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Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe

Carl Schüler: Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe - Kapitel 15
Quellenangabe
authorCarl Schüler
titleDer Doppelgänger des Herrn Schnepfe
publisherAufwärts-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Konsul Rosenberg war mit seiner Tochter durchaus nicht zufrieden.

Ruth hatte ihm Bericht erstattet.

Sie hatte ihm von der zufälligen gemeinsamen Fahrt im Auto erzählt. Schon während der Fahrt, als sie entdeckt hatte, daß der Herr neben ihr der berühmte Spitzbube war, war der Gedanke in ihr aufgestiegen, diesem Mann den Auftrag zu geben, den Brief zu beschaffen, den Labwein unterschlagen hatte. Und sie hatte dann weiter erzählt, wie sie sich erkundigt hatte, ob er auch Einbrüche besorgen könne und daß er ihr das Versprechen gegeben habe, ihr den Brief zu beschaffen. Und er hatte sein Wort gehalten. Dreißigtausend Mark hatte sie ihm geboten, aber er hatte das Geld nicht angenommen.

Der Konsul war fassungslos gewesen vor Erstaunen.

Er konnte es gar nicht verstehen, daß dies Schriftstück, das ihm so große Sorgen gemacht hatte, nun wieder in seine Hände gelangt war. Mit Freuden hatte er dem Kassierer die Anweisung gegeben, dem Ueberbringer der Besuchskarte seiner Tochter die dreißigtausend Mark auszuzahlen.

Aber zu Ruth hatte er, noch nachträglich von Angst gepackt, gesagt:

»Wäre es nicht besser gewesen, mir vorher von deinen Plänen Mitteilung zu machen? Deine Begegnungen, so ganz allein mit dem Menschen waren doch sehr gefährlich. Du scheinst dir darüber gar nicht recht klar gewesen zu sein?«

»Ich habe keine Angst vor ihm gehabt,« hatte sie beteuert. »Er hat sich mir gegenüber sehr taktvoll benommen. Taktvoller, als es wohl mancher Herr aus der guten Gesellschaft getan hätte. Nein, Vater, für mich war die Sache nicht gefährlich, nur für ihn!«

Der Vater hatte den Kopf geschüttelt.

So etwas war ihm noch nicht vorgekommen. Er hatte schon viel erlebt, drüben in Amerika, und hier in Deutschland, aber diese Sache hätte er für unmöglich gehalten, wenn sie ihm nicht von seiner Tochter Ruth, der klugen Ruth, erzählt worden wäre. In den ersten Tagen fürchtete er allerlei unangenehme Zwischenfälle. Er war darauf gefaßt, daß der Mensch, der im Auftrag seiner Tochter den Brief gestohlen hatte, nicht nur die ihm versprochenen dreißigtausend Mark abheben, sondern auch noch Nachforderungen stellen würde. Er hätte sich ja auch gern die Sache noch etwas mehr kosten lassen. Der Besitz des Briefes war ihm das Doppelte und mehr wert als dreißigtausend Mark. Aber – Wunder über Wunder – dieser sonderbarste aller Spitzbuben kam nicht! Nicht einmal die ihm zustehenden dreißigtausend Mark holte er. Er mußte wirklich ein merkwürdiger Mensch sein.

»Wünsch dir etwas, Ruth. Aber etwas Schönes! Es kommt mir nicht darauf an!« hatte der Vater zur Tochter gesagt.

Und da war ein zweites Wunder geschehen. Ruth hatte mit dem Kopf geschüttelt:

»Ich habe wirklich nichts nötig, lieber Vater!«

Da hatte der Herr Konsul ein ebenso erstauntes Gesicht gemacht, wie in dem Augenblick, als er den verwünschten Brief, an dessen Besitz ihm so viel gelegen war, in der Hand der Tochter sah. Ein weibliches Wesen, so jung oder alt, das keinen Wunsch hatte, war ihm unverständlich. Aber Ruth blieb dabei. Sie wünschte sich gar nichts! Sie freute sich nur, daß sie dem Vater einen Dienst hatte leisten können!

Eigentümlich!

Und der alte Herr machte sich allerlei Gedanken. Schließlich sagte er sich aber, daß die Aufregungen dieses tollen Streichs das Mädel natürlich angegriffen haben mußten. Selbstverständlich! Das war es!

