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Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
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Nelly, die Bernhardinerhündin

Ein paar Tage vergingen, ohne daß etwas geschah, das meine Liebe oder meine Neugierde hätte befriedigen können. Mißtraute mir Lerne? Hatte er mich in einem Verdacht? ... Er verfügte peinlich über all meine Zeit.

Morgens bat er mich, ihn zu begleiten. Einmal zu Fuß, das andere Mal im Automobil. Auf den Spaziergängen behandelte er irgendein wissenschaftliches Thema und fragte mich dabei aus, als ob er sich über meine Fähigkeiten vergewissern wollte. Mit dem Wagen umkreisten wir von fern das Schloß, so wie ein Wild sein Lager. Wenn wir zu Fuß gingen, war's immer auf dem geraden Weg nach Grey; und dann blieb er unaufhörlich stehen, um besser diskurrieren zu können, und überschritt niemals die Waldgrenze. Und oft kehrte Lerne inmitten einer Dissertation oder sogar am Anfang eines Weges oder einer Fahrt unversehens um ... voller Mißtrauen zu denen, die er auf Fonval zurückgelassen hatte.

Er verfügte auch ganz und gar über meine Nachmittage. Bald beorderte er mich nach der Stadt oder nach dem Dorf, bald zwang er mich, einen ganz bestimmten Abstecher zu machen; teils also waren's Besorgungen, die ich bestimmt zu erfüllen hatte, teils spielte ich irgendwo da draußen – komische Rollen. Lerne wachte über meine Abfahrt. Lerne erwartete mich des Abends an der Tür und heischte von mir den Tagesbericht. Je nachdem hatte ich mich dann über seinen Auftrag auszuweisen, oder ich mußte ihm eine ganz bestimmte Gegend beschreiben. Was allerdings solche Gegenden anging, hatte mein Onkel von vielen wenig Ahnung, aber das konnte ich doch nicht riechen – und jeder »kniffliche« Rapport war mir gefährlich geworden.

So streifte ich gewissenhaft durch Wald und Feld, von frühem Tag bis in die sinkende Nacht.

Und wie gern wär ich unterdessen Emmas Zimmer ein wenig näher gekommen! Nach der Zahl der geschlossenen und nicht geschlossenen Fenster war ich mir über die Lage ihrer Kammer beinah im reinen ... ich kannte ja die Topographie des Schlosses genau. Der ganze linke Flügel war stets abgeschlossen. Im rechten Flügel war das Erdgeschoß für den Aufenthalt unter Tag, und von den sechs Zimmern im ersten Stock waren nur drei geöffnet: das meinige, nach vorn, und am andern Ende das Zimmer meiner Tante Lidivina, das an den mittleren Flur anstieß und mit Lernes Zimmer verbunden war. Emma konnte also nur ... entweder im Bett meiner Tante liegen ... oder bei meinem Onkel. Der Gedanke beunruhigte mich tief, und ich wollte um jeden Preis Gewißheit haben. Fünf Minuten hätten genügt: über die Treppe weg – ein Katzensprung bis zur Tür die Tür auf – und ich hätte gewußt, woran ich wäre ...

Aber der Onkel wachte.

Wachte tyrannisch ... und ich sah Fräulein Bourdichet nur zu den Mahlzeiten. Und wie gehabten wir uns da. Ich war wohl schon so kühn geworden, sie anzusehen. Aber sie anreden – das wagte ich nicht. Sie war immer und durchaus schweigsam, aber was sie an Unterhaltung fehlen ließ, brachte sie an Haltung wieder auf. Freilich, so roh der Mensch auch wirkt, wenn er von geschlachteten Tieren und zerkochten Pflanzen zu sich nimmt, es gibt Esser und Esser, solche und solche ... Emma, die faßte gern ein Kotelett mit beiden Händen an, und jedesmal, wenn sie sich so gänzlich gehen ließ, vermeinte ich ihr »mein kleiner süßer Schlauberger« in ihrem Vorstadtdialekt wieder zu hören. Aber ich bitt euch, worin berühren sich Lebensart und Liederlichkeit, was soll der gedeckte Tisch mit dem abgedeckten Bett groß gemein haben?

Zwischen Emma und mir war Lerne in beständiger Aufregung. Er zerkrümelte Brot und fuchtelte mit der Gabel. Schlug plötzlich mit der Faust auf den Teller, daß Glas und Porzellan erklang.

