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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Lord Widdicombe, seine Gatten und Jack Danton fanden, daß Diana an dem Nachmittag ungewöhnlich still und zurückhaltend war.

Nachdem Barbara in ihr Zimmer gegangen war, um sich für die Reise fertigzumachen, richtete Jack eine Frage an Diana Wold.

Die beiden saßen allein in dem großen Wohnzimmer, von dem man einen herrlichen Ausblick in den Park hatte.

»Eins kann ich nicht verstehen, Miss Wold«, begann er. »Wie ist es nur möglich, daß der Dieb in Ihr Zimmer eindringen und die Tür aufschließen konnte, ohne daß Sie aufwachten? Schlafen Sie immer so fest?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Im Gegenteil, ziemlich leicht. Aber vielleicht lag es an der Tasse Schokolade, die mir Barbara May vor dem Schlafengehen brachte. Sie hatte eine außerordentlich beruhigende Wirkung.«

»Was sagen Sie da?« fragte Jack schnell.

»Barbara hat mir eine Tasse Schokolade gebracht, bevor ich einschlief«, entgegnete Diana gleichgültig. »Wir hatten vorher eine kleine Auseinandersetzung gehabt, und. das sollte wohl eine versöhnliche Geste von ihrer Seite sein.«

»Und was geschah später?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gleich darauf muß ich eingeschlafen sein, und ich schlief tief und traumlos. Ich bin während der Nacht kein einziges Mal aufgewacht und habe natürlich nicht gehört, daß jemand in mein Zimmer kam und wieder fortging.«

*

Jack Danton sprach ziemlich wenig während der Fahrt nach London. Barbara May dagegen war außerordentlich lebhaft und vergnügt.

Nachdem er ihr am Bahnhof noch ein Taxi besorgt hatte – die schöne Limousine, in der er sie neulich abends beobachtet hatte, schien für andere Gelegenheiten reserviert zu sein –, verabschiedete er sich und ging zu seiner Wohnung.

Dort zog er sich um, und schon eine halbe Stunde später saß er in einem Bus, der nach Süden fuhr. Jack war gespannt, was er dort herausbringen würde. Als der Schaffner erschien, bat er ihn um Auskunft.

»Ach, Sie wollen zur Bird-in-Bush Road? Ja, da sind Sie richtig eingestiegen. Sie liegt in der Nähe der Kanalbrücke und zweigt von der Old Kent Road ab. Ich sage Ihnen Bescheid, wenn wir soweit sind.«

Die Straße war äußerst lang und machte verschiedene Biegungen. Zu beiden Seiten standen hübsche kleine Villen. Nr. 903 lag an einer Ecke und hatte eine einfache gelbverputzte Fassade, die nicht so überladen war wie die der Nachbarhäuser.

Jack klingelte nicht gleich, sondern ging erst auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab. Das Haus lag ruhig und verlassen da, und nichts deutete darauf hin, daß es bewohnt war. Im Garten wuchs Unkraut auf den Wegen, und auch sonst machte das Grundstück einen ziemlich vernachlässigten Eindruck. Die Fenster schienen monatelang nicht geputzt worden zu sein.

Allmählich wurde es dunkel. Nach einiger Zeit kam ein Taxi die Straße entlang, hielt aber ein ganzes Stück vor dem Haus. Ein junges Mädchen stieg aus dem Wagen, und Jack erkannte entsetzt, daß es Barbara war.

Sie bezahlte den Fahrer und kam näher. Ohne Zögern ging sie durch die Tür des Vorgartens, und Jack sah, daß sie die Treppe hinaufstieg, die zur Haustür führte. Kaum hatte sie geklingelt, als auch schon von innen geöffnet wurde.

Der unbekannte Bewohner des Hauses mußte also auf sie gewartet haben! Was mochte sich nun im Haus abspielen?

Jack ging in die Seitenstraße, die an dem Garten vorbeiführte. Von hier aus konnte er auch die andere Seite des Hauses unauffällig beobachten. Er entdeckte aber nichts Besonderes, und schließlich kehrte er wieder in die Bird-in-Bush Road zurück. Gerade rechtzeitig – denn Barbara trat eben aus der Tür. Schnell ging sie in Richtung auf die Old Kent Road davon.

Sollte er ihr folgen? Nach einiger Überlegung entschied er sich aber dafür, zu bleiben und sich genauer mit dem Haus und der Umgebung vertraut zu machen.

