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Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe

Carl Schüler: Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe - Kapitel 9
Quellenangabe
authorCarl Schüler
titleDer Doppelgänger des Herrn Schnepfe
publisherAufwärts-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Am anderen Morgen, gleich nach dem Frühstück, setzte sich Dorival in den bequemen Lehnsessel im Wohnzimmer, zündete sich eine Zigarette an und entwarf Pläne.

»Was war Herr Labwein?«

Ein Winkelbankier.

Welche Geschäfte machte ein Winkelbankier?

Er gibt Darlehen gegen hohe Zinsen. Er vermittelt Sachen, mit denen sich Bankiers von gutem Ruf nicht befassen.

Wie tritt man mit ihm in Verbindung?

Durch die Zeitung, natürlich.

Dorival beschloß, es mit mehreren Anzeigen in einer vielgelesenen Tageszeitung zu versuchen. Vielleicht bot Herr Erich Labwein seine Vermittlerdienste an. Dann konnte er ihm einen Besuch machen und ihn kennen lernen. Er entwarf eine Anzeige, in der ein Kaufmann von bestem Ruf zur Vergrößerung seines Geschäftes 5000 Mark suchte, doppelte Sicherheit bot, sechs Prozent Zinsen versprach und außerdem sich anheischig machte, dem Geldgeber nicht nur das Kapital, sondern auch noch einen Gewinn von 2000 Mark zurückzuzahlen.

Für den Fall, daß Herr Labwein auf diesen Köder nicht anbiß, fertigte Dorival eine zweite Anzeige an. Diese Anzeige beruhte auf der Voraussetzung, daß Herr Labwein längere Zeit in Costalinda gelebt hatte und im Begriff war, den Konsul dieser Republik, Herrn Rosenberg, zu stürzen. Nach der Kalkulation Labweins mußte in nächster Zeit dieses Konsulat neu zu besetzen sein. Labwein, der von seinem Aufenthalt in Costalinda her sicher die Leute kannte, die jetzt an der Regierung waren, traute sich voraussichtlich genug Einfluß auf diese Herrschaften zu, um eine Neubesetzung des Konsulats in seine Wege lenken zu können.

Eine zweite Anzeige lautete:

Wer verschafft

Herrn aus sehr reicher, angesehener Familie einen Titel! Konsul bevorzugt, Belohnung bis zu 100 000 M. zugesichert. Angebote unter usw.

Dann verfaßte Dorival noch eine dritte Anzeige, in der ein junger Mann eine passende Gelegenheit suchte, ein ihm durch Erbschaft zugefallenes Kapital in Höhe von 250 000 Mark gewinnbringend anzulegen.

Noch an demselben Tag trug Dorival diese drei Leimruten in drei verschiedene Anzeigenbüros. Am folgenden Tage erschienen sie in schöner fetter Schrift, und vierundzwanzig Stunden später hatte Dorival viele Hunderte von Angeboten.

Seine erste Anzeige, in der er 5000 Mark zu leihen suchte, schien am wenigsten Anklang gefunden zu haben. Es meldeten sich nur siebzehn Selbstgeber, die außerdem sämtlich sehr mißtrauisch waren. Dreißig Vermittler boten ihm in der Angelegenheit ihre Dienste an. Die zweite Anzeige hatte schon einen besseren Erfolg. Dem jungen, ehrgeizigen Mann, der für einen Titel hunderttausend Mark ausgeben wollte, boten einhundertneunundachtzig Ehrenmänner mit besten Beziehungen ihre hilfreichen Hände an. Der eine wollte ihm einen Grafentitel, der andere den Titel eines Kammerherrn verschaffen, viele boten ihm den Titel eines Kommerzienrats an, und auch sein besonderer Wunsch, Konsul zu werden, konnte ihm von vielen Seiten garantiert werden. Einen gewaltigen Treffer aber hatte er mit der dritten Anzeige gemacht. Annähernd vierhundert gute Menschen, von denen ihm jeder einzelne versicherte, daß seine Angaben streng wahrheitsgetreu seien, wollten ihn in kürzester Zeit zum vielfachen Millionär machen, wenn er ihnen sein Erbe vertrauensvoll in die Hände legen wolle.

