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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
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13

Sie kannte Barbaras Adresse. Vor allem mußte sie sich Zutritt zu ihrer Wohnung verschaffen und bei einer günstigen Gelegenheit mit größter Genauigkeit die Räume durchsuchen. Sie war fest davon überzeugt, daß sie dort genug Beweise für Barbaras Schuld finden würde.

Diana telefonierte als nächstes mit einer Detektivagentur. Sie bat den Inhaber, sie aufzusuchen.

»Ich will ganz offen mit Ihnen sprechen, Mr. Day«, sagte Diana, als der Chef des Unternehmens bei ihr war. »Ich habe eine meiner Freundinnen in Verdacht, der anonyme Briefschreiber zu sein, von dem Sie sicher gehört haben.«

»Ach, Sie wissen, wer dieser ›aufrichtige Freund‹ ist?« erwiderte Mr. Day erstaunt.

Diana nickte.

»Ich möchte aber nicht, daß die Polizei sich mit der Sache befaßt, denn ich will verhüten, daß die Dame in der Öffentlichkeit bloßgestellt wird«, erklärte sie. »Es wäre mir furchtbar, wenn sie vor Gericht erscheinen müßte. Aber ich möchte doch feststellen, ob sich mein Verdacht bestätigt. Aus diesem Grund will ich ihre Wohnung durchsuchen, während sie und ihr Mädchen ausgegangen sind.«

Mr. Day gefiel die Sache nicht.

»Das ist aber eine sehr riskante Angelegenheit. Da kommen wir der Kriminalpolizei in die Quere. Ich darf so etwas nicht machen, denn ich war früher selbst Beamter von Scotland Yard und habe allen Grund, auf meinen guten Ruf zu achten.«

»Sie erhalten eine so hohe Belohnung, daß Sie Ihr Risiko nicht zu bereuen brauchen«, versicherte Diana schnell. »Außerdem erwarte ich von Ihnen gar nicht, daß Sie die Wohnung betreten. Sie brauchen mir nur den Schlüssel zu beschaffen.«

»Das ist etwas anderes«, entgegnete der Detektiv nun bereitwillig. »Einen Schlüssel zu der Wohnung kann ich Ihnen besorgen. Und ich kann Ihnen auch insofern behilflich sein, als ich herausbringe, wann die Dame und ihr Mädchen die Wohnung verlassen.«

»Mehr verlange ich auch nicht von Ihnen.« Diana öffnete ihren zierlichen Schreibtisch und nahm mehrere Banknoten und einen Zettel heraus. »Hier sind zunächst hundert Pfund als Anzahlung, Mr. Day, und die Anschrift der Dame.«

Hocherfreut verabschiedete sich der Detektiv.

Am nächsten Donnerstag, drei Tage später, ließ er sich wieder bei Diana melden. Den Schlüssel zu Barbaras Wohnung hatte er mitgebracht. Diana steckte ihn lächelnd ein.

Am nächsten Morgen wurde sie angerufen.

»Die Person, für die Sie sich interessieren, ist heute nach Sunningdale gefahren, wo sie Mrs. Mersham besucht. Sie hat ihr Mädchen mitgenommen.«

Diana suchte nun alle Schubladen- und Schrankschlüssel zusammen, die sie finden könnte, denn wenn irgendwelche Schuldbeweise in Barbaras Wohnung lagen, würden sie sicher eingeschlossen sein.

*

Als sie das Miethaus betrat, in dem Barbara wohnte, war niemand zu sehen. Leise stieg sie die drei Treppen hinauf, da sie das für sicherer hielt, als den Fahrstuhl zu benutzen. Oben schloß sie die Tür zu Barbaras Wohnung auf, die sie sofort wieder hinter sich zumachte.

