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Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe

Carl Schüler: Der Doppelgänger des Herrn Schnepfe - Kapitel 13
Quellenangabe
authorCarl Schüler
titleDer Doppelgänger des Herrn Schnepfe
publisherAufwärts-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel

Dorival ging zu Mitscher.

Von dort aus telephonierte er an Galdino. Der Diener meldete, der Herr Rittmeister von Umbach sei gekommen und warte auf den gnädigen Herrn. Dorival ließ den Rittmeister an den Fernsprecher bitten.

»Was gibt's denn, mein Junge?« fragte Umbach.

»Nichts Besonderes. Ich sitze nur bei Mitscher und würde mich sehr freuen, mein kärgliches Abendbrot nicht allein verzehren zu müssen.«

»Schön!« sagte Umbach. »Ich komme.«

Und Dorival belegte eine der Nischen, in denen es sich so gemütlich bei einem Glase Wein plaudern läßt. Die Begegnung mit Emil Schnepfe beschäftigte ihn, vor allem aber der bevorstehende Besuch seines Doppelgängers. Einen Augenblick dachte er daran, Umbach ins Vertrauen zu ziehen und ihn zu bitten, der Unterredung beizuwohnen, verwarf aber den Gedanken sofort. Nein, er allein hatte sich die Suppe eingebrockt und er allein wollte sie ausessen – so beschloß er lächelnd. Im Grunde war er auf den Besuch des Herrn Emil Schnepfe sogar sehr gespannt, obwohl er nur eine Erpressung fürchtete. Nicht nur fürchtete, sondern sie als selbstverständlich erwartete. Aber schließlich war es nur eine gerechte Strafe, wenn die Geschichte ihn ein tüchtiges Stück Geld kostete ...

Umbach kam. Er brachte gute Laune und Appetit mit. Die beiden Freunde aßen beide gemeinsam zu Abend. Umbach, der einen guten Tropfen liebte, trank etwas hastig und wurde, wie das so seine Art war, etwas geräuschvoll.

»Soll ich dir sagen, was dich drückt?« rief er Dorival zu und klopfte ihm auf die Schulter.

»Na?«

»Du hast dich total verändert!«

»Hab ich auch!« lachte Dorival. »Mehr als du ahnst!«

»Du bist verliebt!«

»Ach nee?«

»Ach ja! Mir kannst du's ruhig eingestehen. Von Ruth Rosenberg kommt man so leicht nicht los, wenn man einmal Feuer gefangen hat, mein lieber Freund! Nun sag mal ehrlich: Willst du oder willst du nicht, daß ich dich bei Rosenbergs einführe?«

»Ich will!«

»Aha – bist du endlich so weit?«

»Ja, nun bin ich so weit.«

»Dann hol' ich dich morgen um fünf Uhr ab.«

»Morgen? Das geht nicht.«

»Warum?«

»Ich habe eine Verabredung. Ich bekomme Besuch.«

»O, über dich Sünder!«

»Bitte, Umbach, keine Witze. Es handelt sich um eine geschäftliche Besprechung, die obendrein sehr unangenehm ist!«

»Dauert sie lange?«

»Das kann ich nicht wissen. Laß uns übermorgen zu Konsul Rosenberg fahren.«

»Uebermorgen kann ich nicht. Sagen wir Sonnabend.«

»Gut, sagen wir Sonnabend!«

*

Es war gegen fünf Uhr. Dorival wartete auf den Besuch des Herrn Emil Schnepfe. Das Warten machte ihn ein wenig nervös, obwohl er sich Mühe gab, seine gewohnte Ruhe zu bewahren. Er fühlte, daß er in seinem Doppelgänger einen gefährlichen Gegner vor sich haben würde. Das Unangenehme an der Sache war, daß er nicht wußte, wie er diesen Mann anfassen mußte.

Er rauchte eine Zigarette nach der andern – schenkte sich einen Kognak ein ...

Nun war es fünf Uhr.

Aber Herr Schnepfe ließ auf sich warten. Als eine Viertelstunde über die festgesetzte Zeit verstrichen war, begannen Dorival Zweifel aufzusteigen, ob Emil Schnepfe überhaupt kommen werde –

»Zum Teufel!« dachte er, »wenn der Mensch nun wirklich von der Polizei gefaßt worden ist? Man wird ihm das Attentat auf Labwein vorhalten und – na, das kann ja nett werden!«

Er sah auf die Uhr. Fünfundzwanzig Minuten über die festgesetzte Zeit waren verstrichen. Nun hielt er es nicht mehr aus. Er wollte fort, auf die Straße, irgendwohin.

