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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 21
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
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3

Vier Wochen später saß das junge Mädchen in dem Büro des Rechtsanwalts Parsons. In einem entzückenden Kostüm und mit leuchtenden Augen hörte sie seine Erklärungen an. Für sie bedeutete das alles eine völlig neue Welt.

»Meiner Meinung nach ist es nötig, daß Sie das Eigentum Ihres Großvaters einmal selbst ansehen. Es ist sowieso besser, wenn Sie gleich an Ort und Stelle sind, wenn die Verträge und Urkunden unterzeichnet werden müssen.«

»Wer will denn die Ländereien in Kanada kaufen?«

»Sir John Storey. Er besitzt bereits den größten Teil der anliegenden Grundstücke. Ich weiß allerdings nicht, wozu er diese dann auch noch braucht. Er soll sowieso sehr reich sein und hätte sie eigentlich nicht nötig.«

»Daß sich ein englischer Baron in eine solche Einsamkeit zurückzieht und auf alle Annehmlichkeiten und allen Komfort verzichtet, kann ich nicht recht verstehen«, meinte Dorothy.

»Nun, er ist schon sechs Jahre dort, und es scheint ihm ausgezeichnet zu bekommen. Im übrigen kann uns das ja gleichgültig sein.«

Dorothy dachte einen Augenblick nach.

»Ich würde zu gern nach Kanada fahren, aber allein wird das nicht gut gehen.«

Mr. Parsons lächelte.

»Wenn es Ihnen recht ist, könnten mein Sohn und ich Sie ja begleiten. Sie haben meinen Sohn übrigens schon gesehen, als Sie durch das vordere Büro kamen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich glaube nicht. Dort saßen nur der Bürovorsteher und zwei Schreiber.«

Mr. Parsons war unangenehm berührt.

»Einer der beiden ist mein Sohn Reginald – Sie haben ihn wohl nicht so genau angesehen.«

Dorothy entschuldigte sich kurz. Mr. Parsons war auch von der Wichtigkeit seines Vorhabens zu sehr überzeugt, als daß ihn solche Kleinigkeiten hätten verletzen können.

»Also, wir werden Sie begleiten, damit Sie sicher zu Sir John Storey kommen.«

»Wieso denn zu Sir John Storey? Ich kann doch auch in der nächsten Stadt bleiben.«

»Leider ist keine Stadt in der Nähe, wo Sie bleiben könnten – im Gegenteil, wir werden etwa drei Tage reiten müssen, ehe wir den Landsitz des Barons erreichen. Außerdem habe ich gerade heute einen Brief von Sir John erhalten, in dem er Sie und mich sowie meinen Sohn herzlich zu sich einlädt, bis die Formalitäten zur Abtretung der Ländereien erledigt sind.«

»Ach, das ist ja herrlich!« rief Dorothy begeistert. »Schon immer habe ich mir gewünscht, reisen und etwas von der Welt sehen zu können.«

So kam es, daß Dorothy, Mr. Parsons und sein Sohn an einem kühlen Oktobermorgen mit dem Dampfer ›Nelson‹ in Little Beach eintrafen.

Der Ort war ziemlich klein: Er bestand nur aus wenigen Häusern.

Dorothy war begeistert von der herrlichen Gebirgslandschaft. Von weitem sah sie den riesigen Gipfel des Mount Mac Gregor, und es erschien ihr alles zauberhaft schön. Die hohen, schneebedeckten Bergriesen machten einen überwältigenden Eindruck auf sie. Schon auf der Fahrt hatten sich immer neue Wunder der großartigen kanadischen Landschaft vor ihr aufgetan. Tief atmete sie die köstlich frische Bergluft ein.

»Es ist verdammt kalt hier«, sagte Mr. Parsons ärgerlich, »und ich fürchte, daß wir auch kaum etwas Ordentliches zu essen bekommen.«

Er sah sich nach allen Seiten um und bemerkte an der Tür eines Hauses eine Anzahl von Männern. Einer von ihnen, in einem langen Mantel und schweren Stiefeln, kam auf sie zu. Der Rechtsanwalt ging ihm entgegen.