Das Automobil des Konsuls Rosenberg fuhr vor der Haupttreppe der Villa vor. Der Fahrer gab das Hupensignal. Mit der Pünktlichkeit, die ihm in allen Dingen eigen war. erschien gleich darauf der Konsul, begleitet von seiner Tochter Ruth. Ruth hatte sich zur Mitfahrt in die Stadt angekleidet. Sie wollte in der Stadt einige Besorgungen erledigen. Sie war in der letzten Zeit wenig aus dem Haus gekommen. Auch ihre Spazierritte im Tiergarten hatte sie eingestellt.

»Sie ist kopfhängerisch geworden,« hatte der Konsul verwundert gesagt. »Ich verstehe das nicht!«

Seine Frau hatte keine Antwort zu geben vermocht. Ruth trug irgend etwas mit sich herum, das sie quälte, ihr jede Freude verdarb, sie ernst und still werden ließ. Und die Mutter hatte vergebens versucht, ihr Zerstreuung zu verschaffen. Ruth blieb einsilbig und in sich gekehrt.

Heute hatte ihre Mutter sie gebeten, mit dem Vater nach der Stadt zu fahren und Einkäufe zu machen, weil sie hoffte, daß die kleine Abwechslung das Mädchen ablenken würde.

Ruth saß still im Auto. Sie war ernst und schweigsam und vergebens suchte der Konsul das fröhliche, übermütige Lachen aus ihr zu locken, das sonst nie verstummt war, wenn er mit Ruth nach dem Büro gefahren war.

Der Konsul, dessen Zeit von seinen Geschäften fast vollständig in Anspruch genommen wurde und der gerade jetzt große Pläne zur Ausführung bringen wollte, hatte bisher die Veränderung nicht ernsthaft genommen, die mit Ruth in den letzten Wochen vorgegangen war. Sie war seit längerer Zeit nicht mehr mit ihm zur Stadt gefahren. Das hatte ihn nicht weiter verwundert. Er hatte angenommen, daß es ihr lieber war, die schönen Morgenstunden zu Spaziergängen zu benutzen, als sie in den dunklen Kontorräumen zuzubringen. Nun aber fiel auch ihm das veränderte Wesen seiner Tochter auf.

Er betrachtete sie mit besorgtem Blick. Das Gesichtchen war schmaler geworden, um die Augen hatte sich ein dunkler Schein gelegt, und um den Mund lag ein eigener stiller Zug.

Er ergriff ihre Hand.

»Kindchen,« sagte er, »Mama hat mir zwar aufgetragen, dich in der Leipziger Straße abzusetzen, ich nehme dich aber erst mal mit herauf zu mir!«

»Weshalb, Vater?« fragte Ruth.

»Das werde ich dir oben bei mir sagen.«

»Du machst mich neugierig. Hast du eine Ueberraschung für mich?« Ruth zwang sich zu einem Lächeln.

»Nein, im Gegenteil! Ich fürchte, die Ueberraschung wird mir von deiner Seite werden. Ich will nämlich mal wissen, was eigentlich mit dir los ist. Schon Otto machte mir, ehe er abreiste, Andeutungen, die darauf schließen ließen, daß er dich sehr verändert fand. Ich hatte bisher nicht darauf geachtet. Ich habe andere Dinge im Kopf, als den Launen kleiner Mädchen nachzuspüren. Aber jetzt merke ich selbst, daß bei dir etwas nicht in Ordnung ist. Ich will wissen, wo es fehlt. Komm nur mit.«

»Bitte, lieber Vater, quäle mich nicht mit Fragen. Mir fehlt gar nichts. Laß mich zu Herpich fahren!«

»Nachher. Erst kommst du mit mir!« entschied sehr kurz der Konsul, jede weitere Einrede gegen feine Anordnung abschneidend. Er gab dem Fahrer die Weisung, nach dem Büro, in der Dorotheenstraße zu fahren, und kurz darauf hielt das Auto vor dem großen Tor, über dem das Konsulatschild der Republik Costalinda hing.

Der Konsul führte sein Töchterchen in sein Arbeitszimmer.

»Einen Augenblick, Ruth,« entschuldigte er sich. »Ich muß erst noch ein paar Worte mit Lebermann sprechen.«

Er eilte in das Zimmer des Prokuristen.

Ruth hatte sich in einen der bequemen Ledersessel gesetzt, die für die Besucher des Konsulats aufgestellt waren.

Nur flüchtig sah sie sich in dem ihr wohlbekannten Raum um, dessen ruhig vornehme Ausstattung ihr als Kind einen fast beklemmend feierlichen Eindruck gemacht hatte.

