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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
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14

Hastig nahm Diana den zweiten Einsatz heraus. Er enthielt auch nichts, und im dritten lag nur ein Stück Papier, auf dem mit Schreibmaschine eine Zeile geschrieben war. Jack las sie und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er Diana den Zettel reichte.

›Tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß‹, stand darauf.

Das war fast zuviel für Jack. Eine Stunde lang hatte er das Schlimmste befürchtet – und nun dies!

Er lachte schallend. »Nun, Miss Wold, wo ist denn Ihre Nadel?« fragte er nach einer Weile.

»Noch vor einer Stunde war sie hier – darauf kann ich einen Eid leisten«, gab sie wütend zurück. »Ich habe sie doch mit eigenen Augen gesehen.«

»Ach – gesehen haben Sie die Nadel? Sehr interessant! Dann haben Sie also das Zimmer durchsucht? Das hätte ich aber an Ihrer Stelle nicht getan!«

»Ich habe es aber getan«, entgegnete sie trotzig. »Es hat keinen Zweck, daß Sie mich so entrüstet anstarren. Ich sage Ihnen, daß ich alle gestohlenen Nadeln noch vor einer Stunde hier in der Wohnung gesehen habe. Sechs Stück!«

Ohne noch ein Wort zu verlieren, wandte sie sich ab und verließ das Schlafzimmer.

»Also, das wäre erledigt«, meinte Jack abschließend, nachdem sie gegangen war. »Und nun muß ich Miss May erklären, wie ich in ihre Wohnung kam jedoch dazu mit einem Haussuchungsbefehl. Das wird nicht leicht werden.«

Er konnte es nicht verstehen. Etwas mußte doch an der Sache gewesen sein. Er war fest davon überzeugt, daß Diana niemals eine so schwere Anklage gegen Barbara May erhoben hätte, wenn sie nicht sicher gewesen wäre, daß sich die Juwelen in der Wohnung befanden.

Das Vorhandensein des Zettels auf dem Boden der Kassette bewies außerdem, daß etwas dringewesen sein mußte und entfernt worden war, bevor er mit den Beamten die Wohnung betrat.

Aber Barbara war doch gar nicht in London. Sie besuchte Bekannte auf dem Lande und konnte daher die Juwelen nicht fortgeschafft haben – immer vorausgesetzt, daß sie überhaupt in der Wohnung versteckt gewesen waren.

*

Als Jack hörte, daß Barbara nach London zurückgekehrt war, machte er ihr einen Besuch, aber noch bevor er sich bei ihr entschuldigen konnte, unterbrach sie ihn mit einem Lächeln.

»Ich weiß genau, was geschehen ist, Mr. Danton, und ich weiß auch, daß Sie nicht dafür verantwortlich sind. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn Sie Diana eine Stellung bei Scotland Yard verschafften? Sie scheint ein ausgezeichneter Detektiv zu sein.«

»Sie ist nicht allein schuld«, entgegnete Jack. »Es war nicht recht von mir, daß ich meinem Vorgesetzten die Meldung machte.«

»Nein, so dürfen Sie die Sache nicht ansehen. Es war doch Ihre Pflicht, und Sie konnten nicht anders handeln.« Sie lachte zufrieden. »Es muß für die arme Diana eine furchtbare Enttäuschung gewesen sein, als sie entdeckte, daß ich nicht die Juwelendiebin bin.«

Sie sah Jack an. Beide mußten lachen.

»Wissen Sie«, sagte Jack dann ernst werdend, »daß alle gestohlenen Brillantnadeln ihren Eigentümern wieder zurückgegeben wurden? Auch Diana hat ihre Nadel wieder erhalten.«

»Ach, sieh mal einer an, das ist ja interessant«, murmelte sie. »Und man hat tatsächlich alle Brillantnadeln zurückgegeben?«

Er nickte.

Barbara brachte das Gespräch auf andere Dinge. Jack schien es plötzlich, als ob sie blaß und angegriffen aussähe. Ihre Augen hatten den strahlenden Ausdruck verloren, und sie schien nervös zu werden.

Kurz bevor er ging, erwähnte sie Diana noch einmal.

»Zum Zeichen, daß ich ihr nichts nachtrage, will ich auf die Gesellschaft gehen, die sie heute abend gibt. – Werden Sie auch dasein?«

Jack hatte ebenfalls eine Einladung erhalten, sie aber ignoriert. Daß Barbara auch dort hingehen würde, änderte die Sache natürlich.

»Es ist wirklich großzügig von Ihnen, daß Sie Diana verzeihen wollen«, sagte er herzlich. »Wenn Sie kommen, werde ich natürlich auch dort sein.«

»Jack, wissen Sie auch, daß Diana zwei Brillantnadeln hat? Nun werde ich Gelegenheit haben, auch die andere Nadel zu stehlen. Aber verraten Sie mich nicht«, vertraute sie ihm augenzwinkernd an.

Jack war entsetzt.

