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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 15
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
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Das vierzehnte Kapitel.

Auch unserer Rede Sinn und Inhalt zieht sich in eine funkelnde Spitze zusammen. Es dämmerte der bedeutende Tag, und soweit die deutsche Zunge klang, fuhr die deutsche Nation mit dem festen Entschlusse in die Kleider, ihren im Sommer so wunderlich unterdrückten politischen Gefühlen nun ganz bestimmt nach der ästhetisch-literarhistorischen Seite hin Luft zu machen. Die Festredner lagen eine halbe Stunde länger im Bette als die übrigen Germanen; denn sie, die Redner, durchblätterten noch einmal ihr Gedächtnis und unterstrichen darin die Schlagworte und Hauptstellen ihrer poetischen oder prosaischen Lucubrationen; so viel wir wissen, hatte einzig und allein der Rektor Gustav Fischarth zu Paddenau das nicht nötig. Und es war ein Glück zu nennen, daß er es nicht nötig hatte; – am Abend des achten Novembers hatte ihn Haeseler zu anmutig im grünen Esel unterhalten, und gestern abend hatte eine sehr erregte Schlußsitzung des Komitees der Schillerfeier im nämlichen Lokale stattgefunden. Der Rektor spürte die Folgen; er hatte wild und widrig sich auftürmende Wogen überschreien und bändigen müssen; – seine Knochen schmerzten, und ein schwül bewölkter Kopf lag ihm schwer auf den Schultern und verlangte dringend, mit beiden Händen gehalten zu werden. Außerdem aber fing auch die Frau Agnes den Tag am liebsten schon um vier Uhr an, und so war sein Haus eines der wohlgeordnetsten aber auch lebendigsten im Dräumling, und ein lebendiges Hauswesen ist tiefergehenden Meditationen des Hausherrn nimmer sehr hold und günstig.

Dazu lag ein Nebel sondergleichen auf dem Sumpfe und auf der Stadt, und also auch vor den Fenstern unseres begabten Freundes. Unser begabter Freund saß bei trübem Lampenschein in seiner Studierstube vor dem Schreibtische, hielt die Stirn mit der Linken und zog mit der unsichern Stahlfeder in der Rechten fröstelnd nichtsbedeutende Schraffierungen auf einem Stücke Konzeptpapier. –

Es war ein eigen Ding um den Paddenauer Nebel; vorzüglich im November. Der Sumpf erzeugte ihn in einer wahrhaft großartigen Vollkommenheit. Die Gestalten, die er annahm, die Tänze, die er im Steigen und im Fallen aufführte, die Girlanden, Kränze und Schleier, in die er sich auseinanderlegte, die Draperien, welche er um Büsche und Bäume, um Giebel und Schornsteine und vor allem um den uralten schwarzen Turm der Ursuskirche hing, verdienten von einem Sachverständigen gewürdigt zu werden. Der Rektor im Dräumling verstand auch fast soviel davon als sein Freund Haeseler; aber an diesem großen Morgen hatte er nur einige Male in den absonderlichen Dunst hineingehustet und geniest, und sich sodann mit einem kläglichen Seufzer zu dem eben beschriebenen Federspiel an den Schreibtisch gesetzt; aber auch das wurde ihm jetzt zu anstrengend. Er warf die Feder fort, stützte die Stirn auf die rechte Hand und ächzte:

»In dreitausendundvierundsechzig Sprachen sagt die Menschheit, was sie freut und was ihr weh tut; aber für das, was heute morgen mir weh tut, finde ich in allen diesen Sprachen keinen Ausdruck. O, wie ganz anders hatte ich mir das Aufdämmern dieses köstlichen Tages vorgestellt! Ach, mein armer großer Friedrich, haben denn alle, die sich heute mit deiner heiligen Geburtsstunde beschäftigen, soviel auszustehen wie ich?«

Er sah zu einem den Dichter vorstellenden Kupferstichs welcher über seinem Tische hing, empor und zitierte weinerlich:

»Um deinetwillen haßt mich der Numide,
Um deinetwillen sind die Tyrier mir gram;«

aber aus der Rührung in die Erbosung übergehend, fuhr er fort:

»Den Dräumling soll der Teufel holen; doch was für ein Vergnügen dieser Haeseler daran findet, mich noch konfuser zu machen, als ich bereits bin, möchte ich wirklich gern ergründen.«

Sein Auge haftete wieder an dem Kupferstiche und er seufzte:

