Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Schaumberger >

Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

»Höre, Kasper,« meinte der Zimmerdick, als die Musikanten um den Tisch gereiht sich das Frühstück schmecken ließen, »du solltest auch ein Bier zum besten geben, denn was du heute warst, wirst du vielleicht dein Lebtag nicht wieder.«

»Und was wa' ich?« fuhr der Bergkasper gereizt auf.

»Hausbesitzer,« entgegnete der Zimmerdick ruhig. Ohne sich an das Knurren Kaspers, das Gelächter der Musikanten zu kehren, wendete er sich an den Hausherrn: »aber hört, Gottfried, was hattet Ihr doch gestern mit den Windsbergern? Besonders an den Schulz sollt Ihr hart geraten sein! Was ist das? – Waret doch von jeher gut Freund zusammen!«

»Ja, das waren wir, wahrhaftig, das waren wir,« sagte der Hausherr und nahm die Pfeife aus dem Mund. »Bei Gott im Himmel, bessere Freunde hat's auf der Welt noch nicht 'geben! Und warum sollten wir's nicht sein? Waren wir nicht Anno 13 und 15 zusammen ausmarschiert? Haben wir nicht miteinander Mainz belagert und zweimal den Napolium aus Frankreich gejagt?«

»Drum eben,« entgegnete der Zimmerdick und blickte teilnehmend auf den Alten, der die Strumpfkappe abgenommen hatte und sich damit die Augen wischte. »Drum eben bin ich so verwundert! – Was brachte euch auseinander?«

»Ein schändliches, niederträchtiges Unrecht! Habt Ihr noch nichts von der Geschichte gehört?«

»Kein Wort! – Ihr seht meine Verwunderung! – Erzählt doch, was ist's?«

»Nu, dann müßt Ihr in Eurem Bergheim auch gar nichts erfahren, – die ganze Welt ist voll von der Geschichte, – Ihr kennt doch mein Äckerle droben im Windsberger Flur?«

»Ei freilich,« rief der Wasserfuchs. »Gleich am Berg liegt's und stößt an dem Windsberger Schulzen sein Stück Schwarzholz, wüchsige, starke Stangen!«

»Jawohl, der Meinung war ich auch, die Büsche gehören dem 93 Windsberger Schulzen, und mein Vater selig wußt's auch nicht anders. Aber nun denkt euch, ihr Männer! Wie die neuen Flurbücher angelegt und die Grundsteuerkataster geregelt werden, stellt sich heraus, mein Äckerle und das Strichle Holz gehören seit undenklichen Zeiten zusammen, und hätte danach das Holz schon meinem Vater selig zukommen müssen!«

»Nu, das ist aber stark,« rief der Zimmerdick.

»Gelt, Ihr sagt's auch? Ja, – ich war rein verdonnert, wie mir der Amtmann die Sach mitteilt. Nu denk ich aber in meinen Gedanken, 's ist besser, als wär die Geschicht umgekehrt! – Der Schulz hat freilich seit langen, langen Jahren den Genuß aus dem Hölzle gezogen, aber was tut's? Reich ist er davon nicht geworden, mein bester Freund ist er auch, also werd ich keinen großen Spermang machen, ich bin der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt paßt! – Der Schulz tritt mir das Hölzle ab und was vergangen, nun das ist eben vergangen! So denk ich in meinen Gedanken und freue mich schon auf die Freude, die ich beim Schulzen anrichten werd, und auf die Herrlichkeit, die sie mit mir anstellen werden, wenn ich sag: »hör, Schulz, so und so und hott und har (hin und her, eigentlich links und rechts), und drum wollen wir Freunde bleiben und kein Aufhebens machen und so weiter! – Ja, – verlaß sich heutzutag eins auf seine Gedanken! Kaum erblickt er mich, ist der Schulz auch schon rein zum Häusle 'naus; eh ich nur zu Wort komme, schreit er mich an: ›nichts ist's und nichts wird's! Das Hölzle ist mein und bleibt mein, und solang ich einen Heller in der Tasche hab, geb ich keinen Zoll Boden her. Und zwischen uns ist's aus, rein aus; such dir deine Freund, wo du willst, mich brauchst nimmer dazu zu rechnen!‹ – Das war mir nun auch zu stark. Das wegen dem Hölzle hab ich ihm nicht übel genommen, kein Mensch verliert gern sein Eigentum, wär mir wahrscheinlich an seiner Stelle auch so gewesen, wie eben jetzt ihm. Aber daß er mir so ripsraps die Freundschaft aufkündigt, da er noch gar nicht weiß, wie ich gesonnen bin und was ich ihm für Vorschläge machen will, das ist mir zu Kopf gestiegen. Ich antworte, wie mir ums Herz ist, und so folgt ein Wort dem andern, eine Red gibt die andere, bis mir endlich der Schulz die Türe weist und wir in voller Feindschaft auseinandergehen. Im hellen Zorn laufe ich nun stracks ins Amt und verklag den Schulzen; in der Tür 94 begegnet mir der Schulz, der das Gleiche vorhat, – und nun ist gar der Haß fertig.«