Eines Tages geriet ich unversehens mit meinem Fuß an den seinen. Der Doktor hatte sofort Verdacht auf mein gänzlich unschuldiges Bein, vermutete sogleich da alle mögliche Telegraphie und war überzeugt, mit seiner großen Zehe der unrechte Empfänger eines pedestrischen Madrigals geworden zu sein. Und auf der Stelle fand er, Fräulein Bourdichet sei leidend und würde in Zukunft ihre Mahlzeiten auf ihrem Zimmer einnehmen müssen.

Mir war klar: ich war zwischen zwei Feuern - das eine verzehrte sich in Leid und das andere in Lust nach mir: Lernes Haß – Emmas Liebe. Und ich nahm mir unerschrocken genug vor, die beiden in ihren Gefühlen für mich vollauf zu befriedigen.

An demselbigen Tag noch ging mir mein Onkel mit den Worten zu Leibe: er wünsche mich morgen nach Nanthel zu entführen, er hätte dort zu tun.

Das war mir willkommen. Da konnte ich ihm für einige Zeit entwischen. Denn morgen war Sonntag, Nanthel feierte da seinen Schutzheiligen, und dieses wollte ich ausnützen.

»Mit Vergnügen, lieber Onkel,« antwortete ich. »Nur müssen wir zeitig fort, es könnte Pannen geben.«

»Ich möchte lieber mit dem Automobil bis Grey und von da mit der Eisenbahn nach Nanthel ... Das ist sicherer ...«

Paßte mir wunderbar.

»Sehr wohl, Onkel.«

»Der Zug geht von Grey um acht Uhr ab. Fünf Uhr vierzehn kommen wir aus Nanthel nach Grey zurück. Sonst ist keine Verbindung.«


Als wir ans Dorf kamen, war da ein großer Lärm, und aus diesem Verworrenen stieg zuweilen ein Gebrüll auf. Pferdewiehern. Und Hammelgeblök.

Es kostete einige Mühe, mir einen Weg über den Platz von Greyl- l'Abbaye zu bahnen, denn hier war Jahrmarkt heut, und jetzt schon wimmelte es von friedlichen und schwerfälligen Leuten. Zwischen Schießbuden und anderen sehr ärmlichen Zelten war der Viehmarkt. Verwitterte Hände wogen Tierzitzen, klappten Viehmäuler auf und lasen das Alter aus den Zähnen, glitten über Muskeln hin und schätzten die Kraft ... ein junges Mädchen hielt ein Kaninchen auf dem Schoß und untersuchte vor aller Welt auf die natürlichste Weise seine Geschlechtsteile ... Roßhändler prahlten ... zwischen zwei Zäunen trabten zwei Pferdeknechte mit schweren Percherontrabern und Boulogneser Hengsten hin, unter Kleingewehrfeuer der Reitpeitschen und Salven von höchst unanständigen Tönen aus den Pferdehinterteilen ... und der erste Besoffene des Tages schwankte daher und rief mich »Bürger« an. – Weiter. – Über dem Gebrumm des Ardenner Marktes sang schon das Wirtshaus, nur grölte es noch nicht ... die Kirchglocken läuteten das Amt ein ... und in der Mitte des Platzes verhieß ein weiß angestrichenes, mit Laub verziertes Podium, daß die Stadtkapelle zum Getöse des Fests bald ihren Heidenlärm anstimmen würde ...

Vor dem Bahnhof. – Nun war der Augenblick des Handelns für mich.

»Onkel ... werde ich Sie auf all Ihren Gängen in Nanthel begleiten können oder nicht?«

»Sicherlich nein. Warum? ...«

»Weil ich Sie dann – ich hasse Kaffeehäuser, Weinkneipen und Schänken – gerne bitten möchte, Sie lassen mich hier in Grey ... und ich erwarte Sie hier genausogut als in einem Bierhaus zu Nanthel.«

»Aber es zwingt dich doch niemand ...«

»Erstens reizt mich die ländliche Festlichkeit hier. Ich beobachte viel lieber für längere Zeit ein Treiben wie dies: denn, Onkel, die Sitten eines Volkes studieren sich am besten in einem solchen Gewühl, und ich fühle mich heute als Ethnologe ...«