Gerade wollte er Galdino klingeln, damit er ihm Hut und Mantel brächte, da trat aus der Türe, die von seinem Arbeitszimmer in sein Wohnzimmer führte, Herr Emil Schnepfe.

Unwillkürlich prallte er einen Schritt zurück.

»Zum Donnerwetter!« rief er seinem Besucher entgegen, »wie kommen Sie in meine Wohnung?«

Emil Schnepfe lächelte verbindlich.

»Guten Abend, Herr von Armbrüster,« sagte er. »Ich hatte mich um fünf Uhr bei Ihnen angesagt, und ich war pünktlich zur Stelle. Ich war nebenan, und Sie erwarteten mich hier. Ich würde es lebhaft bedauern, wenn Sie ungeduldig geworden sein sollten. Darf ich mich setzen?«

Er wartete die Erlaubnis Dorivals nicht ab, sondern ließ sich behaglich in einen der Klubsessel fallen.

Dorival griff nach einer Zigarrenkiste und bot sie seinem Gast an.

»Rauchen Sie? Bitte bedienen Sie sich.«

Emil Schnepfe lächelte und zog seine Zigarrentasche hervor.

»Verzeihen Sie, Herr von Armbrüster, wenn ich meine eigene Marke vorziehe,« sagte er und setzte, wie zur Entschuldigung hinzu: »Es soll in der Ablehnung durchaus kein Mißtrauen gegen Sie liegen. Sie werden ja nicht nur Opiumfabrikate besitzen. Ich bin aber nun einmal an meine Sorte gewöhnt.«

»Opiumfabrikate?« staunte Dorival. »Was wollen Sie damit sagen?«

Emil Schnepfe blinzelte vielsagend den Hausherrn an.

»Wenn Sie es wünschen – gar nichts.«

Er steckte sich mit Hilfe des Taschenfeuerzeuges seine Zigarre an und blies einige vortreffliche Ringe in die Luft.

»Sie wohnen hier sehr angenehm, Herr von Armbrüster. Das habe ich schon gestern abend gefunden. Ich war nämlich gestern abend, nachdem wir uns getrennt hatten, hier. Der Türwart dieses Hauses, dem ich sagte, ich hätte meine Schlüssel vergessen, öffnete mir die Türe zu dem Dienstbotenaufgang. Er verwechselte uns beide natürlich. Ihrem Diener passierte das ebenfalls.«

»Das ist ja reizend!« dachte Dorival.

»Darum hat er Ihnen von meinem Besuch wohl auch nichts erzählt. Heute habe ich mir wieder von dem Hauswart die Hintertür öffnen lassen. Der Mann ist dienstwillig, sehr aufmerksam. Ihr Diener stand im Gang und wartete auf den Herrn, der Ihnen einen Besuch machen wollte. Er beschwerte sich eben bei mir, daß der Mann so lange auf sich warten lasse. Also, um auf unser Geschäft zu kommen: Sie haben dem Labwein eine Brieftasche mit 12 500 Mark und einigen Wertpapieren weggenommen. Die Polizei vermutet in mir den Täter – Sie haben diese Vermutung unwidersprochen gelassen. Ich nehme Ihnen das nicht weiter übel, obwohl ich sonst nicht gern die Suppe ausesse, die sich andere eingebrockt haben. Ich wünsche nun zweierlei von Ihnen zu wissen: erstens, warum haben Sie bei Labwein lange Finger gemacht? Sie können auf die Arbeit stolz sein, das sagte ich Ihnen schon. Aber ich sehe den Grund nicht ein, der Sie dazu veranlaßt hat. Sie befinden sich, wie ich weiß, in guten Verhältnissen. Zweitens möchte ich wissen, wie Sie mich an der Sache beteiligen wollen, wenn ich Ihnen verspreche, die Folgen der Tat, die Sie begangen haben, auf mich zu nehmen?«

Emil Schnepfe hatte mit großer Ruhe gesprochen. Jetzt sah er Dorival fragend an.

Dorival gab keine Antwort. Lügen wollte er nicht. Ueber diese – diese Labweinsache aber zu sprechen, hatte er erst recht keine Lust.

