Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/raabe/draeumli/draeumli.xml
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090317
projectid403d6cf0
Schließen

Navigation:

Das achtzehnte Kapitel.

. . . »somit schließe ich meine Rede, indem ich Sie alle auffordere, einzustimmen in den Ruf: Er lebe hoch als Freund und als Vorbild, der Paraklet unseres, des Beraters, Helfers, Vermittlers oft so sehr bedürftigen Volkes! Friedrich von Schiller lebe hoch! er lebe dreimal hoch!«

Einer so dringenden Aufforderung hat noch niemals ein Marktplatz voll Menschen widerstanden. Wenn einer schreit, pflegen sehr viele mitzuschreien, und:

»Hoch, hoch, ho – o – o – och!« rief Paddenau, während die Musik mit einem himmelanschmetternden Tusch den Jubelruf begleitete. Bungemann und Rummler bearbeiteten vor der Front der Schützengilde ihre Trommeln, und Pieperling richtete sich im Stadtprison blödsinnig stierend vom Stroh auf und befingerte eine imaginäre Querpfeife. Die Schützengilde präsentierte das Gewehr, und ihr Oberkommandant sprach zu seinem Stabe:

»Jeses, wie schwitzt der Rektor! Aber da er fertig ist, meine ich, wir lösen uns auf und gehen fürs erste nach Hause. Gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«

»Gesegnete Mahlzeit!« erklang es rund umher; es kam ein Wogen und Wallen in das Volk, und nach allen vier Weltgegenden hin eilte groß und klein mit großer Hast seinen Töpfen und Näpfen zu.

Unter der Büste des Dichters trocknete sich der Festredner den Schweiß ab und sah seiner abflutenden Zuhörerschaft nach und dann nach den Fenstern des Malers. Aber seine Parakletin war bereits von dort verschwunden, auch Haeseler hatte sich ohne Glückwunsch entfernt, und nun lief auch der Rektor, und fast schneller als irgendein anderer, nach Hause, das Herz voll von dem, was er gesagt hatte, und von dem, was er nicht hatte sagen können.

Er fand natürlich seine Frau vor der Suppenschüssel, und wenn auch die Suppe versalzen war, so erhielt er doch einen Kuß, und der war süß, doch sonderbar war die Frage:

»Also dazu hast du noch Zeit? Nun, Gustav, wie sind denn deine Gefühle?«

»Ich habe einen großartigen Hunger, liebes Kind.«

»Nun sage mal, mein Herz, das war wohl der größte Moment deines Lebens? Nicht wahr, die Redensart heißt so?«

»Die Redensart heißt freilich so; aber ich habe schon größere Momente durchlebt.«

»So erhaben auf dem Schafott über aller Leute Köpfen zu stehen! die Angst, die ich auf Haeselers Zimmer ausgestanden habe! Und dann die Gesichter an den Fenstern rund um den Marktplatz herum! O Gustav, ich sage dir, ein Vergnügen war es heute nicht, deine Frau zu sein!«

»Wieso?«

»Wieso? Wenn sie dich drunten auf dem Gerüst geköpft hätten, so wäre die Geschichte doch wenigstens tragisch gewesen, und deine unschuldigen Kinder hätten im Notfall beim Ministerium um einen neuen Familiennamen einkommen können; aber so –«

»Liebes Kind!«

»Ei was, liebes Kind! Im Grunde deiner Seele ärgerst du dich nur über mein tiefes Mitgefühl mit deiner zerschlagenen Stimmung. O, man kennt euch! Statt daß ihr euch freuen solltet, daß eine mitfühlende Seele an der Blamage teilnimmt, spielt ihr den über alle Erwartung mit dem Verlauf der Sache Befriedigten. Gestehe es nur, daß du der einzige bist, der dich verstanden hat! Selbst deinen Freund Haeseler nehme ich da nicht aus. O, ich hätte an deiner Stelle auf dem Tabernakulum stehen sollen; ich würde den Leuten in ganz anderer Weise deine Meinung und die deines Poeten gesagt haben.«

»Daran zweifle ich am allerwenigsten. Nun, das nächste Mal –«

»Was ich das nächste Mal tue, weiß ich noch nicht; aber einmal bringst du mich sicherlich noch zum äußersten, und dann springe ich zu und steige auf die Tribüne, ehe du dir wieder die Finger verbrannt und die Nase blutig gestoßen hast.«

Die Suppe war freilich versalzen; aber der Rektor von Paddenau grinste doch auf das vergnügteste.

