Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/wallacee/diebnach/diebnach.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201100809
projectid442c57ac
Schließen

Navigation:

9

»Lesen Sie das«, sagte der Chefinspektor am nächsten Morgen, als sich Jack bei ihm zum Bericht meldete.

Jack nahm den Brief und warf einen Blick darauf. Das graue Papier kam ihm merkwürdig bekannt vor.

›Sehr geehrter Herr,

ich halte es für wichtig, Ihnen folgendes über Inspektor Jack Danton mitzuteilen: Er arbeitet mit einer Juwelendiebin zusammen, die vor kurzer Zeit die Brillantnadel von Miss Diana Wold gestohlen hat. Er unterstützt sie nicht nur, er ist auch in sie verliebt. Die Dame heißt Barbara May und war als Gast bei Lord Widdicombe, und zwar in derselben Nacht, wo die Brillantnadel entwendet wurde.

Wenn Sie sich die Mühe machen wollen, weiter nachzuforschen, werden Sie feststellen können, daß die Dame sich jedesmal dann als. Gast in einem Haus befand, wenn dort Schmuckstücke mit Brillanten abhanden kamen.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung

Ein aufrichtiger Freund‹

»Der Brief ist in London aufgegeben worden«, erklärte der Chefinspektor. »Nun, was haben Sie dazu zu sagen, Danton?«

Jack wurde erst rot, dann blaß. »Das ist eine ganz abscheuliche Geschichte!« rief er erregt.

»Sehr liebenswürdig ist das Schreiben nicht abgefaßt«, meinte der Chefinspektor trocken. »Kennen Sie übrigens Miss May?«

»Ja, ich kenne sie sehr gut«, entgegnete Jack offen. »Aber diese Verdächtigung ist unerhört!«

»Warum ärgern Sie sich darüber? Was finden Sie daran denn so besonders niederträchtig? Etwa die Behauptung, daß Sie sich in Miss May verliebt haben?« fragte der Chefinspektor grinsend.

»Das ganze Schreiben ist eine abscheuliche Verleumdung«, murmelte Jack aufgebracht.

Der Chefinspektor nickte.

»Davon bin ich überzeugt. Sie haben ja den Auftrag, den anonymen Brief Schreiber zu entlarven. Übrigens hat Diana Wold auch ein anonymes Schreiben erhalten. Sie hat mich vor kurzem angerufen und es mir mitgeteilt.«

Jack betrachtete den Brief genauer. Die Handschrift war natürlich verstellt, aber zweifellos hatte ein gebildeter Mensch den Brief verfaßt.

»Sie waren doch auf dem Landsitz von Lord Widdicombe, als die Brillantnadel gestohlen wurde«, fuhr der Chef Inspektor fort. »Haben Sie dort irgendeinen Anhaltspunkt gefunden, der uns weiterhelfen könnte?«

Jack schüttelte den Kopf.

»Nein«, log er und versuchte seinen Vorgesetzten ruhig anzusehen.

»Hm. Nun, wenigstens haben Sie mit dem Diebstahl nichts zu tun. Und dann noch eins: Auf keinen Fall dürfen diese Diebstähle in der Öffentlichkeit bekannt werden. Sie dürfen nicht über die Sache sprechen.«

Obwohl« Jack nicht mit der Aufklärung der Juwelendiebstähle beauftragt war, interessierte er sich doch für den Fall mehr als für die Sache mit den anonymen Briefen, und als er Scotland Yard verließ, ging er zu der bekannten Juwelierfirma Streetley. Sofort wurde er in das Büro des Besitzers geführt und sah sich einem älteren, düster aussehenden Herrn gegenüber, der ihn ziemlich kühl empfing.

»Ich muß zugeben, Mr. Streetley«, begann Jack, »daß ich offiziell nichts mit der Sache zu tun habe. Aber ich interessiere mich persönlich dafür, da Lord Widdicombe ein Freund von mir ist. Ich kenne auch Miss Diana Wold, der vor kurzer Zeit ihre Brillantnadel gestohlen wurde. – Was mich zu Ihnen führt: Es ist allgemein bekannt, daß die in letzter Zeit gestohlenen Schmuckstücke sämtlich während der vergangenen Monate in Ihrem Geschäft gekauft wurden.«

Mr. Streetley nickte.

»Das stimmt. Wir sind das größte Juweliergeschäft in London, und wir verkaufen und kaufen geschliffene Diamanten. Wir haben die wertvollste Sammlung von kostbaren Steinen in ganz Europa.«

»Haben Sie eine Erklärung dafür, daß all diese Brillantnadeln in letzter Zeit gestohlen wurden? Kennen Sie jemand, der etwas gegen Sie hat?«

Der alte Streetley lächelte.

