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Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
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Der Narr

Acht Tage später. Auf der Lauer. An der Tür meines einstigen Zimmers. Des – gelben – Zimmers. Durchs Schlüsselloch.


Ich war zwei Abende zuvor schon dagewesen. Aber da hatte es mir an Zeit gefehlt, um richtig beobachten zu können.

Oh! Ich hatte es nicht leicht gehabt. Zum wenigstens sah's nicht danach aus. Nie war dieser linke Flügel von Fonval ähnlich eifersüchtig gehütet worden, ich glaube nicht einmal in der Zeit, in der Mönche sich hier einsperrten ...

Wie ich aber dennoch bis hierher kam? Auf das einfachste von der Welt. Das gelbe Zimmer ist mit dem Hausflur – über den jeder irgendwie muß – durch drei aufeinanderfolgende Gemächer verbunden: an den Hausflur stößt der große Salon an, auf diesen folgt der Billardsaal, und durch den wieder gelangt man in ein Boudoir; und rechts neben diesem Boudoir liegt das gelbe, rückwärts auf den Park hinaus. Also probierte ich vorgestern abend, da ich eine Minute allein war, am Schloß der Salontür einen Schlüssel nach dem andern, lauter Schlüssel übrigens, die ich von allen möglichen andern Türen heimlich fortgenommen hatte. Und tat's mit wenig Zutrauen. Als plötzlich der Riegel nachgab. Ich stieß die Tür auf und sah im Halbdämmer der geschlossenen Fensterladen die ganze Zimmerflucht offen vor mir liegen.

Von Türschwelle zu Türschwelle traf ich auf einen andern, eben einzig demselben Zimmer eigenen feinen Geruch ... nur roch jeder ein bißchen verschimmelt und versauert ... aber es war doch jedesmal von jenem besonderen Atem, der einst hier lebte und alles Ehedem gern auferstehen gemacht hätte ... Staub allenthalben. Ich ging auf den Zehenspitzen. Einer Spur von vielen Stiefelabdrücken, von vertrocknetem Straßenschmutz nach. – Im Salon eine Maus. – Auf dem Billard die Elfenbeinbälle, zwei weiße, ein roter, in einem gleichschenkligen Dreieck. In Gedanken berechnete ich den »Stoß«, welches »Effet« ich geben müßte und welche »Stellung« ich dann bekäme. – Im Boudoir war die Pendüle auf Mitternacht oder Mittag stehengeblieben. Ich fühlte mich wunderbar empfänglich für all das ...

Aber kaum hatte ich gesehen, daß die Tür zum gelben Zimmer verschlossen war, trieb mich ein Geräusch Hals über Kopf in den Hausflur zurück ...

Da gab's nichts zu spaßen! Lerne arbeitete im grauen Gebäu; indes, er wußte mich im Schloß, und da schlich er gern und häufig zurück, um mich zu überwachen. So glaubte ich klug zu tun, wenn ich die Untersuchung nun aufschöbe.

Eine Stunde Ungestörtsein war's, was ich zumindest brauchte. So verfiel ich auf folgenden Plan:

Am nächsten Tag fuhr ich per Automobil nach Grey-l'Abbaye, kaufte dort verschiedene Toilettengegenstände und versteckte die in einem Busch im Wald – nicht weit vom Park.

Am übernächsten Tag hörten mich Emma und Lerne beim Frühstück sagen:

»Ich fahre heut nachmittag nach Grey. Hoffentlich krieg ich dort, was ich brauche ... verschiedenes. Wenn nicht, muß ich bis Nanthel. Haben Sie Kommissionen für mich?«

Zum Glück hatten sie keine. Sonst wäre alles für die Katz gewesen.

Auf diese Weise brauchte ich nur fünfzehn Minuten, um meine gestrigen Einkäufe aus dem Busch zu holen und dann zu tun, als ob ich sie aus dem Dorfe hätte. Von Fonval nach Grey und zurück zusammen mit ein wenig Feilschen um Spezerei und Kurzwaren – dazu sind fünf viertel Stunden nötig. Also blieb mir eine ganze Stunde. Blieb mir. Blieb.

Ich fahre aus. Lasse den Wagen in einem Dickicht nicht weit vom Busch. Und komm dann in den Garten über die Mauer zurück – Efeu auf der einen, ein Rebengeländer auf der andern Seite erleichtern mir die Heldentat.

