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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil. - Kapitel 6
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1879
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23.

Es waren ein paar Wochen vergangen seit jenem Abende, widerwärtige Wochen für Wilhelm von Raupowa.

Seine ganze Stellung war erschüttert worden durch jenen Act des Aufruhrs, so weit sie zu erschüttern war. Denn als »Königsmacher« und als Haupt der national-böhmischen Partei war er eine Nothwendigkeit für den jungen König. Der König konnte sich ihm nicht entziehen, aber sein vertrauliches Verhältniß zu Raupowa hatte doch einen Riß bekommen. Die Parteiung, längst innerlich vorhanden, klaffte nach jenem Abende auch äußerlich auseinander. Die nicht aus Böhmen stammenden Deutschen, meist Kriegsleute, welche zur Unterstützung des neuen Königthums nach Prag gekommen waren, nannten es geradezu einen Raubanfall, welchen Raupowa da gegen Privateigenthum im Budowa'schen Palais ausgeführt habe. Die deutschböhmischen Cavaliere, das heißt diejenigen, welche eine Trennung zwischen Deutsch und Czechisch nicht kennen und nicht zugeben wollten, sie verwünschten Raupowa's Frechheit, weil diese Frechheit das ordnungsmäßige Staatsleben untergrabe, die Hilfe aus dem deutschen Reiche verscherze, und eine weitaussehende Spaltung in der Bevölkerung Böhmens hervorrufe. Sie kannten den czechisch-hussitischen Sinn in den inneren Kreisen des Landes nur zu gut, und sahen es nur zu deutlich kommen, daß solche czechische Aufreizung wie ein Waldbrand sich verbreiten werde. Sie mußten jetzt ernsthaft daran denken, sich als Mittelpartei zu organisiren, und Männer wie Budowa und Loß an ihre Spitze zu stellen. Die czechisch gesinnten Cavaliere endlich, meist junge Männer, verlangten nun täglich neue herausfordernde Schritte von Raupowa, Schritte, die er vor sich selbst nicht verantworten konnte. Denn er war bei all seiner Rohheit nicht ohne staatsmännisches Talent, und wußte sehr gut, daß alle Kräfte zusammengehalten und aufgeboten werden mußten, wenn Böhmen seine neue selbstständige Stellung behaupten wollte. Es war auch wirklich das Bedürfniß von Geldmitteln gewesen, welches ihn vorzugsweise zur Erstürmung des Budowa'schen Hauses getrieben hatte. Der Sold für das Heer konnte schon jetzt nicht aufgebracht werden, und doch stand der eigentliche große Krieg erst noch bevor. Raupowa war am letzten Ende doch ein voller Patriot, und er hätte geraubt und gemordet, um das böhmische Reich zu erhalten.

Aber zur Rechtfertigung jenes Attentats mußte er etwas davon haben für die leere Schatzkammer des Reiches, und er hatte den Exceß nutzlos begangen. Auf jenem Wagen im Hofe des Budowa'schen Hauses hatte er wieder Gypstonnen gefunden, statt Tonnen Goldes! Zum zweiten Male hatte ihn dieser Zdenkosche Schatz genarrt. Daß ihm dies Thurn vorwerfen gekonnt, der eben von ihm gegangen, das war ihm das Empfindlichste. Lieber schlecht als dumm! pflegen Leute seiner Art auszurufen, wenn sie ergrimmt sind über eine Lächerlichkeit, die ihnen widerfahren ist.

Er ging ungeduldig in dem großen Zimmer der Hradschinburg umher, in welchem er zu regieren pflegte, ungeduldig, denn er wartete auf eine Nachricht.

Gegenüber dem Könige und den Männern, welche den geheimen Rath des Königs bildeten, hatte er sich am Morgen nach jenem Einbruch in Budowa's Haus nachdrücklich darauf berufen, daß er Geld schaffen müsse, und daß es sich wol eines kleinen Excesses verlohnt hätte, den großen Schatz des verstorbenen Zdenko zu gewinnen. Ihn einem Ausländer, einem Renegaten zu überlassen, der keinen sichtbaren Titel des Anspruchs darauf habe, das habe ihm unpatriotisch geschienen und scheine ihm noch so. – Als man ihm darauf erwiderte, daß ja gar kein Schatz vorhanden gewesen, und daß sein Gewaltact zur Eroberung von Gypstonnen geführt habe, da hatte er erwidert: Das ist Kriegsglück, will sagen Kriegsunglück! Es ist da etwas vorgegangen, was noch nicht enträthselt ist. Wir wußten Alle, daß Loß und der sächsische Junker im Hause waren, Loß hatten wir eine Viertelstunde vor Sprengung des Thores und vor unserem Eintritt oben am Fenster gesehen, und als wir dann das Haus durchsuchten, war weder Loß noch der sächsische Junker mit einem Auge zu entdecken; sie waren verschwunden. Mit ihnen wahrscheinlich der Schatz. Wir wissen noch nicht wohin; aber wir werden's erfahren. Und da es denn so peinlich gesetzmäßig unter uns zugehen soll, als lebten wir im tiefsten Frieden, so wollen wir uns ans Gericht wenden und den Besitztitel für jenen Schatz gerichtlich feststellen lassen. Es sind drei Cavaliere da, welche aus den Ländern der böhmischen Krone stammen, die Mährer Ladislaus und Jaromir Zierotin und der Schlesier Mitzlau. Alle drei sind nahe Verwandte des verstorbenen Zdenko, und machen gesetzlichen Anspruch auf dessen Hinterlassenschaft. Sie übergeben heute dem Gericht ihre Forderung, und wenn das Gericht, wie nicht zu bezweifeln steht, ihre Forderung gut heißt, so opfert jeder von ihnen die Hälfte seines Antheils unserem Staatsschatze. So gewinnt unser Reich eine stattliche Summe, die verloren gegangen wäre, wenn man still bürgerlich zu Hause geblieben und damit zufrieden gewesen wäre, daß der ausländische Junker das Geld unseres Landes sachte hinausgeführt hätte aus Prag. Das Geld ausfindig zu machen ist jetzt die nächste Sorge, und – wie gesagt – ich werde ihr schon obliegen und sie lösen.

So hatte Raupowa gesprochen, und demgemäß hatte er seit Wochen gehandelt. Es war ihm allerdings bis jetzt nicht gelungen, des Junkers Hans oder des Schatzes habhaft zu werden. Aber näher gerückt war er seinem Ziele doch. Einige Tage nach dem Einbruche in Budowa's Haus hatte er von Augenzeugen erfahren, daß es zwei Wagen gewesen, die man im Thorwege habe verschwinden sehen, zwei Wagen. Man hatte aber, als man eingedrungen, nur einen vorgefunden. Der andere war also mit Loß und dem Junker fortgeschafft worden, offenbar durch das Hinterthor. Wohin? Jedenfalls auf eine Herrschaft Loßens oder Budowa's. Budowa's Hauptherrschaft war Münchengrätz, und Loß pflegte auch dort im Norden vorzugsweise auf einem Gute zu wohnen zwischen Münchengrätz und der Lausitzer Grenze. Jene Gegend war dem Kriegsschauplatze am fernsten; es sprach Alles dafür.

Dorthin hatte Raupowa seine Kundschafter gesendet, und vor acht Tagen schon hatte ihm einer berichtet, daß er an der Elbe bei Melnik die Spur aufgefunden habe. Er verfolge sie, und hoffe binnen einer Woche den Dachsbau angeben zu können.

Diese Woche war um, und Raupowa wartete ungeduldig. Außerdem erwartete er aber auch heute den Ausspruch des Gerichtes. Die Sitzung sollte diesen Vormittag stattfinden, und jetzt war es zwölf Uhr.

Raupowa blieb am Fenster stehen und riß es auf. Die Winterluft war schon dem Thauwetter gewichen; der Schnee war verschwunden, der Schloßhof unten war feucht, und es rieselte wie Regen von den Dächern. Besonders da drüben im Winkel, wo eine Dachrinne ausgiebig Wasser heruntergoß, als wollte sie den Eintritt in eine große Thür erschweren. Diese Thür führte zum Gerichtssaale, und aus dieser Thür traten jetzt Rudolph von Mitzlau und Jaromir von Zierotin, auf welche Raupowa wartete. Sie geriethen unter die Dachrinne und schüttelten sich ärgerlich, indem sie über den Hof eilten zu Raupowa hinauf.

