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Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
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Mitten unter Sphinxen

Das Auto wand sich langsam die mäandrischen Wege hin. Manchmal, an Punkten, an denen eine Kurve sich selbst durchschnitt, zögerte sogar der Briefträger einen Augenblick.

– Seit wann sind denn diese Zickzackdinge anstatt der einstigen schnurgeraden Allee? fragte ich.

– Vier Jahr, Herr. Ungefähr ein Jahr, nachdem sich Herr Lerne definitiv im Schloß eingerichtet hatte.

– Und wissen Sie – warum? ... Sie können ruhig reden: ich bin der Neffe des Professors.

– Ach ja ...! Weil... weil... er ist ein Sonderling.

– Was treibt er denn so Sonderliches?

– Gottchen ... nichts. Man bekommt ihn fast nie vor Augen. Das ist es ja eben. Ehe er diese ... besoffenen Wege da hat anlegen lassen, traf man ihn oft und oft. Wenn er in den Feldern spazierenging. Aber seit... er kommt knapp alle Monat einmal nach Grey.

Da sah man: All seine Überspanntheiten waren ganz zur selbigen Zeit bei ihm ausgebrochen. Dieser Irrgarten hier und der verwandelte Stil seiner Briefe, die fielen auf Jahr und Tag zusammen. Was wohl so schwer auf seinen Geist eingewirkt haben mochte...

– Und seine Mitarbeiter, fragte ich jetzt. Diese Deutschen da?

– Tja, Herr, die sind durchaus unsichtbar! Übrigens ... wenn ich Ihnen sage, daß ich die Woche sechsmal auf Fonval komme und mich nicht erinnern kann, wann ich einen einzigen Blick in den Garten geworfen hätte! Der Herr Lerne kommt immer selber an die Pforte und holt die Briefsachen! Ach ... was für eine Veränderung! Kannten Sie den alten Jean noch? Fort! Und seine Frau ebenfalls! Wenn ich es Ihnen sage, Herr, keinen Kutscher! Keine Haushälterin! Kein Pferd!

– Seit vier Jahren, nicht wahr?

– Wohl, Herr.

– Sagen Sie mir, Postbote, gibt's hier viel Wild, was?

– Weiß Gott, nein. Paar Kaninchen. Zwei oder drei Hasen ... Aber Füchse. Füchse gibt's viel zuviel.

– Was ? Keine Rehböcke - keine Hirsche ?

– Nie!

Eine sonderbare Freude zuckte in mir auf.

– So. Aber da wären wir, Herr ...

Und richtig. Gleichsam aus einem Schlußschnörkel heraus ging's nun das letzte Stümpfchen der früheren Allee lang, das Lerne gelassen hatte. Zwei Reihen Lindenbäume steckten die Wegseiten ab, und vom Ende her schien nun die Pforte von Fonval gradaus auf uns zuzulaufen. Vor ihr verbreiterte sich die Allee in Form eines Halbmonds zu einem freien Platz. Und dahinter sah man, wie das Schloß sein blaues Dach über dem Grün der Bäume malte und die Bäume mit ihrem Grün vor den düstern Abhang des Schlundes, in dem ja das Schloß lag, hintraten.

Die Pforte inmitten der Mauer, die von den Abhängen zu beiden Seiten her den Weg verbaute, die Pforte unter dem alten Ziegeldach, o sie war sehr gealtert. Das Gesims morsch, das Türholz wurmstichig und stellenweise tief eingefressen ... aber die Klingel – die Klingel klang unverändert. Die läutete aus meiner Jugend her, so froh, so rein, so weit ... ich hätte weinen mögen ...

Augenblicke des Wartens vergingen.

Dann endlich klapperten Holzschuhe her.

– Guilloteaux, sind Sie's? rief eine Stimme, aber mit ganz überrheinischem Akzent.

– Jawohl, Herr Lerne.

Herr Lerne? – Ich sah auf meinen Führer mit weit aufgerissenen Augen! – Was! Das soll mein Onkel geredet haben? ...

– Sie sind früh dran heut, erklang die Stimme von neuem.

Riegel klirrten zurück. Durch die Öffnung kam eine Hand.

– Geben Sie her ...

– Hier, Herr Lerne. Aber ... aber ... da ist wer mit mir gekommen, gab der Postbote plötzlich ganz klein zu verstehen.

– Wer? schrie's von drinnen. – Und der geschrien hatte, der erschien in der Türspalte.

Es war wohl mein Onkel Lerne. Aber wie seltsam hatte den das Leben angerührt, und wie so grauenvoll gereift. Eine wilde, verkommene Gestalt. Graue und viel zu lange Haare hingen ihren Unrat bis auf den Plunder herab, den er anhatte. Viel zu früh in schweres Greisenalter ausgestoßen, so stand er da und glühte mich an wie einen Feind, mit zerquälter Stirn und mit bitterbösen Augen.

– Was wollen Sie ? fuhr er mich an. Und sprach's: Fas follen Sie ... Ich zögerte eine Sekunde. Kein Äderchen mehr von dem Gesicht einer lieben alten Dame – nein, eine glatte, grause Siouxgrimasse! Ich fand mich nicht zurecht: ich erkannte ihn und er war mir doch unkenntlich.

– Aber Onkel! Onkel! Onkel! stammelte ich dann. Ich bin's ja... zu Besuch komm ich ... mit Ihrer Erlaubnis ... Und geschrieben hab ich Ihnen ... aber der Brief ... da, hier ist er ... wir kommen zu gleicher Zeit an ... Entschuldigen Sie, daß ich so unbesonnen war...

– Ah! Sehr gut! Da muß man wohl sagen ... Aber, mein lieber Neffe, da hab ich ja bei Ihnen um Entschuldigung zu bitten...