Herr Erich Labwein aber hatte sich auf alle drei Anzeigen gemeldet! Seine Angebote hatten alle drei den gleichen Wortlaut:

»Geehrter Herr! Ihre Anzeige in der heutigen Zeitung hat mein Interesse gesunden. Ich kann Ihnen sofort mit Gewünschtem dienen und bitte um Ihren umgehenden Besuch.

Ergebenst
Erich Labwein.«

Der erste Schritt war geglückt.

Dorival gab Galdino den Auftrag, alle Briefe zu vernichten, mit Ausnahme der drei Karten des Herrn Labwein, aber auch von diesen opferte er noch zwei Stück und behielt nur die Karte zurück, die die Chiffre der Anzeige trug, in der der Konsultitel gesucht wurde. Dorival wollte sich als der titelsüchtige Jüngling mit den hunderttausend Mark bei dem Winkelbankier einführen –

Das Geschäftslokal des Bankhauses Erich Labwein lag in der Jägerstraße. In einem der älteren Häuser. Man mußte drei Treppen erklettern. ehe man vor der Tür stand, hinter der der vielseitige Mann arbeitete.

Dorival studierte, ehe er die Hand auf die Türklinke legte, die zahlreichen. auf weiße Pappschilder gemalten, für den Besucher bestimmten Verordnungen. Auf einem dieser Schilder war zu lesen: »Geschäftszeit von 10 bis 3 Uhr, auch während der Börse geöffnet«. Auf einem anderen las man: »Besprechungen mit dem Direktor nur nach vorheriger Anmeldung«. Ein drittes Schild enthielt die Aufforderung: »Herein ohne anzuklopfen«.

Dorival kam dieser Aufforderung nach.

Er hatte sich zu diesem Besuch wohl vorbereitet. Seinem Diener hatte er erklärt, daß er einige Tage verreise. Er war auch mit einer Handtasche nach dem Bahnhof Friedrichstraße gefahren, hatte sich eine Fahrkarte nach Köln gelöst, den Fernzug bestiegen, und sich von Galdino das Gepäck in das Abteil reichen lassen. Auf dem Bahnhof Zoologischer Garten hatte er den Zug verlassen und war mit seinem Gepäck in einem Automobil nach einem Hotel am Potsdamer Platz gefahren. Dort hatte er sich zwei Zimmer im ersten Stock gemietet und sich in die Fremdenliste als Fabrikant Heinrich Rotmüller aus Elberfeld eintragen lassen. Auch Besuchskarten, die auf diesen Namen lauteten, trug er in seiner Brieftasche. Sein Aeußeres hatte er dadurch etwas verändert, daß er sich einen fertigen Anzug gekauft hatte, der in Farbe und Schnitt lebhaft von den Anzügen abstach, die er sonst zu tragen pflegte.

»Wen darf ich melden?« piepste das ältliche Fräulein jetzt Dorival an. Er reichte ihr eine seiner für diesen Besuch angefertigten Karten.

Das Fräulein las.

»In welcher Angelegenheit wollen Sie den Herrn Direktor sprechen, Herr Rotmüller?«

Dorival gab ihr die Postkarte mit der Unterschrift des Herrn Labwein. Das Fräulein prägte sich die Chiffre ein, schlug in einem Buch nach, und hatte bald gefunden, was sie suchte.

»Betrifft Beschaffung eines Konsulats?«

Als Dorival zustimmend nickte, verschwand sie in das Zimmer nebenan, um den Herrn Direktor auf den neuen Besucher vorzubereiten. Sie kam bald wieder und öffnete eins in den Zahltisch eingebaute Türe:

»Herr Direktor Labwein lassen Herrn Rotmüller bitten.«

Dorival trat in das Arbeitszimmer des Herrn Direktors. Er sah sich einem kleinen Mann gegenüber, dessen gelbliches Gesicht ein schwarzer Spitzbart umrahmte. Er hatte rotgeränderte, entzündete Augen.

»Es freut mich, Herr Rotmüller, daß Sie mich aufsuchen!« begrüßte Labwein seinen Besucher. Dann lud er Dorival ein, auf einem der Ripssessel Platz zu nehmen, holte eine Kiste Zigarren herbei, drückte die Tür nach dem Vorderzimmer in die Klinke und setzte sich in den anderen Sessel.