»Entweder scherzest du, oder es ist eine Grille von dir!«

»... Zweitens, verehrter Herr Onkel, wem soll ich so lange meinen Wagen da anvertrauen? Dem Gastwirt, wie? Dem alkoholischen Pächter mit dem ländlich-sittlich vollgepumpten Bauch? Ach, Onkel, Sie glauben doch selber nicht, daß ich neun geschlagene Stunden lang einen Wagen, der 25 ooo Franken gekostet hat, der Belustigung eines besoffenen Dorfes ausliefere? Ach, nein! Ich will ganz allein selber auf mein Automobil aufpassen können!«

Der Onkel war wenig von meiner Aufrichtigkeit überzeugt. Er wollte mir die kleine Perfidie: daß ich dann etwa entweder mit dem Automobil oder mit einem geliehenen Fahrrad nach Fonval zurückeilte und erst bis fünf Uhr vierzehn wieder in Grey wär ... was ich doch eigentlich vorhatte ... scheußlich verekeln. – Und beinah ... o du verfluchter Gelehrter! ... beinah wär's ihm gelungen.

»Du hast recht, sagte er kalt.«

Stieg ab ... und öffnete vor der ganzen Menge der Sonntagsreisenden den Motorkasten und besah sich auf das genaueste den Motor. – Mir wurde übel.

Und nahm einen Schraubenzieher aus dem Werkzeugkasten, mein Herr Onkel, und demontierte im Nu den Magnet aus seiner Befestigung, und steckte ihn kaltblütig in seine Handtasche.

So, nun kannst du nicht weg mit deinem Fahrzeug.

Ich verriet mich mit keiner Wimper. Da sagte er verlegen:

»Entschuldige, lieber Nicolas, und sei überzeugt; das alles hat nur den Zweck, deine eigene Zukunft sicherzustellen, indem es das Geheimnis unserer Arbeiten bewahrt ... Adieu!«

Und sein Zug fuhr ab ...

Ich hatte ihn ohne das geringste Zeichen von Unwillen – durchaus gleichgültig scheinend, gewähren lassen. Ich selber war ja ein schlechter Mechaniker, weil ich jederzeit Schmierflecken oder Risse an meinen Händen verabscheute. Und meinen Chauffeur hatte ich – mein Onkel hatte es doch so gewollt – in Paris zurücklassen müssen. Doch hätten mir alle Mechaniker der Welt nicht geholfen, wenn ich nicht meinen Ersatzmagnet mitgehabt hätte, wozu ich mich beglückwünschte. Meine Vorsicht kam mir in diesen Augenblicken viel mehr zustatten als die beste Adresse eines Mechanikers von Beruf.

Ohne Zögern setzte ich, ebensoschnell wie mein Onkel den Magnet entfernt hatte, den Ersatzmagneten ein ... und war nur sehr neugierig auf die sich selber Überlassenen dort auf Fonval ...


Minuten später stand mein Wagen in einem Gebüsch – Sekunden darauf schwang ich mich über die Parkmauer.

Und ich war direkt auf Emmas Zimmer zugerannt, wenn nicht ein schauerliches Geschrei aus der Richtung der grauen Häuser her gewesen wäre.

... Das Laboratorium ... Nelly ... Das seltsame Benehmen eines in einem Laboratorium eingesperrten Hundes machte mich zwischen den beiden Polen: Geheimnis und Emma, schwanken. Und da war's eine Art Selbsterhaltungstrieb vor diesem Unbekannten und der Gefahr, die von jedem Ungewissen ausgeht ... ich wollte auf das graue Gebäude zu. Übrigens waren sicherlich die Deutschen dort, und das würde mich schon davon abhalten, daß ich allzulange dort bliebe. Ich raubte also meinem andern galanten Vorhaben damit nur einige Augenblicke ... ihr seht: die Vernunft, die triumphierte, war ziemlich verweichlichter Natur ...

Als ich am gelben Zimmer vorbeikam, horchte ich durch die Jalousien: Mac-Bell war allein. Das füllte mir das Herz mit einer unendlichen gemeinen Befriedigung an.

Silberwolken über den nackten Himmel hin. Der Wind von Grey-l'Abbaye her ... und bis in diesen Kessel herein das einförmige Lied der Glocken. Unablässig die drei selben Töne: das Glockenspiel aus der Arlesienne. Lustig war ich. Pfiff zu dieser heiligen Begleitung die profane Melodie. Die wie eine moderne Statuette auf einem gotischen Sockel wirkt ... Wahrhaft: jetzt, da Lerne nicht da war, fühlte ich mich frei von dem steten Bann und träumte mir ganz unvorsichtige Dinge ...