So jäher Umschwung. Lerne war zuvorkommend, errötete, verwirrte sich und dienerte beinahe. Solches Verlegensein mir gegenüber tat weh.

– Ha! Haha! Und gar mit einer Maschine sind Sie gekommen! Hm ... die will doch hier herein, ja, was?

Er machte die beiden Türflügel auf.

– Hier, hier ist man oft sein eigener Knecht, sagte er, und die Türangeln kreischten ein Lied.

Und er griff schwerfällig zu, mein Onkel. – Aber man sah's ihm deutlich an, es war ihm unbequem und sauer, und seine Gedanken waren ganz anderswo.

Der Postbote war gegangen.

– Die Remise ist immer noch da? sagte ich und zeigte rechts auf den Schuppen aus Backsteinen.

– Ja, ja ... Ich habe Sie mit Ihrem Bart gar nicht wiedererkannt, hm! ... Ja ... mit Ihrem Bart. Den haben Sie doch damals nicht gehabt, he, he? ... Wie alt sind Sie jetzt?

– Einunddreißig, Onkel.

Beim Anblick des Schuppens krampfte sich mir das Herz. Die Tapete verschimmelt und zur Hälfte abgeschält; und hier wie nebenan im Stall ein tausendfacher Trödel. Das Dach hing in spinnwebartigen Fetzen her; und die Rosettenzier von einst?

– Einunddreißig sind Sie schon! sprach er mechanisch und sichtbarlich zerstreut.

– Aber so duzen Sie mich doch, Onkel, so wie früher.

– Ja, das ist wahr, mein lieber ... eh ... eh ... Nicolas, ha?

Wie war ich verlegen. Aber er war's nicht minder. So lästig war ihm, daß ich da war.

Es ist überaus reizend für einen Eindringling zu wissen, warum er einer ist – ich griff nach meinem Felleisen.

Aber Lerne sah das und sagte anscheinend schnell entschlossen und sehr gebieterisch:

– Lassen Sie ... eh ... laß das! Laß, Nicolas! Ich werde sofort dein Gepäck wegschaffen lassen. Aber zuvor haben wir zu reden. Machen wir einen kleinen Spaziergang.

Und er nahm mich am Arm und zog mich gegen den Park hin. Und überlegte aber immer noch.

Am Schloß vorbei. Da und da die Jalousien geschlossen. Die an den meisten Stellen morsche Bedachung zuweilen sogar schon völlig eingestürzt. Die allenthalben aussätzige Mauer ließ vor Altersschwäche und Tod auf weite Stellen das nackte Gestein sehen. Die Stauden in Kübeln umstanden den Bau noch immer, aber man hatte all die Verbenen, Granatbäume, Pomeranzen- und Lorbeerstöcke unstreitig schon ein paar Winter lang der ganzen Kälte ausgesetzt. Sie waren in ihren geplatzten und verfaulten Behältern – tot. Und der Vorplatz mit seinem nie geharkten Sand konnte für eine elende Wiese gelten, so wucherte das Gras hier, mit Nessel und Schierling dazwischen. Dornröschens Schloß war das, und der junge Prinz war noch nicht gekommen ...

Lerne ging an meinem Arm und sprach noch immer nicht.

Wir umschritten das traurige Haus, und der Park tat sich – ein Urwald – meinen Blicken auf. Keine in zierlichen Körben dargebrachten Blumenbeete mehr, und keine feingesandeten trautgewundenen Wegbänder. Außer vor dem Schloß der Rasen, den man in eine Weide verwandelt und für irgendein Viehzeug mit Draht eingezäunt hatte – das tiefe Tal in allem Urzustand. Wohl bezeichneten noch schwache Senkungen die einstigen Alleen, aber überall schossen Bäumsprößlinge aus dem Rasen auf. Der Garten war nur mehr ein großer Wald mit Lichtungen und mit grünen Wegen. Die Ardennen waren hier aus ihrem angemaßten Platz neu herabgestiegen.

Mit viel Besorgtheit und mit aufgeregten Fingern stopfte sich Lerne jetzt eine Pfeife, die sich wohl sehen lassen konnte, steckte sie in Brand, und wir drangen in das Gehölz – in eine dieser höhlengleichen Alleen ein.

Im Vorübergehen sah ich meine Statuen wieder und wollte meinen Augen nicht trauen. Ein früherer Herr auf Fonval hatte sie hier herum – verschwenderisch – errichtet. Aber was waren diese prächtigen Mitspieler in meinen Schaustücken im Grunde doch für armseliges modernes Gußzeug, das irgendein Industrieller des zweiten Kaiserreichs marktwarenmäßig genug Rom und den Griechen nachempfunden hatte. Die Peplen aus Beton blähten sich weit zu Krinolinen, die antiken Obergewänder sahen seltsam nach Schaltüchern von Anno Tobak aus, und die Wald- und Wiesengottheiten: Echo, Syrinx und Arethusa trugen Chignons, wie die halbseidenen Weiber aus jener großen Familie Benoiton. Unsere heutigen häßlichen und kitschigen Phantasten fabrizierten Götzenbilder, wo die Geister des Waldes mit Weinlaub und Holzrebe angetan als Dryaden stehen, sind immer noch besser als jene Helden, die doch nur Biedermänner in Bacchuskränzen waren und wo eine Pose mit ein wenig Waldmoos gleich eine ganze Diana vorstellte.

Nachdem wir eine Weile so gegangen waren, hieß mich der Onkel auf einer steinernen, ganz von Flechten überwucherten Bank im Schatten eines üppigen Haselstrauches Platz nehmen.