»Wir wollen in aller Ruhe Ihre Angelegenheit besprechen,« sagte er mit freundlichem Lächeln. »Rauchen Sie? Sie wollen also gern Konsul werden?«

Dorival lehnte die Zigarre ab, da ihm Zigarren zu schwer seien, bot aber Labwein seine Zigaretten an. Die Zigaretten fanden Labweins Beifall.

»Ich hatte in Elberfeld eine Knopffabrik,« erklärte Dorival. »Sie kennen vielleicht die Firma Rotmüller & Sohn?«

»Oh ja!« log Labwein.

»Nach dem Tode meines Vaters habe ich die Fabrik zwei Jahre allein geführt. Nun habe ich sie verkauft. Sehr günstig. Ich will mich in Berlin niederlassen. Berlin bietet doch mehr wie Elberfeld.«

»Da haben Sie recht!« bestätigte Labwein.

»Ich besitze ein recht ansehnliches Vermögen.«

Labwein horchte auf.

»Ich kann Ihnen einige ausgezeichnete Sachen an die Hand geben,« unterbrach er Dorival, kniff dabei ein Auge zu, sah mit dem anderen seinen Besucher verschmitzt an und küßte sich die Fingerspitzen seiner rechten Hand. »Großartige Sachen! Zum Beispiel hier eine Hypothek auf ein prima Vorortgrundstück. An der Hypothek lassen sich im Handumdrehen 20 000 Mark verdienen. Es ist ein Geschäft, das man dem eigenen Bruder nicht gönnt, so fein, so glatt. Doch davon später. Fahren Sie fort, Herr Rotmüller. Sie haben mein Interesse.«

»Ich möchte nur hier in Berlin nicht so – so als gar nichts herumlaufen!« erzählte Dorival weiter. »Ich will ganz offen zu Ihnen sein, Herr Direktor. Sie machen auf mich einen sehr günstigen Eindruck.«

»Ich danke, Herr Rotmüller,« sagte Labwein und lächelte geschmeichelt. »Ich kann Ihnen außerdem die Versicherung geben, daß Sie auf mich den allerbesten Eindruck machen, den allerbesten, Herr Rotmüller. Es würde mich freuen, wenn ich Ihnen dienen kann. Sie gestatten.« Er nahm sich aus der offenen Dose Dorivals eine neue Zigarette. »Fahren Sie fort, Herr Rotmüller. Sie haben mein Interesse.«

»Ich will heiraten,« sagte Dorival und beugte sich zu Labwein vor. »Eine junge Dame aus sehr guter, adliger Familie. Nun bin ich nur bürgerlich, bin auch nicht Reserveoffizier. Daran stößt sich der Vater meiner Braut. Dumme Vorurteile. Aber was ist da zu machen? Solche Leute legen Wert auf Titel. Damm möchte ich Konsul werden!«

»Da haben Sie recht!« erklärte Labwein. »Sie sind bei mir gerade an die richtige Adresse gekommen. Sie haben Glück gehabt. Sie werden viele Angebote erhalten haben. Alles Schwindel, alles Schwindel. Hier in Berlin ist es überhaupt anders wie in Elberfeld. In Elberfeld ist alles reell, gediegen. Hier ist viel Schwindel. Sie haben Glück gehabt, das kann ich Ihnen gar nicht oft genug sagen. Sehen Sie sich mal das Bild an.« Er reichte Dorival eine Photographie, die in schlichtem Rahmen auf dem Arbeitstisch des Direktors stand. Das Bild zeigte das Galgengesicht eines Mannes in reichgestickter Generalsuniform.

»Sehen Sie sich einmal den Mann an, Herr Rotmüller. Was sagen Sie? Ein geistreicher, interessanter Kopf? Können Sie Spanisch lesen?« Er deutete auf einige Worte, die auf den unteren Teil der Photographie gekritzelt waren.

Dorival verneinte.

»Das heißt,« erläuterte Herr Labwein: »Seinem ausgezeichneten Freunde Erich Labwein, der tapfere General Alvarez.«

Dorival, der die spanische Sprache recht geläufig beherrschte, erkannte an den vielen orthographischen Fehlern der Widmung, daß der tapfere General Alvarez mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß stand und ihr gegenüber nicht siegreich war.

