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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil. - Kapitel 7
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1879
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24.

Der Freiherr von Loß erleichterte es dem Raupowa, Ludmillen umgarnen zu lassen. Tief verstimmt durch die scandalöse Synode, litt es ihn nicht mehr in Prag. Sein liebster Umgang fehlte. Budowa und Hans waren fort, und er hielt sich ja auch für verpflichtet, zornig auf sie zu sein. Sein gutes Herz flüsterte: der Zorn wird vergehen, und der alte wie der junge Knabe werden dir versöhnlich entgegenkommen, wenn du nur in ihrer Nähe bist; mach also nur, daß du hinaufkommst auf dein Gut oberhalb Münchengrätz, da wird sich Alles wieder zusammenfinden.

Zudem entwickelte sich der Frühling – es ließ ihm keine Ruhe. Er fragte Ludmillen, ob sie nicht mit wolle. Nein! Sie fühlte sich tief verletzt von Hans, sie trotzte. Und aus der unterhaltenden Hofgesellschaft hinweg auf das einsame Gut? O nein! 's ist ja auch winterlich draußen. – Nun gut, bleib' noch einen Monat, sagte der Vater, und komm' dann erst!

So überließ sie der thörichte Vater ihrer Schwäche, ihrem Schicksal und ging allein mit Purzel.

Nach Ablauf des Monats ließ Raupowa durch einen gleichgiltigen Hofmann an Loß schreiben: Die Königin würde es sehr bedauern, wenn sie den belebenden Umgang Ludmillens, seiner liebenswürdigen Tochter, entbehren sollte!

Und als der Sommer über Stadt und Land kam, da bat Raupowa die Königin selbst, dem polternden Vater ein paar Worte zu schreiben: Man habe vor, einen kurzen Sommeraufenthalt zu machen da oben an den Bergen. Sie werde ihm also vielleicht selbst die Tochter zuführen, deren heiterer Geist, deren unerschöpfliches Naturell ein wahrer Springquell für die Unterhaltung sei –!

Raupowa wußte, wie das dem Papa Loß schmeichelte.

Und was trieb Raupowa zu solchen Nebendingen? Ihn, der so viel Wichtigeres zu thun hatte? Bosheit gegen Hans, welche er politisch beschönigte. Bis auf den Scandal mit der Synode war ihm Alles mißlungen gegen den sächsischen Junker. Die Wunde über dem Auge aus Kaiser-Ebersdorf, welche ihn jetzt noch manchmal schmerzte, vergab er ihm nicht. Die Entführung des Schatzes verzieh er ihm nicht, und jetzt wieder war er angeführt worden. Er hatte gemeint, der Schatz sei vertheilt untergebracht worden in Budowa's und Loßens Schlosse, und es werde möglich sein, wenigstens doch einen Theil noch zu ergattern, vielleicht auch bei dieser Gelegenheit den verbannten Junker nochmals zu ergreifen, der gewiß nicht aus Böhmen weichen werde, seiner Ludmilla gewärtig. Auch das hatte versagt. Dunstan und Hans hatten seine Helfershelfer irregeführt, und waren mit Hab und Gut aus Böhmen verschwunden. Nun sollte der widerwärtige Junker wenigstens nichts mehr zu suchen haben in Böhmen. Ludmilla sollte ihm für immer entzogen werden. Raupowa haßte über Alles den deutschen Edelmann in Hans. Als gescheidter Politiker wußte er ganz gut, daß unter allen Umständen der Kampf gegen das deutsche Wesen ein schwerer und wechselvoller sein werde. Dies deutsche Wesen verkörperte sich ihm in der ehrlichen Tüchtigkeit Hansens. Und dieser jetzt steinreiche deutsche Junker sollte über kurz oder lang familienhaft ansässig sein als Ehegatte der glänzenden Ludmilla? Verwandt und verschwägert mit so viel böhmischen Häusern? Nimmermehr!

Raupowa hatte nicht gerade eine besondere Neigung für Rudolph von Mitzlau. Eine solche Neigung war überhaupt nicht seine Sache. Aber dieser Rudolph mit seiner allen Weibern gefährlichen, ja verführerischen Persönlichkeit hatte die beste Aussicht, das gefallsüchtige Mädchen zu gewinnen, wenigstens zu Fall zu bringen. Deshalb unterstützte ihn Raupowa. Der vulcanisch athmende Jaromir daneben als Triebkraft für den Andern! dachte er, das muß ja doch ans Ziel führen in der warmen Sommerzeit, welche in Gärten und Wälder lockt, meinte Raupowa und lächelte faunisch.

Seine Berechnung war nur zu richtig, und der Zustand der öffentlichen Angelegenheiten kam ihr zu Statten. Der Krieg schien eingeschlafen selbst in einer Jahreszeit, welche ihn sonst begünstigt: nicht der Baiernherzog, nicht die Liga, nicht der Kaiser bewahrheiteten die Gerüchte, welche schon gegen Ende des Winters Frau Amalie zur übereilten Berufung der Synode getrieben hatten; es gab nichts als Geplänkel im südlichen Böhmen, und auf dem Hradschin war unbehindertes, geselliges Behagen. Selbst die Furcht vor der Achtserklärung, welche von Wien angedroht wurde gegen den Kurfürsten Friedrich, der sich König von Böhmen nenne, ließ man sich nicht stören. Die Acht wird keine Kraft äußern, meinte man, weil auch Freunde des Kaisers behaupteten, gegen einen Kurfürsten könne sie nur mit Einstimmung des Kurfürstencollegiums verhängt werden, und diese Einstimmung sei kaum zu erlangen. König Friedrich regierte vergnügt weiter, wenn auch schlaff und wirkungslos, und in träger Sommerzeit entschlug man sich aller Sorgen. Im Hochsommer war Königin Elisabeth hinabgezogen in das Schloß bei Bubentsch, welches Rudolph der Zweite erbaut hatte, und welches für die heißen Tage einen angenehmen Aufenthalt bot durch seine schattigen Baumanlagen und kühlen Grotten. Dort, dicht hinter dem Hradschinberge, man könnte sagen, in seinem Schatten spannen sich die Vergnügungen fort, denen ein junges, in Liebeslust athmendes Herrscherpaar gern ergeben ist. Das soll nicht heißen, als habe König Friedrich und Königin Elisabeth sinnlichen Ausschweifungen die Hand geboten, o nein! Aber sie waren selbst ein zärtliches Ehepaar, und begünstigten eine Art ritterlichen Spiels mit Frauengunst und Frauenliebe. Paarweis! galt für eine Losung, und wenn ein Paar, wie Ludmilla und Rudolph, in üppigstem Stadium jugendlicher Sinnlichkeit Abend für Abend sich absondert, so ist die zärtliche Umarmung wahrlich nahe genug gelegt –

