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Der Donnergueg

Rudolf von Tavel: Der Donnergueg - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Donnergueg
authorRudolf von Tavel
year1982
firstpub1916
publisherFrancke Verlag Bern
addressBern
titleDer Donnergueg
pages201
created20150825
sendermarc.rolle@bluewin.ch
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XVI.
Warum me schlächt gschlafe het. Di einte gange z’Predig, di andere hinder ds Huus

Di große Gedanke chömen eim i der Bettwermi; aber der gröscht Teil dervo geit am Morge bim Wäsche wider ab. Der Houpme Chilchbärger, so höhn er nächti über sy Schwägerin gsi isch, het eigetlech sy Brueder nid gärn us em Huus vertribe, scho de Chinder twäge nid, und drum het er sech i der Nacht usdänkt, er chönnti mit dem Annemarie anderswo — villicht i der Stadt — ga hüsele. So würd de alles im beschte Friden abloufe.

Aber äbe! Sobald es i syr Junggselle-Stube taget het, isch di übergroßi Güeti wider uf ds Mäß vom Tageshärz zsämegschrumpfet. Der Herr Hans het ds Fänschter ufta, und du het ne di ganzi großi Schönheit vom Bärnerland überfalle. Er het grad gspürt, daß er sech da dervo nümme chönnti z’grächtem losryße. Und im Gedanken a d’Müglechkeit, sech hie mit dem härzigschte Froueli, wo-n-ihm no under d’Ouge cho isch, chönnen yz’huse, hätt er grad möge zum Fänschter uus juze wi ne Chüejerbueb. Grad so wyt het er sech nid la gah; aber emel pfiffe het er wi nes Kanari.

Ussert de Buebe het im Schlößli niemer guet gschlafe gha. Ds Annemarie cha me sech dänke warum. Mit mene Brief i der Hand isch es ygnuckt, aber bald druuf wider erwachet und di ganzi Nacht düre nie meh z’grächtem ygschlafe. Bald het ihns der Triumph über d’Frou Chilchbärger gweckt, bald d’Freud über e guete 179 Bricht, wo-n-es jitz de synen Eltere chönni gä, nid z’rede vo der Houptsach, vom Hans Chilchbärger. Mit so mene Ma sy Wäg chönne wyter z’gah, z’mitts under allne dene Lüte, wo jitz scho dem Annemarie aghanget sy wi amene guete Müetterli! I sibete Himmel gfloge wär’s di Nacht, wenn nid... ja, wenn nid öppis gsi wär. Me seit, es gäbi Gspänschter, wo eim ds nacht d’Dechi vom Bett abe zieje. Dem Annemarie het geng und geng wider öppis am Brutschleier zupft, wo sech mit zartem Duft über sy Seel het gspreitet gha.

D’Frou Charlotte het di ganzi Nacht i urüejige Tröume züglet und z’Bärn Stube möbliert, und der Herr Eduard het grächnet, grächnet, grächnet, und sech schier nid mögen ebha, ufz’stah und der Zinsrodel ga z’dürnüele. Es isch e wahri Wohltat gsi, daß d’Buebe bim Déjeuniere gräßlech gchääret hei, so daß men emel mit Schmähle het chönne di Stilli underbräche, wo me schier erstickt isch drinne. Me het ds Zsämelüte zur Predig fascht nid mögen erwarte, für e chly vo sich sälber ewägz’cho.

Wi’s ihm isch uftreit worde, het ds Eisi ds Annemarie im Momänt, wo me zur Chilchen ufbrochen isch, i d’Chuchi glökt und’s dert versuumt. Der Herr Hans isch mit den andere bis uf d’Straß use, wi wenn er mit ne z’Predig wetti. Da blybt er plötzlech stah, gryft linggs und rächts i syni Buesetäschen und seit: «Ach was!» Und währed ds Ehepaar Chilchbärger wyter gloffen isch, chehrt er um und geit hei. Ds Eisi het sy Sach ganz pärfäkt gmacht. Es het mit der Jumpfer Sunnefroh dampet, bis es ds Gartetor het ghöre gyre, und so isch es gscheh, daß di zwöi sech schön z’mitts im Garte begägnet sy.

180 Der Herr Houpme nimmt der Jumpfer Sunnefroh ds Gsangbuech us der Hand und stoßt’s i Sack. Du git er nere d’Hand und füehrt se-n-under der Äßstube düre, ohni numen es Wort z’säge. Und dert, exakt am glyche Plätzli hinder em Tor, wo si einisch zsäme dem Peter zueglost hei, nimmt der Herr Hans sys Annemarie fescht i d’Armen und git ihm es härzhafts Müntschi und du no eis, und ds Annemarie het ihm se-n-umegä und derzue syn ihm Tränen über d’Backen ab gloffe.

