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Der Doktor Lerne

Maurice Renard: Der Doktor Lerne - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Renard
titleDer Doktor Lerne
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag
year1985
isbn3-499-15500-1
translatorHeinrich Lautensack
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
created20050825
projectid7bed4d75
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In der Falle

Der Vater Mac-Bells kam unverzüglich. In Begleitung seines andern Sohnes.

Seit Lerne jenen Brief nach Schottland gerichtet hatte, gab's nichts Neues auf Fonval. Das große Geheimnis bestand fort, und wie eine hohe Mauer waren hundert und hundert Verfügungen um das Geheimnis, und diese Verfügungen waren alle – wider mich. Emma kam gar nicht mehr herab zu uns. Ich hörte sie vom kleinen Salon aus diesem und jenem wertlosen Zeitvertreib in ihrem Zimmer mit den Puppen aus Weidengeflecht nachgehen; ihre Hacken trommelten trocken auf den Plafond.

Meine Nächte waren leer. Ich schlief nicht in all den Nächten. Der Gedanke, daß Lerne und Emma zusammen waren – daß er ihren Leib verstörte und sie ihn dennoch dazu hergab –, folterte mich. Eifersucht macht erfinderisch; ich sah Szenen von einer schier unerträglichen Ausgeklügeltheit. Ich hatte mir gut schwören, daß ich die Vorgabe so bald als möglich aufholen würde, ich sah beständig Lerne als Liebhaber meiner Geliebten, kostete das Ausströmen seiner Umarmung, die Schändung derer, nach der er langte und die er hielt – so vollkommen, so doppelt und dreifach, wie's nur der kostet, der in Saft steht.

Einmal in der Nacht wollte ich aufstehn und ins Freie gehen, in der Nachtkühle spazieren und meinen Leib abzehren wie den eines wilden Tiers – aufs äußerste gebracht wie ein Eber ... aber da war alles wohl verriegelt.

Oh! Lerne bewachte mich scharf! ...

Gleichwohl hatte die Unvorsichtigkeit, aus der heraus ich ihm damals meine Entdeckung Mac-Bells erzählte, anscheinend keine andere Folge als einen Zuwachs an Freundschaft zu mir. Unsere Spaziergänge wurden immer häufiger, und er gefiel sich, schien es, mehr und mehr darin, mich als seinen Sozius zu betrachten – er tat, als ob er mir mein ewig ausspioniertes Leben erleichtern und mich sehr auf Fonval festhalten wollte, sei's, um sich in mir wirklich einen Associé zu präparieren, sei's nur, um die Gefahren einer Flucht abzuwenden. Seine Zuvorkommenheit war mir zutiefst zuwider. Das war die Periode, in der ich, ohne beaufsichtigt zu scheinen, es nur um so schlimmer war. Meine Tage waren wider meinen Willen überaus in Anspruch genommen. Die Ungeduld rieb mich auf. Die Zugänge zur Liebe und zum Geheimnis gleicherweise versperrt. Und ich wußte zuletzt – welch eine groteske Alternative! – nicht mehr, was mich mehr unterwühlte und aushöhlte: die Liebe, die mir alle Plastiken eines schönen, unerreichbaren Weibes vorgaukelte, oder das Mysterium in Gestalt eines alten, doch nicht minder unzugänglichen Schuhwerks.

Jener bedreckte elastische Stiefel war die Basis aller Hypothesen, die ich nächtens aufbaute, in der Hoffnung, meine Eifersucht durch meine Neugierde zu überbieten. Ich hatte mir gemerkt, daß der Werkzeugschuppen in der Nähe jener Lichtung war; da war der Gummistiefel also bequem auszugraben... und das, was im übrigen dazu gehören würde.

Aber Lerne – der unterjochte mich ja gewissermaßen mit seiner Liebe – der hielt mich unbarmherzig von der Stelle fern – ei, der verstand das – genauso wie vom Gewächshaus, vom Laboratorium, von meiner Emma und von allem!...

