Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurice Renard >

Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
Schließen

Navigation:

Unbesonnenheit

Mit aller nur möglichen Geschwindigkeit nach Grey. Das Volksfest war auf dem Höhepunkt der Freude. Die brüllende Menge überhäufte mich mit Schmähungen und Anzüglichkeiten.

Fünf Uhr auf der Perronuhr. Ich nützte die Frist, um das warme Kühlwasser abzulassen und neues kaltes einzufüllen, die Pneumatiks mit kaltem Wasser zu begießen, kurz, alles so herzustellen, als wenn der Wagen seit der Abfahrt meines Onkels bewegungslos, seines »Herzens« beraubt, gestanden hätte. Selbstverständlich hatte ich vor allem den Reservemagnet wieder herausgenommen und unfindbar im tiefsten Innern des Wagens verstaut.

Es hätte schon eines sehr erfahrenen Automobilisten bedurft, um zu ahnen, daß der Wagen gefahren worden war, und ein solcher war mein Onkel, trotz seines unleugbaren Scharfsinns und seiner theoretischen Kenntnisse vom Automobil, denn doch nicht. Er mußte in die Falle gehen, die er sich selber gestellt hatte, indem er mir einen Maschinenteil konfisziert hatte, den ich in einem zweiten Exemplar vollkommen intakt besaß.

Der Zug hielt.

Lerne klopfte mir auf die Schulter.

»Nicolas! ...«

Ich zeigte meinem Onkel das mürrischste Gesicht, das ich aufbringen konnte.

»Das war eine nette Geschichte! ... Einen Menschen den ganzen Tag in einem Dorffest langweilen zu lassen.«

»Soll ich dir den Magnet zurückgeben?«

»Den können Sie sich als Andenken an den niedlichen Tag aufbewahren! ... Aber geben Sie ihn zum Teufel hinein her, damit wir fortkommen. Ich denke, ich war nun lang genug hier!«

Frédéric Lerne ärgerte sich.

»Bist du mir böse, Nicolas?«

»Ich bin Ihnen nicht böse, Onkel.«

»Ich hab meine Gründe, du weißt. Später einmal ....«

»Wie es Ihnen beliebt. Nur, wenn Sie mich kennen würden, würden Sie mir weniger aufpassen... Aber Ihr Benehmen von heute ist ganz, wie wir's abgemacht haben. Ich darf mich nicht beklagen.

Er wich mir aus.

»Die Hauptsache ist: du bist mir nicht böse. Das beweist, daß du mich verstehst!«

Augenscheinlich fürchtete Lerne, mich gekränkt zu haben. Und daß ich bei einer ähnlichen Plackerei wohl auf der Stelle Reißaus nehmen und dann von Geheimnissen auf Fonval ausplaudern würde, sogar ohne Näheres über ihre Beschaffenheit zu wissen. Zweifellos war meinem Onkel die Anwesenheit eines Fremden, dem jederzeit zu fliehen freistand, eine Sache fortwährender Beunruhigung. Nun ... ich an seiner Stelle hätte einen solchen Verwandten, wie ich zu ihm war, unverzüglich zum Mitwisser gemacht, um seiner Diskretion sicher zu sein.

»Weshalb also«, sagte ich mir, »ist mein Onkel noch nicht auf diese Idee gekommen? Bis zu dem Ungewissen – vielleicht ganz und gar illusorischen – Zeitpunkt, da Lerne mich von selber in sein Geheimnis einweihen will, hat er Wochen oder Monate fortwährende Qual auszustehen, gleichzeitig den Analytiker und Polizeidiener zu spielen. Wenn ich ihm auf seinem Weg entgegen käme? Eine solche Gelegenheit müßte ihm doch hoch willkommen sein – das wäre für ihn Unterricht und Beichte zugleich – das würde Meister und Schüler wie zu einem Komplott vereinigen ...«

»Ich sehe nicht ein, warum ihm solches nicht willkommen sein könnte. Es gibt doch heute nur zwei Möglichkeiten – ob's Lerne nun ehrlich meinte oder nicht, daß er mich in sein Unternehmen einweihen würde: entweder meine Abreise, die Enthüllungen im Gefolge hat, oder wir stecken uns unter eine Decke.«

