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Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Windsberger Gemeinde, – sie bestand nur aus vier Haushaltungen, – lag noch im tiefen Schlafe. Auf der Kirmes waren die Männer gestern wegen des strittigen Waldes mit den Buchbachern in Zwist geraten, und der zungenfertige Zipfelschneider machte ihnen viel Not; im Zorn tranken sie mehr, als sie vertragen konnten, und erholten sich nun noch von den Leiden einer beschwerlichen Heimfahrt. Nur der Schulz warf sich unruhig auf seinem Lager umher; böse Träume quälten ihn; als er in Schweiß gebadet erwachte, spannen seine Gedanken die Traumbilder weiter fort und scheuchten den Schlaf von seinen Augen. So hart er sich stellte, er konnte den Verlust des alten Freundes auch nicht verschmerzen; je mehr er ihn öffentlich kränkte und beleidigte, desto herzlicher sehnte er sich im stillen nach Aussöhnung. Und heute besonders quälte ihn eine dunkle, gestaltlose Vorstellung eines gestern verübten, ausbündig dummen Streiches. Als nun gegen Morgen die Kirmesmusik so lustig von Buchbach heraufklang, vermehrte das sein Unbehagen; mit einem derben Fluch auf die verrückten Buchbacher drehte er sich auf die andere Seite und schloß die Augen. Nicht lange währte seine Ruhe; träumte er oder kam wirklich die Musik näher und näher? Horchend setzte er sich im Bett auf, – kein Zweifel, die Musik war schon auf Windsberger Flur, so klar konnte man sie auch bei günstigstem Wind nicht von Buchbach vernehmen. Was wollten die Buchbacher im Flur? – Denn daß zahlreiche Gesellschaft die Musikanten begleitete, hörte er am lauten Jubeln und Lachen. – Jetzt mußten sie droben auf der Waldecke sein, – richtig, dort machten sie Halt! – Aber was war das? – Ein Stich ging ihm durch den wüsten, schmerzenden Kopf; die schallenden Axthiebe, 99 das Krachen und Rauschen niederbrechender Bäume verscheuchten blitzschnell den Taumel, der während der Nacht seine Gedanken gefangen gehalten. Klar stand ihm seine gestrige »Dummheit« vor Augen; gedroht hatte er dem Zipfelschneider: verspiel ich, schlage ich Euch das Holz vor der Nase nieder!« – War das jetzt die Antwort des Zipfelschneiders auf seine unüberlegte, nicht von weitem ernstlich gemeinte Drohung?

Unterdessen, so sehr er sich die Augen rieb, die Axthiebe schallten fort, das Krachen und Rauschen ward stärker. Was es auch sein mochte, Gewißheit mußte er haben. Leise, leise, – die Bäuerin nicht zu wecken, – schlich er in die Knechtskammer, rüttelte den Knecht wach und sagte: »Hansmichel, um tausend Gottes willen, steh geschwind auf und lauf ins Holz. Lauf, was du vermagst, ich vergeh vor Angst!«

Der Knecht machte große Augen, gehorchte jedoch unverzüglich. Bald kehrte er zurück und berichtete atemlos: »Herr, in Eurem Holz geht's drunter und drüber! Die ganze Buchbacher Gemeinde ist auf den Beinen, voran der Zipfelschneider; tut Ihr nicht bald Einhalt, ist's um das Hölzle geschehen!«

Unbemerkt war die Bäuerin eingetreten und sagte: »So! Da hast du's, und recht geschieht dir! O du altes Plappermaul! Dacht ich doch gleich, aus dem Lärm wird neues Unheil erwachsen! Gott im Himmel, ist das ein Elend mit solch querköpfigem Mannsvolk! Wirst du denn nicht einmal gescheit werden, du alter Hansjörg du? Erst, statt dich in der Güt mit dem Zipfelschneider zu vergleichen, fängst du den unsinnigen Prozeß an, – die Gänge allein, die er dich schon gekostet hat, bezahlt das ganze Hölzle nicht, – und nun reizst du auch noch den Zipfelschneider, der ein ganz anderer Mann ist wie du, mutwillig zum äußersten! – Ach, ich möcht manchmal in den Erdboden versinken! Wenn du so fortfährst, was wird's mit uns noch für ein End nehmen?«

»Alte, jetzt bist du still, so laß ich mir nicht kommen! Potz Velten und Bastel, ich bin der Schulz von Windsberg, ein Mann und bedeut was!«

»Was du bedeutest, wird der Herrgott wissen, was du aber bist, will ich dir sagen: ein Maulmacher, ein Schwätzmichel!«

»Alte, komm mir nicht so rund!«

100 »Soll wohl großen Respekt vor deinen Dummheiten haben? – Geh, laß dich begraben!«

Unwirsch eilte sie in die Küche.

