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Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Heiß tobte noch immer der Kampf auf dem Acker und in den angrenzenden Büschen. Längst waren Fichtenäste und Eichenprügel zersplittert, desto wilder rangen die Männer im erbitterten Faustkampf.

Mit der Zeit waren die Buchbacher wirklich in sehr bedrängte Lage geraten, selbst der gewaltige Döbrichslang vermochte kaum noch hie und da seinen Freunden auf Minuten Luft zu verschaffen. Der Zipfelschneider, dem sogar ein wesentlicher Teil seiner Persönlichkeit, seine Zipfelkappe, abhanden gekommen war, kraute sich öfter und öfter hinter den Ohren und seufzte: »Potz Kuckuck, das ist eine langwierige Sach! Ich bin ein Mann, der in die Welt paßt, aber der Spaß gefällt mir nimmer. Ich wollt, ich wär daheim und säß auf meiner Butik! – Wo auch die Lindenbrunner bleiben?«

Desto übermütiger schrie der Windsberger Schulz: »Potz 108 Velten und Bastel, Vettermänner und Gevatterleut, jetzt kriegt die Sach ein anderes Gesicht! Nieder mit dem Döbrichslang, und wir haben gewonnen Spiel! Haltet mir nur den Zipfelschneider fest, das ist der Anstifter, dem muß ich doch noch einen besonderen Denkzettel mit ungebrannter Asche anhängen, daß er sich merkt: ich bin ein Mann und bedeut was!«

»Guckt an, Ihr seid ja recht freigebig mit ungebrannter Asche,« lachte plötzlich der Lindenbrunner Schmied, sein alter Gegner, hinter ihm, und eine nervige Faust packte ihn wie eine Zange im Genick. »Geht her, zuerst sollt Ihr sie selber einmal gründlich schmecken!«

»Gotts ein Dunner! Was ist das? Wer untersteht sich?« schrie der Überfallene und wand und krümmte sich unter den Hieben, die hageldicht auf seinen Rücken niedersausten. »Ich bin der Schulz von Windsberg, ein Mann und bedeut was! Geht man so mit Schulzen um? Potz Velten und Bastel! Hülf, Hülf! – Windsberger herbei, zu mir, euer Schulz ist in der Bredulg! – Hülf, Hülf!«

»Die Lindenbrunner rücken an,« jammerte Ursula. »Kohlschwarz kommen sie die Hohlgasse 'rauf! – Ich mach mich davon, ich lauf weiter, als mich meine Bein tragen, – jetzt geht's an Leib und Leben!«

Mit lautem Jubelruf begrüßten die Buchbacher die so rechtzeitig eintreffenden Freunde; der Zipfelschneider schrie: »Gott grüß euch, ihr Nachbarn! Ist Zeit, daß ihr kommt, 's geht heiß her! Drauf, Brüder und Vettermänner, drauf und dran! Jetzt zahlen wir den Windsbergern heim, sie haben uns garstig mitgespielt!«

»Nur nicht verzagt,« brüllte dagegen der Friederslipp. »Mit den Lindenbrunner Hungerleidern nehm ich's allein auf! Nicht geschont! Dran und drauf!«