So wünschte ich mir sehnlichst irgendeine Begebenheit herbei, ein neues Geschehn, das diesen modus vivendi umschmeißen und mir erlauben würde, meinen Wächtern einen Streich zu spielen: Gott! Nur irgend etwas! Daß Lerne nach Nanthel müßte, daß meinetwegen irgendein Unglück geschähe, nur irgend, irgend etwas!...

Da kam das Unverhoffte. Da kamen die Herren Mac-Bell Vater und Sohn.

Mein Onkel hatte eine Depesche bekommen und zeigte sie mir unter lautem Jubel.

Warum solche Freude? Ernstlich nur, weil ich ihn auf die Gefahr aufmerksam gemacht, die ihn bedrohte, darum, daß er den kranken Mac-Bell ohne Wissen seiner Familie hier zurück behielt? Das war doch – verflucht noch mal! – ganz unmöglich ... Nein, nein, dieses ehrliche Gelächter konnte sehr wohl irgendeiner Unehrlichkeit, irgendeinem neuen Schurkenstreich gelten ...

Ich aber tat's dem Professor gleich und lachte mit – aber aus ändern, rechtlicheren Gründen als er. Und ich denke, ich hatte wohl Grund zu lachen.

Sie kamen eines Morgens in einem Break an, den man in Grey geliehen hatte und den Karl kutschierte. Sie glichen sich sehr und glichen alle beide sehr jenem Doniphan auf der Fotografie. Steif. Sehr bleich. Herzlos.

Lerne stellte mich, mit viel Ungezwungenheit, vor. Sie drückten mir die Hand. Kalt. Zugeknöpft ... Deren Moral trägt sozusagen Handschuhe,..

Man führte sie in den kleinen Salon. Sie nahmen Platz – ohne eine Silbe. Die drei Gehilfen standen da. Und Lerne ließ einen langen Speech auf englisch los, sehr lebhaft, mit viel Pantomimik und wie überaus erschüttert. Auf einmal demonstrierte er gewissenhaft, wie ein Mensch ausgleitet und sich einen Schädelbruch am Hinterkopf zuzieht. Dann nahm er die beiden Herrn am Arm und führte sie hinaus zum Schloßportal ... wir gingen hinterdrein ... und da draußen vorm Portal zeigte er ihnen den Schuhkratzer, den eisernen Sohlenreiniger, den Dynastien von Sohlen so wie eine Sichel ausgeschliffen hatten. Und gab die Schädelbruchtragödie da capo. Zweifelsohne – er explizierte ihnen, Doniphan hätte sich hier seinen Schaden geholt, der wie ein Kronreif oder ein Schlag mit der Sichel war.

So was war wohl noch nicht dagewesen ...! So was ...!

Dann ging man wieder in den Salon.

Mein Onkel redete und redete und fuhr sich dabei über die Augen. Die drei Deutschen rotzten mit der Nase, als ob sie das erste Tröpfeln von Mannestränen hinauf schnupfen wollten – die Herren Mac-Bell Vater und Sohn indes zuckten nicht mit der Wimper. Nichts an ihnen verriet ihren Schmerz oder ihre Ungeduld.

Endlich brachten Johann und Wilhelm auf einen Wink Lernes den frisch rasierten, pomadisierten Doniphan herbei – der eine Binde am Kopf trug und sonst aber das Aussehen eines jungen, sehr fashionablen Lords hatte ... obschon sein zu eng geschnittener Reiseanzug wie zum Platzen zugeknöpft war und sein würgerischer Kragen ihm alles Blut ins breite, gutmütige Gesicht trieb. – Seine pechigen Haare verbargen nur mühsam die große Schramme.

Wie er seinen Vater und seinen Bruder erblickte, leuchtete etwas wie Intelligenz und Glücklichsein im irren Auge auf. Seine bis dahin so apathischen Züge erhellten sich zu einem feinen, seelenvollen Lächeln. Ich glaubte, er käme mit einemmal wieder zu Verstand ... Aber dann fiel er vor seinen Blutsverwandten auf die Knie, leckte ihnen die Hände und stieß unartikulierte Schreie aus. Der Bruder konnte weiter nichts mit dem Armen anstellen. Der Vater gleichfalls. Hierauf verabschiedeten sich die Herren Mac-Bell von Lerne.