Zunächst wollte er feststellen, wer das Haus bewohnte. Er wartete, bis Barbara außer Sicht war, dann ging er quer über die Straße und trat in den ungepflegten Vorgarten.

Als er geklingelt hatte, kam niemand, so daß er aufs neue auf den Knopf drückte. Nach einiger Zeit hörte er leise Schritte im Gang. Eine Kette rasselte, die Tür wurde vorsichtig eine Handbreit geöffnet, und in dem Spalt zeigte sich ein dunkles, ziemlich unfreundliches Gesicht.

»Wohnt hier ein Mr. Shing?«

»Ja«, antwortete der Inder in fließendem Englisch. »Aber er ist augenblicklich beschäftigt.«

»Ich möchte ihn sprechen«, erklärte Jack ungeduldig.

»Ich werde es ihm ausrichten.«

Der Mann wollte die Tür wieder schließen, aber Jack hatte bereits den Fuß in den Spalt geschoben, so daß sie offenblieb.

»Sie können nicht hereinkommen«, sagte der Inder aufgebracht. »Ich werde Mr. Shing sagen, daß Sie ihn zu sprechen wünschen, aber Sie müssen draußen warten.«

»Ich kann auch drinnen warten«, entgegnete Jack, drückte mit der Schulter gegen die Tür und schob sie auf.

In dem Augenblick öffnete sich eine Tür am anderen Ende des Flurs, und ein Mann trat heraus.

Es war nicht, wie Jack vermutete, ein Inder, sondern ein Europäer, gut gekleidet und außergewöhnlich sympathisch.

»Was wünschen Sie?«

»Ich möchte Mr. Shing sprechen.«

»Das geht jetzt nicht«, erwiderte der andere abweisend.

»Ich möchte ihn nicht nur sprechen, sondern ich werde ihn auch sprechen«, erklärte Jack heftig.

Zu seinem größten Erstaunen lachte der andere laut auf.

»An Ihrer Stelle würde ich diesen Versuch nicht machen, Mr. Danton.«

Jack starrte ihn an.

»Woher kennen Sie mich denn?«

»Ich weiß, daß Sie Inspektor Danton von Scotland Yard sind«, erklärte der Mann und lächelte über die Bestürzung, die seine Worte bei Jack hervorgerufen hatten. »Und ich versichere Ihnen, daß Mr. Shing wirklich nicht in der Lage ist, Sie zu empfangen. Er ist sehr krank. Das englische Klima bekommt ihm nicht, und ich habe strenge Anweisung, aufzupassen, daß er nicht gestört wird. Außerdem haben Sie kein Recht, in dies Haus einzudringen, Mr. Danton, wenn Sie nicht ausdrücklich dazu ermächtigt worden sind.«

Das stimmte. Jack lenkte ein: »Ich wollte ja nur ein paar Fragen an Mr. Shing richten.«

»Damit müssen Sie warten bis« – der Mann überlegte »kurz –, »bis Mr. Shing wieder so weit hergestellt ist, daß er sich mit Ihnen unterhalten kann.«

So endete dies Abenteuer ziemlich erfolglos.

Jack war nicht mit sich zufrieden, als er die Straße hinunterging und später an der Bushaltestelle wartete, um in die Stadt zurückzufahren.

Als er vor seiner Wohnung stand und die Tür aufschließen wollte, erinnerte er sich plötzlich an die Geschichte, die Lord Widdicombe von Indien erzählt hatte. Ihm fiel der Diamant der Göttin Kali ein, und plötzlich wußte er, warum es ihn nicht erstaunt hatte, daß ihm ein Inder die Tür öffnete.

Aber dann sagte er sich, daß die Geschichte des Lords doch keinen Zusammenhang mit diesem Erlebnis haben könnte. Wäre der Diamant der Göttin Kali in England, so könnte er Barbaras Benehmen vielleicht verstehen. Vor allem, daß sie mit diesem Mr. Shing zusammenarbeitete.

Fast die ganze Nacht lag er schlaflos im Bett und grübelte darüber nach, wie er eine Erklärung für diese seltsamen Dinge finden könnte, die Barbara entlasten würden. Er bekam Kopfschmerzen, ohne eine richtige Lösung zu finden. Unruhig schlief er doch ein.

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