– Nun, wie ist's ausgefallen? rief er ihnen entgegen.

– Niederträchtig! entgegnete Rudolph. – Erst hielt Budowa eine Rede gegen uns und unsere Ansprüche im Allgemeinen, und dann sagte er wie nebenher: »Es ist übrigens auch ein Mann vorhanden, welcher unter Eideskraft bezeugen kann, daß Graf Zdenko den Junker Hans von Starschädel zu seinem Erben bestimmt hat. Und diesem Manne hat endlich noch zum Ueberflusse Graf Zdenko eine schriftliche Erklärung hinterlassen, welche dies bestätigt –«

– Wer? Was?

– Die Nebenthür ging auf, und in den Saal trat der nichtswürdige Mönch von den Benedictinern. Der erklärte sich denn zum Eide bereit, und zog aus seiner Kutte eine schmutzige Mappe hervor. Aus dieser Mappe nahm er ein Blatt Papier, und überreichte es Budowa. Dieser erklärte, es sei von Zdenko, dessen Handschrift er genau kenne, beschrieben, und es laute wie folgt. Das las er denn so laut er konnte, und Alles murmelte im Saale: das ist so gut wie ein Testament. Der Zettel machte nun noch die Runde bei den weisen Richtern, sie nickten mit den Köpfen, händigten ihn dem Mönche wieder ein und erklärten schließlich: – unsere Ansprüche wären abzuweisen.

Raupowa stieß einen Fluch aus. – Da trat sein Diener ein und überreichte ihm ein Schreiben auf schlechtem Papier, schlecht versiegelt. Es kam aus Münchengrätz von seinem Kundschafter und besagte: »Hier verwirren sich alle Spuren. Der Junker ist hier gewesen und der Wagen auch, und auch der Freiherr von Loß. Aber nur eine Nacht. Am Morgen sind sie sammt dem Wagen nach Loßens Gute bei Liebenau. Dort hab' ich ebenfalls nachgeforscht. Auch dort sind sie nur eine Nacht geblieben, und sind am Morgen gegen Reichenberg hinauf. Auch dahin bin ich nachgeritten. Sie waren ohne Aufenthalt nach Friedland zum Freiherrn von Räder. Dort haben sie wieder übernachtet, und sind nächsten Tages über die Lausitzer Grenze«.

Raupowa ballte das Papier in seiner Hand zusammen.

– Was ist? fragte Rudolph.

– Sie sind über die Lausitzer Grenze hinaus, wo der Sachse jetzt commandirt; der alte Loß mit.

– Das ist nicht wahrscheinlich. Loß ist seit mehreren Tagen hier, ich hab' es eben erfahren.

– Einerlei! der Schatz ist uns entwischt, und der Junker mit – wenn ich den Burschen noch einmal unter meine Hände kriegte –!

– Da ist er ja! rief Rudolph und eilte ans Fenster.

– Wer?

– Der Starschädel!

– Was?!

Hans hielt wirklich unten im Schloßhofe hoch zu Roß inmitten einer Schaar von zehn bis zwölf Reitern, die sehr stattlich aussahen. Sie gruppirten sich um zwei junge Männer, welche vornehme Herren zu sein schienen. Wenigstens schien von ihnen Befehl auszugehen. Zwei Reiter saßen von ihren Pferden ab, und schritten ins große Portal hinein. Mittlerweile kamen Budowa und Pater Dunstan, welche den Junker ebenfalls erkannt haben mochten, aus jener Thür, neben welcher die Dachrinne niedergoß. Sie vermieden als vorsichtige Fußgänger den Wasserstrahl, und schritten auf die Reitergruppe zu, Hans sprengte ihnen entgegen, reichte ihnen die Hand, und geleitete sie dann zu den beiden jungen Herren, denen er sie vorzustellen schien.

Nun kamen zahlreiche Diener, Hausdiener des Königs, aus dem Portal; der vornehmste unter ihnen verbeugte sich respektvoll; die Cavaliere stiegen von den Pferden und traten ins Schloß –

Rudolph eilte durch die Corridore hinüber nach dem Flügel, welchen der König bewohnte, um zu erfahren, wer da angekommen sei.

Erhitzt kam er zurück und berichtete: Es ist der junge Herzog von Weimar, der regierende, mit seinem Bruder. Sie bringen dem Könige ein Regiment; sie erklären sich trotz dem Kurfürsten in Dresden, ihrem Vormunde, für die böhmische Sache. Alles schwelgt drüben in Entzücken; sogar die Königin ist herbeigeeilt; die Etiquette ist hintangesetzt, man unterhält sich, wie vergnügte Bürgersleute sich unterhalten. Und es ist auch wirklich ein wichtiger Vorgang! Das ernestinische Haus, das alte sächsische Kurhaus, erklärt sich für das neue Königreich Böhmen. Das wird nicht ohne Einfluß bleiben auf die protestantischen Reichsfürsten. Es sind kaum siebzig Jahre her, daß Kaiser Carl diesem Hause gewaltsam den Kurhut entrissen hat, und man wird rufen: jetzt kommt die Vergeltung gegen den Habsburger; die Ernestiner helfen dem Ferdinand den böhmischen Kurhut entreißen!

– Der Thor freut sich ordentlich über das Ereigniß! stieß Raupowa zwischen den Zähnen hervor.

– Ich freue mich des Zuwachses unserer Macht – erwiderte Rudolph – was Widriges drum und dran hängt für mich und für uns, verkenn' ich nicht –

– Die deutsche Herrschaft in Böhmen kriecht aus dem Ei hervor, und wir werden die Schale des Ei's!

– Das wird auf uns ankommen, besonders auf Euch, Raupowa. Die Sache benützen, und die Personen verdrängen! Unsere Lieblingsperson ist dabei: der Junker Starschädel ist zum ersten Male in der Burg, sogar die Königin spricht artig mit ihm. Reich ist er jetzt auch, was fehlt ihm noch?!

– Die Hochzeit! – sprach halblaut in demselben verbissenen Tone Jaromir, der bisher still im Winkel gesessen – die Hochzeit mit der Loß! Papa Loß kann sie kaum noch erwarten. Zum ersten Mai will er sie gefeiert sehen. Gestern hat er's ausgesprochen. Er wollte noch früher; aber die Gesellschaft hat noch ein Concilium vor, das soll erst abgemacht werden.

– Ein Concilium, welches die neueste Kirche begründen soll. Dazu ist Pater Dunstan da, und dazu ist gestern die Jörger aus Oberösterreich angekommen. Sie ist die Nymphe Egeria der neuesten Kirche, und sie hat Eile. Das Concilium hat erst im Mai sein sollen, sie treibt aber, es solle früher einberufen werden, bevor der Krieg wieder losgehe. Die Liga in Baiern rüste Tag und Nacht, und werde zum Frühjahre über Linz nach Böhmen eindringen, das wisse sie von Tschernembl, und deshalb sei sie gekommen, um das Concilium zu beeilen. Deshalb hat Loß die Hochzeit auf den ersten Mai angesetzt. Also erst wird der Starschädel eine Kirche gründen helfen und sich einen gläubigen Anhang sichern, dann wird er zu seinem Reichthum noch die reiche Erbin heiraten, und wird als mächtiger Mann im Lande uns die Wege weisen, dem Herrn Wilhelm von Raupowa insbesondere.

Jetzt folgte ein langes Stillschweigen. Der Grimm gegen den glücklichen Junker war allen Dreien gemeinschaftlich. Am gewaltsamsten gährte er in Raupowa, und am gefährlichsten, denn Raupowa war der Mächtigste. Und seine Natur, die Natur eines wild energischen Menschen, war die frechste. Man konnte es ihm ansehen, daß er vor einem Morde nicht zurückschrecken würde. –

– Gehen wir auch hinüber! sagte er endlich scheinbar kaltblütig, um uns die Leute und die Dinge in der Nähe anzusehen. Das Concilium hat sein Gutes. Thut ja nichts dagegen! Helft im Gegentheile, daß es zu Stande kommt! Gehen wir!