»... Emma und das Geheimnis halten mich gleichermaßen auf Fonval fest. Ich werde auf keinen Fall abreisen ...«

»Bleibt also nur, mich quasi zum Mitschuldigen zu machen. Was dann für mich den Vorteil hat, daß sich das Rätsel löst. – Und das kann ausschließlich durch meinen Onkel geschehen. Emma, die weiß ja von nichts. Und wenn ich für mich allein suchen geh, wird jede einzelne Auflösung sieben neue Probleme zeitigen...«

»Ich muß nur scharfsinnig und fein vorgehen. Dann wird sich mir mein Onkel baldigst offenbaren. Er wünscht ja nichts weiter. Bloß: Wie vorgehen?...«

»Ich muß tun, als ob mich seine Geheimnisse nicht erschrecken könnten – und wären sie doppelt so verbrecherisch! Ich muß mich also als einen entschlossenen Menschen aufspielen, den noch so nahe Missetaten nicht empören und der an keine Denunziation denkt, weil er sie nötigenfalls selber begehen würde. – Das ist's. Absolut. – Aber wo gleich ein Delikt hernehmen, das Lerne begangen haben und von dem ich sagen könnte, ich würde es selbstverständlich bei der ersten Gelegenheit genauso machen? ... Verflucht noch einmal! Nicolas, nimm doch eine der Greueltaten, die du von ihm weißt! Gesteh ihm, du kennst eine seiner sträflichsten Handlungen, billigst nicht nur sie, sondern auch alle andern von der Sorte und wärst sogar bereit, ein wenig mitzutun! Bei einer solchen Erklärung muß er sein Herz ausschütten ... und du erfährst alles! – Nur mit sehr viel Hinterlist mußt du das anstellen und nicht eher, bis er recht guter Laune sein wird ... und wohl auch nicht eher, bis wir das alte Schuhwerk noch einmal in Augenschein genommen haben! ...«


So räsonierte ich, als ich Lerne auf Fonval zurückfuhr. Meine Pläne wurden wirr – ich war zu sehr ermüdet und hielt sie für äußerst raffiniert. Man sieht: Alles Milieu beeinflußte mich stark, und ich sah überall Attentate Lernes – scheußliche und zahllose. Ich vergaß, daß seine heimlichen Arbeiten – heimlich, um sie vor Nachahmung zu schützen – doch in der Tat einen industriellen Zweck haben konnten. Ich war ebenso heißhungrig vor Neugierde als ich geschwächt von gesättigter Liebe war, und in diesem Zustand hielt ich meine neue Strategie für einfach hervorragend. Wie sollte er mir ohne jede Gegenleistung – ein so ungeheueres Bekenntnis ablegen wollen?...

Bei nur einigem Nachdenken hätte ich das Gefährliche meiner Absicht erkennen müssen. Aber da wollte es das Unglück, daß mein Onkel, von meiner Antwort befriedigt und zufrieden, »daß ich ihn verstand«, mit einemmal sehr jovial wurde. Was meinen neuen Plänen sehr erwünscht sein mußte.

Und ich griff unbesonnen zu.


Wie's seine Gewohnheit war, begeisterte sich mein Onkel an dem Wagen und ließ mich quer durchs Labyrinth allerlei Manöver ausführen –Kurven, die ich beherzt nahm.

»Kolossal! Ich sag's dir noch einmal, Nicolas: wunderbar ist dieses Automobil! Ein Tier! Ein richtiges, lebendiges Tier... vielleicht das am allerwenigsten unvollkommene!... Und wer weiß, was der Fortschritt noch aus ihm macht?... Einen Funken Leben da hinein, ein bißchen mehr Spontaneität... ein Krümelchen Hirn ... und du hast die prächtigste Kreatur dieser Erde! Ja in einem Sinn noch prächtiger als wir, denn du weißt, was ich dir gesagt hab: es ist der Vervollkommnung fähig und unsterblich – Tugenden, die dem Physischen des Menschen jämmerlicherweise abgehen...