Geduckt das Schloß entlang – steh ich im Hausflur ...

... bin ich im Salon. Sorgfältig klinke ich die Tür hinter mir ein. Für den Fall der Flucht ist's besser, wenn ich nicht zusperre.

Und jetzt ... auf der Lauer ... durchs Schlüsselloch ... ins gelbe Zimmer ...

Das Loch ist groß. Ein viereckiges ist's! So wie eine Schießscharte ist's. Und ein säuerlicher Wind pfeift durch. Und was schau ich?

Das Zimmer ist dunkel. Ein Sonnenstreif fällt quer durch die Jalousien ein, ein leuchtendes Bündel, drin Staubkügelchen so wie Weltenkugeln schwingen. Auf dem Teppich zeichnen sich die Lamellen der inwendigen Fensterladen ab. Sonst Schatten, und recht viel Unordnung, recht viel Bohème. Kleidungsstücke da und da. Ein Teller mit Speiseresten auf dem Boden, wie ein hingestelltes Fressen .... Ein Sträflingsloch sozusagen .... Ach und du gütiger Himmel, das Bett, das Bett ...!

Und da ist der Häftling!

Ein ... Mensch.

Auf dem Bauch liegt er. In dem Drunter und Drüber von Kopfkissen, Matratze und Deckbett. Mit dem Kopf auf den gekreuzten Armen. Und nur ein Nachthemd und eine Hose an. Sein Bart, der mehrere Wochen lang ist, und sein – ziemlich kurzes – Haar von einem fast weißen Blond.

Wo sah ich den da schon? ... Nein. Das ist seit dem Schrei in jener Nacht eine Marotte von mir .... Nie noch hab ich dies aufgeschwemmte, bärtige Gesicht, diesen dicken Leib, diesen jungen feisten Menschen gesehen ... nie .... Sein Blick ziemlich gutmütig, stupid, aber gutmütig .... Hm! Von einer solchen Indifferenz! Das muß ein netter Faulpelz sein!...

Er schläft, unser Gefangener. Aber wie schlecht schläft er. Fliegen plagen ihn. Er verjagt sie; tölpisch und jählings verjagt er sie. Und zwischen zwei Schlafanfällen verfolgt er ihren Flug mit stierem Aug. Und zuweilen bemüht er sich in halber Wut und indem er den Kopf reckt und mit dem Munde klappt, nach den unerträglichen Bestien zu schnappen.

Ein ... Narr!

Im Hause meines Onkels gib's einen Narren! Wer ist es?...

Ich stoße mit dem Lid gegen das Schlüsselloch. Das eine Auge weint mir. Das andere, das nun herhalten muß, ist ein wenig kurzsichtig. Ich seh nur verschwommen. Der Verräterspalt ist von einer Enge!... Kreuzdonnerwetter! Da hab ich kräftig gegen die Tür gestoßen! ...

Der Narr sprang auf die Beine. Wie so klein er ist! Jetzt kommt er auf mich zu .... Wenn er nun öffnen möchte? ... Nein! Er wirft sich an der Tür nieder, schnüffelt, knurrt ... Armer Kerl! Das muß schwer sein ....

Er witterte nichts. In dem Bündel Sonnenstrahlen hockt er nun und ist durch den Schatten des Fensterladens wie ein Zebra gestreift. Und ich kann ihn mir nun um so genauer ansehn.

Hände und Gesicht sind ihm mit kleinen rosigen Flecken berupft, als ob er Narben von Kratzwunden trüge. Als ob er vor kurzem gerauft hätte .... Und da – was noch schwerer ins Gewicht fällt –, ein langer veilchenfarbener Streif läuft ihm unterm Haar hin, von einer Schläfe zur andern, um den ganzen Hinterkopf herum. Auffallend einem Wundmal ähnlich .... Man hat den Menschen gefoltert! Ich weiß nicht, was Lerne ihn aushaken ließ, welche Rache er an ihm übte .... Aber er ist ein Henker, ah!...

Und sogleich kam mir folgende Ideenverbindung: Ich verglich das Indianerprofil meines Onkels mit Emmas ungewöhnlichem Haar und riet alsdann von dem so blonden des Narren auf den grünen Pelz der Ratte. Sollte Lerne ein Mittel wollen, um kahlen Schädeln langhaarige Skalpe einzupflanzen? War das das große Unternehmen?... Aber ebenso schnell entdeckte ich, daß meine Vermutung dumm war. Es gab nichts, das sie hätte bestätigen können. Das umstoßende Argument war, der Blöde war nicht skalpiert worden: sonst hätte das Wundmal einen ganzen Kreis beschreiben müssen. Und warum sollte er auch nicht infolge eines Unfalls, ganz einfach durch einen Sturz auf den Hinterkopf, verrückt geworden sein?

