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Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Sei nur still, Alte, und schwätz mir den Kopf nicht warm! Ich bin der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt paßt! – Dummheit sagst du, wär's gewesen, – Unverstand? – – Hör, Alte, du dauerst mich, du verstehst dich doch auch rein gar nicht auf die Welt! – Dummheit, – so!! – – Also wenn ein Schneider für sein gutes Recht dreinschlägt, weil nichts mehr sonst verfängt, das ist Dummheit, – so! – Aber gelt, wenn Könige und Kaiser Krieg anfangen, kein Mensch weiß warum, das ist keine Dummheit, kein Unverstand! – Ich dachte gar, ei Gott bewahr mich, das ist ja nachher alles fürs Vaterland!! – So so!!! – – Aber ich bin der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt paßt, Punktum! Und du, Alte, bist mir gleich ganz still! – Herrgott, Alte, was du einen doch mit deinen Fragen plagst! Wer die Kosten bezahlt, wenn's zum Verklagen kommt, willst du wissen? – Hm, hm, Kosten! Das Donner 'nein, man sollt nicht meinen, wie solch nichtsnutzig's Wörtle erschrecken kann! – Hör, Alte, tu mir jetzt den einzigen Gefallen und sei einmal ganz still, aber ganz still, – hast mich verstanden? – Wer wird die Kosten bezahlen? – Ei so frag ich auch! Der Windsberger Schulz muß sie bezahlen, wer sonst? – Der Schulz hat den Lärm angefangen, auf dem bleibt alles hängen, drum muß er auch alles bezahlen, ist noch Gerechtigkeit in der Welt, Punktum! – – – Alte, such deinen Opodeldok und geh her, ich hab auf einmal einen grausamen Schmerzen den ganzen Rücken hinunter, das brennt wie das helle Feuer! – Ach, Alte, der Friederslipp ist ein Mensch, kein linsele paßt er in die Welt! Hat er nicht auf mir herumgebläut, als wär ich ein Flachsbündel? – Ach, die Welt ist sehr verderbt, Alte, du glaubst gar nicht wie sehr! – – 's geschieht mir recht? – Alte, sag das nicht, ich bitt dich, das ist nicht christlich! – Jammert's dich denn nicht, daß ich für mein Recht so viel leiden muß? – Aaach, – aaaach, – Alte, das tut wohl! – So, nun reibe noch ein wenig, daß sich dahinten kein Geblüt setzt! – So, – ich dank dir auch, Alte! – Ach, das war eine wilde Kirmes, an die will ich gedenken! – Gute Nacht!«

Nach dieser langen Rede legte sich der Zipfelschneider ins Bett und versuchte einzuschlafen. Aber nicht bloß sein wunder Rücken brannte wie Feuer, seine Gedanken, die nicht mehr ruhen wollten, brannten noch viel mehr. Bei den Aufregungen des Tages, im 113 Wirtshaus, unter den nicht minder als er selbst erregten Nachbarn, bei den wechselnden Eindrücken und Stimmungen war der Zorn über die Gegner, der Glaube an die Gerechtigkeit wie auch Gesetzmäßigkeit der eigenen Handlungen gewachsen; an die Zukunft, an mögliche Folgen zu denken, hatte er gar nicht Zeit gehabt. Anders war es nun in der Stille des Abends. Vor seiner Annekunnel hatte er sich in Ruhe und Gleichmut ausgesprochen und dabei gefunden, daß es um die Rechtlichkeit seines Handelns doch nicht gut bestellt sein müsse, da er sich selbst nicht beruhigen konnte. Dazu hatte die Frage der Annekunnel nach den Gerichtskosten ein Schreckgespenst herbeigezaubert, das nicht wieder wich, sich dem Müden wie ein Alp auf die Brust legte und den Schlaf von seinen Augen scheuchte. Ja, bleichwangig, hohläugig grinste ihn die Sorge an, und je länger sie ihn so regungslos anstarrte, desto riesenhafter wuchs in der Ferne das schattenhafte Gespenst der Not, – der Not und Armut, in sein Haus gezogen fast gewaltsam durch seine Schuld! Und nun erhob sich auch die Stimme seines Gewissens; immer lauter und klarer sprach der unbestechliche Richter jeglichen Tuns in seiner Brust, so eindringlich, so überzeugend sprach er, daß dem Zipfelschneider der helle Schweiß ausbrach. Nicht bloß um der Folgen willen verdammte sein Gewissen die heutige Tat, ach, daran rührte es gar nicht und brachte doch den Schneider fast zur Verzweiflung. Nicht allein hatte er der von Gott eingesetzten Obrigkeit vorgegriffen, – ach, er hatte sich auch in eine schimpfliche Schlägerei eingelassen, Hand an seine Nebenmenschen gelegt, die doch, wie er selber, nach dem Bilde Gottes geschaffen waren. Wie hatte er stets gegen die Prügeleien der Jungburschen, als gegen einen unverzeihlichen Unfug, geeifert, selbst ihre jugendliche Unbesonnenheit, die ungestüme Jugendkraft nicht als Entschuldigung gelten lassen, – und jetzt, jetzt hatte er selber vollbracht, was er nicht hart genug meinte verdammen zu können; ja er selber hatte die Veranlassung zu einer Schlägerei gegeben, wie solche gar noch nicht erhört und erlebt worden war! Was war aus seinem unbescholtenen, ehrbaren Wandel geworden, auf den er so stolz gewesen? Wo blieb seine Ehre, sein guter Name? Durfte er noch von sich sagen: ich bin der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt paßt? Durfte er sich noch vor einem Menschen sehen lassen, frei und fröhlich die Augen aufschlagen? 114 – – Seufzend und ächzend warf er sich auf seinem Lager umher; je mehr er sich selbst verachtete, desto verdrießlicher ward er über die lustigen Tanzweisen, die hell vom Wirtshaus heraufklangen, und der Mond leuchtete auch so unverschämt auf sein Bett, gerade als wollte er sagen: »Zipfelschneider, Zipfelschneider, was machst du für Streiche?« – Knurrend stand endlich der Geplagte auf, verhing das Fenster mit der Schürze seiner Annekunnel und seufzte, als er wieder unter die Decke kroch: »Alte, – schläfst schon? – Ach, 's ist weiter nichts, mir ist nur der Gedanke 'kommen, was es doch für eine dumme Einrichtung in der Welt ist, daß man am Abend zumeist gescheiter ist als am Morgen! – Ach du lieber Gott im Himmel droben!!! – Ja, ja, 's ist schon gut, sei nur still jetzt, ich will einschlafen, gute Nacht!«

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