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Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
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Jupiter auf der Weide

Die acht Tage, die ich verbunden, zu steter Ruhe angehalten und mit irgendeinem Apothekerzeug ernährt, im Laboratorium lag und genesen sollte, waren Tage schrecklichster Niedergeschlagenheit.

Bei jedem Erwachen meinte ich das Ganze nur geträumt zu haben. Und dann brachten mir empfindliche Schmerzen meine Lage schnell wieder zum Bewußtsein. Es ist bekannt, daß Amputierte an der Wundstelle so leiden, grad als ob ihnen das abgenommene Bein oder der abgesägte Arm weh täte. Wenn man nun bedenkt, daß mir der ganze Leib amputiert war, wird man begreifen, welchen Schmerz ich an allen Gliedern litt, an meinen Händen, an meinen Füßen, an allem, das nicht mehr da war .... Ich fühlte auf das schmerzhafteste all meine Extremitäten, und das so deutlich und unterschiedlich, als ob sie noch alle an mir wären ....

Doch dies Seltsame verringerte sich dann und verging endlich ganz.

Nicht so schnell aber mein Herzeleid. Die, die ihre Mitmenschen einst mit ähnlichen Farcen amüsierten – Homer, Ovid, Apulejus, Perrault – die wußten freilich nicht, was für Tragödien das wurden, wenn sich diese Träume einmal verwirklichten. Welches Drama ist doch der Esel des Lucian! Welches Martyrium war diese Woche der Diät und gefesselten Untätigkeit für mich! Ich war für die Menschheit tot und wartete feig auf die Todesstrafe der Vivisektion oder auf einen raschen Verfall .... vor Ablauf der fünf Jahre, die mir gesetzt waren! ...

Trotz allem Herzweh aber heilte ich. Nachdem mich Lerne für wiederhergestellt (!) befand, wurde ich auf die Weide hinausgetrieben.

Europa, Athor und Jo galoppierten vor mir her. Und ich mag noch so schändlich scheinen, es zwingt mich etwas zu gestehen, daß mir die Damen von ungeahntem Reiz erschienen. Sie umkreisten mich auf das liebenswürdigste, und obgleich ich mich im Zaume halten wollte, war ich aus einem souveränen Instinkt heraus, der zweifellos von meinem verdammten Stiersteiß herrührte, wie vernarrt! Aber dann gaben meine Holden Fersengeld, vielleicht weil sie in ihrer okkulten Sprache nicht die richtige Antwort von mir erhielten, vielleicht auch, daß eine jähe Ahnung sie schreckte.

Tage, Tage, und sie wurden mir immer noch nicht zahm und vertraut. Tage, Tage – und ich verwandte doch jede nur mögliche menschliche Hinterlist! Mit Gewalt erst, mit wütendem Ausschlagen zwang ich mir sie. – Das war wohl ein Grund, hier lange Philosophien anzustellen. Ich würde mit Freuden hier eine Dissertation davon geben. Aber ein solches Kapitel wäre im Fluß meiner Erzählung ein wohl erbaulicher, aber unzeitiger Damm.

Nach jenem ersten Augenblick, da mich die Mißgunst und die Flucht meiner drei gehörnten Damen ärgerte und ich mit einem krankhaften Feuer und einem verhaspelten Ansprang ihre Liebe wollte, begann ich, friedlich das Gras von der Weide zu rupfen.

Hier beginnt eine Reihe interessanter Dinge – lauter unerhörte Beobachtungen aus meinem neuen Zustand heraus. Ich war so vollauf in Anspruch genommen und so amüsiert, daß ich aus dem Körper des Stieres wie aus einem Coupéfenster herausschaute – wenn schon ein wenig wie aus einem Sträflingsabteil und einen Polizeisergeanten mit geladenem Gewehr neben mir –, aber Wunder über Wunder wahrnahm, die mir der Zufall schenkte.

So sehr kniete sich mein Menschengeist in diese Tierorgane, daß ich in der Tat etwas wie glücklich war.

