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Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
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Wirkung in der Ferne

Als schwarzer Stier hatte ich mir geschworen, sobald mir meine ursprüngliche Gestalt zurückgegeben würde, mit oder ohne Emma zu fliehen. Nun war der Herbst schon im Verscheiden, und ich war immer noch auf Fonval.

Ich erfuhr jetzt hier eine andere Behandlung.

Ich konnte von nun an über meine Zeit verfügen, wie mir beliebte. Der erste Gebrauch, den ich von meiner Freiheit machte, war, nach dem Beinhaus in jener Waldlichtung zu gehen und dort jede Spur von meinem einstigen Besuch zu verwischen. Ein gütiger Gott hatte es gewollt, daß während meines Tierdaseins auf der Weide keiner hieher gekommen war, keiner der Gehilfen meine Grabschändung bemerkt hatte. Entweder hatte man jetzt einen neuen Friedhof, oder mein Onkel vivisezierte keine niedern Tiere mehr, oder die Experimente in anima vili waren überhaupt aufgegeben worden.

(In Parenthese: ich konstatierte an jenem Tag etwas, was mir sehr das Herz erleichterte. Ich hatte gefürchtet, daß die Seele des unglücklichen Dr. Klotz wohl gleichfalls in irgendeinem Tier eingesperrt sei. Aber seine Hülle – denkt an jenes Baudelairesche Gedicht – widerlegte es. Das Gehirn des Toten, es war da und wies jetzt noch zahlreiche und tiefe Windungen auf. Der Zahl und der Tiefe der Windungen nach war's ein Menschengehirn, und so deutete das alles – Dank dem Himmel! – nur auf einen gemeinen einfachen Mord ....)

Ich sagte schon, daß ich jetzt über meine Zeit nach Belieben verfügen konnte.

Und ein liebevoller und reumütiger Lerne hatte während meiner Krankenzeit an meinem Kopfkissen gestanden. – Oh! Nicht der Lerne von einst, der lustige Kumpan meiner Tante Lidivina! Aber auch nicht mehr jener grausame, mörderische Wirt, vor dem einem der Atem stockte.

Als er mich wieder auf den Beinen sah, ließ er Emma kommen und sagte ihr in meiner Gegenwart, daß ich von einem Anfall von Schwachsinnigkeit geheilt sei und sie mich nun geradezu anbeten müßte:

– Was mich angeht, fuhr er fort zu sprechen, so verzichte ich auf Turnübungen, die zu meinem Alter nicht mehr recht passen. Emma, du hast das Zimmer neben dem meinigen nun für dich allein, das, in dem du all deinen Putz aufbewahrst. Ich bitt euch beide nur dies: verlaßt mich nicht. So jähes gänzliches Verlassensein würde den Kummer nur vermehren, den ihr leicht begreifen könnt, und der aber bald vergehen wird, der Kummer: denn meine Arbeit wird bald recht behalten ... Reg dich nicht auf, mein Töchterchen, den größten Nutzen von meiner Erfindung sollst du genießen. In diesem Sinn bleibt alles beim alten. Und Nicolas wird darum nicht weniger mein Teilhaber und in meinem Testament bedacht werden ... darum, daß er mit dir im Bett gelegen hat. – Liebt euch in Frieden!

Und als der Professor so gesprochen hatte, begab er sich wieder zu seinen elektrischen Maschinen.

Emma wunderte sich nicht im geringsten. Sie hatte vertrauensvoll und naiv die Tirade meines Onkels angehört und dabei in die Hände geklatscht. – Ich aber, als erfahrener Komödiant, ich hätte mir sagen sollen, daß er soviel Güte nur vortäuschte, um mich bei sich zu behalten – entweder weil er Enthüllungen von mir befürchtete oder weil er irgendein neues Vorhaben mit mir hatte. Aber durch die beiden Operationen, da hatten wohl mein Gedächtnis und meine Urteilskraft ein wenig gelitten ... »Warum«, sagte ich mir, »warum an diesem Menschen zweifeln, der mich ganz aus freien Stücken aus der übelsten, finstersten Lage befreite? Er harrt auf einem guten Wege aus! Alles ist zum besten.«

So begann ein Leben. Ein freundliches – und ein unmoralisches. Ein Leben voller Liebschaft und Freiheit bei uns – voller Arbeit und scheinbarer Entsagung bei ihm. Und wir waren – hüben wie drüben – diskret. Emma und ich in unsern Ergüssen, mein Onkel in seinem Verzicht.