Da ließ sich im Busch grad über uns ein leises Knacken hören.

Lerne sprang entsetzt auf und reckte den Kopf.

Es war nur ein Eichhörnchen, das uns da beobachtet hatte.

Aber mein Onkel sah es wild an und schoß mit den Augen nach ihm; und dann erst lachte er und hatte neuen Mut:

– Ha! Haha! Ha! Das ist ja nur ein kleines ... kleines ... Dingsda, sagte er und fand das Wort nicht dafür ...

»Es ist ja wahr«, dachte ich traurig und betrübt bei mir selber, »daß man im Alter kindisch wird! Und ich weiß, gewiß trägt auch immer die Umgebung schuld, und wider Willen nimmt man die Allüren und den Akzent seiner Nächsten an; und die Umgebung, in der Lerne lebt, erklärt ja hinreichend, warum der Onkel so malproper ist, so gedankenlos redet, so deutsch-französisch spricht und eine so klobige Pfeife raucht.

... Aber er liebt die Blumen nicht mehr, wacht nicht mehr über seinem Land und scheint zu dieser Stunde erstaunlich nervös und fahrig ... Nehmen wir noch diese ganze gestrige Nacht dazu, und dann ist alles viel weniger plausibel, als man meinen möchte ...«

Während all der Zeit musterte mich der Professor scharf, mit unruhigen Blicken, und wog und erwog mich, als wär ich ihm ganz unbekannt. Er überlegte hin und her, und man sah ihm sehr an, er entwarf hundert Beschlüsse und – verwarf sie wieder. Und jeden Augenblick kreuzten sich unsere Blicke – da, endlich fanden sie sich, und mein Onkel, der nicht länger mit allem zurückhalten konnte, schien ein zweites Mal an diesem Tag fest entschlossen:

Nicolas, sagte er und gab mir einen Schlag auf die Schenkel, ich bin ruiniert, weißt du!

Ich durchschaute seinen Plan und war empört:

Onkel, reden Sie frei, Sie wollen, daß ich wieder abreise!

Ich? Aber Kind, was für Ideen! ...

– Ganz und gar. Ich bin total davon überzeugt. Ihre Einladung war entmutigend genug – Ihre Aufnahme sehr wenig gastlich. Aber, Onkel, Sie haben ein außerordentlich kurzes Gedächtnis, wenn Sie meinen, ich wär aus eitel Habsucht um mein Erbe hier. Ich sehe, Sie sind nicht mehr der gleiche – übrigens erfuhr ich das längst aus Ihren Briefen –, aber wenn Sie diese plumpe Ausrede erfunden haben, nur um mich fortzujagen, erstaunen Sie mich sehr, sehr! Ich hab mich nicht verändert in den fünfzehn Jahren! Ich hab nie aufgehört, Sie von ganzem Herzen zu verehren, und hätte wohl Besseres verdient als solche eiskalten Briefe und nun zum Schluß, du großer Gott! Eine solche Schmach!

– Nananana! Immer sänftiglich ... sagte Lerne auffahrend.

– Nein, und, und ... rief ich weiter, wenn Sie es gar so sehr wünschen, daß ich sofort wieder abreise? Sagen Sie es ruhig! Und ... adieu! Aber mein Onkel sind Sie – gewesen!

– Du sprichst Lästerungen, Nicolas! Und er sagte das so voller Schrecken, daß ich ihm gradaus drohte:

– Und anzeigen werde ich Sie obendrein, Herr Onkel, Sie und Ihre Gesellen, all eure Hexereien!

– Du bist wahnsinnig! ... Wahnsinnig bist du! Wirst du wohl still sein? So ein eingebildeter ... Narr!

Und Lerne lachte laut auf. Aber seine Augen – ich wußte nicht weshalb – jagten mir Angst ein, und ich bedauerte, was ich zuletzt ausgesprochen hatte.

Er aber sprach:

– Sieh mal an, Nicolas. Bilde dir doch nichts ein. Du bist mein guter Junge. Gib mir die Hand. Du sollst nach wie vor in mir deinen alten Onkel finden, der dich gern hat. Hör mal zu, es ist nicht wahr, ich bin nicht ruiniert, und mein Erbkind wird sicher einmal was kriegen ... wenn's nach meinem Wunsch geht. Aber ... mir scheint nachgerade, als ob's besser sei, hier nicht zu verweilen ... Nichts kann hier einen jungen Mann von deinen Jahren vergnügen, lieber Nicolas. Ich selber bin den ganzen Tag beschäftigt...

Mochte er immer reden, der Herr Professor. Verstellung schaute aus jedem seiner Worte heraus, er war mir nur mehr ein Tartüff, bei dem man die geringste Vorsichtsmaßregel außer acht lassen und den man hintergehen konnte, wie man wollte: aber ich wußte, ich würde bleiben und nicht von hier gehen, bis meine Neugierde in allem und jedem vollauf befriedigt wäre. Und ich unterbrach ihn und sagte, als wie ganz und gar niedergeschlagen:

– Da, da – da sieht man doch, daß Sie fortgesetzt darauf anspielen, daß ich schauen soll, daß ich von hier fortkomme ... Das ist's – ich hab Ihr Vertrauen nicht mehr – das ist's ganz genau...

Er verteidigte sich mit einer Handbewegung. Aber ich fuhr fort zu reden:

– Und drum im graden Gegenteil, erlauben Sie mir, daß ich bleibe. Nur so können wir unsere Bekanntschaft auffrischen. Und das ist uns allen beiden gut und notwendig.

Lerne runzelte die Stirn. Und dann scherzte er:

– Du willst mich um jeden Preis verraten, du kleiner Lümmel?