Lerne sagte noch einiges zu ihnen. Es war, als ob sie eine gastliche Einladung – einen Lunch ablehnten. Lerne drang nicht weiter in sie, und wir gingen alle hinaus.

Wilhelm lud Doniphans Gepäck auf den Kutschbock.

– Nicolas, sagte Lerne zu mir, ich bringe die Herren zur Bahn. Du bleibst mit Johann und Wilhelm hier. Karl und ich kommen zu Fuß zurück ... Ich setze dich also so lang als Hausherrn hier ein! fügte er lustig hinzu.

Und schüttelte mir heftig die Hand.

Wollte er mich foppen? Eine nette Hausherrnschaft unter der Zuchtrute der beiden Aufpasser!

Man stieg in den Wagen. Karl und das Gepäck vorne. Hinten: Lerne und der Geisteskranke – gegenüber den beiden gesunden Mac-Bells.

Der Wagenschlag klappte eben zu – da richtete sich Doniphan plötzlich auf: mit einem so entsetzten Gesicht, als ob der Tod die Sichel wetzte: ein langgezogenes Heulen, das aus allem andern sehr, sehr deutlich herauszuhören war, erscholl vom Laboratorium her ... Der Närrische wendete sich nach dieser Richtung und antwortete seiner Nelly – mit einem so viehischen Schrei, daß uns ein Schauder ankam ... wir dachten, das bedeutete das Ende, die Erlösung. Aber Lerne befahl blitzenden Blicks und schneidend: Vorwärts! Karl! Vorwärts! – zu deutsch – und versetzte dem irren Schotten einen solchen Stoß, daß der auf seinen Sitz zurückfiel.

Der Wagen fuhr an. Doniphan, der mit dem Oberkörper stark hin und her schwankte, hatte nur Augen für seinen Bruder, und die erzählten von einem namenlosen, unnennbaren Unglück.

Da war das grauenvolle Unbekannte wieder. Allenthalben. Kreisend. Einkreisend. Rührte mich mit seinem Atem an.

Fern verdoppelte sich das Heulen. Da rief Mac-Bell Vater im Wagen:

– Ho! Nelly! Where is Nelly?

Und mein Onkel antwortete:

– Alas! Nell' ist dead!

– Poor Nelly! sagte Herr Mac-Bell.

Zugegeben, ich war ein großer Ignorant ...

Aber soviel Englisch brachte ich doch auf, daß ich die paar Worte verstand ... Die Lüge Lernes empörte mich: Wie konnte er behaupten, Nelly sei tot! Das war doch ihre Stimme und nur ihre Stimme gewesen! So ein Betrug! – O warum schrie ich den phlegmatischen Herren da nicht zu: »Halt, halt! Ihr seid scheußlich beschwindelt! Hier geschieht Schreckliches, ich weiß nicht was, aber hier geschieht Schreckliches! ...« Aber dann hätten mich die Mac-Bells wohl für einen zweiten und anders Irrsinnigen gehalten ...

Unterdessen hatte der Schinder das Wägelchen bis zum Portal gezogen, das Barbara öffnete. Doniphan saß wieder auf seinem Sitz. Ihm gegenüber bewahrten die Herren Mac-Bell Vater und Sohn all ihre steifleinene Würde ... und erst als der Wagen durchs Tor fuhr, sah ich den Rücken des Vaters jäh krumm werden und sich schütteln, so sehr, daß das holprige Pflaster unmöglich ausschließlich daran schuld sein konnte.

Die altersschwachen raunzenden Türflügel schlossen sich.

Ich bin sehr sicher: nicht viel später muß der Bruder Doniphans bitterlich geweint haben ...

Johann und Wilhelm gingen weg.

Wollten sie mich von ihrer Gesellschaft befreien? Ich verfolgte sie die ganze Weide lang bis hin zum Laboratorium. Nelly schrie und klagte immer noch; sie wollten sie wohl zum Schweigen bringen. Und in der Tat, sie verstummte, sobald die Gehilfen in den Hof eintraten. Aber was ich für mich befürchtet hatte, geschah dann nicht. Sie kamen nicht wieder aufs Schloß her, um in meiner Nähe zu sein und mich auszuspionieren. Sondern zündeten sich fein Zigaretten an, die Käuze, und installierten schamlos ein durchaus öffentliches Farniente. Ich sah sie an einem Fenster ihres Wohnhauses: hemdärmlig, qualmend wie Schlote.