»Ihr Vater hat doch wohl dafür gesorgt, daß wir hier abgeholt werden, Mr. Parsons?« fragte Dorothy den jungen Mann.

»Sagen Sie doch bitte Reggie zu mir. Warum sollen wir uns nicht beim Vornamen nennen, Dorothy?« bat er.

»Weil ich nicht möchte, daß Sie mich mit Dorothy anreden«, entgegnete sie kurz.

*

Die Reise war herrlich, aber die ständige Gegenwart des jungen Parsons fiel ihr allmählich auf die Nerven. Die Anwesenheit des Rechtsanwalts machte ihr nicht viel aus, aber dieser vorlaute junge Mann, der ihr bei jeder Gelegenheit den Hof machte, war ihr lästig.

»Ich wünschte, Sie wären nicht so unliebenswürdig zu mir«, erwiderte er vorwurfsvoll. »Ich hatte keine Ahnung, daß Sie mir so gut gefallen würden, als ich meinem Vater versprach, diese Reise mitzumachen. Am liebsten würde ich dauernd mit Ihnen zusammen sein.«

»Sagen Sie, ist das der Mann, der uns durch die Berge begleiten soll?«

»Ja, ich nehme an. Mein Vater sagte, er wäre der Sheriff oder so etwas Ähnliches.«

»Reiten wir gleich ab?« fragte sie interessiert weiter.

»Ich hoffe«, brummte Reginald und starrte ärgerlich auf den Mann in dem groben Mantel und den Reitstiefeln. »Je eher wir aus diesem schrecklichen Nest fortkommen, desto besser ist es.«

Mr. Parsons kam mit dem Mann auf die beiden zu.

»Ich möchte Ihnen Sheriff Henesey vorstellen«, sagte er. »Er wird uns bis zu Sir John Storeys Landsitz begleiten.«

Der Fremde war ein gutaussehender stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren. Er schüttelte Dorothy und Reginald kräftig die Hand.

»Ihre Pferde und der Wagen stehen bereit – Sie wissen doch, daß wir etwa drei Tage unterwegs sein werden?«

»Kommen wir durch eine schöne Gegend?« erkundigte sich Dorothy. »Aber diese Frage ist wohl überflüssig, denn hier scheint es überall wunderbar zu sein«, fügte sie begeistert hinzu.

»Ich kenne Ihren Geschmack nicht«, entgegnete der Sheriff vorsichtig. »Interessant ist die Gegend sicher. Jedenfalls ist es nicht leicht, den Weg zu Sir John Storeys Landsitz zu finden, wenn man ihn nicht genau kennt. Keiner der Leute hier im Ort ist je dort gewesen, auch ich nicht – Sie hatten doch hoffentlich damit gerechnet, daß wir einen Führer brauchen?«

Die letzte Frage war an Mr. Parsons gerichtet, und der Anwalt nickte.

»Ja, ich glaube, das wollte ein gewisser Harvey übernehmen.«

Der Sheriff runzelte die Stirn.

»Joe Harvey? Ich fürchte, da muß ich Sie enttäuschen – er hat sich vor einer Woche ein Bein gebrochen und ist mit dem Dampfer nach Norden geschickt worden. Aber ich werde schon jemand auftreiben, wenn auch die Einheimischen sich nicht leicht überreden lassen werden und die Strecke leider auch nicht richtig oder nur teilweise kennen.« Henesey ging zu dem Haus zurück, von dem er gekommen war. Die Gruppe der Neugierigen bestand nur aus etwa sechs bis acht Männern. Der Sheriff verhandelte mit ihnen. Nach einer Weile kam er wieder.

*

»Also, von denen dort will es keiner tun, aber gestern abend ist ein Mann hierhergekommen, der es eventuell übernehmen würde, hieß es. Er kennt die Gegend gut, aber ich weiß nicht, ob Sie ihn zum Führer nehmen wollen.«

»Wer ist es denn?« fragte Mr. Parsons.