– Nein. Aber behalten Sie mich da, wenn Sie mir nicht recht weh tun wollen. Und frei herausgesagt, sagte ich in einem recht läppischen Ton, ich werde nur glauben...

– Halt! parierte mein Onkel energisch. Hier gibt es nichts Schlimmes, das man vermuten könnte, absolut nicht!

– Absolut. Sie haben Geheimnisse ... und das ist Ihr Recht. Und wenn ich davon rede, ist es nur, weil es meine Pflicht ist, Ihnen zu versichern, daß ich alle diese Geheimnisse respektieren werde.

– Es ist nur eins! Ein einziges Geheimnis! Und sein Zweck ist ein edler und heilsamer! skandierte mein Onkel mit wachsender Lebhaftigkeit. Ein einziges, du hörst es! Das unserer Arbeit: die ein Heil bringt, Ruhm dazu und Geld!... Aber um all dies und um uns muß noch Schweigen sein ... Geheimnisse? Alle Welt weiß, daß wir hier sind! Daß wir arbeiten! Die Zeitungen haben's geschrieben! Das sind doch keine Geheimnisse!...

– Beruhigen Sie sich doch, Onkel, und regeln Sie lieber mein Benehmen Ihnen gegenüber. Verlassen Sie sich auf meine Diskretion ...

Und Lerne setzte sein Räsonieren fort.

– Nun ja! sagte er und hob die Stirn auf. Das gehört sich wohl so. Ein Onkel wie ich bin und stets zu dir gewesen bin, darf dich nicht von sich weisen. Das hieße alles Vergangene leugnen. Bleib also, aber unter folgenden Bedingungen:

«Wir stellen hier Forschungen an, die ihrem Abschluß nahe sind. Sobald unsere Entdeckung eine vollkommene ist, wird die Öffentlichkeit mit einem Schlage davon erfahren. Bis dahin will ich nicht, daß sie über halbgewisse Versuche informiert werde, deren Enthüllung uns auf unserm Wege nur Konkurrenten anrichten könnte, die uns vielleicht überlegen sein möchten. Ich zweifle durchaus nicht an deiner Diskretion, aber ich möchte sie doch lieber nicht auf die Probe stellen, und ich ersuche dich in deinem eigenen Interesse, so lange nichts von allem etwa erschleichen zu wollen, solange es dir verhehlt wird.

In deinem eigenen Interesse, hab ich gesagt. Nicht nur, weil es leichter fällt, nicht zu stöbern als zu schweigen, sondern auch aus Gründen wie diesen:

Unsere Sache ist im Grunde eine Sache des Geschäfts. Ein gediegener Kaufmann wird mir sehr zum Vorteil sein. Wir werden reich werden, mein Neffchen, milliardenreich. Aber du mußt mich in Frieden an deinem Glück schmieden lassen, mußt dich von heut an als ein Mann von Takt erweisen, der meine Befehle streng respektiert, wenn ich dich als Associé wünsche.

Und überdem bin ich nicht der einzige bei diesem Unternehmen. Es könnte sein und es war dem so, daß du etwaige Handlungen, die der Regel, die ich dir auferlege, zuwider wären ... bereuen müßtest ... grausam bereuen müßtest ... viel grausamer noch, als du dir je denken magst.

Übe dich denn in der Indifferenz, mein bester Neffe. Sieh nichts, sei blind, hör nichts, sei taub, begreife nichts, sei stumpf und wie tot, auf daß du steinreich wirst... und auf daß du ... nicht um dein junges ... blühendes ... Leben ... kommst.

Denn oh! Denn oh! Die Indifferenz ist keine allzu leichte Tugend ... übrigens ... hier auf Fonval! Hier draußen sind just seit dieser Nacht Dinge, die nicht draußen sein sollten und die nur aus Versehen draußen sind...«

Bei diesen Worten fuhr jähe Wut aus Lerne heraus, und er ballte die Fäuste ins Leere und brummte ...

– Wilhelm! Blödsinniger Tölpel, du!

Nun war ich sicher, daß ansehnliche Geheimnisse hier umliefen und mir, sowie ich sie einmal gestellt hätte, manche niedliche Überraschung ablassen müßten. Von den Versprechungen des Doktors und von seinen Drohungen hielt ich nicht einen Hauch, und seine Reden hatten mich weder so sehr bekehren noch so sehr einschüchtern können, als mich mein lieber Onkel mit ihnen zum Gehorsam haben wollte.

Ich tat sehr kalt:

»Und ... das ist alles, was Sie von mir verlangen?«

»Nein. Nur ist dieses folgende ... Verbot anderer Art, mein Nicolas. Jetzt sofort – im Schloß – will ich dich wem vorstellen. Es ist wer, den ich hier aufgenommen habe ... ein junges Mädchen ...«

Ich tat eine Bewegung höchster Überraschung, und Lerne erriet, wessen ich ihn beschuldigen mochte.

–Nein, nein, nein, nein, so rief er, dies Kind ist meine Freundin und sonst nichts weiter! Aber gleichwohl ist mir diese Freundschaft ein Teures, und es würde mir großen Schmerz bereiten, sie durch ein Gefühl, das ich nicht mehr einflößen kann, herabgemindert zu wissen. Kurz, Nicolas, sagte er sehr rasch und nicht ohne Scham, – ich verlange von dir den Eid, meinem Schützling nicht den Hof zu machen.

Ich war von einem solchen entwürdigenden Ansinnen und mehr noch von einem solchen Mangel an Delikatesse auf das peinlichste berührt. Aber ich dachte, es gibt keine Eifersucht ohne Liebe so wie ohne Feuer keinen Rauch ...

– Für wen halten Sie mich, Onkel? Genügt es nicht, daß ich Ihr Gast...