Ein Narr, ja! Aber kein Wahnsinniger, er war ganz harmlos. Von so fraglos gutmütigem Aussehen. Seine Augen leuchteten sogar oft etwas wie intelligent auf .... Der wußte von etwas, der .... Ich war gewiß, wenn ihn wer sanft ausgefragt hätte, er hätte geantwortet .... Soll ich? Sollte ich etwa? Ja? ...

Ich sollte. Ein Riegel nur auf meiner Seite versichert die Tür. Ich schiebe ihn mit dem Daumen zurück. Aber ich bin noch nicht im gelben Zimmer, da schnellt der Häftling vor, flitzt mir mit gesenktem Kopf zwischen den Beinen durch, wirft mich um, schnellt wieder auf und rennt dahin – unter solchem Hundegekläff, wie ich's jene Nacht hörte und für Neckerei hielt ....

Seine Behendigkeit machte mich baff. Wie konnte er mir so mitspielen? Wie kam er auf die Idee, mir zwischen den Beinen durchzuflitzen? ... Trotz des Ungestüms des Geschehens bin ich grad so schnell, als er mich umschmiß, wieder auf den Beinen, ganz dumm, wie närrisch .... Jetzt geht der losgelassene Wahnsinnige verloren! Oh! ... Sei kalt, Nicolas, sei kalt! Hier ist nicht der Schatten eines Zweifels! Ist es nicht besser, ich empfehle mich auf englisch, als daß ich diesem Trottel von einem Ausreißer nachlaufe? Wozu sollte das mir jetzt gut sein?... Ja, aber Emma? Und all das Geheimnis? Mit Gott denn! Holen wir ihn wieder her! Verflucht!

Alsdann immer hinterdrein, hinter dem Herrn Unbekannten ....

Hoffentlich läuft er mir nicht auf die grauen Häuser zu!... Nein, er nimmt glücklicherweise die grad entgegengesetzte Richtung. Aber wenn auch, ein jeder kann uns nach Belieben so laufen sehen .... Mein Herr Deserteur läuft munter und unter Kapriolen hin. Jetzt ins Gebüsch hinein. Gott sei Lob und Dank! Das Vieh schreit nicht mehr, nun ist's schon soviel, als hätt ich's gewonnen .... Da ist wer! .... Nein: nur eine Statue .... Ich muß ihn so bald wie möglich wieder haben. Denn sowie er seine Richtung in etwas umbiegt, wird man uns bemerken, und es ist um mich geschehen .... Sieht er komisch aus, der Tölpel! Zum Teufel, wenn er so weitermacht, kommen wir rund um den Park und zuletzt hübsch am grauen Gebäu und an Lernes Fenstern vorüber! Seid gesegnet, ihr Bäume, die ihr uns noch verbergt! Schnell! ... Und die Tür zum Salon, die – die – hab ich glücklich offen gelassen! Schnell, schnell, schnell! ... Der Mensch weiß wenigstens nicht, daß er verfolgt wird, er sieht sich niemals um. Und seine nackten Füße tun ihm weh und halten ihn auf; ich gewinne Terrain ....

Da hält er an, schnuppert aus, vergewissert sich, läuft weiter. Aber ich bin ihm näher. Er springt ins Dickicht, links, dem steilen Abhang zu .... Ich auch .... Ich hab ihn auf zehn Meter. Er steuert durch das Dornichte hindurch, ohne acht zu haben. Ich immer in seinem Kielwasser .... Er läuft Spießruten sozusagen, die Stacheln schmerzen ihn, er schlägt los auf alles, was auf ihn losschlägt. Ja, warum biegt er sie nicht auseinander? So würde er doch ihren Krallen viel leichter entgehn ... Bis zum steilen Abhang ist's nicht weit mehr. Wir laufen just auf ihn los. Mein Ehrenwort! Mein Wild scheint sich vollkommen klar zu sein, wohin es möchte .... Ich seh seinen Rücken ... nicht immer ... ich muß ihn also nach dem Krachen des Gezweigs verfolgen ....