»Wir nennen ihn hier ›Harry mit den Handschuhen‹. Er muß Jäger sein, aber viel Mühe scheint er sich wohl nicht damit zu geben, denn bis jetzt hat er noch keine Felle zum Verkauf hergebracht. Regelmäßig alle sechs Wochen taucht er hier auf. Manche halten ihn für einen zweifelhaften Charakter, aber ich habe nie feststellen können, daß er sich etwas hätte zuschulden kommen lassen.«

Der Anwalt zögerte.

»Warum heißt er denn ›Harry mit den Handschuhen‹?«

»Weil er immer Lederhandschuhe trägt«, erwiderte der Sheriff ungeduldig. »Er sieht zwar nicht besonders vertrauenswürdig aus, aber man könnte ja mal mit ihm sprechen.«

Henesey pfiff und rief der Gruppe von Männern etwas zu. Einer von ihnen verschwand im Haus – offensichtlich der Gasthof – und kam nach einer Weile mit einem Mann wieder heraus, der wohl drinnen bei einem Bier gesessen hatte.

Henesey hatte nicht zuviel behauptet, wenn er meinte, ›Harry mit den Handschuhen‹ sähe nicht besonders vertrauenswürdig aus. Der Mann hatte einen struppigen Bart, und auch sein Haar hätte einen Friseur vertragen können. Sein linkes Auge war durch eine schmutzige Binde verdeckt. Sein Anzug war staubig und die Stiefel grau von Schmutzspritzern. Den Rucksack hatte er mit einem Strick über die Schulter gehängt. Der finstere Eindruck wurde noch verstärkt durch eine doppelläufige Büchse, die er in der Hand hielt, und einen Revolver, der in einem Futteral an seinem Gürtel hing. Er sagte kein Wort. Ruhig stand er vor den Ankömmlingen und musterte sie auf eine Weise, die dem Rechtsanwalt nicht besonders angenehm war.

»Kennt er den Weg auch wirklich?« fragte Mr. Parsons zweifelnd. Er hatte keine große Lust, mit diesem Individuum in eine so einsame Gegend zu gehen.

Der Fremde nickte.

Dorothy betrachtete ihn interessiert. Er paßte jedenfalls besser in diese wilde Gegend als ihre anderen Begleiter. Neugierig sah sie auf seine Hände, und tatsächlich trug er Handschuhe, die früher einmal eine helle Farbe gehabt haben mußten. Noch jetzt konnte man erkennen, daß das Leder außergewöhnlich fein und weich war.

»Also Sie sind unser Führer, Harry«, sagte der Rechtsanwalt.

Ohne ein Wort zu verlieren, wandte Harry der Gesellschaft den Rücken und ging fort.

»Unter keinen Umständen wird es Ihnen gelingen, ihn zum Sprechen zu bringen. In manchen Holzfällerlagern nennt man ihn deshalb den ›Stummen‹. Er hält sich immer abseits von den andern und sagt nur das Notwendigste.«

»Allem Anschein nach rasiert er sich auch nicht. Könnten wir ihn vom Friseur nicht ein wenig in Ordnung bringen lassen?«

Der Sheriff biß das Ende seiner Zigarre ab und steckte sie an.

»Der einzige Friseur in Little Pine Beach hat vor einer Woche das Delirium tremens bekommen.«

»Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als den Mann so zu nehmen, wie er ist«, meinte der Rechtsanwalt resignierend.

Dorothy konnte den Führer nicht so abstoßend finden. Irgendwie empfand sie einen gewissen Respekt vor seiner Wortkargheit und ruhigen Bestimmtheit. Als sich die Gesellschaft in Bewegung setzte, ritt sie darum auch hinter ihm, und sie grübelte die ganze Zeit darüber nach, was für ein Leben dieser Mann wohl führte. Für sie war es, als ob eine Gestalt aus einem Abenteuerroman lebendig geworden wäre. Fast ehrfürchtig betrachtete sie den Revolver – ob Harry damit wohl schon einen Menschen niedergeschossen hatte? Sicher kam man in einem solchen Leben nicht ohne Gewalt und Kampf aus.

