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Der Dieb in der Nacht

Edgar Wallace: Der Dieb in der Nacht - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer Dieb in der Nacht
publisherWilhelm Goldmann Verlag
seriesGoldmanns Taschenbücher
translatorHans Herdegen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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10

Am nächsten Tag stand ein interessanter Artikel im ›Daily Telephone‹, den viele Leute aufmerksam/lasen.

›Es ist ein offenes Geheimnis, daß die vornehme Gesellschaft durch einen anonymen Briefschreiber beunruhigt wird, der mit ›Ein aufrichtiger Freund‹ unterschreibt. Diese anonymen Briefe werden schon seit einem ganzen Jahr geschrieben, und niemand ist vor der Unverschämtheit dieses Verbrechers sicher. Die frechen Anspielungen sind bereits der Anlaß zu ein paar Scheidungen gewesen; auch einen Selbstmord kann man darauf zurückführen. Es macht die Angelegenheit nicht besser, daß der Briefschreiber selbst zur Gesellschaft zu gehören scheint, mit seinen Opfern offensichtlich gut bekannt und über ihre Verhältnisse ausgezeichnet informiert ist. Die Polizei macht die größten Anstrengungen, den Verbrecher zu entlarven.‹

*

Am Nachmittag trat Mason, ein Berichterstatter des ›Daily Telephone‹ ins Büro seines Chefs und schloß die Tür sorgfältig hinter sich.

Der Redakteur sah von seiner Arbeit auf.

»Ich habe eine tolle Sache entdeckt«, kündigte Mason an. »Durch reinen Zufall bin ich dahintergekommen. Wußten Sie, daß seit einiger Zeit – es mögen etwa drei Monate sein – eine ganze Reihe von Juwelendiebstählen verübt worden ist? Der Wert der Beute beläuft sich mittlerweile auf achtzigtausend Pfund. Auf den verschiedensten Landsitzen ist der Einbrecher bisher gewesen.«

Der Redakteur zog die Augenbrauen hoch.

»Nein, davon habe ich noch nichts gehört. In den Polizeiberichten habe ich auch nichts darüber gelesen –«

»Das war auch nicht möglich, denn aus einem bestimmten Grund würden diese Diebstähle bisher geheimgehalten. Meiner Meinung nach vermuten die Bestohlenen, daß der Täter ihren eigenen Kreisen angehört.«

»Hat denn die Polizei die Beschreibung der gestohlenen Gegenstände noch nicht freigegeben?«

Mason schüttelte den Kopf.

»Ich habe es von einem Mann gehört, der Nachforschungen im Landhaus von Lord Widdicombe anstellte. Es handelt sich dabei aber um eine ganz andere Sache. Jemand vom Personal erzählte ihm etwas von der Geschichte, bat ihn aber zugleich, nicht darüber zu sprechen. Allem Anschein nach darf das Personal nichts ausplaudern.«

»Das klingt allerdings merkwürdig«, meinte der Redakteur und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Das gäbe einen guten Bericht. Haben Sie schon Einzelheiten von anderen Diebstählen erfahren?«

»In drei Fällen ist es mir gelungen, etwas herauszubekommen«, gab Mason zur Antwort. »Ich habe drei unserer Leute losgeschickt, um anderweitig Nachforschungen anzustellen, und wenn wir dann auch noch eine amtliche Bestätigung erhalten, könnte das wirklich einen ausgezeichneten Artikel geben.«

Im Laufe des Nachmittags erhielt Mason wie erwartet noch weitere Meldungen und schrieb daraufhin einen Artikel, von dem er glaubte, daß er großes Aufsehen bei seinen Lesern erregen würde. Nur von Scotland Yard konnte er keine näheren Informationen bekommen. Offensichtlich hatten die Beamten dort keine Lust, Einzelheiten über einen Fall freizugeben, der gerade bearbeitet wurde.

Um sechs Uhr meldete sich Mason mit dem fertigen Artikel bei seinem Vorgesetzten.

»Es wird ein durchschlagender Erfolg werden!« verkündete er überzeugt. »Schon allein die Tatsache, daß gewisse Leute in Schutz genommen werden und daß Scotland Yard die gestohlenen Schmuckstücke nicht veröffentlicht und die Juweliere vor dem Ankauf von Brillantnadeln gewarnt hat, beweist, daß viel mehr dahintersteckt, als ich anfänglich annahm.«

*

Am Abend sah der Redakteur, als er in seinem Klub speiste, Jack Danton, der zerstreut und mißmutig im Rauchsalon auf und ab schlenderte. Er sprach ihn an, in der Hoffnung, doch noch etwas von amtlicher Seite herauszubekommen.

»Danton, auf Sie habe ich gerade gewartet. Ihretwegen bin ich extra hergekommen.«

»Um Himmels willen«, entgegnete Jack schlecht gelaunt. »Wollen Sie etwa von mir wissen, wer der anonyme Briefschreiber ist?«

»Nein, es handelt sich um etwas Wichtigeres. Wir haben eine fabelhafte Geschichte, die wir in unserer Zeitung veröffentlichen wollen, und ich möchte von Ihnen nur eine Bestätigung erhalten, bevor wir sie in Satz geben.«

Natürlich stimmte das nur teilweise. Der Artikel würde im ›Daily Telephone‹ erscheinen, ob Scotland Yard die Sache nun bestätigte oder nicht. Das Geheimnis, das diese Diebstähle umgab, war an sich schon Grund genug, sie für die Leser interessant zu machen.