»Barbara, Sie wissen nicht, was ich in den letzten Tagen alles durchgemacht habe. Bitte regen Sie mich nicht mehr auf!«

*

Diana gab stets glänzende Gesellschaften. Jack hatte zwar erwartet, viele berühmte Leute dort zu treffen, aber dies Aufgebot an gesellschaftlichen Größen überraschte ihn doch.

Als er die breite Treppe hinaufstieg, sah er Diana, die die Gäste oben begrüßte. Sie trug ein kostbares Kleid aus Silberlamé, und ihre blonden Locken türmten sich zu einer kunstvollen Hochfrisur auf ihrem kleinen Kopf. Sie sah blendend aus. In der Haltung einer Dame von Welt begrüßte sie Minister, Botschafter, deren Gattinnen – und auch Jack empfing sie mit einem strahlenden Lächeln.

»Ich freue mich, daß gerade Sie gekommen sind«, sagte sie leise. »Haben Sie mir verziehen?«

»Ich brauche Ihnen doch nichts zu verzeihen«, erwiderte er ablehnend, denn im Grunde genommen konnte er ihr ihre niedrige Handlungsweise durchaus nicht verzeihen.

»Ich sehe, Sie sind mir noch böse«, sagte sie und lachte leicht. »Nun, gehen Sie in den Saal und suchen Sie Barbara. Sie sieht heute abend bezaubernd aus.«

Er entdeckte Barbara in einer Ecke des Ballsaales. Sie unterhielt sich lebhaft mit einem Bekannten, aber als sie Jack erblickte, entschuldigte sie sich und kam auf ihn zu.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Jack«, sagte sie und lächelte freundlich. »Kommen Sie doch mit in Dianas Wohnzimmer. Dort sind wir allein. Sie hat mir vorhin angeboten, es zu benutzen, wenn ich wollte.«

Diana sah sofort, daß die beiden sich zurückzogen, und ihr Blick wurde hart. Natürlich liebten sie sich und suchten jetzt einen Raum, wo sie sich aussprechen konnten, ohne eine Unterbrechung befürchten zu müssen.

Sie wäre sehr erstaunt gewesen, wenn sie gehört hätte, was Barbara soeben zu Jack sagte.

»Jack, Sie müssen mir einen großen Gefallen tun«, bat sie, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. Ihre Worte klangen dringend, fast wie ein Befehl.

»Selbstverständlich. Es ist mir ein Vergnügen, etwas für Sie tun zu können, Barbara«, erwiderte er eifrig.

»Es handelt sich um eine außergewöhnliche Sache. Ich muß zehn Minuten ungestört in Dianas Schlafzimmer bleiben können, denn ich habe dort etwas zu erledigen.«

Er erschrak. Sollte sie das, was sie kürzlich gesagt hatte, doch ernst gemeint haben?

»Diana hat dem Personal erlaubt, um zwölf Uhr auf die Galerie zu gehen und von dort dem Fest zuzusehen«, fuhr Barbara schnell fort. »Das ist eine günstige Gelegenheit, die ich nicht ungenutzt vorübergehen lassen darf. Nun möchte ich Sie bitten, auf der Treppe zu bleiben und aufzupassen. Wenn jemand kommen sollte, müssen Sie mich warnen.«

»Aber – aber – was haben Sie denn ...«

»Im ersten Stock neben der Treppe ist ein Lichtschalter«, unterbrach sie ihn kurz, »mit dem man das Licht vor der Tür von Dianas Zimmer im zweiten Stock andrehen kann. Damit können Sie mich warnen! Daneben befindet sich das Billardzimmer, und wenn Sie jemand fragen sollte, so sagen Sie einfach, Sie wollten ein wenig Billard spielen, weil es Ihnen auf dem Fest ein bißchen langweilig sei.«

»Aber Barbara, was hat das zu bedeuten? Ich verstehe Sie, offen gestanden, nicht ganz. Was wollen Sie denn in Dianas Zimmer tun?«

»Bitte kümmern Sie sich nicht darum. Ich möchte nur wissen, ob Sie mir helfen werden«, sagte sie leise. Sie sah ihn mit ihren großen Augen bittend an. Er schwankte. Wie hübsch saß sie vor ihm in ihrem lichtblauen Kleid! Das dunkle Haar, auf dem rötliche Reflexe spielten, wurde von einem Band zusammengehalten. Ihre Hand spielte mit einem Theatertäschchen. Plötzlich drang ihre Stimme wieder in sein Bewußtsein.

»Wissen Sie denn nicht, daß heute der Vierzehnte ist? – Aber nein, das können Sie ja nicht wissen – es bedeutet für Sie auch nichts. Aber ich muß wissen, ob Sie mir helfen wollen«, fügte sie drängend hinzu. Einen Augenblick zögerte er.

»Ja«, erwiderte er dann heiser. »Ich weiß zwar nicht, was Sie in Dianas Schlafzimmer wollen, aber ich vertraue Ihnen.«

Plötzlich neigte sie sich zu ihm, und er fühlte, daß ihre Lippen die seinen berührten – nur für den Bruchteil einer Sekunde –, dann lief sie hinaus.

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