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Der Donnergueg

Rudolf von Tavel: Der Donnergueg - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Donnergueg
authorRudolf von Tavel
year1982
firstpub1916
publisherFrancke Verlag Bern
addressBern
titleDer Donnergueg
pages201
created20150825
sendermarc.rolle@bluewin.ch
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XVII.
Vo Chrügeli-Paschteten und verbrönnte Finger

So nes z’Mittagässe wi der sälb Sunntig hei di Buebe Chilchbärger no nid düregmacht gha. Papa und Mama sy verschmeiet da gsässen und hei soz’säge keis Wort gredt. Nume hie und da ne Frag oder sünscht es Wort het la errate, daß si sech der Chopf zerbroche hei, was ächt dä Morge gange sygi. Di prächtigi Chrügeli-Paschtete, wo me dem Herr Houpme z’lieb het la mache, het nöue niemerem rächt welle gschmöcke. D’Buebe zwar hei einewäg ypackt, was d’Mäge hei möge fasse; si hätte sech ja nid chönne vergä, öppis eso la z’stah. Papa und Mama hei gmeint, si heige nume vo ihrer Gmüetsverfassung e schlächti Chuscht im Muul, und sy froh gsi, daß di sorglosi Juged doch d’Sach z’Ehre zieji, bis undereinisch d’Frou Charlotten e Dachen i der Paschtetefülli findt. «Pfythuß! — Was isch jitz das?» het si gseit und ds Eisi z’Red gstellt. En Ougeschyn i der Chuchi het du ergä, daß ds Eisi us Verschuß d’Cherzestock-Ruumi mitsamt den Uschligstümpli i Paschtete-Hafe gworfe het. — Es isch halt z’vil gsi für das guete Chöcheli, währed dem Rüschte vo der Fülli no der Herr Houpmen und ds Annemarie under em Chuchifänschter z’wüsse. Bald het du Kamilleduft no ne bsunderi Nüancen i di düschteri Stimmung vom ganze Huus bracht. Ds Eisi het gschwore, so ne böse Tag heigi’s i syr ganze bald sächzigjährigen Ärdewallfahrt no nid erläbt, und gcholderet, daß sogar d’Chatz für guet gfunde het, dä halb Tag vorusse zuez’bringe.

187 Scho am Mäntig druuf isch der Herr Sunnefroh ds Annemarie cho hei reiche. Der Herr Houpmen isch am Morge by-n-ihm gsi und het ihm brichtet, was gange sygi. Er isch so gschlage gsi, daß i der Frou Charlotte d’Vermuetung überwoge het, ds Annemarie und der Hans syge ganz usenand; aber si het nid ds Courage gha, z’frage, und der Herr Sunnefroh het nid es Wort meh gseit, als grad het müesse sy. D’Tante Gatschet, wo me du isch ga frage, het wohl chönnen Ufschluß gä über d’Ereignis vom Sunntig, aber was der Hans vorheigi, het si so wenig gwüßt wi alli andere. So isch halt d’Frou Charlotte grad über das, was se-n-am meischten interessiert het, im Bhäng blibe. Und zu der Ungwüßheit, wo se gmarteret het, isch sogar über si ds Gfüehl von eren unagnähme Lääri cho. Allne, vom Lächehuus bis i Sädel ufen und vom Schlößli bis zum Röhrli hindere, het ds Annemarie gfählt. Aber am uheimeligschten isch allnezsäme gsi, daß me so gar nüt vom Herr Houpme verno het. Me het vermuetet, er wärdi wider a menen Ort in es Regimänt yträtte, aber wo?

Me cha sech dänke, wi’s d’Frou Charlotten ufguslet het, wo na vierzäh Tagen e Brief vo ihrem Schwager a ds Annemarie uf en Äßstubetisch gflogen isch. Uf em Couvert isch der Stämpel vo Marseille gsi. No bevor öpper wyters dä Brief gseh het, isch er i ds Bureau vo der Frou Chilchbärger gwanderet, und sobald si gwüßt het, daß niemer umewäg sygi, wo se chönnti störe, isch si ne wider ga vüre näh. Mit Härzchlopfe het si ne-n-uf all Wys und Wäg gäge ds Fänschter gha, für öppis chönne dürez’läse. Aber es het nere nüt welle grate. Ds Pütschierwächs abchnüble het si nid chönne, ohni 188 ds Papier z’verryße. Jitz chunnt nere d’Idee, si chönnt’s suber abschmelzen und nachhär mit dem Petschaft vo ihrem Ma nes neus Chilchbärger-Wappe druuf drücke. Mit zitterige Finger het si der Brief über ne Cherzen und luegt, wi ds Wachs fat afa brödelen und tropfe. Scho isch der üsser Pflaartsch ab gsi, und dem innere hilft si mit nere Lismernadle nache. Da flammet undereinisch ds Papier uuf, und si cha’s nume no grad zsämechnuuschte, für der Räschte z’lösche. — «Ja nu», het si dänkt, «jitz isch er myne.» Der under Teil vo beidne Blettli isch no gsi z’läse, und da het’s gheiße:

«... doch vor Gott und meinem Gewissen sagen, daß ich in der Dunkelheit nicht wußte, wen ich vor mir hatte und mich meiner Haut wehren mußte. Dazu berechtigte mich vollends das soldatische Pflichtgefühl. Ich hatte Aufrührer vor mir, welche sich an unsern Fahnen vergreifen wollten. Selbst wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte, daß ich Harzkopf vor mir habe und daß er Ihnen...»

Und uf der letschte Syte:

«... seine Liebe zu Ihnen den Tod überdauern werde, so bitte ich Sie, es mir als bernischem Edelmann zu glauben, daß ich in diesem Punkte mich nicht durch einen Studenten von niederer Herkunft beschämen lasse. Den Beweis dafür werde ich nicht schuldig bleiben. Das, liebe Annemarie, gelobt Ihnen

Ihr in unverbrüchlicher Treue ergebener

Hans v. Kilchberger.

Postscriptum. Ich warte hier auf eine Reisegelegenheit, um nochmals meine Dienste dem König beider Sizilien anzubieten.»

189 D’Frou Charlotte het näbe de verbrönnte Finger gnue gha für e Gwunder und dermit glych nid gwüßt, uf was si sech söll gfaßt mache. Si het der Räschte vom Brief o no verbrönnt und isch allei Bsitzerin vo sym Gheimnis blibe.

*

Für ds Annemarie sy rächt trüebi Tage cho. Dä guet Papa Sunnefroh het und het nid welle begryffe, warum sy Tochter ihm so «liechthärzig» alli syni Plän umgworfe heigi. «Wi cha men o ds Glück, wo men eim däwäg uf em Presäntiertäller beizt, vo der Hand wyse!» het er geng wider gseit.

«Ach», het ihm de albe ds Annemarie g’antwortet, «Dir redet geng vo Glück. Es wär äbe keis Glück gsi.»

«Eh bah! — Da wär de scho Gras drüber gwachse, und dir hättet ech bald beidi dermit abgfunde. Me mueß nid so difficil tue!» het der Papa raisoniert. Es het Momänte gä, da het ds Annemarie gmeint, jitze syg’s überstande, und sy Papa well sech afa dry schicke; aber so gwüß daß öppis vo Gerzesee, vo Neapel oder gar vo ds Chilchbärgers isch gseit worde, het er wider afa jammere. Er heigi so gnue vom Läbe. Er gäb’s wohlfeil, wenn ihm doch alles lätz grati. So isch es der ganz Winter düre gange, und um ds Neujahr ume het ds Annemarie afange nüt meh anders begährt, als daß es dem Peter nache chönnti.

Aber der Herr Sunnefroh und sy Tochter hei beidi no meh müesse lehre. Wo si’s am allerwenigschten erwartet hei, grad da het du im Früehlig der Tod agchlopfet. Z’Oschteren isch d’Mama chrank worden und i Zyt vo wenige Tagen erlösche. Und jitz isch es erscht 190 rächt trüeb worden im Huus a der Brunngaß. Hätti ds Annemarie nid di gueti alti Tante Gatschet gha, es hätti mängisch nümme gwüßt, wo uus und wo ane mit sym Papa, wo sech je länger descht meh i Chopf gsetzt het, der Sunneschyn sygi de änefür, und i diser Wält gäb’s jitz halt gar nüt meh, wo me sech drüber chönnti freue. Ds Annemarie sälber hingäge het nah-ti-nah wider chly Bluet i d’Fäcken übercho. Wenn si albe zsäme der Brämgarte-Chehr gmacht hei, so het jedes Läberblüemli, wo blau und heimelig us em dürre Loub vüre güggelet het, dem Annemarie e chly Muet zuegsprochen und ihns gmacht z’dänke: Wohl, doch! — Gäb wi der Papa gchlöhnet het, äs het gspürt, daß es mit dem Läbe doch würklech no nid fertig gsi isch.


 

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