Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurice Renard >

Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
Schließen

Navigation:

Das Gewächshaus

Wie ich draußen bin und völlig ungedeckt, ist mir's, als ob alles auf mich lauerte. Und ich warf mich auf das schleunigste in ein kleines, ans Gewächshaus anstoßendes Hölzchen. Dann pirschte ich mich quer durch all das Dorngestrüpp und Schlinggewächse an.

Sehr, sehr heiß war's. Und nur äußerst mühsam schob ich mich vorwärts. Ich mußte tausendfach Vorsicht üben, um ja keine Kratzwunden und keine verräterischen Risse in meinen Kleidern abzubekommen.

Endlich wölbte sich das Gewächshaus groß vor mir, mit seinem mittleren Dom und seinem einen runden Kreuzgang. Ich war seitlich herangekommen und hielt's für das beste, nun erst ordentlich Ausschau zu halten, ohne das mich deckende Hölzchen zu verlassen.

Was mich sofort ungemein erstaunte: Der Bau war durchaus proper, in vollkommen erhaltenem Zustande; nicht ein Pflasterstein locker: auch jeder Stein der Grundmauer ganz; die sorgfältig eingefügten Jalousien hatten all ihre Latten, und durch die feinen gleichmäßigen Ritzen glühten die Fensterscheiben im Sonnenlicht.

Ich lauschte. Kein Laut vom Schloß her, und keiner vom grauen Gebäu herüber. Und im Gewächshaus selber völlig Stille. Nur das ungeheure Schwingen eines brennenden Nachmittags.

Ich faßte mir ein Herz. Ganz heimlich herangemacht ... eine der Holzjalousien gelüpft ... und durch die Scheiben geguckt. Aber ich sah nichts: man hatte sie auf der Innenseite mit einer weißlichen Substanz gefirnißt. Mir wurde es immer wahrscheinlicher, daß Lerne das Treibhaus seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen hatte und sich heutigentags da ganz anderen als Blumenkulturen hingab. Der Gedanke an Mikroben-Bouillons, die unter solchem Feuer wie hier schmoren sollten, schien mir ziemlich glücklich.

Immer mehr ums Glashaus herum. Aber allenthalben hinderte mich der gleiche Firnis – mehr oder weniger dick aufgetragen, wie mir schien – am Durchsehn. – Die Klappfenster wider alles Erwarten sehr hoch. Die Flügelanbauten hatten keine Türen. Von hinten her war da kein Eindringen.

Wie ich schließlich ganz herumkam und auf der weiten Reise Stein sowie Glas gleicherweise undurchlässig befunden hatte, stand ich wieder dem Schloß und meinem Balkon grad gegenüber. Aber da war ich ohne alle Deckung und also in einer höchst gefährlichen Situation. Kriegsmüde mußte und wollte ich den Rückzug auf mein Zimmer antreten und das angebliche Bazillenpalais im Stich lassen, ohne seiner Fassade einen gründlichen Besuch abgestattet zu haben, als ein letzter verlockendster Blick, den ich tun konnte, mir unversehens das Geheimnis auftat.

Wohl war die Tür gegen das Schloß geworfen worden, aber nicht ins Schloß. Der Riegel, der mit seiner ganzen Länge vorstand, verriet, daß ein höchst Unbesonnener geglaubt hatte, da richtig zweimal abzuschließen ... Ach Wilhelmchen! Mit deiner köstlichen, unbezahlbaren Fahrigkeit!

Aber schon beim Eintreten waren all meine bakteriologischen Hypothesen zunichte. Eine Wolke von Blumengerüchen nahm mich auf, eine feuchte und lauwarme Wolke, durchwürzt mit Nikotin.

Ich hielt auf der Schwelle an. Aufs höchste verwundert. Kein und auch kein königliches – Treibhaus hat auf mich je einen solchen Eindruck gemacht, wie ich ihn hier empfand: welch zügelloser Luxus. Das lief um mich, umkreiste mich, betörte mich, blendete mich. Die ganze Skala singenden Grüns ... die Blätter waren die Tasten ... die vielfarbigen Töne der Blüten und Früchte ... das war ein Dom, und da ward ein Farbensang aufgespielt, kuppelan, immer mächtiger, immer brausender.

