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Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine bunte, fröhliche Menschenmenge wimmelte in Buchbach, dem sonst so stillen, einsamen Dörfchen, durcheinander. Längst reichten die Räume des Wirtshauses nicht mehr aus, die Gäste zu fassen; in den Hausgärten, unter schattigen Obstbäumen, richteten sich die fröhlichen Menschen ein, so gut es ging; wer gar keinen Sitz erlangen konnte, legte sich ins Gras und kam dabei gewiß nicht schlecht weg. Und noch immer vermehrten neue Ankömmlinge die Menge, alle Wege waren bedeckt mit Fußgängern; Lindenbrunn, Grumbach und Windsberg schienen auf der Wanderschaft nach Buchbach begriffen.

Und so war es auch. Der Engel des Friedens hielt wieder schirmend seine Palme über die verfeindeten Täler, vor seinem milden Lächeln waren alle bösen Geister des Zornes und Hasses entflohen. Sanftere Empfindungen bewegten wieder die Herzen, die alte Freundschaft und Liebe brach hervor.

Eine eigenartige, unbeschreibliche Bewegung ging durch die Menge. Die Wangen glühten vor Lust, heiter lächelte der Mund, gar wundersam glänzten und leuchteten die Augen. Das Händeschütteln und Bewillkommnen nahm gar kein Ende, Umarmungen sogar waren nicht selten, Freudenrufe erfüllten die Luft, Dank- und Freudentränen, heimlich und öffentlich geweint, fielen auf wiedervereinigte Hände, die sich nicht lassen konnten, oder netzten Blumensträußchen an hochwogenden Busen. Rastlos war die 167 Menge in Bewegung, ruhelos wimmelte alles durcheinander, und freundlich glänzte die Sonne auf den freudeverklärten Gesichtern, den Blumen im Haar, den rauschenden, farbenprächtigen Gewändern und Bändern. Der höchste Staat war heute von allen hervorgesucht und angelegt worden, denn es galt, die Wiederkehr des Friedens, der Eintracht und Ordnung zu feiern.

Die Bursche und Jungfrauen waren eifrig bemüht, das Zipfelschneidershaus zu schmücken. Fichtenbüsche, mit wehenden Bändern und Wimpeln geschmückt, wurden aufgerichtet, Wände und Vorbau mit grünen Tannenästen dekoriert. In anmutigen Wellenlinien schlangen sich Guirlanden um das Haus, krönten die Eingänge und Fenster, schwangen sich von Säule zu Säule, von Busch zu Busch als duftende Ketten, verwandelten jeglichen Durchgang zur Ehrenpforte.

Schon verlängerten sich die Schatten, ein rosiger Hauch lag auf den ernsten Formen des nahen Gebirges, und die Schwalben segelten in sausender Flucht jauchzend durch die Luft. Eine unruhige Erwartung lag auf der Menge, die sich um das Wirtshaus drängte, zwanglos zu einem Festzug ordnete; mit ungeduldiger Spannung blickten hundert Augen nach dem einsamen Mann droben auf der Schottendorfer Höhe, der in einem Glutmeer zu schwimmen schien, von einem Strahlenglanz umblitzt ward. Jetzt hob er den Arm, legte die Hand als Schirm gegen die Sonnenstrahlen an die Stirne; jetzt gibt er das verabredete Zeichen und eilt den Berg herab in das Dorf zurück. »Sie kommen, sie kommen,« klingt es jubelnd von Mund zu Mund. Aus den bekränzten Fenstern des Schneidershäuschens blickten Annekunnel und die Schulzin, die zu bewegt waren, sich dem Zug anzuschließen, auf das bunte Gewimmel zu ihren Füßen. Bald hatte sich der Zug geordnet. Voraus schritt der Buchbacher Schultheiß im hohen schwarzen Hut und langen Kirchenrock, zwei farbenleuchtende Kränze am Arm. Nach den Musikanten, von deren Instrumenten Seidenbänder wehten, kam das festlich geschmückte, bekränzte Brautpaar, geleitet vom Grumbacher und Lindenbrunner Schultheißen, die ebenfalls im Kirchenanzug gar stattlich daherkamen. Nun folgten, ebenfalls fröhlich geschmückt und bekränzt, die Jünglinge und Jungfrauen der vier Dörfer paarweise, den Zug schlossen in zwanglosen Gruppen die Männer und Frauen.

