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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 17
Quellenangabe
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Das sechzehnte Kapitel.

Es war ein Jammer, daß die ehrwürdige Geistlichkeit so energisch dem Feste ihre Kirchenglocken verweigert hatte; wir brauchten dieselben doch zu notwendig an dieser Stelle. Die Blechinstrumente des Dräumlings reichen längst nicht aus, den weihevollen Stunden, die nun vorhanden sind, tönend gerecht zu werden. Der Festzug hatte sich wie in zwanzigtausend andern Städten diesseits und jenseits aller Weltmeere, so auch in Paddenau in Bewegung gesetzt, und wenn wir es über uns gewinnen könnten, den Anfang des Zuges zu versäumen und uns für einige Augenblicke in den Olymp zu erheben, so würden wir vielleicht folgenden Gespräches teilhaftig werden:

»Wie schade, lieber Schiller, daß gerade heute das Wetter da unten so trübe ist. Ich sehe kaum etwas durch das Wolkenmedium; allein selbst dieses wenige genügt, um Ihnen darüber meine besten Komplimente zu machen, werter Freund.«

»Ich danke Ihnen; aber Sie wissen, ich habe kein Glück in allem, was jenen wunderlichen Planeten anbetrifft; er hat zu allen Zeiten sein möglichstes getan, sich mir von der unangenehmen Seite zu zeigen. Es ist freilich verdrießlich, daß uns unsere Pflicht hier über der alten Welt am Fenster festhält; ich bin fest überzeugt, alle andern Seiten unserer früheren Heimat liegen im hellsten Sonnenschein. Nun, wir haben ja Freund Knebel dort hinübergeschickt.«

»Das ist wahrlich ein Trost,« sprach der olympische Geheimerat heiter angeregt; »aber wenn Sie glauben, daß der alte Murrkopf uns eine sonnige Relation heimbringen werde, so täuschen Sie sich sehr. Sie gingen früher von uns fort und kennen also den Alten in seinen spätern Stimmungen nicht; und den Jenenser Briefwechsel habe ich drunten in Weimar lassen müssen. Ich versichere Sie, das schlechte Wetter spielte jederzeit eine ziemliche Rolle in unserm schriftlichen Verkehr.«

»Nun, Körner und sein Sohn haben glücklicherweise den Major begleitet, und auf Theodors helles Auge und muntern Sinn können wir uns unbedingt verlassen.«

»Wohl! wohl! der Knabe ist mir sehr wert und lieb; nur hat ihn, wie gewöhnlich, der Krieg der letzten Monate ein wenig zu sehr erregt und ihn unsern Bestrebungen etwas entfremdet.«

»Das ist richtig; doch wir wollen der Jugend diese liebenswürdige Fähigkeit, sich für ein verhältnismäßig Unerhebliches unendlich begeistern zu können, nicht mißdeuten und mißgönnen.«

»In diesem Augenblicke sehe ich von ganz Deutschland nicht das geringste,« sagte Wolfgang Goethe. »Doch – halt! dort einen kleinen lichtern Fleck im Grau! wer kann uns nun sagen, welch einem Wesen jener Kirchturm dort zum Augenpunkt dient, wie jener Ort sich nennt?«

Glücklicherweise flog gerade jetzt ein allerliebster flinker Botenengel vorbei. Der Geheimerat winkte ihm:

»Heda, lieb Kind, klein Mäuschen; wie heißt das Städtchen dort auf jenem Gestirn?«

»Auf der Erde?«

»Auf der Erde! Wir stammen dort her, und die Kugel interessiert uns deshalb noch ein wenig.«

»Ach, ich bitte um Verzeihung. Der Ort? das Städtchen?« Das geflügelte Liebchen sah genauer hin und lächelte:

»Das ist Paddenau im Dräumling!« warf den beiden hohen Freunden einen Handkuß zu und entflog.