Aber das Auge gewöhnte sich dran, und meine Bewunderung sank ein wenig. Dieser Wintergarten konnte nur auf den ersten Blick so bezwingen. Indem er aus lauter Gewächsen bestand, von denen jedes für sich allein auffiel. In Wirklichkeit war da nirgends ein Trachten nach Harmonie. Das war alles disziplinarisch aufgestellt, in Kommandoreihen, ohne jede Eleganz und ohne allen Geist: ... so wie ein Eldorado, das einem Schutzmann ausgeliefert ist. Auf das plumpste kategorisiert, die Töpfe zu militärischen Reihen ausgerichtet, und jeder trug eine Etikette, darauf eine Wachtmeisterfaust ungleich mehr von der Botanik als vom Gartenbau »notierte« und viel weniger von aller Kunst als von der Wissenschaft »anzeigte«. – Das gab zu denken. Und wie durfte ich übrigens auch nur einen Augenblick annehmen, daß Lerne heute noch etwa Gärtner aus Liebhaberei war?

Ich ließ den Blick voll Entzücken weiterhin forschend über die Wunder hingehen und war unwissend genug und wußte nicht eines der Wunder mit Namen zu nennen. Aber ich versuchte es immerhin, ganz mechanisch, und plötzlich ward all die Üppigkeit, die mir erst so überaus selten und vielleicht exotisch vorkam, zu dem, was sie in Wirklichkeit war ...

Ungläubig und von einer fieberischen Neugier ergriffen, ersah ich einen Kaktus ... wie aufgeregt und unfähig zu allem ich auch sein mochte, ich konnte mich darin unmöglich täuschen. Aber seine rote Blüte verwirrte mich ... Ich betrachtete ihn fast übergenau, und meine Verwirrung steigerte sich nur ...

Nun gab's kein Schwanken mehr: Diese vom Teufel besessene Blume, die sich meinen Blicken empörend frech preisgab, diese Zauberrakete, die grün aufschoß, um in eitel Feuersternen zu explodieren, sie war ... ein Storchschnabel!

Die nächste: Drei Bambusrohre wuchsen aus dem Dünger, aber ihre kleinen Säulen waren an Stelle von Blütenknäufen mit ... Dahlien bedeckt!

Erschrocken und all die widernatürlichen Parfüms in kurzen Stößen einatmend, sah ich ringsum und prüfte und fand diese merkwürdige Inkohärenz überall bestätigt.

Frühling, Sommer und Herbst, die herrschten im Verein hier, den Winter aber, der die Blüten wie Flammen ausweht, den hatte Lerne zweifellos gänzlich ausgeschaltet. Alles und jedes war da und blühte und war nah der Frucht, aber keines und keins hatte auf seinem Stiel oder Holz natürlich ausgeschlagen.

Blaues Kornblumenvolk besetzte einen Schaft, der all seiner Stockrosen entäußert war und hinfort wie ein blauer Thyrsus schwang. Eine Araukaria blühte am Ende ihrer stachligen Zweige mit indigofarbenen Enzianglocken. Und ein Spalier entlang verschwisterten sich unter Kapuzinerkresse und auf dem netzartigen Geflecht der vielverschlungenen Stengel Kamelien mit buntscheckigen Tulpen.

Der Eingangstür gegenüber starrte dickes Gesträuch gegen die Glaswand. Eine Staudenart fiel vor allem auf und zog mich an. Birnen trug sie und war doch ein ... Pomeranzenbaum. Hinter ihr flochten sich – als wie aus dem Lande Kanaan, so sehr gesegnet – zwei Rebenstöcke um ein Weingeländer; ihre Riesentrauben waren verschieden, diese waren gelb, jene waren weinrot, aber jede Beere war hier eine Mirabelle und dort eine Norberte.

Dann sah man im Astwerk einer Zwergeiche, darin mehrere Eicheln immerhin widerspenstig aufbrachen, Walnüsse und Kirschen beieinander. Eine der Früchte aber war nicht zur Reife gekommen: nicht grüne Nußschale und nicht rotes Kirschgewand, ein graugrüner, etwas geröteter mißgestaltiger widriger Knorren.