Da krachte das unbeachtet gebliebene Gewitter plötzlich vom südlichen Horizonte herauf, und Alles fuhr jählings empor. Maximilian von Baiern erschien mit einem Heere in Oberösterreich, Tilly folgte mit dem Heere der Liga, die kaiserlichen Truppen setzten sich gleichzeitig von allen Seiten in Bewegung – es wurde klar: die Gegner haben ruhig und fest alle Vorbereitungen vollendet, und wollen noch im Herbste mit raschen Schlägen das rebellische Königthum in Böhmen zu Boden werfen.

Ein Schrei flog durch das ganze Böhmerland, und wer was zu bedeuten hatte, eilte nach Prag: Budowa von Münchengrätz, wo er still gelebt; Loß von Komorau, seiner Herrschaft im Berauner Kreise, wo er dem Betrieb seiner Eisenwerke eine Thätigkeit gewidmet hatte, welche ihm jetzt ein doppeltes Bedürfniß war; Jörger und Frau von Tollet, denn die katholischen Kriegsmänner überschwemmten das ganze Land ob der Enns; Hans aus Thüringen, wo er im Eisenacher Ländchen sein Gut um das Zehnfache erweitert und unter Dunstans Beistande reichlich und sorgfältig eingerichtet hatte.

Er war zwar verbannt, aber darnach fragte er jetzt nicht. Er war zwar gemißhandelt von den Machthabern, und war nicht einverstanden mit dem Geiste derselben; aber es stand deutlich vor aller Welt Augen: die Entscheidung, welche jetzt fällt, gilt dem ganzen protestantischen Deutschland, sie wird eine große politische und kirchliche Entscheidung. Deshalb meinte er, jetzt müßten alle inneren Zwistigkeiten schweigen, und Jedermann müßte einstehen mit seiner ganzen Persönlichkeit. So war er zum Regimente seines Herzogs geeilt, welches aus dem Voigtlande nach Böhmen marschirte, und auch sein Herzog hatte den Zorn über die Synode vergessen, und hatte ihn beauftragt, spornstreichs nach Prag zu reiten und dort anzukündigen, daß er auf der Pilsener Straße dem von Anhalt befehligten böhmischen Heere zuziehe.

Es war ein sonnenwarmer Herbstmittag, als Hans zum ersten Male wieder vom Weißen Berge herein durchs Strahower Thor in Prag einritt. Neben Tartsch war jetzt noch der Bart-Conrad bei ihm, welcher im rauhen Gewerbe eines Kriegsmannes seine Bestimmung gefunden zu haben schien. Das Herz klopfte Hans lebhaft, er hoffte Ludmillen wieder zu sehen. Ihr Zorn wird verflogen sein, meinte er, sie wird dich freundlich begrüßen! Er lenkte unverweilt links hinüber nach der Hradschinburg. Dort war auch die Kriegskanzlei, in welcher er seine Meldung auszurichten hatte. Er fand sie überfüllt, Alles war in Aufregung. Seine Nachricht, daß der Ernestinische Herzog mit Truppen komme, wurde mit Freuden aufgenommen. Colonna von Fels war zugegen, Andreas Schlick und der junge Anhalt. Sie begrüßten ihn warm und gaben ihm Auskunft. Von näheren Bekannten sah er Niemand. Erst als er wieder in den Hof hinaustrat, begegnete er Raupowa, welcher in den Haupteingang der Burg schritt. Sie maßen sich gegenseitig mit dem Blick. Hans war nahe daran zu grüßen; vor der allgemeinen Gefahr verschwand ihm der persönliche Groll; aber der Ausdruck in Raupowa's Auge hielt ihn ab.

Er ritt hinunter zum Budowa'schen Hause. Budowa war da und empfing ihn mit liebenswürdigster Herzlichkeit. Ich wußt' es wohl, rief er, daß Du Dir's nicht erlassen würdest, an unserem Betteltanze noch einmal Theil zu nehmen, sobald er blutig würde! Was schaust Du mich so wehmüthig an? der Greis betrübt Dich, welcher aus allen Nähten hervorgekrochen ist bei mir? Lass' ihn, lass' ihn! Es ist sein Recht, und es ist gut so. Wenn man fertig ist mit seiner geistigen Aufgabe – und ich bin im schlimmsten Sinne fertig – dann ist's richtig, daß sich auch der Körper ergiebt. Nur die Eitelkeit stirbt nicht. Sie flüstert mir zu, wir wären ein paar Jahrhunderte zu früh gekommen mit unseren humanistischen Wallungen. Possen! Nach ein paar Jahrhunderten werden schwärmerische Narren unserer Gattung dasselbe sagen. Die Schwärmer bilden sich immer ein, zu früh auf die Welt gekommen zu sein. Einerlei! Unsere persönlichen Beziehungen haben sich übrigens gebessert. Loß hat mich in Münchengrätz besucht, und mir die Hand geboten, und auch gutmüthig nach Dir gefragt. Der alte Bursche kann nicht lange grollen, und hat uns unsere erbauliche Synode vergeben. Man erwartet ihn heute von Komorau. Da ist er ja! Grüß Gott, grüß Gott!

Loß war eingetreten, und umarmte herzlich Budowa und Hans. Auch sein blondes Haar war grauer geworden; aber er war frisch und vertrauensvoll. Wir wollen uns schlagen, rief er, bis wir siegen oder zu Grunde gehen. Eines oder das Andere! Ach, Freund, ich komme übrigens von einem jämmerlichen Anblicke. Jörger mit seiner Frau ist bei mir eingekehrt – der stattliche Jörger ist nur noch sein Schatten. Er hat sich die verkehrte Wirtschaft zu Herzen genommen, und ist erbärmlich traurig. Seine Güter sind jetzt alle in Feindes Hand, und die Ungnade seines Lehensherrn liegt dem gewissenhaften Oesterreicher wie ein Alp auf der Seele. Ich fürchte, der treibt's nicht mehr lang. Na, zu was Heiterem! Ich habe zur Ludmilla hinausgeschickt nach Bubentsch, ich hab' sie noch nicht geseh'n – und Du, Hans, hast Du denn ihr wenigstens einmal geschrieben während des Sommers?