Als ich mich über ihre Absichten vergewissert hatte – (ohne mich zu fragen, ob sie so gegen die Befehle Lernes handelten oder ob er solches duldete ... und weltenweit davon entfernt zu denken, daß sie, indem sie bei offenem Fenster rauchten, etwa seine Instruktionen Punkt für Punkt ausführten) - begab ich mich zur Werkzeughütte.

Und bald grub ich die Erde um das alte Schuhwerk ... oder ich kann ja jetzt sagen: um das Bein ... auf.

Mit der Zehenspitze in der Luft, ragte das aus der trichterförmigen Grube auf; und die Spuren der Nägel Doniphans waren noch zu sehen, neben den andern Spuren einer noch älteren Wühlarbeit. Bei näherem Anschaun mußten da einst mächtige Krallen am Werk gewesen sein, der erste Ausgräber war sicherlich ein großer Hund – Nelly anscheinend, zu einer Zeit, da sie noch in voller Freiheit im Park umherlief.

Zu dem Fuß gehörte eine Wade, die nur ganz obenhin bestattet worden war. Möglich, dachte ich, daß dies das Überbleibsel eines anatomischen Präparats sei ... aber ich war doch nicht so recht überzeugt.

Tiefer ... Ein haariger Rumpf kam nach dem Bein. Ganz und gar Kadaver, nackt, und schon sehr verwest. Man hatte ihn überzwerch eingegraben. Der Schädel, der tiefer als die Füße lag, war noch vergraben. Sehr vorsichtig legte ich mit dem Grabscheit erst das Kinn bloß, dann den fast blauen Backenbart, den dichten Schnauzbart, und endlich das Gesicht ....

Jetzt wußte ich um das Geschick all derer, die auf jenem Gruppenbild festgehalten waren. Otto Klotz – zur Hälfte exhumiert, die Stirn von einer Erdscholle bedeckt – faulte da vor mir. Ich hatte ihn sofort erkannt. Überflüssig, ihn noch weiter auszubaggern. Im Gegenteil ... das Grab wieder zuschütten. Nichts soll hier von meinem Tun verraten ....

Und dennoch – plötzlich greife ich neu zum Grabscheit – halb wahnsinnig – und grabe und grabe – an der Seite des Toten ... Da erscheint ein Knochen, ein runder, wie ein giftiger Pilz, ein gebleichter und schon schwammiger Knochenfortsatz ... Sind da noch ... mehr ... sind noch ... mehrere Grabstätten?... O!...

Ich grabe, grabe, grabe ... fieberisch. Blendende Flocken wirbeln mir vor den Augen ... meine Augennetzhaut begeht jenes erste Pfingstfest ... feurige Zungen regnen vom Himmel ...

Ich grabe, grabe, grabe, grabe ... und ich entdecke einen ganzen Friedhof; aber barmherziger Gott; einen Friedhof von Tierleichen. Skelette die einen, andere oft noch in ihrem Feder- oder Haarkleid, vertrocknete und verfaulte – übelerregend! Kaninchen, Hasen, Hunde, Ziegen: von den einen die ganzen Leiber, von den andern nur noch abscheuliche Reste, die die Hunde vom Hundehof übriggelassen hatten. Ein Pferdeschenkel ... ein Stück von dir, mein lieber Biribi! Und unter frisch aufgeworfener Erde eine zwiefarbene Haut: der Balg der Pasiphae ...

Fauler Geruch, Gestank stieg auf. Erschöpft stützte ich mich mitten in dieser Abdeckergrube auf meine wacklige Schaufel. Der Schweiß, der mir von der Stirne rann, stach mir in die Augäpfel. Ich schnaufte.