Nichts in dem Raum hatte sich verändert, seit sie ihn vor Wochen zum letztenmal betreten hatte. Der Vater blieb lange. Sie wurde ungeduldig. Die Ankündigung des Verhörs, dem sie ausgesetzt werden sollte, verursachte ihr ein Gefühl des Unbehagens. Was sollte sie ihrem Vater auf seine Fragen antworten? Sie konnte doch nur immer wieder behaupten, daß sie sich ganz wohl fühle, daß ihr gar nichts fehle –

Sie stand auf und trat an den Schreibtisch des Vaters. In der Ecke rechts stand eine silberne Schale, auf der eine Anzahl Besuchskarten lagen. Der Diener hatte die Angewohnheit, die Karten solcher Besucher, die einen Namen von gutem Klang hatten, immer obenauf zu legen. Da lagen immer einige Karten von Bankdirektoren und Geheimen Kommerzienräten. Ruth ließ einige Karten durch ihre Finger gleiten. Da blieb ihr Blick plötzlich auf einem Namen haften, der sie interessierte.

»Dorival von Armbrüster,« las sie.

Das war ja der Name, unter dem dieser – dieser Schnepfe von Umbach eingeführt worden war! Was hatte dieser – dieser Mensch bei ihrem Vater gewollt? War er erst kürzlich hier gewesen?

Sie hielt die Karte noch in der Hand, als der Konsul wieder in das Zimmer trat.

Er setzte sich in seinen Schreibsessel, ergriff Ruths Hand und zog sie zu sich heran.

»Nun mal raus mit der Sprache! Was hast du mir zu erzählen?«

»Nichts, Vater!«

»Sag mal, Kindchen, warum bist du denn so verstockt? Hast du kein Vertrauen mehr zu deinem Alten? Das war doch früher anders, da hatten wir keine Geheimnisse untereinander. Du hast mir dein Herz ausgeschüttet, und ich habe es gerade so gemacht. Hab' ich dir nicht alle meine Sorgen erzählt? Die Geschichte mit dem dummen Brief? Und auch sonst alles? Warum hab ich das getan? Weil der Mensch jemand haben muß, mit dem er sich ausspricht, wenn ihn etwas bedrückt. Und hat es mir nicht Glück gebracht, daß ich so offen zu dir war? Hast du mir nicht geholfen, als ich schon an jeder Hilfe verzweifelte? Und nun willst du mir keine Gelegenheit geben, mich dankbar zu zeigen? Willst du ein Geheimnis vor mir haben? Nee! Das gibt's nicht! Wir sind zwei Verbündete, die treu zusammenhalten! Wir sind eine Genossenschaft auf Gegenseitigkeit! Also, was hat dich zum langweiligen Kopfhänger gemacht? Raus damit!«

»Ach, Vater, es ist ja schon vorbei!« sagte Ruth leise. »Es ist überwunden!«

»Na, das scheint mir aber nicht so!«

»Doch, du kannst's glauben. Es war ja auch zu dumm.«

»Was war zu dumm?«

»Ich wollte eigentlich nicht darüber sprechen!«

»Aber, wenn ich bitte? Und verspreche, mit niemand darüber zu reden? Bei mir ist dein Geheimnis ganz sicher aufgehoben!«

»Du wirst vielleicht lachen, wenn ich es dir erzähle. Nein, bitte, Vater, lach nicht darüber. Das mußt du mir versprechen!«

»Wie werde ich denn über etwas lachen, was meine kleine Ruth so traurig gemacht hat? Komm, setz' dich hier auf die Lehne des Sessels. Den Platz kennst du ja. Hast schon oft darauf gesessen, wenn du mir etwas zu erzählen hattest.«

Ruth nahm folgsam Platz. Dann faßte sie mit beiden Händen den Kopf des Vaters und drehte ihn von sich ab, dem Fenster zu.

»Du mußt mich nicht ansehen!«

Der Konsul blickte nach dem Fenster.

»Ist's so recht?«

»Ja. Sieh mal, Vater, ich hatte dir doch erzählt, daß ich durch eine Anzeige in der Zeitung den Herrn, der vor dem Kaiserhof in unser Auto eingestiegen war, zu einer Besprechung eingeladen habe.«

»Ja.«

»Der Herr war sehr pünktlich. Ich auch. Dann sind wir in ein Café gegangen und dort haben wir alles besprochen. Er war sehr nett.«

»Kunststück! So ein Heiratsschwindler hat Uebung.«

Ruth seufzte.

»Es ist wirklich sehr traurig, daß er so etwas macht.«

»Was geht das uns an? Wenn es Frauensleute gibt, die sich von solch einem Gauner anführen lassen – uns kann das gleichgültig sein.«

Ruth seufzte wieder.