Es war wirklich eine neue Welt, die sich mir auftat. Die Welt des Tierkindes. So wie mir meine Augen, meine Ohren und meine Schnauze sensationelle Gesichte, Gehöre und Gerüche nach dem Gehirn drahteten, so lieferte mir meine Zunge mit ihren Warzen außerordentlich originale, nie geschmeckte Kostproben. So eine Strohhütte, die so ein Tier ist, birgt tausend Köstlichkeiten, von denen wir Paläste, die wir Menschen sind, uns nichts träumen lassen. Die Küche eines Gastronomen könnte mit zwölf Schüsseln nicht gegen das aufkommen, das ein Stier auf einem Fußbreit Wiese findet. Ich kann mich nicht enthalten, den Genuß meines Futters mit dem meiner einstigen Speisen zu vergleichen. Es gibt einen größern Unterschied zwischen Schneckenklee und Klee als zwischen einer gebackenen Seezunge und einer Rehkeule in Weidmannssauce. Alle Pimente würzen die Pflanzen für einen kräuterfressenden Tiermund: die Blattknospe schmeckt ein wenig fad, die Distel etwas pfeffrig, aber nichts, nichts kommt dem wohlriechenden differenzierten Heu gleich .... Eine Viehweide ist ein allezeit servierter Schmaus; und ein fortwährender Hunger nötigt die Feinschmecker zu Tisch.

Das Wasser der Tränke war je nach der Stunde und Zeit von einem andern Geschmack, säuerlich bald und bald gesalzen oder gezuckert, leicht des Morgens und schwer des Abends. Ich vermag die Entzückungen des Tränkens nicht zu schildern, und ich glaube, daß die Olympischen in einem rachsüchtigen und spöttischen Testament dem Menschen nur die Gabe des Lachens hinterließen, den Tieren aber das ausgezeichnete Privileg, Ambrosia in den Kräutern der Wiesen und Nektar aus allen Quellen zu genießen.

Ich erfuhr die Köstlichkeit des Wiederkäuens, und ich begriff die Rinder in der Andacht des Immerwiederkostens – durch vier Magen hindurch –, während die Gerüche des Feldes in ihren Nasenlöchern eine ganze pastorale Symphonie als Kirchenmusik aufspielen.

Ich experimentierte mit meinen Sinnen, erprobte all meine Fähigkeiten ... und so widerfuhren mir seltsame Impressionen .... Die reinste Erinnerung bewahr ich meiner Schnauze – die war das Zentrum all meines Gefühls, der unfehlbare subtile Probierstein aller guten und schlechten Körner, der weitausgestellte Wächter all meiner Feinde, der Lotse, der hohe Rat, eine Art selbständigen und dogmatischen Gewissens, ein Orakel, das sich auf Ja und Nein begriff, das nie einen Schnitzer beging und dem man immer gehorchte. Ich möchte sehr gerne wissen, ob Jupiter, als er um die Prinzessin Europa die Gestalt eines Stiers annahm, nicht von seiner Schnauze am allerallermeisten entzückt war, viel viel mehr als von jener ziemlich degoutanten Entführung ....

Dann aber – und nur zu bald – redete meine entkräftete Konstitution ein Wörtlein mit. Ich bekam Kopfweh, Schnupfen, Zahnschmerzen – die ganze Sippschaft der Indispositionen eines Stadtfracks aus dem XX. Jahrhundert. Ich magerte ab. Bekam schwarze Gedanken. Das kam davon, daß meine Seele die Herrschaft über den Leib bekam, wie mir mein Onkel vorhergesagt hatte – und außerdem, weil zwei Dinge geschahen, die meine Auszehrung noch beschleunigten:

Nach einer Zeit – sie war wohl vor Schrecken krank geworden – sah ich Emma wieder. Ich sah sie am Fenster ihres Zimmers, dann am Fenster im Erdgeschoß, dann im Freien. Sie ging bald täglich am Arm der Magd aus und machte einen Spaziergang, wobei sie stets das Laboratorium mied, darin Lerne mit seinen Gehilfen unermüdlich arbeitete. Matt war sie, und ein wenig welk. Sie schritt langsam hin, sah bleich aus, und hatte einen starren Blick, sie war wie Mond in der Sonne, ihre Augen waren wie die Blumen der Nacht. Pathetisch war sie, und wie eine Witwe war sie, in edler Trauer drückte sie den Aufruhr ihrer Liebe aus und die Leidenschaft ihres Wehs. Sie liebte mich also immer noch, und da sie mich nicht sah, glaubte sie, mein Schicksal war das Schicksal jenes Doktor Klotz gewesen und nicht das Los Mac-Bells, den sie übrigens verkannt hatte. Sie mußte mich entweder für tot oder für geflohen halten. Die Wahrheit erfuhr sie nicht!