Sie durchsuchte ein Zimmer nach dem anderen, fand aber keine verdächtigen Dinge, bis sie in das Schlafzimmer kam. Der Raum war groß und hell und modern möbliert. Nur eine Schublade war abgeschlossen, und als sie sie mit einem der mitgebrachten Schlüssel aufbekam, mußte sie feststellen, daß sie leer war.

Schon wollte sie das Zimmer verlassen, als ihr der Gedanke kam, das Bett zu untersuchen. Und tatsächlich – als sie unter das Kopfkissen faßte, spürte sie etwas Hartes unter dem Laken. Sie zog es weg und sah, daß in die Matratze ein viereckiger Ausschnitt eingearbeitet war, in dem sich eine Stahlkassette befand. Mit zitternden Händen hob Diana sie heraus und trug sie zu dem Tisch in der Nähe des Fensters.

Der Kasten war zwar verschlossen, aber das Schloß nicht besonders kompliziert. Schließlich gelang es ihr, es zu öffnen. Staunend sah sie mehrere Fächer in der Kassette und – die Brillantnadeln, die, immer zwei zusammen, darin lagen. An jeder Nadel war ein Zettel mit dem Namen des Eigentümers befestigt. Auch ihre eigene Nadel entdeckte sie. Zwei weitere Einsätze unter dem obersten enthielten das gleiche.

Was sollte sie jetzt tun? Sie befand sich in einer schwierigen Lage. Unmöglich konnte sie die Stahlkassette zur Polizei bringen. Sie könnte ja nicht zugeben, daß sie unerlaubterweise in Barbaras Wohnung eingedrungen war. Das hätte sie selbst in Verdacht gebracht. Und wenn die Sache herauskam, würden alle ihre Bekannten ihr Vorgehen scharf verurteilen, auch wenn es in bester Absicht geschehen war.

Aber plötzlich kam ihr ein guter Gedanke. Sie verschloß die Kassette sorgfältig wieder und stellte sie an ihren Platz in der Matratze zurück. Dann richtete sie das Bett und verließ die Wohnung.

Ein paar Minuten später fuhr sie mit ihrem Auto nach Hause. Sie war außer sich vor Freude, denn nun konnte sie sich an Barbara rächen.

Sie rief bei Scotland Yard an, und durch einen glücklichen Zufall erwischte sie Jack selbst.

»Ach, bitte, kommen Sie doch gleich zu mir«, sagte sie. »Ich muß Ihnen etwas Wichtiges mitteilen.«

»Es tut mir außerordentlich leid«, entschuldigte er sich, »aber ich habe im Augenblick keine Zeit.«

»Ich sagte Ihnen doch, daß es äußerst wichtig ist – es handelt sich um Barbara May.«

»Dann werde ich kommen«, erwiderte er kurz.

Sie konnte seine Ankunft kaum erwarten, im Vorgefühl ihrer Genugtuung. Welch niedriger Gefühle, sie fähig war, konnte Jack nicht ahnen, und es würde noch eine Weile dauern, bis er dahinterkam.

Als er eintrat, saß sie am Teetisch.

»Ich bin aber nicht zum Tee gekommen, Diana«, erklärte er ärgerlich.

»Sie werden aber doch Tee mit mir trinken«, entgegnete sie liebenswürdig. »Ich muß Ihnen etwas Wichtiges sagen, und am Teetisch komme ich in die richtige Stimmung, Ihnen Skandalgeschichten zu erzählen.«

Zögernd setzte er sich und wartete. Er war gespannt, was sie ihm mitzuteilen hatte.

»Sie sind doch Kriminalbeamter, Jack?« erkundigte sie sich, während sie ihm eine Tasse reichte.

»Ja, das wissen Sie doch«, antwortete er fast schroff.

»Sie haben also einen Diensteid abgelegt, und soviel ich weiß, müssen sich Beamte ebenso an ihren Eid halten wie Soldaten.«

Er stellte die Tasse auf den Tisch zurück.