Im Hinausschreiten gab er noch seinem Diener leise einige Aufträge. Sie bezogen sich auf Budowa's Schloß in Münchengrätz und auf Loßens Gut dort im Norden. Er hegte den Verdacht, daß der Schatz vertheilt worden sei und theilweise gefunden werden könne.

Drüben im Empfangssaale zeigte sich's deutlich, daß der lang verfolgte Hans jetzt überall vom Glücke begünstigt war. Neben der Königin, welche sich freundlichst mit ihm unterhielt, stand Ludmilla und war Zeugin der ehrenvollen Rolle, welche der bisher geringschätzig behandelte Freund spielte. Und wie stattlich spielte er sie! Ruhig und einfach war sein Benehmen, sicher und natürlich sein Verkehr mit den fürstlichen Personen. Es war nicht zu verkennen, daß er am heimatlichen Hofe in Weimar in jeglicher Umgangsform geschult war, und persönliche Würde und Freiheit anmuthig dabei zu bewahren wußte. Ludmilla war entzückt. Sie hatte ihn nie in solcher Umgebung gesehen, dagegen hatte sie in solchen Kreisen ihn immer nur abschätzig bezeichnen hören, als gehöre er in eine niedrigere Sphäre. Wie hatte sie darunter gelitten! Glanz und vornehme Verhältnisse waren für ihre Eitelkeit ein Bedürfnis, und während dieses Prager Winters hatte sie nichts so sehr gedrückt, als Hansens – wie sie meinte – untergeordnete Stellung. Wie anders war das plötzlich! Mit zutraulicher Liebenswürdigkeit behandelten die jungen Herzöge ihren Junker! Ja der ältere, Johann Ernst, der regierende Herr, brachte es heiter zur Sprache, daß man dem urprotestantischen Starschädel nachgesagt habe, er sei in Wien katholisch geworden. Unter den vielen Klatschereien sei dies doch eine der abgeschmacktesten gewesen! – Und es wurde jetzt allgemein gelacht darüber zu bester Genugthuung Ludmillas. Alle Störungen und Hemmnisse ihrer Neigung zu Hans flogen in dieser Stunde wie Nebelschichten in die Lüfte, und als die Gesellschaft Anstalt machte sich zu trennen, da winkte sie Hans zur Seite. Sie mußte ihm eiligst sagen, wie schön und trefflich das Alles sei, und wie er doch ja das Glück festhalten möge, welches endlich bei ihm eingekehrt. Bitte, bitte, lieber Hans – flüsterte sie, und der schalkhafte Blick ihrer Augen schmeichelte sich zauberhaft in den seinen – bitte schönstens, nun fein ordentlich bleiben in der Aufführung!

– Fein ordentlich? – fragte er lächelnd – bin ich denn –

– Still, still! Ihr versteht mich recht gut. Daß Ihr gewissenhaft seid wie ein Pastor, bezweifelt ja Niemand. Aber Ihr sollt kein Pastor werden, Ihr sollt ein Cavalier bleiben, das ist ordentlich für Euch. Der Vater hat mir gestern gesagt, daß die Jörger gekommen, und daß sie und der Pater Dunstan und der Budowa und leider auch Ihr eine geistliche Synode vorhabt, eine Synode mit Sectirern! Der Vater schüttelte traurig den Kopf dazu; Ihr wißt ja: er mag das nicht. Und frei heraus: ich mag's auch nicht mehr. Die Zeit ist ja vorbei, welche das empfehlen mochte. Unsere Kirchen sind ja jetzt frei und herrschend, und Ihr verderbt Euch Eure ganze Stellung auf solchen Wegen. Die Königin war bisher gegen Euch, und zwar vorzugsweise deshalb, weil Ihr beschuldigt wurdet, in Sachen des religiösen Bekenntnisses wankelmüthig oder freigeistig zu sein!

– Ich soll also calvinisch werden, wie sie? fragte Hans lächelnd.

– Nicht doch! Nehmt's nicht scherzhaft. Wie streng sie calvinisch ist, den wirklichen Lutheraner wird sie in Euch respectiren. Das muß sie ja bei so vielen Anderen. Aber sie entzieht Euch ihre Gunst wieder, wenn Ihr neues Sectenwesen befördert und neue Verwirrung heraufbeschwören helft. Thut's nicht, Hans! Gewiß, das führt uns ins Unglück. Wollt Ihr mir's versprechen?

Hans schwelgte so in ihrem Anblicke, in der Seligkeit, welche ihr warmer Ton über ihn verbreitete, daß er geneigt gewesen wäre, Alles zu versprechen. Der Inhalt ihrer Reden berührte ihn kaum; er hatte sich schon daran gewöhnt, ihr leichten Sinn nachzusehen, und er war in diesem Augenblicke von seiner sonstigen Pedanterie recht weit entfernt. Aber sie war ja viel reizender, wenn er mit seinem Versprechen zögerte, wenn er sie durch leichten Spott über ihre Hofdienerei herausforderte. Sie schmollte so allerliebst, sie fing an trotzig zu befehlen, es gefiel ihm dies Alles so außerordentlich an ihr, daß er, der sonst so ernst und weit sehende, ganz übersah: es stehe in diesem Gespräch wirklich sein ganzes Verhältniß zur Geliebten auf dem Spiele, und es berge der tiefere Inhalt dieses Gespräches einen Wendepunkt für sein ganzes Leben. Gab er Ludmillen diesmal nach, so war sie sein. Und was Fehlerhaftes in ihrem Verlangen liegen mochte, er konnte es vielleicht ausmerzen aus ihrem Wesen in einem durch Liebe gehobenen Ehebunde, welcher Nachgiebigkeit in sich schließt, weil er eben in Liebe wurzelt. Gab er Ludmillen aber diesmal nicht nach, so hatte er sie wahrscheinlich verloren, verloren für sich und für sie. Auch für sie, denn er war ihre wahre Liebe. Sie mußte ohne ihn auf Irrwege gerathen.

Dieser Gedankengang stieg nicht in ihm auf; er war nur glücklicher Liebhaber, und meinte tändeln zu dürfen.

Die Gesellschaft trennte sich. Der Junker mußte sich seinen Herzögen anschließen, welche in ihre Zimmer auf der Hradschinburg geleitet wurden, er mußte Ludmillen verlassen, ohne ihr eine ernste Zusage gegeben zu haben.

Sie hoffte aber doch auf eine solche. – Auf Wiedersehen heut Nachmittag unten beim Vater! sagte sie leise, als er ging.

Dieser Nachmittag stellte Alles auf die entscheidende Probe, früher als sie selbst gedacht, früher als sie selbst hinabgekommen war zum Vater.

Frau Amalie von Jörger war wirklich in Prag und wohnte bei Loß. Von ihr wußte dieser, daß die Berufung einer Synode für die Zukunftskirche ganz nahe bevorstand, daß sie in Budowa's Palais stattfinden sollte, daß Pater Dunstan, Budowa, Hans und Professor Hortleder aus Weimar die Führer sein würden. Er war im höchsten Grade ärgerlich darüber, und begleitete Frau Amalie nach dem Mittagessen hinüber in Budowa's Haus, wo täglich angestrengt gearbeitet wurde an den Vorbereitungen, und zwar unter Mitwirkung der Frau Amalie, welche einen großen Theil der Correspondenz besorgte.

Er wollte Alles aufbieten, um seine Freunde von diesem Unternehmen abzubringen.

Dies schien möglich, denn weder Dunstan, noch Budowa, noch Hans waren leidenschaftlich dafür eingenommen; Frau Amalie allein war die entschlossen treibende Kraft.