168 War gar ein erhebender Anblick, als sich der Festzug durch das Dorf bewegte; nicht die Festgewänder, Bänder, Blumen und Schmuck waren das Köstlichste dabei, sondern die Rührung, die herzinnige Freude, die aus aller Augen leuchtete.

Vor dem Dorf traf man auf den Schulzen und Zipfelschneider; die alten Kriegskameraden kamen Hand in Hand den Berg herab; freudiges Erstaunen glänzte aus ihren Augen, als sie den Zug, die vielen fröhlichen Menschen erblickten. Mit jauchzendem Hochruf wurden die versöhnten Gegner empfangen, die Musik ordnete sich auf der einen, das Jungvolk auf der andern Seite des Weges. Der Schulze von Buchbach wollte eben die beiden Alten begrüßen, als sich der Windsberger Schulze verfärbte. Karoline zitterte und weinte, Heiner zog sie an sich: »Nur ruhig, auch das mußte doch einmal überstanden werden!«

Karolinens Vater hatte indes den Buchbacher Schultheißen unsanft zur Seite gestoßen, faßte unter den Musikanten den Mühljohann scharf ins Auge und schrie: »Halt da! – Betrug, Hinterlist, Niedertracht! – Halt da, ich bin schmählich betrogen! Potz Velten und Bastel, ich bin der Schulz von Windsberg, ein Mann und bedeut was! – So laß ich nicht mit mir umspringen! – Gott's ein Donner auch, der Musikant da mit dem Schnauzbart war heut in meinem Haus, hat sich für einen Amtskerl ausgegeben, mein ganzes Inventarium aufgenommen, gleich als hätte ich alles verspielt und das Amt wollt sich wegen der Gerichtskosten sicherstellen! Da soll doch ein Himmeldonner! So was ist ja ganz und gar unerhört! – Aber gedenken will ich euch die Angst, die ihr mir eingejagt, teuer soll euch der Witz zu stehen kommen. Und aus ist's mit dem ganzen Kram, den Vergleich stoße ich um, zwei, – drei Advokaten nehme ich an, jetzt will ich sehen, ob ich den Prozeß nicht doch noch durchsetze!«

Die Freude war gestört, Staunen, Schrecken malte sich auf allen Gesichtern, angstvoll eilten die Versammelten durcheinander, und der Bergkasper meinte kleinlaut: »So ist's jecht, – nun wird das Pjügeln von vorn angehen!«

Der Schulz wetterte und fluchte im steigenden Zorn fort, verlangte auch von den Windsbergern und Grumbachern, sie sollten sich sofort von den alten Feinden trennen, der Schimpf treffe sie alle mit, das dürften sie sich nun und nimmer gefallen lassen. 169 Allein sein Grumbacher Kollege sagte mit steigendem Verdruß: »Einmal hast du uns zu Narren gemacht, zum zweitenmal soll dir's nicht gelingen, – willst du dich von deiner Verrücktheit nicht los machen, so führ sie allein durch. Wir haben zu eigenem Schaden, zu großer Unehr jahrelang treu zu dir gestanden, – jetzt ist Gelegenheit da, mit Ehren Frieden zu schließen, der wüsten Unordnung ein Ende zu machen, – weisest du auch diese Gelegenheit bloß deines tollen Trotzes, deines dummen Eigensinnes willen ab, so sind wir geschiedene Leute, haben nichts mehr miteinander zu schaffen!«