So arbeitsam und umgänglich der Professor nun war – wer hätte da wohl an seine Blutopfer geglaubt? An die Falle, in die er mich gelockt hatte? An Klotz, den er ermordete? Und an Nelly-Mac-Bell, der nicht abließ, seine schrecklichen Klagen – so wie ich einst – zu den Wolken und Sternen zu senden?

Denn die Hündin war immer noch da! Und ich war sehr bestürzt, daß Lerne eine Rache so lange hindauern ließ, eine Rache, um die ihm doch nicht mehr ernst sein konnte, seit Emma ihm nicht mehr gehörte. . Ich beschloß, meinem Onkel meine Betroffenheit einzugestehen.

– Nicolas, antwortete er mir, du hast den Finger auf meine schlimmste Wunde gelegt. Aber wie das anstellen? ... Um all die Dinge wieder in die richtige Reihe zu bringen, ist es unbedingt nötig, daß der Körper Mac-Beils hieher zurückkommt ... Durch welche List könnte man den Vater bewegen, daß er den Sohn noch einmal herschickt? ... Denk nach. Hilf mir. Ich verspreche dir, sofort zu handeln – sowie einer von uns etwas Gutes ausgeheckt hat.

Diese Antwort nahm mir meine letzte Voreingenommenheit für ihn. Ich fragte mich nicht, warum sich Lerne über Nacht, ganz von heute auf morgen, so gewandelt hatte. Ich meinte nur, Lerne hätte sich etwas wie bekehrt und Buße gelobt. Und die andern Tugenden, die ihm jetzt noch abgingen, die würden zweifelsohne sämtlich wiederkommen, seine ganze Redlichkeit würde neu geboren werden und so evident sein wie seine Wissenschaft, die ihn nie im Stich gelassen ...

Seine Wissenschaft aber war schier unumschränkt. Davon konnte ich mich von Tag zu Tag mehr überzeugen. Wir hatten unsere Spaziergänge von früher wieder aufgenommen, und jedes kleinste Ding auf unsern Promenaden löste bei ihm eine Fülle gelehrten Wissens aus. Ein Blatt von einem Baum brachte die ganze Botanik her. Alle Lehre von den Insekten erscholl beim Anblick einer Assel. Ein Regentropfen – und ein Wolkenbruch chemischer Gelahrtheit ging hernieder. Bis wir so an der Waldgrenze ankamen, hatte ich jedesmal so viel aus Lernes Munde gehört, daß ich sofort meinen Doktor hätte machen können.

Und erst hier, an der Scheide zwischen Wald und Feld, hättet ihr ihn sehen müssen. Beim letzten Baum hielt er an – unerbittlich an –, stellte sich auf einen Grenzstein und hielt eine Dissertation über das Universum – vor der weiten Ebene und dem hohen Himmel. Und seine Schilderungen waren so genial, daß man meinte, die Natur entschleiere und öffne sich bis in das Herz der Erde, bis ans Ende der Welt. Seine Worte machten Hügel bersten, den Erdschoß sich auftun und gebären ... und unsichtbare Planeten erstrahlten dazu. Er wußte um den Dampf der Wolken und verriet den Ursprung des Nordwinds, beschwor prähistorische Landschaften und zauberte das Zukunftsbild der Gegend. Sinn und Gestalt erhielt das ganze unermeßliche Panorama, vom kleinsten Grashalm neben uns bis zum fernsten blauenden Horizont. Mit einem Wort, jedes Ding wurde definiert, enthüllt und kommentiert, und wie er mit ausholenden Bewegungen bald jenen Fluß, bald jenen Kirchturm beschrieb, schien sein Arm der Arm eines Gottes, und auf jeden Wink entzündeten sich da draußen lichte Feuer...

