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Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
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Der Hexenkünstler kratzt endgültig ab

Da war ich nun in der Wohnung in der Avenue Victor Hugo, in dem Heim, das ich für Emma gemietet hatte. Ich nur mit meinen seltsamen Erinnerungen bin hier ... Sie wollte ja ihre berauschende Schönheit lieber jenem Herrn Alcide darbringen ... Reden wir nicht mehr davon.

Februaranfang ist's. Das Feuer schnalzt hinter mir. Seit meiner Wiederankunft in Paris bin ich müßig und lese nichts ... schreib nur an jedem Abend und jedem Morgen auf diesem runden Tisch hier die Erzählung meiner sonderbaren Abenteuer ...

Bin ich am Schluß?

Das Automobil Klotz ist da. Ist drunten. In der Remise in einer Abteilung, die ich eigens dafür habe bauen lassen. Der Mechaniker hat trotz meines Befehls Öl eingefüllt, und mein neuer Chauffeur hatte unsägliche Mühe, den Wagen bis hieher zu schaffen. Es war uns unmöglich, den Hahn aufzubringen, um das Reservoir auslaufen zu lassen. Dann fing der Wagen an, seine Nachfolgerin, eine Zwanzigpferdige – allerletztes Modell –, zu demolieren ... Was soll ich mit diesem verfluchten Klotz anfangen? Ihn verkaufen? Andere Menschen solcher Bosheit aussetzen? – Ein Verbrechen wär's. Ihn zerstören? Den Professor in seiner letzten Transformation endigen? – Das wär Mord. So hab ich ihn denn eingeschlossen. Das Abteil hat hohe Eichenwände, die schwere Tür ist unter Schloß und Riegel.

Aber das Neue Tier schrie und sang jede Nacht, drohend und schmerzlich, und die Nachbarschaft beklagte sich. Da ließ ich, in meinem Beisein, die fatale Hupe abmontieren. Wir schraubten unter unendlicher Mühe die Schrauben ab und bemerkten, wie die Windungen sozusagen mit dem Wagen verwachsen waren. Wir mußten sie herausreißen, und dazu erschauerte die Maschine am ganzen Leib. Etwas wie eine gelbe Flüssigkeit, die nach Benzin roch, sickerte aus der Wunde und tröpfelte aus dem amputierten Stück. Ich sah: das Metall war durch das Leben, das sich seiner bemächtigt hatte, zu etwas wie einem Organ geworden. Daher meine vergeblichen Versuche, eine neue Felge anzubringen ... denn eine solche Operation gehörte von nun an in das Gebiet der Okulierkunst und war eine genauso verwünschte Sache als die Verpflanzung eines Holzreises auf eine Menschenhand.

Trotzdem ich ihm aber nun die Stimme genommen hatte, schwieg der Kerl nicht. Und war noch eine Woche hin der Ruhestörer, indem er sich immer mit aller Wucht gegen die Tür warf. Auf einmal still. Seit einem Monat ungefähr. Ich denke, daß entweder das Benzin oder das Ölreservoir leer geworden ist. Louis aber trug ich strengstens auf, sich gar nicht um die Sachen zu kümmern und den Stall des wilden Tieres nicht zu betreten.

Wir haben Ruh jetzt. Aber Klotz ist immer noch da........ ......................................................... .........................................................

Louis dämmte die philosophischen Betrachtungen, die soeben meiner Feder entfliehen wollten. Louis kam hereingestürzt und sagte mir mit entsetztem Blick:

– Gnädiger Herr! Gnädiger Herr! Der gnädige Herr möchten den Achtzigpferdigen sehen kommen!...

Ich fragte nicht lang und folgte ihm schnell.

Wie wir die Treppe hinuntergehen, gesteht er mir, er hätte sich erlaubt, die Remise zu öffnen, weil es seit einiger Zeit schon da ziemlich übel herausrieche. Und wirklich war schon die Luft im Hof erbrechenerregend. Louis rief hochtragisch aus:

– Nun sage der gnädige Herr selber, was für ein schreckliches Parfüm das ist! – Und führte mich in den Verschlag.

Der Wagen sah aus – rein nicht wiederzuerkennen.