»Wahrhaftig, ein neues Gewölk!« rief der herrliche Schwabe mit einigem Mißmut. »Was hat man nun von seinem hundertjährigen Geburtstage?«

»Trösten Sie sich, mein Bester; ich habe vor zehn Jahren auch nur sehr wenig von dem meinigen genossen,« sagte Goethe, anmutig vertraulich dem Freunde die Hand auf die Schulter legend.

Wir entsinken dem Olymp, und uns – ja uns hindert nichts, uns in den Paddenauer Jubelzug einzufügen, oder ihn an uns vorüberziehen zu lassen: das erhabene Geburtstagskind bekam an seinem Feiertage Achtzehnhundertneunundfünfzig von dem irdischen Festplatze nichts zu sehen, als den Turm der Ursuskirche und auch den nur auf einen Augenblick; Eckermann und Riemer, welche schweigend, lauschend und notierend sich hinter den beiden herrlichen Seligen hielten, werden es uns dereinst bezeugen. –

Die Geschichte war im Gange. Sämtliche Gassen der Stadt Paddenau, bis auf eine, waren menschenleer. Nur die Straße, durch welche sich eben der Zug schlängelte, war voll von Menschen; aber da der Zug sich durch alle Gassen der Stadt zog, so bekamen denn nach und nach alle Gassen ihr Teil, und alle die alten Damen an den Fenstern, sowie die übrigen Leute, die sich nicht in das Getümmel hinunterwagten, bekamen das ihrige. O Gott, wenn nur nicht jedermann dabei gewesen wäre! bei dieser Gelegenheit oder bei einer andern, – in Hamburg, Berlin und Wien, oder in Paddenau, Itzehoe und Gumbinnen!

»Wenn ich nicht wüßte, daß Hamburg sich in diesem Moment ebenso sehr, oder womöglich noch ärger blamierte, und wenn die verruchte Abenddeklamation nicht wäre, so würde ich den Versuch machen, mich zu amüsieren,« sagte Herr Knackstert in sich selber. Und er sagte das neben der schönen Wulfhilde Mühlenhoff am Fenster lehnend, während drunten in der Gasse die Stadtmusik ihr möglichstes tat, ihn begeistert zu stimmen, und während alle Banner der Stadt, des Liederkranzes, der Schützengilde und der Gewerke in bunter Folge vorüberflatterten.

»Ich würde es wahrhaftig versuchen!« brummte er und fuhr in demselben Augenblick wütend zurück, ohne den Versuch zu machen: der Schulrektor Herr Gustav Fischarth, der an der Spitze seines Komitees marschierte, nickte lächelnd herauf und schwang vergnügt den Hut der schönen Freundin zu.

»Das ist ein gräßlicher, ein merkwürdig unverschämter Mensch!« sagte der Vetter laut und mit allem Nachdruck.

»Nein, es ist mein sehr guter und treuer Freund Fischarth, Herr Vetter,« sagte Wulfhilde, ohne irgendwelche Aufregung, aber mit desto größerer Bestimmtheit.

»Ich habe den Mann vorgestern im grünen Esel kennen gelernt; er hat die Reime geschmiedet, welche Sie heute abend öffentlich in dem nämlichen Lokale vortragen wollen –«

»Er ist ein sehr talentvoller Mann, und seine Frau ist meine liebe Freundin. Sie müssen die Leutchen nur ein wenig genauer kennen lernen, Vetter.«

»Liebe Cousine –«

»Was denn, Herr Vetter?«

»Ist es durchaus nicht möglich, daß man Sie aus der – der peinlichen – Lage – Situation – in welche Sie Ihre – Ihre reizende – reizende Gutmütigkeit gebracht hat, befreie? Es schickt sich doch eigentlich gar nicht! es ist so – auffällig; ja offen gesagt, ich finde es im höchsten Grade unpassend, daß Sie heute abend im grünen Esel auf ein Brettergerüst steigen, um –«