– Sehr gut. Ich erkenne meine Physiologie wieder und die Art und Weise, nach ihr zu tun. Ich kann also auf dich rechnen?... Du schwörst es?... Gut.

Was sie betrifft, fügte er mit einem erfahrenen Lächeln bei, bin ich im Augenblick beruhigt. Sie hat es letzthin gesehen, wie ich mit Galanen verfahre ... Und ich möchte dir nicht raten, es in diesem Sinne zu versuchen ...

Lerne hatte sich erhoben und sah mich, die Hände in den Taschen, die Pfeife zwischen den Zähnen, scharf, spöttisch und herausfordernd an. – Dieser Meister-Physiologe flößte mir einen unbezähmbaren Widerwillen ein.

Dann gingen wir weiter durch den Park.

– Übrigens, sprichst du Deutsch? sprach der Professor.

– Nein, Onkel. Ich versteh nur Französisch und Spanisch.

– Auch nicht einmal Englisch? Mager, mager für einen zukünftigen Kaufmannskönig! Man hat dich nichts Großes gelehrt.

(Anderes, Onkelchen, anderes! Ich hab angefangen, die Augen groß aufzutun, die ihr mir zu schließen befohlen habt, und ich sah schon, daß dieser euer Verweis, eure satte Physiognomik sich falsch erwies ...)

Wir kamen die Felswand lang ans äußerste Parkende; das Schloß reckte seine zwei Seitenflügel und ragte verfallen aus allem Dickicht.

In diesem Augenblick fiel mir das Sonderbare an einer Taube auf: wie sie Kreise beschrieb, mit immer schnellerem Flügelschlag, hochan, in immer enger werdenden Ringen, und von dem schwindeligen Flug dann steil abstürzte.

– Sieh dir doch dieses Beet Rosen an. So was von Dornen. Sie sind ohne alle Kultur wieder das geworden, was sie einst waren: wilde, gelbe...

– Sieh doch die Taube! Wie sonderbar! bemerkte ich.

– Nein, sieh doch die Blumen! beharrte Lerne.

– Als ob sie angeschossen wäre ... Wie's auf der Jagd zuweilen ist. Sie steigt, steigt, steigt und stirbt in der höchsten Höhe...

– Wenn du nicht auf deine Füße siehst, stolperst du in den Dornen. Herrgott! Mein Freundchen – so paß doch auf!

Die Warnung, so eilig, brummig und drohend, war ganz und gar nicht am Platz. Höchst überflüssig.

Aber der Vogel da droben, der hatte das höchste Ende seiner Spirale erreicht – da! – und fiel nun purzelnd und überschlug sich viele Male. Schlug auf den Felsen nicht weit von uns auf und sank leblos ins Dickicht...

Warum war denn der Professor jählings so unruhig geworden? Und was bewog ihn zu solchem Geschwindschritt? Ich fragte mich's noch – da fiel ihm seine ansehnliche Pfeife aus dem Mund. Eilends hob ich sie auf und konnte nicht anders und stieß einen Laut höchster Überraschung aus: Er hatte das Mundstück glatt und wild abgebissen.

Unter einem deutschen Wort, zweifellos einem Gewohnheitsfluch ...

Da stürzte uns ein dickes Frauenzimmer mit fliegender blauer Schürze in die Quere.

Man sah es: Solche Leibesübung war dem Geschöpf sehr exzeptionell und konträr. Es schüttelte sie gefährlich, und mit Armen und Händen hielt sie an sich und preßte und schützte solcherweise irgendzwei ihr teure, widerspenstige und enorme Massen. Als sie uns sah, hielt sie – was unmöglich schien – mit einem Ruck an. Dann wollte sie sich anscheinend rückwärts empfehlen, setzte aber trotzdem ihren Weg fort, eine Armesündermiene auf, wie ein Schulmädchen, das sich was hat zu schulden kommen lassen. – Sie ahnte ihr Los.

Lerne fuhr sie an:

– Barbara! Was machen Sie da? Haben Sie vergessen ... ich habe Ihnen doch strengstens verboten, sich außerhalb der Weide je mit einem Auge blicken zu lassen! O Sie – Sie jag ich doch noch zum Teufel, aber nicht, ohne daß Sie erst Ihre Tracht abbekommen hätten, Sie – Sie wissen schon!

Das dicke Weib war in unendlicher Furcht. Nun wollte sie fein tun, machte einen Mund, als ob sie Eier legen wollte, und entschuldigte sich: Von der Küche aus, da hätte sie die Taube fallen sehen und sich alsogleich gedacht, daß das einen Zuwachs zum Menü gäbe. »Man aß die ewig gleichen Schüsseln ...«

– ... Ja, und dann, sagte sie stupide, und dann glaubte ich nicht, daß Sie im Garten wären, ich meinte, Sie wären im Lab...

Eine brutale Ohrfeige hielt sie auf der ersten Silbe schon an – des Wortes »Labyrinth«, wie ich folgerte.

– Aber – Onkel! rief ich mit Entrüstung.

– Und nun scher dich und räum dich fort! Das einfachste von der Welt... ja?

Das geängstete Wesen weinte nicht. Sie bekam den Schlucken, so sehr staute sie alles Schluchzen zurück. Und ganz weiß war sie, und nur auf der einen Backe brannte rot das Mal von Lernes Knochenhand.

– Hol das Gepäck von diesem Herrn aus der Remise, und bring es auf das Löwenzimmer!

(Dieses lag im ersten Stock im westlichen Flügel.)

– Aber Onkel, wollen Sie mir nicht mein altes Zimmer anweisen ?

– Was für eins?