– Nein.

– Ah?! Hast auch sie vergessen?

– O nein!

Der Ton, mit welchem Hans dies aussprach, war dem Herzen des zärtlichen Vaters eine Labung. Er küßte Hans, und sagte ihm ins Ohr: Sollst sie zuerst haben. Geh' hinüber in mein Zimmer. Binnen einer Viertelstunde wird sie dort eintreten. Grüß' sie von mir. In einer halben Stunde komm' ich auch. Da woll'n wir uns letzen.

Und so schob er Hans zur Thür hinaus, glücklich lachend, daß er seinen Lieblingen eine glückliche Viertelstunde bereitet.

Auf Flügeln der Sehnsucht eilte Hans ins Loß'sche Haus. Ludmilla war noch nicht angekommen. Das Jörger'sche Ehepaar war im zweiten Stocke; Purzel war bei ihm. Hans fühlte sich nicht im Stande einer andern Begegnung jetzt Rede zu stehen; er ging nicht hinauf in den zweiten Stock, er hörte kaum auf die Mittheilung des Loß'schen Haushofmeisters, daß auch aus der Lausitz soeben Kriegsnachrichten eingelaufen, sondern schritt hastig durch das ihm wohlvertraute große Wohnzimmer in Loßens Stube, wie Loß angeordnet. Hier harrte er.

Kurze Zeit! Er hörte einen raschen, leichten Tritt und das Rauschen eines Frauengewandes, die Thür flog auf, Ludmilla stand da, schöner als je, wenn auch etwas blasser. Aber voller, entwickelter, stattlicher – sie schrie auf beim Anblicke Hansens, ihr ganzer Körper gerieth in ein heftiges Zittern, Thränen stürzten stromweis aus ihren Augen, und plötzlich, jählings stürzte sie Hans entgegen, schloß ihn heftig in ihre Arme, küßte ihn und rief unter Schluchzen einmal um das andere: Hans, mein Hans, Dich liebe ich, Dich liebe ich aus innerster Seele, Dich allein auf der ganzen Welt –

Da kam denn die so lang verzögerte Liebeserklärung endlich über ihn, und kam von ihr! Er behielt kaum Zeit, des seligen Augenblicks inne zu werden, und mitten in dem Bestreben, sich klares Bewußtsein zu sammeln, drängte sich ihm ein erschreckender Nebengedanke auf: ihre Thränen benetzten sein Angesicht, ihre Umarmung war krampfhaft, der Ausdruck ihrer Züge hatte etwas Verzerrtes, aus ihrer Stimme klang Schmerz – was ist das? Ist dies wirklich so große Erregtheit des überraschenden Wiederfindens? Er wagte nicht zu fragen; nur sein Auge fragte, nur die Betonung des Wortes »Ludmilla?!« fragte.

Ihre Arme ließen ihn los und sanken schlaff an ihr nieder; die Thränen stockten, der Kopf senkte sich, ihr Auge sah niederwärts, und stockend sprach sie: Vergieb, Hans, diese Wallung ist das Beste, was ich noch habe. Sagen mußte ich Dir's, auch wenn Du mich verwirfst.

– Ich? Dich? Ludmilla!

– Du hast auch einige Schuld; Du mußtest mich nicht so schweigend aufgeben; Du kennst ja meinen Fehler der Eitelkeit. Aber wie klein ist Deine Schuld neben meiner! Ich wußte es doch immer in allem Zorn, in aller Ungeduld, daß ich nur Dich lieben könnte, und daß Du mich immer lieben würdest, auch in der Ferne, auch in langer Trennung. Und dennoch! – O, mein Herzensfreund, wie soll –? Und doch muß es geschehen! Hans, mein Hans, ich hab' Dich verloren!

Sie schrie diese letzten Worte im heftigsten Schmerze unter neuem Ausbruche von Thränen, und warf sich auf die Ruhebank des Vaters, in dem Kissen derselben ihr Antlitz verbergend.

Hans stand erschüttert da; er ahnte die Wahrheit. Ein entsetzliches Weh fuhr durch sein Herz, und doch behielt Güte die Oberhand: er sah, wie der von ihm abgewendete schöne Körper Ludmillens geschüttelt und verzogen wurde von dem moralischen Leide, welches sie folterte, und das Mitleid für sie überwog sein eigenes Leiden. Er nahm einen Sessel und setzte sich neben sie. Er suchte ihr Trost zuzusprechen.

Sie richtete sich auf, das nasse Gesicht ihm zukehrend. Ich weiß es wohl – sagte sie stockend – wie gut Du bist. Aber – es ist vorbei – auch für ein – so gutes Herz wie das Deine. Sieh', Hans, wie in eine wilde Verzauberung war ich gebannt. Ich habe den Mann nie geliebt –

– Mitzlau?

– Ja. Ich hasse, ich verachte ihn seit vorgestern, ärger noch, als ich mich selbst hasse und verachte. Sein Anblick ist mir wie Pest, und nichts wird mich vermögen, nichts wird mich zwingen, sein Eheweib zu werden. Aber was hilft das! Du darfst nicht vergeben, Du darfst vielleicht nicht, obwol Du besser bist als alle anderen Männer, und Du wirst nicht, wenn Du mir auch jetzt Deine liebe Hand wie vergebend entgegenstreckst –

Sie küßte ihm die Hand heiß und heftig, – da entstand Geräusch an der Thür, Loß kam und trat ein.

Seine Fröhlichkeit wirkte furchtbar auf die beiden jungen Leute. Der arme Vater! Er meinte am Ziele zu sein mit seinen Lieblingen, und begriff langsam, daß er sie verstört fände.

Ludmilla umarmte ihn weinend und flüsterte ihm zu: Ich werde Dir Alles erklären, lieber Vater. Später! Frag' uns jetzt nicht! Frag' auch Hans nicht, wenn ich fort bin!