Da fielen meine Blicke zufällig auf den Schädel einer Katze. Ich hob das Tier auf. Wie ein Pfeifenkopf! Wie ein Becherrand! Das will sagen: die Kappe war abgesägt, es war ein kreisrundes Loch durch einen Querschnitt entstanden ... Ich nahm einen andern, den Schädel eines Hasen, wenn ich mich recht erinnere: die gleiche Eigentümlichkeit. Vier, fünf, zehn, vierzehn, fünfzehn andere: all die Schädel klafften gleicherweise mit nur geringen Unterschieden im Anhieb. Und überall lagen solche Knochennäpfe umher, weite und enge, tiefe und seichte. Als ob all den Tieren die Schädeldecken mit einem Rasiermesser oder einer Laubsäge abgehoben worden wären ... ein millimetergenaues Gemetzel sozusagen ... ein Schlachten unter Präzision ...

Und plötzlich kam mir der Gedanke – ein unendlich gräßlicher Gedanke!

Ich bückte mich tief zu dem Toten herab und grub seinen Kopf vollends aus. Da konnte man nichts Außergewöhnliches sehen ... das Haar war ihm geschoren ... aber um den Hinterkopf herum von einer Schläfe zur andern ging – genau wie die Schramme Mac-Bells – eine scheußliche Schnittwunde ...

Lerne hatte Klotz umgebracht! ... Er hatte ihn wegen Emma ganz so beiseite geschafft wie all die Vierfüßer und Vögel, nachdem sie durch seine Experimente zu Tode gemartert waren! Chirurgische Verbrechen über Verbrechen! Hier kam ich hinter das ganze Geheimnis ...

»Die Geistesgestörtheit Mac-Bells«, überlegte ich mir, »die kam so: Lerne war, da der Unglückliche schon den Tod über sich schweben sah, plötzlich sein Mordwerk mißlungen! Warum? Weil er mitten unter seiner fürchterlichen Vergeltung an die Repressalien der Familie Mac-Bells denken mußte und vor ihrer Rache zurückscheute ... Klotz, ja, der war Waise und Junggeselle, wie Emma mir erzählt hatte – da konnt's zu Ende geschehn! ... Und Klotzens Schicksal, das wird dereinst das meinige sein, und auch Emmas Los, wenn man uns zusammen ertappt! ... O jetzt nur fliehen, fliehn um jeden Preis! Das war das einzig Mögliche! Emma und ich fliehen! Und war der Augenblick nicht günstig? Würde er sich uns je wieder darbieten wie eben jetzt? Wir müssen quer durch den Wald die Bahnstation erreichen, um Lerne und Karl auf ihrem Rückweg nicht zu begegnen! Aber das Labyrinth? ... War's nicht besser, man nahm das Automobil und fuhr die Kerle, sowie man sie traf, einfach übern Haufen? ... Ich weiß noch nicht ... aber wir werden ja sehn ... Hab ich wenigstens noch Zeit genug. Schnell, schnell, um Gottes willen nur schnell, schnell, schnell jetzt! ...«

Daß mir der Atem verging, so lief ich. Schneller als der Tod sein ... Zweimal fiel ich hin, so rannte ich. Nur fliehn, fliehn vor dem Grausen ...

Das Schloß! – Lerne noch nicht da. Sein Filzhut hing noch nicht an seinem gewöhnlichen Haken im Vestibül. Fürs erste hatte ich gewonnen. Nun galt's auszureißen, ehe er zurückkam. Über die Treppe, den Flur, die Garderobe ... in Emmas Zimmer.

– Fort, fort! stammelte ich. Komm, Liebste! ... Komm, komm! Ich werde dir alles erzählen ... Das sind Mörder auf Fonval! ... Was hast du? ... Wa-

Sie blieb regungslos, vor soviel Aufruhr in mir.

– Du bist ganz weiß! Erschreck dich doch nicht so. –

Da erst sah ich, daß sie in grauenvoller Angst war, daß ihre Augen starrten, ihre Lippen blutleer waren, und daß sie mir mit ihrem todverzerrten Gesicht bedeutete, ich solle still sein ... hier sei eine Gefahr, so nah ... so sehr nah, daß sie mich mit keinem Wort, mit keiner Gebärde mehr warnen könnte ...

