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Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war nahe am Mittag, die Sonne brannte heiß herein in den Windsberger Schulzenhof, kein Lüftchen regte sich, und der Schulze, der an seinen Pflügen hantierte, wetterte arg über die übermäßige Hitze. Plötzlich warf er zur großen Verwunderung des – ausnahmsweise – von der Kette erlösten Hofhundes Hammer und Fettbüchse zu Boden, rannte in das Haus und schrie in der Küche seine erschrockenen Frauen an: »Fix, räumt auf in der Stube! Alte, tu das Käsbrett von den Ofenstangen, und du, Karline, wisch Tisch und Bänk ab. – Aber Herrgott noch einmal, fix, sag ich! Es kommt ein Amtskerl, gewiß ein Großer, hat 'nen Schnauzbart und 'ne Brille. Macht voran, – gleich wird er da sein!«

Damit rannte er selbst eifrig in die Stube, strich vom Ofen einen Haufen Strümpfe und Socken in die dunkle »Hell« und warf eben einen Bund Schleißen (Lichtspäne) in die Küche, als auch schon Schritte auf der Treppe laut wurden.

»Holla, rappeldipappel,« lachte der Fremde und drehte seinen Schnurrbart, »wäre ich ein Gendarm, hättet Ihr Eure Schleißen zu spät vom Ofen genommen! Der Amtmann würde sich nicht schlecht wundern, erführ er, wie die Schulzen selber die Feuerschau hintergehen!«

Das Wort ließ den Schulzen kerzengerade in die Höhe fahren; verlegen rieb er die Wirbelhaare nieder und brummte: »potz Velten und Bastel! Der Herr wird doch keine Dummheiten machen?«

Ohne darauf zu achten, schritt der Fremde mit kurzem: »Morgen!« an ihm vorüber in die Stube, zog sich einen Stuhlan den Tisch, schnürte ein Aktenbündel auf, prüfte seine Stahlfedern und verlangte barsch Tinte. Dem Schulzen ward es bei diesen Anstalten übel und weh; was mochte er einmal wieder verbrochen haben, daß ihm das Amt so mir nichts dir nichts den »Kerl« über den Hals schickte? Der Herr, dem augenscheinlich die Brille viel Not machte, unterbrach sein Sinnen, fixierte ihn scharf über die Brillengläser hinweg und fragte barsch: »also Er ist der Schulze von Windsberg?«

Dem Schulzen kam es in die Kehle, daß er lange husten mußte. War der »Amtskerl« ein Großer oder Kleiner? – Seiner Grobheit nach konnte er beides sein; denn die richtigen »Großen« sind 155 grob, weil nun einmal die Grobheit zum vornehmen Wesen gehört, dagegen die Kleinen, die Schreibersknechte, glauben wunder was sie sind und können, schnauzen sie die Bauern an. Auf alle Fälle mußte er das noch ergründen, um den Fremden danach zu behandeln. Sicher war etwas gegen ihn im Werk; wollte er aber dem drohenden Strafgericht zuvorkommen oder es abwenden, so mußte er das Vertrauen des Fremden zu gewinnen suchen, ihn aushorchen, womöglich ganz in sein Interesse ziehen. War's nun ein Großer, dann wirkte Eiersalat mit Schinken und eine Einladung zur Hühnerjagd, bei einem Schreiber dagegen tat es auch Brot, Butter, Käs und Bier, und vielleicht ein Trinkgeld auf unterwegs. – Mit schlauer Zurückhaltung sagte er nach einer Weile: »der wär ich! Was beliebt dem Herrn?«

»Ist Er reich?«

Der Schulze mußte wieder viel husten. – Wo wollte das hinaus? Was sollte das bedeuten? Das war ja eine gefährliche, verfängliche Frage; um eine Kleinigkeit konnte es sich nicht handeln, und der Herr war also gewiß ein Großer! – Heimlich raunte er Karline zu, die eben eintrat. »Fix, kocht Schinken ab und macht Eiersalat! Holt auch den ›Muskatenwein‹, den ich verwichen für die Grumbacher Schulzengevattern mitgebracht hab, daß wir den Herrn einstweilen beim Guten erhalten, –aber fix, sag ich, das ist ein jämmerlich Großer!« Als sich Karoline eilig entfernt hatte, sagte er traurig zu dem Fremden: »wo sollt Reichtum bei unsereinem herkommen!«

»Herkommen,« sagte der Herr im Schreiben.