»Euch wenigstens ist es nicht zu verdenken, wenn Euch das Häfele überkochte,« sagte Hansaden. »Der Schulz wird nun auch nicht schlecht heimgeschickt worden sein?«

»So hab ich's auch erwartet, – aber verlaß sich heutzutage eins auf seine Gedanken. Nichts ist's mit meiner Sach, das Amt weiß sich selber nicht zu raten, so kriegen die Advokaten die Geschichte unter die Klauen, und ein Prozeß ist fertig; wie groß, wie er enden wird, das weiß allein der Herrgott!«

»'s Donnerwetter,« schrie der Wilde, »das ist mir ein schöner Kram! Wozu hat man die Obrigkeit, wenn sie einem nicht zu seinem Recht verhilft?«

»'s ist bei Gott 'ne bedenkliche Geschichte,« sagte der Zimmerdick. »Da weiß man nimmer, was man sagen soll. Nach meinem Verstand ist doch die Sache so klar und einfach, ein Blinder muß sie einsehen, und nun macht das Amt erst solche Wirrnis draus? Das ist ja, wenn man's recht betrachtet, schlimmer wie schlimm; kein Mensch ist ja mehr seines Eigentums sicher. – Ja, was ich sagen wollt: was gibt der Schulz eigentlich vor?«

»Was weiß ich? Er behauptet, so mir nichts, dir nichts könnten seine Vorfahren nicht in den Besitz getreten sein, das würden meine Vorfahren nicht ruhig haben geschehen lassen. In alter Zeit habe man's mit den Geschriften nicht so genau genommen, und so sei wahrscheinlich der Eintrag eines Kaufes oder Tausches ins Flurbuch unterblieben. – Ja, mein Anspruch auf das Holz wäre als verjährt schon längst abgewiesen worden, hätte sich nicht herausgestellt, daß meine Vorfahren und ich bis auf den heutigen Tag für das Waldstück die Grundsteuer bezahlt haben. Das ist ein böser Haken für den Schulzen, über den er nicht so leicht wegkommt, – trotzdem hat mein Advokat keine Freude an dem Handel und mahnt zum Vergleich. Aber wie kann ich mich vergleichen, nachdem mich der Schulz so gekränkt hat?«

»Was? – Auch die Steuer noch mußtet Ihr für das Grundstück bezahlen?« schrie Hanshenner, dunkelrot vor Zorn. »Was? – Die Steuer bezahlt, und nun sollt Ihr dennoch abgewiesen werden? Da hört doch alles auf! – Wo ist da die Gerechtigkeit?«

»Das ist starker Tabak,« fiel auch der Wasserfuchs ein. »Gottes 95 Donner auch 'nein! Wär mir das passiert, ich ertrüg's nicht so geduldig wie Ihr, Zipfelschneider!«

»'s Donnerwetter, windelweich schlüg ich den Schulzen,« schrie der Wilde.