Lauter Beifall der Windsberger und Grumbacher machte den Wilden stutzig. Ehe er erwidern konnte, fuhr sein Kollege fort: »Sieh, deinetwillen stehe ich im schwarzen Hut und langen Kirchenrock am Werkeltage auf der Landstraße, – machst du mich nun heute wieder zum Spott und Gelächter, hat auch meine Geduld ein Ende. Brauchst mich dann nimmer Gevatter zu heißen, mein Haus nimmer zu betreten!«

Der also Bedrohte schnappte nach Luft, plötzlich brach er los: »Auch deiner lach ich, und nach den Grumbachern und Windsbergern frage ich nicht so viel! Ich bin der Schulz von Windsberg, ein Mann und bedeut was, ich! Euch allen zum Trotz, nun grad erst recht tu ich, was ich will!«

»Halt, ihr Nachbarn und Freunde, nur stet, keine Übereilung,« sagte der Zimmerdick beschwichtigend, als drohendes Murren sich erhob. »Hört mich an, Schulz! Denkt daran, wie Ihr nun fast vor drei Jahren beim Umsingen im Windsberger Wirtshaus sagtet: Ihr wolltet weiter nichts, als die Musikanten probierten auch bei Euch einmal einen Streich! – Das war Euch unvergessen, nehmt die Geschichte denn auch für einen Musikantenstreich! – Nur nicht aufgefahren! – Laßt mich ausreden! – Ja, wir haben zur List unsere Zuflucht genommen, um Euch zu einem Vergleich zu bringen! Die Männer hier werden's bezeugen, wie schwer uns das geworden ist; und hätten wir nur irgend denken können, Euch sei auf andere Weise beizukommen, wir hätten das nicht getan! – Schulz, wie oft schon ist Euch gesagt worden, wohin Euch Eure unsinnige Prozeßsucht führen würde, – nie hörtet Ihr darauf. So griffen wir der Zukunft vor und zeigten Euch gleich mit der Tat, welches Ende es mit Euch nehmen müsse! Statt zu lärmen 170 und zu toben, solltet Ihr uns dankbar sein. Seid Ihr Eurer Sache so sehr gewiß, – ei, warum erschrakt Ihr so arg, als Euch die Möglichkeit gezeigt ward, Ihr könntet verlieren? Seht, Schulz, das war das böse Gewissen, was Euch so ängstete und plagte, nicht der Mühljohann dort mit seiner Verkleidung. Hattet Ihr nur halbweg Eure Gedanken beisammen, hättet Ihr der ganzen Geschichte auf den Grund kommen müssen. Jetzt seid vernünftig, macht nicht abermalen unsere guten Absichten zu Schanden! Kommt, seid vergnügt, daß Ihr die Last mit dem Prozeß los seid, und verlangt inskünftige nicht wieder, daß Euch die Musikanten einen Streich spielen sollen!«

Der Schultheiß schaute verblüfft drein; das drohende Murren aller seiner früheren Anhänger hatte ihn erschreckt. Die Möglichkeit dämmerte in ihm auf, daß er wirklich in Zukunft ganz allein stehen könne, – der Beifall, mit dem des Zimmerdicks Rede allerseits aufgenommen ward, bestätigte seine Befürchtung, machte sie zur Gewißheit. – Sollten der Zimmerdick, der Schneidershannikel, alle, die ihm zum Nachgeben geraten, sollten die Herren vom Amt, die ihn so oft gewarnt, doch recht behalten? Stand es am Ende dennoch in Wahrheit so schlimm um ihn, da sich niemand zu seinem Beistand erhob? – Er ward schwankend! – Aber sollte er jetzt nachgeben, nachdem er erst so aufbegehrt, nachdem er mit so großen Dingen gedroht, demütig zu Kreuz kriechen? Nein, das ging nicht, nun und nimmermehr! Er war der Schulze von Windsberg, so durfte er sich nicht wegwerfen; lieber auch den letzten Heller mußte er daran setzen, als sich hier vor allen Leuten erniedrigen lassen. Im neu aufflammenden Zorn schrie er: »Potz Velten und Bastel, seid Ihr endlich fertig? Ich hust Euch auf Eure Weisheit, die hab ich mir schon lang an den Schuhsohlen abgelaufen! Eintränken will ich Euch den Spaß, Ihr sollt Euer Lebtag an den Windsberger Schulzen denken. – Karline, was stehst du da und heulst? Weg von dem Heiner, her zu mir, allsogleich zu mir, verstanden? Jeglicher Umgang mit dem Schneidersgesindel hat ein End für immer und ewig! – Her gehst du, hast mich verstanden? – Soll ich Gewalt brauchen?«