Unser Rückweg nach Fonval war dann meist etwas weniger wissenschaftlich. Da gab sich mein Onkel dann Spekulationen hin, die ihm, wie ich vermute, für meine Intelligenz zu verwickelt und zu hoch waren ... und summte dazu seinen Lieblingsrefrain, den er sicher von seinen deutschen Gehilfen hatte: »Rumfideldum fideldum«.

Und gleich nach unserer Ankunft eilte er jedesmal ins Laboratorium oder ins Treibhaus.

Oft auch fuhren wir per Automobil aus. Dann ritt mein Onkel ein anderes Steckenpferd. Dann reihte er mein Vehikel in die Kategorie der Lebewesen ein, erklärte die Tiere von heute, von gestern und von morgen ... und daß unter den Tieren von morgen gewiß der Automobilwagen seinen Platz einnehmen würde. Und die Weissagung endete immer mit einem Lobgedicht auf meinen Achtzigpferdigen.

Dann wollte er den Wagen steuern lernen. Das war nach einiger Zeit getan. Er steuerte fortan statt meiner, und das war mir recht, da meine Augen in der letzten Zeit, seit den beiden Operationen, nach ein wenig Anstrengung schon immer sehr müde wurden. Auch auf meinem linken Ohr hörte ich nicht mehr so fein als früher. Aber ich wollte Lerne nichts von allem sagen ... ich fürchtete, das würde dann seine Gewissensbisse, die ihn anscheinend quälten, noch um ein paar vermehren.

Es war nach einem dieser sportlichen Ausflüge. Ich säuberte meinen Wagen – ich mußte das immer selber besorgen –, da find ich zwischen der Rücklehne und dem Polstersitz meines Onkels ein kleines Notizbuch. Das ihm wohl aus der Tasche herausgefallen war. Ich steckte es ein, mit der Absicht, es ihm zu übergeben.

Aber da trieb mich die Neugierde an. Ich lief auf mein Zimmer – ohne den Professor vorher getroffen zu haben – und untersuchte den Fund.

Etwas wie ein Tagebuch. Voller Notizen. Und viele flüchtig hingeworfene Zeichnungen. Der Niederschlag eines emsigen Studiums, die Buchführung über Arbeiten im Laboratorium. Die Zeichnungen verstand ich nicht. Und der Text – der bestand aus viel mehr deutschen Worten als aus französischen. Ziemlich schleuderisch.

Ich begriff nichts von allem. Nur eine Eintragung von ganz zuletzt, die schien mir ein weniger chaotisches Stück Literatur zu sein und etwas wie ein Resümee all der voraufgegangenen Seiten. Ein paar französische Vokabeln und der Sinn, den sie ergaben – das erweckte in mir plötzlich wieder den unheilbaren Detektiv und Linguisten. Diese Substantive aber zwischen viel deutschen Ausdrücken lauteten so: 1 Transmission... Gedanke... Elektrizität... Gehirne... galvanische Säulen...

Mit Hilfe eines Wörterbuches, das ich im Zimmer meines Onkels stibitzte, entzifferte ich diese Quasi-Geheimschrift, in der sich zum Glück einige Ausdrücke recht oft wiederholten. Hier ist die Übersetzung. Ich gebe sie mit allen meinen Ungeschicktheiten wieder und mit all der Eile, die mich dabei antrieb, da ich ja das Notizbuch so schnell wie möglich zurückgeben mußte.

Schlussfolgerungen am 30.

Aufgabe: Vertauschung der Persönlichkeiten ohne Vertauschung der Gehirne.

