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Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe

Carl Schüler: Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe - Kapitel 4
Quellenangabe
authorCarl Schüler
titleDer Doppelgänger des Herrn Schnepfe
publisherAufwärts-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Drittes Kapitel

Er durfte!

Denn der Herr Baron wollte das bestellte Abendessen durchaus nicht im Stiche lassen, vor allem aber keinesfalls den guten Doktor im Genüsse der vielen Bequemlichkeiten dieses ausgezeichneten Hotels stören, in dem er sich so wohl fühlte. So sagte Dorival. Diese Liebenswürdigkeit war auch ziemlich echt. Denn wenn man wie ein Rasender in Berlin umhergerannt ist, aufs Geratewohl eine Dame suchend, die einem in der Oper zulächelte, und vor einer Stunde das märchenhaft ungeheure Glück gehabt hat, diese Dame auch wirklich zu finden – dann pflegt man das Leben angenehm zu finden und liebenswürdig zu sein. Außerdem erwartete der liebenswürdige Herr von Armbrüster auch Sennor Claudino und den Rittmeister Umbach – da kamen die Herren soeben – und –

Ja!

Und mit dem Herrn Rittmeister von Umbach nämlich mußte Dorival dringend über den Herrn Konsul Rosenberg sprechen! Möglichst auch über dessen Familie! Umbach verkehrte doch dort!

»Angenehmer Mensch, dieser Umbach!« dachte Dorival.

Und nun unterhielt man sich natürlich über die neueste Wendung in der Angelegenheit Emil Schnepfe. Man war sehr lustig und aß gut.

Da streiften zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, nach Plätzen suchend, dicht an den vier Herren vorbei. Sie ließen sich dann an einem Tisch ganz in der Nähe nieder.

Die jüngere der beiden Damen, ein etwa fünfundzwanzig Jahrs altes Fräulein, mit dem blassen gottergebenen Gesicht einer Missionarsfrau, war die Gesellschafterin der Frau von Maarkatz. Frau von Maarkatz war Witwe. Obwohl Herr von Maarkatz vor mehr als zehn Jahren gestorben war, trug sie noch immer Witwenschleier und Trauerkleider. Es geschah dies weniger aus Trauer um den Verstorbenen, der ein Spieler und Trinker gewesen war, sondern weil die weiten schwarzen Gewänder die umfangreiche Gestalt wohltuend verdeckten und der große Schleier das gerötete grobe Gesicht gnädig verhüllen konnte, wenn die Beleuchtung nicht vorteilhaft war. Sie litt nicht, daß Fräulein Lotz auch Schwarz trug. Sie wünschte nicht, daß man das Mädchen für eine Verwandte von ihr hielt. In Theatern, Konzerten, auf Rennplätzen, bei großen Wohltätigkeits-Veranstaltungen, in den Badeorten, bei den Fünfuhrtees der vornehmen Berliner Hotels, Kurz, wo immer die Leutchen Zusammenkommen, die sehen und gesehen werden wollen, traf man Frau von Maarkatz. Und wie ihr Schatten folgte ihr das schlichte Fräulein Lotz.

Während der Kellner bediente, blickte Frau von Maarkatz durch ihr langgestieltes Augenglas neugierig in der Runde herum. Sie war immer auf der Suche nach Bekannten. Und immer bereit, neue Verbindungen anzuknüpfen.

Da schrak sie zusammen. Ihren massigen Körper durchrieselte ein Beben. Sie ließ das Augenglas sinken – hob es wieder und blickte noch einmal hin – ließ es fallen ... »Fräulein Lotz!«

»Gnädige Frau?«

»Sehen Sie sich den Herrn genau an, der dort an dem Tisch sitzt, Fräulein Lotz!« – sie gab mit dem Augenglas ungeniert die Richtung an, in der Dorival saß – »Erkennen Sie ihn wieder?«

Fräulein Lotz wandte das Duldergesicht dem Nachbartisch zu. Als sie Dorival erblickte, stieg ein Rot in ihre Wangen. Ein kurzes Aufblitzen kam in ihre Augen. Und ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie antwortete: »Das ist doch der Baron Hardenfels, den wir im Herbst in Sylt trafen?«

»Sehen Sie! Ich habe ihn sofort erkannt!«

Frau von Maarkatz nickte Dorival heftig zu. Sie bemerkte nicht, daß auch ihre Gesellschafterin verstohlen hinüberblinzelte ...