– Fort?

– Ich muß; ich komme bald wieder. – Und werd' ich Dich wiedersehen, Hans? Nur wiedersehen?

– Gewiß, Ludmilla!

Sie drückte ihm innig die Hand, ein schmerzliches Lächeln mit einem kleinen Funken von Freude zog über ihr Gesicht, und sie ging fort.

– Aber um Gotteswillen, Kinder, was ist das?

– Nicht fragen, lieber Freund. Ich kann jetzt auch nicht reden!

Und er ging ebenfalls. Er ließ die Pferde satteln und wollte auf der Stelle zum Heere aufbrechen. Budowa empfing ihn mit Nachrichten, welche dazu stimmten und ihm persönliche Beweggründe ersparten. Der Kurfürst von Sachsen war in die Lausitz eingerückt mit Heeresmacht, er belagerte Bautzen. Er hatte sich also für den Kaiser erklärt. Nun war auch der Norden gefährdet, nun war die Kriegsgefahr für Böhmen auf der Höhe. Budowa mußte es begreiflich finden, daß Hans unverweilt aufbrechen wollte, um die weimar'schen Truppen zum böhmischen Hauptheere zu geleiten.

So ritt denn Hans wenige Stunden nach seiner Ankunft in Prag wieder zu einem andern Thore hinaus auf der Straße nach Pilsen. Er ahnte nicht, daß er damit wenigstens Raupowa entging, welcher Anstalt machte, ihn den Bann büßen zu lassen.

Hans war zu Muthe, als ob ihm sein ganzes Leben verwüstet sei. Das Bedürfniß des Glücks und das Mitleid für Ludmilla nährte wol noch im stillsten Winkel seines Innern den Gedanken: Verzeihen und Vergessen ist am Ende doch möglich und ist – christlich. Aber der Stolz des Mannes erzitterte bei dem Gedanken. Lass' es ruhen, lass' es reifen in dir ohne dein Zuthun – sagte er leise – denk' nicht darüber nach, denk' nur an deine Pflicht als Patriot und Protestant! Sei jetzt Soldat und weiter nichts!

Als ob wir Herren unserer Gedanken wären! Sie beherrschen uns. Er sah wenig von dem Hügellande nach der Beraun hin, welches er durchritt, und erst als er seinen Herzog antraf und dessen Regiment, erst als Pilsen mit seinen Erdwällen vor ihm lag, traten ihm die militärischen Gedanken in den Vordergrund.

Mansfeld herrschte wie ein kleiner Souverän in Pilsen, und geberdete sich in diesem entscheidenden Augenblicke wie ein kleiner Souverän auch gegenüber dem böhmischen Königthume. Er hatte es dem »Friedrich« nicht vergeben, daß er nicht ihn, sondern den Anhalt zum Oberfeldherrn gemacht. Man war nicht sicher, ob er nicht im kritischen Momente sein Söldnerheer von zwölftausend Mann aus Pilsen heraus den kaiserlichen Fahnen zuführen könne, welche von Budweis her in breiter Woge sich näherten. Ebenso unsicher sah es im böhmischen Hauptquartier aus. Die Parteiungen aus Prag waren da alle in Thätigkeit. Thurn und sein Anhang gehorchte nur widerwillig dem deutschen Oberfeldherrn, welchem der König allein vertraute, und die czechischen Herren waren noch widerwilliger. Die Herren sämmtlicher Parteien aber waren darin einig, mit Geldopfern so sparsam als möglich zu sein. Es fehlte bitterlich an Geldmitteln, und die Truppen waren im mangelhaftesten Zustande. Sie schrien um Sold und Nahrung, und man konnte ihnen die Nahrung kaum nothdürftig, den Sold aber gar nicht gewähren.

Der heranziehende Feind dagegen machte einen imponirenden Eindruck. Maximilian von Baiern hatte das Land ob der Enns niedergeworfen, wie man einen schwachen Baum knickt. Die im Widerstand bis daher entschlossensten Stände hatten zu Linz dem Kaiser huldigen müssen in die Hand des Baiers; Führer wie Tschernembl waren entflohen; über Freistadt heraus war Maximilian ins böhmische Land eingebrochen; Tilly mit dem geordneten und wohlbezahlten Heer der Liga hatte sich ihm zur Linken, Boucquoi mit dem kaiserlichen Heere hatte sich ihm zur Rechten angeschlossen, und diese Schaaren, an Zahl den Böhmen ohne Mansfeld um das Doppelte überlegen, waren unaufhaltsam neben der Moldau abwärts marschirt, man sah sie jetzt am Pilsener Horizonte erscheinen.

Um Rokizan, unweit von Pilsen, lagerten die Böhmen, den leichten König in ihrer Mitte. Was thun? Eine Schlacht annehmen, ohne des Mansfeld da drüben sicher zu sein? Man stritt, man lärmte. Nur der hereinbrechende Herbst war einig in seinem Charakter: er brachte rauhen Wind und kalten Regen, und ebenso einig in seinem Willen erwies sich der Baier. Prag war sein Ziel. Eines Morgens war das verbündete Heer vor den Augen der Böhmen hinweg, es zog in der Richtung von Prag gen Rakonitz.

Nun schrie Alles im böhmischen Lager: das sei vorauszusehen gewesen! Und durch Regen und Wind, bei Tag und bei Nacht, auf durchweichten Wegen eilten die Böhmen ihrer Hauptstadt zu.

Ihre Aufgabe war, die Hügelhaufen zu besetzen, welche sich westlich über Prag thürmen, und deren Höhepunkt der Weiße Berg genannt wird.

Es gelang ihnen. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntage, den achten November vor Tagesanbruch kamen sie dort an, dem Feinde zuvor, warfen Verschanzungen auf und ordneten ihr Heer so, daß es mit Vortheil einen Angriff unternehmen, mit Sicherheit einen feindlichen Angriff bestehen konnte. Ihre Lage war günstig. Die ausgedehnte, breite Höhe des Weißen Berges, welche sie vollständig besetzt hielten, dachte sich links von ihnen ab in die Niederung der Moldau, geradeaus vor ihnen in die Niederung eines Baches, zu ihrer Rechten in niedrigere Hügelreihen. Der Feind mußte überall aufwärts dringen, und im Rücken hatten sie den Wald des Thiergartens.

