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Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Hörst nichts, Alte?« fragte der Zipfelschneider, richtete sich horchend im Bett auf und schob die weiße Zipfelmütze, der er seinen Beinamen verdankte, auf den Hinterkopf.

»War mir auch so, als hörte ich was. – 's werden Mäuse sein! – Leg dich und laß mich in Ruh!«

»Mäuse? – Klappern Mäuse mit Ziegeln?«

»Ach du Herrjedig,« rief nun auch die Schneiderin und fuhr erschrocken auf. »Spitzbuben, – Räuber, Mörder! – Schneider, geh 'naus, du bist der Mann!«

»Alte, sei nicht dumm! Spitzbuben am hellen Tag? Nichts 89 da! – Aber Herr meines Lebens! Was war das?« rief er, als es auf dem Dach prasselte und krachte. »Alte, – Alte, – um tausend Gottes willen, – ein Erdbeben, – unser Schlot ist hinüber, und wir sind geliefert!« Hastig fuhr er in seine Kleider, während die Schneiderin jammernd unter die Decke kroch und ihre Seele Gott befahl. Schon wollte der Schneider Mut fassen, als er aufs neue erschrak. In der Ferne ertönte Musik, so wunderbar und seltsam, wie er sie noch nie gehört; die Töne schienen aus der Luft zu kommen, durch die Decke zu dringen. Starr vor Staunen lauschte der Schneider. Plötzlich ging ein Zittern durch seine Glieder, seine Augen füllten sich mit Wasser, langsam nahm er die Zipfelmütze ab, preßte sie zwischen die gefalteten Hände und sagte mit gebrochener Stimme: »Alte, steh auf und mach dich fertig, – der jüngste Tag ist da! – Hörst du die Posaune des Gerichts?«

Den Jammer der Schneiderin übertönte ein ärgerliches Brummen in der Nebenkammer, die der Zipfelschneider seinem Schwager, dem Sülzdorfer Schneidersnikel, zum Nachtquartier während der Kirmes eingeräumt hatte. Die Kammertür knarrte, in der Stube ward ein Fenster geöffnet, und der Schneidersnikel rief hinaus: »seid ihr denn gar verrückt worden? – Wollt ihr gleich vom Dach 'runter? – Geht heim, legt euch aufs Ohr und laßt andere Leute auch ausschlafen!«

»Guten Morgen, Zipfelschneider,« rief es jetzt vielstimmig aus der Luft herab, gleich darauf begann ein lustiger Galopp. Der Schneidersnikel schloß das Fenster und schlich brummend in seine Kammer zurück.

Mit tiefem, befreiendem Seufzer hatte der Zipfelschneider dem Gespräch gelauscht, statt aber, wie seine Annekunnel, ein herzliches Dankgebet nach oben zu senden, geriet er in heftigen Zorn. »Daß dich der Hund beißt! So was ist doch unerhört,« schalt er, während die Musik lustig fortklang. »Ich bin der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt paßt! Ich versteh Spaß und weiß, was sich schickt! Aber das ist übertrieben, nicht zu erleiden! Ich wollt nichts sagen, daß die Racker 's ganze Dach ruinieren, – aber die Leut so zu erschrecken, so! – Ich bin doch der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt paßt, bin weit 'rumkommen im Reich, hab meinen Mann gestanden im Krieg und Frieden, – aber so hat mich noch nichts erschreckt, 's ist mir ordentlich in die Glieder geschlagen. 90 Aber nur Geduld, der Gesellschaft will ich zeigen, mit wem sie's zu tun hat!«

»Ach Alter, sei stet! 's ist halt ein Kirmesspaß und Musikantenstreich! Mach keinen Lärm, unser Pat, der Heiner, wird doch auch dabei sein! Komm, leg dich noch ein linsele; wenn sie merken droben, es achtet niemand auf ihren Unverstand, werden sie am ehesten vernünftig.«

Allein der zornige Alte achtete nicht auf den Rat seiner Annekunnel, er rannte hinaus in den Hof und starrte aufs Dach, – richtig! Wie eine Reihe Hühner saßen die Musikanten auf dem First. Zornig schüttelte der Zipfelschneider die Faust nach den ungebetenen Gästen; seine Drohworte jedoch verhallten ungehört, denn vom Dach herab klang gar lustig die Melodie: »alle lust'gen Brüder, die leben so wie ich und du!« – Das war sonst wohl des Schneiders Leiblied, er hatte sich's manchen Siebenbätzner kosten lassen, daß es ihm die Musikanten recht oft vorspielen mußten, heute aber verfehlte es ganz seine Wirkung. Der Schneider ward immer zorniger, schrie sich fast heiser, focht und gestikulierte mit Armen und Händen, – umsonst, die Musikanten rührten sich nicht, recht wie zum Hohn klang es fort und fort vom Dach nieder: »Alle lust'gen Brüder, die leben so wie ich und du!«