Dunstan war – ganz gegen seine sonstige Natur – in trüber Stimmung seit seiner Ankunft in Prag. Der höhnende Lärm, welchen seine Mönchskutte beim ersten Eintritte erregt, hatte ihn arg verstimmt. Die Kutte gehörte zu ihm, er gehörte zu ihr. So viel Gewicht auf ein Kleidungsstück gelegt zu sehen, während ihm Herz und Geist auf tiefe Reformen gerichtet stand, und in der Stadt gelegt zu sehen, welche jetzt für die freieste galt in religiösen Dingen, das war ihm sehr widerwärtig gewesen. Der Eigensinn, von welchem er eine starke Dosis besaß, erwachte darüber. Budowa's Rath, die Kutte abzulegen hier in Prag, entrüstete ihn; er wies ihn zurück. Sie sollen sich daran gewöhnen, rief er, sie sollen achten lernen, was Andern eigenthümlich ist, Eure Prager Freidenker. Aus solcher Kutte ist ihnen ihr ganzer Fetzen Protestantismus zugekommen, sie sollen auch die Vergrößerung dieses Fetzens aus solcher Kutte mit Achtung entgegennehmen. Er legte sie nicht ab und hatte täglich, wenn er über die Straße ging, den Aerger zu bestehen, daß die Leute stehen blieben und zusammentraten und auf ihn deuteten, wie auf ein fremdartiges, verdächtiges Geschöpf. – Das steigerte nur seinen Eigensinn und seinen Aerger. Er war eigentlich gar nicht gestimmt dafür, diesem vorurtheilsvollen Volke gegenüber den großen Schritt zur Gründung einer neuen Kirche zu unternehmen. War er doch neben Zdenko schon immer zögernd und bedenklich gewesen, in solcher Ausdehnung und wirklicher Praktik vorzugehen. Selbst ein praktischer Mensch, hatte er stets die großen Schwierigkeiten hervorgehoben und stets behauptet: man solle vorbereiten mit allen Kräften, die wirkliche Ausführung aber dem Zeitpunkte überlassen, welcher von selbst die Reife dafür ankündigen, und wol auch den zur Durchführung geeigneten und berufenen Mann bringen werde. Da kam die Jörger und drängte. Er konnte ihr nicht Unrecht geben, daß kaum noch einige friedliche Monate vor ihnen lägen, und er sagte endlich: Meinethalben! Es ist ja doch nur eine Besprechung, und sie wird zeigen, ob und was möglich ist.

Budowa ferner war eigentlich gar nicht der Charakter für solch einen schöpferischen Vorgang. Er war ein wohlwollender Zweifler, ein Mann, welchen die geistigen Wendungen viel mehr interessirten als die Verkörperungen. Wenn die Gedanken verkörpert werden, so verlieren sie meist ihren feineren Theil! pflegte er zu sagen. Nur weil er jetzt mitten inne steckte in einer Revolution, deren Gang und Ergebnisse ihm gar nicht gefielen, nur weil ihm das unduldsame Calvinerthum, welches jetzt Prag beherrschte, gar nicht gefiel, nur weil er das Bedürfniß hatte, irgend etwas Neues zu veranlassen, was doch vielleicht besser wäre, und was jedenfalls den starrwerdenden Geist wieder flüssig mache, nur deshalb hatte er der Jörger zugestimmt. Du hast kaum noch ein paar Jahre zu leben – hatte er zu sich gesagt – vergönne dir also noch kurz vor Thorschluß ein Experiment, das jedenfalls würdig und bedeutend ist!

Hans endlich war ziemlich zerstreut. Die Rettung des Schatzes hatte zuletzt all seine Thätigkeit in Anspruch genommen, und der wirkliche Besitz eines so großen Eigenthums hatte auch seinen Einfluß geäußert auf ihn. Wer viel zu verlieren hat, der wird von selbst vorsichtig. Dazu Ludmilla und die nahe Aussicht auf ihren Besitz, und ihre dringende Abmahnung vor der Teilnahme an einer solchen Synode.

Kurz, der Freiherr von Loß konnte es wol dahin bringen, daß diese Männer abließen von dem Unternehmen, wenn er's leidlich geschickt anfing.

Sie saßen um eine große runde Tafel, welche mit Schriften und Briefschaften bedeckt war. Die Aufforderungen zur Synode nach Prag zu kommen, waren nach allen Seiten versendet worden, von allen Seiten liefen Antworten ein, und diese Antworten wurden jetzt mitgetheilt, die Listen wurden angefertigt, die Rollen für die Leitung wurden festgestellt, die Austheilung derselben wurde erwogen.

Da trat Loß ein mit Frau von Jörger. Er war unbewegt geblieben von alle dem, was ihm diese unterwegs entgegnet hatte auf seine Absicht. Dieses »Religionmachen« war ihm überhaupt zuwider und erschien ihm gefährlich. Jedenfalls wollte er seinen Hans davon abziehen.

Er forderte zunächst in herzlichem Tone die Freunde auf, sie möchten davon abstehen.

Das hatte gute Wirkung. Es war eben keiner der Männer leidenschaftlich eingenommen für das Vorhaben.

Aber nun wollte Loß seine Aufforderung mit Gründen unterstützen, und dadurch forderte er den Widerspruch heraus. Daß es nicht an der Zeit sei, fand man thöricht. Wann sollte es denn an der Zeit sein, wenn nicht in einem Zeitpunkte, welcher die religiöse Reformfrage in freien Fluß gebracht?! – Daß man überhaupt nicht rütteln solle an den bereits festgestellten Kirchen der Reformation! Ah, – fuhren alle Drei auf – dann hätten wir eben nur zwei neue Päpste, Luther und Calvin, geschaffen statt des einen in Rom! Die Spaltung wäre erreicht, der Fortschritt aber abgeschlossen, und die allgemeine Einigung für immer unmöglich gemacht. Hiermit hatte der gute Loß den Streit erregt in seinen Grundvesten, und nun stieg er höher und höher in seinen Folgerungen. Diese Folgerungen rissen die Streitenden von selbst fort, der Verstand erhitzte die Sprechenden, die Leidenschaft entzündete sich, und man kam auf einen Punkt, den Keiner gewollt hatte. Die den Fragen innewohnende Consequenz unterjochte Dunstan, Budowa und Hans, und legte ihnen Verpflichtungen auf, welche sie Anfangs aus Indolenz vermeiden gewollt. Loß stand zerschmettert da von Gründen und Ausführungen, und Frau Amalie lächelte. Von Hause aus die Entschlossenste für Durchführung – starke Frauen sind von unerbittlicher Consequenz – hatte sie still geschwiegen und mit Zuversicht darauf gerechnet, der zwingende Geist werde sich von selbst behaupten.

Loß mußte es aufgeben. Disputation war ohnehin nicht seine Sache. Er setzte also noch den Trumpf darauf, daß eine solche Synode hier in Prag keinen Boden, ja wahrscheinlich offenen Widerstand finden werde, denn die Machthaber seien alle dagegen, und er wendete sich schließlich nur noch an Hans. Nicht mit Gründen, nur mit Vorstellungen. Von Herzen zum Herzen, wie er's nannte. Macht was Ihr wollt – sagte er – aber zieht mir den Junker nicht hinein! Ihm verderbt Ihr das junge Leben, das er genießen soll, und das er sich zerstört, ich weiß es, wenn er sich zum Prediger macht. Tritt zu mir, Hans, begnüge Dich mit Zuschauen! Oder noch besser: lass' uns hinaufreiten ins Land und dort ordnen, was noch zu ordnen ist, Du weißt's ja! So kommst Du nicht in Versuchung, und bleibst geborgen, geborgen auch bei – Du weißt schon, was ich meine. Gieb mir die Hand! Versprich mir's! der Herr Pater und der Wenzel hier und die Frau Amalie geben Dir Urlaub; sie lieben Dich ja, und wollen Dein Glück, nicht wahr?

Eine peinliche Stille entstand. Hans wußte allerdings, was der Vater Ludmillens meinte. Aber konnte er, der Sohn und Erbe Zdenkos, zurücktreten? die Schätze Zdenkos in Sicherheit bringen, welche ihm vorzugsweise für dies reformatorische Werk vererbt waren?! Unmöglich!