Herr Schnepfe überhob ihn aller Mühe. Er fuhr lächelnd fort:

»Als ich vorhin Ihr Arbeitszimmer zu meinem Aufenthalt wählte, fand ich, daß einer meiner Schlüssel zu Ihrem Schreibtisch paßte. Neugierig, wie ich nun einmal bin, öffnete ich den Schreibtisch und fand in dem rechten Schubfach jene Brieftasche, die früher einmal Herrn Labwein gehört hat. Das Geld war noch vollzählig vorhanden. Daraus schließe ich, daß Sie sich in guten Verhältnissen befinden. Auch auf keinem der Wechsel stand Ihr Name. Dieser Umstand macht mich neugierig, zu erfahren, was Sie zu der Tat bewogen hat. Ich halte es für richtig, wenn Sie mich in alles einweihen, was mit der Sache zusammenhängt. Sie können wirklich ganz offen zu mir sprechen. Ich habe einen sehr triftigen Grund, Sie nicht hineinfallen zu lassen. Ich nenne Ihnen den Grund später.«

Dorival lachte kurz auf. Der Mann gefiel ihm eigentlich. Kurz entschlossen sagte er:

»Gut, ich habe dem Labwein die Brieftasche fortgenommen.«

Emil Schnepfe nickte befriedigt.

»Warum?«

Dorival zögerte mit der Antwort –

»Ich will so offen gegen Sie sein, Herr Schnepfe,« sagte er endlich, »als ich sein darf, ohne die Interessen anderer zu gefährden. Ich habe in der Tat dem Labwein die Brieftasche nicht fortgenommen, um Geld oder Wechsel zu stehlen. In der Brieftasche befand sich ein Dokument, das in der Hand des Labwein sehr schlecht aufgehoben war, das dieser Labwein durch eine Unredlichkeit an sich gebracht hatte. Nur um in den Besitz dieses Dokumentes zu gelangen, habe ich die Brieftasche an mich gebracht. Ich pflege sonst keine Streiche zu begehen, wie den, den ich Labwein gespielt habe. Es war mein Erstlingswerk in dieser Beziehung.«

»Ein schönes Talent!« bemerkte Herr Emil Schnepfe. »Meine Beobachtungen werden von Ihren Angaben bestätigt. Ich sah, daß die Brieftasche an ihrer Längsseite zugenäht gewesen war. Ich bemerkte, daß die Naht aufgetrennt worden ist, denn Reste des schwarzen Zwirns sind in dem Leder haften geblieben. Natürlich lag der Gedanke nahe, daß in dieser von Ihnen geöffneten Abteilung der Brieftasche sich ein besonderer Wertgegenstand befunden hat. Welcher Art das Dokument war, das Sie eben erwähnten, wollen Sie mir nicht sagen?«

»Ich kann nicht. Ich muß im Interesse eines anderen über diesen Punkt schweigen.«

»Gut. Lassen wir die Frage vorläufig unerörtert. Es beruhigt mich, daß Sie mir sagen, Sie hätten bisher niemals Dinge begangen, die in mein Fach schlagen. Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. Es ist nicht, als ob ich die Konkurrenz fürchte. Ich bin nicht so. Ich gönne jedem seinen Teil. Aber die Art der Ausführung war so geschickt vorbereitet und durchgeführt, daß ich anfangs fürchtete, Sie hätten Ihre englische Erbschaft schon durchgebracht und wären nun gezwungen, sich das Geld da zu nehmen, wo es andere Leute aufbewahren. Das hätte mir leid getan. Warum, das sage ich Ihnen später. Noch eine Frage. Sie wußten, daß sich die Polizei für mich interessiert, Sie wußten auch, daß wir einander sehr ähnlich sind. Als Sie nun dem Labwein jenen kleinen niedlichen Streich spielten, fühlten Sie sich wohl dadurch sehr sicher, weil Sie annehmen mußten, der Verdacht, die Tat begangen zu haben, würde auf mich fallen?«

»Unsinn!« sagte Dorival. »Erst als ich in der Zeitung las, daß die Polizei in Ihnen den Täter vermutete, kam mir zum Bewußtsein, wie große Unannehmlichkeiten Ihnen durch meine Tat erwachsen mußten. Der Gedanke hat mich gequält. Ich fand schließlich einen Trost in der Ueberzeugung, daß die Polizei Sie nicht fassen würde. Mein Schreck, als ich von dem Direktor Zahn benachrichtigt wurde, er hätte Sie gefangen gesetzt, war scheußlich. Ich fuhr nach dem ›Prometheus‹ mit der Absicht, Ihre Freigabe zu erwirken, koste es, was es wolle.«

Emil Schnepfe lächelte.

