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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15

»Nun, haben Sie sich jetzt genügend ausgesprochen?« erkundigte sich Diana spitz, als Jack und Barbara in den Ballsaal zurückkehrten. Kurz davor hatte er Barbara eingeholt und mit einem Lächeln ihren Arm genommen.

»Jedenfalls haben wir Sie mit keinem Wort erwähnt, liebe Diana«, antwortete Barbara ebenso spitz.

Frauen sind doch merkwürdige Wesen, dachte Jack und wartete von da ab mit Ungeduld, daß es Mitternacht würde.

Allmählich versammelten sich die Hausangestellten und Diener auf der Galerie. Als sich gegen zwölf Uhr seine und Barbaras Blicke trafen und sie ihm zunickte, ging er langsam aus dem Saal.

Der Ballsaal befand sich im Erdgeschoß, das Billardzimmer im ersten Stock, die Schlafzimmer im zweiten Stock.

Jack schlenderte die Treppe hinauf und war froh, daß er niemandem begegnete. Im Billardzimmer brannte eine Deckenlampe, und er drehte auch alle Wandleuchten an. Dann nahm er einen Billardstock und legte ihn auf den grünbespannten Tisch. Vorsichtig schlich er dann zum Treppenabsatz zurück, gerade als Barbara heraufkam. Sie sagte kein Wort, nickte ihm aber freundlich zu und eilte die Treppe zum zweiten Stock hinauf.

Ihm war nicht wohl in seiner Haut, denn er fürchtete, durch einen Zufall könnte doch jemand heraufkommen. Es vergingen fünf Minuten – zehn Minuten, da bemerkte er eine Gestalt am Fuß der Treppe und erkannte zu seinem Schrecken, daß es Diana war. Er hatte gerade noch Zeit genug, den Lichtschalter anzudrehen, bevor sie ihn sehen konnte.

»Aber Jack, was machen Sie denn hier oben?« fragte sie verwundert.

»Ich wollte eine Partie Billard spielen, aber ich kann keinen Partner finden«, entgegnete er so ruhig wie möglich. Er stand wie auf glühenden Kohlen, denn jeden Augenblick konnte Barbara herunterkommen.

»Aber warum wollen Sie denn Billard spielen? Dann brauchen Sie doch nicht auf einen Ball zu kommen! Warum tanzen Sie nicht, und wo haben Sie Barbara gelassen?«

»Sie ist wahrscheinlich gescheiter als ich und amüsiert sich. Ich habe sie kurz vorher noch unten im Ballsaal gesehen.«

»Also kommen Sie, dann werde ich mit Ihnen Billard spielen«, erwiderte sie und trat in das Billardzimmer.

Er folgte ihr und schloß die Tür.

»Ach, bitte nicht, Jack, es ist so heiß hier drinnen.«

Er ging zur Tür zurück und öffnete sie eine Handbreit.

»Nein, machen Sie sie weit auf. Denken Sie an meinen guten Ruf«, sagte sie spöttisch.

Zögernd öffnete er die Tür etwas weiter.

»Ach, ich möchte eigentlich ebensowenig Billard spielen wie Sie«, meinte Diana plötzlich und stellte den Stock wieder zurück, den sie schon in der Hand hielt. »Billard ist so entsetzlich langweilig. Aber was ist denn mit Ihnen? Sie schauen ja aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.«

Er lachte nervös.

»Ich habe den ganzen Tag über Gespenster verfolgt. Kommen Sie, Diana, wir wollen wenigstens ein Spiel machen.«

Er wollte sie ablenken und hoffte, Barbara hätte Gelegenheit vorbeizuhuschen, wenn Diana beim Spiel der Tür den Rücken zukehrte.