Er schüttelte das Haupt. In Loß wallte der Zorn auf; er that einige heftige Aeußerungen; er kündigte Hans die Freundschaft auf – er ging.

Verstimmt, aber gewissenhaft wendeten sich die Apostel der »einfachen Kirche« wieder zu ihrer Arbeit am runden Tische.

*

Loß hatte ganz Recht gehabt: die Machthaber oben auf dem Hradschin waren sämmtlich gegen die sogenannte Synode, von welcher die Kunde jetzt durch das Land ging. Sämmtlich! Auch die deutsche Partei, auch der Fürst zu Anhalt, auch der Herzog Johann Ernst von Weimar, welcher vor seiner Abreise Hans zu sich berief, um demselben seine volle Mißbilligung auszusprechen, daß aus der Heimat Luther's und beim Ausbruche eines Religionskrieges solche neue Spaltung unter den Protestanten erregt werden solle. Hortleder werde er die Herreise verbieten, und er hoffe zuversichtlich, daß der weimar'sche Herr von Starschädel sich nicht ferner damit befassen werde. Sobald die Kriegsoperationen begännen, werde er durch das Voigtland mit seinen Truppen in Böhmen einrücken, und er rechne darauf, daß Herr von Starschädel sich als echter Lutheraner an seine Fahne anschließen werde. Einen Unruhe stiftenden Sectirer erwarte diese Fahne nicht!

Nur Wilhelm von Raupowa äußerte sich nicht, wie man erwartete, mit besonderem Eifer gegen die Abhaltung der Synode. Er spöttelte sogar gegen den Hofprediger Scultetus, der von der Regierung ein Verbot auswirken wollte, er spöttelte mit den Worten: Habt Ihr die Papisten vergessen, die auch Alles durch Verbote schlichten wollten? Wollt Ihr der »einfachen Kirche« Vorschub leisten durch ein Verbot?

Aber Niemand folgte den Vorbereitungen, welche von Budowa's Hause ausgingen, mit schärferer Aufmerksamkeit als Wilhelm von Raupowa. Rudolph von Mitzlau und Jaromir von Zierotin mußten ihm täglich Bericht erstatten über alle Schritte der »Einfachen«, über alle Ankömmlinge, über alle Druckschriften, welche sich auf die Synode bezogen. Er war auch der Erste, welchem angezeigt wurde, daß in einer Buchdruckerei das Programm gesetzt würde, und daß Frau Amalie die Correctur läse. Er war der Erste, welchem gedruckte Exemplare des Programms zukamen. Er las sie lächelnd, und vertheilte sie ernsthaft an junge Pastoren czechischer Zunge, welche der deutschen Sprache vollkommen mächtig waren.

So kam der Tag heran, für welchen die Synode angesetzt war.

Hans war unausgesetzt mit den Vorbereitungen beschäftigt gewesen, und hatte die Goldstücke nicht gespart für die Schaar von Sendboten, welche nach allen Weltgegenden ausgesendet und an die Bekanntschaften des verstorbenen Grafen Zdenko gewiesen wurden. Er hatte gegen die Störung seines Verhältnisses zu Loß und Ludmilla nichts thun können. Frau Amalie, welche bei Loß wohnte, hatte ihm berichtet, daß auch Ludmilla sich ungünstig, ja feindlich über ihn geäußert. Endlich war selbst Frau Amalie, belästigt von Loßens Scheltworten auf die Synode, herübergezogen in Budowa's Haus, und so gab es nun gar keine Nachricht, gar keine Verbindung mehr zwischen ihm und Ludmilla. Er mußte jede Wiederanknüpfung einer späteren Zeit anheimstellen, und mußte sich Mühe geben, all sein Dichten und Trachten zunächst nur der kirchlichen Aufgabe zuzuwenden.

Diese Aufgabe war nicht eben leicht und nicht anmuthig. Notable Gäste aus der Ferne wurden in Budowa's Hause einquartiert, und Hansen vorzugsweise fiel es zu, sie zu begrüßen, unterzubringen und mit allen Vorbereitungen bekannt zu machen. Die verschiedenartigsten, die wunderlichsten Ansichten und Ansprüche traten ihm da entgegen! Es schienen vorzugsweise Sonderlinge zu sein, welche sich eingefunden.

Endlich brach der Tag an, welcher der erste Sitzungstag sein sollte, ein rauher Frühlingstag mit Regen und Wind.

Ein großer Tanzsaal im Budowa'schen Palais war für die Sitzung eingerichtet. An dem einen Ende des Saales war eine Estrade errichtet; auf derselben standen Tische und Sessel für die Präsidentschaft. Aus dem Pater Dunstan, Budowa und Hortleder sollte sie bestehen; Dunstan sollte die oberste Leitung führen. Hortleder aber traf nicht ein. Der Sendbote brachte die Nachricht, er sei durch Krankheit verhindert. Ein trauriges Omen für Hans, welcher auf diesen Jugendlehrer die besten Hoffnungen gesetzt. Widerstrebend mußte Hans selbst die Stelle Hortleder's im Präsidium einnehmen. Frau Amalie sollte Schriftführerin sein, das heißt, sie sollte den Hergang in allem Wesentlichen niederschreiben. Sie selbst sprach nur die Besorgniß aus, es könne zu Spöttereien Anlaß geben, wenn eine Frau in dieser Weise öffentlich erscheinen wolle. Es war also oben auf der Gallerie, welche den ganzen Saal umlief, eine kleine Loge für sie abgesondert worden, in welcher sie hinter Vorhängen hören und sehen und schreiben könnte. Der übrige Theil dieser Gallerie war für Zuhörer bestimmt, und zwar ohne Ansehen der Person. Man hielt es für angemessen, den Zutritt für Jedermann offen zu halten.

Der untere Raum des Saales war amphitheatralisch eingerichtet: er stieg von der Präsidenten-Estrade an mälig aufwärts auf einem Holzgerüste, und reichte hinten bis an die Gallerie. Hölzerne Bänke bedeckten diesen Aufbau, und zwischen diesem Sitzraume und der Estrade war eine Kanzel angebracht, von welcher die Redner sprechen sollten.

Um sieben Uhr des Morgens sollte die Sitzung beginnen. Der Tag graute auch kaum, und das vordere Hausthor war kaum geöffnet, so strömten schon Leute in den Hof. Man sollte glauben, es sei ohne Zeitungen gar nicht möglich, innerhalb einiger Wochen oder eines Monats eine Kunde weithin zu verbreiten durch die Länder. Man irrt sich darin. Die Verbreitung von Mund zu Mund ist eine unermeßliche Propaganda. Wenn die Kunde Antheil weckt, so fliegt sie von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf wie eine Wolke, welche sich ausgebreitet über den ganzen Horizont. Und das Concilium für eine neue Kirche war in jener Zeit ein Gegenstand, der Antheil weckte in der einsamsten Hütte, sowie denn zu jeder Zeit religiöse Fragen den weitesten Kreis ausfüllen und den tiefsten Antheil wecken. Das Verhältniß zum Staate bewegt immer nur einen Theil der Bevölkerung, das Verhältniß zu Gott bewegt die ganze Bevölkerung bis in die untersten Schichten.

So waren denn Leute nach Prag gepilgert, an welche keine Einladung ergangen, zu denen aber die Kunde gedrungen war: in Prag soll eine neue Kirche begründet werden.

Sie waren es namentlich, welche schon beim Morgengrauen in den Hof des Budowa'schen Hauses drangen; unter ihnen der Raschmacher Urban, der Bart-Conrad, ja der Schuster Pfeifer, welchen Medardo damals an der March hatte laufen oder richtiger stehen lassen, und welcher mit den Truppen Thurn's nach Mähren und Böhmen fortgeschoben worden war. Urban war mit seiner magern Gattin seit einigen Tagen in Prag selbst angesiedelt, und der Bart-Conrad hatte in Linz den Poldi, den Jörger'schen Kutscher, getroffen, welcher Frau Amalien nach Prag zu fahren hatte. Der nachfolgende Packwagen hatte auch ihn mitgenommen. Er wollte Frau und Kind aufsuchen, welche mit dem Vater Hamm auf einer Loß'schen Herrschaft im Norden Böhmens angesiedelt waren. Unterwegs eine Synode mitzumachen, bei der Jedermann reden dürfe – so hatte es geheißen – das war nicht zu verachten.