Wahrscheinlich hatte er sich auf ähnliche Weise auch die Verletzung an seinem Auge zugezogen.

Je höher sie kamen, desto herrlicher wurde die Aussicht, die sie von Berghängen oder über Schluchten hinweg hatten. Sie ritten zunächst zum Dead-Horse-Paß. Gegen Abend sattelten sie ab, und man schlug Zelte für die Nacht auf. Henesey verhandelte eine Weile mit dem Führer, dann kam er zu den anderen zurück und schüttelte den Kopf.

»Wir müssen selbst unser Essen machen«, berichtete er. »Er will nur für die junge Dame etwas kochen – für niemand sonst.«

»Sagen Sie ihm doch, daß wir auch allein für die junge Dame sorgen können«, fuhr Parsons auf.

»Bestellen Sie ihm bitte, Mr. Henesey, daß ich sehr gerne probieren möchte, was er gekocht hat«, warf Dorothy ruhig ein.

Der Rechtsanwalt machte keinen Einwand«, warf aber seinem Sohn einen schnellen Blick zu.

Harry mochte der schlimmste Landstreicher in ganz Kanada sein – aber er konnte kochen. Er bot Dorothy eine ausgezeichnete dicke Gemüsesuppe mit Fleischeinlage an und hinterher eine Tasse Kaffee, wie sie ihn überhaupt noch nie geschmeckt hatte.

Mr. Parsons, der viel für gutes Essen übrig hatte, betrachtete melancholisch seine eigene Mahlzeit.

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf. Der Weg war jetzt breiter, so daß Dorothy neben dem schweigsamen Mann reiten konnte, der ihre Gedanken immer stärker beschäftigte.

»Was macht denn Ihr Auge? Ist es sehr schlimm?«

»Nein«, entgegnete er brummig.

Sie hätte ihn zu gerne gefragt, wie er zu der Verletzung gekommen wäre, aber sie traute sich nicht, ihn nochmals anzureden.

Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, sagte er plötzlich: »Es kam durch einen Jagdunfall – als ich einen Luchs schoß.«

Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her. Dann wandte sich Dorothy wieder an ihn.

»Diese Gegend ist herrlich. Es ist für mich Stadtkind wie eine Offenbarung. Aber Sie leben ja hier; für Sie ist das natürlich nichts Neues.«

Er antwortete nicht darauf.

»Warum reiten Sie eigentlich zu Storey?« fragte er nach einer Weile.

Sie erzählte ihm alles ganz offen, und er hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen. Während sie sprach, fiel ihr auf, daß in seinem Haar und Bart schon einzelne graue Haare zu sehen waren. Trotzdem hätte sie sein Alter nicht schätzen können, denn die braune Hautfarbe ließ ihn jünger aussehen, als er war.

Plötzlich sah er sie an.

»Sie hätten doch nicht in diese rauhe Gegend zu kommen brauchen«, sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Die Anwälte hätten die Verträge allein fertigmachen können.«

»Mr. Parsons sagte aber, es wäre nötig, daß ich käme.«

Auf einmal kam ihr ein Gedanke, und sie war so erstaunt, daß sie ihn laut aussprach.

»Morgen ist mein Geburtstag – ich werde dreiundzwanzig. Es wäre sehr schlimm für mich, wenn es schon der vierundzwanzigste wäre.«

Er kümmerte sich nicht um ihre Worte, und das ärgerte sie. Wieder ritten sie eine Weile schweigend nebeneinander her. »Warum wollen Sie denn nicht vierundzwanzig werden?« fragte er dann unerwartet.

»Ach, es ist nicht wichtig«, entgegnete sie kühl.

Er drang auch nicht weiter in sie, und das ärgerte sie noch mehr.

*

An diesem Abend war Reginald besonders aufmerksam zu ihr. Sein Vater schien ihn auch absichtlich mit ihr allein zu lassen. Schlimm wurde es aber, als Mr. Parsons den Sheriff mitnahm, um ihm vom Abhang einen wunderbaren Ausblick zu zeigen.

