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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 2
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
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2

Inspektor Jack Danton trat in das Büro des Chefinspektors. Er glaubte genau zu wissen, warum ihn sein Vorgesetzter so plötzlich aus Paris zurückgerufen hatte.

Auf der Rückreise hatte er alle Zeitungsmeldungen über den neuesten Juwelendiebstahl gelesen. Die örtliche Polizei war offensichtlich diesem schlauen Kopf nicht gewachsen.

Wenn er – Danton – den Auftrag erhalten würde, diese Verbrechen aufzuklären, so wäre das eine Aufgabe nach seinem Geschmack gewesen. Er hatte nach dem Krieg die Laufbahn eines Kriminalbeamten bei Scotland Yard eingeschlagen. Mit Energie hatte er sich durchgesetzt, aber obgleich er bereits eine große Anzahl von Warenhausdieben hinter Schloß und Riegel gebracht hatte, sehnte er sich jetzt doch nach einem großen Fall, bei dem er einmal zeigen konnte, was wirklich in ihm steckte.

Den Zeitungsmeldungen nach war der letzte Juwelenraub ebenso ausgeführt worden wie alle früheren. Mrs. Crewe-Sanders hatte für mehrere Tage eine Anzahl von Gästen auf ihren Landsitz eingeladen, und in der letzten Nacht war die Brillantnadel gestohlen worden. Der Schmuck war sehr wertvoll, denn um das kostbare Mittelstück waren noch drei große dreieckig geschliffene Smaragde angeordnet.

Danton war darauf gefaßt, daß sein Vorgesetzter über diese Sache mit ihm sprechen würde.

»Nehmen Sie Platz«, sagte der Chefinspektor und nickte ihm freundlich zu. »Ich brauche Sie dringend.«

Jack lächelte. »Ich glaube, ich weiß, warum Sie mich sprechen wollen. Der letzte Juwelendiebstahl war ja wieder eine raffinierte Sache.« Er sah, daß der Chefinspektor die Stirn runzelte, und wunderte sich.

»Wovon sprechen Sie denn?«

Jack Danton schaute ihn erstaunt an.

»Ich meine den Juwelendiebstahl bei den Crewe-Sanders' in Shropshire.«

»Ach so!« Der Chefinspektor zuckte die Schultern. »Ich interessiere mich mehr für den sogenannten ›aufrichtigen Freund‹ als für den Juwelendieb. Außerdem hat die dortige Polizei noch nicht ausdrücklich um unsere Hilfe nachgesucht, wir brauchen uns also deshalb vorläufig keine grauen Haare wachsen zu lassen.«

Jack lachte.

»Ich verstehe wirklich nicht, was Sie meinen. Von welchem ›aufrichtigen Freund‹ sprechen Sie denn eigentlich?«

Der Chefinspektor klopfte mit der Hand auf einige Papiere, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen.

»Es handelt sich um einen anonymen Briefschreiber, der stets mit ›Ein aufrichtiger Freund‹ unterschreibt. Er schickt unverschämte Briefe an hochstehende Persönlichkeiten und hat schon viel Unheil damit angerichtet. Offenbar weiß er einiges über diverse Mitglieder der Gesellschaft, das auf keinen Fall an die Öffentlichkeit dringen darf. Diese Leute sind natürlich überzeugt, daß niemand etwas von ihren Geheimnissen ahnt, und sind jetzt verständlicherweise entsetzt. Offen gestanden glaube ich, daß es sich um eine Frau handelt, denn die Handschrift hat typisch weiblichen Charakter. Natürlich ist sie verstellt, aber selbst unter diesen Umständen kann man erkennen, daß eine Frau die Schreiberin ist. Hier haben Sie einen der Briefe.«

Er reichte Jack einen Bogen über den Tisch.

Der Inspektor las die Zeilen und lachte spöttisch.

»Das kann ja beträchtliches Unheil anrichten«, meinte er. »An wen war denn der Brief adressiert?«

»An Lord Widdicombe. Wie Sie sehen, handelt es sich um eine Verleumdung seiner Frau, die ihm untreu geworden sein soll. Glücklicherweise ist der Lord ein intelligenter, vernünftiger Mann, der zu seiner Frau das größte Vertrauen hat. Er zeigte ihr den Brief und hat ihn dann uns zur Verfügung gestellt. – Ich möchte Sie nun bitten, nach Shropshire zu fahren. Sie haben ja viele Bekannte in diesen Kreisen, und ich brauche Ihnen wahrscheinlich nicht erst lange Empfehlungsschreiben mitzugeben. Sind Sie schon einmal in der Gegend gewesen?«

»Ja, gewiß«, erwiderte Jack und lächelte. »Ich bin schon sehr lange mit den Widdicombes befreundet, und zufälligerweise habe ich gerade eine Einladung von ihnen erhalten, sie auf ihrem Landsitz zu besuchen.«

*

Zuerst war Jack sehr enttäuscht, daß ihm nicht die Aufklärung der Juwelendiebstähle übertragen wurde, aber schließlich fesselte ihn jede neue Aufgabe, und er war gespannt, was er in Shropshire erleben würde.