Potz Velten und Bastel, dachte da der Schulz, ein Großer kann's wieder nicht sein, der hätte seinen Schreibersknecht mitgebracht, also ist's dennoch nur ein Geringer, – wart du, mit dir reden wir anders! – Eben fuhr die Schulzin, feuerrot vor Eifer und Aufregung, die Flasche Muskatwein nebst Glas und mürbes Gebäck auf einem Teller in der Hand tragend, zur Türe herein. Noch zu rechter Zeit erwischte er sie am Rock, riß sie zurück und murrte sie zornig an: »so tu doch auch nicht gleich wie närrisch, 's pressiert nicht so arg! Der da wartet schon; Käs, Brot und Halbbier ist noch übrig gut für ihn!«

Ärgerlich befühlte die Schulzin ihren Rock, wie viel Falten er ihr wohl ausgerissen, und ging zornig mit den Worten zur Türe 156 hinaus: »du bist und bleibst ein alter Hans Narr! Mir komm nicht wieder, ich tu gar nichts!«

Der Herr schien von der heimlichen Unterredung der Schulzenleute nichts bemerkt zu haben, denn er fragte gleichmütig: »wie groß ist Sein Gut?«

»Hab auf zwei Ochsen zu bauen,« entgegnete der Schulz und setzte grob hinzu: »aber potz Velten und Bastel, was hat Er danach zu fragen? – Wer ist Er denn eigentlich?«

»Millionendonner, Blitz und Hagel,« schrie der Fremde aufspringend und rollte über die Brillengläser weg die Augen ganz erschrecklich. »Wie kann Er sich unterstehen, mir so zu kommen? Hat Er seinen Verstand in den Fußzehen, daß Er mir nicht ansieht, wer ich bin? – Donner und Doria, noch solch ein Wort, und acht Tage brummt Er im Loch! – Jetzt nicht gemuckt, sonst soll Ihm der Teufel das Licht halten! – – Hat Er Schulden?«

Der Schulze war ganz erschrocken zurückgefahren; er begann zu zweifeln, ob das wirklich nur ein Schreibersknecht sei, hielt es aber für gut, die Geschichte noch abzuwarten; einmal mußte ja doch Klarheit in die Sache kommen. Bescheiden, ein wenig pfiffig lachend, meinte er. »'s ist nicht arg!«

»Millionenblitz,« fuhr der Herr abermal auf. »Ihn soll mit samt seinem Geträtsch! – Ja oder nein?«

Dem Schulzen ward nun wirklich übel zu Mut, ängstlich rieb er die Wirbelhaare nieder und dachte: »Großer oder Kleiner, – ein richtiger Kerl ist er auf alle Fälle und versteht's, mit den Leuten umzugehen! Wo's nur hinaus will? – Kleinlaut sagte er: »nein!«

»Wie groß ist das Vermögen Seiner Frau? – Hat sie ihr volles Erbteil schon empfangen oder noch zu erwarten?«

»Herr, Herr! – Um tausend Gottes willen, was soll das bedeuten?« schrie der Schulz in heller Angst. »Ich hab doch niemand umgebracht und auch nicht gestohlen, noch betrogen, noch die Obrigkeit gelästert! – Wo soll's hinaus?«

»Hm, – was gehen mich Seine Prozesse an?« knurrte der andere halblaut vor sich hin. Seinen Rock aufknöpfend und sich's bequemer machend, sagte er dann ein wenig menschlicher: »Uff, – 's ist verdammt heiß, und bis man auf die Höhe kommt, kriegt 157 man schändlichen Durst! – Hm! – Also: wie steht's mit dem Vermögen Seiner Frau?«

»Daß sich Gott im Himmel erbarm,« jammerte der Schulz, dem das Wort »Prozeß« in alle Glieder geschlagen war und ihm plötzlich ein großes Licht aufgestellt hatte. »Hab der Herr nur ein linsele Geduld!«

Er eilte in die Küche. »Karline, fix trag den ›Wei‹ auf und die Weckle, aber fix sag ich! Herr meines Lebens, 's ist doch ein Großer! – Und du, Alte, koch Schinken ab und mach Eiersalat! – Ach, ach, Alte! – Tragt auf, was das Haus vermag, der Kerl ist da von wegen unserm Prozeß! – Ach du gerechter Gott, mir zittern alle Glieder! – Tragt auf, was der Tisch faßt! – Ach, ach, Alte, um uns steht's schlecht, der Kerl nimmt schon das Inventar auf!«

Mit lautem Schreckensruf sank die Bäuerin auf den Hackklotz, der Schulz eilte in die Stube zurück. Der Fremde ließ sich den Wein bereits wacker schmecken, griff eben an sich herum und rief: »zum Kuckuck auch, hab ich richtig meine Zigarren vergessen! – Fatal! – Aber kommt jetzt, Schulz, wir stehen beim Vermögen Eurer Frau!«

»Wart der Herr, bin gleich wieder da,« schrie der Schulz und rannte, so schnell es seine schlotternden Kniee gestatteten, davon. Karoline brachte Brot, Butter, Käse, Wurst, Schinken und Honig. Stutzig betrachtete sie den Fremden; dieser sagte verlegen: »um Gottes willen, verrat mich nicht, ich bin's freilich, – der Bergheimer Mühljohann. – Laß dir nichts merken, sonst ist alles verloren. – Einen Gruß vom Schneidersheiner, und nun geh mir aus dem Weg!«

Die bleichen Wangen des Mädchen röteten sich leise; ohne Erwiderung huschte sie hinaus, denn eben kam der Vater mit einer Handvoll Zigarren zurück, nötigte sie dem Fremden auf und trug ihm diensteifrig auch noch Feuer zu.