»Wie steht es eigentlich mit diesen Juwelendiebstählen?« erkundigte sich der Redakteur so nebenbei und beobachtete den Inspektor scharf.

Jack machte ein harmloses Gesicht. Er roch den Braten und würde nichts Wesentliches verraten, zumal der Chefinspektor ihm eingeschärft hatte, ja nichts über die Sache zu sagen.

»Was für Diebstähle sollen das sein?« fragte er scheinbar erstaunt. »Meinen Sie den Einbruch bei dem Juweliergeschäft Carter and Smith in der Regent Street?«

»Mein lieber Freund, mir machen Sie nichts vor. Sie wissen ganz genau, daß ich etwas anderes meine – ich spreche von den merkwürdigen Diebstählen in verschiedenen Landhäusern, Schlössern und so weiter. In der letzten Zeit sind eine Reihe von Brillantnadeln gestohlen worden – wahrscheinlich jedesmal von jemand, der zur Zeit des Diebstahls Gast in dem betreffenden Haus war.«

»Davon habe ich wirklich nichts gehört«, erwiderte Jack kopfschüttelnd. »Ihr seid doch tüchtige Leute bei der Zeitung – grabt Geschichten aus, von denen Scotland Yard noch gar nichts weiß. Offen gestanden glaube ich, daß ihr selbst von Zeit zu Zeit einen kleinen Einbruch inszeniert, nur damit ihr später als erste einen aufsehenerregenden Artikel darüber liefern könnt.« Der Redakteur, ein alter Freund von Jack, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Erzählen Sie doch keine Märchen«, brummte er. »Indirekt haben Sie mir jetzt doch die Bestätigung gegeben, die ich von Ihnen wollte. Der Artikel kommt morgen in die Frühausgabe.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, meinte Jack müde. »Ich kann Sie nicht daran hindern. Aber bilden Sie sich nicht ein, daß ich den Quatsch lese.«

Der Redakteur lachte, trank seine Tasse aus und kehrte zufrieden in sein Büro zurück.

Dort angekommen, ließ er Mason rufen.

»Haben Sie noch irgend etwas über die Diebstähle herausbekommen?« fragte er.

»Ich habe noch genug Material für einen zweiten Artikel. Mrs. Crewe-Sanders wurde vor einer Woche bestohlen und Diana Wold in den letzten Tagen.«

Der Redakteur stimmte mit Mason darin überein, daß jetzt vor allem einmal der erste Artikel in Satz gehen müsse. Nichts schien mehr dem Erscheinen dieses sensationellen Berichts im Wege zu stehen, als plötzlich zwei Beamte von Scotland Yard gemeldet wurden. Einer davon war der Chefinspektor persönlich. Sie wurden sofort in die Redaktion geführt.

»Wir haben erfahren, daß Sie noch heute abend einen Artikel drucken wollen, an dem wir besonders interessiert sind. Es soll sich dabei um einen Bericht über gestohlenen Brillantschmuck handeln.«

»Sie haben ganz recht«, gab der Redakteur zu. »Wollen Sie uns nicht noch einiges darüber erzählen?«

»Nein, um Himmels willen, nein«, erwiderte der Chefinspektor. »Im Gegenteil, ich möchte Sie bitten, den Artikel auf keinen Fall zu bringen.«

»Warum denn nicht?«

»Aus verschiedenen Gründen. Vor allem ist es im Interesse der Aufklärung dieser Fälle von höchster Bedeutung, daß nichts darüber in die Öffentlichkeit dringt. Sie werden also einsehen, daß ich auf meiner Forderung bestehen muß.«

So kam es, daß der Artikel, zum verständlichen Ärger des Redakteurs, vorerst doch nicht im ›Daily Telephone‹ erschien.

*

Noch ein weiterer Umstand steigerte das allgemeine Rätselraten um die ganze Angelegenheit. Diana hatte nämlich am Tag nach dem Diebstahl versucht, in einem Telegramm ihre Freundin in Cannes von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen. Zwei Stunden, nachdem sie es aufgegeben hatte, kam das Formular zurück mit dem amtlichen Vermerk: ›Von der Beförderung ausgeschlossen.‹

Empört hängte sie sich ans Telefon, um herauszubekommen, wer dies veranlaßt hatte. Schließlich erfuhr sie von einem Beamten des Londoner Telegrafenamtes, daß hier leider eine Anordnung der Polizei zugrunde läge, die darum ersucht hätte, keine Telegramme zu befördern, in denen von bestimmten Diebstählen die Rede sei.

»Die Polizei ist dem Täter auf der Spur«, erklärte der Beamte ihr, »und je weniger über die Sache gesprochen und geschrieben wird, desto besser.«

Diana legte auf und zerbrach sich den Kopf, was das alles zu bedeuten hatte.

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