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Der Dorfkrieg

Heinrich Schaumberger: Der Dorfkrieg - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke, Dritter Band
authorHeinrich Schaumberger
year1905
firstpub1874-76
publisherJulius Zwißler
addressWolfenbüttel
titleDer Dorfkrieg
pages88
created20121215
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im ernsten Gespräch saßen die älteren Musikanten, der Zimmerdick, Hansaden, Wasserfuchs, Hanshenner und Schneidershannikel mit den Buchbacher und Lindenbrunner Nachbarn in der Wirtsstube zusammen, die der Schneidersheiner soeben verlassen. Die Erzählung seiner Aussöhnung mit der Schulzenkarline, besonders der Bericht des Mädchens über den Stand des Prozesses erregte große Teilnahme. Nach längerer Erörterung sagte der Zimmerdick: »dein Vorschlag läßt sich hören, Hannikel, und könnte, will's Gott, wohl zum Ziel führen. Nun aber nicht gesäumt, sondern gleich zur Ausführung! Daß ich's nur gestehe, der endlose Hader in den Dörfern, die Zwietracht in den Häusern, die Verwilderung der Männer, die Verderbnis der Jugend, das Unglück ohne Maß, wohin man auch blickt, – das alles hat mir schon fast das Herz abgefressen! Haben wir Bergheimer Musikanten, – Gott sei's geklagt, – vor zwei Jahren das Elend mit herbeigeführt, so ist's unsere Pflicht, daß wir auch wieder tun, was in unsern Kräften steht, dem Jammer ein Ende zu machen. Viel ist's freilich nicht, was wir tun können, aber es ist das letzte Mittel; schlägt auch das fehl, nachher kann nur noch der Herrgott eingreifen. – Dein Vorschlag ist nicht uneben, Hannikel, je länger ich ihn überleg, desto mehr gefällt er mir, – wenn der Schulz 151 auch darauf nicht eingeht, sollte man ihm, licksterwelt, was anders zudiktieren! – Also nicht gesäumt und gleich ans Werk. Zunächst bedürfen wir die Einwilligung des Zipfelschneiders, danach gilt's zu überlegen, wie wir den Schulzen 'rumkriegen. – Wer holt wohl den Zipfelschneider? – Du lieber Gott, 's ist ein Jammer, in keiner Gesellschaft sieht man den Alten mehr seit dem Unglück.«

Der Buchbacher Schulze, von einigen Nachbarn begleitet, begab sich sogleich in das Schneidershäuschen und kehrte bald mit dem Erwarteten zurück.

Mit großer Herzlichkeit ward der Zipfelschneider von den Nachbarn, die ihn alle liebten und nur ungern seine Gesellschaft entbehrten, aufgenommen. Das tat dem Alten wohl, wenn es auch seine Befangenheit nicht minderte. Als dann die Nachbarn weit, weit ausholten, viel von der Verderbnis der Welt sprachen, um endlich auf die Not der vier Dörfer zu kommen, rief der Zipfelschneider: »ihr Nachbarn, ich weiß, warum ihr mich habt holen lassen. Ihr wißt auch gut genug, wie schwer mir das Unrecht und die Verwilderung ringsum auf der Seele liegt. Habt ihr einen Vorschlag, dem Übel abzuhelfen, redet frei, mir soll kein Opfer zu schwer sein, verträgt sich's nur mit meinem Recht, meiner Ehr, den Frieden herzustellen. – Redet!«

Alle blickten gespannt auf den Schneidershannikel, und dieser begann denn auch nach einigem Räuspern: »'s ist ein Vorschlag, Schwager, und du mußt nicht meinen, daß er aus eigennütziger Absicht entstanden ist. Leider Gottes verfängt ja kein Mittel sonst beim Schulzen droben, und da meinten ich und die Nachbarn alle, das wär vielleicht ein Weg zum Ziel. Guck, Schwager, du und deine Alte habt eurem Paten, dem Heiner, schon lang eure Sachen zugedacht. Nun habt ihr's euch euer Leben lang rechtschaffen sauer werden lassen, ihr werdet alt und hättet's verdient, daß ihr's leichter kriegt, daß nun auch jüngere Kräfte für euch –«

»So sag's doch 'raus,« fiel ihm der Zipfelschneider ungeduldig ins Wort. »Sag's doch: du meinst, ich soll mich zur Ruhe setzen und dem Heiner meine Sachen übergeben! Ja, – liegt denn das an mir? War das nicht seit langem meine Absicht? – Wie oft habe ich dem Heiner schon den Antrag gestellt, aber er will ja nicht; seit er mit der Schulzenkarline auseinander ist, darf man ihm ja von Heiraten und Güterübernehmen gar nimmer reden!«

152 »Ja freilich, so war's. – Das hat sich aber geändert, drum red ich mit dir,« entgegnete Hannikel. »Sieh, der Heiner hat sich heut wieder mit der Karline vertragen, und wenn du nun – –«