Es war denn auch seine erste Frage im Hofe, ob man mitsprechen dürfe. Allerdings! hieß es. Der Eingang links sei für die, welche sprechen, der Eingang rechts, welcher zur Gallerie führte, für diejenigen, welche hören wollten.

Conrad ging links, Urban und Pfeifer desgleichen. Als sie sich erkannten, lachte Conrad so unanständig laut, daß er Zischen erregte unter den Uebrigen, welche in ernster Stimmung eintraten. Er sah sich nach den Zischern um, indem er stehen blieb, und wurde dadurch von den Collegen der Saugrube getrennt. Die zuströmende Menge war zahlreich und drängte Mann an Mann die breite Stiege hinauf in den Sitzungssaal.

Er war in einer Viertelstunde gefüllt, und auf der Gallerie starrte auch Kopf an Kopf.

Trotzdem waltete eine auffallende Stille. Die Leute kannten einander nicht, und erhielten auch sofort gedruckte Blätter ausgetheilt, in deren Lesung sie sich vertieften.

Diese Druckblätter waren das Programm der Sitzung, das Programm der »einfachen Kirche«, welches die Grundsätze derselben auf einem Quartblatte Papier der Prüfung überlieferte.

Um dieser Prüfung einige Zeit zu lassen, zögerten Dunstan, Budowa und Hans mit ihrem Eintritt auf die Estrade. Eine Thür aus dem Innern des Hauses führte auf diese Estrade, und aus dieser Thür traten dann endlich die drei Männer, und nahmen ihre Plätze ein am Präsidententische.

Ein unheimliches Gemurmel vom Saale und von den Gallerien empfing sie. Ein Mönch? Eine Kutte? Was heißt das? sprachen halblaut hundert Stimmen. Dunstans Benedictinerkutte war die Veranlassung des allgemeinen und – unwilligen Erstaunens.

Dunstan, seit einiger Zeit an die Wirkung seiner Kutte gewöhnt, bemerkte sogleich den Grund der Unruhe und stand auf. Mein Gewand scheint Euch zu stören! sprach er mit seiner starken Stimme. Ja! – ja! antworteten Einzelne.

– Das ist kein gutes Zeichen – fuhr er fort – denn es beweist, daß Ihr des Zweckes dieser Versammlung nicht eingedenk seid. Weil mein Gewand den Katholiken bekundet, meint Ihr erstaunt sein zu dürfen? Wißt Ihr denn nicht, daß wir uns eben dazu versammeln, für Katholiken und Protestanten einen gemeinschaftlichen Boden zu finden und anzubauen? Die einfache Kirche, welche wir gründen wollen, soll ja eben dafür gegründet werden, daß diese Unterschiede uns nicht ferner trennen. Einfache Christen sollen hervorgehen aus unserer Versammlung, im Innern einig, ob sie eine Kutte oder eine Reverende tragen!

Dann schritt er von der Estrade herab und bestieg die Kanzel. Es herrschte tiefe Stille im Saale. Unter dieser Stille sprach er wol eine halbe Stunde lang. Er schilderte sein Leben und das Leben des Grafen Zdenko, mit Nachdruck auf die Punkte hinweisend, welche ihn und Zdenko auf den Gedanken geführt, daß eine einfache Kirche der christlichen Menschheit zum Segen gereichen könne. Sie wolle keine der jetzigen Kirchen stören oder gar zerstören. Wer sein Genüge oder seine Seelenruhe finde in der römischen oder in einer der protestantischen Kirchen, der möge in seinem Glauben verharren. Wer zur »einfachen« Kirche trete, und nicht all seine dogmatischen Bedürfnisse in ihr befriedigt finde, dem bleibe es unbenommen, sich auch irgend einer andern religiösen Gemeinschaft anzuschließen. So entstehe die Freiheit ohne krampfhafte Störungen, und es bleibe doch ein Mittelpunkt. Dieser werde wachsen, wie ein Baum wächst, welchen man in reines Erdreich gesetzt. An seinen Früchten wird man ihn erkennen! Nicht die Streitigkeiten über schwierige Glaubenspunkte bilden den segensreichen Kern einer Kirche, sondern der fromme Sinn bildet ihn, welcher bereit ist, zu verzeihen, zu lieben und Gott nachzutrachten in guten Werken. Wir nennen ihn dankbar den »lieben Gott«, und diesen lieben Gott bitten wir denn, daß er unser Vorhaben einer einfachen Kirche zum Gedeihen segne.

Nun las er langsam, jedes Wort betonend, das Programm vor, welches flüsternd im Saale nachgelesen wurde. Es lautete:

 

»Bekenntniß der einfachen christlichen Kirche.

Ich glaube an Gott, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erden, den allgütigen Vater jeglicher Creatur.

Ich glaube an Jesum Christum, unsern Heiland, der für die Wahrheit gestorben ist und uns die Religion der Liebe gestiftet hat.

Ich glaube an den heiligen Geist der Wahrheit und Liebe, welcher von Gott ausgeht und durch Jesum Christum, unsern Heiland, den Menschen vermittelt worden ist.

Ich bekenne mich zu den zehn Geboten, welche das gemeinsame Leben regeln und weihen.

Ich bekenne mich zu den geheiligten Gebräuchen der Taufe, welche die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft bezeichnet, und des Abendmahls, welches zur herzlichen Erinnerung an unsern Heiland und zur demüthigen Verehrung seines Opfertodes begangen wird.

Ich bekenne mich zu den Grundgesetzen christlicher Lehre, welche lauten: Was du nicht willst, daß man dir thue, das thue einem Andern auch nicht – liebe deinen Nächsten wie dich selbst – sei gerecht und menschlich gegen deine Feinde, wie der Heiland gewesen ist!

Ich bekenne mich zu der christlichen Verpflichtung: wohlzuthun und mitzutheilen vom Morgen bis zum Abend allen Bedürftigen und Schwachen, und thätige Liebe auszuüben an allen Menschen bis zur niedrigsten Creatur.

Ich bekenne mich zu dem biblischen Grundsatze: der allmächtige Gott ist anzubeten im Geiste und in der Wahrheit, nicht aber durch sinnliche Zeichen und Bilder, welche irre führen zu götzendienerischen Wegen. Denn jede Verkörperung Gottes ist nur eine menschliche Abschwächung des ewigen Gottesgeistes, dessen Gestaltung unserer Kurzsichtigkeit entzogen ist.«

Dunstan schwieg. Nach einer Weile erst setzte er mit halber Stimme, aber ganz verständlich hinzu: Nun prüfet Alles, und das Beste behaltet. Einer nach dem Andern spreche, und erwarte unsere Antwort. – Dann ging er langsam auf den Präsidentenstuhl zurück.

Ein leises Surren ging durch den Saal; es schien Niemand hervortreten zu wollen.

Da erhob sich endlich ganz oben im Sitzungsraume dicht unter der Gallerie eine weiche, wohlklingende Stimme. Man sah den Sprecher nicht; er schien sich absichtlich hinter seinen Vordermännern verborgen zu halten; aber man hörte folgende Worte ganz genau:

– Dies gleicht nicht dem Glaubensbekenntnisse einer Kirche, sondern nur dem einer Gesellschaft. Die Denkmäler christlicher Entwicklung durch fünfzehn Jahrhunderte hindurch sind ausgelassen. Dadurch erscheint das Christenthum verarmt, und es haben seine begabten Bekenner und seine gesegneten Vorkämpfer gleichsam umsonst gelebt. Endlich fehlt Alles über die äußere Form der Kirche, über Liturgie und Gottesdienst. Der letzte Satz nur, gegen Zeichen und Bilder, streift vereinzelt daran und huldigt dem Calvinismus, ein Anstoß für andere Kirchen, welche behaupten: die Menschheit kann Zeichen und Bild nicht entbehren, denn sie lebt in der Sinnenwelt, und die bildende Kunst ist eine schöne Offenbarung des Menschengeistes.