Basis für alle Untersuchungen: frühere Experimente haben bewiesen, daß jeder Körper eine Seele besitzt. Denn Seele und Leben sind untrennbar voneinander, und alle Organismen haben zwischen ihrer Geburt und ihrem Sterben eine mehr oder weniger differenzierte Seele, je nachdem sie selber einen feineren oder primitiveren Organismus haben. So hat vom Menschen bis zu den Polypen und bis zum Moos herab jedes Lebewesen seine eigene Seele. (Schlafen die Pflanzen nicht? Atmen sie nicht? Und verdauen sie nicht? – Warum also sollten sie nicht auch denken können?)

Das beweist also, daß dort, wo kein Hirn ist, eine Seele ist.

Denn, Seele und Hirn sind unabhängig voneinander.

Mithin kann man die Seelen vertauschen, ohne daß man die Gehirne zu vertauschen braucht.

Transmissionsexperimente

Der Gedanke ist die Elektrizität, insofern als unser Gehirn die galvanische Säule ist (oder der Akkumulator – das weiß ich noch nicht genau; – aber das ist gewiß, daß sich die Transmissionen des geistigen Fluidums analog der Transmission des elektrischen Fluidums vollzieht). Experiment Nr. 4 beweist, daß sich der Gedanke mit einem Konduktor überträgt.

Experiment Nr. 10, daß er sich auch ohne Konduktoren, auf Ätherwellen übertragen lassen kann.

Die darauffolgenden Experimente indizieren den defekten Punkt, der dieser ist:

Eine Seele, die ich in einen Organismus expediere, ohne daß dieser davon weiß, eine solche Seele komprimiert sozusagen die Seele, die sie in dem Organismus vorfindet – jedoch ohne sie austreiben zu können. Und diese Seele, die ich expedierte – mit der ich in den Organismus wie in Feindesland einfiel und eroberte – die selber hält an ihrem früheren Organismus (an ihrer Heimat, an ihrem Vaterland) mit einer Art unerklärlichem geistigen Stiel (Wurzel!-Patriotismus? – Heimweh?) fest... so fest, daß bis zum heutigen Tage noch keine völlige endliche Abtrennung möglich war.

Stimmen die beiden Wesen aber gewissermaßen überein, mißglückt die reziproke Transmission aus dem gleichen Grund. Der hauptsächliche Teil der beiden Seelen installiert sich wohl im Organismus seines Partners, aber jener verdammte geistige Stiel verhindert die eine wie die andere, ganz und gar aus dem Leibe herauszugehen, von dem sie sich losreißen wollte.

Je simpler der empfängerische Organismus im Vergleich mit dem absenderischen Organismus ist, um so voller dringt dieser mit seiner Seele in jenen – leereren – ein, um so mehr Platz findet dieser in jenem – und um so dünner, schwankender und gebrechlicher wird dann jener Stiel, der noch im absenderischen Geist haftet – aber ist immerhin noch da.

Am 20. verschaffte ich mir geistigen Zutritt in Johann.

Am 22. inkarnierte ich mich in eine Katze.

Am 24. in eine Esche.

Der Zutritt war von Fall zu Fall leichter, die Invasion von Fall zu Fall kompletter, aber jener »Stiel« blieb.

Da dachte ich, daß das Experiment an einer Leiche gelingen müßte, weil da doch kein Fluidum ist, das meinem Eindringen von vornherein wehrt. Aber ich habe nicht bedacht, daß Seele und Tod unvereinbar miteinander sind und daß das Leben unzertrennlich dazu gehört. Das war nichts. Das war abscheulich.

Theoretisch ... was brauchte man, damit jener Stiel fortfiele? Einen empfängerischen Organismus, der gar keine Seele hätte (damit man die seinige ganz da einlogieren könnte) und der doch nicht tot wäre; anders ausgedrückt: »einen belebten Leib, der nie gelebt hat«. Das ist das Unmögliche.