»Du, Dorival –« sagte der Rittmeister von Umbach leise, »sieh mal vorsichtig nach links! Dort sitzt ein schwarzes Ungetüm, das fortwährend zu uns herübernickt. Der Richtung ihrer Blicke nach meint sie dich. Kennst du die Dame?«

Dorival blickte auf, sah geradeswegs in das freundliche Nicken der Frau von Maarkatz hinein und wurde von der Gesellschafterin liebevoll angeblinzelt. –

»Nein!« sagte er. »Mir unbekannt!«

»Die Jüngere nickt jetzt auch!« lachte der Rittmeister.

»Unsinn, das gilt jedenfalls irgend jemand am Nebentisch. Ich wenigstens –«

Die beiden Brasilianer wurden aufmerksam.

»Die Damen am Tisch dort scheinen –« begann der Doktor.

Da kam der Kellner:

»Frau Baronin von Maarkatz lassen den Herrn Baron bitten, für einen Augenblick an den Tisch der gnädigen Frau zu kommen«

»Frau von Maarkatz?« fragte Dorival betroffen.

»Die Dame in Schwarz dort an dem Tisch!« Der Kellner gab mit den Augen die Richtung an.

»Aber das ist eine Verwechslung. Ich kenne die Dame nicht!« sagte Dorival.

»Geh lieber hin!« sagte der Rittmeister leise. »Sonst kommt sie noch hierher!«

Und endlich erhob sich Herr von Armbrüster, mit einem sehr unglücklichen Gesicht freilich, und begab sich an den Tisch der beiden Damen.

Der Rittmeister und die beiden Brasilianer sahen, daß sich Dorival den Damen vorstellte. Sie sahen, wie Frau von Maarkatz die Hand, die sie zum Kusse hingehalten hatte, empört zurückzog, als Dorival seinen Namen nannte. Sie lachte höhnisch. Ihr Gesicht wurde blaurot vor Aerger. Die weiche Fülle ihres Körpers, die über dem Tischrand sichtbar war. geriet in heftige wogende Bewegung. Sie schien Dorival Vorwürfe zu machen. Der antwortete kurz und steif. Sie bat ihn, sich zu setzen. Er lehnte kühl ab. Sie wurde wieder heftig. Da zog sich Dorival mit einer Verbeugung aus seinen Platz zurück.

Drei Gesichter sahen ihn gespannt an.

»Nun, wie war's?« lachte der Rittmeister.

»Fabelhaft!«

»Drücke dich deutlicher aus, bitte!«

»Das sagst du so! Die Sache ist überhaupt sehr undeutlich!«

»Oh, meine Ahnung!« rief Umbach. »Wieder Emil Schnepfe?«

»Ja – Emil Schnepfe! Höchstwahrscheinlich Emil Schnepfe. Nach den gütigen Mitteilungen dieser Dame bin ich nämlich ein Baron Hardenfels. Ich habe die Dame im vorigen Herbst auf Sylt kennen gelernt, mich ihr sehr gewidmet, mit ihr getanzt –«

»Mann – du hast dem Ungeheuer die Ehe versprochen!«

»Das ist sehr wohl möglich. Aber das ist noch gar nichts! Ich habe der Dame einen Brillantring –«

»Was?«

»– einen Brillantring im Werte von dreitausend Mark entlockt, unter der Angabe, ich wolle ihn geschmackvoller fassen lassen!«

»Alter Kniff!« lächelte Doktor Marcellino.