Dem Laboratorium gegenüber, auf der andern Seite des Wegs, fing Strauchwerk und Gehölz an. Ich lavierte so, daß ich da hineinkam, um von da aus meine Maßregeln zu treffen. Mitten im Gehölz traf ich auf einen alten Freund – eine Fichte. Ihre Zweige waren wie eine Wendeltreppe. Das gab eine Aussicht von da oben – keine war besser gelegen und besser zugänglich. Da oben hatte ich einst »Matrose in den Rahen« gespielt! ...

Ich saß wie ein Vogel auf einer wohl ein wenig verkürzten, aber dicht bewachsenen Käfigstange. Höher in den Zweigen war eine liebe Erinnerung für mich: ein Endchen Bindfaden und etwas, das einmal weiß gewesen war: das Marssegel! Einst hatte ich von hier aus Kontinente und Archipele – wirkliche Fabelhaftigkeiten – zu entdecken vermeint ... heut hielt ich hier Ausguck nach fabelhaften Wirklichkeiten!

Ich sah mich um.

Das Laboratorium bestand, wie schon berichtet, aus einem Hof zwischen zwei Gebäuden.

Das linke hatte große Fenster zu ebener Erde und in seinem übrigens einzigen Stockwerk. Als ob zwei große Säle übereinander lägen. Ich sah nur in den Saal im ersten Stock, der sehr kompliziert eingerichtet schien. Wie eine Apotheke, mit Marmortischen, und darauf Glaskolben, Phiolen und Retorten, offene Schränkchen, polierte Instrumente – und zwei unbeschreibliche Apparate waren da: aus Glas und vernickeltem Metall, wie ich sie nie gesehen und die ich höchstens mit jenen Globen auf Ständern vergleichen könnte, in die die Kellner alle Zigarrenasche und sonstigen Unrat vom abgespeisten Tisch hineinwerfen.

Vom andern Bau sah ich weniger. Doch schien er mir ein gewöhnliches Wohngebäude, darin wohl die drei Gehilfen hausten.

Aber was ich am Tag meiner Ankunft für einen Geflügelhof gehalten hatte – das mußte man sich ansehn!

Ein trauriger Wirtschaftshof! Da waren überall an den Mauern vergitterte und bis zu Menschenhöhe übereinander gebaute Abteilungen von verschiedener Größe. Und in diesen Behältnissen, die alle Tafeln mit Aufschriften trugen, rührten sich über die Maßen kläglich oder kauerten bis zur Hälfte unterm Stroh: Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten, Katzen und andere Tiere, die ich aus solcher Entfernung nicht erkennen konnte. Nur unter einer Streu ging es sehr lebhaft zu, aber ich konnte nicht sehen warum, und vermutete, es sei ein Mäusenest.

Der hinterste Käfig, der in der rechten Ecke, war ein Hühnerstall. Aber selbst dieses Federvieh war eingesperrt.

Still und melancholisch alles.

Bis auf vier Hühner und einen Hahn von ganz gewöhnlicher Art, die ein wenig auf dem Betonpflaster herumgackerten und nicht müde wurden, mit ihren Schnäbeln nach vermeintlichen Körnern und Grashalmen zu hacken.

In der Mitte war ein großes Viereck eingezäunt, und das war der Hundestall. Philosophisch in ihr Schicksal ergeben, spazierten da viele Hunde vor ihren Ställen hin und her: schrecklich gewöhnliche Pudel, Jagd-, Hof- und Fleischerhunde, Bastarde von Spürhunden, eine Meute von Kötern, die nichts als treu sein können. – Und wie sie so spazierten, machten sie den Hof vollends zu dem einer Tierarzneischule.

Und was das Bild noch trauriger erscheinen ließ:

Die wenigsten der Tiere waren wohl gesund. Die meisten trugen Bandagen - auf dem Rücken, um den Hals, im Genick und besonders auf dem Kopf. Man unterschied durch die Maschen der Zellen hindurch Mützen, Hauben und Turbane. Diese Prozession von burlesk verkleideten, wie Tuareg und Äbtissinnen aussehenden Hunden, die alle Täfelchen um den Hals trugen, schien wie eine unheimliche Maskerade. Um so mehr, als fast all die Armen irgendwie gelähmt waren. Der fiel bei jedem Schritt aufs Maul, der hinkte an allen vier Beinen, der wackelte fortwährend mit dem Kopfe wie ein Greis, und ein ewig stolpernder Fleischerhund wimmerte, ohne daß man wußte, weshalb, und stieß mit einemmal ein langes todwundes Heulen aus ... als ob einer in der Nachbarschaft stürbe, wie man zu sagen pflegt ....