Lächelnd unterbrach Wulfhilde den erregten Redner:

»Vetter, ich bitte Sie um alles in der Welt, setzen Sie Ihren kaufmännischen Ruf nicht auf das Spiel, wagen Sie nicht zu viel auf das, was Sie meine reizende Gutmütigkeit nennen. Sie können da eher Bankerott machen, als Sie für möglich zu halten scheinen.«

»Wulfhilde, was soll ich tun und sagen, um dich zur Vernunft zu bringen?« wimmerte der Prinzenerzieher aus seiner Sofaecke her. »Du hast dich doch sonst meinen Wünschen gewöhnlich ohne Widerrede gefügt; – Mädchen, woher jetzt diese hartnäckige Verkennung alles Schicklichen und Passenden? O Herr Haeseler, ich bitte Sie, kommen Sie uns zu Hülfe! Helfen Sie uns, meine Tochter zu überzeugen, daß es unter Umständen zu einer Pflicht werden kann, ein gegebenes Wort zurückzunehmen!«

Der Maler Rudolf Haeseler saß richtig neben dem Hofrat im Sofa. Fünf Minuten nach dem Eintritt von Knackstert Witwe und Sohn war auch er eingetreten. Er mußte unbedingt um die Visitenstunde als Späher an seinem Fenster am Marktplatz gelegen haben, und der Vetter aus Hamburg war denn auch seinem Opernglase nicht entgangen; der Vetter aus Hamburg hatte bei seinem Erscheinen zu sich selber gesagt: »Diesen Menschen könnte ich ermorden!« und dieser Mensch, welchen der Vetter ohne Gewissensbisse hätte ermorden können, lächelte nun den Vetter mit dem innigsten Wohlwollen an und sagte:

»Der Herr Geheimerat wie Herr Knackstert sprechen soeben meine innersten Gefühle aus, mein Fräulein. Ist überhaupt dieser Taumel einer verständigen, auf den politischen Anstand haltenden Nation würdig? Haben wir jemals einen unserer wirklich großen Männer, einen unserer Fürsten, einen unserer königlichen Kaufleute mit einem solchen allgemeinen, rund um den Erdball sich schlingenden Enthusiasmus gefeiert? Ich besinne mich vergeblich. Ah, mein liebes Fräulein, es ist stets sehr angenehm, von einer grassierenden Epidemie nicht befallen zu werden; aber schön ist es, aristokratisch edel wird es immer erachtet werden, wenn man seinen eigenen zartesten, lebhaftesten Empfindungen auszuweichen versteht, sobald dieselben, wie bei dieser Gelegenheit, in der Masse epidemisch werden und uns also in der Masse untergehen lassen. Fräulein Mühlenhoff, ich würde in Ihrer Stelle heute abend im grünen Esel die Verse meines Freundes Fischarth nicht deklamieren. Ich würde ihn selber sie hersagen lassen und mir und meinen Angehörigen und Bekannten auf diese Weise die Berechtigung unversehrt erhalten, mich lustig über sie zu machen.«

»Sie treffen nicht ganz meine Meinung, aber doch sehr annähernd,« sprach der Geheime Hofrat und frühere Prinzenerzieher.

»Aber Sie haben doch das Transparent für das heutige Fest gemalt!« rief Wulfhilde, echt weiblich schwankend zwischen dem Ärger und dem innerlichsten Kitzel über das vieldeutige, schalkhaft-ernsthafte Wort des Sumpfmalers.

»Das Bild ist bis jetzt noch nicht vollendet,« erwiderte Haeseler.

»Das ist einerlei; aber ich muß doch bemerken, daß Sie sich vorgestern abend in einer ganz andern Weise gegen mich äußerten, mein Herr!« sagte der Hamburger Vetter mißtrauisch.