»Das war wirklich eine ganz drollige Sache,« meinte er. »Ich habe mal wieder die alte Lehre bestätigt gefunden, daß man sich nur auf sich selbst verlassen soll. Ich wußte, als ich von dem sogenannten Attentat auf den Bankier Labwein las, daß eine große Wahrscheinlichkeit vorliege, daß Sie der Täter gewesen waren. Das wunderte mich. Ich konnte mir die Gründe nicht erklären, die Sie veranlaßt haben konnten, den Labwein auszuplündern. Es ist mir bekannt, daß Ihnen vor einigen Jahren eine bedeutende Erbschaft zugefallen ist. Ich mußte annehmen, daß Sie bereits wieder auf dem Trocknen saßen. Darum kam ich auf die Idee, mich in der Auskunftei des ›Prometheus‹ nach ihren Verhältnissen zu erkundigen. Eine sehr dumme Idee. Einer der Angestellten erkannte mich, und die Leute setzten mich fest. Ich hörte dabei, daß Sie dem Direktor Zahn den Auftrag erteilt hatten, mich der Polizei in die Hände zu liefern. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß ich gerade, um mir eine Auskunft über Sie zu holen, in das Institut ›Prometheus‹ geraten mußte. Na, Sie wissen ja, daß ich mich bei den Leuten nicht länger aufgehalten habe, als unbedingt notwendig war. Bei unserer Begegnung auf der Treppe, haben Sie sich sehr vernünftig benommen. Aber warum wollten Sie die Polizei in der Ausübung ihres Berufs unterstützen? Was hatte ich Ihnen getan, daß Sie mich den Schergen des Gerichts ausliefern wollten, Herr von Armbrüster?«

»Die Verwechslungen mit Ihnen wurden für mich unerträglich. Ich bin allein zweimal verhaftet worden, weil man in mir den berühmten Emil Schnepfe vermutete.«

»Berühmt ist wohl etwas zuviel gesagt,« wehrte lächelnd Herr Schnepfe ab. »Na ja, ich gebe zu, daß Sie von dieser Ähnlichkeit zwischen uns einige Unannehmlichkeiten hatten. Ich wußte auch sofort, daß Ihnen, nachdem Sie dem Labwein die Brieftasche abgenommen hatten, sehr viel daran liegen mußte, mich nicht in die Hände der Polizei fallen zu lassen. Ich glaube überhaupt, daß es auf der ganzen Welt, außer mir selbst, keinen Menschen gibt, der sich mehr um meine Sicherheit sorgt als Sie. Nicht wahr, Herr von Armbrüster?«

»Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich Sie unter allen Umständen aus den Klauen des Direktors Zahn losgekauft haben würde, wenn Sie nicht schon selbst den Weg zur Freiheit gefunden hätten, als ich dort anlangte.«

»Ich nehme an, daß ich Ihnen dadurch einen Scheck erspart habe. Das freut mich, besonders deshalb, weil ich dadurch nicht Veranlassung gegeben habe, daß der Direktor Zahn noch einmal an mir Geld verdient hat. Um aber auf die Labweinsche Sache zurückzukommen. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag? Ich nehme der Polizei gegenüber die Geschichte auf mich. Sollte ich erwischt werden, so werde ich mich natürlich verteidigen. Ich gestehe grundsätzlich nur dann etwas ein, wenn ich fürchte, mich im Hinblick auf die Beweise durch Leugnen lächerlich zu machen. Aber ich werde den Verdacht nicht auf Sie zu lenken suchen. Im Gegenteil, ich werde Sie schützen. Und ich werde auch, falls ich verurteilt werden sollte, was sehr wahrscheinlich sein dürfte, die Strafe ohne Murren verbüßen. Ist Ihnen das recht? Und was wollen Sie sich das angenehme Gefühl kosten lassen, künftig wieder ruhig schlafen zu können?«

»Stellen Sie Ihre Forderung,« antwortete Dorival.