Allein die Stachelreden kamen zu spät, der Kampf war zu Ende. Wohl rückten zum Schrecken der Windsberger und Grumbacher die Lindenbrunner in geschlossenen Massen heran, allein statt sogleich den Kampf aufzunehmen, wie die Buchbacher hofften, drängten sie sich in die Mitte des Knäuels, trennten die streitenden Parteien, laut rufend: »Ruhe! – Friede! – Auseinander! – Ist genug skandaliert! – Auseinander! – Wer sich rückt, 109 wird niedergeschlagen!« Besonders letztere Drohung, durch kräftige, zum Schlag erhobene Eichenknüttel verstärkt, machte Eindruck. Im Anfang, als sich die erste Überraschung gelegt, schienen allerdings beide Parteien nicht übel Lust zu haben, sich zusammen auf die ungebetenen Friedensstifter zu werfen. Allein die Windsberger und Grumbacher trauten den Buchbachern nicht, scheuten die Übermacht, vielleicht mehr noch die frischen Eichenstöcke, – langsam zogen sie sich zurück. Die Buchbacher erhoben freilich großen Lärm, schrieen über Verrat und Niedertracht, schalten auf die falschen Freunde, – allein, als diese ihren leidenschaftlichen Worten keine Beachtung schenkten, standhaft die Mitte des Kampfplatzes behaupteten, tollkühnen Wagehälsen empfindlich den Ernst ihres Willens zeigten, ergaben auch sie sich in das Unabänderliche. Der Groll gegen die Freunde legte sich in gleichem Maße, als sich das Blut abkühlte, bald waren die Buchbacher wie ihre Gegner den Lindenbrunnern von Herzen dankbar, daß sie so entschieden durchgegriffen und der nicht ehrenvollen Prügelei ein Ende gemacht. Natürlich ließen sie sich das aber nicht merken.

Mit der Unterdrückung des Kampfes, der Trennung der Parteien, war aber noch wenig erreicht, jetzt galt es, einen Vergleich herzustellen. Das hielt schwer. Keine Partei wollte auch nur ein Tippelchen ihres vermeintlichen Rechtes aufgeben, Buchbacher sowohl als Windsberger beanspruchten sämtliches Holz, stehendes sowohl als gefälltes; die Gemüter drohten sich abermals zu erhitzen; schon hatten die Lindenbrunner wieder ihre Not, die Zornigsten auseinanderzuhalten. Der Zimmerdick unterredete sich lange eifrig mit dem Lindenbrunner Schultheißen; nachdem sämtliche Lindenbrunner und die wenigen neutralen Musikanten ihren Vorschlägen einhellig beistimmten, sprang der Schulz auf einen Fichtenstrunk und rief: »Ihr Nachbarn von Buchbach und ihr Männer von Windsberg und Grumbach! – Auf irgend eine Weise muß die Geschichte zu Ende kommen, wir können euch nicht ewig auseinanderhalten. Drum sind wir Lindenbrunner mit den vier Musikanten dahin einig geworden: die Buchbacher führen die niedergeschlagenen Büsche heim, – 's ist ziemlich die Halbscheid, – den Windsbergern dagegen verbleibt der übrige Bestand. – Nur ruhig, laßt mich ausreden,« schrie er, als ihn Lärmen und Toben aus beiden Lagern unterbrach. »Hört mich doch erst zu 110 End! – Wir können euch ja freilich nicht zwingen, den Vergleich anzunehmen, ihr seid Männer und habt euren freien Willen. Aber nun paßt auf! Wer jetzt zuerst die Hand wieder erhebt, sei's ein Buchbacher oder ein Windsberger, der hat's mit uns zu tun. Und wir fackeln nicht, darauf verlaßt euch. Also, welche Partei sich's noch mit uns aufzunehmen getraut, die tret heraus!«

Dumpfes Murren begleitete den Schulzen, als er sich zu den Seinen zurückbegab. Plötzlich entstand im Windsberger Lager eine Bewegung, der Grumbacher Schulz rief lachend: »Ihr habt recht, ihr Lindenbrunner! Zu irgend einem Loch muß es hinaus, und da keine Partei Meister geworden, ist der Vorschlag gerecht und billig. Wir Grumbacher stehen zu euch, – heißt das natürlich nur in der Sach, sonst ist's euch unvergessen, daß ihr gegen uns auszogt! – Wer den Vergleich nicht anerkennt, wer zuerst wieder Streit anfängt, der hat's auch mit uns zu tun. – So, nun redet selber zusammen, ihr Windsberger und Buchbacher!«

Nun kam das Knirschen an die Windsberger; allein an einen Widerstand gegen die Vorschläge der Vermittler war nun auch nicht im entferntesten mehr zu denken. Nicht ohne heftige Zornesausbrüche von beiden Seiten, und erst nachdem man sich feierlich zugeschworen, bei nächster Gelegenheit den Kampf gründlich auszufechten, ward endlich doch der vorgeschlagene Vergleich angenommen. Die Windsberger und Grumbacher besetzten ihren Waldanteil, ein Teil Buchbacher eilte nach Geschirren und Wägen, die übrigen hüteten die gefällten Stämme. Dazwischen, als Sicherheitswache, lagerten die Lindenbrunner.