Was denn, Gott, was denn? ... Mein Blick lief um – ich sah nichts. Nirgends rührte sich was im Zimmer. Aber Unsichtbares schwang. Die Luft rührte sich wie feindselig – gab keinen Atem her – zum Ersticken. Wer wollte mir da an? Was Übernatürliches fast ...

Was Schrecklicheres, als wenn Mephisto selber hervorgesprungen wäre: wie da Lerne mit einemmal da war, aus einem Kleiderschrank heraus ...

– Du hast uns warten lassen, Nicolas!

Entsetzen ... Emma sank um. Schaum vorm Mund – und krümmte sich.

Jetzt! schrie der Professor auf deutsch.

Vorhänge rauschen, teilen sich nebenan. Ein paar Modelle aus Weidengeflecht fallen um. Wilhelm und Johann werfen sich auf mich.

Fäuste. Fesseln. Verloren.

Die Todesangst machte mich feige.

– Onkel! flehte ich. Töten Sie mich auf der Stelle! Ich beschwöre Sie! Nur nicht martern! Eine Revolverkugel – Gift – was Sie wollen – nur nicht martern!

Lerne rieb mit einer nassen Serviette Emmas Wangen und – grinste.

Mir war, als ob ich wahnsinnig würde. Wer weiß, vielleicht war's Mac-Bell, in diesem Augenblick geworden? ... Mac-Bell ... Klotz ... die Tiere alle ... Ich erlitt einen rasenden Schmerz um den Hinterkopf herum, von einer Schläfe zur ändern ...

Die Gehilfen trugen mich hinab. Johann am Kopf, Wilhelm an den Beinen. – Vielleicht setzten sie mich ganz einfach hinter Schloß und Riegel? Einen Neffen, zum Teufel, den würgt man doch nicht ohne weiteres ab wie ein Huhn ...

Sie nahmen den Weg zum Laboratorium ...

In einem Anfall von Ohnmacht glitt Tag für Tag meines Lebens in der Zeit eines Herzschlags – an mir vorüber.

Der Professor holte uns ein. Am Wohnhaus der Deutschen vorüber. Die Hofwand lang. Lerne öffnete eine Tür im Erdgeschoß des linken Hauses, und man schaffte mich, unter jenem Saal mit den Apparaten, in einen Raum wie ein Waschhaus, kahl wie eine Gruft und von oben bis unten mit weißen Kacheln ausgepflastert. Ein grober Vorhang, der auf einer Stange an Ringen hing, halbierte den Raum. Die Luft roch nach Apotheke. Und es war sehr hell. Und an der Wand, da stand ein kleines Gurtbett, auf das Lerne hinzeigte und sagte:

– Deine Liegestatt ist seit langem für dich hergerichtet, Nicolas...

Dann teilte mein Onkel Befehle in deutscher Sprache aus, und die beiden Gehilfen nahmen mir die Fesseln ab und entkleideten mich. Jeder Widerstand war vergeblich gewesen.

Ein paar Minuten später lag ich gemütlich zu Bett. Die Decke bis ans Kinn. Eingebunden. Johann wachte bei mir, rittlings auf einer Fußbank, der einzigen Ausstattung dieses Orts.

Durch den Vorhang, der halb aufgezogen war, sah ich eine andere zweiflügelige Tür; die auf den Hof hinaus. Mir gegenüber durchs Fenster mein alter Kamerad – die Fichte ... Mir wurde immer elender zumut. Bittern Geschmack, den Geschmack des nahen Todes im Mund. Gleich hob doch jene scheußliche Chemie an, die mein Sterben sein sollte! ...

Johann spielte mit einem Revolver und hatte jeden Augenblick was an mir zu schaffen. Er schien entzückt von der Farce. Ich drehte mich nach der Wand hin und las da was, das auf die Glasur mühsam, entstellt – mit einem Diamantring, wie mir schien – hingeritzt war:

Good bye for evermore, dear father. Doniphan.

Leb wohl für immer, lieber Vater. Doniphan. – Der Arme! Der lag einst ebenfalls hier auf diesem Bett ... Und Klotz wohl gleichfalls ... Und wer sagte mir, daß das die einzigen beiden Opfer vor mir gewesen waren? ... Aber was machte ich mir nun daraus? Wenig. Wenig. Verdammt wenig ...