Praktisch also müssen wir das Fortfallen des Stiels erreichen mit Hilfe von absenderischen Organismen, von denen ich keine Ahnung habe...

Nicht daß die Experimente dieser Periode kuriose Resultate ergeben hätten ... wir haben folgendes konstatiert:

1. Das menschliche Gehirn enthält sich in einer Pflanze fast total.

2. Von Mensch zu Mensch - bei gegenseitigem Einverständnis – gelingt der Austausch der Persönlichkeit sehr vollständig, abgesehen von jenem Stiel, jener wechselseitigen Verwurzelung, daß die Seelen wie eine Art Schwestern, daß die Geister ähnlich wie siamesische Zwillinge werden...

3. Von Mensch zu Mensch – ohne gegenseitiges Einverständnis – ermöglicht die Senkung der empfängerischen Seele (unter der Pression der andern) trotz der Unvollkommenheit des Verfahrens eine partielle und momentane Verkörperung durch das absenderische Individuum. Eine äußerst interessante Verkörperung... wobei ein Teil dessen schon erfüllt, was ich alles erfüllen werde, wenn ich mein Ziel erreiche.

Es scheint mir unerreichbar.

Darauf also gingen die allumfassenden Studien hinaus, die mir mein Onkel so leidenschaftlich verkündigte!

Die Theorie war verblüffend. Und ich hätte verblüfft sein sollen. Hier war eine Neigung zum Spiritualismus, die bei einem Materialisten wie Lerne höchst seltsam sein mußte. Die neue Doktrin präsentierte sich in phantasmagorischem Licht, daß sich viel Augen hinter gelehrten Brillen, blitzenden Kneifern und zwingenden Monokeln hätten groß aufsperren müssen. Aber ich – ich sah nicht sogleich allsoviel dadrin, ich war ein wenig krank zu jener Zeit. Ich sah kaum mehr, als daß ich nur ein deutsch-französisches Mene Mene Tekel Upharsin übersetzt hatte. Ich hielt mich an nicht viel mehr, als daß »ein belebtes Wesen, das nie gelebt hat« nicht existierte, und daß der Professor zweifelte, jemals den »Stiel« fortfallen machen können. Daß es ihm also mißlingen würde ... Bei seinen frühern Großtaten traute ich ihm alle Mirakel zu; und nur eins erstaunte und verblüffte mich: seine Ohnmacht.

Ich ging meinen Onkel suchen – ich wollte ihm sein Notizbuch bringen. Barbara, die ich traf – die Brust auf dem Bauch, den Bauch zwischen den Beinen – die sagte mir, daß Lerne im Park promeniere.

Ich konnte ihn nicht finden. Aber am Teichrand bemerkte ich Karl und Wilhelm, die einer Sache auf dem Wasser zusahen: Ich konnte die beiden Lümmel mit ihren ausgewechselten Gehirnen nicht ausstehen und mied sie, wo ich konnte; aber das Schauspiel, das sie am Ufer festhielt, zog auch mich an ... und ich ging zu ihnen hin.

Das, was sie da ansahen, das sprang und spritzte und sprühte diamantfarben immerzu aus dem Wasser auf – und war ein Karpfen. Das hüpfte, tanzte – rührte die Flossen und schwang sie wie Flügel. Grad als ob der Karpfen versuchte, auf- und davonzufliegen ...

Der Unglückliche! Er bemühte sich wirklich aus Leibeskräften! Das war der Fisch, dem Lerne die Seele einer Amsel eingegeben hatte. Der eingekapselte Vogel wollte mit seinem neuen schuppigen Leib nach alter Stimme des Bluts und seiner Rasse darbend nach Luft und Blau zum Himmel aufschnellen. Zum Schluß, nach einem letzten ganz und gar verzweifelten Sprung fiel er aufs Land heraus – mit klappenden Kiemen. Da hob ihn Wilhelm auf ... und die Gehilfen entfernten sich mit ihrem Fang. Auf dem Weg redeten sie ihn mit allerlei an und amüsierten sich recht wie Lausbuben über ihn. Sie pfiffen, wie eine Amsel pfeift, und dann schlugen sie unter lautem Lachen ein unbändiges Gewieher an – und ohne daß sie's wußten, gelang ihnen das Pferdetrompeten ungleich besser als das Vogelgeflöte ...