»Unser ganzer Leib erneuert sich fast vollständig, Nicolas. Deine Haare (warum zum Teufel sprach er immer von Haaren?) zum Beispiel sind nicht mehr die vom vorigen Jahr. Aber sie sind, ohne daß du dafür kannst, minder braun, sind älter und dezimiert! Während das Automobil seine Organe mit Willen auswechselt und sich jedesmal mit einem ganz neuen Herzen oder mit ganz frischen Knochen, die ingeniöser und widerstandsfähiger eingesetzt werden - verjüngt!«

»Derart, daß in tausend Jahren ein Automobil – ein Jeannotwagen, sagen wir – noch ebenso jung wie heute sein wird, wenn an ihm immer zur rechten Zeit bald dieses, bald jenes Stück ersetzt wurde.«

»Nun komme mir aber nicht mit: ›Das ist dann doch nicht mehr das alte – es ist doch in allen seinen Teilen erneuert.‹ Wenn du mir so etwas einwendest, Nicolas, was denkst du dann vom Menschen, der in dem ganzen Verlauf, den er sein Leben nennt – bis zu seinem Tod ebensolchen radikalen Transformationen unterworfen ist, nur in einem entgegengesetzten – dekadenten Sinn? ...«

»Da müßtest du ähnliche seltsame Schlüsse ziehn wie: ›Wer alt stirbt, ist nicht mehr der, als der er geboren wurde. Wer also soeben geboren wurde und später zugrunde gehen muß, wird nicht sterben. Zumindest wird er nicht plötzlich und total sterben, sondern nach und nach, fortschreitend, nach den vier Himmelsrichtungen von den Winden mählich als Staub auseinandergetragen, in einer langen Zeit, während der sich ein anderer auf diesem selbigen Platz, der der Leib ist, bildet. Dieser andere, dessen Geburt unmerklich ist, entsteht in einem jeden von uns, ohne daß es uns zu Bewußtsein kommt, in dem Maße, in dem der erste entschwindet. Dieser andere verdrängt den ersten mehr von Tag zu Tag - und eben dieser andere, der aus Myriaden von unaufhörlich sterbenden und auferstehenden Zellen sich zusammensetzt und sich verändert und entsteht, dieser andere wird es dereinst sein, den man ins Gras beißen sieht.‹«

»So müßte dein Schluß lauten – und der war dir wohl kaum exakt genug – und so müßtest du weiter schließen: ›Es ist ja wahr, der Geist scheint bei all diesen Evolutionen unveränderlich und beharrlich. Aber das ist unbeweisbar, denn wenn die Züge des Kindes sich im allgemeinen in denen des Greises erhalten, ändert sich doch die Seele so sehr, daß wir sie nicht wiedererkennen. Und dann, warum sollten sich die Elemente des Gehirns nicht Molekül für Molekül erneuern, ohne daß der Gedanke unterbrochen wird, so wie man nach und nach die Elemente einer galvanischen Säule auswechseln kann, ohne daß die Elektrizität aufhört?««

»Aber schließlich - was geht den MenschenHerr Vermont berichtet die Rede mit weit mehr Großartigkeit als Treue. Lerne hat nach seiner Art hier gewiß die unberechenbaren Folgen einer so tollen Theorie erwähnt. Und man meint ihn zu hören, wie er fragt: »Wären die Erwachsenen demnach gehalten, ihre Jugendtorheiten zu büßen? Oder könnten sie dies unter dem Vorwand verweigern, daß sie ja ein ganz anderes begangen hat? ... Anders ausgedrückt: Kann der König von Frankreich die Gläubiger des Herzogs von Orleans rechtskräftig abweisen? ... Ist ein alter Groll gerechtfertigt? Nutzt sich das Gefühl der Dankbarkeit mit der Zeit nicht ab? ...« usw.... usw.... – Herr Vermont sagt uns, daß er zerstreut gewesen sei. Wir glauben es ihm aufs Wort. Er ist zu sehr Anfänger in der Kunst des Schreibens, als daß wir nicht sähen, daß er irgendwo eigenwillig abbrach, um sich das schon so wirre Kapitel zu erleichtern – er, der hier die tatsächliche Verwirrung des Lebens reproduzieren wollte, statt die Dinge nach jener schönen kunstvollen Ordnung zu verteilen, die den Ruhm des Historikers ausmacht. (Anm. d. H.) diese Persönlichkeitsfrage in extremis an? Und was nützt den unvergänglichen – »demiurgischen« Automobilen die Entwicklung des Individuums und die Evolution der Art, um eine langweilige Identität durch alle Phasen ihrer Reform hindurch zu bewahren? Nein, nein, nein, nein, das sind Albernheiten – und nichts weiter! Werden die fast schon lebendigen eisernen Kolosse dadurch im geringsten wunderbarer?«