– Was für eins? Aber ... das parterre, das gelbe, auf der Ostseite; Sie wissen doch ...

– Nein. Das brauche ich, schnitt er trocken ab. Marsch, Barbara!

Die Köchin machte sich so schnell sie konnte aus dem Staub. Und schleppte und preßte von ihrer vorderen Person zwei Arme voll, während die Kehrseite, allen Veränderlichkeiten des Schicksals ausgesetzt, frei schaukelte und kugelig rollte.

Zur Rechten der Teich. Unbeweglich. Unser schweigsamer Weg glitt über ihn hin wie ein Traum über einen lethargischen Schlaf.

Und von Schritt zu Schritt packte mich größere Verwunderung an.

Dennoch hütete ich mich sehr wohl, allzu überrascht zu scheinen, als ich mit einemmal ein Gebäu aus grauem Stein gewahr ward, das an die Felswand anstieß und ganz geräumig und ganz neu war. Es umfaßte zwei durch einen Hof getrennte Hauptgebäude. Eine hohe Mauer und darin ein augenblicklich geschlossener Torweg erlaubten mir nicht, da hineinzuschauen, aber Glucksen von Federvieh drang heraus, und nun witterte uns ein Hund und schlug an.

Ich riskierte verwegen genug: – Sie lassen mich wohl die Farm da ansehn?

Lerne zuckte mit den Schultern:

– Vielleicht, vielleicht. - Dann rief er gegen das Haus hin:

– Wilhelm! Wilhelm!

Der Deutsche, der mit dem Gesicht wie eine Sonnenuhr, öffnete eine Dachluke, und der Professor fuhr ihn in seiner Muttersprache derart heftig an, daß der Arme am ganzen Leibe zu zittern anfing.

»Donnerwetter!« sagte ich mir. »Das haben wir also dir zu verdanken und deiner Unachtsamkeit, daß es seit dieser Nacht da draußen Dinge gibt, die doch nicht draußen sein sollen – sicher, sicher!«

Nach vollzogener Exekution gingen wir dann längs der Weide hin. Ein schwarzer Stier und vier verschiedenfarbige Kühe waren darauf, und diese Herde gab uns ohne vielen Grund das Geleite. Mein schrecklicher Anverwandter wurde lustig.

– Nicolas. Hier stelle ich dir den Jupiter vor. Hier die weiße Europa. Jo, die Rothaarige. Athor, die Blonde. Und Pasiphae mit dem Kleid von augendienernder Farbe, sei's Milch versetzt mit Tinte, sei's Kohle bemalt mit Kreide, ganz wie du willst, mein lieber Freund.

Diese Zurückrufung sehr lockerer Mythologie machte mich lächeln. Mir war in Wirklichkeit der erste Vorwand der beste, um mich ein wenig aufzuheitern. Es war mir physische Notwendigkeit. Zudem verspürte ich einen solchen Hunger, daß ihn zu stillen für mich bald die einzig interessante Frage blieb. Nur das Schloß zog mich an: ich bin's, wo du essen wirst! So daß es mich beinah davon abgehalten hätte, seine Nachbarin, das Gewächshaus, ein bißchen näher anzusehen. Und das wär bedauerlich gewesen. Man hatte an das ehemalige Blumenhaus zwei Hallen angebaut, die das ursprüngliche Rundgebäude nun ähnlich zwei bauchigen Schiffen flankierten. Mit seinen herabgelassenen Jalousien schien mir der Bau so recht den »Umständen angemessen« zu sein. Ein Palais und eine Gärtnerei zugleich. Es hatte sozusagen ein kleines großartiges Aussehen nach unerwartetsten Dingen.

Das Gewächshaus in solchem Aufputz! ... Ich wär weniger betroffen gewesen, wenn ich etwa in einem Kloster ein Liebeszaubertränklein aufgefunden hätte!

Zur Zeit meiner Tante selig war das Löwenzimmer stets für die Freunde parat gewesen. Es hatte – und hat sie noch – drei Fenster, mit Nischen so tief wie Alkoven. Das eine geht auf das Gewächshaus hinaus und hat einen Balkon. Durchs andere läßt es sich auf den Park hinschauen: Ich sehe erst die Weide und fernerhin den Teich und zwischen diesen beiden Dingen jenes Ding von einem ländlichen Kiosk, der mir dereinst der hundertarmige Riese Briareus war. Durch das dritte, seitliche Fenster endlich blickt sich's bis zum östlichen Flügel des Schlosses und zu dem – geschlossenen – Fenster meines einstigen Zimmers und perspektivisch auf die ganze Fassade des Schlosses, so daß einem hier alle Aussicht nach links benommen ist.

Wie in einem Gasthof bin ich hier. Nichts erinnert an etwas. Alles mit Jouyer-Linnen ausgespannt, das von Wandschweiß marmoriert und in einem Winkel schon völlig herabgerissen ist, und als Muster eingewebt: eine Menge roter Löwen, die jeder eine Kugel mit der Tatze festhalten. Und auch die Bett- und Fenstervorhänge durch all ihre Falten durch von demselbigen Stoff und derselbigen Zeichnung. Und dann sind zwei Gravüren da, die einander Seitenstücke bilden: Die Erziehung Achills und Die Entführung der Deanira Aber die Nässe hat die Gesichter der vier Gestalten wie mit Sommersprossen gefleckt, und die Rücken der Zentauren Chiron und Nessus sind durch die Feuchtigkeit wie die Hinterteile von Apfelschimmeln anzuschauen. Und dann ist noch eine schöne normannische Uhr da, so erfunden und modelliert, daß sie Sinnbild und Maß der Zeit zugleich ist ... Aber alles immer nur hübsch altmodisch ...