Verneinendes Geräusch von Seiten der anwesenden Calviner folgte dieser Rede. Das war Czernin! sagte Budowa und erhob sich zur Entgegnung. Die Einwürfe sind wohl begründet – sagte er – vom Standpunkte eines Katholiken. Ja, wir wollen eine »Gesellschaft« begründen, nicht eine Kirche im römischen Sinne. Auch das Evangelium, auf welches wir zurückgehen, spricht nirgends von einer abgeschlossenen Kirche. Unsere Thüren sollen offen stehen. Die Bildung der Jahrhunderte geht dadurch nicht verloren. Die zahlreich ausgebildeten Dogmen werden deshalb nicht vergessen werden, es werden ebenso zahlreiche Secten entstehen. Die soll man nicht stören. Mit einer Hand werden sie doch zu uns halten, wie zu einem Mittelpunkte, und so wird Alles erhalten und doch der Zwang entfernt, der Zwang eines privilegirten Priesterthums, welches sich stets zur Kaste gestaltet –

– Pfaffen müßt Ihr aber doch auch haben! unterbrach ihn eine grobe Stimme – die des Bart-Conrad – warum verschweigt Ihr's denn?!

– Ruhe! Ruhe! Nicht unterbrechen! schrie ein Theil der Versammlung, ein anderer Theil, besonders auf der Gallerie, lachte. Solche Disputation war ihm zu schwer, und er freute sich, jählings davon erlöst zu werden.

Hiermit war aber das Eis gebrochen für die Alltäglichkeit und Gemeinheit. Man sprach laut von Mann zu Mann, man stritt sich, man zankte, man drohte. Und was namentlich zu beunruhigen geeignet war: hinten von den Gallerien erhob sich stoßweise ein rohes Geheul.

Einem würdig aussehenden Manne, welcher auf die Kanzel eilte, gelang es, die Ruhe einigermaßen wieder herzustellen. Er ward darin von einer Gruppe bürgerlich gekleideter Männer mitten im Saale unterstützt. Der Sprache und den Aeußerungen nach waren dies Bürger aus altböhmischen Städtchen des Taborer Kreises, welche separatistischen Gemeinden aus der Hussitenzeit angehörten. Mancherlei Arten solcher Gemeinden hatten sich in der Stille fortgepflanzt und reformistische Grundsätze festgehalten, welche mit den böhmischen und mährischen Brüdern, so wie mit den Calvinern Verwandtschaft zeigten. Picarditen nannte man auch damals vielfach calvinische Gemeinden, welche böhmisch nationale Zuthaten bewahrt hatten. Zu einer dieser Richtungen, vielleicht zu mehreren, schien diese Gruppe von Bürgersleuten zu gehören, welche in harter deutscher Aussprache und mit großem Nachdruck für Ordnung und andächtige Stimmung auftraten. Man sah und hörte es ihnen an, daß sie für das Programm der »einfachen Kirche« eingenommen waren, und daß sie eine ernste Verhandlung durchsetzen wollten. Ihnen vorzugsweise verdankte es der würdige Mann, welcher sich der Kanzel bemächtigt hatte, daß sein Vortrag gehört wurde. Er ging vom katholischen Standpunkte aus, der Mann war offenbar Katholik, und es bewährte sich auch an ihm wieder, daß die Katholiken milder und eingehender sich zu den Grundsätzen der einfachen Kirche verhielten, als Lutheraner und Calviner. Er verlangte nur nähere Auskunft über die Leitung der neuen Kirche, und Budowa versuchte es nun abermals, das Wort zu ergreifen. Aber ein Mann mit zornigen Geberden unterbrach ihn und stürzte auf die Kanzel, um das Programm mit allgemeinen Schmähungen zu überhäufen. Frau Amalie, oben in ihrer Loge zitternd, erkannte mit Schrecken, daß dies ihr Hauscandidat Götzinger sei, welcher von ihrem Gute Tollet nach Prag geeilt war, um gegen ihre Bestrebungen zu eifern, vielleicht gar im Auftrage Jörger's, oder wenigstens unter Gutheißung desselben.

Solch wüstes Schmähen ohne eigentliche Gedankenentwicklung, paßte zu der Stimmung der hinteren Gallerie. All seinen Kraftworten wurde eben so wüst zugejauchzt, und als er schloß, ging Zuruf, Widerspruch und Streit wieder in jenen allgemeinen Lärm über, welcher den Zweck der Versammlung vernichten mußte.

Ein großes Gelächter brachte eine unerwartete Abwechslung in den Lärm. Auf der Kanzel war ein buckliges Menschenkind erschienen, welches durchdringend schrie und wunderlich gesticulirte. Es war der Schuster Pfeifer. Seine Rede hatte schon eine Weile unbeachtet und unverstanden gedauert, ehe man aufmerksam wurde und in Heiterkeit überging. Jetzt schrie er noch greller, und man verstand ihn eine Minute lang, während welcher er kreischte: Niedergefahren zur Hölle – aufgefahren gen Himmel, und seinen Abscheu aussprach, daß man das »andere Hauptstück von der Schöpfung« aus dem Borne des lutherischen Glaubens nichtswürdig übergehen wolle in dieser neuen Kirche, welche nicht christlich sei, sondern heidnisch – -

Er ward heruntergestoßen von Urban, dem Raschmacher. Diese Gewaltthat erregte neuen Jubel auf der hintern Gallerie, und brachte eine Pause in den Lärm. Man war doch betroffen von dieser brutalen Handgreiflichkeit. Urban benützte diese Pause, seine Mißbilligung des neuen Programms dahin auszusprechen, daß von Vornehmen und Geringen gar nicht die Rede sei darin. Man wolle also für die Geringen nichts thun, man wolle also die Stellung des armen Bürgersmannes nicht erhöhen, wie dies doch geschehen müsse im neuen Christenthume.

Durch diese Wendung gewann er die Aufmerksamkeit der Gallerie, es wurde ruhig, und man hörte zu, wie er die Grundsätze des Bauernkrieges im vorigen Jahrhunderte auseinandersetzte und darauf hinauskam, daß man einen neuen »Bundschuh« stiften müsse als neue, weltliche Kirche. – Gellende Zustimmung in czechischen Tönen begleitete diesen Schluß. Die Mehrzahl im Saale widersprach dieser Richtung, und der Tumult wurde ärger als vorher. –

Da trat plötzlich Todtenstille ein. Warum? Man sah einen langen, hagern Mann auf der Kanzel, den in Prag Jedermann kannte. Die Lutheraner haßten ihn, die Calviner verehrten ihn, ihren Hofprediger Scultetus, den Bilderstürmer, welcher die Kirchen gesäubert hatte von allem Schmuck, und die calvinistischen Grundsätze so rücksichtslos durchführte, wie nur je ein Dominicaner das römische Kirchenthum durchgeführt.

Er erschien hier auf Raupowa's Veranlassung, in dessen Calcul die Wirkung gehörte, welche dieser bei Lutherischen wie Katholischen verhaßte Fahnenträger hervorbringen mußte. Rudolph von Mitzlau und eine bewaffnete Schaar war mit ihm gekommen. Diese Schaar harrte auf der Stiege. Rudolph blieb hinten am Eingange des Saales, um ihnen im gelegenen Momente den Wink zu geben, daß sie eindringen sollten.

In der verschiedenartigsten, aber in gleichmäßig gespannter Stimmung harrte Alles im Saale auf seine Rede.