»Was hast du denn?«

Der Konsul sah seine Tochter an.

»Nein!« protestierte Ruth. »Du darfst mich jetzt nicht ansehen! Du hast es mir versprochen!«

Sie nahm den Kopf des Vaters wieder zwischen ihre Hände und drehte ihn so, daß er sie nicht ansehen konnte. Der Konsul ließ sie gewähren. Er hatte einen feuchten Schimmer in den Augen Ruths gesehen. Ein Bangen beschlich ihn. Er sagte leise:

»Weiter, Kind!«

Ruth nahm sich zusammen. Sie wollte sich nicht wie ein alberner, unglücklich verliebter Backfisch benehmen. Sie wollte stark sein. Und sie wollte sich nicht auslachen lassen.

»Du weißt, Vater, daß ich ihm dreißigtausend Mark versprochen hatte, wenn er uns den Brief beschaffte. Aber ihm war an dem Geld nichts gelegen. Gar nichts. Er wollte von mir – –«

»Na – was wollte er?«

»Aber Vater – meine Hand! Du tust mir weh!«

»Erzähl weiter!«

»Er verlangte von mir – zwei Küsse.«

Der Konsul gab die Hand der Tochter frei. Er wollte sich ihr zuwenden, da legte Ruth ihre beiden Hände auf seine Augen.

»So – jetzt halte ich dir die Augen zu, weil du immer den Kopf umdrehst!« sagte sie.

»Ich habe ihm dann, als er ein paar Tage später mir den Brief brachte – einen Kuß gegeben. Wirklich, nur einen, Vater!«

»Weiter!«

»Weiter ist nichts zu erzählen. Ich habe ihn danach nicht wiedergesehen. Er hat nichts von sich hören lassen. Gar nichts. Das Geld hat er bei dir auch nicht geholt. Er hat also nur von mir den Kuß haben wollen! Nur den Kuß!«

»Sonderbarer Schwärmer!« brummte der Konsul.

»Aber weißt du, Vater, was er mit dem Kuß gemacht hat? Er hat mich behext. Ich habe immer an ihn denken müssen. Und manchmal hatte ich eine Sehnsucht nach ihm – du glaubst nicht, was mir dann für verrückte Gedanken kamen. Es war mir, als wenn ich durch ganz Berlin laufen müßte, um ihn zu suchen, um ihn noch einmal zu sehen, noch einmal sprechen zu hören – ach, was weiß ich! Da sitzt man nun im Grunewald, in einer schönen Villa und er – dem wir verdanken, daß wir uns unseres Lebens freuen können – sitzt vielleicht hinter Gefängnismauern und hat niemand, der ihm ein freundliches Wort sagt!«

Sie stockte.

»Jawohl! Und – und mir ist zum Heulen zumute!«

Der Konsul strich ihr leise über das Haar.

Er ließ sie weinen. Er sprach kein Wort. Er war erschüttert. In ihrer Sorge um ihn hatte sie sich in die Verbindung mit diesem merkwürdigen Menschen eingelassen! Und in seiner Freude, daß endlich der gefährliche Brief wieder in seine Hände gekommen war, hatte er sich um den Preis wenig gekümmert. Sollte er nun den Erwerb des Briefes mit dem Glück seiner Tochter bezahlen? Nein! Es war doch undenkbar, daß sein vernünftiges Mädel ihr Herz an einen Menschen hing, der wegen aller möglichen Schandtaten von allen möglichen Polizeibehörden verfolgt wurde. Immer langsam! Erst dem Mädel Ruhe lassen – ihm auseinandersetzen wie – wie blödsinnig das alles war!

Nach einiger Zeit sagte Ruth:

»Entschuldige Vater, daß ich mich so habe gehen lassen. Ich bin doch sonst keine Heultute! Aber – manchmal geht's nicht anders. Nun weißt du alles. Aber helfen – na, helfen kannst du mir nicht. So etwas muß man allein abmachen.«

Der Konsul räusperte sich.

Er war anderer Meinung. Jetzt war die richtige Zeit für väterliche Ratschläge gekommen. Man mußte jetzt mal hübsch logisch auseinandersetzen, daß –

»Hör mich jetzt mal an!« begann er. »Du mußt dir vor allen Dingen vor Augen halten, daß wir nicht mehr im Zeitalter der Romantik leben. Die Geschichten, die wir als Kinder von edlen Räuberhauptleuten gelesen haben, stimmen nicht mehr! Unsere heutigen Räuber und Spitzbuben entbehren ganz und gar jedes Heldentums und jedes Edelmuts. Dazu denken wir Menschen von heute zu nüchtern. Was deinen besonderen Fall anbetrifft, so mußt du dir immer vor Augen halten, daß dieser Mensch ein ganz geriebener Hoteldieb ist, ferner –«

»Gib dir keine Mühe, Vater!« sagte Ruth.