»An den Herzog, an König und Kaiser ging ich,« versicherte der heißblütige Hanshenner. »Nicht ruhen tät ich, bis der Hallunke säße, wo er hingehört!«

»Nur stet,« mahnte der Zimmerdick. »Das ist all Geschwätz! Freilich versteh ich auch, wie Ihr, Gottfried, gestern an den Schulzen geraten konntet!«

»Ich an ihn? Ach, ich wollt, ich könnt so recht gegen ihn losfahren, aber das ist ja mein Elend, ich kann nicht, ich kann noch immer unsere alte Freundschaft nicht vergessen und meine immer, über kurz oder lang müssen wir wieder zusammenkommen. Freilich sieht's nicht danach aus! Weiß der Kuckuck, was den Schulzen anficht, er war gestern ganz desperat; behandelt hat er mich, 's ist unerhört und ich seh's kommen, daß mir die Gall auch noch im Ernst aufsteigt. Denkt an, hat er mir gestern ganz ernstlich gedroht: ›und wenn ich in allen Instanzen verspiel, dir tu ich doch noch einen Possen! Einen leeren Steinrangen tret ich dir ab, vor der Nase putze ich dir noch die Büsche weg!‹«

»Das ist freilich viel,« sagte der Zimmerdick. »In den Schulzen muß ein reiner Teufel gefahren sein!«

»Und das nehmt Ihr so geduldig hin? Auch das noch steckt Ihr ein?« schrie Hanshenner und schlug auf den Tisch. »Zipfelschneider, ich sag nichts, aber an Eurer Stelle wüßt ich, was ich tät!«

»'s Donnerwetter, ich auch,« lärmte der Wilde. »Ich wollte warten, bis die Federfuchser ein End finden? – Oha! Keinen Tag ließ ich's anstehen! Vor der Nase legte ich dem Schulzen die Stangen um!«

»Die rechte Antwort wär das auf seine Grobheit,« sagte Hansaden zustimmend.

»Das würde ihm die Augen aufmachen,« meinte der Wasserfuchs. »Potz Schweden, er wüßt dann, mit wem er zu tun hat!«

»Nieder mit dem Holz, das sag ich, aber gleich,« schrie Hanshenner. »Was schert Ihr Euch um die Schnurrpfeiferei der 96 Advokaten? Das Recht ist auf Eurer Seite! Zeigt's dem Schulzen und den Amtskerlen, daß Ihr auch wißt, wo Barthel den Most holt!«

»Zum Kuckuck auch, Ihr habt recht,« sagte der Schneider, dessen Wangen sich röteten. »Das Holz umlegen, das wär doch gleich 'ne richtige Handlung. – Hm, hm, – die Sach geht mir stark im Kopf herum! – Jedoch aber, – es hat doch auch seine Bedenken und kann mir die Suppe erst versalzen. – Hm, hm, – verdient hätt's der Schulz zehnmal!«

»Nur stet, nur stet,« suchte der Zimmerdick zu beschwichtigen. »Solche Gewaltsamkeiten haben noch niemals zu einem guten End geführt!«

»Das sag ich auch,« fiel Hansaden ein. »Aber wie die Sachen hier liegen, möchte ich doch nicht geradezu abreden. Sonnenklar ist das Recht des Zipfelschneiders, das Holz ist ja eigentlich so gut wie sein Eigentum, was er damit anfängt, ist seine Sache. Obendrein hat der Schulz gedroht, – wer kann's dem Gottfried verübeln, wenn er seinem Widerpart zuvorkommt, das Gewisse fürs Ungewisse nimmt?«

»Hansaden, das ist ein Wort! So wahr ich der Zipfelschneider bin, das ist mir einleuchtend!«

»Gottfried, nimm dich in acht,« warnte der Gänskasper. »So habe ich auch gedacht, wie damals der Lärm mit den Gänsen losging. Hilft mir niemand zu meinem Recht, so helf ich mir selber, denk ich, und werf die Gäns tot, die in mein Wiesle laufen. Ich habe aber ein garstig Haar in der Geschichte gefunden, – ich werfe mein Lebtag nach keiner Gans mehr!«