»Das ist noch gar nichts. Denn es ist ferner häßlich von mir, daß ich das hoffende Vertrauen – hoffende Vertrauen, hat sie gesagt – einer alleinstehenden Dame so schmählich mißbrauchte, und besonders gemein, daß ich nun einen anderen Namen nenne. Doch Irrtümer könnten aufgeklärt werden, sagte sie. Ich darf sie besuchen und alles erklären!«

»Und was hast du geantwortet?«

»Daß ich den Deibel – na, daß ich der und der sei und das beweisen könne und daß ich schon mehrere Male mit meinem Doppelgänger verwechselt worden sei. Sie ließ mich aber gar nicht ausreden. Sie wurde furchtbar wütend. Sie –«

»Weshalb hast du ihr denn deine Legitimation nicht gezeigt?«

»Ich hatte gar keine Gelegenheit dazu. Hätte ich mich nicht schleunigst entfernt, so würde sie den schönsten Skandal –«

»Mann – da kommt sie!« rief der Rittmeister.

Denn Frau von Maarkatz hatte sich mit einem Ruck erhoben und mit wilder Energie Handtasche, Taschentuch und Stielbrille aufgerafft. Nun steuerte sie geradeswegs auf Dorivals Tisch zu. Sie war da!

»Schurke!« sagte sie. Nicht übermäßig laut, aber lange nicht leise genug für Dorivals Geschmack.

»Aber gnädige Frau –«

»Schurke! Ich gehe jetzt zur Polizei! Ich lasse mir meine Brillanten nicht stehlen!«

Und sie blähte sich auf wie ein in Wut geratener Puter und stolzierte aus dem Speiseaal. Hinter ihr wandelte Fräulein Lotz, den Dulderkopf tief gesenkt ...

»Gräßlich!« sagte Umbach.

»Furchtbar!« nickte Dorival.

»Und was gedenkst du nun zu tun?«

»Ich werde morgen in aller Frühe meinen Anwalt aufsuchen, ihm die Angelegenheit auseinandersetzen und ihn beauftragen, diese Frau von Maarkatz ausfindig zu machen und ihr alles zu erklären. Hm – was hab' ich denn da?«

Er öffnete die linke Hand, die ein zusammengeknülltes Stück eines Konzertprogramms immer noch krampfhaft umschlossen hielt.

»Das hat dir die Magere zugesteckt!« lachte der Rittmeister. »Ich habe es gesehen.«

Dorival wollte das Papier wegwerfen, aber Umbach rief:

»Halt! Sie hat etwas darauf geschrieben.«

Er strich den Zettel glatt, las ihn und gab ihn an Dorival. Aus dem Stück Papier stand:

»Geliebter! Ich erwarte Nachricht postlagernd W. 30 unter G. L. Ich muß dich sprechen. Dein Gretchen.«

»Es ist doch unglaublich!« rief Dorival. »Dieser Emil Schnepfe scheint wahrlich ein lieber Mensch zu sein. Er hat der Alten und der Jungen gleichzeitig den Hof gemacht. Fabelhaft vielseitig!«

Er wollte das Stück Papier zerreißen.

Dann besann er sich. Wozu das Geschreibsel neugierigen Kellneraugen preisgeben – er steckte den Zettel in die Westentasche ...

Und den Rest des Abends verplauderte man mit der Angelegenheit Emil Schnepfe.

*

Der Herr Rittmeister von Umbach und der Freiherr von Armbrüster schleuderten auf dem Heimweg über die Linden.

Der Freiherr von Armbrüster fing es sehr schlau an:

»Ach, Umbach,« meinte er so ganz nebenbei, »du verkehrst doch im Hause des Konsuls Rosenberg?«

»Ja.«

»Er ist Konsul der Republik Costalinda?«

»Ganz richtig.«

»Ich interessiere mich für Costalinda!«

So?«

»Ja. Geschäftlich. Es gibt dort reiche Lager von Wolframerzen –«

»Ach so!«

»– und der Konsul könnte mir vielleicht wichtige Auskünfte geben. Willst du mich einführen?«

»Aber das ist ja durchaus nicht nötig, lieber Junge!« sagte der Rittmeister gleichmütig. »Die Geschäftsräume sind in der Behrenstraße –«

»Weiß ich!«

»– und es ist selbstverständlich, daß du keiner Einführung bedarfst, wenn du den Konsul in seiner amtlichen Eigenschaft als Konsul zu sprechen wünschst.«

»Kann ich mich auf dich beziehen?«

»Hm – meinetwegen ...«

Da wurde Dorival wütend.