Ich übergoß mich mit hartem Wasser und glitt mit einem wahren Hochgenuß in frische Wäsche. – Barbara brachte mir, ohne anzuklopfen, einen Teller Bouillon, antwortete mit keiner Silbe auf all mein Beileid über ihre entzündete Backe und zwängte sich – eine enorme Sylphide – nur mühselig wieder zur Tür hinaus.

Keine Seele im Salon. Wofern nicht Schatten Seelen sind.

Du kleiner Lehnstuhl du, schwarzsamtener, mit deinen zwei gelben Quasten, mißförmig aufgedunsener und eingehockter, du glücklich zusammengerackerter, du, find ich dich so wieder, ohne daß du Frosch – ja, Frosch – auf deinem Froschrücken den Märchenerzählerinschatten meiner Tante trägst? Und muß denn der andere, schmucklosere und nichtsdestoweniger selige Schatten meiner Mutter sich vor mir nicht immer und ewig mit beiden Ellbogen auf deine Lehne stützen?

Alles, alles an seinem alten Platz. Von dem unaussprechlichen weißen Tapetenpapier mit den wülstig geflochtenen Blumengirlanden bis zu den gelben Damastlambrequins mit ihren Fransenschößen hatte sich das Werk des einstigen Herrn auf dieser Burg und Zeitgenossen der Krinoline wunderbar erhalten. Ein Hochmut von Polstern herrschte hier, auf Sofas und auf Kanapees, und war unbesiegbar in allem Fließenden und Schwellenden, Schweifenden und Wogenden der Stühle, Sessel, Lehnen, Sitz- und Liegestätten.

Und all die Wandfüllungen lang lächelte meine ganze erloschene Sippe: die Ahnen in Pastell, die Großväter in Miniaturen, mein Papa als Schüler, daguerreotypiert; und auf dem mit vieler Korb- und Blumen-, Bänder- und Fransenzier hofierten und angeprunkten Kamin waren ein paar Fotografien vor dem Spiegel aufgestellt. Ein Gruppenbild in großem Format erregte meine besondere Aufmerksamkeit. Ich ergriff es, um es näher zu sehen. Mein Onkel war darauf, und um ihn fünf Herren und ein großer Bernhardiner. Auf Fonval aufgenommen. Die Schloßmauer als Hintergrund, ein Alpenrosenstock in einem Kübel als Statisterie. Ein Amateurabzug, ohne Unterschrift. Lerne darauf strahlte von Güte, Kraft und Geist, ganz der Gelehrte, den ich hier wiederzufinden glaubte. Fünf Herren, und drei mir bekannt: die Deutschen, die andern beiden hatte ich noch nie gesehn.

Mittlerweile flog die Tür so heftig auf, daß ich keine Zeit fand, das Gruppenbild auf seinen Platz zurückzustellen. Und Lerne trieb eine junge Dame vor sich her.

– Mein Neffe, Nicolas Vermont – Fräulein Emma Bourdichet.

Fräulein Emma hatte, so war zu vermuten, soeben einen jener derben Verweise abbekommen, wie sie Lerne so sehr freigebig auszuteilen liebte. Ihr Ausdruck – ihre Verwirrung bestätigte es. Sie brachte nicht einmal den Mut zu jenem Allerweltsgesicht auf, das man in Fällen erkünstelter Artigkeit parat hat – ein flüchtiges und ungeschicktes Kopfneigen war alles.

Ich, der ich mich groß verneigt hatte, ich wagte die Augen nicht aufzuheben, aus Furcht, mein Onkel könnte in meiner Seele lesen. Meiner Seele? – Falls man darunter nur das Gewöhnliche, nur die Summe jener Eigenschaften verstehen will, aus denen resultiert, daß der Mensch das einzige etwas höhergeartete Tier sei, so brauche ich, denke ich, meine Seele in dieser Sache gar nicht erst bloßzustellen. So ist es besser so ...

O ich weiß gar wohl: wenn alle und jede und selbst die reinste Liebe im Grunde nichts anderes ist als bestialische Brunst des Geschlechts, so veredeln doch Verehrung und Freundschaft zuweilen den ganzen Menschen.

Ach! Meine Leidenschaft für Emma blieb immer uranfänglich. Wenn ein Fragonard unsere erste Begegnung festhalten und unsere Liebe in der Manier des achtzehnten Jahrhunderts malen wollte, dann würde ich ihm raten, erst die Studie eines kleinen Eros mit hohen Ziegenbockbeinen anzufertigen, einen faunischen Kupido ohne Lächeln und ohne Flügel; mit hölzernen Pfeilen in einem Köcher aus Borke und mit blutigen Pfeilen, und das alles könnte ohne jeden Nachteil sodann Pan genannt werden. Das heißt universelle Liebe, fruchtbare Lust, die nicht anders kann, arglistiges, zu Geburten und zu Vaterschaften anstifterisches Laster, das ist der sensuale Herr des Lebens, der nur und ewig auf Nester und Herde, auf Streulager und auf Bettstellen aus ist und der Fräulein Bourdichet und mich wie stets aufgelegte Kaninchen aufeinander losließ.

Gibt's verschiedene Grade Weiblichkeit? Dann sah ich nie ein Weib, das mehr und soviel Weib als Emma war. Ich möchte sie noch nicht beschreiben, noch war sie mir nicht Objekt, nur Zustand. Schön? Über allen Zweifel. Begehrenswert? Fast eher noch als auf den ersten Blick.