»Das ist schnell getan. Ihnen war es, als Sie die Brieftasche an sich nahmen, darum zu tun, ein gewisses Dokument in Ihre Hand zu bekommen. Dies Dokument soll Ihnen bleiben. Aber der andere Inhalt der Brieftasche geht an mich über. Ich gelte als der Dieb und erhalte dafür die Beute. Ist das nicht ganz gerecht?«

Dorival überlegte. Dieser Schnepfe war in seiner Forderung bescheidener, als er angenommen hatte. Aber er konnte doch dem Mann das Geld und die Wechsel nicht ausliefern, die er dem Labwein fortgenommen hatte! Bisher hatte er sich stets an den Gedanken geklammert, daß er jeden Augenblick dem Bestohlenen sein Eigentum zurückgeben konnte –

Emil Schnepfe sah ihm seine Gedanken an.

»Sehen Sie mal, Herr von Armbrüster,« sagte er mit ruhiger Freundlichkeit und einem etwas schulmeisterlich klingenden Unterton, »Sie quälen sich ganz unnötig. Sie wollen möglichst korrekt sein. Es geht Ihnen gegen den Strich, das Geld und die Wechsel einem anderen zu geben als dem ursprünglichen Eigentümer. Ich glaube, ich kann Ihnen ein wenig behilflich sein, den richtigen Weg aus Ihren Zweifeln zu finden. Beschäftigen wir uns zunächst einmal mit der Person dieses Labwein. Der Mann ist ein skrupelloser Wucherer, der die Lektion, die Sie ihm erteilt haben, durchaus verdient. Wäre mir der Umstand nicht schon bekannt gewesen, hätte ich ihn aus den Schuldscheinen und Wechseln ersehen müssen, die er in seiner Brieftasche mit sich herumgetragen hat, bis sie glücklicherweise in Ihre Hände fielen. Das Schicksal hat es gewollt, daß die armen Leute, die gezwungen wurden, diese Wechsel und Schuldscheine auszustellen, den Händen des Wucherers entronnen sind. Wollen Sie von neuem diese Menschen auf Gnade und Ungnade dem Herrn Labwein ausliefern? Nein, das wollen Sie nicht, ebensowenig wie ich es will. Wenn ich die Auslieferung dieser Wechsel und Schuldscheine verlangte, so geschah es, weil ich diese Papiere vernichten will. Lassen Sie uns den Opfern des Labwein einen glücklichen Tag bereiten. Denken Sie nicht nur an sich und Ihr sogenanntes gutes Gewissen, sondern denken Sie auch an das Glück Ihrer Nebenmenschen. Ich glaube, daß dieser Teil meiner Forderung Ihre volle Zustimmung findet. Ist es nicht so. Herr von Armbrüster? Wir vernichten diese Papiere? Sagen Sie ja?«

»Sie haben recht,« nickte Dorival.

»Lassen Sie uns gleich an die Arbeit gehen, Sie haben wohl die Güte, die Labweinsche Brieftasche herzuholen.«

Dorival ärgerte sich, daß dieser Emil Schnepfe ihm Befehle erteilte. Aber er fügte sich. Er holte die Brieftasche aus dem Nebenzimmer. Hier konnte er nicht unterlassen, die Frage an seinen Gast zu richten:

»Wenn es Ihnen um den Besitz der Brieftasche und ihres Inhalts zu tun war, warum haben Sie das Ding nicht gleich behalten, als Sie vorhin meinen Schreibtisch geöffnet und durchstöbert haben?«

Emil Schnepfe lächelte.

»Ich wußte ja, daß wir uns einigen würden. Auch stehle ich nicht bei Leuten, die sich mir gegenüber so nett und höflich zeigen, wie Sie, Herr von Armbrüster. Ich erinnere an unsere Begegnung auf der Treppe im Geschäftshaus des ›Prometheus‹. Und dann noch eins: Es wäre mir peinlich gewesen, wenn die Brieftasche bei mir gefunden worden wäre, falls Sie eine Dummheit begangen hätten und zu meinem Empfang hier irgendwo einige Kriminalbeamten versteckt haben würden. Ein Mann in meiner Lage muß vorsichtig und auf alles gefaßt sein, besonders auf die Dummheiten der anderen. Sie sehen das ein, nicht wahr, Herr von Armbrüster?«

»Vollkommen. Aber ich werde noch heute die Türe meiner Wohnung, die nach der Hintertreppe führt, so sichern, daß weder der Hauswart, noch ein anderer Unberufener sie öffnen kann.«

»Dazu kann ich Ihnen nur raten,« bestätigte Emil Schnepfe. »Bitte, geben Sie mal den Schwamm her.«

Dorival reichte seinem Besucher die Labweinschen Wechsel und Schuldscheine. In diesem Augenblick klopfte es an die Zimmertür. Schnepfe schob die Papiere unter die Tischdecke. Dorival eilte zur Tür.

