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Der Dräumling

Wilhelm Raabe: Der Dräumling - Kapitel 10
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typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDer Dräumling
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm
seriesWilhelm Raabe ? Sämtliche Werke ? Zweite Serie
volumeBand 3
printrunDreizehntes bis Siebzehntes Tausend
editor
year1892
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Das neunte Kapitel.

Die Augen Paddenaus hafteten an dem Piedestale auf dem Marktplatze. Schulbuben und Mädchen, Bürger und Bürgerinnen umstanden es kopfnickend oder kopfschüttelnd. Man hielt es von sämtlichen Fenstern der den Platz umgebenden Häuser scharf im Auge. Auch Wulfhilde Mühlenhoff hielt es von ihrem Fenster in der Marktstraße im Auge und lächelte.

»Worüber lachst du, Wulfhilde?« fragte der Geheime Hofrat weinerlich-verdrießlich vom Sofa her. Ehe wir aber die Antwort der schönen Tochter mitteilen, haben wir die unangenehme Verpflichtung, den Herrn Vater unserm Publikum vorzustellen. Letzteres gewinnt freilich kaum etwas anderes dabei, als die Überzeugung, daß ihm ähnliche liebenswürdige Charaktere schon früher auf seinen Lebensgängen begegneten.

Der Geheime Hofrat Mühlenhoff war ein unendlich liebenswürdiger Charakter – gewesen. Fürstliche Mütter und Väter wissen ihre Leute auszuwählen, und vertrauen nur selten die Erziehung ihrer Kinder groben und rücksichtslosen Gesellen an. Aber aus dem Süßesten wird das Sauerste, das ist eine uralte Erfahrung, und ein Mann, der mit den irdischen Göttern auf den glänzenden Höhen der Menschheit spazieren ging, und in seinen alten Tagen im Dräumling sitzt, der gestattet mehr als eine bloße Vermutung, daß er sehr sauer geworden sei.

Die erlauchten Zöglinge wachsen wie die Sprossen niederer Sphären aus ihren Windeln in die Hosen, und die Hosen wachsen mit den jungen Leuten, und die jungen Leute wachsen ihren Erziehern unter den Händen weg, und der Rektor Gustav Fischarth, dem mit jedem Semester eine neue Generation in den Bereich seines Haselnußröhrchens hineinwächst, hat es eben doch am besten.

Wie manche Liebenswürdigkeit geht dadurch zugrunde, daß der Besitzer derselben das Haselnußröhrchen nicht gebrauchen darf, und der Geheime Hofrat Doktor Mühlenhoff, Ritter p. p., hatte es nicht gebrauchen dürfen! Er war ein eleganter Philologe und Pädagoge gewesen, er hatte seine Pflicht gegen das deutsche Vaterland getan, und das deutsche Vaterland war ihm dankbar gewesen – seine Zöglinge dienten in verschiedenen deutschen Garderegimentern, und der Doktor Mühlenhoff hatte seinen Titel und seine Pension erhalten und sich in den Dräumling zurückgezogen. Da saß er und war nicht so dankbar gegen das deutsche Vaterland, als es sich geziemte. Er war sehr unzufrieden mit dem deutschen Vaterlande und nahm keinen Anstand, seine Unzufriedenheit bei jeder Gelegenheit auszusprechen. Es hatte ihn, seiner Meinung nach, durchaus nicht nach Gebühr gewürdigt, und – was hatte es zu bieten, welches er nicht übersah und überragte?! Das Universum hatte überhaupt kaum etwas aufzuweisen, was er nicht überragte!

Der Geheime Hofrat Mühlenhoff war in der allerdurchlauchtigsten Residenz ungemein nervös geworden, und nun verlangte er vom Universum, daß es Rücksicht auf seine Nerven nehme und sie schone. Das arme Fräulein von Wischleben, welches er noch in der Residenz geheiratet hatte, war bereits an diesen Nerven zugrunde gegangen, und seine Tochter Wulfhild war nur durch die gesunde, ein gemütliches Phlegma fördernde Luft des Dräumlings gerettet worden, was dem Dräumling in alle Ewigkeit hoch anzurechnen ist. Der Dräumling hatte vieles an dem Kinde gut gemacht, was der Papa an ihm gesündigt hatte. Er ließ dem armen Mädchen die feinen Züge des Vaters, aber er legte ihr blühendes Rot auf die Wangen, gab ihr Sonne in die Augen und Sonne in das Herz; was den Geheimen Hofrat anbetraf, so trug derselbe Gelb als Leibtracht und sah die erbärmliche Welt durch eine blaue Brille an. Was aber im besondern sein Herz anging, so befand sich dasselbe immer noch in der Residenz und am Hofe, und Paddenau und seine Tochter bekamen wenig von ihm zu sehen.