»Nein, ich habe wirklich keine Lust, Billard zu spielen«, beharrte sie. »Ich wollte eigentlich auf mein Zimmer gehen und etwas Aspirin holen. Molly Banton hat furchtbare Kopfschmerzen, und ich habe es ihr versprochen.«

»Ach, die junge Dame kann ein wenig warten«, sagte er, aber Diana war schon auf der Treppe nach oben. Gleich darauf hörte er, daß sie einen Schrei ausstieß.

»Jack! Jack!«

»Was ist denn?« rief er heiser.

»Kommen Sie schnell herauf!«

Er stürzte nach oben und trat in das luxuriös ausgestattete Schlafzimmer. Diana stand vor ihrem Toilettentisch.

»Schauen Sie her!« rief sie atemlos. »Jemand hat den Safe geöffnet. Nun ist mir auch noch die andere Brillantnadel gestohlen worden!«

Er war so bestürzt, daß er keinen klaren Gedanken fassen konnte.

»Was, die andere Brillantnadel ist Ihnen gestohlen worden?« fragte er, und während der ganzen Zeit überlegte er, wo sich Barbara versteckt haben mochte. Sie mußte an der Treppe gelauscht haben, als Diana ins Billardzimmer kam. Dann hatte sie sicher die Gelegenheit benützt, als er die Tür für einen Augenblick schloß, um hinunterzueilen. Er atmete erleichtert auf, als ihm dies klar wurde. Nun war ihm alles gleich. Er hätte auch sofort den ganzen Raum durchsucht, wenn Diana es von ihm verlangt hätte.

»Haben Sie gesehen, daß jemand die Treppe hinauf« ging?« fragte sie argwöhnisch.

»Nein, ich habe niemand gesehen.«

»Jack, sagen Sie auch die Wahrheit? War Barbara hier oben?« Sie sah ihn vorwurfsvoll an.

»Nein, ich schwöre es Ihnen, daß sie nicht oben war.«

»Warum waren Sie im Billardzimmer? Sie spielen doch sonst nie Billard, Jack. – Wo ist Barbara?«

»Im Ballsaal. Das habe ich Ihnen doch schon gesagt.«

»Gut. Dann wollen wir sehen, ob wir sie dort finden«, entgegnete sie entschlossen.

Zusammen gingen sie die Treppe hinunter, und als ihnen der Butler begegnete, fragte sie ihn sofort nach Miss May.

»Miss May ist schon nach Hause gegangen. Ich sah, daß sie vor etwa vier Minuten das Haus verließ. Sie kam in die Garderobe, um ihren Mantel zu holen.«

»Ach so«, sagte Diana langsam. Dann wandte sie sich an Jack. »Bitte suchen Sie sofort Barbara auf. Aber vermeiden Sie einen Skandal!«

Kurz darauf stand Jack auf der Straße und ließ sich von einem Taxi zu Barbaras Wohnung fahren.

Wieder einmal klingelte er an ihrer Wohnungstür. Lange Zeit kam niemand, aber schließlich hörte er Schritte. Barbara öffnete die Tür, doch sie zog unwillig die Brauen zusammen, als sie Jack erblickte.

»Ich kann Sie jetzt nicht brauchen, Jack. Gehen Sie bitte wieder.«

»Ich muß Sie etwas fragen, Barbara.«

»Ach, gehen Sie doch bitte!« rief sie verzweifelt.

»Nein, ich denke nicht daran«, erklärte er hartnäckig. »Ich muß wissen, was hier gespielt wird.« Er schob sie beiseite, trat in den Flur und ging geradewegs ins Wohnzimmer. Bestürzt blieb er stehen, als er einen Blick in den Raum warf. An dem großen Tisch in der Mitte unter der Lampe saßen drei Männer. Der eine war der Herr, den er in der Bird-in-Bush Road gesehen hatte, der zweite Mr. Smith, der Geschäftsführer von Streetley, der dritte ein hagerer, kleiner Inder mit einem weißen Turban.

Der Inder hielt die gestohlene Brillantnadel in der Hand und bog gerade die Goldfassung des mittleren großen Brillanten zurück, so daß sich der Stein lockerte.

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