Ich blieb sinnend am Teich stehen: an dem flüssigen Gefängnis, darin ein Verhextes nach Aufflug und nach seinem Nestchen geschmachtet hatte ... Diese weite Wasserfläche, die das Tierchen so wild aufgepeitscht hatte, die war wohl noch nicht ganz wieder glatt – da war es schon tot ... Sein Martyrium endete wohl sogleich in einer Bratpfanne ... könnte man doch die Qual der andern Opfer nun auch endigen: der ausgebrochenen Tiere – und des armen Mac-Bell! ... Mac-Bell?... Oh! Mac-Bell! Wie den – wie ihn befreien?...

Eine letzte sanfte Welle – wie ein Schleier – und das Wasser war beruhigt und eingeschlafen. Unermeßlich tief spiegelte sich das Firmament in ihm. Und ganz zutiefst glomm der Abendstern auf, Millionen Meilen weit ... und doch genügte nur ein kleines in deinen Gedanken, und er schwamm auf der Oberfläche ... Und die vielgestaltigen Blätter der Seerose – die einen rund, gekrümmt die andern und wieder andere sichelförmig – waren die Monde in allen Phasen auf diesem Traumgewässer ...

»... Mac-Bell!« dachte ich wieder. »Mac-Bell!« ... Was tun? ... In diesem Augenblicke erklang fernher die Torglocke. – Sollte da zu dieser Stunde noch jemand ...? Ein Besuch ...? Hierher kam doch nie wer!...

Ich ging eilig ums Schloß herum und dachte zum erstenmal daran, was wohl mit Nicolas Vermont geschehen würde, wenn hierher auf Fonval einmal eine gerichtliche Haussuchung käme.

Hinter einer Ecke des Schlosses hervor spähte ich aus.

Lerne stand nah dem Tor und las ein Telegramm, das er soeben bekommen hatte. Ich trat aus meinem Versteck heraus.

– Da, Onkel, sagte ich, da ist ein Notizbuch. Ich denke, es gehört Ihnen ... Sie haben's im Automobil liegen lassen.

Da rauschten Röcke her und ich drehte mich um.

Emma kam auf uns zu. Leuchtend vor Abendsonne, aus der ihr Haar jeden Abend neuen Vorrat zu haben schien. Ein Lied wie eine Rose zwischen den Lippen. Kam. Und ihr schmiegsamer Gang war wie ein Tanz.

Die Glocke hatte auch sie herbeigelockt. Sie fragte, was für ein Telegramm das wäre.

Der Professor antwortete nicht.

– Oh, oh! Was gibt's! sagte sie. Mein Gott, was gibt's denn schon wieder?

– Ist's recht was Schlimmes, Onkel? fragte ich nun.

– Nein, antwortete Lerne. Doniphan ist tot! Das ist alles.

– Der arme Junge! – sagte Emma. Dann, nach einem Schweigen: Aber ist es nicht besser tot sein als wahnsinnig? Das war das beste für ihn ... Du, Nicolas, mach kein solches Gesicht – und komm ... komm!

Und sie nahm mich bei der Hand. Und führte mich aufs Schloß zu. Lerne ging anderswo hin.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen.

– Laß mich! Laß mich! schrie ich plötzlich. Das ist zu schrecklich! Doniphan! ... Der Arme! ... Du weißt nichts, du kannst es nicht verstehn ... Aber so laß mich doch!

Ich war in fürchterlicher Aufregung. Riß mich von Emma los und lief Lerne nach. Sah ihn am Eingang zum Laboratorium stehn, mit Johann sprechen und Johann das Telegramm zeigen. Der Deutsche ging grad ins Haus, als ich beim Professor ankam.