Der Schulz kraute sich im Nacken. »Hast's gehört, Hansmichel?« klagte er. »Und das soll ich einstecken, mir gefallen lassen?«

»Bietet die Gemeinde auf,« riet Hansmichel, »und schickt die Buchbacher heim, das setzt Euch in Respekt!«

»Potz Velten und Bastel! – Gleich geh 'rum, sag den Nachbarn, sie sollten richtige Prügel mitbringen! – Geh 'rum, sag ich!«

Eben kam die ganze Gemeinde, drei Mann hoch, zur Türe herein. Die Erregung über den feindlichen Einfall war groß, einstimmig ward ausgesprochen, diesen Schimpf dürfe Windsberg nicht dulden. Nicht um das bißle Holz handele es sich, die Ehre der Gemeinde stehe auf dem Spiel; lasse man die Buchbacher gewähren, keinem Menschen könne man mehr unter die Augen treten. Der schmächtige Ursula, – er hatte als armer Knecht seine Herrenfrau Ursula geheiratet und hieß nach ihrem Tod einfach der Ursula, – meinte bedenklich: »ihr Nachbarn, bedenkt, was ihr tut! Wir Windsberger sind mit Knechten und Buben neun Mann, – was werden wir ausrichten?«

»Hab auch daran gedacht,« sagte der Schulz kläglich. »Ihr Männer, ich frag euch als Schulz: was ist zu machen?«

»Da ist leicht raten,« entgegnete der breitgeschulterte Friederslipp. »Schick deinen Knecht nach Grumbach und laß die Gemeinde aufbieten, sie sind gut Freund zu uns und lassen uns nicht im Stich!«

»Potz Velten und Bastel! Hansmichel, lauf, was du vermagst, nach Grumbach zu meinem Gevatter, dem Schulzen, sag ihm, wir säßen arg in der Tinte von wegen den Buchbachern, und er sollt uns mit seiner Gemeind aus der Patsche helfen, wir Windsberger wollten's gleich machen seinerzeit!«

»Und sie sollten mit richtigen Prügeln kommen, ›Spaziersteckeln‹ täten's nicht,« rief der Friederslipp dem Davoneilenden nach.

»Und nun eilt, macht euch selber zurecht,« drängte der Schulz, »wir kommen sonst wahrlich zu spät!«

»Vater, tut das nicht,« bat eine weiche Mädchenstimme, als der Schulz seinen Gemeindegliedern folgen wollte. »Tut's nicht, 101 Vater! Richtet wegen dem bißle Holz kein Unglück an. Denkt an Eure Freundschaft mit dem Zipfelschneider, – soll denn jetzt auf Eure alten Tage die Lieb, die so lang ausgehalten hat, für immer aus sein? – Tut's nicht, Vater, werdet wenigstens nicht handgemein mit den Buchbachern; geschieht Euch unrecht, so ist ja die Obrigkeit da, die wird Euch schützen!«

»Schützen? Hörst nicht, wie meine Büsche niederkrachen?« fuhr der Vater rauh das weinende Mädchen an. »Potz Velten und Bastel, bin ich nicht selber ein Stück Obrigkeit, der Schulz von Windsberg, ein Mann und bedeut was?«

»Drum solltet Ihr Euch um so weniger wegwerfen. Ach, Vater, hört auf mich, laßt ab, geht nicht ins Holz!«

»Gleich bist du mir still! Das fehlte noch, daß man sich von Weibsleuten das Konzept verrücken ließe. – Gleich bist du still, sag ich! Weiß wohl, warum du lamentierst und dich hinter meine Ehr steckst; du meinst doch nur, dein Heiner könnte am Ende zu den Buchbachern halten, und dann könnt's mit eurer Lieb gefehlt sein, – und falsch hast du nicht gerechnet! Daß mir der Zipfelschneider die Schmach mit dem Holz angetan, hab ich dem Schneidersheiner nicht nachgetragen, daran ist er unschuldig. Beteiligt er sich aber an der heutigen Geschichte, regt er nur einen Finger gegen uns Windsberger, so hat er's aus bei mir, und das Freien darfst du dir aus dem Kopf schlagen. – Nur nicht gebrummt! Geh jetzt zu deiner Mutter und sag ihr, ich wollt's beweisen, daß ich ein Mann bin und bedeut was!«

Während der Schulz im Hof aus dem Schälholz einen dauerhaften Eichenprügel auswählte, weinte Karoline in der Küche. »Ach Mutter, Mutter, wie wird das enden? Das Unglück ist nicht zu übersehen. – Ach, mir ahnt's, diesmal geht mir's an das Leben! – Wenn nur der Heiner diesmal seine Gedanken zusammennähme, – aber was rede ich, daran ist ja doch nicht zu denken! – Mutter, Mutter, warum ist so viel Haß und Feindschaft in der Welt?«

»Frag lieber, warum ist die Unvernunft so groß? Denkt man nicht, den Mannsleuten geht's ans Leben, wenn sie einmal verständig nachgeben sollten? Ist's nicht, als kostet's ihre Seligkeit, wenn sie ein gutes, freundliches Wort reden sollen? Meine Hoffnung stand noch immer auf dem Zipfelschneider, aber dein 102 Vater treibt ihn ja mit Gewalt immer tiefer in den Zorn. Ach, Kind, jeder Hieb da draußen ins Holz geht mir durchs Herz; da werden aller Lieb und Freundschaft die letzten Wurzeln abgehauen, und es bleibt nichts als ewiger, blutiger Haß!«

»Ja,« flüsterte Karoline, indem sie den Kopf an der Mutter Schulter verbarg, »und wir Weiber müssen die Wildheit der Männer mit unserem Herzblut bezahlen. Mutter, wir wollen beten, daß der Herrgott gnädig ein Unglück verhütet.«

»Ja, Kind, das wollen wir; wollen beten, daß der Herrgott die Gedanken des Vaters zum besten lenkt. Ach, bleibt er auf seinem Starrsinn, so seh ich's kommen, daß das Hölzle da draußen unser Hab und Gut, Haus und Hof auffrißt. – Komm, Kind! – Ja, wir wollen beten, 's ist das Einzige, was uns zu tun übrig bleibt!«

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