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Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe

Carl Schüler: Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe - Kapitel 8
Quellenangabe
authorCarl Schüler
titleDer Doppelgänger des Herrn Schnepfe
publisherAufwärts-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Er vergrübelte den Tag und den halben Abend.

Schließlich wurde er sich in unbestimmt schleierhafter Weise klar darüber, daß er Vorbereitungen höchst praktischer Art zu treffen hatte.

Er blickte nach der Uhr. Es war in wenigen Minuten elf.

Er sprang auf. Die Zeit war günstig. Er beschloß, sich umzuziehen und gleich eine kleine Streife durch solche Lokale zu unternehmen, in denen er hoffen durfte, einen Menschen zu finden, den er gebrauchen konnte.

Einen Revolver in der Tasche, verließ er eine halbe Stunde später das Haus.

Sein Weg in das Innere der Stadt führte ihn an dem Geschäftshaus vorüber, dessen Eingang das Konsulatschild der Republik Costalinda schmückte.

»Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,« pfiff er vor sich hin und lächelte zu dem Wappen mit dem Palmbaum und den drei Tigerkrallen hinüber.

Er war einmal vor längerer Zeit auf seinen nächtlichen Streifereien mit Umbach in ein Kellerlokal geraten, das in der Nähe des Alexanderplatzes lag. In dieser Spelunke verkehrte allerlei verdächtiges Gesindel. Neben Leichenfledderern und Klingelfahrern, diesen niederen Graden der Berliner Verbrecherwelt, sollten hier auch die Aristokraten der Zunft, die schweren Jungen, die Geldschrankknacker, anzutreffen sein. Umbach und er hatten sich dies Lokal und seine Kundschaft als eine Art großstädtische Sehenswürdigkeit angesehen.

Das »Wirtshaus zum treuen Oldenburger«, so nannte sich die Kaschemme, zeigte sich nur halbbesetzt, als Dorival durch seine drei Gastzimmer schlenderte, um sich einen geeigneten Platz auszusuchen. Er wußte von seinem früheren Besuch, daß das letzte Zimmer, das einen besonderen Ausgang nach dem Hof hatte, gewissermaßen das Honoratiorenstübchen war. Fünf Tische waren hier aufgestellt. Ein großer, runder Tisch stand vor einem alten, eingesessenen Ledersofa. Ein Herold aus Zinnguß stand mitten auf dem Tisch. Sein linker Arm war abgebrochen, in der rechten Hand hielt er unentwegt eine Fahne, auf der das Wort »Stammtisch« mit rotem Garn eingenäht war. Die übrigen vier Tische waren je mit einer schmalen Seite dicht an die Wände gerückt und mit Rohrstühlen umstellt. Auf dem Sofa lag ein schlafender Mann, und neben ihm saß auf einem Stuhl ein Mädchen, die Arme auf den Tisch gekreuzt, den Kopf auf ihnen gebettet. An dem Tisch neben dem Ausgang nach dem Hof saß ein älterer Mann, mit stattlichem, grauen Vollbart. Er unterhielt sich leise mit einem jungen Mann, der ihm gegenüber saß, und dessen eingefettetes Haar in eine Locke auslief, die mitten auf der Stirn festgeklebt zu sein schien. An einem anderen Tisch hockte ein kleines buckliges Männchen, dessen Beine so kurz waren, daß sie frei an den Stuhlbeinen herunterbaumelten.

Dorival setzte sich an den Tisch, der dem Stammtisch zunächst stand. Ein Kellner, der über den abgetragenen Frack eine sehr schmutzige Schürze gebunden hatte, fragte den neuen Gast nach seinen Wünschen.

Dorival bestellte eine Flasche Wein. Er ahnte, daß ihm diese Bestellung das Interesse des Kellners sicherte. Und das war auch in der Tat der Fall.

Als der Kellner ihm die geöffnete Flasche brachte und ihm sein Glas füllte, fragte er: »Erwarten Sie jemand?«

»Ich erwarte keine bestimmte Person,« sagte er zu dem Kellner, »aber ich suche hier eine Bekanntschaft zu machen. Kennen Sie einen zuverlässigen Mann, der sich darauf versteht, einen Geldschrank zu öffnen?«

Der Kellner stützte beide Hände auf den kleinen Tisch und beugte sich vertraulich vor.

»Hast du wat ausbaldowert?« fragte er interessiert.

»Gewiß!« antwortete Dorival. »Und es ist bei der Sache etwas zu verdienen!«

Der Kellner beugte sich weiter vor.

»Kann man bei dem Ding leicht verschütt' gehen?« fragte er, und der Adamsapfel geriet in lebhafte Bewegung.

»Was meinen Sie damit?« sah sich Dorival gezwungen zurückzufragen.