Statt mit harzigen Äpfeln besternte sich eine Tanne strahlend wie ein Weihnachtsbaum mit Maronen und behing sich zu noch festlicherem Glanz mit goldkugeligen Apfelsinen, den Sonnen der Obstgärten des Orients, und mit Mispeln, den wie Nachgeborenen eines zu Tod erstarrten Baums.

Nicht weit davon geschahen noch vollendetere Wunder. Flora, von Pomona geküßt, wie der gute Demoustiers geschrieben hätte. Die meisten der hier angeführten Pflanzen waren mir fremd, ich behielt nur die gewöhnlichsten und schreibe sie auf und beschreibe sie ... Einer erstaunlichen Weide erinnere ich mich soeben noch, die Hortensien und Pfingstrosen trug und Pfirsiche und Erdbeeren. Aber das hübscheste von all den Bastarddingen war doch wohl jener mit chinesischen Astern überblühte und mit Borsdorfer Äpfeln behangene Rosenstock!

In der Mitte des Rundbaus verwechselte ein Busch mit verzweifeltem Blattwerk unablässig Stechpalmen, Lindenblüten und Pappellaub. Ich bog das alles auseinander und sah: alle drei entwuchsen ein und demselben Stamm.

Das war der Triumph der Pfropfkunst, einer Wissenschaft, die Lerne fünfzehn Jahre hindurch bis zum Wunder gesteigert hatte. Und das Schauspiel, das die Resultate einem darboten, war beunruhigend. – Der Mensch, der das Leben aus seinem Lauf abbiegt, fabriziert Ungeheuer. – Unbehaglich war mir; ich war wie in Not.

»Was für ein Recht maßt der sich an, der so alle Kreatur aufstört und verwirrt?« dachte ich bei mir. »Wo ist die Erlaubnis, kraft der einer solcherart die alten Gesetze durcheinanderrütteln darf? Ist das nicht ein sakrilegisch Spiel und ein Majestätsverbrechen an allem Gottesgnadentum der Natur? ... Wenn all die Trügereien und Tricks noch nach dem guten Geschmack wären! Aber das alles ergibt nicht einmal neue Wahrheit, das sind nur bunteste und bizarrste Ehen, pflanzliche Trugbilder, Blumen-Faunsgestalten, Zwitter über Zwitter ... Gleichviel, ob solche Aufgaben graziöse Endspiele ergeben oder nicht ergeben, es ist ruch- und gottlos, und damit fertig!«

Es schien – der Professor war von blutdürstigstem Eifer befallen. Die ganze Ausstellung hier bestätigte es; und noch andere Indizien redeten für den Gelehrten: auf einem Tisch sah ich zahllose Phiolen, Pfropfmesser und Gärtnereigeräte, die wie chirurgische Instrumente blitzten. Und daß ich sie glücklich bemerkte, dies brachte mich neu auf die Blumen, und ich erfuhr alsbald alles Elend und alle Erbärmlichkeit.

Sie waren mit allerlei Kleister verkittet, die Blumen, und vielfach als hätten sie Wunden – unterbunden – und wiesen – so wie Operierte – tiefe Einschnitte auf, in denen zweifelhafte Essenzen sickerten.

Ein großer Riß klaffte in der Rinde des Pomeranzenbaumes mit den Birnen. Er war wie ein Auge, und das Auge weinte still. Wie ein Schwächeanfall überkam's mich ... Sollte man es glauben? Eine kindische Angst ergriff mich, als ich die Eiche ... um ein paar Kirschen ... die mir wie rote Tropfen schienen ... operiert und übel zugerichtet sah. Tapp! Tapp! Zwei reife fielen zu meinen Füßen nieder wie erste Regentropfen ...

Ich brachte schon nicht mehr so viel Sicherheit auf, um die Etiketten zu lesen! Überall ein paar Daten drauf, von Lerne, in französisch-deutschen Zeichen, unleserlich, und zudem noch viele Male ausgestrichen.