Endlich, an der Felsenwand, seh ich seinen schmalen Schädel wieder. Unbeweglich.

Ich schlängle mich lautlos an .... Eine Sekunde noch, und ich werfe mich auf ihn .... Aber was er treibt, das überrascht mich so, daß ich am Rand der Lichtung, die ihn einschließt und deren eine Seite die Felswand bildet, – daß ich am Rand anhalte.

Auf den Knien liegt er und scharrt wütend den Boden. Solches Geschäft indes martert ihm die Nägel ... also daß er ein Lamento anhebt wie vorhin bei den Stacheln des Hagedorns und des Maulbeerbaums. Die Erde fliegt hinter ihm auf, bis zu mir her. Die verkrampften Hände arbeiten bei ihm in rapiden Stößen und im Takt. Er baggert drauf zu und heult vor Schmerz, und dann wieder gräbt er seine Nase in das Ausgehöhlte ein, so tief er's vermag, schnaubt vor Wut, hält damit gewaltsam inne und macht sich neu an seine Aufgabe. Sein Wundmal hat er wie einen fehlfarbenen Kranz auf. – Aber was! Da steh ich und mach mich über ihn und sein sehr verkehrtes Treiben lustig, und es ist doch der gnädige Moment, da ich auf ihn losspringen und ihn eilends wegführen kann ....

Ich hebe mich verstohlener Weise aus dem Gebüsch heraus. Aber sieh da! Hier hat schon einmal wer ausgebaggert: ein Haufen alter Erde sagt mir's. Der Bondling setzt nur eine angefangene Arbeit fort. Ach was! ...

In den Knien eingebogen ... bereit zum Sprung.

Da läßt der Mensch ein Freudegegrunz aus sich heraus. Und was erseh ich drin in der Grube? Ein altes Schuhwerk fördert er zu Tage! O Menschenelend!

Uff! Da wär ich also auf ihn losgesprungen! Da hielte ich ihn nun, den Schuft! ... Kaltes Blut! Er hat sich umgekehrt, er will sich losreißen, aber ich laß schon nicht locker! ... Komisch ... wie ungeschickt er mit den Händen ist! ... Au! Du beißt ja, du Luder! ...

Ich umschlinge ihn, um ihn niederzuwerfen. Er hat noch niemals gerungen, das sieht man. Übrigens bin ich ihm immer noch nicht über .... Werd ich? ... Rutsch: das war das Loch ... ich steh auf dem alten Herrenstiefel ... grauenhaft! Da ist etwas drinnen! Etwas, das ihn an der Erde festhält! ... Ich schnaufe, schnaufe .... Ein Schuh – nichts ähnelt mehr einem Fuß als ein Schuh ....

Schluß, Schluß, Schluß. Die Minuten sind Geld ... wiegen ein Vermögen auf ....

Einer hält den andern fest angepackt. Mein Gegner und ich kämpfen unmittelbar vor der Felswand, keuchend, gleich an Kräften ... Ein Gedanke! Ich reiße erschrecklich meine beiden Augen auf, als ob ich einem kleinen Jungen drohte oder ein Tier bändigen wollte und mache ein durchaus gebieterisches, herrisches Gesicht. Und der andere wird sogleich schlaff, unterwürfig und bereut .... Und leckt mir die Hände zum Zeichen seines Gehorsams! ...

»Marsch jetzt!«

Ich zieh ihn fort. Der Schuh – ein Gummi-Zugstiefel – richtet sich auf, mit der Spitze zuoberst. Er sieht aber gar nicht so erbärmlich und tot aus wie auf der Landstraße weggeschmissenes Schuhwerk. Und was ihn an der Erde festhält, ist sehr wenig herausgegraben. Ein Endchen Stoff nur. Ein Strumpf? ... Auch mein Narr dreht sich um und betrachtet's.

»Marsch, marsch, mein Lieber!«

Mein Begleiter bleibt gefügig. Meine Augen tun Wunder. Wir laufen, was wir laufen können.

Allmächtiger Gott! Was mag sich derweil im Schloß begeben haben?

Nichts. Gar nichts.

Als wir im Hausflur sind, hör ich im ersten Stock Emma und Barbara sich unterhalten. Sie kommen die Treppe herab, aber da sind wir auch schon hinter der famosen Salontür. Und ich bin beruhigt. Und kann horchen.