»Herr, Herr,« begann er zitternd, »redet jetzt, 's soll Euer Schade nicht sein! Wie steht's um meinen Prozeß? Hab ich schon verloren? – Ach, ach, ach, sagt mir, wär's denn um alles in der Welt möglich? Ist denn wirklich und wahrhaftig schon alles verloren? Gibt's keinen Ausweg mehr?«

158 »Millionenhagel,« fuhr der Fremde auf, dem das vertrauliche Näherrücken des Schulzen sichtlich sehr unangenehm war. »Was soll das heißen? – Wollt Ihr mich aushorchen? Donner und Doria, untersteht Euch so was! – Könnt's Euch denken, daß ich nicht zum Spaß in Euer Nest 'raufgeklettert bin! Warum habt Ihr Euch auch nicht mit dem Zipfelschn . . . wollt ich sagen mit dem Gottfried Wunderlich verglichen? Ist's Euch nicht von den Ämtern nahe genug gelegt worden, Eure Sache stände schlecht? – So geht's: wer nicht hören will, muß fühlen! – Na, und die Freud in Buchbach, erfährt's der Zipfelschneider, wie's um seinen Prozeß steht! – Noch weiß er nichts, und, – hm, – Eure Zigarren sind nicht schlecht!« – –

»Hab noch ein Kistle droben, – wart der Herr, ich hol noch ein Bündele auf unterwegs,« schrie der Schulz, dem ein heftiges Schlucken fast das Herz abstieß.

Der Fremde wischte sich den Schweiß ab und seufzte, als er das laute Weinen der Bäuerin vernahm: »ich wollt, ich wär erst wieder aus dem Haus, solchen Auftrag übernehm ich mein Lebtag nicht wieder. Vor lauter Angst habe ich keinen trocknen Faden an mir!«

»Redet doch,« ächzte der Schulz schon in der Tür. »Was ist zu tun, was ist zu machen? – Ratet, – helft, – ich will's Euch ewig danken!«

»Was kümmert mich Euer Kram? Donnerwetter, der Kuckuck traue! Jetzt lockt Ihr mich zum Reden, und hintennach bringt Ihr mich in tausend Ungelegenheiten,« schrie der Fremde. »Braucht Euren Verstand selber! Sagt ich nicht: noch weiß es der Zipfelschneider nicht, daß ich abgeschickt bin, Euer Vermögen aufzunehmen! – Ich dächte, das wäre genug gesagt! Vergleicht Euch so geschwind wie möglich mit dem Schneider und macht's fest im Amt, – vielleicht gelingt's Euch noch! – Aber Donnerwetter, was schwätze ich? – Wie groß ist das Vermögen Eurer Frau?«

»Daß sich Gott im Himmel erbarm, der Zipfelschneider wird nimmer wollen! – Viertausend Gulden fränkisch!«Ist gleich fünftausend Gulden rheinisch.

»Kapitalien?«

»Ach, ach, – ich bin ein geschlagener Mann, ein verlorener 159 Mensch! Der Zipfelschneider wird mir was husten und sich mit mir vergleichen! – Steckt im Hof!«

»Im Hof,« sagte der Fremde, spritzte seine Feder aus, schnürte aufatmend seinen Aktenband zusammen, vergaß nicht, auch die letzten Zigarren einzustecken. »Ich dank Euch, Schulz, für die Bewirtung! – Noch ist nichts verloren, aber säumen dürft Ihr Euch auch nicht. Seid gescheit und vergleicht Euch, so geschwind es geht, mit dem Zipfelschneider. Adjes!«

Ehe der Schulz ein Wort entgegnen konnte, war er schon aus der Tür und aus dem Haus. Die Bäuerin, die in verzeihlicher Neugierde alles mit angehört, kam weinend in die Stube; Karoline ließ sich nirgends sehen; der Schulz aber sank wie zerschlagen auf einen Stuhl, ließ Kopf und alle Glieder hängen und hatte auf das Weinen, Klagen und Jammern seiner Frau nur die eine Antwort: »da sitz ich, – macht mit mir, was ihr wollt!«

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