Es war gegen vier Uhr des Morgens; die Nacht war stockfinster; nur Lagerfeuer brannten hie und da, wo die Truppen Schanzen aufwarfen; ein dumpfes Brausen wirbelte durch die still gewordene Luft, wie es zwanzigtausend Menschen und zehntausend Pferde hervorbringen – da schritt Hans mit seinem Herzoge durch die Truppen hinüber nach dem Walde. Am Rande desselben beim sogenannten Stern sollten die Führer zusammenkommen, um die letzten Anordnungen des Feldhauptmannes Fürsten von Anhalt zu empfangen. Ein kleiner Pavillon stand da, einen Stern auf seiner Spitze. Daher wol der Name. In diesem Pavillon und um ihn herum waren die zahlreichen Führer, Anhalt mit seinem Sohne, Thurn mit dem seinigen, Heinrich von Schlick, die Hohenlohe und Solms, ein Hofkirchen, Führer der Niederösterreicher und zahlreiche böhmische Herren gruppirt, beleuchtet und erwärmt von brennenden Holzstößen. Auch Loß war herausgekommen, um mitzufechten.

Mitten unter ihnen auch die beiden Zierotin, Ladislaus und Jaromir. Jaromir-Norbert in der ödesten Stimmung. Es war ihm kein Zweifel übrig geblieben, daß Mitzlau ihn überholt in der Gunst Ludmillas, und das Benehmen Ludmillas in den letzten Wochen hatte ihm auch keinen Zweifel übrig gelassen, daß nicht die geringste Gunst jemals von ihr zu erwarten stehe. Sie war nur noch selten in der Gesellschaft erschienen, unnahbar für die leiseste Ansprache Jaromirs. Er mußte sich eingestehen, daß all sein Werben vergeblich sei. Und dafür Calvinist! Für dies Königreich »auf dünnem Glas« calvinistischer Parteigänger?! O nein! Knirschend hatte er ein Jahr lang die Fesseln der Jesuiten getragen, finster grollend hatte er oft seinen Aufpasser Tocke angesehen und den Gedanken genährt, diesen lästigen Patron einmal nächtlings in die Moldau zu werfen. Jetzt segnete er die Fassung, welche ihm die jesuitische Erziehung eingeprägt, jetzt segnete er die Haltung, welche er streng eingehalten, und welche im Stillen nicht einen Moment lang seine Ergebenheit für den Orden verleugnet hatte. Bar aller Illusionen, wollte er jetzt wenigstens ernten, was er ein Jahr lang in der Stille bezahlt.

Von Gruppe zu Gruppe ging er und hörte den Bemerkungen, den Ausrufungen und Flüchen zu, und sammelte Alles getreulich, was den Stand der Dinge und die Absichten der Führer betraf.

Dann ging er von den Feuern hinweg in den Wald hinein. Er gehörte nicht zum Heere, er war von Prag herausgekommen auf die Nachricht, daß das Heer heranziehe. Er hatte sich durch Tocke einen Prager Katholiken, einen Metzger, zuweisen lassen, der des Weges meilenweit um Prag kundig. Den hatte er an einen Kreuzweg im Thiergarten bestellt. Dorthin ging er, und von diesem ließ er sich jetzt führen. Ueber den rechten Flügel der Böhmen hinaus, und dann hinab über Stock und Stein dem katholischen Heere entgegen. Sein Pferd hatte er zurückgelassen; es war nur hinderlich in finsterer Nacht, auf ungebahntem Wege.

Seinem Führer hatte er gesagt: Auf Unhost zu! Von diesem Städtchen, das wußte er, wurde ein Theil des katholischen Heeres erwartet.

Nach einer Stunde angestrengten Marsches wurden sie angerufen. Sie waren am Vorposten. »Jesus Maria!« antwortete er, um sich katholisch zu äußern. Er hatte es fast getroffen: »Maria« war das Feldgeschrei – ohne Schwierigkeit wurde er zugelassen. Es waren Panzerreiter, unter die er gerieth, Waldstein'sche Panzerreiter. Er wollte zu Waldstein geführt sein. Das gehe nicht, hieß es, der General führe einen Streifzug und werde erst gegen Mittag erwartet. – Dann führt mich zum bairischen Herzoge und zum General Tilly! – Die liegen eine Stunde weit von hier. – Einerlei! Führt mich! Ich bringe wichtige Meldung.

Es geschah. Der Tag graute, aber kaum erkennbar unter dickem Nebel, als er vor den Zelten stand, in denen die katholischen Führer sein sollten.

Aber der Zugang zu diesen Zelten war verstellt. Fußtruppen waren aufmarschirt, und schlossen rings den Zutritt ab. Innen im abgesperrten Raume wurde eine Feldmesse abgehalten. Er hörte über die bewaffneten Reihen herüber die wohlbekannten Klänge, und als die Responsorien begannen, da stimmte er mechanisch ein. Wie sehr er ohne Religion war, die Gebräuche seiner Kirche ergriffen ihn wie Klänge der Heimat.

Dies Mitsingen machte die Soldaten vor ihm aufmerksam. Sie sahen sich nach ihm um, sie öffneten dem schwarzen Cavalier eine Lücke, er konnte eintreten.

Im dunklen Morgengrau erkannte er unweit des celebrirenden Priesters die knochige, schlanke Gestalt des bairischen Herzogs Maximilian; ein unerschütterlicher Ernst lag auf dem scharf geschnittenen Antlitze, welches in einen breiten Knebelbart ausging. Neben ihm die kurze Figur Tilly's. Auch dessen Stirn war tief gefurcht; aber der Ausdruck des Gesichts war nicht unfreundlich, hatte sogar etwas von Güte. Neben Tilly stand ein hochgewachsener, schmaler Carmelitermönch. Das Glöcklein klang, Alle stürzten auf die Knie, die Truppen rasselnd mit ihren Waffen; kein Windzug bewegte die neblige Novemberluft.