Der Tag ging hin.

Und über uns war ein eilig Hin- und Herlaufen. Auf den Abend ward's seltener. Dann hörte es ganz auf. Und dann löste Karl, der aus Grey-l'Abbaye gekommen war, Johann ab.

Dann wurde ich gebadet. Und Lerne zwang mir eine bittere Arznei ein. Wohl Magnesiumsulfat. Nun blieb kein Zweifel mehr: man wollte mich metzgern. Das waren die Vorbereitungen zu einer Operation. Das kennt man – in diesem Jahrhundert der Tranchierkunst. Morgen früh also ging's los ... Was war's wohl, das man da auf meinem Leib experimentieren wollte, eh's ans endliche Krepieren ging? ...

Allein mit Karl.

Hunger hatt ich. – Nebenan war der unsäglich traurige Wirtschaftshof. Ich hörte Rascheln von Stroh, leises Gegacker, gedämpftes Gequiek. Das Viehzeug brüllte.

Nacht.

Lerne trat ein. Ich war maßlos erregt. Er fühlte mir den Puls.

– Hast du Schlaf? fragte er.

– Du Schinder! antwortete ich.

– Gut. Ich werde dir ein Beruhigungsmittel eingeben.

Er gab mir was. Ich trank's. Es schmeckte nach Chloral.

Wieder allein mit Karl.

Kröten singen. Sternfackeln schwingen. Der Mond zieht auf. Mit rostglühender Scheibe. Heilig ... Alle Schönheit der Nacht... Ein vergessenes Gebet, ein Kindersprüchlein kniet in meinem Herzen, in meinem zerrissenen Herzen – das glaubt neu an gestern und ans himmlische Paradies, glaubt stark, glaubt fromm ... »daß ich in Himmel komm ...« – Wie konnte ich je an der Wahrhaftigkeit des Paradieses zweifeln? ...

Der Mond, das ist der Himmelsmutter Diadem.

Kinderweinen ...

Und ich schlief ein in Delirien. Ein Brummkreisel tat wie Donnergeroll. (Es gibt quasi unhörbares Summen, das wie der Donner ferner Sündfluten tut.)... Da war was auf dem Weideplatz draußen. Wurde der geschlossen? Dieser Wirtschaftshof war unerträglich! ... Der Stier brüllte. Und mir war, als ob das Brüllen immer noch anwuchs. Näher? Trieb man Jupiter und seine Kühe denn abends in einen Stall dieser höchst sonderbaren Farm? ... Ach nein! ... Aber großer Gott, welch ein Heidenlärm! ...

Delirien ... Das narkotische Mittel, das mich entweder dem Tod weihte oder meinen Wahnsinn wollen sollte, wirkte ... und ich fiel in einen ungesunden künstlichen Schlaf, der bis zum Morgen währte.

Tippte mir wer auf die Schulter.

Stand Lerne – in einer weißen Bluse – an meinem Bett.

Als ob mir das Messer an der Kehle säße.

– Wieviel Uhr? Muß ich sterben? ... Oder ist schon alles vorüber? –

– Geduld, mein lieber Neffe! Es hat noch gar nicht angefangen.

– Was tun Sie mit mir? Wollen Sie mir die Pest einimpfen?... Die Schwindsucht? ... Die Cholera? ... Sagen Sie, Onkel! ... Nein? Was sonst?

– Sei kein Kind, sagte er.

Er trat zurück ... und da war ein Operationstisch da. Auf dem schmalen Gestell etwas wie ein Gittersieb – es sah ganz aus wie eine Folterbank. Instrumente, Flaschen blitzten in der Morgensonne. Eine Wolke Watte auf einem Tischchen. Jene beiden vernickelten Globen auf Ständern waren wie Taucherhelme ... und ein Rechaud brannte unter jedem ... Ich wurde beinah ohnmächtig.

Nebenan, hinter dem jetzt verschlossenen Vorhang ... da war was, da geschah was. Und ein penetranter Äthergeruch kam von da her. Geheimnisse! Geheimnisse ohne Aufhören!

– Was gibt's dahinten? schrie ich.