Denn ich konnte ja jetzt, nachdem ich den Blöden wieder eingesperrt hab ... doch nicht heraus, ohne daß mich eins der beiden Weiber bemerken würde ....

Ich schlich also verstohlen bis in den Salon zurück und horchte durch die Tür, wohin die beiden fatalen Frauenzimmer nun gehen würden. Aber plötzlich wich ich entsetzt bis in Zimmermitte zurück und suchte ein Versteck, irgendeinen Wandschirm ... schlug aus wie ein Ertrinkender und schluckte und schluckte vor verhaltenen Schreien ....

Ein Schlüssel suchte das Schlüsselloch.

Der meinige? Hatte ich ihn stecken lassen und ... war er mir dann gestohlen worden? Nein, nein, nein, nein, der meinige war ja hier, da, hier in der Weste, ich fühlte ihn, in der Tasche. Ich hatte ihn beim Eintreten abgezogen.

...?

Der mit Grünspan bedeckte Riegel schob sich langsam zurück. Nun trat wer ein ... wer? Die Deutschen? Lerne?

Emma.

Emma aber konnte hier nichts sehen als ein unordentliches Zimmer. Einer der großen Damastvorhänge, ja, der rührte sich vielleicht ein bißchen – so wie wenn einer zittert. Emma sah es nicht.

Barbara hielt sich hinter ihr. Das junge Mädchen sagte leise:

»Bleib hier und beobachte den Garten. Tu so wie das letzte Mal, das war gut. Sowie der Alte aus dem Laboratorium kommt, dann hustest du.«

»Vor ihm hab ich keine Angst, antwortete Barbara in sichtbarlichem Schrecken. Der hat um die Zeit keinen Verdacht auf uns, das kann ich Ihnen sagen. Den sehen wir überhaupt heut nicht mehr vor Abend .... Aber Nicolas – das ist ganz was anderes. Wenn den der Teufel herführt!«

Die grauen Häuser hießen also das Laboratorium! Dieses Wort hatte der Dienstmagd eine Ohrfeige vom Herrn Professor eingetragen! Meine Kenntnisse vermehrten sich ....

Emma sagte heftig:

»Ich sage es dir nochmals, es besteht keine Gefahr. Gott, ist es denn das erste Mal?«

»Nein, aber da war Nicolas nicht ....«

»Also tu, was ich dir sage!«

Barbara zog nur widerstrebend auf Wache.

Emma aber stand einige Augenblicke da und lauschte. Schön! Oh! Schön wie die Göttin aller Wollust! Und wenn sie mir auch nur eine Silhouette, ein toter Schatten auf der herleuchtenden Füllung der Tür war ... was war's doch für ein lebendiger fließender Schatten. Laß Emma in vollkommener Ruhe stehen, und es ist dir, als ob sie soeben mitten in einem Tanz angehalten hätte. Nein, dann ist's, als ob sie, du weißt nicht, mit welcher Hexerei, denselbigen Tanz unsichtbar fortsetzen würde. Sie war schön wie eine geile Bajadere, die nur und nur Liebe ausdrücken kann, das Spiel von der Liebe. Ob sie lässig steht oder sich lind rührt, ob sie erzittert oder sich bäumt, ob sie in ihr Haar langt oder sonst die kleinste Geste tut, du stellst sie dir immer und immer in eitel Wollust vor ....

Ein lebendiger Sprudel ward mein Leib. Eine allmächtige Flut aus Jahrhunderten her stand auf: Emma! Sie! Sie beim Narren! ... Dieses Paradies – jenem Vieh! ... So eine Dirne! ... Morden hätt ich sie mögen!

Da meint ihr wohl: Ich wußte doch von nichts! Und: Ich erhob diese Anschuldigung ohne jeden Grund! – Ja, wißt ihr denn nicht, wie eine aussieht – wie eine wie von etwas angetrieben die Beine voreinandersetzt und einen tückischen und gefräßigen Mund macht – eine, die heimlich und betrügerisch zum Manne will? ... Da, da, da, nun setzt sie ihren Weg fort! Ja sagt einmal: muß man so eine zweimal ansehn, um zu erraten, zu was für einem Ding sie sich begibt? ...