– Onkel - Onkel! ... Sie haben ihm nichts gesagt, nicht wahr? ... Nichts! ... Nichts Johann gesagt? ...

– Doch. Warum?

– Oh! ... Er wird's den andern sagen! Er wird ihnen von Mac-Bells Tod erzählen ... und so wird's Nelly erfahren, Onkel! Sicher, sicher! Sie werden es ihr sagen ... Oh! So begreifen Sie mich doch endlich, Onkel: Die Seele von Doniphan wird erfahren, daß ihre menschliche Hülle nicht mehr ist! ... Und das darf nicht! Das darf nicht! Das darf nicht! ...

Mein Onkel aber sagte mit unerschütterlicher Ruhe:

– Absolut keine Gefahr, Nicolas. Glaub mir.

– Absolut keine Gefahr? Was wissen Sie davon? Diese Deutschen sind Strolche und Blutsauger; sie werden alles erzählen, glauben Sie mir! ... Ich beschwöre Sie, Onkel ... es ist ein Risiko ... die Zeit vergeht... lassen Sie mich hinein, ich bitte Sie! ... Bitte, bitte, gehen Sie da weg ... eine Sekunde ... um des Himmels willen ... Himmelsakrament noch mal!

Ich hatte von meiner Stierzeit profitiert. Ich stieß wie mit Hörnern aus. Mein Onkel saß platt im Gras und schimpfte. Mit einem Ruck war die Tür auf. Der ehrliche Johann, der dahinter Wache gestanden hatte, schlug mit blutender Nase hin. Und ich mitten im Hof! Fest entschlossen, koste es was es wolle, die Hündin an mich zu reißen und sie nie wieder herzugeben.

Die Meute stob auseinander und flüchtete in die Winkel. – Sofort ersah ich Nelly. Man hatte ihr einen eigenen Käfig gegeben. Ihr mächtiger ausgehungerter räudiger elender Leib lag lang hinterm Gitter ausgestreckt.

Ich rief:

– Doniphan!

Sie rührte sich nicht. – Viele Hundeaugen lauerten auf mich her. Einige Köter knurrten.

– Doniphan! ... Nelly! ...

Nichts.

Ich erfuhr die Wahrheit: Hier hatte der Tod gleichfalls eingeerntet ...

Ja. Nelly war kalt und starr. Eine Kette war ihr um den Nacken – man schien sie erdrosselt zu haben. Ich wollte mich vergewissern – da waren Lerne und Johann da.

– Mörder! schrie ich. Ihr habt ihn gemordet!

– Nein! Auf Ehre! Ich schwör's dir! erklärte mein Onkel. Man fand ihn heute morgen so, wie du ihn hier siehst.

– ... Sie meinen also, er hat sich ... er hat sich selber umgebracht? Schrecklich, schrecklich!

– Mag schon sein, sagte Lerne. Aber es gibt noch eine andere, wahrscheinlichere Schlußfolgerung. Ich meine, es war etwas anderes, was ihn mit der Kette erwürgte ... Dieser Leib da war sehr krank. Seit Tagen litt er – da war kein Zweifel mehr – an Tollwut... Ich verberge dir nichts, Nicolas, ich rechtfertige mich ganz und gar, du siehst ...

– Oh! stammelte ich. An der Wut! ...

Lerne folgerte mit größter Ruhe:

– Es ist aber auch möglich, daß wir da etwas nicht wissen. Man fand die Hündin um acht Uhr morgens – und da war sie noch warm. Der Tod war vor einer Stunde eingetreten ... Der Professor zeigte das Telegramm her.

»... und«, sagte er dann, »Mac-Bell ist heute Morgen um sieben Uhr – also genau in demselben Augenblick gestorben.«

– Woran? ... keuchte ich. Woran gestorben?

– Gleichfalls an der Tollwut.

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