Nelly war nicht da.

In einem düstern Winkel bemerkte ich ein verschlossenes Vogelhaus. Soviel ich taxieren konnte, enthielt es nur die allergewöhnlichsten Vogelarten, ja, es wimmelte darin von Spatzen .... Nur hatten die meisten von ihnen etwas wie weiße Köpfe, und bis zu solchen Spielarten verstiegen sich meine ornithologischen Kenntnisse leider nicht ....

Nach Karbol roch's bis zu mir herauf ....

An irgendeinen Meierhof ... wo's nach gutem Dung riecht ... girrende Tauben auf dem moosigen Dach sitzen ... Kikeriki erschallt ... und Kläffen des Kettenhunds ... wo eine Schar Gänse ohne Grund und mit ebensowenig Erfolg mit den Flügeln schlägt ... an irgend so einen Meierhof mußte ich beim Anblick dieser Krankenstube denken! ... Fürwahr ein trauriger Wirtschaftshof, der da unten, mit seinen etikettierten Kranken – genau wie die Pflanzen im Treibhaus! ...

Plötzlich gab's ein Durcheinander. Die Hunde krochen in ihre Ställe, die vier Hühner und der Hahn flüchteten sich hinter einen steinernen Trog. Nichts rührte sich mehr. Der Taubenschlag und all die Käfige schienen nur noch ausgestopfte Tiere zu enthalten ... Karl, der Deutsche mit dem deutschen Kaiserbart, war aus dem Hause links herausgekommen.

Er öffnete eins der Häuschen, langte nach einem buckligen Fell, das unter seinen Händen noch buckliger wurde, und holte einen Affen hervor. Das Tier – ein Schimpanse war's – wehrte sich heftig. Der Gehilfe aber zog's mit sich fort: da hinein, wo er herausgekommen war.

Der Fleischerhund heulte neu und lang auf.

Im nächsten Augenblick wurde es in dem Saal mit den Apparaten lebendig – die drei Gehilfen waren eingetreten. Man legte den geknebelten Affen auf einen schmalen Tisch, streckte ihn fein aus, und Wilhelm stieß ihm etwas unter die Nase. Karl stach derweil mit einer Morphiumspritze auf die eine Flanke des Tiers ein. Dann trat der große Alte, der Johann, näher, rückte seine goldene Brille zurecht und beugte sich, ein blitzend Messer in der Hand, über den Patienten. Die Operation vollzog sich mit einer unbeschreiblichen Schnelligkeit – fast in demselben Augenblick schon war das Gesicht des Schimpansen nur mehr eine unförmige rote Masse.

Ich mußte mich angewidert abwenden, ich wurde schwindlig vor Blut ....

Das war also eine Stätte der Vivisektion, eine jener grauenerregenden Anstalten, darin die Menschenliebe auf das Ungewisse hin, einige Bettlägerige mehr heilen zu können, brave, heile und gesunde Tiere zu Tode martert. Die Wissenschaft maßt sich hier ein höchst strittiges Recht an, ein Recht, das vor vergossenem Blut unmöglich bestehen kann. Wenn ein solcher Henker eines Meerschweinchens sicher meint, er könne dadurch jeweils die Schuldlosigkeit und oft das Glück, die Errettung eines Menschen herbeiführen, so vermag er doch in neun von zehn Fällen nichts, als das Ende eines Lumpenkerls oder eines Krüppels aufzuhalten. Sein Leben der Vivisektion verdanken heißt sich von lebendem Fleische nähren. Man kann zu Hause hinter seinem warmen Ofen anderer Meinung darüber sein, aber nicht in einer so kritischen Lage wie ich damals, nur einige Schritt von dem Schrecklichen entfernt, inmitten von dunklen Gefahren, die vielleicht alle desselbigen Ursprungs waren.

Ich hätte viel, ich hätte alles durch ein Hinwenden meiner Augen erfahren können - ich vermochte es nicht. Mein Blick wollte nicht fort vom Stamm der Fichte, wollte nicht los von der roten, schwarz punktierten Wanze, die mit ihrem platten Rücken wie ein kleines, ein wenig fehlerhaftes Wappenschild die harzige Rinde schmückte: fünfzehn Sandkörner auf ein purpurn Feld ausgestreut ....

Endlich wandte ich mich um. Zu spät. Nun fiel die Sonne voll auf die Scheiben, und ich konnte nicht mehr durchsehn.