Als das Amt beendigt, trat der Carmelitermönch vor und erhob die Hände. Lautlos harrte man seiner Worte. Er war wie ein Heiliger verehrt im katholischen Lager, und kurzweg Pater Dominicus geheißen. Sein weißer Ordensmantel über der braunen Kutte leuchtete durch wie sein großes, zum Himmel aufgeschlagenes, in Glaubenssicherheit glänzendes Auge. In der rechten Hand hielt er ein Marienbild – Schauet her – rief er mit heller Stimme – auf dies verunstaltete Bildniß der allerheiligsten Jungfrau. Unter Schutt und verfaultem Holze ist es heute Nacht aufgefunden und hervorgezogen worden. Die heidnischen Picarditen haben ihm die Augen ausgestochen. Aber der Frevel wird auf sie zurückfallen. Setzet Euer Vertrauen auf die heilige Mutter, ruft in Andacht ihren Namen als Feldgeschrei, sie wird Euch zum Siege führen, unsere liebe Frau vom Siege!

Die Andacht war geschlossen; die Truppen entfernten sich; Jaromir näherte sich dem Pater Dominicus, um sich ihm, dem Geistlichen, als geistlicher Schüler zu entdecken, und durch ihn dem Feldherrn vorstellen zu lassen. Pater Dominicus a Sancta Maria, Ordensgeneral der Carmeliter, war vom Baiernherzoge direct aus Rom erbeten worden, daß er dem Heere beigeordnet werde zur Weihe und Erbauung. Er empfing Jaromir wie einen unmittelbar entsendeten Boten, und machte ihn sofort mit den Feldherren bekannt. Diesen schilderte Jaromir rasch das Lager der Ketzer, und die inneren wie äußeren Zustände derselben. Besonders auf die ungrische Reiterei auf dem linken Flügel des Feindes machte er sie aufmerksam. Sie sei ganz unzuverlässig, und gelte für den schwächsten Theil der Feinde. Ihr stärkster Theil sei das hintere Centrum unter dem sächsischen Herzoge und der rechte Flügel am Stern, mehrere tausend Mährer, geführt von jungen, unbändigen Cavalieren, namentlich von Heinrich Schlick und einem Sohne Thurn's. Seid auf der Hut! – schloß er – Anhalt's Gedanke ist, herabzustürmen und Euch anzugreifen, ehe Boucquoi zu Euch gestoßen. Nur Hohenlohe sprach dagegen, und er meinte auch, der fromme Herzog Max werde an einem Sonntage keine Schlacht beginnen.

– Wir danken Euch, erwiderte Tilly, als wie für Neuigkeiten. Eure Nachrichten stimmen zu den unsrigen. Fürst Anhalt wird schon warten. Gott gebe sein Gedeih'n! Herzogliche Gnaden – wendete er sich zu Maximilian – noch einen Boten an Boucquoi, daß er nicht zögert, hinter uns anzurücken. Der Tag kommt langsam, und bis Mittag wird der Nebel nicht weichen; Boucquoi kann zurecht kommen. Wir wollen zu Pferd' und Hostiwiz anschauen. Dort liegt der Schlüssel.

Hostiwiz ist ein Dörfchen im Thalgelände unter dem Weißen Berge, ein Bach läuft daran hin, der Littowizer Bach geheißen. Ein Brücklein führt über den Bach zum Dorfe. Dort war der Zugang, welchen Tilly meinte, und welchen auch Anhalt in der Nacht festhalten gewollt. Das Geschrei der böhmischen Führer: »Hinauf zu den Höhen, zu den Verschanzungen!« hatte auch ihn fortgerissen.

Tilly brach dahin auf mit Reiterschaaren unter dem Obersten Anholt. Er fand das Brücklein unbesetzt, und während er überlegte, ob der große Wurf zu wagen sei, bergaufwärts eine Schlacht anzufangen, ritt Anholt unbedenklich ins Dorf hinüber, und Tilly sagte zu seiner warnenden Begleitung: Er thut ganz recht!

Der erfahrene Feldherr wußte sehr gut, daß eine Terrainschwierigkeit nicht viel bedeute neben der moralischen Stimmung, die eine Schlacht beherrscht. Die günstige moralische Stimmung aber war auf Seiten des katholischen Heeres, welches unaufhaltsam bis auf eine Meile vor Prag vorgedrungen war. Er beharrte fest darauf, noch heute die Schlacht zu liefern.

Der nicht weichende Nebel begünstigte alle Vorbereitungen. Erst um Mittag gerieth er ins Wallen und Fließen, und man sah vor sich auf den Höhen die wohlgewählte Stellung der Böhmen, welche noch unablässig an ihren Verschanzungen arbeiteten für ihre zehn Geschütze, namentlich in der Mitte. Links und rechts waren die Schanzen fertig, die Geschütze eingefahren. Vor jeder Schanze stand ein Regiment.

Kein Schuß war gefallen bis Mittag. Jetzt wurde das Zeichen gegeben, der Angriff begann. Schwierig und erfolglos von Seiten des katholischen Heeres: Teufenbach und Brenner wurden furchtbar empfangen und geworfen. Der junge Anhalt stürmte mit seinen Reitern siegreich in ihre wankenden Glieder und sprengte sie, bis er selbst verwundet vom Pferde sank. Kraz von den Katholischen eilte zu Hilfe, Herzog Max sprengte vor, und suchte die Fliehenden mit dem Degen zurückzutreiben. Umsonst! Die Reiter der Niederösterreicher galoppirten heran, und als Hofkirchen, ihr Führer, ebenfalls vom Pferde sank, folgten die Schlesier mit erfolgreicher Wucht – das Treffen schien verloren für die Katholischen; Tilly's Wagniß, den Stier bei den Hörnern zu fassen, schien übel auszuschlagen. Die ungrischen Reiter herbei! die ungrischen Reiter! schrie ein Führer der Böhmen dem andern zu, um die Entscheidung zu geben – aber die ungrischen Reiter rührten sich nicht, und in dem wirren Haufen der Katholischen sah man den weißen Mantel des Carmelitermönches hin und her eilen, ein Crucifix hoch in der Hand, und die Wankenden antreiben, während Tilly fest im Getümmel hielt und nach Verdugo schickte. Verdugo, ein stürmischer Krieger, kam mit seinem Regimente, und brachte die Schlacht zum Stehen. Ja, er ging zum Angriff über auf die mittlere, unfertige Schanze. Hier drängte sich nun der Kampf zusammen, alle Verstärkungen wurden dorthin gesendet, von Seiten der Böhmen bis vom hinteren Centrum her. Das Regiment des älteren Anhalt und das weimar'sche Regiment warfen sich ins Getümmel, Hans und sein Herzog mitten darunter; Conrad arbeitete wie ein Fleischhauer. Vergebens! Die Katholischen konnten immer neue Massen heranbringen, sie waren eben zahlreicher. Die Ungarn sollen heran! rief Herzog Johann Ernst. Hans rief es weiter. Sie machen Kehrt! kam als Antwort zurück. Johann Ernst wendete sein Roß aus dem Getümmel heraus und sprengte hinüber zum linken Flügel, dem ungrischen Oberst zurufend: er solle nicht fliehen, sondern angreifen. – Die Deutschen fliehen auch! rief dieser zurück. – Nun denn, antwortete schreiend der Herzog, Ihr seid ja Ungarn. So will auch ich heute kein Deutscher sein, sondern ein Ungar. Bleibt bei mir, folgt mir!