»Ich sage dir, Nicolas, wenn das Automobil, durch ein Wunder, unabhängig würde, könnte der Mensch einpacken. Es war aus mit uns. Nach uns würde das Automobil der Herr der Welt, so wie's vor uns das Mammut war.«

– Ja. Aber dieser Souverän würde jederzeit vom menschlichen Konstrukteur abhängen –, sagte ich zerstreut, so sehr beschäftigten mich meine eigenen Spekulationen.

– Ein feines Argument! Sind wir nicht die Sklaven der Tiere, ja, selbst der Pflanzen, die unsere Konstruktion mit ihrem Fleisch und ihrem Pflanzenmark erhalten? ...

Mein Onkel war so zufrieden mit seinen Paradoxa, daß er sie laut ausschrie, mir von seinem Sitz aus mächtige Rippenstöße versetzte und voll Übermut und voll Ideen mit dem Winde boxte.

– Wahr und wahrhaftig, mein lieber Neffe, das war eine großartige Idee mit dem Wagen von dir! Das ist mir ein riesiges Vergnügen! ... Ich muß mit dem Vieh fahren lernen! Ich will der Kornak dieses Mammuts der Zukunft werden! Äh – äh – hahahahaha!...

Bei diesem Heiterkeitsausbruch wurde ich mir einig und beschloß die sofortige Attacke – was natürlich ein großer Blödsinn war.

– Onkel, nein, sind Sie heut amüsant! Ihre Lustigkeit steckt mich an! Ich erkenne meinen alten Onkel wieder! ... Aber warum sind Sie nicht immer so? Warum mißtrauen Sie mir fort und fort? ... Ich verdiente doch im Gegenteil all Ihr Zutrauen!

– Nein, sagte Lerne, das verstehst du nicht. Ich bin sehr entschlossen, dir jede und jede Aufklärung zu geben, sowie die Zeit dazu gekommen sein wird.

– Warum nicht jetzt gleich, Onkel? – Und ich wurde ungestüm. – Onkel, Onkel! Wir sind aus demselben Stoff, Sie und ich! Sie kennen mich durchaus nicht! Mich setzt nichts in Erstaunen, nichts! Ich ahne mehr, als Sie glauben! Onkel, Onkel, hören Sie mich doch: ich bin absolut Ihrer Meinung! Ich bewundere alles, was Sie getan haben!

Lerne war ein wenig überrascht und fing an zu lachen:

– Na, und was weißt du denn groß, du Spitzbub?

– Ich weiß, daß man sich in Privatangelegenheiten nicht auf die gegenwärtige Justiz verlassen kann. Irgendwer begeht etwas ... da ist es sicherer, man selber schafft ihn sich vom Hals – in einem solchen Fall ist eine Einsperrung, auch wenn sie rechtsungültig ist, dennoch gesetzmäßig ... Ich weiß da zufällig einen Fall ... kurz, wenn ich Frédéric Lerne hieße, dürfte sich Herr Mac-Bell nicht so dick tun. Ich sagte Ihnen schon, Onkel, Sie kennen mich nicht.

An seinem Ton merkte ich, wie richtig ich den Herrn Professor genommen hatte. Er verteidigte sich in einer ganz hinterhältigen, verschlagenen Art, wie mir schien.

– Das ist mir neu! So was von Einbildung! Bist du wirklich der Taugenichts, den du mir da vorspielst? Dann um so besser. Aber ich – ich tu da nicht mit, mein lieber Neffe! Mac-Bell ist irrsinnig, aber ich – ich kann nichts dafür! ... Es ist sehr bedauerlich, daß du's erfahren hast, es ist eine schreckliche Sache ... Der Arme, Unglückselige! Aber ich ihn einsperren ? Was für eine Phantasie du doch hast, Nicolas! Wo hast du das nur her? ... Ich freu mich sehr, daß du mir das alles mitgeteilt hast, ich sehe klar jetzt. Aber ... nur der Schein ist wider mich. Ich wartete einzig auf eine Besserung im Zustand des Kranken – um die Seinigen zu benachrichtigen. Ich wollte ihnen für den ersten Augenblick das Schlimmste verhehlen, um sie nicht allzusehr zu erschrecken ... aber nun – nein! Jetzt noch Ausflüchte suchen wär zu gefährlich; nun bin ich es meiner Sicherheit schuldig; und wenn ich noch so großes Leid über sie bringe – ich muß sie benachrichtigen! Ich schreibe ihnen heute abend noch, sie möchten ihn holen. Armer Doniphan! ... Seine Abreise zerstört hoffentlich deinen schmählichen Verdacht. Ich bin sehr, sehr traurig, Nicolas ...