Alles schrie doch nur so an ihr. Alles an ihr verriet jene Hoffnung und jene krankhafte Sorge, die schon eine halbe Befriedigung sind .... Aber ich will hier diesen vom Teufel besessenen Leib nicht schildern, seine unflätige Sprache nicht übersetzen. Oh, erwartet nun nicht von mir, daß ich euch bis ins kleinste Bild eines läufigen Frauenzimmers male! Wie unflätig schreibt sich das hin – aber Emma war's, sie war es, was ich hinschrieb! ... Ein Traum von etwas oder ein Geschmack an etwas kann so überaus herrschend werden und beherrschen, daß der Mensch zu einem Monstrum wird und nur mehr Auge ist und nichts anderes oder nur mehr Mund und gar nichts weiter mehr. Wie einer, der eine außerordentliche Musik vernimmt, nur mehr mit dem Gehör lebt, mit seinen Augen, Nüstern, mit allem an seinem Leibe hört: so war dieses Weib, das Liebe in seinen Leib forderte, durchaus nicht mehr als ein Ausstrahlen des Sexus, vergrößerte und versinnbildlichte mit Scheitel und Zeh nur noch den Geschlechtsakt, wurde – Aphrodite in Person.

Und das machte mich rasend.

Das hübsche Mädchen, das sich zu so einer tierischen Aufführung anschickte, streifte den Vorhang, hinter dem ich stand, mit den Röcken.

Da vertrat ich ihr den Weg.

Sie röchelte vor Schrecken. Einer Ohnmacht nah. Barbara wies die wohlgerundeten Hinterbacken – floh. Und ich – ich Alberner – verriet nun, was mich zu meiner heldenhaften Tat bewegt hatte:

»Warum gehen Sie zu jenem Narren?« – Mit schrillem Laut. Unnatürlich. Und die Worte rauh inmitten auseinanderreißend. – »Gestehen Sie's ein! Warum? Sagen Sie mir's – um Gottes willen!«

Ich hatte sie angefallen und verdrehte ihr die Handgelenke. Sie wehrte sich nur sanft; ihr wunderbarer Leib war eine linde Woge. Ich umkrampfte das liebliche Fleisch und preßte ihr die Arme, als erwürgte ich zwei Tauben. Und bog mich zu ihren wie brechenden Augen herab:

»Warum? Sag's! Warum?«

Mußte ich so offenherzig werden? – Sowie ich du zu ihr sagte, rang sie sich auf, maß mich mit den Augen und sagte herausfordernd:

»Und was dann? Sie wissen ganz genau – daß Mac-Bell mein Geliebter war! Lerne hat es Ihnen in meiner Anwesenheit – am Tag Ihrer Ankunft deutlich genug zu verstehen gegeben ....«

»Mac-Bell? Mac-Bell ist jener Narr?«

Emma antwortete nicht. Aber ihr Erstaunen sagte mir, daß ich, indem ich ihr mein Unwissen preisgab, einen neuen Fehler begangen hatte.

»Hab ich kein Recht, ihn zu lieben? Und denken Sie denn, Sie könnten mir's nehmen?«

Ich zerrte an ihren Armen – wie an Glockensträngen.

»Du liebst ihn immer noch?«

»Mehr als je – da hören Sie's!«

»Aber das ist doch ein blödsinniges Tier!«

»Manche Narren halten sich für Götter. Er glaubt nur zuweilen, er sei ein Hund. So ist sein Wahn vielleicht minder schwer. Und dann ... überhaupt ....

Sie lächelte geheimnisvoll. Grad als ob – grad als ob sie mich zum Äußersten treiben wollte. Ihr Lächeln und ihre Reden regten mich sinnlos, grausam auf.

»Ah! Schamlose! ...«

Ich umschlang das Mädchen, als ob ich's an mir zerdrücken wollte, und zischte ihr hundert Beleidigungen ins Gesicht.

Ihr mußte es sein, als täte sie den letzten Atemzug und als würde sie ersticken – und gleichwohl lächelte sie noch immer ... über mich lachte sie – mit ihrem Mund, der einem andern zur Lust da war! – O wie ergrimmte ich. Na warte! Ich werde dir lächeln helfen! Du sollst noch roter und noch viel feuchter lächeln – du! ... Meine Kiefer kam tierische Lust zu beißen an .... Ich ward fürchterlicher als ein Narr! Ich fühlte allen Wahnsinn in diesem Augenblick! Ich stürzte mich rasend auf diese spöttischen Lippen, die bald, recht bald, jetzt gleich blutig und zerfleischt sein müssen! Wie? Da! da! da! ... Unsere Zähne stießen aufeinander los, und es gab einen Kuß – so wie der erste Menschenkuß, einst, in einer Höhle oder einer Hütte im Sumpf gewesen sein muß, grad so tierhaft und viel weniger Liebkosung als Hieb – aber gleichwohl ein Kuß .... Und dann leckte etwas gegen meine Zähne an, und meine Zähne öffneten sich – und drang ein durch meine Zähne und war in der Folge so raffiniert ...: daß es mir plötzlich nicht nur viel von Emmas natürlicher Disposition zum Spiel der Wollust verriet, sondern auch, daß dieses Weib in solchen Dingen eine vollkommene Erfahrung mitbrachte ....