Dorothy hatte ihre Abendmahlzeit beendet und wollte gerade aufstehen, als Reggie auf sie zukam und sie am Arm festhielt.

»Gehen Sie bitte nicht weg, ich muß Ihnen was sagen, Dorothy«, sagte er und räusperte sich.

Sein Ton war so sonderbar, daß sie ihn erstaunt anblickte.

»Dorothy, ich liebe Sie«, erklärte er heiser. »Ich liebe Sie – ich habe Sie wirklich verdammt gern!«

»Ich will aber nicht, daß man mich ›verdammt‹ gern hat«, sagte sie kühl, obwohl sie innerlich vor Ärger über seine Hartnäckigkeit kochte.

Reginald wußte nicht, was er nun tun sollte. »Nimm die Festung im Sturm«, hatte ihm sein Vater am Nachmittag geraten.

»Dorothy«, begann Reginald wieder und ergriff ihre Hand, »ich bin Ihrer nicht wert.«

»Gott sei Dank, daß wir wenigstens einmal in unseren Ansichten übereinstimmen«, entgegnete sie. Aber bevor sie wußte, was geschah, hatte er sie in die Arme geschlossen und drückte seine Lippen auf die ihren.

Sie versuchte verzweifelt, sich frei zu machen, aber plötzlich packte jemand Reggie am Kragen und zog ihn zurück. Der junge Mann ließ sie los und schaute sich wütend um.

»Verdammt, was fällt Ihnen ein?« rief er außer sich. Er wollte sich losreißen, aber Harry hielt ihn eisern fest.

Schließlich ließ er los, gab ihm aber dabei einen solchen Stoß, daß er fast gefallen wäre. Fluchend zog Reginald seinen Revolver.

»Stecken Sie das Schießeisen ruhig wieder weg«, sagte Harry, und widerwillig gehorchte der junge Mann. Harry sah ihn so verächtlich an, daß ihm das Blut zu Kopf stieg.

»Was ist denn hier los?« fragte der Anwalt, der aufmerksam geworden war und eilig herbeikam.

Dorothy, die ein paar Schritte weitergegangen war, hörte, was Reginald seinem Vater erzählte. Zu ihrem größten Erstaunen wurde der Anwalt nicht ärgerlich über die Frechheit seines Sohnes, sondern wandte sich mit einem verbindlichen Lächeln an das junge Mädchen.

»Das ist allerdings sehr unangenehm, Miss Trent, besonders, weil ich am Tag der Abreise das Testament noch einmal genau durchgelesen habe. Dabei mußte ich leider feststellen, daß ich das Testament nicht genau genug geprüft habe. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß Sie vor Ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag heiraten müssen nicht vor Ihrem vierundzwanzigsten.«

Sie sah ihn erschrocken an.

»Was – bevor ich dreiundzwanzig werde?« Sie glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Sicher irren Sie sich.«

»Ich bedaure den Irrtum außerordentlich, aber in dem Testament steht ausdrücklich der dreiundzwanzigste Geburtstag, Es tut mir leid, daß ich Ihnen das Testament nicht gezeigt habe.«

Dorothy überlegte blitzschnell.

»Das heißt, daß ich neun Zehntel des Vermögens verliere, wenn ich nicht heute abend noch heirate?«

Parsons nickte zustimmend.

Harry, der noch immer dabeistand, sah, daß ihr das Blut in die Wangen stieg.