Gleichwohl erinnere ich mich ihres feuerfarbenen Haars, von einem verfinsterten, vielleicht kühnlich und künstlich verfärbten Rot. Und das Bild ihres Leibes verschlingt meine todsüchtige Gier. Da ist etwas zu so seltener Vollkommenheit aufgeblüht und ausgerundet, da sind just jene Umrisse und Linien so verführerisch, von denen die weise und um alle Wahl bekümmerte Natur zum Schaden aller platten Weiber ewig in den Hirnen der Männer sagt und singt ... o und alle Kleider meiner Emma können jenes strahlend Rundliche nicht auslöschen, und sie tun so gewissenhaft und als wüßten sie um das Verdienst, etwas von jenem Wunder durchscheinen zu lassen: daß gewisse Schönheiten zwiefach vorhanden sind ... so wie die Bildhauer und Malersleute heiß bestrebt sind, manches gerade allen Hüllen zum Trotz zu enthüllen.

Das Schönste, Schönste, Schönste an diesem anbetungswürdigen Geschöpf ...

Mein Blut stieß wild gegen meine Schädelwand ... und jäh ergriff mich tollste Eifersucht. Nur für den einen Fall hätt ich auf das junge Weib verzichtet, nur für den einen Fall, daß sie nie mehr ein anderer auch nur mit den Augen anrühren sollte. Und hatte mir Lerne erst mißfallen, jetzt war er mir scheußlich. Von Stund an? Von Stund an würde ich bleiben – um jeden Preis, um alle Welt.

Zu reden galt's. Der Anstoß war so jählings und umwerfend gewesen, und ich wollte von allem, das mich im Tiefsten aufgebracht hatte, so wenig und gar nichts verraten, daß ich vor Desperatheit stammelte:

– Sehen Sie nur, Onkel, ich war eben dabei, mir diese Fotografie anzusehen.

– Ah ja! Ich und meine Gehilfen: Wilhelm, Karl, Johann. Und das hier ist der Herr Mac-Bell, mein Schüler. Er ist sehr gut getroffen ... was sagst du, Emma? Er hielt ihr das Bild unter die Nase, daß sie den nach Amerikanerart ganz glattrasierten, magern, kleinen und jungen Herrn in distinguierter Haltung sähe, wie er sich auf den Bernhardiner stützte.

– Ein schmucker und ein geistreicher Kerl, was? spöttelte der Professor. Der Ausbund von einem Schotten!

Emma aber verriet sich nicht, so sehr sie erschrocken war. Sie sprach nur deutlich und umständlich dies aus:

– Seine Nelly war sehr amüsant mit ihren gescheiten Kunststücken...

– Und Mac-Bell? stichelte mein Onkel. War der etwa nicht amüsant?

Als ein Symptom von nahen Tränen zuckte es ihr ums Kinn. Sie murmelte:

– Unglücklicher Mac-Bell!

– Ja, sagte Lerne zu mir, wie er mein verdutztes Gesicht sah, Herr Doniphan Mac-Beil mußte seine Stelle hier infolge von bedauerlichen Verwicklungen aufgeben. Möge dir das Schicksal derartige Katzenjämmerlichkeiten ersparen, Nicolas!

– Und der andere? sagte ich, nur um das Gespräch auf was anderes zu bringen. Der andere, der Herr da mit dem Schnauzbart und dem braunen Backenbart, wer ist denn das?

– Der ist gleichfalls fort.

– Herr Doktor Klotz, sagte Emma und war ein wenig ausgesöhnt und hatte ihre Ruhe wiedergefunden. Otto Klotz; oh! Er, der...

Lernes Augen wurden schrecklich, und ein Blick aus ihnen machte das Mädchen verstummen. Ich vermag nicht zu sagen, welche Art der Züchtigung der Blick androhte, aber etwas wie Krampf streckte den armen jungen Weibleib.

Da zwängte sich die eine opulente Hälfte der Barbara herein und tat so, als ob angerichtet sei.

Sie hatte nur drei Kuverts im Speisesaal aufgelegt. Die Deutschen sollten demnach in ihrem grauen Gebäu bleiben.

Das Frühstück fiel grämlich aus. Fräulein Bourdichet wagte keine Silbe mehr, aß nichts, und demgemäß konnte ich nichts weiter aus ihr herauslesen ... der Sehreck egalisiert uns Wesen eben alle.

Übrigens quälte mich der Schlaf. Nach dem Dessert bat ich um die Erlaubnis, mich schlafen legen zu dürfen, und bat, man möge mich vor dem nächsten Morgen nicht wecken.

Auf meinem Zimmer angelangt, begann ich sofort mit Auskleiden. Ich muß sagen, ich war kreuzlahm von aller Reise, aller Nacht und all dem heutigen Vormittag. Zu viel der Rätsel auf einmal. Wie in einem Rausch war mir, und Nebel, verschwommen von überallher Sphinxgesichter.

Meine Hosenträger sollten aufgehen ... Sie gingen nicht auf. Draußen ging Lerne, von seinen drei Gehilfen begleitet, auf das graue Gebäude hin.

Sie wollen dort drinnen arbeiten, sagte ich mir, unzweifelhaft dort drinnen arbeiten ... Niemand beaufsichtigt mich; man hat keine Zeit gehabt, Vorsichtsmaßregeln zu treffen; der Onkel ist überzeugt davon, daß ich schlafe ... Nicolas – jetzt – jetzt oder nie! ... Was zuerst? Emma? Oder das Geheimnis? ... Hm, die Kleine ist hübsch verstört heut ... Was das Geheimnis angeht ...

Ich zog die Jacke wieder an und wanderte mechanisch von Fenster zu Fenster.

Da ... durchs Ziergitter des Balkons ... stand das Gewächshaus mit seinen geheimnisvollen neuen Anbauten. Versperrt, untersagt, verlockend ...

Hinaus – verstohlen – auf unhörbaren Sohlen.

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