»Was paßt das daher,« lärmte Hanshenner hitzig. »Gäns und Holz ist zweierlei!«

»Und ich sag jetzt selber, Schwager, die Drohung von dem Windsberger Schulz darfst du nicht einstecken, willst du nicht deine Ehr und Reputation aufs Spiel setzen,« rief nun auch der Schneidershannikel. »Nieder muß das Holz, das sag ich, – und du weißt, ich überlege meine Reden!«

»Wenn du selber meinst, Schwager, wird mir die Sach immer einleuchtender! – Hätt wahrlich starke Lust! – Der Schulz tut auch gar zu greulich gegen mich!«

»Nieder mit dem Holz,« schrie Hanshenner. »Ihr könnt und 97 Ihr dürft gar nicht anders, Gottfried, Ihr seid's Euch und Euren Leuten schuldig, daß Ihr Euer Eigentum in Sicherheit bringt. Nieder mit dem Holz, – lieber heut wie morgen!«

»Pat,« schrie plötzlich der Schneidersheiner dazwischen. »Hol mich der Geier, wenn's nicht das Gescheitste ist. Ihr macht gleich heut das Holz um, gleich jetzt! – Solch günstige Gelegenheit findet sich nicht wieder! Die Buchbacher sind daheim, haben Zeit, – um ein Fäßle Bier zieht die ganze Mannschaft aus, und in ein paar Stunden ist's getan. Nehmt Ihr noch die Musik mit, wird's eine Hauptgeschichte, von der man noch lange redet!«

»Heiner, Heiner,« warnte der Eckenpeter. »Was wohl die Schulzenkarline sagte, hätte sie das gehört?«

Heiner setzte erschrocken das Bierglas ab; im Eifer hatte er ganz vergessen, daß der Streich seinem künftigen Schwiegervater gelte. Gerne würde er eingelenkt haben, aber es war zu spät, niemand hörte auf ihn. Der Zipfelschneider nahm seine Zipfelmütze ab und setzte sie fester wieder auf, – ein Zeichen fester Entschlossenheit, – und rief: »In Gottes Namen denn, – es mag so geschehen! Nicht um des Spaßes und Geredes willen, sondern weil sich solche Gelegenheit in Wahrheit nicht wieder findet, und weil, will ich dem Schulzen zuvorkommen, ich nicht lange fackeln darf; – er tut's auch nicht. Erfährt er erst unser Gespräch, – dann sitze ich gewiß hintenan! – Vorwärts denn! Ihr Musikanten geht mit, damit's ein Ansehen hat und nicht heißt, ich habe mir heimlich wie ein Spitzbube mein Eigentum geholt! – Fort, ihr Jungen, bietet die Mannschaft auf, vor dem Dorf kommen wir zusammen.«

Der Zimmerdick schüttelte zwar noch den Kopf, allein so ganz verwerflich erschien ihm die Tat nicht mehr; der Drohung des Schulzen gebührte allerdings eine ernstliche Abfertigung; so redete er wenigstens nicht mehr ab. Als der Zipfelschneider mit dem Beil unter dem Arm das Haus verließ, zupfte ihn seine Annekunnel: »Tu's nicht, Gottfried, tu's nicht! Mir schwant, es nimmt einen übeln Ausgang! Weißt du denn, ob's auch dem Schulzen Ernst war mit seiner Drohung?«

Gottfried sah der Annekunnel starr ins Auge, schüttelte dann den Kopf. »Davon verstehst du nichts, Alte! Laß mich nur machen! Ich bin der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt 98 paßt! – Ich werde die Sache durchführen, daß ich vor Gott und der Welt bestehen kann!«

So ganz sicher mußte er aber doch nicht sein; nachdenklich folgte er den mit Äxten bewaffneten Buchbachern, die unter den Klängen eines munteren Marsches jubelnd die Windsberger Hohlgasse hinaufzogen. Als sein Blick auf das bekränzte Bierfäßchen fiel, seufzte er: »Noch solch ein Fäßle gäbe ich drum, könnte ich zurück!«

*

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.