»Das Ganze ist ein abgekartetes Spiel!« rief Dorothy mit zitternder Stimme. »Deshalb also wollten Sie so dringend, daß ich in diese einsame Gegend reiste. Es wäre überhaupt nicht nötig gewesen, daß ich herkam. Sie haben es aber extra so eingerichtet, daß ich am Vorabend meines dreiundzwanzigsten Geburtstags hier von aller Welt verlassen und auf Sie angewiesen bin, weil Sie mich mit Reginald verkuppeln wollten!«

Wer konnte ihr nur hier helfen? Sie überlegte fieberhaft, ob es nicht noch einen Ausweg gäbe. Dann fiel ihr ein: »Sie sind natürlich der Beamte«, sagte sie zu Henesey, »der mich mit Reginald trauen sollte, nicht wahr?«

»Ja, deshalb habe ich die Gesellschaft begleitet – das war der Sinn meines Mitkommens«, erklärte der Sheriff, wandte sich ab und spuckte aus. »Mir wurde gesagt, Sie seien romantisch und hätten die Absicht, hier in den Bergen zu heiraten.«

Dorothy wußte plötzlich, was sie tun mußte. Sie trat zu Harry, der ihr trotz seines verbundenen Auges, seines wilden Bartes, seines abgerissenen Aussehens von Anfang an Vertrauen eingeflößt hatte.

»Kann ich Sie einen Augenblick allein sprechen?« fragte sie. Sie war rot geworden, sprach aber entschlossen weiter, nachdem sie sich von den anderen entfernt hatten.

»Sind Sie verheiratet?« fragte sie schnell.

Er schüttelte den Kopf.

»Ich gebe Ihnen zehntausend – nein, hunderttausend Dollar, wenn Sie mich jetzt heiraten. Aber Sie müssen mir versprechen, daß Sie mich verlassen, sobald wir wieder in Little Pine Beach sind.«

Er überlegte eine Weile.

»Ja«, erwiderte er dann. »Ich werde Sie verlassen, wenn Sie wieder in Little Pine Beach sind und es wünschen, daß ich Sie verlassen soll.«

Sie sah ihn prüfend an, aber er zuckte mit keiner Wimper.

»Also, wollen Sie mich heiraten?«

Er nickte.

»Ich sehe nicht ein, warum ich es nicht tun sollte. Ich habe heute abend sowieso nichts Besonderes vor.«

Dorothy ging zum Lagerfeuer zurück.

»Sheriff Henesey, können Sie mich jetzt trauen?«

»Selbstverständlich!«

»Mit oder ohne Papiere?«

»Eine Heiratsbewilligung brauchen wir hier draußen nicht.«

»Das ist ja wunderbar.« Sie nahm Harrys Hand. »Trauen Sie uns.«

Rechtsanwalt Parsons sprang auf.

»Nein! Das dürfen Sie nicht tun!« rief er laut.

»Sie können nichts daran ändern, seien Sie also still!« sagte Harry ruhig. »Mr. Henesey, fangen Sie doch bitte mit der Trauung an.«

In der Nacht schlief Dorothy im Zelt ihres Mannes. Er selbst wickelte sich in seine Decken und übernachtete draußen vor dem Zelt.

Am nächsten Morgen setzten sie den Ritt fort. Keiner von ihnen sagte ein Wort, und es herrschte allgemein eine gedrückte Stimmung.

Nur einmal brach Mr. Parsons das Schweigen.

»Wie heißt denn der Kerl eigentlich?« fragte er den Sheriff.

»Ich glaube Torker – oder Morley oder so ähnlich. Ich habe den Namen nicht genau verstanden. Aber er muß ihn mir ja sagen, wenn ich den endgültigen Trauschein ausstelle.«

Dorothy ritt mit ihrem Mann voraus, aber auch die beiden waren verhältnismäßig schweigsam.

Schließlich kamen sie am Nachmittag auf dem Gut Sir John Storeys an.

»Sind Sie dem Baron schon einmal begegnet?« fragte Dorothy ihren Mann.

Er schüttelte den Kopf.

Sie stellte noch ein paar Fragen, und er nickte nur, ohne etwas zu sagen.

»Gesprächiger sind Sie ja nicht geworden!« rief sie ärgerlich aus.

»Nein, ich sage selten, was ich denke.«

Bestürzt sah sie ihn an.