Unterdes ward es vollständig hell, zahlreiche Zuschauer, – voran natürlich Planbursche und Planmädchen, – sammelten sich, und ihr Gelächter brachte den Zipfelschneider vollends außer Fassung. Sein Schwager, der Schneidershannikel, sah wohl ein, daß es nun Zeit sei, der Sache ein Ende zu machen; auch Annekunnel bat ihn, doch ihrem Gottfried beizustehen. So brannte er seine Pfeife an, lehnte sich behaglich über die Brüstung des Treppenvorbaues, winkte Gottfried heran und sagte eifrig: »Schwager, ins Kuckucks Namen, was machst du doch für Streich? Läßt dich auslachen und kränkst die Musikanten, die's so gut meinen und dir 'ne Ehr antun wollen? – Gleich sei vernünftig und red, wie sich's gebührt!«

»Ist's auch gewiß? – Ich meine mit der Ehr?« fragte Gottfried mißtrauisch.

»Sei nur nicht närrisch! Meinst, der Zimmerdick kriecht für nichts und wieder nichts auf deinem Dach 'rum? – Ein anderer gäb wer weiß was darum, könnt er das von uns erlangen. Drum 91 red ein vernünftig Wort, zeig's, daß du ein Mann bist, der in die Welt paßt; laß die da droben sich nicht erst die Lunge trocken blasen!«

»Hör, du hast recht! Beweisen will ich: ich bin der Zipfelschneider, ein Mann, der in die Welt paßt. Sag meiner Alten, – da ist sie ja: – trag du Brot, Butter und Käs auf, wir müssen's den Buchbachern zeigen, was sich schickt. Heda, Wirt,« wendete er sich an diesen, »fix, hol einen ›gädlichen‹ Gießer Bier. Ihr aber da droben, macht mir und meiner Alten noch einen anmutigen Walzer, dann geht 'rein, ihr sollt euch meinetwegen nicht umsonst geplagt haben!«

Die Musikanten machten lange Hälse nach dem Zipfelschneider, – der Gänskasper wäre um ein Haar hinabgerutscht. Als sie nun die Bierbestellung und die freundliche Einladung vernahmen, brachen sie in ein lautes Hallo aus, und ihr schönster Walzer klang über das Dorf. Bald keuchte der Wirt mit vollem Gießer die Höhe herauf, und der Zipfelschneider rief: »so, 's ist genug jetzt! Geht 'runter und nehmt vorlieb!«

»Wä' schon jecht,« entgegnete der Bergkasper. »Abe' wie kommen wi' junter? Das Dach ist vedammt jutschejig (rutscherig)!«

»So deckt's ab und steigt in den Boden, – da seid ihr gleich an Ort und Stell,« lachte der Schneidersnikel, in dem der Schalk erwachte.

Das war freilich dem Zipfelschneider nicht recht, sein Einspruch kam jedoch zu spät, schon war eine Reihe Ziegel abgehoben und die Musikanten verschwanden in der Lücke. Kaum fühlte der Bergkasper festen Boden unter den Füßen, so stimmte er das Lied an:

So leben wi, so leben wi, so leben wi alle Tage
in de allejschönsten Saufkompagnie!

Nach und nach, wie sie eben die Diele des Bodens erreichten, fielen die übrigen Instrumente ein, und mit einem Lärm kamen die Gäste die Treppe herab, daß in Wahrheit die Wände zitterten.

»Herrjele, ach Herrjele,« rief die Hausfrau und rang die Hände. »Vettermänner, Vettermänner! – Dumm und taub wird man, und die Hühner sind schon ganz rebellisch! Ach du meine liebste Güte im Himmel und auf Erden, – so hört nur um Gottes willen auf zu wirtschaften!«

92 Lange dauerte es, bis ihre Stimme durchdrang und einige Stille eintrat. Nur Hansaden, den die Posaune im Absteigen hinderte, schmetterte noch lange einsam droben auf dem Boden fort.

*

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