Er nahm die Akten, aus denen alle weiteren Einzelheiten hervorgingen, in sein Büro mit und brachte den Vormittag damit zu, die einzelnen Briefe und Handschriften miteinander zu vergleichen. Nach einer Weile lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und dachte angestrengt nach.

»Ausgerechnet Shropshire!« murmelte er vor sich hin und mußte unwillkürlich lächeln. »Barbara May ist doch gerade von Shropshire nach London gekommen.«

Bei dem Gedanken warf er einen Blick auf seine Uhr und erhob sich eilig.

Es war möglich, daß sie heute morgen einen Spazierritt im Hyde Park machte. Schon manchmal war er um diese Zeit dorthin gegangen, um die Reiter zu beobachten, und war enttäuscht gewesen, wenn er sie nicht getroffen hatte.

Gleich darauf fuhr er in einem Taxi bis zur Hyde Park Corner. Langsam ging er dann die belebten Parkwege entlang und musterte die vorbeikommenden Reiter.

Plötzlich schlug sein Herz schneller, denn er sah Barbara. Sie hielt unter einem Baum und sprach mit einem Herrn, in dem Danton ein Parlamentsmitglied erkannte. In vorzüglicher Haltung saß sie auf einem großen Rappen. Wieder einmal kam Jack, als er sie so vor sich sah, Barbaras Schönheit zum Bewußtsein. Er winkte ihr zu.

»Hallo, Mr. Danton!« rief sie, beugte sich nieder und gab ihm die Hand. »Ich dachte, Sie wären in Paris?«

»Gestern morgen hatte ich noch keine Ahnung, daß ich so bald wieder in London sein würde«, antwortete er, »aber man hat mir ein Telegramm geschickt, daß ich zurückkommen soll.«

Schon oft hatte er sich mit Barbara May unterhalten, nachdem er sie im Londoner Haus von Lady Widdicombe kennengelernt hatte. Aber bisher hatte er ihr noch nicht erzählt, weichen Beruf er ausübte; eigentlich war es ihm recht, daß sie noch nie neugierig danach gefragt hatte.

Er wußte, daß sie die Tochter eines Beamten im Außenministerium war und daß sie selbst während des Krieges dort gearbeitet hatte. Sie besaß kein Vermögen, und es hieß, daß Lady Widdicombe versuchte, einen geeigneten Mann für sie zu finden. Das war eigentlich alles, was Danton über Barbara May wußte, aber wenn er sie getroffen hatte, wartete er jedesmal mit Ungeduld auf die nächste Gelegenheit, sie wiederzusehen.

»Sie hatten mir doch fest versprochen, daß Sie mit mir ausreiten würden!« sagte sie vorwurfsvoll. »Jetzt wird wohl nichts mehr daraus werden, denn morgen verlasse ich London.«

Als sie die Enttäuschung in seinem Gesicht bemerkte, lachte sie.

»Ich fahre nach Shropshire«, fuhr sie fort. »Bei den Widdicombes findet wieder die Kricketwoche statt. Kommen Sie auch?«

Er atmete erleichtert auf, denn nun war der Besuch bei seinen Bekannten nicht nur Pflicht, sondern auch eine große Freude.

»Ja, zufällig fahre ich morgen abend auch dorthin. Dann werden wir also doch noch zusammen ausreiten?«

Sie nickte.

»Waren Sie die ganze Zeit in London?« fragte er, um die Unterhaltung nicht abreißen zu lassen.

Einen Augenblick zögerte sie.

»Nein, ich war auf Schloß Morply bei Mrs. Crewe-Sanders.«

Er starrte sie erstaunt an.

»Ach, das ist die Dame, die ihre Brillantnadel verloren hat?«

Es schien ihm, als ob sie rot würde.

»Ja«, erwiderte sie kurz und ritt mit einem kühlen Nicken davon.

Bestürzt schaute er ihr nach. Hatte er etwas gesagt, worüber sie sich geärgert haben könnte? Das war das letzte, was er beabsichtigte. Früher war sie doch nicht so empfindlich gewesen! Sie hatte sich also auf Schloß Morply aufgehalten, als dort die Brillantnadel gestohlen wurde. Wieder tat es ihm leid, daß man ihm nicht den Auftrag gegeben hatte, diese Verbrechen aufzuklären. Es wäre doch interessant gewesen, wenn Barbara May ihm die Geschichte erzählt hätte. Dann hätte er von ihr alle Einzelheiten erfahren können.

Er kehrte in sein Büro zurück und wußte nicht, warum er sich plötzlich so unbehaglich fühlte. Gewöhnlich weiß man ja den Grund für so etwas, aber Jack war nicht imstande, sich darüber klarzuwerden.

Am Nachmittag vertiefte er sich in seine Arbeit und war damit beschäftigt, bis er gestört wurde.

Das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte, und als er den Hörer abhob, hörte er die Stimme des Chefinspektors.

»Wenn Sie bei den Widdicombes zu Besuch sind, halten Sie die Augen offen – vielleicht können Sie etwas über diesen geheimnisvollen Juwelendieb erfahren. Ich habe so eine Ahnung, daß er der dortigen Gegend auch einen Besuch abstattet.«

Er dachte, und Jack fragte sich verwundert, als er den Hörer wieder auflegte, was er wohl damit gemeint hatte.

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