»O, Sie haben hohe Verbindungen?« staunte er.

Herr Labwein warf sich in die Brust.

»Merken Sie wohl auf, Herr Rotmüller, was ich Ihnen jetzt sage,« predigte er. »Mein Freund, der General Alvarez de Almeida, ist kürzlich wegen seiner Verdienste um das Land zum Präsidenten der Republik Costalinda gewählt worden.«

»Costalinda?« fragte Dorival. »Was für ein Land ist das?«

Herr Direktor Labwein schüttelte den Kopf.

»Na, so was!« lächelte er, »in Elberfeld ist man, wie es scheint, in der Geographie schwach. Costalinda ist ein ganz bedeutendes Land, ein sehr reiches Land. Es liegt in Mittelamerika. Keine Räuberrepublik, wenn ich bitten darf. Ein Land mit sehr geordneten Finanzen.«

»Ja, ja,« schien sich jetzt der Herr aus Elberfeld zu erinnern, »ich habe natürlich schon davon gehört. Ich wußte nur im ersten Augenblick nicht gleich Bescheid. Mit dem Präsidenten dieses Landes stehen Sie also in Verbindung, Herr Direktor?«

Labwein zeigte auf die Photographie und sagte voller Stolz: »Sie sehen ja, er schenkt mir sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift. Das geben solche hohen Herren nur ihren besten Freunden. Na also! Was wollen Sie mehr? Ein Brief von mir an meinen Freund Alvarez, und Sie sind Konsul der Republik Costalinda. Wenn Sie wollen, sogar Generalkonsul.«

»Da habe ich ja wirklich Glück gehabt, daß ich gerade bei Ihnen meinen ersten Besuch in der Angelegenheit gemacht habe,« freute sich Dorival. »Ich habe sehr viel Angebote bekommen.«

»Werfen Sie den ganzen Schwamm ins Feuer,« riet Labwein. »Wenn Sie es sich 150 000 Mark kosten lassen, werden Sie Generalkonsul. Ihr Schwiegervater wird Ihnen seine beiden Arme öffnen. Generalkonsul Rotmüller, dadrin liegt Schwung. Sie haben Zutritt zu den allerersten Kreisen. Zu den Hoffesten können Sie geladen werden. Ein Orden fällt auch noch ab, ein schöner Stern, an einem blauen Band um den Hals zu tragen, der Großstern der Ehrenlegion der Republik Costalinda. Sieht aus, wie einer der schönsten preußischen Orden.«

Der Herr aus Elberfeld schien von diesen Aussichten entzückt. Er rieb sich vergnügt die Hände und bot dem Mann, der so hohe Ehren zu vergeben hatte, noch einmal seine Zigaretten an.

»Ich wollte eigentlich über 100 000 Mark nicht hinausgehen,« sagte er. »Allerdings, wenn ich Generalkonsul werden würde und den Großstern der Ehrenlegion bekäme, käme es mir auch auf etwas mehr nicht an.«

»Da haben Sie recht,« bestätigte Herr Labwein. »Eine solche Sache ist immer mit Unkosten verknüpft, und ich freue mich, daß Sie das einsehen. Alvarez ist der ehrlichste Mensch von der Welt, aber ein Geschenk, wenn es nicht zu klein ist, nimmt er an. Natürlich nur von einem guten Freund. Ich werde alles einleiten. In drei bis vier Monaten sind Sie Generalkonsul und besitzen den Großstern der Ehrenlegion von Costalinda, Sie zahlen mir 150 000 Mark, ohne von mir eine Abrechnung über das Geld zu verlangen. Sie verstehen, solche Geschäfte sind Vertrauensgeschäfte. Darüber gibt man nichts Schriftliches aus der Hand. Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit.«

Leute aus der Provinz sind mißtrauisch.

Herr Labwein war durchaus nicht erstaunt, daß der Fabrikant aus Elberfeld nicht gleich mit Freuden auf seinen Vorschlag einging. Der Vorschlag, die große Summe ohne Quittung, ohne Garantie dem anderen auszuhändigen, schien Herrn Rotmüller nicht recht zu behagen.