Das Murren der Versammelten schwoll zu dumpfem Brausen an, als der Schulze wirklich seine Tochter vom Schneidersheiner wegreißen wollte. Karoline hielt Heiner zurück, trat mutvoll einen 171 Schritt dem Vater entgegen und sagte: »Rührt mich nicht an, Vater! Bis heute war ich Euch in allen Stücken gehorsam, jetzt hat Eure Gewalt über mich ein Ende. Ich bin Euer Kind, eben darum habt Ihr nicht das Recht, mich zu verhandeln nach Eurer Laune, heute hierhin, morgen wo andershin. Vor wenig Stunden erst habt Ihr mich selber mit dem Schneidersheiner versprochen, mit Eurer Einwilligung habe ich mich ihm angelobt, – nun, weil es Euch nimmer paßt, soll das nichts gelten? – Nein, so geht das nicht! Was ich mit Eurem Willen dem Heiner gelobt, hat der Herrgott gehört, vor ihm gilt mein Wort, und kein Mensch kann's aufheben. Ich gehör dem Heiner und bleib dem Heiner, und was ich den Zipfelschneidersleuten versprochen, das werd ich auch halten! – Gott im Himmel weiß, wie mir's ins Herz schneidet, daß ich Euch so entgegnen muß, aber ich kann nicht anders. Ich müßte mir's zur großen Sünde anrechnen, wollte ich Euch durch Nachgeben in Eurem Sinn bestärken und vielleicht zu großem Unrecht verleiten! Ich habe Euch so oft gewarnt, gebeten: laßt ab von Eurem Tun, suchet Frieden und Versöhnung mit Euren Nachbarn! – Ich kann nicht mehr. Tut jetzt, was Ihr wollt, vollführt Eure friedlosen Gedanken, ich rede nicht darein, nur mich laßt außer dem Spiel, nur auf mich rechnet dabei nicht. Ich gehöre ins Zipfelschneidershaus, da ist jetzt meine Heimat, da bleibe ich, mag kommen, was will!« Ihre Wangen glühten, unwillkürlich hatte sie sich höher aufgerichtet, – ein herrlicher Anblick, wie das schöne Mädchen so begeistert ihre Liebe verteidigte! Atemlos lauschte auch die Menge, aller Augen hingen bewundernd an dem Mädchen. Plötzlich schwand ihre Erregung; sie sank in sich zusammen, ein Tränenstrom stürzte aus ihren Augen, die Hände ringend rief sie im schneidenden Jammer: »Ach, – meine Mutter! Meine Mutter! Meine armen, armen Geschwister!«