Ich war aufs äußerste bestürzt. Hatte ich mich getäuscht? Hatte Emma gelogen? Oder wollte Lerne meinen Argwohn einschläfern? ... Wie dem auch sei – ich hatte eine rasende Dummheit begangen. Und Lerne würde mich – ob er nun ehrlich war oder ein Schuft – fortan noch strenger beobachten, dafür daß ich ihn – fälschlich oder mit Recht – so schwer bezichtigt hatte. Das war meine Schlappe, und ich trug als einzige Beute aus allem einen neuen Zweifel davon: Emma ...

– ... Jedenfalls, Onkel, schwör ich Ihnen, daß es nur der reinste Zufall war, daß ich Mac-Bell ...

– Wenn der Zufall dich nächstens noch andere Gründe entdecken läßt, um mich zu verleumden, sagte Lerne rauh, so versäume nie, es mit gleich zu sagen; ich werde mich dann auf der Stelle zu rechtfertigen wissen. Jedoch soll dich die strikte Befolgung deiner Verpflichtungen wohl daran hindern, durch Zufall die Bekanntschaft von Narren ... oder von Närrinnen zu machen.

Und wir gelangten auf Fonval an.

– Nicolas, sagte Lerne übertrieben freundlich, ich inkliniere sehr für dich. Und will dein Bestes. Sei also hübsch folgsam, Kind!

»Der möcht mich einwickeln«, dachte ich mir, »der macht mir den Hof. Aufgepaßt!«

– Sei hübsch folgsam, sagte er noch einmal honigsüß. Und sei durch deine Zurückhaltung schon mein Bundesgenosse. Du bist intelligent genug, also wirst du fein unterscheiden! Der Tag ist nicht mehr weit, wenn ich mich nicht sehr täusche, wo du alles erfahren sollst. Du wirst meinen schönsten Traum wissen, mein Neffe, und du wirst teilhaben ...

»Was die Affäre Mac-Bell betrifft, von der du erfahren hast – halt! Das soll dir ein Beweis sein! – Komm mit: ihn sehen ... Wir wollen uns vergewissern, ob er die Reise und die Überfahrt wird bestehen können...«

Ich zögerte nicht lang – und folgte ihm ins gelbe Zimmer.

Als uns der Narr sah, machte er einen großen Buckel und wich schimpfend in seine Ecke zurück, saß voller Angst und mit zornigen Augen.

Lerne drängte mich unsanft gegen ihn hin. – Ich hatte Angst, ich würde auch eingesperrt.

– Nimm ihn bei den Händen. Zieh ihn mitten ins Zimmer.

Doniphan wehrte sich nicht. Der Doktor untersuchte ihn allenthalben, doch war mir, als ob das Wundmal seine besondere Sorge wär. Die übrige Untersuchung war nur, um mich hinters Licht zu führen.

Das Wundmal! Dieser gewaltsame Kronreif, der unter den nachgewachsenen Haaren halb verschwand, durch welchen Sturz auf welchen Boden war der Schaden entstanden?

– Vollkommen gesund, sagte mein Onkel. Siehst du, Nicolas? Erst war er rasend, so schwer war die Schramme ... hm ... die Schramme da ... In vierzehn Tagen aber wird nichts mehr davon zu sehen sein. Er ist transportfähig.

Die Konsultation war zu Ende.

– Du meinst also, ich soll ihn sobald wie möglich fort haben wollen? Sag mir ganz deine Meinung, Nicolas, mir liegt an ihr.