Aber im Hof waren die Hunde wieder hervorgekrochen, und unter ihnen war jetzt auch die Hündin von Doniphan Mac-Bell, die Nelly. Sie hustete, keuchte. Ihr ausgehaartes Fell erinnerte in nichts mehr an das wunderschöne Vlies eines Bernhardiners. Die herrliche Hündin war nur mehr Rippenwerk, und ihre Magerkeit kontrastierte mit der relativen Beleibtheit der übrigen Hunde. Nelly trug ebenfalls Bandagenzeug im Genick. – Was hatte ihr Lerne seit der Nacht, da sie ihn anfallen wollte, Schlimmes zugefügt? Was für eine teuflische Erfindung hatte er an ihr erprobt?

Als ob sie dies nicht begriffe und sehr darüber nachdächte, so sah sie aus. So sehr konsterniert. Und hielt sich abseits von allen andern. Und als sie eine ziemlich kecke Bulldogge mit nicht mißzuverstehendem Blick und deutlich erklärtem Schwanz bespringen wollte, fuhr sie derart auf, mit Augen von solcher Wildheit und einem so heisern und fürchterlichen Schrei, daß der Attentäter bis zutiefst in seine Hütte kroch, während die bestürzte Meute ihre karnevalsbemützten Köpfe wandte.

Die geschämige Nelly aber hinkte weiter auf ihrem Weg .... Sollte ich noch länger hier bleiben? Trotz meiner Eile, dieses Wiedersehen abzukürzen und mir anders die Zeit zu vertreiben, bannte mich etwas ... etwas Unerklärliches an dieser Hündin.

Der Wind trug bis auf Fonval her die Klänge einer Polka, die die Stadtmusikanten in Grey-l'Abbaye schmetterten .... Ich schlug unwillkürlich mit den Fingern den Takt dazu und ... sah: Nelly schritt schneller nun – Nelly tanzte zur Polka.

Ich erinnerte mich wohl, daß Emma einmal von gescheiten Kunststücken des Hundes erzählte. War das nun so ein Zirkusstückchen, das Mac-Bell seinem Bernhardiner beigebracht hatte? ... Das war doch unwahrscheinlich: eine ähnliche »Nummer« vollbringt ein Hund nur vor seinem Dresseur, durch das Gehör allein entstehen nimmer und nie solche Bewegungen im Takt, dazu ist allemal unsere geheime Beihilfe nötig, zu so einem Tanz müssen wir mit einem Tier sehr kompliziert umzugehen wissen, das ist keine Sache des Instinkts! ...

Der Wind nahm ab, die Musik verhallte. Die Hündin setzte sich, hob die Augen und sah mich ... Teufel! Sie wird bellen! Wird Alarm schlagen! ... Nichts. Sie sah mich ohne Furcht und ohne Wut mit Augen an ... Augen, die ich nie vergessen werde. Dann schüttelte sie ihren aufgeputzten Kopf und fing leise, leise zu klagen an und gab Zeichen mit ihrer Pfote. Dann nahm sie ihren Weg wieder auf, immer murmelnd und mit solchen verstohlenen Blicken zu mir her, als ob sie sich mir verständlich machen wollte, ohne die Aufmerksamkeit der Deutschen zu erregen. (Vielleicht meint man, das sei nur eine Schönfärberei in meiner Beschreibung. Aber nein und wirklich: ich konnte mir sehr wohl einbilden, daß die Hündin sich mir mitzuteilen wünschte. So fein modulierte sie ihr Wehklagen und soviel erinnerte es an eine lange undeutliche Phrase voller Kehllaute, darin unaufhörlich das Wort »aicbouäl, aicbouäl« vorkam. Es war ein Gegurgel und klang wie schlecht ausgesprochenes Englisch.)

Aber da kamen die drei Gehilfen wieder, und da war's mit diesem Wunderlichen vorbei. Sie gingen über den Hof, und alle Hunde, Nelly voran, verkrochen sich. Wilhelm warf Packen zerschundenen zottigen Fleisches, den Leib des Affen, über den Hundezaun. Das fiel schwer – das fiel tot hin. Die drei Deutschen traten ins Gebäude rechts ein, und bald stieg Rauch aus dem Schornstein auf.