Er fuhr fort: »Vermutlich wollen Sie mich nicht mehr sehen, wenn wir zum Haus kommen. Es wird Ihnen nicht passen, in meiner Gesellschaft gesehen zu werden.«

»Sie haben versprochen, mich nach Little Pine Beach zurückzubringen. Außerdem müssen Sie mir doch noch Ihre Adresse sagen, damit ich Ihnen das Geld schicken kann.«

»Ich will kein Geld.«

»Aber Sie haben es doch versprochen!« rief sie ganz verzweifelt über solchen Starrsinn aus.

Er antwortete nicht darauf.

Das Haus des Barons war eine große Überraschung für Dorothy. Sie hatte in dieser Umgebung eigentlich Blockhäuser oder ähnliches erwartet. Was sie aber vorfanden, war ein wahrhaft fürstlicher Landsitz. Diener in Livree kamen aus dem Gebäude, halfen ihr beim Absteigen und brachten sie in die große Eingangshalle, die mit Geweihen und anderen Jagdtrophäen geschmückt war.

Auch ein Butler erschien, der ebensogut auf ein englisches Schloß hätte gehören können.

Dorothy sah sich nach ihrem Mann um, aber er war inzwischen verschwunden.

Reginald hatte sie beobachtet.

»Nun, wo ist denn der Herr Gemahl geblieben, Mrs ..., den Namen habe ich nicht verstanden?« erkundigte er sich spöttisch.

Dorothy wurde rot und wandte sich an den Butler.

»Ach, würden Sie Mr. – Mr. – sehen Sie doch bitte nach, ob mein Mann draußen ist«, führ sie dann energisch fort. Sie ärgerte sich nicht nur über die Taktlosigkeit des jungen Mannes, sondern schämte sich auch, daß sie ihren eigenen Namen nicht wußte.

Der Butler kam gleich darauf zurück.

»Er läßt sich entschuldigen – er käme später«, sagte er höflich.

»Ist denn Sir John zu Hause?« fragte der Rechtsanwalt.

»Nein, er ist augenblicklich nicht anwesend, aber ich werde ihm Ihre Ankunft melden, wenn er zurückkommt. – Ich habe Ihr Gepäck auf die Zimmer bringen lassen, meine Herren. Wollen Sie sich zum Abendessen umkleiden? Sir John tut es immer.«

Rechtsanwalt Parsons und sein Sohn hatten selbstverständlich Abendanzüge mitgenommen. Sheriff Henesey war schon wieder fortgeritten. Er hatte die Trauungsurkunde ausgefertigt und befand sich bereits auf dem Weg nach Little Pine Beach.

Dorothy sah ihren Mann an diesem Nachmittag nicht mehr. Nur einmal entdeckte sie ihn von weitem, Er hatte den Sheriff ein Stück begleitet und betrat das Haus von der Rückseite durch den Eingang für das Personal.

*

Mit größter Sorgfalt zog sich Dorothy zum Abendessen an. Es war das erstemal, daß sie in dieser Gegend ein richtiges Abendkleid anlegen konnte. Wie mochte wohl der Baron aussehen, schoß es ihr durch den Kopf. Ob sie ihm gefallen würde? Aber sie verscheuchte diesen Gedanken sofort. Was würde Harry sagen, wenn er sie in diesem Kleid sehen, könnte? Wahrscheinlich dachte er doch an nichts anderes, als möglichst bald in die nächste Stadt zu kommen und das Geld zu vertrinken, das er von ihr erhalten würde und das er bis jetzt so großspurig zurückgewiesen hatte. Trotzdem war sie gespannt, wann sie ihn wiedersehen würde – ihren Mann!

Strahlend trat sie ins Speisezimmer, das von vielen Lampen erleuchtet wurde, denn der Baron hatte einen nahegelegenen Wasserfall zu einem Kraftwerk ausbauen lassen.

Reggie betrachtete sie spöttisch.

»Nun, wissen Sie jetzt, wo Ihr Mann ist?« fragte er.

Dorothy ging auf den Butler zu, der respektvoll am Ende des Tisches stand.

»Würden Sie so freundlich sein und meinem Mann sagen, daß das Essen angerichtet ist?« bat sie ein wenig verlegen.