»Ob's gefährlich ist, meine ich?«

Dorival zuckte die Achseln.

»Einen Angsthasen kann ich nicht gebrauchen. Für einen, dem das Aufbrechen eines Geldschrankes keine Schwierigkeiten macht, ist die Sache nicht gefährlich, sollte ich meinen!«

»Wenn ein Brauner zu verdienen wäre – ick habe nämlich selbst früher –« er ergänzte seinen Satz durch eine bezeichnende Handbewegung. Dorival verstand ihn. Er wollte ihm klar machen, daß er selbst früher Geldschränke erbrochen habe. Und mit der Erinnerung an seine frühere Tätigkeit schien ihm die Lust zu neuen Taten zu kommen. Er klopfte Dorival auf die Schulter.

»Du, ick mach' mit,« sagte er und verzog seinen breiten Mund zu einem Lächeln. »Du jefällst mir. Bei mir kannst du wat lernen. Ick habe schon fünf Jahre Plötzensee hinter mir. Bei uns ist jetzt nischt los. Ick hole mir ein Glas und dann werden wir mal det Ding befingern.«

Er wartete eine Antwort gar nicht ab, sondern ging nach dem vorderen Raum, in dem der Schanktisch stand, um sich ein Glas zu holen.

Da zupfte jemand Dorival leicht am Rock. Er wandte sich um. Der kleine Bucklige stand hinter ihm.

»Nehmen Sie sich vor Maxen in acht,« raunte er ihm zu. »Det ist ein infamigter Kerl. Nischt wie lügen. Ick kenne dem seine Zicken.«

Der Kellner Max kam mit seinem Glas und stellte es auf Dorivals Tisch. Der Bucklige zog sich schleunigst auf seinen Platz zurück. Max setzte sich Dorival gegenüber.

»Wat wollte denn der Buckelhans von dir?« fragte er mißtrauisch. »Nimm dir vor die Kanalje in acht. Det ist en Achtgroschenjunge. Ick verstehe meinen Alten nich, det er den Menschen überhaupt im Geschäft duldet. Ich habe ihn schon zweimal die Treppe hinauf geworfen, aber det scheniert jroße Jeister nich.« Er warf zu dem Tisch, an dem der Bucklige saß, einen bösen, drohenden Blick hinüber.

»Wenn du dir mausig machst, verschreib ick dir en Meter spanisches Rohr,« rief er dem kleinen, geduckten Männchen zu.

»Aber Max,« sagte der Bucklige mit sanfter Stimme, »wat hast du nur jejen mir? Ick bin doch dein Freund.«

Max füllte die Gläser und stieß mit seinem Glas an das Glas Dorivals.

»Laß das Gewürm,« sagte er. »Wir wollen mal en bißken die Barone spielen. Prost!« Er trank den sauren Wein wie Wasser.

Dorival nippte nur an seinem Glas. Die Sache wurde brenzlich.

»Sag mal, wie du heißt? Ueberhaupt, Vertrauen gegen Vertrauen. Mit mir kannste janz offen sein. Det ist überhaupt die Jrundlage von jedes Geschäft. – Na, Wally, ausgepennt?«

Die Frage galt dem Mädchen, das an dem runden Stammtisch geschlafen hatte. Beim Zusammenklingen der Weingläser hatte es den Kopf erhoben und nun blinzelte es, noch halb verschlafen, zu Dorival herüber. Das war ja ein kesser Junge, eine ganz neue Erscheinung. Der hatte sicher Geld in der Tasche. Der interessierte sie. Sie erhob sich schwerfällig und ging zu dem Tisch hinüber, an dem Dorival und der Kellner saßen. Sie nahm die Weinflasche in die Hand und betrachtete prüfend den Namen des Weins.

»Aber Max,« sagte sie vorwurfsvoll, »du hättest doch dem Herrn Jraf ooch ne bessere Marke bringen können. Das Zeug zieht einem ja die Löcher in die Strümpfe zusammen. Mit gütiger Erlaubnis.« Sie griff nach dem Glas Dorivals und leerte es auf einen Zug. »Sauer macht lustig. Soll ick mir en bisken bei die Herrens setzen?«

Sie machte Anstalten, sich auf dem Stuhl niederzulassen, der neben Dorival stand. Aber der winkte ab.

»Ich gehe gleich,« sagte er. »Hier ist der Wein und das Glas.« Er reichte ihr Flasche und Glas, und sie zog sich erfreut auf ihren alten Platz zurück.

»Ick hole uns 'ne andre Flasche. Ene erstklassige Marke!« Max stand auf und wollte sich nach dem Vorderzimmer begeben. Aber Dorival hielt ihn zurück.