»Galdino, bist du es?«

»Jawohl, gnädiger Herr.«

»Was willst du?«

»Der Herr, den der gnädige Herr erwartet, ist noch nicht gekommen.«

»Du bist ein Schaf. Du hast wieder geschlafen. Der Herr ist schon längst hier, und ich wünsche jetzt von niemand gestört zu werden. Verstanden?«

»Jawohl, gnädiger Herr.«

Dorival kehrte zu feinem Besucher zurück.

»Mein Diener. Weiter nichts. Wir werden jetzt ungestört sein.«

Schnepfe nahm die Papiere wieder in die Hand und musterte sie. Er las die Namen der Akzeptanten und die Namen der Aussteller.

»Das sind zwei junge Offiziere. Wahrscheinlich müssen sie den bunten Rock ausziehen, wenn Labwein ihnen die Wechsel präsentiert. Erhalten wir der Armee zwei Leutnants!« Er zerriß zwei Wechsel in kleine Stücke. Dann fuhr er fort:

»Ein Fabrikant, ein Gutsbesitzer, die Witwe eines Majors, ein pensionierter Oberst, ein Legationsrat und zwei Kaufleute! Euch alle hat aus böser Klemme Herr Dorival von Armbrüster durch einen kühnen Streich gerettet. Ihr würdet ihn segnen, wenn ihr seinen Namen kennen würdet. Aber da die Zeitungen mich als euren Wohltäter genannt haben, so fällt euer Segen aus mein Haupt. Nun, ich kann gute Wünsche gebrauchen.«

Er zerriß sämtliche Schuldscheine und Wechsel.

»So, der erste Teil meiner Forderung wäre erledigt. Nun kommt der zweite Teil. Es handelt sich um das Geld. Auch da sind Bedenken nicht am Platz. Leute, die ihr Geld dazu benutzen, um ihre Nebenmenschen zu bewuchern, die mit ihrem Geld andere schädigen, die verdienen, daß ihnen dies Geld entzogen wird, denn es ist ihre Waffe, mit der sie andere anfallen. Genau so, wie man dem Wegelagerer die Pistole aus der Hand schlägt, so soll man auch dem Wucherer seine Waffe fortnehmen. Das ist ein Gebot der Menschlichkeit. Einer solchen Tat braucht sich der anständigste Mensch nicht zu schämen. Wenn Sie dem Labwein das Geld zurückgeben, und der Labwein mit diesem Geld weiter Wuchergeschäfte betreibt, was ja nicht ausbleiben wird, so würden Sie sich in gewisser Beziehung mitschuldig machen. Das ist meine Auffassung von der Sache. Dann kommt noch mein Rechtsanspruch an dem Geld hinzu. Ich gelte als derjenige, der dem Labwein die Brieftasche fortgenommen hat. Werde ich erwischt, so werde ich bestraft, eben weil ich dieses Geld genommen habe. Ich will nicht von Ihnen durch irgendeine Summe abgefunden werden. Nein, ich will gerade nur das Geld und keinen Pfennig mehr, das in der Brieftasche war. Ich habe auch so eine Art moralisches Mäntelchen, das ich mir umhänge. Jeder Mensch hat die Verpflichtung, sich einen gewissen Grad von Selbstachtung zu bewahren. Ja, denken Sie, Herr von Armbrüster, ich halte mich durchaus nicht für einen schlechten Menschen, obwohl ich von einem Dutzend Polizeibehörden verfolgt werde. Ich habe niemals einem anderen Menschen etwas weggenommen, was der Betreffende nicht sehr gut entbehren konnte. Und dann habe ich noch so ein ganz kleines, privates Stölzchen. Ist es Ihnen noch nicht aufgefallen, daß ich mir niemals einen Namen beigelegt habe, der bei der Aehnlichkeit, die zwischen uns besteht, mir recht nützlich hätte sein können? Es ist der Name von Armbrüster.«

»Allerdings,« sagte betroffen Dorival. »Sie haben meinen Familiennamen geschont.«

»Ich kann von Ihnen nicht dasselbe sagen,« lächelte Dorivals Gast. »Ich habe mich nie als Herr von Armbrüster ausgegeben. Sie aber haben es gelitten, daß man Sie für Emil Schnepfe hielt.«

»Was sollte ich tun?« fragte Dorival verlegen.