»Ach, wer doch heute so ruhig über die Welt hinwegsehen könnte, wie du, selig Entrückter; oder wie dein hoher Freund dort! Dieser Haeseler – und das nennt sich auch einen Freund, und das behauptet nach Paddenau gekommen zu sein, um mich aufzurichten. Eine schöne Aufrichtung! Manchmal kommt es mir vor, als habe er einen Tröster oder Vormund nötiger als ich. Das Transparent muß er schaffen; – aber was er zustande bringt, wer weiß das? Bis vorgestern abend wußte er es jedenfalls selber nicht. Wäre ich nicht der Festordner, so würde mir die Ratlosigkeit des Menschen sicherlich viel Vergnügen machen; im vollsten Maße hat er das um mich verdient, schon durch seine abgeschmackte Lafontainiade, die mir zu allem andern fortwährend in dem Kopfe summt und plappert. Wenn man nur dem Kerl nicht stets mit solcher Spannung zuhören müßte! er ist eine wahre Klapperschlange in der Beziehung. Er hat es verschworen, jemals wieder eine Geschichte zu machen, und sitzt augenblicklich, jeglichem Schwur und Gelöbnis zum Trotz, mitten in einer solchen? Wer löst mir das Rätsel?«

Der Rektor starrte in die Flamme seiner Lampe, trat an den Ofen und wärmte den ehrlichen breiten Rücken.

»Den Hamburger behandelt er ganz eigentümlich, und ihm, diesem Haeseler, hatte der Bursche doch nicht das geringste zuleide getan, und wenn er gegen mich ein wenig ausfällig geworden war, so geschah das, ehe Freund Rudolf uns seine liebenswürdige Gegenwart schenkte. Un conte! eine Geschichte! Was für eine Geschichte? . . . etwa ein Märchen, eine Novelle, ein Roman? . . . eine Liebesgeschichte?«

Er hatte das letzte Wort ausgesprochen, ohne eigentlich etwas dabei zu denken; doch mit dem Aussprechen kam urplötzlich, wie es nicht selten zu geschehen pflegt, das übrige, – die Vorstellung, der Begriff, der Gedanke – das Licht, das siebenfarbig glänzende, feuerradähnliche, leuchtkugelhafte Licht.

»Uiih!« pfiff der Schulmeister im Dräumling. »O, das wäre freilich eine wundervolle Geschichte! Uiih, und es ist Wulfhilde Mühlenhoff, der zuliebe vorgestern der Vetter Knackstert ans Hamburg im grünen Esel angelangt ist! Bei Amor und Aphrodite, es ist so, – wahrlich, jetzt ist mir alles, alles klar. Siehst du, Haeseler, auch auf dem Wasser, nicht bloß auf dem Eise kann man zu Schaden kommen. Daher das zurückgezogene Leben und die mürrische Grobheit, selbst gegen den besten, den treuesten Studienfreund! Daher die Ratlosigkeit in betreff meines Transparentes! O süßer Jesus, wenn ich wüßte, daß meine Frau sich mit der bloßen Relation begnügte, würde ich sie auf der Stelle hereinrufen, um ihr diese Himmel und Erde erschütternde Neuigkeit mitzuteilen. Aber ich kenne die Gute; sie würde sich sofort auf ihrem Stuhle dort niederlassen, und was mir morgen das größte Vergnügen machen wird, ist mir heute im höchsten Grade unbequem. Verschieben wir die Mitteilung bis morgen.«

Der schlechte Charakter sollte auf der Stelle seinen Lohn in Empfang nehmen. Wie es gewöhnlich gar nicht nötig ist, daß der Mann, wenn ihm etwas Ungewöhnliches durch den Kopf oder durch das Haus fährt, sein Weib rufe, so war es auch diesmal nicht nötig. Die Gute pflegt ihren lieben Kopf stets im richtigen Moment in die Tür zu stecken, und so auch jetzt.

»Bist du wirklich schon aus den Federn, Gustav? das wundert mich; denn du bist auch gestern ziemlich spät nach Hause gekommen. Du weißt, ich lege dir da nichts in den Weg; aber wenn du künftig die Türe ein wenig leiser schlössest, so würdest du ein gutes Werk dadurch an uns tun. Wir befinden uns infolge des jähen Gepolters heute morgen alle Vier sehr übel, sowohl die Kinder, wie auch ich und die Amme. Friederike behauptet, das Türschlagen –«

»Habe ich die Tür geschlagen? Weib, wenn du wüßtest –«

»Danke! ich weiß alles!« sagte Agnes, zog das fromme Gesichtchen hastig zurück und gab dem Gatten auf der Stelle eine Lektion im Türzumachen. Sie zeigte ihm wie man sie – nicht schließen soll, und ein schwächeres Nervensystem als das seinige wäre durch die Belehrung wahrscheinlich für acht Tage auf äußerste zerrüttet worden.