Jeden Tag folgte ich mit frommerem Eifer ihrer Prozession, so lang und weithin ich konnte. Ich war nur durch einen Eisendraht mit Widerhaken von ihr getrennt und wollte mich ihr durch Mimik und durch Laute zu erkennen geben. Aber Emma entsetzte sich vor dem Stier, vor seinen Pirouetten und vor seinem Gesang. Sie begriff nichts – so wie ich einst in der Hündin den Doniphan nicht verstanden hatte. – Nur zuweilen, wenn eine allzu menschliche Geste meine vierfüßige Gewichtigkeit wackeln machte, amüsierte sie sich ....

Und ich war überrascht, sie lächeln zu sehen.

So kam die Liebe wieder mit ihrer Qual.

Und so konnte die Eifersucht nicht ausbleiben.

Und das war das zweite Ding, das meine Auszehrung beschleunigte.

Eifersucht – aber ganz ungewöhnliche Eifersucht ....

Zwischen der Weide und dem Teich war jener sechseckige Pavillon, jener Kiosk, jenes Lusthäuschen: mein Ex-Riese Briareus. Und Lerne beunruhigte mich dadurch sehr, daß er meinen ehemaligen Leib dort einlogierte. Ich sah, wie die Gehilfen erst ein paar Möbelstücke da hineintrugen, und dann jenes Wesen selber hinbrachten .... Und seit dem Tag war jener Mensch da, preßte die Stirn gegen die Scheiben und sah stupid zu mir hinüber.

Die Haare wuchsen ihm wieder, und sein Bart war kraus. Er war zum Tölpel und zum Dickwanst geworden. Seine Kleider waren dem Platzen nah. Sein Aug – jenes Mandelauge, auf das ich so stolz gewesen war – wurde rund und glotzend. Der Mann mit dem Gehirn eines Stiers sah aus wie Doniphan, aber bestialischer noch, viel weniger gutmütig als jener. Mein armer Körper hatte ein paar charakteristische Gesten unserer Familie beibehalten: ein unverbesserlicher Tic ließ ihn von Zeit zu Zeit mit den Schultern zucken, grad als ob sich das Scheusal durch die Fenster des Kioskes hindurch über mich lustig machen wollte. Zuweilen in der Abenddämmerung begann er zu schreien; dann zerriß sich meine schöne Baritonstimme in unausstehlichen Mißlauten, daß es wie Gorillarufen klang. Und dann heulte Mac-Bell aus dem Laboratorium her mit dem Geheul eines kranken Hundes dazu, und da konnte ich nie länger widerstehen und mußte gleichfalls brüllen – und so sang ein gar gräßlich Terzett in der Bucht von Fonval um die Abendzeit ....


Und Emma bemerkte, daß der Kiosk bewohnt war.

An diesem Tag ging sie mit der Barbara meine Weide entlang. Und ich begleitete sie wie gewöhnlich bis zu dem kleinen Lustwäldchen, das quer herlief, und wollte am Eingang auf sie warten. Tauben gurrten da.

Sie wollten hineingehn. Aber jäh hielten sie an.

Emma stand – ganz verwandelt. Mit jenem Ausdruck der Beseelung, den ich an ihr kannte: mit vibrierenden Nasenflügeln, halbgeschlossenen Augenlidern und wogendem Busen. Sie umklammerte einen Arm der Barbara.

»Nicolas! murmelte sie. Nicolas! ...«

»Ja?« tat die Magd.

»Dort! Dort! Dort! ... Du siehst aber auch gar nichts! ...«

Und die Turteltauben lachten ihr ersticktes Lachen. Und Emma zeigte Barbara den Menschen im Kiosk – hinter dem Fensterkreuz.

Und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß man sie vom Laboratorium aus nicht sehen konnte, machte die Schöne Zeichen, schickte Küsse .... Der Mensch aber tat, als sähe er nichts. Er sperrte seine runden Augen auf, ließ die Lippen hängen und sah aus, ach!, wie ein vollkommener Idiot.

»Wahnsinnig!« sagte Emma. »Er auch! Lerne hat ihn mir genau wie Mac-Bell wahnsinnig gemacht! ...«

Da weinte das Mädchen herzzerbrechend, und in mir stieg eine ungeheure Wut auf.

»Bloß,« empfahl ihr die Magd ... »lassen Sie sich nie in der Nähe des Kioskes ertappen. Hier wird man von allen Seiten gesehn!