»Der Herr Geheime Hofrat sowie das Fräulein werden mir hoffentlich bezeugen, daß ich mich am Morgen häufig anders zu äußern pflege als am Abend, mein Herr. Mein Herr, Ihre Bemerkung beweist nichts gegen die Richtigkeit meiner Auffassung der vorliegenden Frage. Nur ein übergroßes Zartgefühl, wie zum Exempel das des gnädigen Fräuleins, kann dem großen Dichter und meinem guten Freunde Fischarth am heutigen Abend Wort halten wollen.«

»Aber das sagte ich ja grade!« stammelte der Hamburger ganz verstört. »Ich erlaubte mir nur eine Bemerkung –«

»Die eben nichts beweist, mein werter Herr, als eine Eigentümlichkeit, die nicht einmal meiner Natur, meinem Charakter angeboren ist, sondern sich erst durch einen längern Verkehr mit meinen lieben Landes- und Stammesgenossen herausgebildet hat. Mein Gott, Fräulein Wulfhilde, Sie lachen doch nicht über diese meine treuherzige Erklärung?«

»Nein, nein, nein! seien Sie unbesorgt; – o, Sie haben mich vollständig überzeugt, daß ich nichts Besseres tun kann, als mich Ihrer Auffassung ganz und gar anzuschließen und Ihrem Rate zu folgen: ich werde also heute abend bedingungslos unserm hochherrlichen hundertjährigen Geburtstagskinde Wort halten!«

»Aber Cousine,« stotterte der Vetter, immer ratloser und verwirrter um sich blickend, »Cousine, das hat Ihnen ja niemand geraten! Macht uns denn dieser Lärm in der Gasse, diese schauderhafte Blechmusik allesamt verhext?«

»Vetter, das ist es!« rief Wulfhilde hell auflachend. »Verhext hat uns alle dieses wundervolle Fest! Papa, steh auf und sei munter; das Leben kann doch ganz lustig sein. Heißa, da kommt der Schwanz des Paddenauer Zuges zum zweitenmal um die Ecke –«

»Und dem werde ich mich jetzt pflichtgemäß anschließen! – ganz meinen Neigungen entgegen, Herr Knackstert!« rief der Maler, eiligst nach seinem Hute greifend. Mit einem fröhlichen Gruß im Kreise enteilte er, und der Großhändler sagte leise:

»Diesen Menschen gehängt zu sehen, würde mir nicht genügen; ich müßte ihn selber hängen, um mir und ihm genug zu tun!«

Laut sprach er:

»Das ist in der Tat ein ganz eigentümlicher Patron. Ist er immer so, oder reizt ihn nur meine Gegenwart zu dieser sonderbaren Aufführung? Lieber Hofrat, wie ich im Hotel vernommen habe, gehört er schon seit längerer Zeit zu Ihren Hausgästen; – finden Sie wirklich Geschmack an seiner Gesellschaft?«

»Der Papa schätzt ihn sehr,« fiel Wulfhilde ein. »Er hat viel gesehen und weiß vortrefflich zu erzählen. Er ist ein ungemein drolliger Mensch.«

»Ich für meine Person liebe die drolligen Menschen nicht; sie wissen selten das richtige Maß zu finden, und noch seltener es zu halten und anzulegen,« meinte Herr George Knackstert.

»Entschuldigen Sie, Herr Vetter, der Herr Haeseler ist ein Landschaftsmaler.«

»Das ist mir zu allem übrigen bekannt geworden, Cousine.«

»So? Dann bitte ich nochmals um Verzeihung; ich meinte, Sie hätten ihn für einen Schneider gehalten.«

George Knackstert sah mit unverhohlenem Erstaunen auf den Geheimen Hofrat. Er fand das Concetto sehr geschmacklos; und überraschend geistreich finden wir es gerade auch nicht, aber es machte sich doch wunderhübsch in dem Munde eines so hübschen und vom unterdrückten Ärger so rosig angehauchten Mädchens.

 


 

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