Mit gespitzten Ohren, aber die Stirn tief in den Händen, mußte ich mir einen Augenblick Ruhe gönnen, um meine Kaltblütigkeit wiederzuerlangen ... und dann tat ich die Tür zum rechten Flügel auf.

Wie ein kleines Schiff lief der Raum vor mir hin. Seine gefensterte Wölbung ließ das Tageslicht ein und schwächte es bis zu blauem, aber seltsam kühlem Halbschatten. Meine Schritte sangen auf dem Quadersteinpflaster.

In dieser Kammer strahlten drei spiegelglatte Aquarien, drei Kufen aus so durchsichtigem Kristall, daß man vermeinte, ihr Wasser stehe ganz von selber in drei geometrischen Blöcken da.

Die zwei seitwärts befindlichen Aquarien enthielten Meerpflanzen. Und der Inhalt dieser beiden schien gar nicht voneinander verschieden. Indessen hatte mich der große Rundbau wohl gelehrt, nach welcher Methode Lerne jedes Ding klassifizierte, und ich durfte daher nicht annehmen, daß er in zwei Bassins absolut Identisches auseinandergeschieden hätte. Ich betrachtete jetzt die Algen nur um so genauer.

Die Büschel bildeten da wie dort die gleiche submarine Landschaft. Zur Rechten wie drüben zur Linken: in allen möglichen Farben die gleichen starren vielgeästelten baumartigen Formationen, wie sie kleine Klippen überkrusteten; der Sandboden mit Sternen wie Edelweiß bestreut; und da und dort sprangen kreidige Rutenbündel heraus, an deren Spitzen sich eine Art fleischige gelbe oder violette Wucherblume entfaltete. Ich vermag hier nicht auch noch all die andern Blumenkronen und -krönungen zu beschreiben; oft ähnelten sie wächsernen und oft gallertartigen fettigen Blumenkelchen. Die meisten waren von einer unsagbaren Färbung und ganz veränderlichen, unnachweisbaren Konturen – oft sogar nur wie eine Schattierung des Wassers.

Zu Tausenden entsprangen Blasen inwendigen Hähnen, und ihre stürmischen Perlen kreisten wie vernarrt um die Bäumchen, eh sie zum Wasserspiegel aufflogen und platzten. Wer sie sah, der vermeinte, sie müßten diesem im Wasser gebadeten Gärtchen jeder einen Kuß voll Luft und Atem mitbringen.

Ich kramte Lyzeumserinnerungen aus und bestätigte mir so, daß diese beiden, nur in Einzelheiten unähnlichen Blütenstände sich ausschließlich aus Polypen, aus jenen problematischen Organismen, Korallen und Schwämmen zusammensetzten, die der Naturforscher zwischen Pflanze und Tier einschaltet.

Ihr Doppelsinn verfehlt nie, unser Interesse zu erregen ... Ich klopfte ein wenig gegen die Kufe links.

Alsbald geschah etwas Unerwartetes ... es schwamm etwas auf dem Wasser durch Kontraktion, wie ein opalartiger venetianischer Becher, der geschmeidig geblieben war; ein zweiter, purpurner kreuzte ihn: und siehe, es waren zwei Meersterne. Und nur jenes Antippen mit meinem Finger hatte diese Bewegungen hervorgerufen. Diese gelben oder malvenfarbigen Pompons, die sich gebärdeten, wurden rhythmisch jetzt in die Kalktuben eingezogen und jetzt wieder herausgestreckt; die Strahlen der Seesterne arbeiteten faul; graue, hoch rosenrote, safranfarbene wellten und wogten, und wie durch eine Neer rührte sich das ganze Aquarium.

Ich klopfte jetzt gegen die Kufe rechts. Ohne alle Regung aber blieb's da.

Das war mir ein Beweisgrund.