Eingesunken. In sich zusammengesunken. Mit ganz verbogenen Rädern. Als ob er aus Wachs modelliert gewesen wäre, und das Wachs war halb geschmolzen. So sah's aus ... Das Steuer war, als ob's aus Kautschuk wäre. Die Lampen sahen müde und mit so gebrochenem Blick wie Tote. Ich sah verdächtige Flecke, wie Geschwüre, als ob das Aluminium angefressen, das Eisen von innen heraus fortgebeizt worden wäre. Die porös gewordenen Stahlteile schwärten, das Kupfer war wie schwammig. Kurz – ein rotgelber und ein grünlicher Aussatz allenthalben, aber nicht Rost und nicht Grünspan. Auf dem Boden faulte Dünger in einer sirupähnlichen scheußlichen goldkäferfarbenen irisierenden Pfütze. Seltsame chemische Vorgänge machten, daß dieses metallische faulende Fleisch von Zeit zu Zeit etwas wie Blasen warf – und im Innern des Mechanismus entstanden fortwährend Blähungen. Plötzlich senkte sich etwas und fiel ein – so klatschend wie Kuhmist – und wurde ein namenloser Brei ... und stank so sehr auf, daß es mich zurückwarf. Ich vermeinte im Zurückweichen leibhaftige Würmer an der Arbeit zu sehen ...

– Eine nette Ware! erklärte der Mechaniker.

Ich versuchte ihn glauben zu machen, daß durch Erschütterung zuweilen Metall sich auflöst und dann solche molekulare Modifikationen entstehen. Er schien meinen Behauptungen mit ziemlichem Zweifel zu begegnen, und ich, der ich die schier unglaubliche Wahrheit wußte, ich war gezwungen, sie für mich noch einmal durchzukauen – so oder ähnlich wie man eine Summe zum zweiten oder drittenmal addiert ...

Klotz ist tot. Das Automobil ist tot. Der Erfinder starb durch seine eigene Erfindung. An der schönen Theorie, daß ein Mechanismus zu beseelen sei und durch weise Auswechslung unsterblich und unendlich würde. Das Leben verleihen, heißt den Tod schenken. Ohne Tod ist kein Leben ...

Und das wurde ich noch gewahr: Das unheimliche Wesen war nicht durch Mangel an Benzin, durch Verblutung oder Austrocknung gestorben. Nein: denn die Reservoire standen noch halb voll. Die Seele war's, die den Leib gemordet hatte, jene verderbliche menschliche Seele hatte so schnell den viel gesünderen Leib abgenutzt und verbraucht ...

Ich hab angeordnet, daß man den Pack Schmutz und Fäulnis sogleich fortschafft. Der Kanal, die Kloake soll Klotzens Grab sein. Er ist tot! Tot ist er! Ich bin befreit! Er ist unbarmherzig tot ... kurz, er ist tot. Sein Gesicht ist bei den Abgeschiedenen – er soll mir nie wieder schaden können!

Hahaha – hihi! Mein alter Otto ... mobil! Tot! Das – Stinkvieh!

Ich soll, darf wieder glücklich werden. Noch bin ich's nicht. – Oh! Nicht wegen Emma! Mjah – das alberne Frauenzimmer hat »mich weh« getan. Aber das wird vergehn. Ein Kummer, der sich trösten läßt, der ist schon getröstet. – Mein Unglück kommt aus der Erinnerung. Was ich sah und litt, das plagt mich immer noch: der Narr, Nelly, die Operation, der Minotaurus, Ich-Jupiter und all die andern Greuel! ... Ich hab Angst vor Augen, die mich fixieren, ich senk den Blick vor jedem Schlüsselloch ... Daher kommt mein Leid. Und dann seh ich ein Grausiges voraus ...

Wenn das alles nicht zu Ende war? Wenn Klotzens Tod nicht der Schluß meiner Erzählung wär? Wenn ... wenn...

Er selber ist mir schnuppe. Er existiert nicht mehr. Und wollte er mich je in der Maske Lernes oder aus einem Automobil hervor necken, wüßt ich: Es ist ein Traum oder eine Halluzination meiner geschwächten Augen. Er ist tot! Um ihn kümmere ich mich nicht im geringsten mehr, hab ich gesagt.