»Was ist denn los mit dir?« schrie er. »Sei doch nicht so dickfellig. Die Sache ist für mich von Wichtigkeit. Eine gute Empfehlung schadet nie, wenn man jemand um eine Gefälligkeit bittet. Ich hätte gerne, wenn du mit mir zu dem Konsul gingst.«

»Kann ich ja machen. Leider bin ich gerade jetzt von zehn bis zwölf Uhr nie dienstfrei,« antwortete der Rittmeister gelassen.

»Wir könnten den Konsul vielleicht einmal gemeinsam in seiner Wohnung aufsuchen.«

»Können wir. Können wir auch nicht. Und nun will ich dir mal was sagen, mein Lieber: Du scheinst dir im Ausland eine gänzlich undeutsche Begabung fürs Schwindeln angeeignet zu haben. Konsul Rosenberg mag sehr viel über Wolframerze wissen. Aber er hat auch zwei Töchter. Die ältere ist mit einem Prokuristen der Deutschen Bank verlobt. Die jüngere heißt Ruth –«

»Ach ...«

»Hübscher Name, nicht wahr? Ruth nun hat mir von einem Frechling erzählt, der sie in der Oper begafft und auf einem Spazierritt mit ihr, hm, anbandeln wollte. Merkst du was?«

»Donnerwetter!« schrie Dorival.

»Dja. Donnerwetter! Im übrigen kann ich dir nur abraten. Ruth ist zwar sehr schön, aber sie hat einen schlechten Charakter!«

»Was?«

»Ja! Einen miserablen Charakter. Ich liebe sie, und sie will mich nicht. Da – nun weißt du's!«

»Das – das is ja reizend!« stöhnte Dorival.

*

Im oberen Teil der Charlottenstraße befand sich im ersten Stock eines großen Bürohauses die Firma »Prometheus« des Herrn Zahn, eines früheren Kriminalkommissars. Herr Zahn war ein Mann des Erfolgs. Seine Erfolge verdankte er einer gewissen kaufmännischen Begabung und seinem stark ausgeprägten Verständnis für geschickte Reklame. Seine Anzeigen las man in allen Tageszeitungen und illustrierten Familienblättern. Seine Abteilung für Auskünfte empfahl er allen, die die Absicht hatten, sich zu verheiraten und sich über das Vorleben und die Geldverhältnisse des Geliebten oder der Geliebten vergewissern wollten, und seine Abteilung für gewissenhafte Beobachtung empfahl er ebenso dringend allen, die sich scheiden lassen wollten und die nötigen Gründe für eine Scheidung suchten.

Dorthin lenkte am andern Tag der Freiherr von Armbrüster seine Schritte.

Vorher hatte er seinen Rechtsbeistand ausgesucht, der sehr erstaunt und entrüstet gewesen war, daß seinem Klienten eine Angelegenheit Schnepfe überhaupt passieren konnte, aber sofort versprochen hatte, wenigstens den Fall der Baronin von Maarkatz augenblicklich aus der Welt zu schaffen.

Doch das genügte Dorival nicht.

Emil Schnepfe selber mußte aus der Welt geschafft werden!

Im übrigen war er schlechter Laune.

Das Institut Prometheus nahm den ganzen ersten Stock des geräumigen Hauses in der Charlottenstraße ein. Große Reklameschilder in schreienden Farben lockten die Blicke der Vorübergehenden aufdringlich an. An der Vortüre fragte die Kunden ein uniformiertes Bürschchen, die Hand an die goldverbrämte Mütze gelegt, ob sie die Auskunftei oder die Detektei in Anspruch nehmen wollten. Die Büros der einen lagen rechts, die der anderen links vom Vorraum.

Als Dorival dem Knirps den Wunsch aussprach, mit Herrn Zahn selbst zu sprechen, wurde er in ein mit dunklen Eichenmöbeln stattlich ausstaffiertes Wartezimmer geführt. Hier nahm ihn ein magerer, hochaufgeschossener Herr mit glattrasiertem Schauspielergesicht in Empfang, der sich als Privatsekretär des Herrn Direktors vorstellte. Er legte Dorival nahe, zunächst ihm seinen Fall vorzutragen, da der Herr Direktor sehr beschäftigt sei.