»Der Heiner und die Schulzenkarline sind einig?« rief der Zipfelschneider aufspringend. »O mein Gott, – sagt, ist's wahr, hab ich auch recht gehört? – Ach, ich weiß nichts zu sagen, mir wirbelt der Kopf! – Wär's möglich? – Ach und die Freude meiner Alten! – Halt, kein Wort, jetzt laßt mich reden. Für den Fall mein Pat, der Heiner, die Windsberger Schulzenkarline heiratet, tret ich ihm Haus und Hof, all mein liegend und beweglich Gut ab mit der einzigen Bedingung, daß er mich und meine Alte treu pflegt und für christlich Begräbnis sorgt. Das ist mein fester, freier Wille, alle Nachbarn nehme ich hier zu Zeugen. Und ist mir ganz gleich, ob vorher ein Ausgleich zwischen mir und dem Windsberger Schulzen stattfindet oder nicht. An dem Tag, da der Heiner mit der Schulzenkarline Hochzeit macht, ist er Besitzer meiner Sachen, er muß dann eben auch den Prozeß mit übernehmen, und seine Sache ist's, wie er sich mit seinem Schwieger abfindet!«

»Du bist wahrlich ein Mann, der in die Welt paßt,« sagte der Schneidershannikel bewegt; auch die übrigen Musikanten, die Buchbacher und Lindenbrunner Nachbarn schüttelten dem Alten die Hand. Dieser aber lehnte alles Lob entschieden ab und sagte traurig: »laßt nur! Ich tu nichts als meine Schuldigkeit, und zuletzt ist für mich der größte Vorteil dabei obendrein. Laßt mich nur; ach, könnte ich den Schaden zudecken, das Unheil gut machen, das ich durch meine Übereilung anrichtete! – Ich seh euch an, ihr habt etwas vor, ihr sehnt euch auch nach Ruhe und Frieden, ihr wollt's versuchen, die Ordnung herzustellen, – sagt, was könnt ich noch tun? Macht's kurz, mir wird's eng, ich möchte zu meiner Alten; – was verlangt ihr noch von mir?«

»Nichts, nichts,« rief der Zimmerdick in tiefer Rührung. »Um was wir Euch bitten, Euch abschmeicheln wollten, Ihr habt's über Erwarten freiwillig schon zugesagt. Und nun setzt Euch zu uns, vom Heimgehen ist keine Rede, helft uns beraten, wie wir auch den Schulzen dahin bringen, daß er in die Freierei willigt, einen Vergleich mit Euch eingeht und damit den Frieden zwischen den vier Dörfern wieder herstellt. Setzt Euch, Gottfried!«

153 »Nein, nein! Dazu taug ich nicht, ich gehör nimmer in den Rat von Männern, wenigstens nicht in dieser Sach! Laßt mich heim, ich bitt euch, mir ist das Herz so voll, und soll ich mich allein der Wendung freuen, während meine Annekunnel sich daheim härmt? – Ach, ihr Nachbarn, ihr Musikanten, tut, was ihr vermögt. – Gott im Himmel, macht's fertig, daß ich in Frieden sterben kann. Und bringt ihr's fertig, dann seid ihr alle und die Windsberger und Grumbacher meine Gäste! – So, – jetzt laßt mich!«

Mit wankenden Knieen eilte Gottfried heim, oft blickte er auf zu den funkelnden Sternen. In der Stube eingetreten, sagte er: »Annekunnel, ein Fingerzeig vom Herrgott: der Heiner hat sich mit der Karline vertragen, und die Musikanten wie die Nachbarn gehen drauf aus, den Schulzen zur Einwilligung in die Freierei, überhaupt zum Nachgeben zu bringen. – Ja ja, mir zittert auch das Herz! – Geh, Annekunnel, mach Licht, wir wollen ein Lied beten, daß der Herrgott das Vorhaben gelingen läßt!«

Im Wirtshaus war noch viel Bewegung, viel Raten und Sorgen. Zuletzt stimmten alle, Musikanten und Nachbarn, dem Vorschlag des Schneidersheiner bei. Man verkannte die Gefährlichkeit des Planes nicht, fand aber nichts Besseres, und so sagte der Zimmerdick: »mag's denn dabei bleiben und wohl geraten, – zuletzt ist alles Menschenwerk nicht vollkommen, und kämen wir bei dem Schulzen auf geradem Wege zum Ziel, ei, dann brauchten wir weder Schliche noch Heimlichkeiten. – Mag's denn dabeibleiben!«

Dem Bergheimer Mühljohann, der eben vom Militär, wo er es bis zum Unteroffizier gebracht, zurückgekommen war und noch seinen Schnauzbart trug, ward viel eingeprägt und aufgetragen, bis er zuletzt lachend ausrief: »nun laßt mich aber in Frieden, dumm und taub wird man von dem ewigen Geschwätz. Bring ich's nicht aus mir selber fertig, macht all euer Reden die Sache um keinen Pfifferling besser!«

Ziemlich spät am Morgen trennte man sich. Auf dem Weg in ihr Quartier fragte der Bergkasper den Schneidersheiner: »he Heinjich, wie steht's? – 's ist schon der djitte Kirmestag und noch kein dummer Stjeich ausgeführt, – weißt nichts?«

»Laß mich in Frieden,« entgegnete Heiner kurz und verfiel wieder in sein Sinnen.

*

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