Die andere schüttelte ihre schönen Locken, trocknete ihre Tränen und ließ sich aufs Gras hinsinken und lag da auf dem Bauch wie Sphinxe tun ... den Kopf auf den Händen, mit anstrebendem Rücken und ragendem und sehr aufgebrachtem Hinterteil ... und ihre Liebe sang ein Klaglied dem Leib jenes schönen Männchens, ihrem Freudenspender. So wie sie jetzt dalag, schien sie auch den Blödsinnigen ungleich mehr als vorher zu interessieren ...

Eine solche Szene überstieg die Grenzen alles Grotesken oder Schrecklichen! Dieses Weib verlangte nach meinem Leib, in dem ich doch gar nicht drinnen war! Dieses Weib, das ich anbetete, war in ein Tier verliebt! Durfte ich das so ruhig hinnehmen? ... Ich wußte, wie das mit Mac-Bell gewesen war, daß Emmas Geilheit vor einem Wahnsinnigen nicht zurückschreckte! Und daß mein Leib, der athletischer war als der Doniphans, sie noch viel mehr erregen mußte! ...

Mein Zorn brach aus. Das war das erste Mal, daß ich meinem neuen wilden Fleische unterlag. Schnaubend und schäumend, in rasender Wut fegte ich über die Wiese hin und riß die Erde mit den Klauen und mit den Hörnern auf ... ich wollte töten, töten, töten, ganz egal, wen! ...

Von jenem Augenblick an waren all meine Träume vergiftet. Ich verabscheute den Leib, den man mir gestohlen hatte, ich war eifersüchtig auf ihn, und so oft Jupiter-Ich und Ich-Jupiter uns ansahen, jeder vor Heimweh nach seiner verwüsteten Hinterlassenschaft, überwältigte mich die Wut von neuem. Ich brüllte und brüllte – mit gehobenem Schwanz, Rauch an den Nüstern und vorgesenktem Kopf – und wollte töten, töten, töten, und wollte es mit soviel Wunsch als Wünsche im Frühling sind. Die Kühe wichen mir aus, soviel sie konnten. Alle Tiere im Garten hatten Angst vor dem wilden Stier. Und eines Tages kam Lerne vorüber und – nein wie der dann lief, lief was er nur Beine hatte! ...

Ich litt so sehr. Dahin die Freude an neuen Beobachtungen. Ekel und nur wieder Ekel vor meinem neuen Leibe. Ich verfiel zusehends. Das Futter verlor für mich alles Arom, das Wasser der Tränke alle Schmackhaftigkeit, und die Gesellschaft meiner Damen wurde mir entsetzlich. Und dann wandelten mich mählich frühere Gelüste an und äußerten sich recht sonderbar: ich wollte Fleisch essen, und dann ... und dann ... hätt ich so sehr gern wieder einmal eine... Zigarette geraucht! Unbezahlbar, wie? Anderes wieder war nicht so lächerlich. Ich schlotterte vor Furcht vor dem Laboratorium, sowie ein Gehilfe dem Weideplatz auf zehn Schritt nahekam, und die Angst, daß man mich nachts anbinden würde, raubte mir den Schlaf.

Und das war noch nicht alles. Ich war überzeugt, daß ich in diesem Wiederkäuerschädel wahnsinnig werden müßte. Ich hatte unbeschreibliche Wutanfälle zu erleiden. Und das immer häufiger. Und dazu kam noch Emma mit ihrem widerlichen Betragen.

Diese niedliche Promenadenmacherin umschlich pünktlich und beharrlich den Kiosk, und der Minotaurus wurde lüstern. – In solchen Augenblicken hatte er übrigens wahr und wahrhaftig das Aussehen eines Menschen: so sehr macht uns dieser Trieb den Tieren gleich!... Emma betrachtete mit viel Wohlgefallen dieses grausame Gesicht, darin nicht der leiseste Zug spielte, diese phosphoreszierenden Augen über den flammenden Backen, dieses im höchsten Grade gemeine Gesicht, das ich schon an wirklichen Menschen beobachtet hatte und das in die steinernste Jungfrau ein wenig warmes Begehren zu bringen vermöchte .... War's möglich, dies war die Maske, die die »Liebe« aufsetzte? Ach, nun durfte ich auch nicht mehr erstaunen, daß so viele Geliebtinnen unter den Küssen des »Gottes« die Augen schlossen! ...