»Bedaure!« war die kurze Antwort.

»Ist der Fall von größerer Bedeutung?«

»Von allergrößter!«

»Einen Augenblick!« bat der Privatsekretär. Denn der Herr sah doch aus, als ob sein Fall wirklich von größerer Bedeutung sein könnte; im Sinne des Instituts Prometheus natürlich. Für das Institut waren nur diejenigen Fälle von Bedeutung, die viel Geld bedeuteten. Und er verschwand in einem großen Nebenraum, dessen Tür er offen ließ, damit der Besucher das rasende Geklapper der zwölf jungen Mädchen an den zwölf Schreibmaschinen auch recht deutlich hören konnte. So etwas war eindrucksvoll! – Dorival machte die Türe schleunigst zu.

Nach wenigen Minuten erschien der Privatsekretär wieder:

»Herr Direktor Jahn läßt bitten!«

Der ehemalige Kriminalkommissar hatte sein Sprechzimmer zu einem kleinen Verbrechermuseum ausgestattet. An den Wänden hingen abscheuliche Mord- und Diebeswerkzeuge, die alle numeriert und mit kleinen erläuternden Zetteln beklebt waren, und daneben Photographien und aus Zeitschriften herausgeschnittene Köpfe von männlichen und weiblichen Missetätern. Auch Dankschreiben unter Glas und Rahmen hoben sich wirkungsvoll von der dunkelroten Tapete ab.

Bei Eintritt Dorivals erhob sich Zahn mit einer weltmännischen Verbeugung. Der Held so vieler Prozesse, der Berliner Sherlock Holmes, machte keinen Übeln Eindruck. Er war groß und sehnig, gut gekleidet und verstand, Vertrauen einzuflößen. In dem scharf geschnittenen Gesicht, dem die Scheitelung des Haares und der gekürzte Schnurrbart ein straffes, militärisches Gepräge verliehen, fielen die dunkelgrauen, harten Augen besonders auf. Seine Stimme klang befehlend. Er pflegte sich kurz und bestimmt auszudrücken.

»Setzen Sie sich, Herr von Armbrüster,« sagte er zu Dorival, »und erklären Sie mir möglichst kurz, welche Angelegenheit Sie zu mir führt.«

»Hm – Kennen Sie einen gewissen Herrn Emil Schnepfe?«

»Nehmen Sie an, Herr Emil Schnepfe wäre mir nicht bekannt. Sie stellen dann den Fall klarer dar!« sagte der Herr Direktor vorsichtig.

»Nun, Herr Emil Schnepfe ist ein Spitzbube. Er stiehlt in Hotels, treibt Heiratsschwindelei und so weiter. Er wird von einer ganzen Reihe inländischer und ausländischer Behörden dringend gesucht. Und die Polizei faßt ihn nicht! Aber mich hat sie schon ein paarmal eingesteckt. Der Mann sieht mir nämlich fabelhaft ähnlich. Er ist geradezu mein Doppelgänger. Ich habe mir zwar diese Legitimationskarte ausstellen lassen –«

Er reichte dem Detektiv das Schriftstück zur Einsicht hin, das er dem Polizeipräsidenten verdankte.

Zahn las es mit großem Interesse, prüfte gewohnheitsmäßig Unterschrift und Stempel, und gab es zurück.

»Diese Legitimation genügt vollständig, um Sie vor Unannehmlichkeiten durch die Polizei zu schützen. Aber es können Fälle eintreten, daß Sie von Leuten, die durch diesen Schnepfe hineingelegt worden sind, mit ihm verwechselt werden. Sind Ihnen solche Verwechslungen schon zugestoßen?«

»Leider ja. Deswegen wende ich mich ja an Sie ...

Und er erzählte dem aufhorchenden Direktor die Szene im Hotel Unter den Linden.

»Die Sache wird mir unerträglich!« schloß er. »Ihr Institut soll nun diesen Emil Schnepfe ausfindig machen und seine Verhaftung veranlassen.«

Herr Direktor Jahn horchte auf.