Aber die drei Gehilfen beunruhigen mich. Wo sind sie? Was treiben sie? Das ist die Frage. Sie haben das Rezept der Operation, sie können's ausbeuten ... Klotz-Lerne hatte trotz seiner Niederlage mehrere Menschen angetroffen, die seine teuflische Operation aushalten und die Seele eines andern dafür eintauschen wollten. Die drei Deutschen vermehren jeden Tag die Menge jener Elenden, die nach Geld, Jugend oder Gesundheit lüstern sind. Die Welt weiß nichts davon: doch gehen Männer und Frauen um, die nicht sie selber sind ...

Ich trau dem Schein nicht mehr ... Die Gesichter sind mir, als ob's nur Masken wären. Vielleicht hätt ich das auch schon früher gewahr werden können. Aber es gibt Menschen, deren Züge eine Seele reflektieren, die ihrer eigenen entgegen ist. Andere, tugendhafte und reine, verraten heimliche Laster und Leidenschaften. Haben sie heute ihre Seele von gestern?

Manchmal, wenn ich mich mit einem Menschen unterhalte, ist ein fremdes Licht in seinen Augen, hat er einen Gedanken, der nicht er selber ist. Er wird widerrufen, sowie er's ausgesprochen hat, und er wird zuallererst darüber erstaunt sein, daß er so etwas denken konnte.

Ich kenne Leute, die ihre Meinung von heut auf morgen wechseln. Das ist unlogisch.

Oft bemächtigt sich etwas meiner, treibt mich etwas brutal gegen mich selber an, regt mir die Sinne und die Kräfte auf, daß ich Sträfliches tu oder Bedauerliches rede – das sind die Momente der Ohrfeigen und der Lieblingsflüche.

Ich weiß, ich weiß: So ergeht's jedem von jeher, so Unbegreifliches fällt einen immer wieder an. Aber die Ursache ist mir dunkel und unerfindlich geworden. Man nennt's Aufregung, Wut, Unbesonnenheit, so wie man Lebensart oder Wohlanständigkeit, Berechnung, Verstellung oder Diplomatie als das Resultat jäher Enthüllungen bezeichnet, wie ich sie oft an meinesgleichen bemerkt, und die, sagt man, nur ein Verstoß gegen jene großen Eigenschaften oder eine Revolte gegen sie seien ...

Die Wissenschaft eines Hexenmeisters wär demnach nichts als eine Aufhetzung?

Es ist klar, mein geistiger Zustand will, daß man ihn pflege. Er ist leidend von Fonval her. Seit ich wieder in Paris bin, weiß ich, es ist nötig, die Erinnerung an Fonval auszulöschen ... Und deshalb zeichne ich all die Begebnisse auf. Nicht – um Gottes willen! – nicht aus Ehrgeiz, ein Buch zu schreiben, sondern in der Hoffnung: daß sie, je mehr sie auf dem Papier ständen, desto mehr aus meinem Gedächtnis ausgetilgt seien.

Noch gelang mir's nicht. Ich bin noch weit davon. Im Gegenteil, ich erlebte das alles nur noch intensiver, indem ich's schrieb. Und oft bin ich wie verhext und schreibe ein Wort oder einen Satz ganz gegen meine Intention hin.

Ich hab den Zweck verfehlt. Ich muß den Alp anders vergessen, bis auf die kleinsten Kleinigkeiten ... unterdrücken ... Es könnten in der Umgebung von Fonval allzu intelligente Tiere geboren werden. Ich muß Jo, Europa und Athor zurückkaufen und sie schlachten lassen. Fonval und alle Möbel verkaufen. Leben! Leben durch mich selber! Ob's lächerlich oder dumm scheint, ob's noch so extravagant aussieht, was verschlägt das? Aber ich will aus mir, aus mir und nur aus mir und, großer Gott im Himmel!, frei von allen Erinnerungen leben!

Diese Greuel sollen – ich schwör's! – zum letztenmal durch mein Gehirn spuken. Ich schrieb sie nur, um sie feierlich zu Zeugen aufzurufen.

Und du, verräterisches Manuskript – da du immer gegen mich aufstehen würdest, wenn ich einst behaupten wollte: dies alles ist nie gewesen – deshalb ins Feuer mit dir! Doktor Lerne: ins Feuer! ins Feuer! ins Feuer!

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