Und ich sah Karl und Wilhelm. Die räumten von der ändern Hälfte des Raumes etwas hierherein. Und auch sie hatten weiße Blusen an. – Waren sie mehr als nur Gehilfen? ...

Da hielt Lerne etwas in der Hand; und ich spürte etwas Kaltes aus Stahl im Genick. Und schrie von neuem auf.

– Esel, sagte mein Onkel. Das ist doch nur eine Schermaschine! Und er schor mir das Haar und rasierte mir dann die Kopfhaut. Jeden Strich fühlte ich wie einen Schnitt ins Fleisch.

Dann seifte man mir ein zweites Mal den Schädel ein und wusch ihn ... und dann beschrieb der Professor mit einem fetten Stift und einem schweren Kompaß kabbalistische Linien auf meiner Glatze.

– Jetzt zieh das Hemd aus! sagte er dann. Gib doch acht! Du verwischst mir sonst die Zeichnung!...

Und nun leg dich da hin und streck dich aus!

Sie halfen mir auf den Tisch hinauf. Und banden mich fest, die Arme unter dem Gitter.

Wo war wohl Johann?

Karl applizierte mir ohne ein Wort eine Art Maulkorb vors Gesicht. Ein intensiver Äthergeruch füllte mir die Lungen. – Warum kein Chloroform? dachte ich.

Lerne empfahl mir:

»Atme tief und regelmäßig ein, es ist zu deinem Besten .... Los!«

Ich gehorchte.

Lerne nahm eine Spritze zur Hand .... Au, au! Er stieß sie mir in den Nacken.

Zunge und Lippen wurden mir schwer und gehorchten nicht mehr.

»Wartet doch! Ich sch-schlaf doch nicht! ...«

Was ist das ... Gift? ... Syphilis?

»Nur Morphium,« sagte der Professor.

Betäubung kam über mich.

Ein zweiter – aber sehr schmerzhafter – Stich in die Schulter.

»Ich sch-schlafe noch nicht! Wart-tet um Gottes will... ich sch-schlafe noch nicht!«

»Weiter wollte ich nichts wissen!« brummte mein Henker.

Ein paar Augenblicke später lindert etwas meine Qual. Süß von irgendwo. Sagte die Zeichnung auf meinem Kopf denn nicht an, daß man mich nun gleich umbringen würde? Und Mac-Bell, der hätte dennoch die Trepanation überstanden? ...

Als ob man mich von mir selber entfernte, als ob man mich von mir selber forttrüge .... Silberne Schellen klingklingten einen himmlischen Chor, an den ich seitdem mich nie wieder erinnern konnte, obschon er mir damals unvergeßlich klang.

Ein neuer Stich in die Schulter - schier unfühlbar. Ich wollte ihnen wieder zurufen, daß ich noch nicht schliefe. Vergeblich. Meine Worte wurden nicht Klang, waren wie unter Wasser gesprochen, zutiefst, wie auf dem Grunde eines unendlichen Meeres. Meine Worte waren schon tot und gestorben; nur ich wußte noch von ihnen.

Die Vorhangringe auf der Vorhangstange klirrten.

Und dies war's, was ich ohne Wehtun litt (im Schoße eines vorgelogenen Nirwanas): Lerne bringt von der rechten Schläfe bis zur linken, um den Hinterkopf herum, einen tiefen Einschnitt an ... daß es wie ein halber Skalp ist ... und klappt mir dann den ausgeschnittenen Lappen über Augen und Nase: so daß die Stirnhaut das Scharnier dazu abgibt .... Von der Seite muß mein Kopf grad so blutig und rot anzuschauen sein wie ich damals den Schimpansen sah ....

»Hilfe! ... Schlaf noch nicht! ...«

Die Silberglocken lassen mich nicht schreien. Erst klingen sie wie tief im Meer versunken ... und jetzt so zerreißend, so fürchterlich dröhnend wie Sturmglocken ... Und dann versinke ich selber in einem Meer von Äther ...

Bin ich oder bin ich nicht? Ich bin ... ich bin ein Totes, das weiß, daß es ein Totes ist ... nun nicht mehr ....

Nichts.

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