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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
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Das zwanzigste Kapitel

Sowie sich die Tür hinter dem Abziehenden geschlossen hatte, erhob der Rektor zuerst beide Fäuste gen Himmel und drückte sie sodann auf die Augen. Er stieß einen dumpfen Laut hervor, sah den Maler an und wankte der nächsten Wand zu. Er legte beide Arme an die Wand und legte den Kopf auf die Arme. Er stand vor der Mauer mit dem Gefühl, daß diese Mauer auf ihn eingerückt sei, er nicht auf sie.

»Vielleicht würde es dich ein wenig erleichtern, wenn du dich einmal recht herzlich – ausweintest!« sagte sein Freund Haeseler.

Der Vorschlag, der Rat war gut. Der unglückselige Festordner schien ihn sich wirklich hinter seinen Fäusten zu überlegen. Er stöhnte dumpfer und dumpfer; aber auch auf jene Erleichterung hatte er zu verzichten; die Tränen saßen ihm allzu fest, und nach einigen Minuten sprang er in die Höhe und von der Wand weg und schrie in heller, haarzerraufender, giftzuckender, fußtrampelnder Wut und Verzweiflung:

»Himmelhöllenelement, ich bin ein guter Kerl und lasse mir, glaube ich, mehr gefallen, als irgendeiner in dieser niederträchtigen Welt, und was meinen Eifer für das Bessere angeht, so weiß ich, daß ich einem ordentlichen Zwecke gegenüber niemals den meinigen gesucht habe. Aber jetzt wird es mir zu bunt! Da möchte man doch gleich in den Sumpf hineinschlagen, daß die Spritzer der Sonne ins Gesicht fliegen! Haeseler – Rudolf – Freund, ich glaube, ich weiß, nicht ein zweiter Führer und Leiter der nationalen Stimmung feiert heute den Dichter so wie ich! Rudolf, ich sage dir, ich habe Lust, aufzuhören, das heißt heute abend gar nicht anzufangen! O, ich wollte jedenfalls, es wäre Mitternacht, und ich läge im Bette! O, mein Enthusiasmus, meine Begeisterung! Na, ich sage nichts; aber ich entsage hiermit feierlichst allen künftigen Leistungen in dieser Beziehung!«

»Du,« rief der Maler, die offene Hand dem Philologen hinhaltend, »gib mir eine Bürgschaft dafür.«

»Welche? welche? ich bin zu jeder bereit.«

»Da dir der heutige Abend doch so ziemlich aus den Pfoten geglitten ist, mein Junge, so verzichte schon für heute auf die erste Geige in der Paddenauer Synphonie; ersuche mich um die Gefälligkeit, deinen Platz mir abtreten zu dürfen, und – laß mich das wohlbegonnene Werk noch besser zu Ende führen.«

»Ru – dolf, du – scher – zest!«

»An einem solchen Tage? in einem solchen Augenblicke? Ich wiederhole dir meinen Vorschlag.«

»Hör mal, Rudolf, du weißt, daß ich in diesem Moment nur allzusehr Lust habe, dich beim Worte zu nehmen. Dringe nicht zu sehr in mich! Bei den Göttern; – und die Unsterblichen mögen es mir verzeihen, ich habe das Ding satt, und es bedarf nur noch eines geringen Zuschürens, um mich zu bewegen, dir die Zügel in die Hand zu geben und die Paddenauer Schillerfeier deiner Leitung zu überlassen.«

»Ich würde meine Sache ausgezeichnet machen, Gustav.«

»Bei allen Hanswürsten, das würdest du, und es ist heillos, aber nichtsdestoweniger wahr, es kommt mir ganz so vor, als ob der Dichter, mein teurer, hoher Dichter, am allerbesten dadurch geehrt würde, daß du mich an diesem Neste, an diesem Knackstert, an dem Dräumling und wer zählt's an wem noch, rächtest!«