»O, dieses Lachen kenne ich,« rief die Frau Agnes. »Ich habe natürlich wieder eine Dummheit gesagt, aber das ist mir ganz gleichgültig; der Dräumling versteht mich doch, und ich verstehe den Dräumling, und ich werde ihm eine Schillerrede halten, die für ihn passen soll; unser Herrgott mag mich nur diesen nächsten hundertjährigen Geburtstag erleben lassen.«

»O ja, die guten Paddenauer werden dann etwas recht Beruhigendes erfahren. Deinetwegen, Agnes, hätte niemand sich die Mühe zu geben brauchen, die Molukken und das Pfefferland zu entdecken. Auch Wieliczka, wie alle die übrigen Salzbergwerke in der Welt könntest du, ohne in Verlegenheit zu geraten, entbehren. Du verstehst es, deine Gerichte durch deine eigensten Gewürze und Zutaten pikant zu machen.«

»Gustav, wenn du heute morgen auf deinem Brettergerüst nicht so unbeschreiblich drollig ausgesehen hättest, so würde ich dir diese anzügliche Bemerkung nicht ohne eine Erwiderung hingehen lassen. Verstanden habe ich sie und gehe zu meinen Kindern. Gesegnete Mahlzeit!«

Sie hatte dem Gatten einen Knix gemacht und war enteilt, ehe er sich von seiner Erstarrung erholt hatte. Sobald er sich aber erholt hatte, zitierte er, und er zitierte diesmal nicht sich selber, sondern Grillparzer. Ein gewaltiges Stück Rindfleisch mit der Gabel spießend, deklamierte er:

»Wen Götter sich zum Eigentum erlesen,
Geselle sich zu Erdenbürgern nicht.
Der Menschen und der Überirdschen Los,
Es mischt sich nimmer in demselben Becher.
Von beiden Welten eine mußt du wählen,
Hast du gewählt, dann ist kein Rücktritt mehr;
Ein Biß nur in des Ruhmes goldne Frucht,
Proserpinens Granatenapfel gleich,
Reiht dich auf ewig zu den stillen Schatten,
Und den Lebendigen gehörst du nimmer an.«

Damit verschlang er sein Stück Rindfleisch und tat wohl daran; es lauerte noch mancherlei an diesem Tage im Hintergrunde, und es war nützlich, sich im voraus für jeglichen Ringkampf mit der neidischen Welt zu stärken.

Schon jetzt durchzuckte den Festredner ein greller Blitz des Erinnerns.

»Herrgott, das Transparent!« schrie er aufspringend und sich mit beiden Händen an beiden Ohren packend. »Ein Viertel auf drei Uhr! um Vier wollte er es fertig haben, und ich bin überzeugt, statt es zu schaffen, hat er andern Leuten wie mir Geschichten erzählt! Ach du barmherziger Himmel, das habe ich ja ganz vergessen! Auf dem Zettel steht es, und wenn Paddenau es am Abend nicht im grünen Esel findet, so ist mir das zwar gleichgültig, aber es wäre mir doch im höchsten Grade unangenehm! das ist eine schöne Geschichte!«

Er erstickte fast an dem letzten Bissen seines von der Gattin so trefflich gewürzten Mittagsmahles, drückte sich von neuem den Hut auf die Stirn und stürmte abermals aus dem Hause, gern auf den Kaffee und eine zweite Unterhaltung mit der Gemahlin Verzicht leistend. Er stürzte aus dem Hause, und vor dem Hause sofort einem ganz behaglich wohlbeleibten, aber sehr verdrossen aussehenden Individuum in die Arme.

»Sieh da, Herr Ahrens,« wollte er sagen und dann vorbeieilen; aber der Mann hatte ihm etwas zu sagen; er lüftete den Hut ein wenig und sprach:

»Sie suche ich eben, Herr Rektor. Ich wollte mir die Ehre geben, ihnen in Ihrer Wohnung aufzuwarten; doch was ich auf der Seele habe, kann ich auch hier in der freien Luft an Sie loswerden.«

»Und was ist das, Herr Ahrens?«

»Ich wollte Sie höflichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, die Festivität von wegen Schillern heute abend doch lieber nicht in meinem Saale abhalten zu wollen.«

Der Rektor trat bestürzt, erstarrt, versteinert drei Schritte zurück.