Sie wollte diese Rolle zu Ende spielen und sich vor allem in Gegenwart der beiden Parsons keine Blöße geben.

»Sie meint ›Harry mit den Handschuhen‹«, erklärte Reginald bereitwillig.

Der Butler verbeugte sich und verließ das Zimmer. Ein paar Minuten später erschien er wieder, öffnete die Tür weit und trat dann zur Seite.

»›Harry mit den Handschuhen‹«, sagte er dann laut.

Als der Rechtsanwalt erkannte, wer da hereinkam, fuhr er sich mit der Hand an den Kopf und wurde blaß vor Schreck. Dorothy aber hatte sich voller Staunen erhoben, sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen.

Harry hatte sich rasiert und den Verband abgenommen. Seine beiden Augen waren gesund und leuchteten zum erstenmal, seit sie ihn kannte, gutgelaunt und fast belustigt. Der Frack stand ihm tadellos, und das weiße Frackhemd unterstrich sehr vorteilhaft seine braune Hautfarbe.

Lächelnd verbeugte er sich, dann ging er zum Platz des Hausherrn. Er kümmerte sich überhaupt nicht um die beiden Parsons, sondern wandte sich lächelnd an Dorothy.

»Hoffentlich habe ich Sie nicht zu sehr überrascht«, erklärte er liebenswürdig, »aber Sie müssen bedenken, daß ich sechs Monate lang auf der Jagd war und während der Zeit keine Gelegenheit zum Haarschneiden oder Rasieren hatte.«

Er sah zum Butler hinüber.

»Tibbins, fangen Sie bitte mit dem Servieren bei Mylady an.«

Inzwischen war auch Mr. Parsons zu sich gekommen.

»Sie sind also Sir John Storey?« fragte er verlegen.

»Ja, das ist mein Name.«

»Aber in Little Pine Beach kannte Sie doch niemand?«

»Wenn ich dort hingehe, bin ich niemals anders angezogen«, sagte Sir John. »Ich bin leidenschaftlicher Jäger und jage hauptsächlich in jener Gegend. Am Tag vor Ihrer Ankunft traf ich ziemlich abgerissen dort ein. – Zu Ihrer Information, Lady Storey, ich bin in Little Pine Beach als ›Harry mit den Handschuhen‹ bekannt.

»Weil Sie immer Handschuhe tragen«, bemerkte Reginald sehr treffend.

»Ja, das tue ich, um meine Hände zu schonen.«

*

Als sich die Parsons zurückgezogen hatten, ging Sir John mit Dorothy auf die weite Terrasse, die einen überwältigenden Ausblick auf die von Mondlicht übergossenen Berge und Wälder bot.

»Es ist einzigartig schön hier«, sagte sie ergriffen. »Ich wundere mich jetzt nicht mehr, daß Sie sich hierher zurückgezogen haben. Aber ist es Ihnen manchmal nicht doch etwas einsam?«

Er streifte die Asche seiner Zigarette ab, bevor er mit seiner tiefen Stimme antwortete.

»Sie haben recht, manchmal ist es ziemlich einsam hier.«

Sie schwiegen beide verlegen.

»Und es wird noch viel einsamer werden, wenn Sie wieder nach Hause zurückkehren.«

Sie lachte und lehnte sich über das Geländer.

»Sie sind wirklich ein seltsamer Mann. Aber wenn Sie mich nach Little Pine Beach bringen...«

»Ja, was dann?«

Sie antwortete nicht gleich.

»Ich habe Ihnen versprochen, Sie dorthin zurückzubringen«, erklärte er, »und ich muß mein Wort halten.«

»Sie haben aber hinzugefügt, falls ich es wünschte«, erwiderte sie leise.

»Und – wünschen Sie es?«

Sie spielte mit einer Ranke, die sich um einen Pfeiler wand, und als sie sprach, war es so leise, daß er ihre Worte kaum verstehen konnte. Da nahm er sie einfach in die Arme und küßte sie, und sie wehrte sich durchaus nicht dagegen.

Ende

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