»Schlage ein, Gustav Fischarth!« rief der Maler. »Vernunft fängt wieder an zu sprechen, und du tust mir zu gleicher Zeit einen unendlichen Gefallen, wenn du einschlagen wirst. Schlage ein, liebster, bester Junge; tue einmal etwas für mich, für mein Lebensglück oder das, was – da, schlage ein, besinne dich nicht! Fischarth, ich springe für dich in den Ring – schlage ein, Gustav Fischarth!«

Der Rektor hob die Hand, er zögerte noch eine Sekunde; dann schlug er wirklich ein, und ehe er noch vollständig wieder zur Besinnung gekommen war, hatte ihn der Maler mit den ominösen Worten: »Nur für einen Augenblick, einen kurzen Augenblick!« in das Atelier gedrängt, die Tür hinter ihm abgeschlossen und den Schlüssel grinsend, diabolisch grinsend, in die Tasche geschoben. In dem nämlichen Moment polterten schwere Paddenauer Männertritte die Treppe empor, und der betäubte Rektor vernahm dumpf die Worte: »Wohnt hier der Kunstmaler Herr Hänsler?« und auf die bejahende Antwort die Begründung des Besuches, nämlich: »Der Herr Rektor Fischarth haben uns geschickt von wegen des neuen Transponents. Wenn es fertig wäre, so wären wir da, um es abzuholen für den grünen Esel.«

Zu seinem größten Erstaunen und hellen Schrecken vernahm der beiseite gestellte Festordner auch die Antwort des Kunstmalers:

»Das ist ein Irrtum, ihr Leute; ein neues Transponent gibt's für diesmal nicht. Der Herr Rektor hat sich lieber für keins, als ein neues entschieden; aber der vergebliche Weg wird wie alles übrige bezahlt, und ich gehe gleich mit euch in den grünen Esel, um die Sache in Ordnung zu bringen.«

»Schön!« sprachen die Boten des Rektors unisono; aber der Rektor selbst trommelte aufgeregt an der Tür:

»Haeseler! Rudolf, überlege, was du tust!«

»Verlaß dich darauf. Ich überlege, und ich habe überlegt. Sitze du nur ganz ruhig; des Lebens Notdurft findest du, wenn du ein wenig suchst, in allen Ecken und Winkeln; übrigens komme ich sogleich zurück.«

»Aber ich bitte dich –«

Mit dem Ohr am Schlüsselloch vernahm der Gefangene, wie der gefällige Freund unter leisem Pfeifen des schönen Liedes: Üb immer Treu und Redlichkeit, – Toilette machte, die Dienstleute vorausschickte und selber ging. Ja, er ging allen Bitten zum Trotz, und der Rektor von Paddenau vernahm auch noch, daß er die Tür, welche auf den Vorplatz führte, gleichfalls verschloß; er, der Rektor, sah mit dem Auge aufgeregtester Phantasie die beiden Schlüssel in der Tasche des Sumpf-, Moor-, und Heidemalers versinken, und er versank gleichfalls, und zwar in eine wildbewegte See durcheinanderwirbelnder Möglichkeiten. Einen Augenblick stand er noch still, sodann aber stürzte er an das Fenster, wie um das Fatum anzurufen; allein wir haben bereits erzählt, daß das Atelier des sonderbaren Künstlers sich des herrlichsten Nordlichtes erfreute, woraus folgt, daß nur die Fenster seines Wohngemaches auf den Markt, auf die Gassen von Paddenau hinabblickten. Aus dem Fenster des Ateliers blickte man zuerst auf einen Hof, dann über einen Gitterzaun auf einen herbstlichen grauen Gemüsegarten und darüber hinaus auf Ackerfeld und Heide und in weitester Ferne auf den dunstumschleierten Wald. Das war sonst eine recht schöne Aussicht; aber im gegebenen Falle wußte der Exfestordner nicht das geringste damit anzufangen, zumal grade heute am hundertjährigen Geburtstagsfeste Friedrich Schillers. Menschen, denen er seine Lage hätte auseinandersetzen können, erblickte der Schulmeister im Dräumling nicht.

 


 

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