»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Diana?«

»Ich habe herausgebracht, wer der Juwelendieb ist«, rief sie triumphierend, »und ich kann Ihnen auch sagen, wo die gestohlenen Schmuckstücke liegen – in der Wohnung von Barbara May! Sie befinden sich in einer Stahlkassette unter ihrem Kopfkissen.«

Er war wie vom Donner gerührt.

»Wo ist Barbara?« fragte er heiser.

»Ich weiß es nicht – und es interessiert mich auch nicht. Aber ich sage Ihnen noch einmal, Jack, daß sich die Juwelen in ihrer Wohnung befinden. Es ist Ihre Pflicht, das Ihrem Vorgesetzten zu berichten.«

Zögernd erhob er sich.

»Ja, das muß ich wohl«, gab er zu, und Diana war sicher, daß er es tun würde.

Der Chefinspektor hörte Jacks Bericht an, aber er schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.

»Woher weiß denn Miss Wold, daß die gestohlenen Schmuckstücke in Miss Mays Wohnung liegen?«

»Ich habe keine Ahnung, wie sie es erfahren haben könnte«, entgegnete Jack müde. »Ich habe die Sache gemeldet und damit meine Pflicht getan.«

»Nun gut.« Der Chefinspektor drückte auf eine Klingel. »Da Sie nun einmal in den Fall verwickelt sind, ist es wohl am besten, wenn Sie die Durchsuchung der Wohnung selbst übernehmen. Ich lasse den Haussuchungsbefehl jetzt ausfertigen, dann werden Sie weiter keine Schwierigkeiten haben, hineinzukommen. Und da Miss Wold sich so dafür interessiert, ist es wohl besser, wenn sie dabei ist.«

»Muß das sein?«

»Ja«, entschied der Chef Inspektor. »Die Dame hat eine schwere Beschuldigung gegen Miss May erhoben, und ich bestehe darauf, daß das Schlafzimmer in ihrer Gegenwart durchsucht wird.«

Jack Danton war wütend, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als Diana anzurufen.

Sie hörte, daß seine Stimme vor Erregung zitterte, und lächelte siegesgewiß.

»Wann soll das denn sein?« fragte sie liebenswürdig.

»Ich fahre jetzt gleich: hin«, sagte er und hängte ein.

Sie wartete bereits am Eingang des Hauses, als Jack in Begleitung zweier Kriminalbeamter dort eintraf. Er beachtete sie kaum.

»Sie benehmen sich aber nicht sehr korrekt«, meinte sie, als sie zusammen im Fahrstuhl nach oben fuhren. »Ich habe doch wohl das Recht, mich darum zu kümmern, wer meine Brillanten gestohlen hat!«

Er überhörte ihre Worte.

Es war den Beamten ein leichtes, die Wohnung zu öffnen. Diana führte Jack zum Schlafzimmer.

»Vor allem muß ich jetzt wissen, woher Sie erfahren haben, daß sich die gestohlenen Juwelen hier befinden«, sagte Jack und vertrat ihr die Tür.

»Es ist mir eine entsprechende Mitteilung zugegangen«, antwortete sie gleichgültig. »Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen.«

»Gut, dann zeigen Sie uns jetzt, wo sich die gestohlenen Schmuckstücke befinden.«

»Mit dem größten Vergnügen.« Sie ging voran ins Zimmer, schlug das Bett auf und zog Kissen und Laken fort. »Sehen Sie her«, sagte sie triumphierend und zeigte auf die schwarze Stahlkassette.

Tief betroffen nahm Jack den Kasten heraus und setzte ihn auf den Tisch, wo Diana ihn erst vor kurzem geöffnet hatte.

Einer der Kriminalbeamten zog einen Bund Nachschlüssel aus der Tasche und machte die Kassette auf.

»Hier haben Sie die gestohlenen Sachen!« rief Diana.

»Wo denn?« fragte Jack.

Sie starrte in das Innere des Kastens und wollte ihren Augen nicht trauen.

Der oberste Einsatz war leer.

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