Solche Vereinigung rief ungestüm jene andere herbei ... Aber für den heutigen Tag sollte es beim Prolog – sozusagen – bleiben. Wir vernahmen – noch einmal sozusagen – nur von fern das Glockenspiel, mit dem die Federn alter Kanapees, durch das Hinfallen zweier Menschenleiber, eine Schäferstunde einläuten ....

Unzeitig und doch gelegen stürzte Barbara herein. Die Seelen zerreißend.

»Der Herr kommt!«

Emma entwand sich blitzschnell meinen Armen. Das Reich Lernes gebot von neuem.

»Gehen Sie! Laufen Sie! sagte sie. Wenn er's erfährt .... Sie sind verloren ... und ich wahrscheinlich diesmal auch .... O fort, fort, fort! ... Kneif aus, mein kleiner süßer Schlauberger – Lerne ist zu allem fähig! ...

Ich fühlte, daß sie die Wahrheit sagte. Ihre lieben Hände zitterten vor Kälte in den meinigen, und ihr Mund stammelte vor Schreck unter meinen brennenden Küssen.


Von dem törichten Glück wie gehetzt, nahm ich mit verzehnfachter Stärke und Behendigkeit das Weingeländer und entkam über die Mauer.

Und da war auch schon mein Vehikel in seiner Laubgarage. Flugs die Pakete zusammengerafft ... ich war niederträchtig glücklich. Emma die Meine! Welch eine Geliebte! ... Eine Frau, die die Pflicht nicht scheute, einem Freund, der zu etwas Widerlichem geworden war, den Trost ihrer Besuche, ihren ganzen betörenden Reiz zu schenken! ... Und jetzt, aber jetzt, des war ich gewiß – jetzt wollte sie mich, nur mich! Mac-Bell? Ihn lieben? Ach was! Sie hatte gelogen – um mich feurig zu machen .... Mit dem hatte sie ganz einfach Mitleid, nichts weiter ....

Übrigens – wodurch war der Schotte wahnsinnig geworden? Und warum hielt ihn Lerne versteckt? ... Mein Onkel hatte mir doch versichert, der Mensch wär längst fort! ... Und zu welchem Zweck sperrte er seinen Hund ein? ... Arme Nelly! Jetzt begreif ich deinen Schmerz, am Fenster, und deine Rachegelüste gegen den Professor: Vor dir hatte sich ein Drama – »auf frischer Tat ertappt« – zwischen Emma, Lerne und deinem Mac-Bell abgespielt, darüber kann nun kein Zweifel mehr sein .... Was für ein Drama? Das werd ich sehr bald wissen: Man hat kein Geheimnis vor seinem Liebhaber, und ich wurde doch soeben Emmas Liebster! Los, es macht sich alles auf das wunderbarste!

Wenn ich mich über was freue, so sing ich gewöhnlich. Wenn ich mich nicht täusche, summte ich nun unterwegs eine Seguidilla für mich hin. Aber plötzlich unterbrach ich diese lästige Weise ... denn in meiner Träumerei erschien jäh und unheimlich das Bild jenes alten Schuhs, so wie der Rote Tod im Ballsaal.

Augenblicklich war all mein Feuriges dahin. Die Sonne in meinem Innern erlosch; meine Gedanken wurden schwarz, gespenstisch und drohend. Fürchterliche Ahnungen ballten sich vor mir als wie Gewißheiten. Und sogar das Bild der waghalsigen Emma verging in dieser Totenfinsternis. Voll Grauen vor vielem Unbekannten erreichte ich diesen Kerker von einem Schloß und dieses Grab von einem Garten, darin der Vampir des Lasters zwischen einem Wahnsinnigen und einem Kadaver auf mich lauerte.

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