Ich beglückwünschte ihn zu seinem Entschluß, war aber vor soviel Zutunlichkeit fort und fort auf der Lauer. Lerne seufzte:

– Du hast recht. Die Welt ist so schlimm! Ich schreibe jetzt gleich. Willst du den Brief auf die Post nach Grey bringen? In zehn Minuten hab ich ihn geschrieben.

Meine Nerven erholten sich. – Ich hatte mich, als wir ins Schloß gingen, gefragt, ob ich wohl je wieder herauskommen würde. Es war mir grad, als ob der Käfig des Narren fortan meine Zelle wäre. – Aber der Menschenfresser zeigte sich entschieden von der väterlichsten, gütigsten Seite. Der Herr meiner Freiheit war und mich einkerkern konnte, schickte mich ins Freie zu einer Besorgung nach Grey ... das war doch nur, um mich zur Flucht zu bestimmen? Verdiente eine so guten Herzens aufgedrungene Gelegenheit nicht, daß man sie wahrnahm ? – Keine Dummheiten. Nur nicht davonlaufen. Dableiben, dableiben.

Während Lerne das Schreiben wegen Mac-Bell abfaßte, lief ich ein wenig durch den Park.

Und sah ein überaus Seltsames. Zumindest machte es auf mich einen solchen Eindruck.

Man sieht, das Glück spielte unaufhörlich mit mir. Ich war sein Hampelmann zu allem nur Möglichen. Diesmal beunruhigte es mich sehr, ließ mich zappeln. Mit ruhigen Sinnen hätte ich kaum für mysteriös gehalten, was doch wohl nur eine Bizarrerie der Natur sein konnte; aber da pfiff der Wind, und ich witterte allenthalben, und um meine Ohren blies immer noch die Melodie, daß just seit der Nacht meiner Ankunft Dinge hier draußen seien, die doch nicht draußen sein sollten.

Was ich an diesem Tag im Park sah – und was mich sicherlich den allerersten Tag hier nicht so sehr verblüfft hätte –, das schien mir eine große Lücke in meinem Wissen über Lerne auszufüllen: Der Zyklus seiner Studien sozusagen mußte unmittelbar vor dem Abschluß sein: Ja, das mußte. Ich sah mit einemmal etwas, das wie die Auflösung – eine scheußliche Auflösung! – aller Probleme war ... nur sah ich's mit verstörten Sinnen ... Für die Dauer einer Sekunde jedoch war da eine abscheuliche Heftigkeit ... und wenn ich nach der kleinen Szene wie verächtlich mit den Schultern zuckte, war's offen gestanden nur, weil's mich wie Todesangst gepackt hatte. – Aber ich will erzählen.

Ich hatte mir vorgenommen, in den zehn Minuten, die mir blieben, nach jenem alten Schuhwerk zu schaun. Ging also die Allee hinab. Und schon feuchtete Abendtau das hohe Gras. Und die Vorboten der Nacht schlichen schon durchs Unterholz. Sperlinge riefen von Zeit zu Zeit. Ich glaub, daß es halb sieben war. Der Stier brüllte. Als ich am Viehstand vorüberkam, waren nur noch vier Rinder da. Pasiphae promenierte hier nicht mehr in ihrem Kleid von augendienernder Farbe. Aber das kümmerte mich nicht.

Ich ging entschlossen weiter – da hörte ich plötzlich ein Gezänk. Pfiffe und kleine Schreie. Ein Durcheinander von solchem und solchem Gepiep, wenn ich so sagen darf ...

Im Gras bewegte sich was.

Ich schlich ohne Laut näher.

Da war ein Zweikampf. Einer von jenen unzählbaren Kämpfen, die aus jeder Wagenspur einen Höllenschlund machen, ein verbrecherischer Streit, bei dem der eine der Gegner fallen muß, damit sich der andere mästen kann: ein Duell zwischen einem kleinen Vogel und einer Natter.

Die Natter war bei näherem Zusehen eine ziemlich imposante Viper – ihr dreckiger Schädel hatte ein großes, weißes, gleichfalls dreieckiges Mal.