Lautloses Schweigen lag auf der erschrockenen Menge, nur da und dort hörte man leises Schluchzen. Auch der Schulze war sehr bleich geworden, unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten; unstet, ängstlich, wie nach einem Halt suchend, irrten seine Augen umher. Heiner suchte vergebens die immer heftiger Weinende zu beruhigen, da trat der Zipfelschneider zu ihr, legte ihr seine Hand auf den Kopf und sagte: »Bist ein wackeres, braves Mädle, Karline! – Ja, in dir hab ich mich nicht betrogen! Sei nicht so ganz außer 172 dir, Kind! Deine Reden hat unser Herrgott gehört, und im Himmel muß darüber Freude sein! – Ja, du bist mein lieb, lieb Mädle, mein Herzenskind! – Beruhige dich, es wird noch alles gut werden! – Dir, Schulz, sage ich hiermit ein für allemal: du magst den Vergleich umstoßen, so oft du willst, – von meiner Seite bleibt er bestehen. Da, – deine Karline und mein Heiner sind meine Kinder und sollen's bleiben, all mein Hab und Gut gehört ihnen. Kannst du's nun vor Gott und deinem Gewissen verantworten, – streite mit deinen Kindern, wir sind fertig mit'nander! – Es weiß der liebe Gott, wie schwer mir die Verwirrung aufgelegen, wie ich mein Unrecht bereut, wie ich mich nach Aussöhnung mit dir gesehnt. Fern sei es von mir, mich in neuen Hader zu stürzen; ich bin ein alter Mann und will in Frieden sterben! Wie du dich auch zu mir stellst, ich laß mich nicht wieder erbittern, du bist und bleibst mein herzlieber Freund und Kriegskamerad!« – Hastig beschwichtigte er das laute Lob der Umstehenden, trat einen Schritt näher zu dem Schulzen, in dessen Gesicht es sonderbar zuckte und arbeitete und sagte herzlich: »Und ich weiß, im Grund deines Herzens bist du grade so gesinnt wie ich, – werd ich doch meinen alten Kriegskameraden kennen! – Kann dir's selber nicht verdenken, wenn dir die Galle ins Blut geschossen ist, der Spaß war ein bißle allzustark. Mir wär's an deiner Stelle grade so gegangen – –«

»Gottfried, – gelt, das sagst du auch?« unterbrach ihn der Schulz schluchzend und wischte mit den Jackenärmeln die immer wieder quellenden Tränen weg. »Das Rackerzeug da, die Musikanten da, – Gottfried, sag selber, ist's nicht sündlich, so mit einem Mann umzugehen, der Schulz von Windsberg ist und was bedeutet?«

»Freilich, freilich,« sagte Gottfried, zog die noch immer nach den verblüfften Musikanten drohende Faust des Schulzen in seine Hand und öffnete sie sanft. »Aber, lieber Gott, 's sind eben einmal Musikanten, du weißt ja selber, was das besagt! – Und 's war ja auch gar nicht so ernstlich gemeint von dir. Hätte man dir Zeit gelassen, dich zu besinnen, 's wäre anders gekommen. Aber so stürzte alles zugleich auf dich ein, das hat dich verwirrt und desperat gemacht!«

»Gottfried, Gottfried, – du bist wahrhaftig ein Mann und 173 bedeutst was,« sagte der Schulz leise und legte sein Gesicht auf die Schulter des selbst tief bewegten Freundes. Plötzlich richtete er sich auf und rief: »Ihr Nachbarn und Freunde, vergeßt meine Wildheit, – ich war ein Narr, seh's selber ein! Ich dank Euch, Gevatter Schulz, Euch, Zimmerdick, besonders aber dir, Karline, und dir, Gottfried, – daß ihr mir mannhaft widerstanden habt. Nun ist's vorbei mit der Torheit, vorbei für immer. – Potz Velten und Bastel! Wo ist der Mühljohann, der Millionenracker? Hast deine Sach gut gemacht und an einem Trinkgeld soll dir's nicht fehlen, – verbitt mir aber für alle Zukunft jegliche Musikantenstreiche! Potz Velten und Bastel, – bist ein Racker, Johann! Den Kopf hätte ich mir abschneiden lassen, das ist ein richtiger Amtskerl! – Wo hast du nur die Gelehrsamkeit und das großartige Wesen her?«

»'s Röckle und die Brill'n vom Schulmeister,« schmunzelte Johann geschmeichelt. »Die Grobheit und's Übrige habe ich den Feldwebeln abgeguckt!«