Dann kam von den Kötern einer nach dem andern heraus und beroch den Schimpansen. Die Bulldogge tat das Zeichen zum Fraß, und es begab sich eine Mahlzeit unter feindseligem und widerlichem Keifen. Die Schnauzen dieser Krüppel färbten sich rot, und unter Fletschen und Krachen ward die erbärmliche Karikatur einer Kindesleiche zerfleischt. Nur Nelly lag mit gekreuzten Pfoten vor ihrer Hütte, wie angewidert von dem Treiben, und sah mit ihren schönen tiefen Augen zu mir her. Nun glaubte ich auch zu wissen, warum sie so abgemagert war.

Da ward ein Fenster geöffnet, und ich sah einen Tisch mit drei Gedecken. Die Gehilfen wollten, grad mir gegenüber, frühstücken. So war's hohe Zeit für mich, zu verschwinden.

Aber ich beging einen unverzeihlichen Schnitzer. Ich hätte doch unbedingt und vor allem jetzt nach dem alten Schuh sehen sollen. Es schien mir falsch – ich war nicht vorsichtig genug gewesen; ein so elastischer Schuh hat Anspruch, mehr als nur etwas Elastisches zu sein – das konnte etwas Beerdigtes, das konnte ein verscharrtes Bein sein ... Aber ich hatte das Bild eines Mädchens in meinem eitlen Sinn ... ich wollte nichts anderes denken, ich redete mir alles andere aus, kurz – ich hinterging mich selber, als ich gradaus auf das Schloß zueilte!

Das Zimmer meiner Tante Lidivina war eine Lüsternheit. Es war wie die Garderobe einer Kurtisane. Mehrere Modelle aus Weidengeflecht trugen außerordentlich elegante Kostüme, standen wie eine Gruppe von steifen und geköpften Koketten da. Der Kamin, die Nipptische waren wie aus einem Modistinnenladen, ein wirrer Haufen von Federn und Bändern, das alles erst auf einem Frauenkopf zu hübschen Hüten wird. Eine Kompanie Tanzschuhe stand in Reih und Glied. Tausendfacher fraulicher Kram häufte sich ... und um das alles war ein feiner perverser Geruch, der Geruch Emmas.

Arme teure Tante! Ich hätt's lieber gesehen, wenn dein Zimmer noch schlimmer entweiht, noch viel mehr das von Fräulein Bourdichet gewesen wäre, um den Preis, daß nebenan, im Zimmer deines Gatten – denn darüber konnte ich nun in keinem Zweifel mehr sein – weniger Lachen und sonstiges übles Spiel sich vollzogen hätte ... na, ich denke, du weißt Bescheid, Tantchen!

Als ich eintrat, waren Emma und Barbara baff. Doch begriff das junge Weib alsbald und lachte hell auf.

Sie lag im Bett – frühstücken. Fuhr mit der Hand aus – und die feurige Welle ihres Haars wurde zum bacchantischen Kopfschmuck. In diesem Augenblick erschaute ich ihren einen ganzen Arm durch den Ärmel ... das Hemd ging ihr auf, und sie machte es absolut nicht wieder zu.

Man hatte ihr einen Tisch mit Gläsern und Tellern ans Bett herangerückt. Barbara, die ihrer Herrin aufwartete, schnitt von einem Schinken leuchtende Scheiben ab ... Mein erster Gedanke war, daß der Tisch und diese Barbara mir peinlich hinderlich waren ...

Ich sah auf ihre weiße Kehle, die mir mit doppelter Sorgfalt modelliert schien, und deren Erhöhung ein klein bißchen rosig war.

»Und Lerne?« sagte Emma.

Ich klärte sie auf:

»Er kommt erst um fünf zurück; und ich erwarte ihn.«

Ein leises Glucksen – mit dem die Freude schluchzt. Barbara, die entschieden ergeben war, jubelte lustig auf, war ganz und gar dabei, nudelte sich in der allgemeinen Fröhlichkeit.

Halb ein Uhr war's. Es blieben vier Stunden Zeit. Ich meinte, daß das bitter wenig sei ... Aber Emma sagte:

»Wir wollen frühstücken! Willst du, mein kleiner Schimpanse?«

Ich konnte in dem Augenblick nichts Besseres tun. War doch der Tisch und war doch diese Barbara da ... Ich setzte mich also der jungen Dame gegenüber.

»Wie Sie wünschen! Aber ein wenig schnell, bitte, ja? Ja?«

Sie trank. Aber was sie da Beistimmendes murmelte, erstickte im Glas zu einem komischen Rollen, und ihre Augen über dem Kristallrand waren föppisch.