Diese Absonderung der Polypen in zwei Behälter hatte mich instand gesetzt, die Verbindung zwischen beiden, die wahrscheinliche Vereinigung von Tier und Pflanze zu einem Wesen im Grashalm zu begreifen. In zwei solche Reiche geschieden, waren die – aktiven – Kreaturen links auf der untergeordneten Sprosse der Skala aller Lebewesen, und die – unbeseelten – zur Rechten auf der höchsten Sprosse der Skala ihrerseits; die einen fingen eben an, Tier zu werden, während die ändern gerade noch Pflanzen waren.

So reduzierte sich der ungeheure Abgrund, der diese beiden Antithesen des Lebens für immer scheiden wollte, auf die Anordnung schwacher, fast unsichtbarer Divergenzen, ein viel weniger schlagender Unterschied als der Kontrast zwischen einem Wolf und einem Fuchs, die gleichwohl Doppelgänger und gleichwohl Brüder sind.

Wohlan! Diesen unendlich kleinen Unterschied in der Organisation, den jedoch die Wissenschaft für unüberschreitbar ansieht, da ja hier Trägheit und Bewegung aus sich selbst einander die Waage halten ... diesen Unterschied hatte Lerne überschritten. Im dritten Bassin waren diese beiden Arten eine auf die andere gepfropft. Darin sah ich ein gallertartiges Kelchblatt von der unempfindlichen Gattung auf einen beweglichen Blumenstiefel übertragen, und dieses – bewegte sich jetzt. Das aufgepfropfte nahm den Zustand der Pflanze an, die es trug: von dem lebenskräftigen Saft durchdrungen, belebte sich das Indifferente, und die Aktivität paralysierte sich, indem die Ankylose ausgesaugt wurde.

Ich hätte gerne die verschiedenen Anwendungen dieses Prinzips näher studiert ... Aber da war ein Meerstern wohl die hundert Mal in ich weiß nicht wen verstrickt und stieß so scheußlich verliebt unter dem moosartigen Geflecht aus, daß ich mich angeekelt abwenden mußte. Diese letzte Etappe aller Impfkunst machte für mich das Maß der Schändung überlaufen. Und meine Blicke sahen sich in diesem blauen Dämmer nach weniger aufreizenden Bildern um ...

Die Werkzeuge des Professors kamen alsdann. Eine Etagère bildete eine ganze Apotheke. Vier mit Glasplatten belegte Tische folgten auf die Aquarien – mit einem Arsenal von Messern und Folterzangen ...

Nein, nein! Lerne hatte kein Recht zu alldem! ... Das war gemein, das war wie töten! Das war noch schlimmer als töten! Diese scheußlichen Praktiken an der jungfräulichen Natur bezichtigten ihn zugleich schändlichen Mords und schmählicher Notzucht! ... Noch während ich auf so edle Weise ergrimmte – war ein Geräusch. Man klopfte.

Ah! Wenn meine Ohren einst verdammt sein werden, wird ihre Verdammnis dies sein: jenseits des Grabes solch feine Hammerschläge des Nichts hören zu müssen! – Ich spürte alle meine Nerven in diesem Augenblick! Es klopfte wer!

Mit einem Satz war ich im Rundbau, und mein Gesicht muß fürchterlich dreingesehen haben. Instinktiv trieb mich das Grauen vor einem Feind an, so fürchterlich dreinzuschauen.

Kein Mensch in der Tür. – Kein Mensch im ganzen Raum. – Ich eilte wieder zurück.

Das Geräusch hub von neuem an ... Es kam aus dem andern Flügelanbau, darin ich noch nicht gewesen war ... Ich verlor den Kopf. Lief sinnlos. Ob ich nun im nächsten Augenblick der Gefahr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würde oder nicht. Dermaßen toll, daß ich mit dem Kopf gegen die Tür rannte, die ich aufriß.

Aufregung und Übermüdung hatten mich so schwach gemacht. Und ich frage mich heute noch, ob nicht bei all diesem ein gut Teil Halluzination mitgeholfen haben mag, so daß ich die Dinge bizarrer sah, als sie waren.

Eine durchdringende Helligkeit herrschte in der dritten Halle, und ich faßte alsogleich wieder Mut. Auf einem Ladentisch war ein Käfig – das Unterste zuoberst – und machte Luftsprünge, weil eine Ratte drin eingefangen war. Wenn die Ratte hüpfte, hüpfte die Falle: daher das Geräusch. Als das Nagetier mich gewahrte, verhielt sich's ruhig. Ich konnte diesem komischen Intermezzo keine Wichtigkeit beimessen.