»Sie werden entschuldigen, Herr Direktor, wenn ich mich zunächst noch etwas informieren möchte,« sagte Dorival. Dann fragte er:

»Ist denn bisher die Republik Costalinda in Berlin nicht durch einen Konsul vertreten gewesen?«

»Aber natürlich hat Costalinda hier einen Konsul. Und was für einen. Draußen im Grunewald wohnt er, eigene Villa, eigenes Automobil. Kommerzienrat ist er auch. Ja, was denken Sie denn? Ein Land, wie Costalinda, ein Land von solcher Bedeutung, das hat einen erstklassigen Konsul nötig. Einen Mann, der repräsentieren kann. Sie müssen in jedem Jahr zwei diplomatische Bälle geben, Herr Rotmüller. Ich hoffe, Sie werden bei den Einladungen auch den Mann nicht vergessen, den der Präsident Alvarez seinen ausgezeichneten Freund nennt.«

Dorival reichte seinem Gegenüber treuherzig die Hand.

»Ich hoffe, Sie recht häufig bei mir als Gast zu sehen, Herr Direktor. Aber warum behält denn dieser Kommerzienrat nicht das Konsulat?«

»Ich stürze ihn!«

Der kleine Mann mit dem Spitzbart reckte sich wild auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Er ist ein unwürdiger Mensch, der gegen die Regierung meines Freundes Alvarez Ränke spinnt. Aber ich habe ihn in der Hand. Ich vernichte ihn. Er dünkt sich mir gegenüber vielleicht groß und mächtig, weil ich keine Villa habe und kein Automobil und weil ich nicht Kommerzienrat bin. Aber auch eine Mücke kann stechen, und schon mancher ist an einem Mückenstich zugrunde gegangen. Ich werde ihn zugrunde richten, den Herrn Konsul und Kommerzienrat Rosenberg.«

Herr Rotmüller aus Elberfeld schien von den Ausführungen des Direktors Labwein, trotz der temperamentvollen Art, in der er sie vorgetragen hatte, nicht ganz beruhigt zu sein.

»Sollten Sie da vielleicht nicht doch ihren Einfluß etwas überschätzen, Herr Direktor,« fragte er. »Gewiß ist der Herr, den Sie nannten, ein reicher Mann, der sich zu behaupten wissen wird. Sie sagten doch selbst, Präsident Alvarez wäre Geldgeschenken gegenüber nicht unempfindlich.«

»Ich sagte: Er nimmt von Freunden Geschenke an!« korrigierte Labwein die Ansicht seines Besuchers. »Der Konsul Rosenberg zählt aber nicht zu den Freunden des Präsidenten. Er gehört von jeher zur Gegenpartei. Das weiß auch der Präsident. Es bedarf nur eines kleinen Anstoßes, und der Herr Rosenberg ist gestürzt. Dieser Anstoß liegt in meiner Brieftasche. Hier!«

Er schlug sich ein paarmal bedeutungsvoll auf die Brust.

Dorival senkte den Kopf. Er tat, als überlege er. In Wirklichkeit wollte er seinem Gegenüber sein triumphierendes Lächeln nicht zeigen. Also nicht im Geldschrank pflegte Herr Labwein den Brief aufzubewahren, sondern er trug ihn mit sich herum. Das vereinfachte die Sache sehr!

Labwein, der annahm, sein Besucher stoße sich an der Höhe der geforderten Summe, versuchte dem Elberfelder die Hergabe des Geldes schmackhafter zu machen.

»Sehen Sie, Herr Rotmüller,« sagte er, »Sie sind mir sehr sympathisch. Ich weiß, wir werden Freunde werden. Ich besitze Menschenkenntnis, das können Sie mir glauben. Ich sehe Ihnen an, Sie sind ein ehrlicher Mann. Mit einem ehrlichen Mann mache ich gern Geschäfte. Und ich werde mit Ihnen Geschäfte machen. Das Geld, das Sie jetzt ausgeben, um Generalkonsul zu werden und den Großstern der Ehrenlegion von Costalinda zu erhalten, werde ich Ihnen zurückgeben, innerhalb von zwei Jahren. Was sage ich, innerhalb von einem Jahr. Ich werde Sie in den Aufsichtsrat von einigen großen Gesellschaften bringen. Sie werden Tantiemen vom Reingewinn erhalten, die höher sind wie ein Ministergehalt. Ernennen Sie mich zu Ihrem Hofbankier, und ich werde Ihnen Geschäfte zuweisen, an denen Sie in einem Jahr das Doppelte von dem verdienen, was Sie jetzt ausgeben. Lassen Sie mich nur dafür sorgen. Interessieren Sie sich für Patente?«