»Äh,« sagte der Geheime Hofrat, »Wulfhilde, ich frage dich zum zweitenmal nach dem Grunde deines Lachens!«

Das junge Mädchen wendete das Gesicht schnell vom Fenster auf den Valetudinarier:

»Vergib, ich überhörte deine erste Frage. Ja, weshalb lachte ich denn? Es ist wirklich schwer zu beantworten. Der Rektor Fischarth freute sich eben da unten auf dem Marktplatze über seine Vorbereitungen zu seinem großen Feste, und ich freute mich über den Rektor und über die Erlaubnis, die du mir gegeben hast, ihm zu helfen, seinen Dichter zu verherrlichen!«

»Das ist freilich ein Grund zum Lachen! Du hast also die Absicht, dich öffentlich lächerlich zu machen, noch nicht aufgegeben?«

»Aber Papa?«

»O, du weißt auf meine krankhaften Stimmungen zu spekulieren. Und im Notfall holst du dir jede beliebige Hülfe von der Gasse herauf, um vor möglichst vielen Zeugen und unter dem größtmöglichen Lärm deinen Willen durchzusetzen. Mein unglücklicher Zustand gestattet mir so selten, einen festen Entschluß zu fassen, aber es geht doch kaum ein Tag vorüber, an welchem du mich nicht zwingst, Zugeständnisse zu machen, die du sofort als kategorische Willensäußerungen meinerseits ausgibst. Paddenau ist mir verhaßt, und ich weiß kaum Worte dafür zu finden, wie verhaßt mir deine Mitwirkung an diesem albernen Feste erscheint.«

»Aber lieber, guter Papa, du hast doch aus freien Stücken dem Rektor meine Hülfeleistung angeboten. Er hatte noch nicht gewagt, dich darum zu bitten.«

»Habe ich das?« winselte der Hofrat. »Es ist möglich, ich will sogar sagen, daß es so ist; allein damals schwebte die Sache noch in weiter Ferne, und meine unglückliche Phantasie ging leider Gottes wieder einmal einem Ziel, welches ich mir ganz anders vorstellte, in Sprüngen entgegen. Das ist es ja gerade, daß uns das Leben immer in den feinsten und innigsten Gefühlen und Ideen, in unserm farbigsten Einbildungs-, Dichtungs- und Vorstellungsvermögen beim Worte nimmt, und dann die Erfüllung dieses Wortes für die jämmerlichste, niederträchtigste Verzerrung unserer ursprünglich so glänzenden Gedankenbilder verlangt! Wer konnte damals ahnen, daß solch ein Raptus das ganze deutsche Volk befallen würde? Damals hatte ich noch nicht einmal eine Ahnung davon, daß dieser entsetzliche zehnte November sich auch eines Tages als Morgen oder Übermorgen einführen würde! Wulfhilde, Wulfhilde, bedenke es! du – meine Tochter – du, die Tochter des Doktor Mühlenhoff, willst in Paddenau – im grünen Esel zu Paddenau, die albernen Verse jenes Provinzialschulmeisters deklamieren! Denke dich in alle Einzelheiten der lächerlichsten aller Situationen hinein und schicke dem Menschen sein Manuskript zurück.«

»Liebster Papa, ihr seid doch so gute Freunde! Der arme Fischarth hält so viel auf dich; – er ist fast dein Schüler zu nennen; er stimmt mit dir in den meisten ästhetischen Ansichten überein; du hast ihm die Probe deiner Ariosto-Übersetzung vorgelesen, und er konnte sich nicht befriedigter aussprechen. Ich habe ihm deine Tragödie Konradino vorgelesen, und er war entzückt. Du hast ihm einen großen Teil deiner lyrischen Gedichte vorgetragen, und er bedauerte, nicht über eine literarische Zeitschrift verfügen zu können, um dir die verdiente Anerkennung zu verschaffen. Ich habe ihm deine Abhandlung über die Gebrüder Schlegel und deine Biographie des Herrn Hofrats Tieck vorlesen müssen, und wenn Agnes nicht zugegen gewesen wäre, hätte er mir die Hände dafür geküßt. Papa, wir haben ihm im Laufe der letzten Jahre einen Einblick in dein gesamtes literarisches Wirken und Leben gestattet, und du hast ihn nach jeder Vorlesung als einen Mann gelobt, dessen Existenz dir fast unentbehrlich scheine, als einen Mann, welcher es wirklich verstehe, zuzuhören. Papa, du hast mir mehr als hundertmal gesagt, ein Mensch wie der Rektor Fischarth sei das Köstlichste, was einem Manne wie dir auf seinem Lebenswege begegnen könne.«