Es war kein Halten. Fort ging's im wüsten Trab nach der Moldau hinab. Und sie rissen mit sich, was im Wege stand. Die Lücke klaffte nun weit. Die mittlere Schanze, so wie die Schanze auf der Linken der böhmischen Schlachtordnung war verloren, und das eigentlich kaiserliche Heer drang nun herauf. Da ereignete sich die Entscheidung. Die noch fest stehenden Truppen des böhmischen Heeres auf der Linken und im Centrum sahen mit Grauen, wenn der Pulverdampf aufflog, daß von da unten und jenseits über die niedrigen Höhen immer wieder und immer wieder neue Massen angerückt kamen. Demoralisirt waren sie ohnehin, man hatte sie zu schlecht gehalten, unmittelbar hinter sich wußten sie das feste Prag, welches sie schützend aufnehmen mußte – da machten sie kurzen Proceß. Das Regiment des Grafen Thurn feuerte in die Luft, lief auseinander, lief auf die Stadt zu. Die Regimenter Hohenlohe und Solms sahen das, und – thaten dasselbe. Die ganze Lücke, das ganze Centrum wurde eine Flucht.

Nur die Rechte drüben am Stern that ihre volle Schuldigkeit. Zweitausend Mährer unter Heinrich Schlick und dem jungen Thurn standen und fochten mit unerschütterlicher Tapferkeit. Ein Regiment nach dem Andern wurde gegen sie geführt, sie standen. Brav, Heinrich, brav! schrie Loß, der hier fröhlich mitfocht, dem Schlick zu, lieber zusammengehauen werden, als Reißaus nehmen wie drüben die Schufte. Standhaft, Kameraden! – da traf ihn ein Schuß, da folgte ein furchtbares Getöse. Waldstein mit seinen Panzerreitern kam im Galopp daher, und rasselte in die Mährer hinein – sie wurden zerrissen, sie wurden zersprengt.

Der kurze Novembertag leuchtete noch, so hell er eben leuchten konnte, da war die Schlacht zu Ende, welche erst nach der Mittagsstunde begonnen hatte. In so kurzer Spanne Zeit entschied die Schlacht am Weißen Berge das Schicksal des böhmischen Königreichs und des protestantischen Aufschwungs.

*

Jaromir-Norbert hatte sich während der Schlacht in der Nähe Tilly's aufgehalten. Kühlen Blutes; denn dieser Feldherr setzte sich aus. Jaromir-Norbert aber hatte ein öffentliches Examen abzulegen. Es fehlte im katholischen Heere nicht an Priestern, auch Jesuiten waren vorhanden. Ihr Zeugniß, des Carmeliters Dominicus Zeugniß und Tilly's gelegentliche Bemerkung über den jungen Jaromir-Norbert kamen zuverlässig nach Wien. Er selbst wollte übrigens der Erste sein, welcher die Siegesnachricht nach Wien brächte, die Siegesnachricht von einem Augenzeugen. An herrenlos gewordenen Rossen fehlte es nicht; er bestieg eines, und während des Victoriablasens in der siegreichen Armada eilte er spornstreichs abwärts der Moldau zu, um nach Wien heimzukehren. Die calvinistische Episode seines Jugendlebens war zu Ende. Grimm saß in seinem Herzen, Verachtung für jedes warme Gefühl und jedes unklar höhere Streben auf seiner Lippe, Beides so reichlich, daß es einer ganzen Lebenszeit dienen konnte. Diese Lebenszeit sollte nun den Formen und Zwecken des Ordens gewidmet werden, welchem er nicht entrinnen gekonnt. –

In Prag selbst hatte man erst durch den dumpfen Ton der Kanonen erfahren, daß eine volle Feldschlacht sich entzündete. Der König saß bei der Tafel, als Raupowa in großer Aufregung hereinstürzte und die Meldung brachte: es scheine auch das kaiserliche Heer, welches man entfernt geglaubt, dicht hinter dem liguistischen schlachtmäßig gegen den Weißen Berg zu rücken. Der König war aufgesprungen, war zu Pferde gestiegen, hatte zum Strahower Thore hinausgewollt. Flüchtige waren ihm schon entgegengekommen. Er hatte sein Pferd auf den Wall gelenkt, und von da die unzweifelhafte Niederlage übersehen. Ein Reitender vom Oberfeldherrn Anhalt traf ihn da, und richtete die Botschaft aus: Alles hinüber zu schaffen vom Hradschin und der Kleinseite nach der Altstadt; Prag sei nicht zu halten, denn die Truppen hielten nicht, und die Truppen könnten noch heute in die Hand des Feindes fallen.

Nun begann das Einpacken und Hinabfahren aller Kostbarkeiten. Wagen auf Wagen jagte über die Brücke, die haufenweis kommenden Flüchtlinge zur Seite werfend. Die böhmische Krone, in Wahrheit bereits verloren, sollte äußerlich gerettet werden in einem gut verschlossenen Wagen. Der Altstädter Ring war die erste Station für diese Wagenburg. Er ward aber auch der Sammelplatz für alle vernichtenden Scenen einer großen Katastrophe.