»Und wenn Sie das Fest vielleicht ganz verlegen könnten, wissen Sie, bis sich die Gemüter wieder beruhigt haben, so wäre das, meiner dummen Meinung nach, sogar noch besser, und sicherlich das allerbeste, sowohl für Sie und mich, als auch für – wollte ich sagen, für uns alle. Heute abend kriegen Sie doch keine Harmonie mehr in die ganze Historie. Herr Rektor, ich an Ihrem Orte würde mich mit der Komödie auf dem Markte zufrieden geben und für das übrige das Eintrittsgeld zurückerstatten.«

»Aber in alles Unheils Namen, was ist denn nun wieder vorgefallen, Herr Ahrens? Großer Gott, träume ich denn? das ist ja zum Wahnsinnigwerden! Wohin in aller Welt sollen wir, wenn Sie uns ohne die geringste Warnung den grünen Esel verweigern? Ich bitte Sie, bester Herr Ahrens, sagen Sie mir nur schnellstens, was für Anstände sich so urplötzlich erhoben haben!«

»Aufrichtig? Nun, weil ich Sie ästimiere wie keinen andern in der Stadt, so will ich einmal ganz aufrichtig gegen Sie sein. Sehen Sie, mein verehrtester Herr Rektor, Sie als Idealiste, oder wie man das nennt, meinten, Sie hätten das Ding recht schön überkleistert, und je den Umständen nach haben Sie auch alles mögliche geleistet, das gestehe ich mit Vergnügen zu. Aber Sie haben eben das Unmögliche leisten wollen, und damit sind Sie durchgebrochen; denn so schnell gibt der Liederkranz nicht nach, wenn ihm die Schützengilde und die Herren in den übrigen Vereinigungen nicht das Allerkleinste haben vorgeben wollen. Wissen Sie, in der Begeisterung sieht sich das so an, als ob alles in Ordnung wäre; aber morgen und bis ins nächste Jahrhundert hinein, wer hat's dann auszubaden? Ich – ich – einzig und allein ich, Friedrich Ahrens, Gastgeber zum grünen Esel in Paddenau!«

»Wieso? wieso?«

»Das ist doch leicht zu begreifen. Sie sind ein Mann von Phantasie, das weiß die ganze Stadt, und nun bitte ich Sie, brauchen Sie einmal die schöne Gabe und stellen Sie sich recht deutlich vor, was aus meinem Geschäft, aus meiner Wirtschaft wird, wenn sich plötzlich meine besten Gäste – will ich sagen, meine sämtlichen Stammgäste bei den Ohren kriegen und sich gegenseitig aus dem Lokal werfen; und noch dazu einzig und allein um einen solchen hochseligen Herrn Poeten, den sie meistens in ihrer Bibliothek haben und ihn deshalb in meinem Gastzimmer recht gern entbehren. Sie, mein lieber Herr Rektor, kommen bloß in die Ausschußsitzungen, wo Sie mit Ihren andern Enthusiastikern ganz unter sich sind; aber ich stehe draußen, mitten im Feuer und höre jedermann reden, und da kann ich Ihnen sagen, da geht es denn so munter, bunt und kratzbürstig und anzüglich zu, wie Sie in Ihrem guten, unschuldigen Herzen es sich gewißlich nicht träumen lassen.«

Unartikulierte Laute ausstoßend, sprang der Festordner von einem Fuße auf den andern; doch begütigend legte ihm Herr Ahrens die fette Hand auf den Arm:

»Sehen Sie, ich für meine Person würde gar nichts dagegen einzuwenden haben; wenn es nicht zuletzt immer auf meinen Geldbeutel ausginge. Da heißt es denn: das sagen wir Ihnen, Ahrens, auf Neujahr kündigen wir Ihnen unsern Donnerstag; der Ofen raucht, die Fenster schließen nicht, und Sie haben außerdem die Herren vom Kasino, und die werden Ihnen den Ausfall schon decken. – Ahrens, spricht ein anderer, zu Euch kommen wir nicht mehr, am Abend will doch wenigstens jeder seine Ruhe haben, aber im grünen Esel hat die Gemütlichkeit aufgehört; nächste Woche ziehen wir in das goldene Kalb, denn wenn wir dumme Redensarten hören wollen, so können wir sie uns selber machen und brauchen das Kasino nicht dazu; es ist das beste, einer geht dem andern aus dem Wege, und Ihnen, Herr Ahrens, wird es auch so am liebsten sein. – Da bitte ich Sie, Herr Rektor, soll ich da nicht mein Schild abnehmen und mich selber an seine Stelle hängen? Denken Sie sich nur recht in meine Lage, und denken Sie sich meine Frau und meine Töchter dazu, – meine Frau, die auf meinem Standpunkt steht, und meine Töchter, die sich, wie ich leider Gottes sagen muß, auf den Ihrigen poniert haben, von wegen feiner Bildung und Erziehung, Lektüre und Literaturgeschichten! Das mag der Himmel wissen, wie sie es heute in andern Städten anfangen; aber was Paddenau anbetrifft, so sollte doch ein jeglicher Rücksicht darauf genommen haben, daß wir schon tief genug im Sumpf sitzen, und uns nicht noch tiefer hineingeritten haben; und nun nehmen Sie Vernunft an, wertester, bester Herr Rektor, und reißen Sie wenigstens mich heraus, und verlegen Sie die Vorstellung in ein anderes Lokal; ich bin gar nicht neidisch, und dem Wirt vom goldenen Kalbe gönne ich die Ehre und das Vergnügen vom ganzen Herzen.«

Jetzt war es gottlob dem Schulmeister im Dräumling doch wirklich möglich zu schreien. Und was schrie er?

»Vier Stunden vor Beginn der Feier?« schrie er. »Um aller Heiligen willen, Herr Ahrens, wie sollen wir das anfangen? Steht es nicht an sämtlichen Ecken angeschlagen, daß unsere Mitbürger auf heute abend um sieben Uhr in Ihrem Saale erwartet werden, und freundlichst eingeladen sind, alle zu kommen?«

»Pieperling hat sich von seinem Zufall erholt, und man hat ihn sofort, um das große Fest nicht zu entweihen durch seine Gefangenschaft, aus dem Gewahrsam entlassen. Er sitzt bei mir, und wenn Sie nur ein Wort sagen, so hat er in einer halben Stunde die Veränderung des Programms in ganz Paddenau ausgerufen. Sagen Sie das Wort, und in fünf Minuten sollen Sie es von der nächsten Straßenecke selber hören, daß der Spektakel verlegt oder ganz abbestellt ist. O, und das wäre gar nicht einmal nötig; ich nehme es persönlich auf mich, die Nachricht zu verbreiten; – keine Seele soll Sie und den gefeierten Dichter heute abend bei mir suchen! das hat keinen Anstand, nach dem Kalbe will ich die Leute schon zu dirigieren wissen.«

»Aber die Vorbereitungen?«

»Ach was, das Transparent mit dem Eisenbahnrad haben Sie ja selber wieder abreißen lassen, und wenn Sie von der Tribüne reden wollen, so läßt der goldene Kalbwirt dieselbige mit Vergnügen in einer Stunde bei sich wieder aufschlagen.«

Zum äußersten gebracht, gellte der Festordner:

»Hören Sie, Herr, wir haben den Kontrakt mit Ihnen abgeschlossen, und wir werden auf die Erfüllung desselben bestehen. Die Feierlichkeit findet im grünen Esel statt und damit Punktum!«

Er riß sich los und schoß betäubt, den schwindelnden Kopf haltend, von dannen. Der Wirt zum Esel aber stand, sah ihm giftig nach und schrie:

»So?! Na denn nur zu! Hören Sie, Herr, das sage ich Ihnen aber, gemütlich verläuft die Festivität nicht bei mir!«

Leiser setzte er hinzu:

»Das Geschäft wäre also nicht zu machen; da muß sich denn der Hamburger auf eine andere Art zu helfen suchen; ich habe mein möglichstes für sein Anerbieten getan, und einige Leute sind doch auch im Komitee, mit welchen ich es nicht ganz verderben mag. Je den Umständen nach, das ist meine Parole und bleibt sie.«

 


 

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.