»Ich bezweifle, daß ich mich so ausdrückte. Allein wenn ich mich solchergestalt äußerte, so liegt doch die Ehre und das Vergnügen gänzlich auf Seite jenes Menschen, und jetzt sage ich dir, daß ich diesen poetisierenden Schulmeister satt bis zum äußersten habe. Solange wir draußen in der Stille unseres Sommergärtchens saßen, war sein Umgang zu ertragen, aber hier im Winterquartier wird er unerträglich. Die Frau kommt mit Drillingen nieder, das ist ihre Sache; der Mann jedoch läßt es wahrlich dabei nicht bewenden, und er macht seine Fruchtbarkeit nur allzuhäufig zu der Sache eines andern, nämlich der seines Zuhörers. Er liest –«

»Papa, er hat dir noch nie unaufgefordert eines seiner Gedichte vorgelesen. Ich glaube, wir dagegen –«

»Behalte solche albernen Einwürfe für dich, Wulfhilde!« rief der Geheime Hofrat fieberhaft ärgerlich und eifrig. »Lächerlich! Du bist doch immer und überall gleich stark im Zusammenwerfen der verschiedenartigsten, fremdartigsten Zustände, Leistungen, Dinge und Verhältnisse! Er liest uns seine Machwerke nie unaufgefordert vor; – aber muß ich ihn nicht stets dazu auffordern? Ist das nicht grade das Grausenhafte, daß ich ihn stets dazu auffordern muß? Es ist so unsäglich langweilig in Paddenau, und der Mensch macht sich so schwer von seinen Illusionen los. Ich tue mein möglichstes, mich von der Hoffnung zu befreien, daß doch endlich aus einer dieser mich umgebenden niedern Stirnen, dieser dumpfen Hirnschädel ein bemerkenswerter Blitz, ein passabler Gedanke vorspringe; allein es ist mir noch nicht gelungen. Und dieser Schulmeister, dieser Fischarth! o Gott, ich sehe ja in den Burschen hinein wie in meine eigene Seele. Ich sehe das Chaos in ihm, ich sehe, wie es kocht und wühlt, brodelt, Blasen wirft und ihm in die Kehle hinaufsteigt! ich schwitze Angstschweiß, als ob es in mir selber so koche. Die Vorstellung, daß ihn das unbändige namenlose Durcheinander von unausgegorenen Bildern und mangelhaften Reimen und Versfüßen ersticken werde, erstickt mich selbst. Mädchen, ich muß ihn bitten, sich Luft zu machen, und ich müßte ihn bitten, mein Zimmer zu verlassen, wenn er aus Höflichkeit sich weigerte.«

Wulfhilde Mühlenhoff wußte auf diese wunderbare Auseinandersetzung ihres Vaters nichts zu erwidern. Sie wendete sich von neuem dem Fenster zu, und der alte Hypochonder und ästhetische Egoist stöhnte in seiner Sofaecke noch ein wenig vor sich hin, bis er das literarische Zentralblatt wieder aufnahm und sich so tief in die Lektüre desselben versenkte, als einem zerfahrenen Nervenleidenden seiner Art möglich war. Er schrieb keine Werke und Abhandlungen mehr, die in das Bereich jenes kritischen Blattes fielen, und somit, da er es ungestraft lesen konnte, las er es mit Vergnügen.

Nach einer Viertelstunde seufzte der Geheime Rat aber tiefer denn je, warf die Zeitschrift auf den Tisch und fragte:

»Weshalb kommt der Maler nicht mehr in unser Haus? Er ist wenigstens eine neue Erscheinung in Paddenau und kann unter Umständen ganz amüsant sein. Seit vierzehn Tagen ist er nicht bei uns gewesen; ich finde das, da er sich einmal mir vorstellen ließ, gewissermaßen rücksichtslos. Könnte man ihm das nicht auf irgendeine Weise zu verstehen geben?«

»Wenn du es wünschest, Papa, könnte man vielleicht durch den Rektor auf ihn einwirken.«

»Das ist mir recht. Dieser Maler Haeseler und der Vetter Knackstert aus Hamburg sind augenblicklich die Leute, welche mir am wenigsten widerwärtig erscheinen. Was übrigens den Hamburger Vetter anbetrifft, Wulfhilde, so solltest du schon seinetwegen von dieser törichten, unpassenden persönlichen Beteiligung an jenem Feste abstehen. Du kennst ihn, und er vertritt hierin vollständig meine eigene Anschauung.«

Wulfhilde Mühlenhoff schien in der Tat den Vetter aus Hamburg zu kennen. Sie sah aus dem Fenster und schwieg; und wir schweigen auch – bis zum Abend. Am Abend verfügen wir uns in den grünen Esel.

 


 

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