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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 6
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
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6

Barbara war eine der ersten, die am nächsten Morgen erschienen. Trotz der anstrengenden Nacht sah sie wohl und ausgeruht aus; das hellgrüne Kleid, das sie trug, vertiefte sehr vorteilhaft das leichte Braun ihrer Haut.

Jack hatte bereits einen Spaziergang im Park gemacht und kam eben zurück. Die beiden waren die einzigen Gäste, die zu so früher Stunde aufgestanden waren.

»Guten Morgen, Miss May! Sie sind ja schon auf«, begrüßte er sie. »Es kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein, wenn man früh aufsteht. Der Käfer, der schon früh am Baum entlangkriecht, wird vom hungrigen Vogel geschnappt. Hätte er länger geschlafen, so wäre er mit dem Leben davongekommen.«

Sie gingen bis ans Ende des Parkes und genossen die herrliche Aussicht über die Wiesen, die sich bis zum Fluß hinzogen, und über die dunklen Eichenwälder, die die sanftgeschwungenen Höhenzüge bedeckten.

»Ist es nicht wunderbar hier?« rief Barbara.

»Ich fürchte, ich muß zur Post gehen.«

»Nun, ich würde Sie gerne begleiten. Warten Sie nur, bis ich meinen Hut geholt habe.«

Zusammen gingen sie den Fahrweg entlang, kamen an das Parktor und schlenderten dann die ruhige Dorfstraße hinunter. Jack trug das Päckchen, das er fortschicken wollte.

Wahrscheinlich ein Bericht an seinen Vorgesetzten, dachte Barbara.

Als sie später wieder auf der Straße standen, machte Barbara plötzlich halt.

»Eben fällt mir ein, daß ich noch Briefmarken haben muß«, sagte sie und drehte sich um. »Nein, Sie brauchen nicht mitzukommen, ich bin im Augenblick wieder da.«

Sie ging zurück ins Postamt und zog hastig einen Doppelbrief aus der Tasche ihres Kleides.

»Ein Eilbrief«, sagte sie. »Ich habe ihn bereits gewogen und richtig frankiert.«

Der Beamte betrachtete die Adresse, dann warf er ihn in den Postsack.

»Ich habe es mir doch anders überlegt«, erklärte Barbara, als sie wieder bei Jack war. »Ich fürchtete, Sie würden lang warten müssen, denn der Beamte ist sehr umständlich. Bis der die Mappe mit den Marken herausgeholt hat, vergeht eine kleine Ewigkeit. Und da wir noch nicht gefrühstückt haben, wollen wir schnell zum Schloß zurückgehen.«

»Wann fahren Sie wieder nach London?« fragte er nach einer Weile.

»Ich denke, heute nachmittag. Ich wäre schon heute morgen abgereist, aber es würde doch zu verdächtig aussehen, wenn ich jetzt in aller Eile das Schloß verließe. Es könnte zum Beispiel in der vergangenen Nacht ein Einbrecher im Haus gewesen sein ... Das kann man natürlich erst feststellen, wenn all diese faulen Leute aufgestanden sind und einen Blick in ihre Schmuckschatullen geworfen haben.«

Er lächelte. »Ich glaube nicht, daß in der letzten Nacht ein Einbrecher im Haus war«, erklärte er vergnügt.

Als sie ins Frühstückszimmer traten, fanden sie dort Lord Widdicombe und seine Frau vor, die bereits aufgestanden waren. Kurz darauf erschienen auch noch drei andere Gäste.

»Was macht denn Diana?« fragte der Lord und nahm sich von dem Rührei.

»Wir werden sie wohl kaum vor zwölf Uhr zu Gesicht bekommen«, meinte Lady Widdicombe. »Du weißt doch, daß sie gern lange schläft.«

»Ich wünschte nur, daß sie ein wenig munterer wäre«, seufzte der Lord. Er konnte das junge Mädchen nicht recht leiden, obwohl sie seine Nichte und er ihr Vormund war.

Diana wachte auch tatsächlich erst um ein Uhr auf. Sie fühlte sich außerordentlich wohl und stellte fest, daß sie selten so ruhig und tief geschlafen hatte.

Ich muß doch Barbara bitten, mir das Rezept für die Schokolade zu geben, dachte sie, als sie ihren Morgentee trank.

»Ist Post gekommen, Eileen?« fragte sie ihre Zofe, die gerade das Bad vorbereitete. Das Mädchen brachte ihr mehrere Briefe, und Diana sah sie rasch durch.

Eine halbe Stunde später war sie angezogen. Als Schmuck wollte sie eine Perlenkette und einen Ring tragen. Sie schloß die Stahlkassette auf, um beides herauszunehmen. Aber sie stieß einen spitzen Schrei aus, als sie hineinblickte.

»Eileen, kommen Sie schnell!« rief sie. »Wo ist meine Brillantnadel?«

»Sie haben sie gestern abend hineingelegt – ich habe es selbst gesehen.«

»Täuschen Sie sich auch nicht?«

»Nein, bestimmt nicht«, sagte die Zofe aufgeregt.