Emma betrachtete also diese Grimasse mit sehr viel Wohlgefallen und sah nicht, wie Lerne, der sie belauerte, verächtlich dazu lachte.

Lachte. Aber als Philosoph lachte. Lachte, nur um nicht zu weinen. Mein Onkel litt sichtbarlich. Er schien eingesehen zu haben, daß ihn Emma niemals lieben würde. Er wachte und arbeitete.

Auf der Terrasse des Laboratoriums und auf dem Dach des Schlosses wurden Apparate aufgestellt, deren Handhabung er eifrig studierte. Da waren sehr charakteristische Spitzen montiert, und da in den beiden Häusern fortwährend Gebimmel erscholl, war ich der Meinung, daß man da Stationen von drahtloser Telegrafie und drahtloser Telefonie eingerichtet hatte.

Eines Morgens ließ Lerne auf dem Teich ein kleines Fahrzeug – ein Kindertorpedo – allerlei Evolutionen ausführen. – Er leitete es vom Ufer aus, vermittelst eines Apparates, der gleichfalls jene charakteristischen Spitzen montiert hatte. Telemechanisch. Nun war gewiß: Der Professor studierte die Wirkung in die Ferne. Die neue Methode zu seiner Interversion der Persönlichkeiten? ... Sehr wohl möglich.

Doch was ging das mich an? Daß ich aus all meiner Trübsal glücklich herauskommen würde, das hielt ich für einfach unmöglich. Ich würde diese zukünftige Entdeckung nie kennenlernen, noch all die Geheimnisse, die vergangenen, von meinem Onkel und seinen Mitarbeitern ....

Indem ich dennoch über alle die Mysterien nachdachte, wollte ich mich über die Schlaflosigkeit meiner Nächte und den Müßiggang meiner Tage hinwegtäuschen. Aber es waren vergebliche Anstrengungen. Es war wohl, weil mein Geist schwerfällig geworden war – ich konnte kaum Tatsachen, die ich soeben erzählte, im Kopfe behalten und aus nichts und nichts klug werden .... Ich behielt selbst die nicht, denen Lerne anscheinend höchste Bedeutung zumaß, und durch die ich auf eine Befreiung hätte hoffen können ....

Da – in der Mitte des September – kam plötzlich, gänzlich unvorhergesehen, meine Errettung – unter folgenden Umständen:


Seit einiger Zeit schon war die platonische Vertraulichkeit zwischen dem Minotaurus und Emma eine sozusagen ungestümere geworden. Sie betrachteten sich aus der Entfernung mit einer täglich zunehmenden Trunkenheit.

Das Monstrum, das sich nun in meinem Leibe eingelebt hatte, gestikulierte. Seine Pantomimen waren geil und so, wie Affen sich gebärden.

Emma sehreckten diese Orang-Utan-Galanterien durchaus nicht ab; und sie suchte nun mit Vorliebe Deckung in dem kleinen Lustwäldchen. Von da aus und von allen ungesehen – außer von jenem entsetzlichen Kerl, der mein Wesen wie ein Hanswurst parodierte – von da aus konnte sie sich in aller Freiheit mit ihm mit den Blicken paaren und von den rosigen Spitzen ihrer weißen Finger wie von einer minniglichen Schleudermaschine ihre Küsse zu ihm hinschießen und seine Flamme beschwören – mit Mummerei und falschem Schein wie Ballerinen. Ich sah wenigstens keine andern Erklärungen und Beteuerungen als nur solche ... Und sollten die genügen, um die Brunst des Viehs herauszukitzeln?

Oh, o ja. Und die Zote geschah.

Eines Nachmittags, da ich mich bemühte, meine Freundin durch die Büsche hindurch zu beobachten, wie sie den falschen Nicolas aufreizte, klirrten mit einemmal Fensterscheiben zu Boden. Der Minotaurus, der mit seiner Geduld zu Ende war, sprang durchs Fenster heraus. Und ohne auch nur im geringsten auf meine unglückliche Leiblichkeit acht zu haben, stürzte er dahin – stieß sich und ritzte sich an allem, wurde zerschunden und mit Blut bedeckt und brüllte fürchterlich.

Dann war mir, als ob Emma aufschrie und davonlaufen wollte. Aber da war das Ungetüm auch schon im Lustwäldchen.