»Ich trinke nichts mehr,« sagte er. »Ich gehe. Ich komme wieder. Morgen abend. Dann besprechen wir alles.«

»Nich ausreißen. Det jibt's nich, du jrüner Affe,« rief Max ergrimmt. »Du hast mir einjeladen. Jetzt darfst du dir nich drücken! Det jibt's nich! Nu erst recht hole ick ene Flasche Champagner. Justav! Fritze! Bollennannte! Hier is ener, der jibt was aus! Anjetreten! Wally, du ooch!«

Der Mann mit dem würdigen Vollbart und der Jüngling mit der Schmalzlocke kamen herbei. Auch der Schläfer auf dem Sofa erhob sich. Er war ein breitschultriger, stiernackiger Kerl, mit einem brutalen Gesicht.

»Wat is denn los?« fragte er.

»Der junge Mann hat seine Spendierhosen an,« klärte ihn Wally auf und kreischte vor Vergnügen. »Kommen Sie, Herr Jraf, an meine jrüne Seite auf det Sofa.«

Sie wollte ihren Arm unter den Dorivals schieben, aber der wehrte energisch ab. Er sah sich nach seinem Mantel um und bemerkte erst jetzt, daß der Kellner seinen Mantel und seinen Hut aus dem Zimmer getragen hatte.

»Geben Sie mir sofort meine Sachen heraus!« befahl er dem Kellner. Der lachte ihm ins Gesicht.

»Immer mit die Gemütlichkeit,« antwortete er höhnend. »Es würde mir interessieren, mal zu hören, mit wem wir eigentlich det Verjnügen haben? Fritze, lauf doch mal zu dem Blauen an die Ecke, er soll mal herkommen und ihm seine Fleppen visitieren.«

»Ja!« sagte Dorival zu dem jungen Menschen, den der Kellner mit Fritze angeredet hatte, »rufen Sie sofort einen Schutzmann!«

Fritze bewegte sich nicht von der Stelle. Die Hände in den Taschen, stierte er Dorival groß an. Aber der alte, würdige Mann mit dem Vollbart legte sich ins Mittel.

»Kinder, laßt die Polizei aus dem Spiel,« mahnte er. Und zu Dorival gewandt fuhr er fort:

»Junger Herr, Sie werden Ihr Wort halten und etwas ausgeben. Wenn Sie nicht mittrinken wollen, dann nehmen wir Ihnen das nicht krumm. Rücken Sie mal einen Goldfuchs raus.«

Der Mann mit dem Stiernacken hatte sich den Schlaf aus den Augen gerieben und war dann näher an Dorival herangetreten. Er musterte ihn sehr genau. Einen Augenblick schien es, als ob er ihn mit breitem Schmunzeln, wie einen alten Bekannten begrüßen wollte, aber er zog die schon ausgestreckte Hand wieder zurück und schüttelte enttäuscht den Kopf.

»Er sieht sehr ähnlich gutes Freund von mir,« sagte er zu Wally, die neben ihm stand, »habbe geglaubt, ist Zylinderemil.«

Für Dorival unterlag es keinem Zweifel, daß mit dem Zylinderemil sein Doppelgänger Emil Schnepfe gemeint war. Endlich hatte er einen Menschen getroffen, der sich von seiner Aehnlichkeit mit diesem Schnepfe nicht täuschen ließ. Was für ein scharfes Unterscheidungsvermögen besaß doch dieser Stammgast des Verbrecherkellers!

Der Graubärtige sagte noch einmal ermunternd:

»Na, junger Mann, zeigen Sie mal etwas guten Willen.«

Dorival drückte ihm ein Goldstück in die Hand. Er war froh, mit einem Lösegeld davon zu kommen, denn schon kamen auch aus den vorderen Zimmern einige zweifelhafte Gestalten, die ganz so aussahen, als ob ihnen das Niederschlagen und Ausplündern eines gut gekleideten Menschen ein wahres Herzensbedürfnis bedeutete.

Max brachte ihm seinen Mantel und seinen Hut und verlangte für die Flasche Wein drei Mark. Dorival zahlte ohne Murren und verließ schleunigst das Gastzimmer des Wirtshauses »Zum treuen Oldenburger«. Der Alte mit dem Vollbart stimmte hinter ihm her »Ein Prosit der Gemütlichkeit« an, und der Chor fiel begeistert ein.

Zehn Minuten später saß Dorival in einer Autodroschke und fuhr in schnellem Tempo seiner Wohnung zu. Er betrachtete seine Absicht, einen Einbrecher in Sold zu nehmen, als gescheitert.

Am Schloßplatz wollte er nach seiner Uhr sehen. Seine schöne, goldne Uhr war fort. Das auch noch! Die hatte ihm sicher der Taschendieb mit dem würdigen, grauen Vollbart gestohlen, oder – der Bucklige.

Dorival ging betrübt zu Bett.

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