»Ich sagte Ihnen schon, daß ich Ihnen aus Ihrem Verhalten keinen Vorwurf mache. Für die Tat lasse ich mich auch nicht von Ihnen bezahlen. Da haben Sie das kleine private Stölzchen. Ich nehme nur das, wofür ich büßen muß, wenn ich einen Reinfall erleben sollte. In meinen Händen soll das Geld übrigens eine recht nützliche Verwendung finden. Es wird mir gestatten, Fräulein Gretchen Lotz zu heiraten.«

Dorival schwankte nicht mehr. Er gab an Emil Schnepfe den Betrag heraus, den die Labweinsche Brieftasche barg.

»Sie sind ein merkwürdiger Mensch!« sagte er. »Sie werden also Fräulein Lotz heiraten?«

»Ja, das werde ich,« antwortete Schnepfe und barg die Banknoten in der inneren Tasche seines Rockes. »Ich werde zunächst dafür sorgen, daß das arme Mädchen zu seiner Erholung ein Pensionat aufsucht. Das Martyrium, zwei Jahre Gesellschafterin bei Frau von Maarkatz zu sein, hat ihre Nerven stark angegriffen. Sie wird wieder frisch, gesund und blühend werden. Ich werde mir irgendwo eine Existenz gründen, lieber meine alten Geschichten wird Gras wachsen. Sie werden durch Verwechslungen mit mir nicht weiter belästigt werden.«

Dorival reichte ihm die Hand.

»Ich wünsche Ihnen und Fräulein Lotz von ganzem Herzen Glück. Ich habe Sie früher natürlich ganz anders beurteilt. Ich bin jetzt froh, daß ich Sie näher kennen gelernt habe. Und noch eins, wenn ich Ihnen helfen kann, so verfügen Sie über mich!«

»Ja, so eine Aussprache ist immer von Wert.« Herr Schnepfe schlug vergnügt an die Brusttasche, die das Labweinsche Geld barg. »Außerdem ist es mir mit Ihnen ganz ebenso ergangen. Sie waren mir früher auch sehr unsympathisch, Herr von Armbrüster.«

Dorival lachte.

»Ja, seit wann kennen Sie mich denn?« fragte er.

»Von Ihrer Existenz wußte ich schon, als ich noch ein ganz kleines Bürschchen war, persönlich kennen lernte ich Sie aber erst während meiner Dienstzeit als Kavallerist hier in Berlin.«

»Dienten Sie denn in meinem Regiment?«

»Nein, Herr von Armbrüster, im Schwesterregiment. Ich spielte mal an Kaisers Geburtstag einen Leutnant, da fiel meinen Kameraden und auch meinem Rittmeister die Aehnlichkeit auf, die ich mit dem Leutnant von Armbrüster, der bei dem anderen Regiment stand, hätte. Ich habe es dann so eingerichtet, daß ich Sie öfter zu sehen bekam. Da bemerkte ich auch, wie sehr ich Ihnen ähnlich war. Sie gingen schon damals immer glatt rasiert. Ich habe mir dann manchmal den Jux gemacht, abends in der Uniform eines Leutnants auf den Straßen herumzulaufen. Es war mein erstes Gastspiel als Baron. Ich freute mich kindisch, wenn die Soldaten mich grüßten. Aber einmal wäre ich beinahe in eine böse Patsche geraten. Ich traf Offiziere von Ihrem Regiment. Die verwechselten mich mit Ihnen. Ich mußte sehr vorsichtig sein, um mich während der Unterhaltung nicht zu verraten. Da hörte ich. daß Sie Ihren Abschied eingereicht hätten, weil Sie eine englische Erbschaft antreten wollten.«

Eine kleine Pause trat ein. Emil Schnepfe zündete sich etwas umständlich eine neue Zigarre an. Dann sagte er. ernster als bisher:

»Geschäftlich wären wir im reinen, Herr von Armbrüster. Nun hatte ich Ihnen aber vorhin gesagt, daß ich aus einem ganz besonderen Grund ein Interesse daran hätte, Ihren Namen zu schonen. Sind Sie nicht neugierig, diesen Grund kennen zu lernen?«

Dorival blickte betroffen auf.