Sie bediente mich mit ihren weißen Händen und geschminkten Nägeln.

Mir fehlten Geist und Appetit, alles beides. Es wollte nichts aus meinem Munde kommen und nichts in ihn eingehn. Eros strangulierte mich.

Emma! ... Unsere Blicke verfingen sich. In dem ihrigen waren Verheißungen viel und nicht wenig Ironie. – Sie aß Spargel, als ob sie sie gierig küßte. – Zuweilen, wenn sie sich zu mir herbeugte, tat sich ihr Hemd noch weiter auf, und was ich dann sah, das war so erstaunlich rührend, daß sie mein ganzes Wesen mit meinen Augäpfeln an sich riß und meine Hände zittrig verliebt machte.

»Emma! ...«

Aber da hatte sie sich schon wieder zurückgebogen, fast nackend, wie sie war, und über ihre Schönheit lachend wie über ein großes Glück. Wann setzte die unvergleichliche Kunst des Instinkts soviel Fülle und soviel Frische je in besseres Licht?

Ich hatte nicht den geringsten Hunger. Und nahm mir an Stelle alles andern vor, Emma nun ohne Aufhören zu betrachten. Aber sie beeilte sich nicht und blieb spöttisch – und das alles wohl nur zu dem Zweck, mein Verlangen nach ihr zum Paroxysmus zu steigern.

Sie genoß ihr kleines Mahl recht wie ein Leckermaul. Ich hatte sie noch nie in solcher Ausgelassenheit gesehen. Wie sie sich in dem lauen Parfüm des Zimmers gab, war meiner Ansicht nach vollendet. Ihre Produktion, ihre Parade mußte eine unwiderstehliche Lust zum Endlichen, Letzten auslösen. Die Reize, die man zeigt, zeigen die, die man verbirgt, sagt man. So belustigte ich mich, nun das Unsichtbare durchs Sichtbare zu sehen. Emmas Nase war ein kleiner lebensprühender Kerl für sich. Ihr schmaler Mund hatte fleischige und rote Lippen, die im Schweigen noch ein zuckendes, lächelndes, wollüstiges Schweigen – Schlüpfrigkeiten aussprachen. Sie reckte sich. Der Batist formte Rundungen ab, mit Vorbedacht schlanke Dinge und ratsam pralle – und auch zwei Spitzen, deren eine entsprang, so wie an einem blendenden Himmel ein purpurroter über sich selbst erstaunter Stern aufflammt.

Ich stieß unwillkürlich an den Tisch: eine Erdbeere fiel in die Schale mit Milch.

»Räum alles fort und geh, Barbara!« sagte Emma.

Und als die Magd gegangen war, wickelte sie sich fröstelnd ins Laken und hatte ein Gesicht, als ob sie soeben eine große Neuigkeit erfahren hätte.

Und die Sekunde, die nun geschah, die würde mir ein toller Gott mit seiner Unsterblichkeit bezahlt haben.


Aber Emma blieb länger ohne jedes Lebenszeichen, als es der Brauch ist. Ihr steifer Leib wurde von einer seltsam schönen, aber beängstigenden Weiße, und ich konnte nicht einmal ihren Mund aufbringen, um sie mit ein wenig Wasser zu letzen.

Ich wollte schon rufen – da durchzuckte es sie grausam. Sie stieß einen Seufzer aus, der süß und heiser zugleich klang, tat die Augen auf und röchelte von neuem, aber diesmal anmutiger und für mich ein wenig schmeichelhafter ... Ihr Geist aber, der schien fern von ihr und weitab geblieben zu sein. Sie sah mich wie immer noch von sehr weither an, vom verlorenen Ufer der Venus. Sie kehrte nur langsam zu mir zurück.

Ich hatte einen plötzlichen Anfall von Keuschheit und deckte ihre völlige Nacktheit zu – o sie war nackter, sie war vollkommener nackt als andere ... was sonst an solchen Elfenbeinleibern an drei Stellen tiefblau von Haaren ist und tief herleuchtet, war hier ... kahl ...

Emma wickelte an einer feurigen Strähne ihres Haupthaares ... belebte sich neu ... wollte reden ... die Statue aus Schnee und Feuer bekam wieder Seele und schloß mit einem wundervollen Wort den wunderbaren Akt, den Akt der Akte ... indem sie sprach:

»Solang der Olle nich mit der Neese zwischen is, solang is es allens, was man muß ... nich, mein Süßes? ...«

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