Hinter mir hörte ich Leute laufen. Das Geklirr der Scheiben hatte Lerne und seine Gehilfen aus dem Laboratorium herausgetrieben, sie wurden das Entweichen gewahr und liefen nun nach dem fatalen Lustwäldchen.

Dummerweise machten die Gehilfen, die meine Nähe ahnten, einen Umweg um die Weide herum, um mir zu entgehen. Nur Lerne nahm den kürzesten Weg über den Stacheldraht und rannte über den Weideplatz – mit seinem von den Stacheln zerrissenen Überzieher. Aber ach! Er war alt und konnte nicht laufen .... So würden sie wohl alle vier erst hinkommen, wenn die Chose lang erledigt war .... Scheußlich! Scheußlich!

Nein! Das durfte nicht sein!

Ich lief auf den wackligen Zaun los und trat ihn nieder, wenn ich auch Kratzer abbekam ... und bohrte mir mit einem Satz Weg durchs Gehölz.

Das Bild, das sich dartat, war wert, daß man es bewunderte:

Durch das Laubgewölbe querher sprengte die Sonne ihren Lichtsamen auf das Unterholz aus. Da wo der Weg sich krümmte, lag Emma bleich und aufgeregt – mit reizend aufgeschlagenen zierlichen Unterkleidern. Sie ächzte vor Wollust, und ihr heiseres Wehklagen, das wie ein Miau klang, war mir zu sehr vertraut, als daß ich daraus nicht etwas wie das Schlußwort eines Kapitels Liebe gehört hätte. Vor ihr aber – aufrecht und erschrockener und verdutzter als je – stand der Abscheuliche und verbarg nichts von all seiner lächerlich aussehenden gesättigten Mannheit.

Doch hatte ich nicht lange Zeit, hinzusehen. Zwischen ihm und mir blitzten alle Sterne der Mitternacht. Ein Blutrausch schrie aus mir. Eine unbezähmbare Wut in mir schoß wie auf ein rotes Tuch los. Mit gesenkten Hörnern stieß ich auf etwas, das umfiel. Ich trat mit allen vier Beinen darauf. Und trampelte und trampelte und trampelte ...

Bis die Stimme meines Onkels keuchend rief:

»Lieber Freund, damit bringst du dich ja selber um! ...

Mein Wahnsinn verrauchte. Die Sterne verloschen. Ich sah plötzlich wieder:

Das schöne Mädchen, das gestillt war, saß auf der Erde da, blinzelte ins Licht und begriff nichts. Die Gehilfen, jeder hinter einem Baum, paßten auf mich auf. Lerne aber beugte sich über meinen einstigen nun ausgerenkten und wie toten Leib, hob ihm den Kopf auf – und da blutete es aus einem großen Loch.

Herrgott, Herrgott, ich – ich war so namenlos dumm gewesen, mich selber um die Ecke zu bringen!

Der Professor befühlte den Blessierten von allen Seiten und diagnostizierte dann:

»Ein Armbruch. Drei Rippenbrüche. Fraktur am Schlüsselbein und am linken Schienbein. Na, das alles würde ja wieder werden ... Aber was ihm das Horn da am Kopf einstieß, das ist ernst .... Hm! Ins Gehirn gedrungen. Futsch. Nichts mehr zu machen. In einer halben Stunde: finita la comedia! ...

Ich mußte mich an einen Baum lehnen, um nicht umzufallen. Mein Leib, das Land der Länder, mein Vaterland ging zuschanden. Es war aus mit ihm .... Für immer aus meiner einstigen Wohnung verbannt, hatte ich die erste Bedingung zu meiner Errettung zu einer Unmöglichkeit gemacht. Es war aus .... Hier konnte selbst Lerne nicht mehr helfen; er hat es selber gesagt .... Eine halbe Stunde! ... Das Horn ins Hirn eingedrungen! ... Aber ... aber ... aber ... dieses Gehirn ... Er konnte doch ...!

Im Gegenteil, im geraden Gegenteil – er konnte doch ...! Ich näherte mich Lerne. Es ging um Leben und Tod.

Mein Onkel sprach betrübt aufs junge Weib ein:

»Mußtest du dich in den da so verlieben, daß du ihn sogar noch in einer solchen miserablen Verfassung besitzen wolltest! ... Arme Emma! Ich muß schon gar nichts sein und an mir haben, daß man mir solche Ruinen noch vorzieht!

Emma weinte auf seine Hände.