»Was?«

»Das weiß ich nämlich alles selber. Das hab' ich mir schon hundertmal gesagt. Und immer bin ich zu dem Schluß gekommen, uns, dir und mir, hat er einen so großen Dienst erwiesen, daß wir kein Recht haben, uns als seine Richter aufzuspielen. Nein, laß das. Ich werde schon nach und nach wieder ganz so werden wie früher. Ich werde auch das Lachen wieder lernen. Ihr müßt nur ein klein wenig Geduld mit mir haben.«

Sie erhob sich. Vor einem Spiegel setzte sie ihr Hütchen zurecht.

»Ich muß jetzt einkaufen. Nicht wahr, Vater, du sagst der Mutter nichts? Die ängstigt sich immer gleich so. Sie ist jetzt so glücklich über ihre Blumen.«

»Aber selbstverständlich,« versicherte der Konsul. Dann bückte er sich und hob eine auf dem Teppich liegende Besuchskarte auf.

»Wer ist denn das? Dorival von Armbrüster? Hast du die Karte verloren?«

»Nein. Die Karte lag dort bei den anderen Karten. War Herr von Armbrüster bei dir? Umbach brachte ihn neulich mit nach draußen. Mama hat dir wohl davon erzählt?«

»Ja,« sagte der Konsul. »Ich entsinne mich aber nicht, daß der Herr bei mir gewesen ist. Der Name ist mir unbekannt. Ich habe mit ihm nie etwas zu tun gehabt.«

»Merkwürdig. Wie kommt denn die Karte hierher?«

»Interessiert es dich? Dann werde ich mal Lebermann fragen.«

Er klingelte dem Diener und ließ seinen Prokuristen bitten, zu ihm zu kommen. Gleich darauf trat der kleine bewegliche Herr ein, der seinerzeit Dorival daraufhin geprüft hatte, ob er auch wirklich der Besitzer des Pelzmantels war, den der Konsul mit aus dem Kaiserhof gebracht hatte.

»Herr Konsul?«

»Sagen Sie, Lebermann,« der Konsul reichte seinem Prokuristen die Karte Dorivals, »wer ist dieser Herr und was wollte er von uns? Wie kommt die Karte hier auf meinen Tisch?«

Der Prokurist las den Namen und besann sich einen Augenblick –

»Herr Konsul erinnern sich wohl noch der Geschichte mit dem Mantel. Dem Herrn Konsul war während einer Konferenz im Hotel Kaiserhof der Pelz von einem Spitzbuben gestohlen worden. Der Mensch hatte seinen Mantel im Stich gelassen. Den Mantel hatte provisorisch der Herr Konsul angezogen und am anderen Tag mit hierhergebracht. In dem Mantel fanden wir eine Anzahl Besuchskarten dieses Herrn von Armbrüster, der in der Alsenstraße wohnt. Wir schrieben an ihn, ob ihm vielleicht ein Pelzmantel gestohlen worden sei. Er bestätigte dies, kam hierher und holte sich den Mantel. Dabei hatte er wohl diese Besuchskarte abgegeben. Das ist alles.«

»Danke, Lebermann, Sie können gehen.«

Der Prokurist verließ das Zimmer.

»Siehst du, liebes Kind,« sagte der Konsul, »der Mensch ist auch ein Paletotmarder. Du mußt das immer alles vor Augen halten, dann – dann wirst du wieder ganz mit dir in Ordnung kommen.«

Ruth antwortete nicht.

Sie gab ihrem Vater einen Abschiedskuß und hatte es plötzlich sehr eilig, fort zu kommen, um für die Mutter die Besorgungen zu erledigen. Heimlich hatte sie die Karte Dorivals in ihr Täschchen bugsiert.

Sie mußte jetzt mit sich allein sein.

In ihrem Köpfchen schwirrten ganz ungeheuerliche Gedanken herum.

Das war doch merkwürdig?

Ein unbestimmter Verdacht stieg in ihr auf.

Es war Unsinn – aber einerlei – sie wollte sich Gewißheit verschaffen! Sie beschloß festzustellen, wer der – Mann – gewesen – war, der vor dem Hotel Kaiserhof im Mantel ihres Vaters sich zu ihr in das Auto gesetzt hatte!

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