Dieser Raum war im Vergleich zu den beiden andern in großer Unordnung. Wie gar nicht instand gehalten. Aber beschmutzte und weggeworfene Handtücher und willkürlich durcheinander liegende anatomische Messer und halbvolle Reagenzgläser deuteten darauf, daß hier erst kürzlich gearbeitet wurde, und entschuldigten so einigermaßen den Wirrwarr.

Ich sah mich weiter forschend um.

Die ersten beiden Dinge, die redeten, sagten mir nicht viel. Zwei unansehnliche Gewächse in Fayencetöpfen. Ihre Namen auf um und us hab ich vergessen – auch das ist immerhin bedauerlich. Sie hätten meinem Bericht mehr Autorität und Resonanz gegeben. – Aber wer vermöchte sich unter den üblicheren Bezeichnungen nicht auch wohl eine Federkrone eines Wegerich und ein Büschelchen Hasenohr vorzustellen?

Der Wegerich war, das muß man sagen, außergewöhnlich lang und biegsam. Was das andere, das Hasenohr, anging, so zeichnete es sich durch keinerlei Sonderbarkeiten aus und trug nur wie seinesgleichen den Spitznamen mit Recht, denn es ahmte gewissenhaft ungefähr ein Dutzend großer Ohrlappen nach. Um zwei seiner haarigen und silberglänzenden Blätter und um einen der Wegerichstiele liefen Bandagen aus weißer und (anscheinend) von Teer braun befleckter Leinwand.

Ich tat einen Seufzer der Erleichterung. »Gut, gut«, sagte ich mir, »Lerne hat sie inokuliert. Dies ist nur eine Wiederholung dessen, was ich längst weiß, oder vielmehr sogar einer der ersten zagen, tappenden und, wenn ich mich nicht täusche, mißlungenen Versuche. Dies ist nur auf dem Weg zu den Phänomenen im Rundbau drüben, so wie die erst wieder auf die Abscheulichkeiten der drei Aquarien vorbereiten. Hätt ich die Entwicklung Lernes verfolgen wollen, hätt ich von hier ausgehen, dann in den mittleren Garten kommen und bei den Polypen endigen müssen ... Aber Gott sei Dank! Ich hatte ja das Schlimmste schon gesehen...«

So dachte ich, als der Wegerichstiel wie ein Wurm sich wand. Und zugleich zuckte etwas Grauschillerndes hinter dem Ladentisch auf und verriet sich mir so. In einer Blutlache lag da ein Kaninchen in silberfarbenem Pelz. Es war soeben verendet und hatte an Stelle der Ohren zwei blutige Löcher.

Eine Ahnung des wahren Sachverhaltes trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Ich befühlte die Ohrenpflanze. Und wie ich die beiden bandagierten Lappen, die durchaus wie Ohren aussehen, betaste, sind sie blutwarm und zittern.

Ich wich entsetzt zurück und stieß dabei gegen den Ladentisch. Mit vor Grauen verkrampften Händen fuhr ich aus, als ob ich ein häßliches Spinnentier abschütteln wollte, und warf dabei die Rattenfalle herunter.

Die Ratte hüpfte im Käfig wie unsinnig herum, biß, überschlug sich, wehrte sich wie eine Besessene ... Und meine weit aufgerissenen Augen irrten unaufhörlich vom Wegerich zum Tier, von dem Stengel, der sich fortwährend wie eine dünne schwarze Natter ringelte, zur Ratte, die keinen Schwanz mehr hatte ...

Wohl war die Stelle verheilt, aber sie verriet mir die Spur eines weiteren Experiments – das arme Vieh schleifte nach all seinen Purzelbäumen nun etwas wie einen aufgeplatzten Gürtel nach, und der befestigte an der geheilten Stelle immer noch den grünen Schößling, den man da eingesetzt hatte.