»Selbst wenn das der Fall wäre, könnte ich nicht einsehen, warum die Leute Schmuckstücke stehlen, die wir längst verkauft haben. Das wäre eine etwas sonderbare Rache.«

»Dann können Sie mir also keine Erklärung dafür geben?«

»Nein, leider nicht.«

Mr. Streetley war offensichtlich sehr erleichtert, daß sich sein Besucher mit dieser Antwort zufriedengab und sich kurz danach verabschiedete.

Ais Jack durch die Verkaufsräume ging, sah er sich nach dem Geschäftsführer um, den er vor kurzem festgenommen und zur Polizeiwache gebracht hatte. Aber er konnte ihn nicht entdecken.

*

Jack war mit seinem Besuch nicht zufrieden. Er erinnerte sich, daß ihm einer seiner Freunde, ein reicher Börsenmakler, vor ein oder zwei Monaten erzählt hatte, er hätte seiner Frau bei Streetley eine Brillantnadel gekauft. Wahrscheinlich würde sie die nächste sein, zu der dieser geheimnisvolle Juwelendieb käme.

Er rief seinen Bekannten an, mußte aber zu seinem Bedauern feststellen, daß sich der Mann nicht in seinem Büro aufhielt. Ein zweiter Anruf hatte mehr Erfolg. Mr. Bordle war in seinem Haus in der Park Lane, und Jack machte sich auf den Weg, ihn aufzusuchen.

»Kommen Sie ruhig herein, Danton«, begrüßte ihn der Makler herzlich. »Meine Frau ist beim Friseur. Ich spüre wieder einmal meinen Rheumatismus und muß zu Hause bleiben. Sie können sich denken, daß ich mich hier zu Tode langweile.«

»Und ich fürchte, daß Ihnen das, was ich Ihnen sagen muß, auch nicht gerade angenehm sein wird«, erwiderte Jack lächelnd. »Vor einiger Zeit haben Sie mir doch erzählt, daß Sie Ihrer Frau eine Brillantnadel geschenkt haben, die Sie bei Streetley besorgten. Können Sie sich noch daran erinnern?«

Mr. Bordle nickte.

»Das stimmt. Ich habe sogar zwei gekauft: eine für meine Frau, eine für meine Schwester zur Hochzeit. Aber wenn ich das nächstemal wieder ein Schmuckstück kaufe«, fügte er hinzu, »gehe ich nicht wieder zu Streetley. Darauf können Sie Gift nehmen.«

»Aber warum denn nicht?« fragte Jack gespannt.

»Weil die Leute mir zu neugierig sind«, erwiderte Bordle. »Stellen Sie sich vor: Kaum hatten wir die Brillantnadel einen Monat, als auch schon ein Mann von der Firma kam und uns bat, sie ihm noch einmal mitzugeben, da allem Anschein nach ein Irrtum beim Fassen der Steine unterlaufen sein müßte. Die Firma wollte die Reparatur kostenlos übernehmen. Soweit ich entdecken konnte, war aber die Fassung vollkommen in Ordnung. Meine Frau wollte zuerst nichts davon wissen, die Brillantnadel wieder herzugeben. Und meine Schwester weigerte sich anfangs auch, es zu tun.«

»Hat Streetley denn von ihr auch die Rückgabe des Schmuckes verlangt?« erkundigte sich Jack erstaunt.

»Ja. Und schließlich haben wir auch nachgegeben und die Sachen zurückgeschickt. Sie haben die Brillantnadeln verdammt lange behalten. Es dauerte einen Monat, bevor wir sie wiederbekamen, und soweit ich es beurteilen kann, ist nichts daran geändert worden. – Übrigens haben sie einem Bekannten von mir dasselbe zugemutet.«

»Ach, sollte er auch seine Nadel zurückgeben?« wollte Jack wissen. »Wie viele solcher Nadeln mag Streetley wohl im Laufe eines Jahres verkaufen?«

»Sicher hunderte. Es ist das beste Juweliergeschäft Londons! Deshalb haben sie auch einen großen Kundenkreis. Aber warum interessieren Sie sich so lebhaft für die Geschichte?«

»Ich werde Ihnen den Zusammenhang erklären, aber Sie dürfen nicht darüber sprechen«, erwiderte Jack. »Bisher ist in der Öffentlichkeit noch nichts davon bekannt.«

Nun erzählte er, daß mehrere der Brillantnadeln, die bei Streetley gekauft worden waren, gestohlen wurden.

»Meine Nadel bekommt der Dieb bestimmt nicht«, sagte Bordle und lachte schallend. »Sie befindet sich in einem Safe meiner Bank, aber meine Schwester werde ich sicherheitshalber warnen.«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.