Jitz betrachtet der Herr Houpme sy Schatz mit zärtleche Blicken und seit: «I dänke, mer sygen eis, Annemarie, oder nid?»

Es het kei Ton vürebracht. Statt däm het es ihm d’Armen um e Hals und der Chopf a d’Bruscht gleit, so daß er sys Härz het gspürt chlopfe.

«Chömet, mer wei chly dahindere!» Der Hans het dem Annemarie der Arm gä, und du sy si langsam dür ds Wägli uus, wo vom Huus alli Gredi dür d’Hoschtet hindere füehrt, zum Plätzli a der efeu-überwachsene Gartemuure. Bis derthi hei si nüt zsäme gredt, und ds Annemarie het geng vor sech abe gluegt.

«Also», seit er und zieht sy Brut näbe sech uf ds Bänkli, «jitz chönne mer ändlech einisch ungstört zsäme brichte. — O, wenn Dir nume wüßtet, wi-n-i dernah blanget ha, mi mit Euch z’Gerzesee cho z’sädle! Aber i ha nid us em Dienscht furt dörfe, solang es z’Neapel gmuttet het, und kei Möntsch het chönnen errate, wi das no usechunnt. Jitz isch’s fertig. Es truurigs Änd het’s gno, und descht lieber isch es mer, daß i Euch no gfunde ha. I wär gruusam gschlage gsi, wenn i z’spät cho wär. Gerzesee hätt mer nüt meh gulten ohni Euch.»

181 Mit däm het er wider der Arm um ds Annemarie gleit und ihm tief i d’Ouge gluegt. Aber nid lang. Ds Annemarie het wider a Bode gluegt und d’Tränen abgwüscht.

«Aber, Annemarie!» seit er. Er isch nid rächt drüber cho, ob es vor Freud und Säligkeit briegget — sym ganze Wäse nah hätti me das chönnen anäh — oder ob irged öppis no us em Wäg müessi gruumt sy. «Chunnt’s Ech öppe doch no chly z’plötzlech?» Mit däm nimmt er dem Annemarie der Chopf zwüsche d’Händ und git ihm es Müntschi uf syni duftige chruse Haar. Derby het er i däm Chopf e lyse Widerstand gspürt und drum e chly verwunderet drygluegt.

Jitz nimmt ds Annemarie alli Chraft zsämen und wott rede. Aber statt es Wort vürez’bringe, het’s der Halt z’vollem verloren und isch in es Schluchzen usbroche.

«Aber, aber!» het der Hans Chilchbärger ratlos und zärtlech gseit.

«Zürnet mer’s nid!» chunnt’s jitz ändlech dem Annemarie ab de Läfzge. «Gället, i bin es Dumms, eso ga z’mache, aber i ha halt Müej, mi dür alles düre z’finde.»

«Dür was?»

«Ach, i ha halt gar mängs Böses hinder mer.»

«Eh myn Troscht doch o! — Aber jitz isch es ja dahinde!»

«Äbe no nid ganz.»

«Ja, was fählt de no?»

«Ach!... Dir wüsset’s ja wohl. Und es isch gschyder, i säg’s jitz no grad use: Was isch us em Peter Harzchopf worde?»

Dem Hans Chilchbärger isch es gsi, wi wenn men 182 ihm e Fuuschtschlag uf d’Bruscht gä hätti. «Jaso! — Das isch es? — I hätti nid dänkt, daß Euch dä je z’grächtem öppis gsi wäri. Aber jitz isch er ja tod.»

«Das weiß i. Säget mer nume, wi das zuegangen isch. Isch er als brave Soldat gfalle?»

Der Houpmen isch ergerlech worden und het sech überleit, ob er eifach well ja sägen und dermit d’Sach eis für allimal abtue. Aber öppis in ihm het sech dergäge gwehrt. Er het mängisch gnue drüber nachedänkt, wi das wärdi usecho, wenn einisch ds Annemarie sy Frou sygi und de uf irged mene Wäg ihm z’Ohre chäm, wi’s bi ds Harzchopf’s Tod zue und här gange sygi. Jitz isch’s ihm ganz klar worde, daß er’s nid het dörfe dadruuf la abcho. Es isch um ds Glück vo beidne gange. Also use mit der Wahrheit, wi-n-es sech für ne Soldat und Bärner schickt!

«Wi me’s nimmt», antwortet er, «er isch — das darf me wohl anäh — us ehrlecher Überzügung mit den Ufrüehrer gangen und het’s halt mit dem Läbe zalt. Er het ja gwüßt, was uf em Spil steit.»

Ds Annemarie het ob däm Bricht ganz fyschteri großi Ougen übercho und isch bleich worde. «Als Ufrüehrer?» het’s gfragt. «Aber wi isch er de umcho?»