Übrigens schien dieser Schößling bleichsüchtig zu sein ...

Lerne remonierte also die Lebewesen! Zur Zeit pfropfte er untereinander die höheren Tiere und alle Pflanzen! ... Scheußlich und erhaben zugleich kam mir nun mein Onkel vor, und er flößte mir Entsetzung und Bewunderung ein – wie ein übeltäterischer Gott.

Sein Werk war ebenso im höchsten Grade staunenswert wie abstoßend. Ich mußte mir Gewalt antun ... sonst hätte ich meinen Besuch hier eilends abgebrochen.

Er verlohnte sich ja wohl der Mühe, der Besuch, selbst wenn es lauter Halluzinationen gewesen wären. Was mir da noch alles zu schauen blieb, übersteigt die Wahnbilder eines Irrsinnigen. Es war wohl alles schrecklich, aber von einer gewissen Seite her auch komisch: grotesk unheilvoll.

Wer unter den armen Sündern hier löste das meiste Grauen aus?

Das Meerschweinchen, der Frosch oder die Datteln?

Das Meerschweinchen hatte, alles in allem, vielleicht nichts allzu Bemerkenswertes. War sein Fell nur durch den Widerschein all der Pflanzen grün und so wie grüner Rasen? Mag sein.

Aber der Frosch? Und aber die Datteln? Was soll man von jenem und was soll man von diesen denken?

Er – ein kräuterfarbener Laubfrosch, die vier Pfoten in Humus eingegraben, in einen Topf gepflanzt wie nur ein Pflanzenhaftes mit vier Wurzeln, die Augenlider geschlossen, gefühllos und stumpf...?

Und sie – die Dattelpalmen? Erst hatten sie sich nicht gerührt, und hier drinnen ging kein Wind, des bin ich gewiß; und jetzt bewegten sie sich ganz und gar. Ihre Palmblätter schaukelten sich sehr sanft ... fast war mir's, als ob ich's hörte ... aber ich möcht es nicht beschwören. – Ja, die Bäumchen schaukelten sich, näherten sich und klammerten sich plötzlich eins an das andere, so sehr, mit all ihren Händen und grünen Fingern, umschlangen sich und «hatten sich» so konvulsivisch ... daß ich nicht weiß, ob's geifernd war oder geil, ob in Kampf oder in Liebe! Ist es doch allemal die gleiche viehische Gebärde...!

Neben dem Laubfrosch stand eine weiße Porzellanvase mit einer farblosen Flüssigkeit, und darin lag eine Pravazspritze. Neben den Dattelpalmen die gleiche Spritze und die gleiche Vase, nur war hier die Flüssigkeit rotbraun und geronnen. Ich schloß auf Pflanzensaft dort und auf Blut da.

Die Palmen waren indessen schlaff geworden, und ich streckte zitternd die Hand nach ihnen aus und zählte unter der feinen und lauwarmen Haut die Schläge ... und sie waren wie ein Puls...

Ich habe mir seither sagen lassen, daß man seinen eigenen Puls fühlt, wenn man den von andern erfühlen will, und dazu kommt, daß mir das Fieber gegen die Fingerwände schlug; aber konnte ich in jenen Augenblicken an meinen Sinnen zweifeln? ... Übrigens beschuldigt mich der Fortgang der Geschichte gar nicht als Hellseher in jener Minute. Der Verlauf der Begebenheit müßte mich tausendmal von all solchem freisprechen. Ich vermag nicht zu sagen, ob die Intensität des Erinnerungsvermögens in einem solchen zweifelhaften Fall (ob Halluzination oder nicht) ein Grund für oder gegen einen krankhaften Zustand ist. Jedenfalls erinnere ich mich aufs deutlichste des Bildes: wie diese Monstrositäten aus zerwühlten Linnen und aus gläsernen Bechern aufquollen – und die Messer und die Spiegel leuchteten dazu...

Nichts mehr zu sehen? Nichts Weiteres mehr? – Ich spürte alle Winkel aus. – Nein; nun nichts mehr und nichts weiter. Ich hatte alle Arbeiten meines Onkels genau verfolgt und ... ein Zufall hatte es gewollt und ein Glück... sogar von Anfang an, die Stadien durch, genau so, wie Lerne sich entwickelt und hinangestiegen war.