Ein fröhliches, befreiendes Gelächter erfüllte die Luft. Die endlich eintretende Stille benutzte der Schulz, gab seiner Tochter die Hand und sagte weich: »Karline, verzeih mir! – Ja, mein Gottfried hat recht, du bist ein wackeres, braves Mädle, – Gott segne dich! – Heiner, halte sie gut!« – Danach schüttelte er dem Zipfelschneider die Hand. »Gott sei tausend, tausend Dank! – Wie ist mir jetzt so wohl, so leicht! Und das dank ich dir, Gottfried, – potz Velten und Bastel, trotz einem Schulzen bist du ein Mann und bedeutest was!«

Gottfried drückte dem versöhnten Freunde herzlich die Hand, schüttelte leise das ehrwürdige Haupt und lächelte: »Früher habe ich das wohl selber geglaubt, – damit ist's lang, lang vorbei! – Aber du, – du bist in Wahrheit ein Mann, der in die Welt paßt!«

Als des Schulzen Gesicht vor Vergnügen leuchtete, er sich unwillkürlich höher aufrichtete, schmunzelte der Bergkasper: »Na, – so ist's jecht! – Endlich wird der Kjam authientisch!«

Auf einen Wink der Lindenbrunner und Grumbacher Schultheißen trat das Buchbacher Dorfoberhaupt mit seinen beiden Kränzen nochmals vor die beiden Freunde, die sich nun willig schmücken ließen, und brachte ein Hoch auf den Schulzen und den Zipfelschneider aus, in das alle Anwesenden jubelnd einstimmten. 174 Rasch ordnete sich der Zug und kehrte unter den Klängen der Musik ins Dorf zurück.

Glückselig blickten sich die alten Freunde in die Augen; einmal neigte sich der Schulze zum Zipfelschneider und sagte: »Ist's dein Ernst, daß ich ein Mann bin, der in die Welt paßt? – Potz Velten und Bastel! – Hm, Grund hat das schon, ich leugne das nicht! – Sieh, meine Karline hat eine Kuraschiertheit und eine Schneid an sich, – schon daraus geht klärlich hervor, daß ihr Vater was bedeuten muß! – Meinst nicht auch?« Der Zipfelschneider nickte bestätigend und vollendete dadurch das Glück des Schulzen.

Vom Glück des Brautpaars, von den Freudentränen der Schulzin und Annekunnel reden wir nicht.

Das Friedensfest verlief heiter und schön, kein Zwischenfall störte mehr die Freude. Noch vor Sonnenuntergang rollten zwei Kutschen in das Dorf; ein großes Aufsehen entstand, als der Oberamtmann und der Schottendorfer Amtmann ausstiegen, in herzlicher, aufrichtiger Weise ihre Freude an der so unerwarteten Aussöhnung kund gaben, zwanglos das Vergnügen des Festes teilten, die Lust durch Laune und Heiterkeit mehrten statt störten. Der Schulze von Windsberg besonders war glücklich über diese »Ehre«, und als die Herren gar noch die Einladung auf die Hochzeit seiner Tochter mit aufrichtiger Freude annahmen, schwamm er in einem Meer von Seligkeit.

Die Polizeistunde war lange, lange vorüber, als die Herren endlich aufbrachen. Beim Abschied sagte der Oberamtmann: »Bei aller Freude über die glückliche Beilegung des langen, verderblichen Streites kann ich mich der Empfindung einer gewissen Demütigung nicht erwehren. Was wir mit dem Aufwand aller Kräfte und Mittel, welche der Staat uns zur Verfügung stellte, nicht erreichten, das macht sich ganz von selbst, sobald das Volk selbst die Sache ernstlich in die Hand nimmt! – Verehrter Freund, lassen wir uns das eine Lehre sein! – Wir sprechen wohl noch weiter darüber, – gute Nacht!«

Erst am Morgen trennten sich die versöhnten Gegner; jeder Dorfschaft gaben die Musikanten ein Stück Weges das Geleit, – und so endete, wie er begonnen, mit Musik – der Dorfkrieg.

 

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