»War das nötig!« wiederholte er und sah bald auf die Sünderin, bald auf den Sterbenden und bald auf mich. – »War das nötig! Mußte das sein! ...«

Ich aber tat schon seit einigen Augenblicken alle möglichen Kreuz- und Luftsprünge und gab einen Gesang von mir, ein Lied, das Worte sein sollten. Mein Onkel hörte mir zu. Ich sah nichts anders, als daß es hinter seiner Stirn stürmisch arbeitete wie hohlgehende See ... und ich verdoppelte meine Beschwörungen.

»Ja, jaja, ich begreife deinen Wunsch, mein lieber Nicolas, sagte mein Onkel. Du möchtest gerne dein Gehirn in deinen alten Leib zurückhaben, das wär dann die Rettung ... wie? ... Na, wollen mal sehen!«

»Retten Sie ihn, retten Sie ihn!« flehte die Ehebrecherin, die nur Lernes Wort aufgefangen hatte. »Retten Sie ihn! Und ich schwöre Ihnen, Frédéric, und ich schwöre Ihnen, daß ich ihn nie wieder lieb haben will.«

»Hör auf!« sagte Lerne. »Im Gegenteil, du wirst ihn von nun an lieben müssen, soviel du nur kannst. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich kämpfe nicht länger gegen mein Schicksal an ...«

Er rief die Gehilfen herbei. Ein paar kurze Befehle. Karl und Wilhelm trugen den röchelnden Minotaurus. Johann lief, so eilig er konnte, voraus.

»Schnell! schnell!« sagte der Professor auf deutsch und fügte dann französisch hinzu: »Schnell! Nicolas, komm hinter uns her!«

Ich gehorchte. In lautem Jubel, daß ich wieder in meinen Leib eingehen sollte. In schrecklicher Angst, daß er etwa vor der Operation noch stürbe.

Die Operation gelang ganz und gar.

Aber da die Betäubung vor der dringenden Not nicht so sorgfältig ausgeführt werden konnte, erlebte ich unter dem Äther einen sehr instruktiven, aber äußerst schmerzensreichen Traum.

Mir träumte: Der Spaßvogel Lerne hätte mir anstatt meiner Leiblichkeit die der Emma verliehen! Welch ein Fegefeuer unter so lieblicher Form! Ich sehnte mich nach dem Stierleib zurück. Meine Seele füllte sich mit einmal mit nervösen Forderungen und hitzigen Instinkten an. Stärker als jeder Wille waren da auf einmal ein natürlicher Wunsch und ein Verlangen, ein Gelüste und eine Gier. Und ich fühlte, wie mein männlicher Geist sich gegen all das so weich und wollüstig als möglich auflehnte. Sicherlich hatte ich es mit einem exzeptionellen Temperament zu tun – dessen Liebe eine chronische Krankheit war ... indes, wenn ihr das gewöhnliche Verhalten der Männer und die Macht der Venus bei so vielen Frauen betrachtet, wieviel von euch, meine Brüder, würden wohl, wenn ihr das Geschlecht ändern und das Gehirn bewahren würdet, anständige Mädchen und nicht feile Dirnen werden? ...

Kann übrigens sein, daß der Äther ein schlechter Gynäkologe war und daß mich mein Traum genarrt hat. Es war nur ein Alp – eine Viertelsekunde lang – schwingend.


Abenddämmer, rote Schatten im Waschhaus. Ich kann, wie ich die Augen tief genug nach unten drehe, die Spitzen meines Schnurrbarts sehen.

Das war die Auferstehung des Nicolas Vermont.

Und zur selbigen Zeit Jupiters Ende. Sie sind grad dabei – da hinten –, jene schwarze Masse, in der ich wohnte, zu zerstückeln. Im Hof draußen streiten sich schon laut die Hunde um die ersten Klumpen, die ihnen Johann hingeschmissen hat ....

Mein gebrochenes Bein tut mir weh ... und das Schlüsselbein .... Also! Ich bin wieder im Rahmen, und das Bild heißt Schmerz.

Lerne wacht bei mir. Er ist aufgeräumt. Man sollte es wenigstens meinen. Hat sein Gewissen nun Ruh? Hat er nicht alles gesühnt, das er an mir übel getan? Durfte ich ihm noch grollen? ... Mir scheint, ich müßt ihm einigermaßen dankbar sein ....

Nichts sieht einer Wohltat so täuschend ähnlich als ein freiwilliges Wiedergutmachen eines begangenen Unrechts ....

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