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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
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12

Diana Wold besaß ein großes Vermögen. Es gehörte ihr außerdem ein prachtvolles Stadthaus in London, sie hatte ein Landgut in Norfolk, eine Villa in Cannes und ein kleines Chateau an einem Ufer des Comer Sees. Der Verlust der Brillantnadel machte ihr keine Kopfschmerzen. Im Gegenteil: Sie empfand eine gewisse Befriedigung über die Aufregung, die der Einbruch hervorgerufen hatte, und das Mitleid, das man ihr allgemein zollte. Sie langweilte sich und wußte nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollte. Deshalb war sie für eine derartige Abwechslung fast dankbar.

Viele Männer hatten schon um Dianas Hand angehalten, aber allen gegenüber war sie gleichgültig und unzugänglich geblieben. Männer interessierten sie nur wenig. Zweifellos war sie sehr schön, und sie wußte das auch, aber niemals hatte sie den Wunsch gehabt, Eindruck auf Männer zu machen – bis sie mit Jack Danton zusammentraf, dessen gerades Wesen eine besondere Anziehung auf sie ausübte. Außerdem war er der einzige gutaussehende junge Mann ihres Bekanntenkreises, der ihr gegenüber nicht blasiert und eingebildet auftrat. Er hatte ihr nicht den Hof gemacht und ihr niemals geschmeichelt, und wenn er sie – wie sie glaubte – mit Absicht vernachlässigte, so hatte das für sie den Reiz der Neuheit.

Sie kannte ihn von früher her, als er noch beim Militär diente. Schon früher hatte er sich wenig um sie gekümmert. Damals hatte sie sich nichts daraus gemacht, aber nun hatte sie es plötzlich satt.

»Jack Danton behandelt mich, als ob ich irgendein elegantes, aber nutzloses Möbelstück wäre«, sagte sie zu Lord Widdicombe, als sie mit ihm in die Stadt fuhr. »Ich habe den begreiflichen Wunsch, als lebendes Wesen angesehen zu werden.«

»Das heißt bei dir so viel, daß er dir den Hof machen soll«, erwiderte der Lord kurz, »aber sein Verhalten kann dir doch höchstens angenehm sein. Jack Danton ist eben klug genug, sich eine Menge Enttäuschungen zu ersparen.«

Sie lachte spöttisch.

»Ich glaube nicht, daß er überhaupt imstande ist, eine Frau anzuhimmeln.«

Eigentlich hatte sie erwartet, daß Jack ihr einen Besuch machen würde, nachdem sie nun auch nach London zurückgekehrt war, aber er ließ sich nicht sehen. Schließlich schrieb sie ihm ein paar Zeilen und lud ihn zum Tee ein.

Er kam pünktlich auf die Sekunde, und schon diese Korrektheit ärgerte sie. Zu deutlich gab er zu erkennen, daß es sich, was ihn anging, hier nur um eine Formalität handelte.

»Jack«, sagte sie, nachdem sich die Unterhaltung eine Weile mühsam dahingezogen hatte, »man sollte meinen, daß Sie in einem Buch mit Anstandsregeln gelesen haben, wie man höflich, aber belanglos Konversation macht. Ich hatte gehofft, Sie würden mir interessante Neuigkeiten berichten. Können Sie mir nicht einmal einen kleinen Einblick in Ihre Tätigkeit geben? Sie haben doch Morde aufzuklären und kommen mit echten Verbrechern zusammen. Es muß ein aufregendes Leben sein, das Sie führen.«

Er sah sie so bestürzt an, daß sie lachen mußte.

»Aber Jack, Sie glauben doch nicht etwa, es hätte niemand eine Ahnung davon, daß Sie bei der Polizei sind? Wir wissen alle sehr gut, daß Sie für Scotland Yard arbeiten. Deshalb ist die Bekanntschaft mit Ihnen doch so faszinierend.«

Er lachte verlegen.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie in dieser Beziehung enttäuschen muß, denn ich hatte bisher noch keine großen Fälle zu bearbeiten. Außerdem ist das Leben bei der Kriminalpolizei nicht so romantisch, wie Sie vielleicht denken. Wir arbeiten nach modernen und wissenschaftlichen Methoden, und im allgemeinen ist. die Sache nicht besonders anziehend oder unterhaltsam. Aufsehenerregende Verbrechen kommen nur hin und wieder vor.«

»Warum heiraten Sie eigentlich nicht?« fragte sie unvermittelt.