Finstere Nacht sank vom Himmel. Die Soldaten schrieen um Speise und Trank und um Aufnahme in die Häuser. Diese fürchteten Diebstahl und Mord von der zügellosen Rotte, welche durch immer neu herzuströmende Haufen anwuchs. Rathsherren suchten den König, welcher bei ihrem Primas eingekehrt sein sollte; der alte Thurn rief ihnen entgegen: Helft Euch selbst! Schickt eine Deputation hinaus, um das Verderben von der Stadt abzuwenden. Der König kann Euch nicht helfen, wir können Euch nicht helfen.

Hans arbeitete sich mühsam über die Brücke hinüber. Er wollte Budowa sprechen, wollte nach Loß fragen. Budowa war nach dem Loß'schen Hause, Hans eilte ebendahin. Fort sollten die beiden alten Herren! Er wollte sie mit sich nehmen. Daß Loß im Getümmel verwundet worden, wußte er nicht.

Er fand ihn auf dem Lager; Budowa, Ludmilla, der Hausarzt und Diener um ihn beschäftigt. Die Kugel hatte ihn am Fuße getroffen, aber der Schenkel hatte festgehalten am Pferde, und der Türkenschimmel hatte ihn aus dem mörderischen Tumulte heraus und in einer Carrière in die Stadt herein bis vor sein Haus getragen. Dort war er ohnmächtig geworden vom Blutverluste. Jetzt war er aber schon wieder erholt, der Verband war angelegt und er rief Hans entgegen: Bist Du heil?

– Ganz heil. Aber ich bin der Meinung, Ihr und Budowa müßt fort. Die Stadt ist nicht zu halten mit solchen unbotmäßigen Truppen, morgen zieht der Sieger ein und greift nach den Häuptern. Ihr gehört zu diesen.

– Bin's nicht capabel, Hans, die kleinste Bewegung zu ertragen, 's ist auch all' Eins jetzt! Und fressen werden sie uns nicht.

– Das werden sie doch vielleicht, Loß, sagte Budowa, denn wir haben ihren Magen hinreichend gereizt. Aber ich habe auch keine Lust, mich in Unkosten zu setzen. Mein Körper ist ohne Schuß erbärmlich. Ich wollte heute Nachmittag auch aufs Pferd, um wenigstens dabei zu sein. Er versagte den Dienst, er ergiebt sich machtlos dem Alter, wie Prag dem Baier. Da wird man von selbst tapfer in Zuwarten und Geduld. Aber Du, Hans, mußt von dannen, Du hast zu viel auf dem Kerbholz.

– Errette Dich, Hans, für bess're Zeiten. Komm her! sprach Loß, indem er den Andern winkte zurückzutreten und ihm die Hand entgegenstreckte –

– Herr Rudolph von Mitzlau! rief ein Diener.

– Zum Teufel mit ihm! schrie Loß, aber Mitzlau stand schon im Zimmer und sprach zu Ludmillen:

– Die Königin selbst sendet mich, gnädigstes Fräulein. Sie bricht auf noch vor Tage mit des Königs Majestät nach Breslau und läßt Euch zu ihrer Begleitung entbieten. Sie hat hinzugesetzt, daß keine der Damen ihrem Herzen so sehr Bedürfniß sei, als Ihr, mein gnädigstes Fräulein.

Ein Stillschweigen folgte. Budowa unterbrach es mit der Frage: Ihr seid doch von der Partie nach Breslau, Herr Junker?

– Allerdings! lautete die Antwort.

Ludmilla sah zu Boden, sprach aber mit fester Stimme: Meinen ergebensten Dank der Frau Königin für ihr Zutrauen. Vielleicht kann ich später beweisen, daß ich es verdiene, indem ich mich ihr zur Verfügung stelle, sie sei, wo sie sei. Ihre jetzige Begleitung aber und die Lage meines verwundeten Vaters hindert mich, ihr Folge zu leisten.

– Brav, Mille! Richtet's aus, Herr Junker! Besonders das von der »Begleitung«, welche meiner Tochter nicht zu Gesichte steht.

– Aber mein lieber Freiherr von Loß –

– Ich bin nicht Euer lieber Freiherr, und wünsche Euch vergnügte Reise. Auf dem Schlachtfelde hat Euch ja, so viel ich weiß, Niemand gesehen; Ihr seid also nicht blutig compromittirt, und habt auch keinen reformirten Kirchenzettel. Ihr könnt in Breslau wieder vergnügt katholisch anfangen, wenn unser Winterkönig weiter muß. Geht zum Teufel!

– Ich grüße Euch ebenso freundlich, Herr Junker! setzte Budowa hinzu – und Junker Rudolph war hinauscomplimentirt.

– Brav, Mille! – wiederholte Loß, und zog nun Hans an sein Ohr, leise und mit verhaltenem Schmerze sprechend: Ich weiß Alles, mein armer Junge. Die Mille ist aufrichtig gegen ihren alten Vater wie gegen Dich. Sie ist unglücklich, aber ehrlich. Entscheide jetzt nichts. Lass' Gras wachsen darüber im nächsten Frühjahre, und wenn es leidlich wächst, erinnere Dich, daß Dich der alte Loß vom Herzen lieb hat, und daß in Deiner Hand der Balsam liegt für all seine Wunden, auch für die Todeswunde, die vielleicht recht nahe ist. Lass' wachsen, Hans, gedenke mein, gedenke – und jetzt mach' Dich fort! sprach er laut. Sie sollen Dich nicht fangen.

Hans trat zurück. Budowa schloß ihn ans Herz, eine Thräne glänzte in seinem Auge.

Ludmilla stand abseit. Der tiefste Schmerz lag auf ihrem Gesicht. Hans kam zu ihr und reichte ihr die Hand. Ein schreiendes Schluchzen übermannte sie, indem sie die Hand ergriff und ihren Kopf auf dieselbe drückte.

Hans legte seine andere Hand auf ihr Haupt; dann riß er sich los, ohne ein Wort zu sagen.

Purzel hielt ihn noch auf; sie kam hereingelaufen und schrie weinend: Nicht fortgehen, Vetter Hans, nicht fortgehen!

– Er kommt ja wieder, Purzel! sagte Loß mit matter Stimme.

Hans küßte Purzel heftig und eilte hinaus.

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