Ich kam ungehindert ins Schloß und auf mein Zimmer. Und all meine Jugendkraft, die mich bisher aufrecht erhalten hatte, versagte nun. Während ich mich völlig auskleidete, bemühte ich mich, meine ganze Abenteuerfahrt zu rekapitulieren ... es gelang mir nicht. Sie war mir jetzt schon wie ein eitler Traum ... ich hielt nichts von allem mehr für wahr... Können das Tierreich und das Pflanzenreich zu einem werden? Welch ein Unsinn! Wenn die Polypenpflanzen fast Polypentiere sind, was haben dann zum Beispiel ein Insekt und ein Blatt Gemeinsames? – Da fühlte ich einen brennenden Schmerz am Daumen meiner rechten Hand: ein kleiner weißer Mond war da in einem rosigen Hof. Im Wäldchen hatte mich wohl etwas gestochen. Aber ich vermochte nicht zu unterscheiden – war's von der Rachsucht einer Nessel oder einer Ameise? Und da fiel mir ein, daß eine mikroskopische wie eine chemische Analyse mir hierbei keinen Aufschluß geben könnten, so sehr sind ein solcher Insektenstich und ein solcher Säuretropfen ein und dasselbe. Und so wurde ich mir aller Möglichkeiten wieder bewußt, und ich hatte keinen Einwand mehr, um nicht anzunehmen, daß mein Onkel sie alle bis zu Gewißheiten ausgebaut hatte – und dachte so und überlegte also: «Alles in allem hat Lerne versucht, die Pflanzen und die Tiere zu amalgamieren und ihre Vitalitäten auszuwechseln. Sein gescheites und progressives Verfahren war von Erfolg. Aber ist ihm das Mittel und Zweck? Wohin will er gelangen? Ich kann nicht sehen, daß sich diese Experimente zu einer praktischen unmittelbaren Anwendung hergäben, daß es Verfahren wären, die ein Spekulant ausbeuten könnte – folglich bedeuten sie nicht das Ende. Es will mir außerdem scheinen, so wie sie sich aufeinander folgen, so arbeitet das alles auf eine viel vollkommenere Sache hin, die ich wohl unbestimmt voraussehe, aber nicht bestimmt unterscheiden kann. – Mein Schädel platzt ... platzt vor Migräne. – Laß mich mal schauen ... der Professor will damit vielleicht auf andere Experimente hinaus, die in demselbigen Punkt wie diese konvergieren und die mir, wenn ich sie kennen würde, mehr und in deutlicheren Reden von dem großen Endziel erzählen könnten .... Na, nun immer zu, immer zu! Ein bißchen Logik. Einesteils – Herrgott im Himmel, bin ich müde! – einesteils sah ich Pflanzen untereinander geimpft, andernteils beginnt mein Onkel, Pflanzen und Tiere zu mischen .... Ach was, ich mag nicht mehr!«

Mein Hirn war allzu angestrengt und widersetzte sich dem simpelsten Räsonnement. Ich mutmaßte undeutlich, daß, was alles Impfen anging, ein ganzer Studienzweig arg vernachlässigt worden war oder dieses Teilgebiet zunächst anderswo als im Gewächshaus erforscht wurde .... Die Augen fielen mir zu. Je mehr ich induzierte und deduzierte, desto übler verhaspelte ich mich. Die Erscheinung zur Nacht, das graue Gebäu und Emma verschlimmerten das alles nur noch ... neue Unruhe, neue Neugierde, Sehnsucht ... wann sang im Ohr einer Feder ähnlicher Galimathias? ...

Oh, Rätsel!

O gewiß ja: Rätsel! Indes, wenn mich immerzu Sphinxe umgaben, so kamen sie mir jetzt durch lichten Nebel hübscher vor. Hübscher. Und als die eine von ihnen gar eine liebliche Larve aufhatte und mit Brüsten prunkte wie eine junge Frau, schlief ich lächelnd hinüber.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.