En Ougeblick isch dem Houpme der Ate chly bstoche. Und du het er sech früsch zsämegno und gseit: «Das allerdings, Annemarie, chan Ech niemer besser sägen als ig.» Ds Annemarie het sech wi i mene Chrampf a d’Banklähne gchlammeret und mit ganz stöberen Ouge sy Brütigam agstuunet.

«I bi i mym Quartier gsi», fahrt er furt, «wo der Alarm gangen isch. Uf en erschte Ton hi bin i zur Casärne, z’mitts dür e Huuffe vo de Revoluzzer düre. 183 Alles han i uf d’Syte gheit, was mer i Wäg cho isch, und wär no ungschlagen yne cho. Da chunnt so einen uf mi zue und guslet mit dem Bajonett gäge mi. So? han i dänkt, dir will i zeige, was Ornig isch, ryßen ihm ds Gwehr us der Hand und jagen ihm ds Bajonett dür e Lyb. — Ja, es isch ruuch gange. Aber da cha me sech nid lang bsinne, und i ha gwüßt: jitz gilt’s!»

Ds Annemarie het e Schrei underdrückt und isch wi vo Sinnen i sech zsämegsunke, so daß der Houpme gmeint het, es falli z’Bode.

«O Dir Unglückleche! Was heit Dir gmacht!» bringt es müehsälig vüre. «Da lueget, was für eine Dir töt heit!» Dermit zieht es dä Brief vüre, wo-n-es alli di Tag mit sech umetreit het, und git ne sym Brütigam.

Der Houpme het der Brief usenandere gfaltet und gläse, währeddäm ds Annemarie mit vergeischtereten Ouge jede vo syne Gsichtszüg verschlunge het.

 

«Liebe Annemarie!

Im schönsten Lande der Erde sterbe ich vor Heimweh, vor Sehnsucht nach Dir und nach meiner Heimat, meinem Volk. Ich verbrenne hier, nicht unter der Sommerglut des Golfes von Neapel, aber vor Herzweh nach Dir. Sage mir, wie ich es anfangen soll, um wieder zu Dir zu gelangen. Hier gehe ich zugrunde. Ich gehöre nicht in den Soldatenrock. Zu Dir gehöre ich. Mit Dir will ich durch das Leben ziehen, und wenn sie mir das letzte vom Leibe reißen und mich zu Tode martern, ich will es alles über mich ergehen lassen, um mit Dir Hand in Hand das zu tun, was der Traum meiner Jugend war. Annemarie, hilf mir, mein Leben den Enterbten hingeben! O, wie glücklich könnten wir sein!

184 Was ich Dir einst gesungen, es war mir ernst und bleibt mein Ziel ewig:

Laß uns in der Liebe lichte Himmelsweiten,
Aus der Starken hartem Bann hinübergleiten,
Daß zurück wir kehren reich an edlen Gaben,
Die Zerschlagenen und Armen zu erlaben.
Sanft zerfeilend ihre goldnen Sklavenketten,
Wollen vor der Selbstsucht Schergen wir sie retten.
Mag der Speer des Neides unsre Brust durchbohren,
Was du liebend um sie littst, ist nicht verloren.
Wahre Liebe kann im Sterben nicht erbleichen;
Dienend, leidend, wird sie doch ihr Ziel erreichen.

Annemarie, mag kommen, was da will, Dich wird der Tod nicht scheiden von Deinem

Peter Harzkopf.»

Der Houpme Chilchbärger het dä Brief, wo sy Bajonettstich hert dranne düren i ds Peters Härz gfahren isch, wi men a de Bluetfläcke gseh het, dem Annemarie mit mene Süüfzer umegä und keis Wort meh chönne säge. Er het syr Brut der Arm botten und se halb gfüehrt, halb treit gäge ds obere Huus und i ihri Stuben ufe. Dert het er se no einisch a sech drückt, se-n-uf ds Bett gleit und nere nes Müntschi uf d’Stirne gä, und du isch er use. Uf der Schwelle het er sech no einisch umgchehrt und, bevor er d’Türe hinder sech zuezoge het, halblut gseit: «Bhüet di der lieb Gott, du arms Chind!»

*

Wo di andere vo der Predig hei cho sy, hei si weder der Hans Chilchbärger, no ds Annemarie gfunde. Dem Houpme sy Stuben isch läär gsi. Vom Annemarie isch ds Änneli, wo im obere Huus ufgwartet het, cho säge, 185 es sygi chrank und chömi nid cho ässe. Der Houpmen isch erscht am späten Abe wider hei cho. Später einisch isch der Dölfi Gatschet cho erzelle, der Unggle Hans sygi der sälb Namittag bi syr Mama z’Chiltderf äne gsi und heigi dert ds luter Wasser plääret. Und öppis eso het o der Gottfried gwüßt z’brichte, wo ds morndrisch i aller Früechi der Herr Houpmen uf d’Station abe gfüehrt het. Lang, lang no heig er gägem alte Schlößli hindere gluegt und d’Ouge gwüscht.


 

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