»Warum sollte ich denn heiraten?« erwiderte er erstaunt. »Aber meine liebe Miss Wold –«

»Bitte sagen Sie doch nicht immer Miss Wold zu mir. Früher haben Sie mich mit dem Vornamen angeredet, und wenn Sie das jetzt nicht mehr tun wollen, kann ich Sie auch nicht länger Jack nennen.«

»Dem kann abgeholfen werden, Diana«, gab Jack lächelnd nach. »Sie wollen also erfahren, warum ich noch nicht geheiratet habe? – Ja, das mag der Himmel wissen. Zunächst bin ich arm und habe nicht genug Geld, um eine Frau unterhalten zu können. Und zweitens ...«

»Ja – und zweitens?« wiederholte sie, als er zögerte.

»... gibt es niemand, der mich heiraten will.«

»Haben Sie denn keine Frau gern?«

»Nein«, antwortete er kurz.

Sie sah auf das Taschentuch, das sie in der Hand hielt.

»Meiner Meinung nach sollte doch aber die Geldfrage entscheidend sein, wenn es sich um eine Heirat handelt. Warum wählen Sie nicht ein reiches Mädchen? Es gibt doch so viele.«

»Ich wüßte keine, die ich so liebte, daß ich sie heiraten möchte«, erklärte er lächelnd. »Außerdem würde ich es nicht ertragen, von dem Geld meiner Frau zu leben.«

»Darin irren Sie sich aber. Da sieht man wieder einmal Ihren unglaublichen Hochmut. Wenn Sie ein reicher Mann wären, würden Sie es sich doch keinen Augenblick überlegen, ein armes Mädchen zu heiraten, und ihr würde es auch nichts ausmachen. Sie würden sich dann wahrscheinlich wie ein Wohltäter vorkommen.«

Aber Jack schüttelte den Kopf.

»In der Beziehung bin ich anderer Meinung. Ich eigne mich nicht zum Almosenempfänger.«

Diana ärgerte sich über diese Antwort. Sie hatte zwar keine Lust, Jack zu heiraten – sie wollte überhaupt nicht heiraten, wenn sie ehrlich war –, aber sie hätte es gern gesehen, daß Jack ihr einen Antrag machte, damit sie wieder einmal das Gefühl hatte, im Mittelpunkt zu stehen und jemand ihre Macht spüren lassen zu können. Aber Jack schien überhaupt nicht an dergleichen zu denken, und sie fing an, ihn deshalb zu hassen.

»Lieben Sie Barbara May?«

Jack zuckte zusammen.

»Gerade das hat der anonyme Brief Schreiber meinem Vorgesetzten mitgeteilt.«

»Ach, erzählen Sie mir doch etwas davon! Wissen Sie, wer diese unverschämten Briefe verfaßt?« fiel sie eifrig ein. »Glauben Sie, daß es ein Mann ist oder eine Frau? Also haben auch Sie sein Interesse auf sich gezogen. Und er behauptet, daß Sie in Barbara verliebt seien? Das finde ich gar nicht dumm von ihm.«

»Nun, mir kam es nicht besonders klug vor, und eines Tages werde ich den ›aufrichtigen Freund‹ festnehmen, und er wird nichts zu lachen haben, wenn er vor Gericht steht.«

Also – es stimmte: Jack liebte Barbara! Diana hatte sich nicht getäuscht. Sie hatte ihn durchschaut, und trotzdem ärgerte sie sich über diese Gewißheit. Sie konnte Barbara nicht leiden, und sie wußte, daß das auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie hatte Barbara im Verdacht, die Diebin zu sein. Weiche Sensation würde es geben, wenn sich dieser Verdacht bestätigen sollte! Jack Danton würde als Beamter von Scotland Yard die Frau verhaften müssen, die er liebt. Der Gedanke gefiel ihr.

Nachdem Jack gegangen war, überlegte sie, was sie als nächstes tun müßte, um den Stein ins Rollen zu bringen.

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