»Jetzt laß sie selber herausfinden, was ich ihr mitteilen wollte!« sprach der Rektor von Paddenau gedrückt aber boshaft. »Alles behalte ich für mich allein!« seufzte er, grimmig ein Bündel seiner Manuskripte aufgreifend und wieder hinwerfend.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe sich sein Gemüt soweit beruhigt hatte, daß er seine Pfeife aus dem Ofenwinkel und Lenaus Gedichte vom Bücherbrett holen konnte. Mit Lenaus Gedichten in der Hand setzte er sich an seinen Tisch und sprach das schwere Wort:

»Wer hielte es für möglich, daß ich mir durch einige Seiten aus dem armen Niembsch eine Stimmung für den hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schillers geben muß?!«

Sonderbar mag die Sache erscheinen; aber das Rezept schlug nichtsdestoweniger an. Als es Tag geworden war, war der Lenau längst wieder ein überwundener Standpunkt für den Schulmeister im Dräumling. Munter schüttelte er sich, der Schulmeister; und vollständig gewappnet gegen alles, was ihm heute passieren mochte, stellte er sich fest auf die Füße; – erkunden wir uns jetzo, wie sich der künstliche Maler Herr Rudolf Haeseler befindet. –

Der künstliche Maler gehörte zu denjenigen, welche an diesem zehnten November des Jahres Achtzehnhundertneunundfünfzig sich eine gute Stunde länger als sonst im Bette streckten. Obgleich er keine Rede zu halten hatte, mußte er so mancherlei mit sich selber durchsprechen, hatte er so viele ineinandergewirrte Gedankenfäden auseinanderzuzupfen, daß ihm die zum Nachdenken so sehr geschickte horizontale Lage wohl zu gönnen war. Er dachte tief nach; das heißt, er dachte eigentlich gar nicht; sein Geist umschwebte wohl das lockige Haupt auf dem weißen Kissen im Hause des Geheimen Hofrats Mühlenhoff, allein der Maler hatte wenig Macht über seinen Geist in diesen frühen Morgenstunden. Alle Augenblicke entschwebte er ihm und ging aus Wulfhildens Kämmerlein schnöde weg und gaukelte um das echt indische gelbrote seidene Taschentuch, welches ein anderes Haupt, und zwar das von Knackstert Witwe und Sohn im besten Gastgemache des grünen Esels umwand.

Und in dem Atelier des Sumpfmalers stand auf der Staffelei, verhängt durch eine mächtige Leinwand, das neue Transparent, und der Sumpfmaler lag, wie gesagt, auf dem Rücken im Bette und hätte seinen Körper prügeln mögen wegen der Ratlosigkeit seiner Seele.

Zwischen dem geheimnisvollen Bilde, dem grünen Esel und dem Hause des Geheimen Hofrates Mühlenhoff fuhr seine Phantasie hin und her, wie eine Maus in der Drahtfalle. Das Licht, der Tag schimmerte überall in das Gefängnis, aber überall war auch das Gitter. Pfeifen Sie nur, Herr Haeseler, der Rektor Fischarth in der Wassergasse weiß bereits, was Paddenau über Nacht in der Speisekammer gefangen hat! Liebster Haeseler, was hilft das Hüpfen und Tanzen? Bitte, laufen Sie ruhig an der Wand hinauf, wenn Sie glauben, Ihrem Gemüte dadurch eine Erleichterung verschaffen zu können! Ja, ja, lieber Haeseler, es ist einmal so, und es läßt sich wenig mehr daran ändern; – der Dräumling hat Sie gefangen, und Sie haben bereits selber bemerkt, daß der Dräumling nur sehr schwer das, was er einmal hält, wieder losläßt! –

Der Maler fing an, sich immer unruhiger hin- und herzuwerfen. Er zog die Decke über die Nase, und er zog sie wieder herab. Plötzlich – gerade um die Zeit, als sein Freund Fischarth den Lenau vom Brett holte – sprang er mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette und schrie:

»Es kann nicht sein! es ist unmöglich! Sie wird die lächerliche Firma nicht einem neuen Geschlechte in neuer Auflage überliefern! Knackstert Witwe und Sohn haben lange genug ohne sie bestanden und werden auch in der Zukunft ohne sie blühen und gedeihen. Hurra, ich bin für die nachdrücklichste Feier des heutigen Jubeltages! Ans Werk, um der nichtsnutzigen Welt zu zeigen, daß wir ihre Schönheit immer noch gegen sie selber zu verteidigen wissen! Wir und unsere Ideale, Wulfhilde! Hörst du, Wulfhilde, unsere Ideale und wir!«

Damit sprang er vor den Spiegel, betrachtete sich, krauete sich ziemlich betroffen im Haar und rezitierte ein wenig kleinlaut:

»Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
Stehst du an des Jahrhunderts Neige
In edler, stolzer Männlichkeit!

Donnerwetter,« brummte er sodann, »was geht uns heute das achtzehnte Säkulum an? Wenn wir einmal an der Neige unseres Jahrhunderts stehen werden, so wird unsere Erscheinung im Innern wie im Äußern hoffentlich auch nichts zu wünschen übrig lassen.«

Das war sehr trostvoll; – der Maler Rudolf Haeseler begann seine Toilette; und dabei wollen wir ihn lassen, ohne tiefer in die Mysterien derselben einzudringen.

 


 

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