Der Vogel ... Man stelle sich eine Grasmücke mit schwarzem Kopf vor ... habt ihr? ... Und nun stellt euch diese Grasmücke im geraden Gegenteil mit einem weißen Köpfchen vor ... eine Abart, wie ich sie zweifellos schon in jenem Vogelhaus vorm Laboratorium sah und die ich euch viel weniger linkisch beschreiben würde, wenn ich in der Naturgeschichte ein wenig mehr versiert wäre ... Die beiden Champions stehen einander gegenüber – stürzen aufeinander los. Aber – ich war noch nie so perplex! – die Natter weicht ... die Natter weicht vor dem Grasmücklein zurück! ... Die Grasmücke geht ruckweise vor, mit verwegenen und sonderbaren Sprüngen, und ohne einen einzigen Flügelschlag - wie hypnotisierend. Ihr Auge hat einen magnetisierenden Glanz, und die Viper retiriert ungeschickt und von dem Unversöhnlichen aus den Vogelaugen durchaus fasziniert und stößt vor Todesangst halberstickte Pfiffe aus ...

»Teufel, Teufel!« denk ich. »Steht die Welt auf dem Kopf – oder ich?«

Dann – leider, leider – beug ich mich weiter vor, um den Ausgang des Kampfes näher zu sehen ... Die Grasmücke bemerkt mich und fliegt auf, und ihre Feindin entschlüpft durchs Gras in Zickzacklinien.

Und schon ist auch die lächerliche übermäßige Angst, die mich erstarren machte, von mir abgetan. Ich schelte mich mit viel Wichtigkeit aus: »Du bist ein Faselhans ... hier verteidigte sich eine Mutter wie eine Löwin, und gar nichts weiter. Das kleine heldenhafte Tier wollte sein Nest und seine Eier schützen. Oder du weißt eben nicht, wie stark Mütter sein können ... verflucht noch mal! Fertig! ... Was denn sonst? ... Ich bin ein rechter Einfaltspinsel! Was denn sonst...?«

– He-e-e-e-eh!

Mein Onkel.

Ich eilends zurück. Aber noch gar nicht mit mir selber im reinen. Und trotzdem es mir lieb gewesen wäre, wenn man mir die Sache als eine recht alltägliche hingestellt hätte, sagte ich meinem Onkel keine Silbe davon.

Der Professor sah aus wie einer, der soeben einen großen Entschluß faßte und nun wie erlöst sich fühlt. Er stand aufrecht vor dem Portal des Schlosses – mit dem Sendschreiben in der Hand – und sah interessiert auf den Stiefelkratzer herab.

Meine Ankunft störte ihn keineswegs in seiner Betrachtung, und so hielt ich's für das Zivilste, nun meinerseits gleichfalls den Sohlenreiniger zu beäugen. Das war ein ins Pflaster eingeschlagenes Eisenstück, das Dynastien von Sohlen schräg, wie eine Sichel fast, abgeschliffen hatten ... Ich präsumierte: Lerne betrachtete das Eisen gedankenvoll, ohne es überhaupt zu sehen.

Dann fuhr er jäh auf:

– Da, Nicolas, der Brief. Entschuldige, wenn ich dir Mühe machte.

– Aber, Onkel, Onkel! Dagegen bin ich abgehärtet. Chauffeure sind Dienstmädchen, so denkt man nun einmal. Da man immer wieder der Ansicht ist, daß wir nur aufs Einholen aus sind, bittet uns so manche Dame, wir möchten für sie eilige und gewichtige Dinge einholen ... Das ist Automobilsteuer ...

– Mach, mach, du bist ein lieber Junge! Los, die Nacht fällt ein.

Ich nahm den Brief. Den trostlosen, der in Schottland vom Wahnsinn Doniphans berichten sollte. Den tröstereichen, der den unwürdigen Amant Emmas fortschaffen sollte.

Sir George Mac-Bell
12, Trafalgar Street,
Glasgow (Schottland)

Die Adressenschrift machte mich nachdenken. Kaum noch Spuren von der einstigen Hand Lernes. Unkenntlich beinah. Die meisten Buchstaben, Akzente, die Punktierung sowie auch das allgemeine Bild taten »graphologisch« just das Gegenteil von einst dar.

Die Graphologie irrt sich nicht. Ihre Schlüsse sind unfehlbar. Der die Zeichen hinschrieb, war in allem ein anderer geworden.

In frühern Jahren hatte mir mein Onkel alles mögliche Gute erwiesen. Welches Laster hatte er also heute nicht? – Wie mußte der mich hassen, der mich einst so sehr geliebt hatte! ...

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.