Diana sah schnell den Inhalt der Kassette durch. Außer der Nadel fehlte nichts, obwohl ein Smaragdring darin lag, der allein ein Vermögen wert war. Nur die Brillantnadel war gestohlen worden.

Diana klingelte, aber dann fiel ihr ein, daß sie bereits angekleidet war. Sie stürzte die Treppe hinunter und traf Lord Widdicombe in der Eingangshalle.

»Onkel Willie«, rief sie ihm zu, »jemand hat meine Brillantnadel gestohlen!«

»Verdammt«, stieß er hervor und winkte Danton heran, der sich eifrig mit Barbara May unterhielt.

Der Inspektor kam sofort und erkundigte sich, was es gäbe.

»Diana vermißt ihre Brillantnadel«, erklärte der Lord leise. »Bitte sprechen Sie mit ihr, und durchsuchen Sie unauffällig alle Räume.«

Aber Jack hatte keinen Erfolg. So sehr er sich auch bemühte, die Brillantnadel war und blieb verschwunden. Äußerst beunruhigt kam er in die Bibliothek, um Lord Widdicombe das Ergebnis seiner Nachforschungen mitzuteilen. »Ich kann die Geschichte nicht verstehen«, sagte er. »Miss Wold äußerte mir gegenüber, daß sie abends immer die Tür ihres Zimmers abschließt und den Schlüssel an der Innenseite steckenläßt. Heute morgen war aber die Tür nicht verschlossen.«

»Wäre es möglich, daß sie mit Gewalt von außen geöffnet wurde?«

»Das habe ich auch schon vermutet, aber es sind keinerlei Spuren zu erkennen.«

»Zum Teufel, wie kann denn das nur geschehen sein?« rief der Lord verärgert. »Hat denn Diana nichts gehört? Man sollte doch annehmen, daß sie aufwacht, wenn jemand im Zimmer ist.«

»Sie hat nicht das mindeste gemerkt. Übrigens wäre es auch möglich, daß einer der Gäste, der auf demselben Flur schläft, auf dem Sims an der Mauer entlanggegangen ist.«

»Das ist nicht anzunehmen – dazu gehörte wirklich außergewöhnlicher Mut. Der Dieb mußte geradezu die Nerven eines Seiltänzers haben.«

»Nun, der Mann, der dieses Schmuckstück gestohlen hat, besitzt sicher eiserne Nerven«, erwiderte Jack. »Rufen Sie Ihre Gäste zusammen und erklären Sie ihnen, was vorgefallen ist. Es ist schließlich möglich, daß jemand von dem mitgebrachten Personal die Nadel entwendet und in dem Zimmer seiner Herrschaft versteckt hat. Unter diesen Umständen wird man nichts dagegen haben, wenn die Gästezimmer durchsucht werden.«

»Das ist ein guter Gedanke.« Der Lord nickte erleichtert und befolgte Dantons Vorschlag. Auch die Gäste hatten nichts dagegen einzuwenden.

Nach außen hin hatte es den Anschein, als ob Lord Widdicombe die Untersuchung vornähme, aber in Wirklichkeit war es Jack, der sich dazu erboten hatte. Man fand jedoch nichts, und alle hatten Mitleid mit Diana.

Sie empfand es als wohltuend, so im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, tat aber so, als ob sie der Diebstahl wenig kümmere.

»Der Verlust der Nadel ist weiter nicht gefährlich«, meinte sie gleichgültig, »denn sie ist versichert. Es war allerdings ein schönes Stück, und zuerst war ich begreiflicherweise aufgeregt. Ich hatte es erst vor einem Monat bei Streetley gekauft.«

»Das ist aber merkwürdig«, bemerkte ihr Onkel stirnrunzelnd.

Seine Frau sah ihn erstaunt an.

»Wie meinst du denn das?«

»Nun, Mrs. Crewe-Sanders, der ebenfalls eine Brillantnadel gestohlen wurde, hatte sie doch auch erst vor einem Monat in demselben Geschäft erstanden.«

»Aber daran ist doch nichts Besonderes«, warf einer der Gäste ein.

Die Gesellschaft saß am Nachmittag im großen Wohnzimmer zusammen, und man unterhielt sich natürlich über den neuen Diebstahl.

»Streetley ist das größte und modernste Juweliergeschäft, das wir in London haben. Viele Damen kaufen dort mit Vorliebe ihren Schmuck.«

»Es ist mir nur unangenehm«, erklärte Diana, »daß dieser Einbrecher in mein Zimmer eingedrungen ist, während ich schlief.«

»Ja, ich wundere mich auch, daß er das gewagt hat«, erwiderte der Lord ironisch, aber dann fuhr er ernst fort: »Es tut mir entsetzlich leid, daß das geschehen ist. Ich hoffte, die Kricketwoche würde vorübergehen, ohne daß wir auf diese Art belästigt würden.«

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