»Eine schwierige Aufgabe!« bemerkte er. »Die Polizei fängt Leute wie diesen Schnepfe nie!«

Das sagte er in sehr bestimmtem Ton.

Und da er von Dorival bereits einigermaßen über den Hochstapler unterrichtet war, spielte er sich plötzlich auf, als sei ihm Emil Schnepfe durchaus bekannt, und als sei er der einzige, der imstande wäre, den geriebenen Spitzbuben zur Strecke zu bringen. –

»Sehen Sie, Herr von Armbrüster, Schnepfe tritt stets so auf, als gehöre er zur Gesellschaft. Hat ja das Zeug dazu. Famose äußere Erscheinung. Sicherheit. Kaltblütige Frechheit. Arbeitet nur in besten Kreisen. Adel, Finanzaristokratie. Das ist der Haken. Da steckt die Polizei ihre Nase nicht gern hinein. Da sind solche Kerls sicherer, wie der Dachdecker auf dem Kirchturm. Aber gerade derartige Aufgaben sind unsere Spezialität. Wir haben natürlich Verbindungen! Wir haben unsere Erfahrungen!«

Er lächelte selbstbewußt: »Aber –«

»Nun – aber?«

»Ja – solch eine Verfolgung ist teuer. Haben Sie daran schon gedacht, Herr Baron?«

»Gewiß!« lächelte Dorival.

»Das ist ja glänzend!« dachte der Direktor. »Er hat schon daran gedacht!« Er strahlte.

»Ja,« fuhr er fort, »an einen Emil Schnepfe kommt man eben nicht heran in Kaffeeklappen oder Kellerkaschemmen. Da müssen wir unsere besten Leute mobil machen – die Spielsäle in den Badeorten beobachten – überall sein, wo sich die vornehme Welt versammelt ... Nun, – wir haben ja Zutritt!«

Wieder das selbstbewußte Lächeln.

»Und nun rein geschäftlich – wenn Sie gestatten, Herr Baron ...«

»Bitte!« sagte der Freiherr von Armbrüster.

»– es ist mir natürlich unmöglich, den Kostenpunkt auch nur annähernd festzusetzen. Das wäre ein unsolides Geschäftsgebaren, da ich mit unbekannten Möglichkeiten rechnen muß, aber für den Erfolg stehe ich ein –«

»Hauptsache!« sagte der Freiherr von Armbrüster.

»Stehe ich ein! Wahrscheinlich ist aber jedenfalls – und nötig für den Erfolg – daß wir bedeutende Kosten haben werden –«

Herr Direktor Zahn starrte seinen Klienten in atemloser Erwartung an.

»Ja?«

»Bedeutende Kosten!« Und der Herr Direktor erlitt in vier Sekunden ein Martyrium der raffiniertesten Art. Er tarierte mit unheimlicher Schnelligkeit. Zweitausend? Dreitausend? Der Klient hatte so eine Art ... Zahn schnappte nach Luft. Endlich faßte er einen Entschluß, seiner würdig, denn er war in seiner Art ein genialer Mensch. Entweder – oder ...

»Und so muß ich sagen – Herr Baron –« stieß er hervor, »daß ich es für richtig halte, wenn Sie uns einen Vorschuß von – sagen wir – hm, fünftausend Mark für Kosten und Auslagen bezahlen würden!«

»Bitte!« sagte Dorival und schrieb einen Scheck über die verlangte Summe aus.

Damit war die Hauptsache erledigt.

Dann hatte er noch eine Art von Verhör zu bestehen. Es kam dem Direktor besonders darauf an, die Leute kennen zu lernen, die persönlich mit Schnepfe in Berührung gekommen waren, und Dorival nannte ihm die Adressen der Frau von Maarkatz und des Hotelportiers.

Hierauf wurde er verabschiedet.

Herr Direktor Zahn aber lehnte sich weit in seinen Schreibtischsessel zurück und atmete tief auf.

»Uff!« sagte er. »Dieses Geschäft wäre gemacht!«

Und darauf rauchte er eine Zigarre. Eine Upmann. Zu einer Mark fünfzig.

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