So war äußerlich Ordnung und Friede hergestellt, aber auch nur äußerlich, in den Gemütern sah es wild und trostlos aus. Zwar erfreute man sich der über den Gegner errungenen Vorteile, aber auch gar manche Wunde und Beule begann zu schmerzen, manches zerstörte Kleidungsstück brachte Leid. Die Vorsicht der Lindenbrunner war nicht umsonst; wer weiß, was geschehen wäre, standen ihre Eichenstöcke nicht gar so drohend zwischen den Zornigen.

Waren so schon die gewöhnlichen Kämpfer schlecht gelaunt, so befanden sich die beiden Anführer vollends in allerschlechtester Stimmung. Keiner hatte seine Absicht erreicht, und nun sie zur Überlegung kamen, konnten sie sich nicht verhehlen, daß sie sich in 111 Unternehmungen eingelassen, deren Folgen sich gar nicht übersehen ließen, die ihnen aber leicht an Hals und Kragen gehen konnten. Dem Zipfelschneider lag schon jetzt ein moralischer Jammer nicht bloß im Gemüt, sondern in allen Gliedern, und der Verlust seiner Zipfelkappe schmerzte ihn um so tiefer, da er ihm fast wie eine Mahnung erschien, daß er nicht mehr ein Mann sei, der in die Welt passe. So tief gründete sich der Unmut des Schulzen nicht, deswegen war seine Verstimmung nicht minder groß, nicht minder peinigend. Sein Selbstgefühl hatte einen allzu schmerzlichen Stoß erlitten. Nicht nur sein Rücken brannte wie Feuer, auch der verschwundene rechte Jackenflügel und Ärmel, die zerbrochene Staatspfeife, deren Trümmer ihn traurig anstarrten, schien zu fragen: geht man so mit einem Manne um, der Schulz von Windsberg ist und etwas bedeutet in der Welt? Sein Zorn wuchs, da er sich erinnerte, daß es sein künftiger Schwiegersohn, der Schneidersheiner, war, der sich so despektierlich an ihm vergriffen. Würdevoll trat er an den Rand des Gehölzes, streckte den geschändeten Arm aus, den nur noch das Unterfutter bekleidete, und rief drohend: »Heinerle, Heinerle, guck an, das ist dein Werk. Du wirst gar nicht denken, was du dir angerichtet! Ich bin ein Mann und bedeut was, und so laß ich nicht mit mir umspringen, du sollst es bald spüren, – merk das!«

Hohngelächter der Buchbacher antwortete ihm; noch einmal schüttelte er drohend die Faust, dann zog er sich zurück.

Die Buchbacher Wagen kamen an, die Lindenbrunner griffen hilfreich ein, so waren die Stämme bald aufgeladen, der Kampfplatz leerte sich.

Bedrückt schlich Heiner neben dem Bergkasper dem Zug nach. Kasper hatte keinen Trost für ihn, er wußte nichts zu sagen, als: »Es wa' halt auch nicht jecht, Heinich! Es wa' ein dummej Stjeich, daß du den Alten gepjügelt und dich an ihm vejgjiffen hast!« Heiner knurrte grimmig in sich hinein, – das wußte er lange auch! Trübsinnig hing er den Kopf; die krachenden Axthiebe hinter ihm im geräumten Wald trafen ihn mitten ins Herz, sie zerschmetterten die Lebenswurzeln seiner Liebe!

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