»Ich wollte Sie schon fragen –«

»Zunächst noch eine andere Frage: Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß die Aehnlichkeit zwischen uns einen recht naheliegenden Grund haben könnte? Daß sie nicht ein kleiner Scherz der Natur, sondern die Folge des Gesetzes von der Vererbung ist?«

Dorival sprang auf.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ihr Vater, der Freiherr Elgar Friedrich Karl von Armbrüster ist auch mein Vater!« sagte Emil Schnepfe. »Setzt Sie das so sehr in Erstaunen?«

»Allerdings!« stotterte Dorival. »Ich habe bisher an diese Lösung des Rätsels nicht gedacht. Aber Sie werden eine Frage begreiflich finden, Herr Schnepfe. Haben Sie für Ihre Behauptung Beweise?«

»Die habe ich. Aber ehe ich Ihnen dies zeige, gestatten Sie mir, Ihnen eine Erklärung abzugeben. Weder meine verstorbene Mutter noch ich haben jemals versucht, einen Vorteil für uns aus dem Umstand zu ziehen, daß die Verwandten meines Vaters vermögende Leute sind. Meine Mutter hat mich erzogen, so gut sie konnte, und wenn sich auch über die Methode ihrer Erziehung streiten läßt, so hat sie doch an einem festgehalten: Sie hat mich, der ich sonst nur wenig auf dieser Welt achte, die Achtung vor dem Namen meines Vaters gelehrt. Ich habe von meinem Vater nicht nur einige Aeußerlichkeiten, sondern leider auch gewisse Neigungen geerbt, und so ist aus mir, da ich kein echter Aristokrat sein konnte, jener Pseudo-Aristokrat geworden, der sich die Mittel zu seiner Scheinexistenz ohne Bedenken da nahm, wo sie sich ihm boten. Aber das soll nun anders werden.«

Er lächelte.

Wie Schuppen fiel es Dorival von den Augen: so einfach, so natürlich war diese Erklärung der rätselhaften Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Gegenüber –

»Es bedarf keiner weiteren Beweise«, sagte er. »Ich glaube Ihnen. Ich weiß, daß meine Mutter in vielen Dingen andere Anschauungen hatte, als mein Vater. Daraus ergaben sich Verstimmungen, die sich nach und nach vertieften und beide Teile unglücklich machten. Sie wissen wohl, daß mein Vater, unser Vater, mit eigener Hand seinem Leben ein Ziel setzte. Er hat sich erschossen.«

Emil Schnepfe hatte ein Päckchen Briefe hervorgeholt. Es waren alte, vergilbte Briefe, zusammengehalten von einem verblaßten, rosafarbenen Bändchen.

»Das weiß ich!« sagte Emil Schnepfe. »Einer dieser Briefe ist nur wenige Stunden vor seinem Tode geschrieben worden. Ich war damals acht Jahre alt. Meine Mutter reiste mit mir an einem kalten Wintertag zur Beerdigung. Von weitem haben wir gesehen, wie der Sarg in die Gruft gesenkt wurde. Damals habe ich Sie zum erstenmal gesehen.«

Er erhob sich.

»Meine Mutter,« sagte Dorival, »hat nach dem Tode meines Vaters in einer Aufwallung von Verbitterung alles verbrannt, was an ihn erinnerte. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Briefe für einige Tage überlassen würden. Es soll keine Nachprüfung Ihrer Angaben sein. Ich möchte nur einmal einige Stunden meinem Vater widmen, und ich glaube, daß diese mich ihm näherbringen, als die Erzählungen meiner englischen Verwandten. Wollen Sie?«

Einen Augenblick zögerte Emil Schnepfe.

»Sie haben ein Recht darauf,« sagte er dann. »Heben Sie die Briefe auf; sie sind bei Ihnen besser aufgehoben als bei mir. Die Polizei ist oft so – so zudringlich neugierig!«

»Sie können die Briefe morgen wieder haben.«

»Morgen bin ich schon weit von hier,« lächelte der andere. »Behalten Sie die Briefe. Sie sollen eine Sühne sein für die Unannehmlichkeiten, die Sie durch mich hatten und – vielleicht noch haben werden. Leben Sie wohl!«

»Erinnern Sie sich an mich, wenn Sie Hilfe brauchen! Wenn Sie –«

»Danke! Herr Baron, ich habe die Ehre!«

Eine förmliche Verbeugung und – er klappte die Türe hinter sich zu.

Als Dorival eine Stunde später ausgehen wollte, vermißte er seine polizeiliche Legitimationskarte. Sie war nirgends zu finden.

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