»Später, später,« vertröstete Dorival den Geschäftsmann. »Heute noch eine Frage: Läßt sich die Sache nicht etwas beeilen? Sie meinten, Sie hätten drei bis vier Monate nötig, um die Geschichte in Ordnung zu bringen. Könnte nicht innerhalb von zwei Monaten die Sache geregelt sein?«

Herr Labwein lächelte verständnisvoll.

»Sie wollen gern heiraten? Verliebte Leute sind immer ungeduldig. Nun, ich will sehen, was ich machen kann. Ich reise in der nächsten Woche nach England. Wissen Sie zu wem? Zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten in der ganzen europäischen Geschäftswelt. Sehen Sie hier, lesen Sie den Namen.«

Er holte von seinem Schreibtisch einen Brief, hielt seine Hand schützend über den Text des Briefes und ließ seinen Besucher nur den Briefkopf lesen. Der Brief war abgesandt von Howard Frederik Byford in Liverpool.

»Die Firma wird Ihnen doch bekannt sein?« fragte, mit einem Anflug von Stolz, Herr Direktor Erich Labwein.

»Natürlich,« staunte der Elberfelder Fabrikant, »das ist ja die größte Baumwollfirma Englands. Mit den Leuten stehen Sie in Verbindung?«

»Ich besitze eine persönliche Einladung des Sir Byford,« prahlte Direktor Labwein. »Er bittet mich, zu einer Konferenz nach Liverpool zu kommen. Sie wissen doch, man nennt ihn den Baumwollkönig. Da sehen Sie, daß ich nicht nur mit Präsidenten, sondern auch mit Königen auf gutem Fuß stehe. Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Herr Rotmüller. Ueberlegen Sie sich die Sache bis morgen und geben Sie mir morgen Bescheid. Wenn nicht, dann nicht. Wenn Sie aber wollen, dann ist Vorauszahlung meine erste Bedingung.«

»Ich nehme Ihren Vorschlag an,« erklärte Dorival und erhob sich. »Ich werde die Sache beschlafen. Morgen teile ich Ihnen meine Entschließung mit. Ich glaube, daß ich das Geld opfern werde. Ich würde dann morgen nachmittag nach Elberfeld fahren, um das Geld flüssig zu machen. Ich kann in zwei Tagen, also am Sonnabend, mit dem Geld wieder zurück sein. Sie hätten es also noch vor Ihrer Reise nach England. Ist Ihnen das recht?«

»Vollkommen, mein lieber Herr Rotmüller.«

»Ich würde morgen vormittag wieder um diese Zeit bei Ihnen sein. Es wäre mir lieb, wenn ich nicht zu warten brauchte. Weil ich doch mit dem Mittagszug schon nach Elberfeld fahren möchte.«

»Ich werde mich zu Ihrer Verfügung halten und meiner Bürovorsteherin Anweisung geben, daß ich für niemand zu sprechen bin. Mein lieber Herr Rotmüller, es hat mich sehr gefreut, Sie kennen gelernt zu haben.«

Er drückte Dorival die Hand in fester, biedermännischer Art.

»Ich hoffe, Ihnen dienen zu können.«

Er ahnte nicht, was für Gedanken in diesem Augenblick das Hirn seines Gegenübers durchkreuzten. Einen Augenblick lang nämlich durchzuckte Dorival der heiße Wunsch, den kleinen Mann durch einen kräftigen Faustschlag zu betäuben und ihm den Brief zu entreißen. Ein bißchen Brutalität, und er war im Besitz des Briefes.

Er wunderte sich über sich selbst, wie er ruhig lächeln konnte, wie er es über sich brachte, seinem Gegner die Hand zu drücken, sich höflich zu verabschieden ...

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