen Götzendienern den Weihewedel und den Klingelbeutel aus den Händen riß. Vier Uhr? Es wird um diese Jahreszeit doch schon recht früh dunkel! Wie still es ist! Ah, es ist eigentlich ein ungemein behagliches Gefühl, in solcher Stille – solcher – Abgeschlossenheit zu sitzen und mit dem aus dem ärgerlichen Sturm des Tages im Busen geretteten Gotte Zwiesprach zu halten – ah!«

Er sah sich um in seinem jetzt vollständig freiwilligen Gefängnis und brummte:

»Was hat er gesagt? Die nötigen Bequemlichkeiten würde ich in allen Winkeln und Ecken finden, hat er gesagt? Nun denn, suchen wir, ehe wir uns wieder in den da draußen rauschenden Strom der Widerwärtigkeiten stürzen. Wir haben wahrlich keinen Grund, innerhalb dieser vier Wände schonend vorzugehen. Zigarren! . . . eine Flasche Madeira . . . ein Pfropfenzieher . . . eine Flasche Portwein . . . da könnte man ja wahrhaftig die Stiefel aus- und den Schlafrock anziehen! . . . eine Flasche Arrak, ein verführerisch summender Teekessel nebst Zucker und Zitronen! . . . der Bursche hat wirklich Anlage zum Haushalten und Ehestand! . . . Was mag er jetzt zusammenrühren? . . . eine Viertelstunde werde ich ihm noch freie Hand lassen – daß er sofort zu Wulfhilde gelaufen ist, beruhigt mich nicht wenig, und daß sie auch an Agnes gedacht haben, das würde mir unter anderen Umständen sogar rührend erscheinen . . . Also Knackstert Witwe und Sohn haben mir den Herrn Ahrens ins Haus geschickt? und Knackstert Witwe und Sohn sollen überredet werden, mein Weib vom Hause abzuholen und es in den grünen Esel zu führen? Wulfhilde will das besorgen? . . . bei dem Gott in meinem Busen, was geht's mich denn eigentlich an, wie sich all diese Lieben da draußen im Säkulum untereinander abfinden? es ist schon mehr als hundert Jahre her, daß ich Gustav Fischarth hieß und Rektor zu Paddenau im Dräumling war! was geht mich der Kerl an, der vor einer Stunde über den Marktplatz von Paddenau lief und im Vorbeilaufen mit erhobenen Händen das weiße ruhige Götterhaupt um Hülfe anrief? . . . Bah!«

Schon hatte der Rektor eine von des Malers trefflichen Havannazigarren in Brand gesetzt, schon hatte er eine von des Malers Flaschen entkorkt und entkorkte soeben die andere mit des Malers Pfropfenzieher; als ihm der Teufel, der alte Verführer, noch einmal auf die Schulter klopfte und ihn schmeichelnd einlud, wenigstens einmal aus dem Fenster des Wohnzimmers auf den Markt hinunterzusehen.

Schon hatte der beiseite gestellte Festordner die Tür geöffnet, die aus dem Atelier in das Wohngemach führte, als er plötzlich mit grimmigster Energie: »Nein!« sagte, sich fest in den bequemsten Lehnstuhl pflanzte und mit dem dampfenden Punschglase in der Hand ohne weitere Anmerkungen die Schillerfeier des Dräumlings dem Fräulein Wulfhilde Mühlenhoff, dem Freund Rudolf Haeseler, dem Herrn George Knackstert aus Hamburg und den Mören aus der griechischen Fabellehre überließ.

 


 

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