Sie war blanke Verdammung des ganzen Unternehmens, welches sich hier frech ans Tageslicht wage zur Gründung einer sogenannten Kirche. Was gut sei in dem schauspielerischen Programme, das sei längst vorhanden in der reformirten Kirche, und was neu darin erscheine, das sei schlecht. Die wichtigste Lehre des Heilands sei darin verdreht. Liebet eure Feinde! habe, wie Jeder männiglich wisse, der Heiland gesagt, und dies heidnische Programm verwässere und vernichte diese Grundlehre und sage: sei gerecht und menschlich gegen deine Feinde. –

– Liebst Du etwa Deine Feinde? – unterbrach ihn eine Stimme, die Stimme Götzinger's, welcher den reformirten Hofprediger bitterlich haßte. –

– Bist Du, Scultetus, auch nur gerecht und menschlich gegen Deine Feinde? rief eine andere Stimme. Und nun war die Bresche gelegt. Vorwurf auf Vorwurf gegen sein gewaltsames Verfahren in Prag flogen wie Kugeln auf ihn ein. Der vorher wüst gewesene Lärm wurde scharf und schneidend, weil jetzt der ernstere Theil der Versammlung sich fortreißen ließ. Die anwesenden Calviner andererseits nahmen sich ihres Führers leidenschaftlich an, man gerieth nahe an Thätlichkeiten, und Rudolph ermunterte durch Winke die ihm vertrauten Insassen der hinteren Gallerie. Sie erhoben nicht nur ihr gellendes Geheul, nein, sie sprangen herab in den Saal, drängten gewaltsam über die Bänke nach vorn, als wollten sie Scultetus befreien, und nöthigten auch die Friedfertigen zu körperlichem Widerstande. Die beabsichtigte Schlägerei kam solchergestalt in Gang, und Rudolph von Mitzlau's Wink führte nun auch die bewaffnete Schaar herein. Auch sie drängten nach vorn, ja zur Estrade hinauf. Dahin ging ersichtlich ihre Losung.

Praktische Leute wie der Bart-Conrad entdeckten das bald und suchten ihnen zuvor zu kommen. Mit einem Satze war er oben und schrie mit Stentorstimme: Her zu mir, ehrliche Leute, und schützt die braven alten Herren! – Die böhmischen Bürger aus der Mitte, die Picarditen, folgten seinem Rufe, und schoben Dunstan und Budowa aus der Thür hinter dem Präsidententische, Hans aber – auf welchen es offenbar abgesehen war, denn die Kriegsleute gingen wie ein Keil auf ihn los – hatte sein Schwert gezogen, und wehrte sich nicht blos, sondern griff an. Wie geschickt er das auch that, es war vorauszusehen, daß er unterliegen müsse, denn es waren nicht nur gemeine Kriegsleute, welche auf ihn eindrangen, es waren junge Cavaliere der Raupowa'schen Partei unter ihnen, und diese bekundeten eine ganz klare Absicht, die Absicht, den ausländischen Junker niederzuhauen.

Conrad hatte wol einem Kriegsknechte das Schwert entrissen und säbelte mit achtungswerther »Wildschaffenheit«, um seinen Kameraden aus der Wiener Schranne zu unterstützen, aber das genügte doch nicht, denn die hilfreichen Picarditen hatten keine Waffen und wurden von der Estrade heruntergeworfen.

So schien es denn, als ob diesmal Raupowa's Ränke, wie in Zerstörung der Synode, auch in Vernichtung des gehaßten Junkers obsiegen müßten. Hans blutete bereits aus mehreren Wunden, und die Kraft ermattete ihm zu jener radschlagenden Schwingung des Schwertes, welche gegen mehrere Angreifer gute Dienste leistet; er war bereits auf die linke Seite der Estrade gedrängt, und vom Vordertheil derselben hieben die drei jungen Cavaliere vordringend auf ihn ein – da, da fand sich die Maus, welche den Hauptfaden des Netzes durchbeißt und dem Löwen Luft verschafft. Einer der Picarditen war auf dieser Seite der Estrade garstig heruntergefallen und noch garstiger von den Hinaufstürmenden getreten worden. Um sich dieser letzteren Unannehmlichkeit zu entziehen, hatte er versucht unter die hohle Estrade zu kriechen und hatte zur Erleichterung nach einem der Holzböcke gegriffen, auf welche die Bretter der Estrade gelegt waren. Der Holzbock wackelte und brachte dadurch dem Picarditen die Idee, er könnte auch weichen. Kurz, der Picardit riß an dem Holzbock, der Holzbock gab nach und kam auf ihn zu. Eine zweite Anstrengung hatte die Folge, daß der Picardit sammt dem Holzbocke vorn herauskam, und daß ein Theil der Estrade einstürzte. Die Bretter dieses Theiles gehörten aber gerade zu den Brettern, auf welchen die drei jungen Cavaliere noch mit einem Fuße standen. Dem einen Fuße, der nichts mehr unter sich hatte, folgte der andere Fuß, dem andern Fuße der ganze Cavalier, und so hatte Hans plötzlich ein großes Loch vor sich und keinen Gegner mehr, und er wäre ein großer Thor gewesen, Conrads Zurufe nicht zu folgen, und nicht sammt Conrad durch die hintere Thür zu entweichen. Conrad verschloß und verriegelte sie blitzgeschwind.

Der Kriegshaufe stand verblüfft, und unten vom Hofe herauf klang lustig eine Tanzmusik. Sie kam etwas zu spät. Denn sie war ebenfalls durch Raupowa's Leute bestellt, um die Synode zu verhöhnen mit ihren profanen Klängen. Jetzt verhöhnte sie die Sieger, denen die Hauptperson entschlüpft war.

Der Saal hatte sich vollständig geleert. Auch die Picarditen schlichen in dem aufwirbelnden Staube hinaus, ihren im Falle verletzten Kameraden aufhebend und mit sich führend. Rudolph, der an der Ausgangsthüre stand, hielt sie nicht auf, sein Auge war beschäftigt, aus dem Staube herauszulesen, was denn eigentlich zuletzt geschehen sei, und die sich aufraffenden Cavaliere waren so beschämt, daß sie ärgerlich von dannen gingen.

*

Die Beschämung, in welcher sich Dunstan, Budowa, Frau Amalie und Hans zusammenfanden auf Budowa's Zimmer, war freilich eine tiefere und war eine sehr schmerzliche. Sie saßen wie zerbrochen auf den Sesseln. Hans achtete seiner kleinen Wunden gar nicht, und Niemand machte darüber eine Bemerkung. Solch ein unwürdiger Ausgang für so redliches Bemühen! Niemand sprach ein Wort; Jedermann bedeckte sein Antlitz mit den Händen.

Endlich faßte sich Budowa. Der Sarkasmus seines Geistes kam ihm zu Hilfe. Man lernt eben Allerlei, und vergißt darüber die Hauptsache! sprach er wie im Selbstgespräche. – Wie kann man eine Religion stiften wollen ohne Fanatismus! Als ob man kochen könnte ohne Feuersgluth. Wie kann man schaffen wollen ohne Schöpfungsdrang! Bilden, ein wenig bilden wollen und können wir, weiter nichts! Was ist das! Wo wird denn geschaffen ohne Leidenschaft? Guten Willen haben wir, aber die Leidenschaft ist außer uns. Ja, gerade sie ist bei unsern Gegnern, ist bei den alten Kirchen. Deshalb sind wir ohnmächtig. Höchstens zum Ausbessern sind wir auf der Welt, aber nicht dazu, um etwas Neues zu gestalten. Der Czernin hatte Recht: eine Gesellschaft können wir allenfalls zu Stande bringen, nicht aber eine Kirche!

– Ich hab' das wohl stets gedacht, ohne es zu wissen – sprach langsamen Tones Dunstan – Zdenko schalt mich oft wegen meines Mißtrauens.

– Nun, sagte leise Frau Amalie, so begnügen wir uns mit einer »Gesellschaft«. Dann brauchen wir den Grundgedanken nicht aufzugeben. Der Mann, welcher sich mit Feuereifer dafür erfüllt, wird am Ende doch geboren.

– Unverbesserlich, solch eine Frau! rief Budowa – für ein Mehr mag's Feuereifer geben, für ein Minder niemals. Viel zu glauben, außerordentlich viel zu glauben – das Unglaubliche zu glauben – dafür findet sich Feuereifer, dafür finden sich Menschen, denn die Menschen suchen und brauchen das Außerordentliche. Das Mäßige hat immer geringen Anwerth, nur die Gebildetsten erklären sich dafür. Und so trösten wir uns denn mit der Schmeichelei, daß wir die Gebildetsten sind.

Unter solchen Betrachtungen brachten sie sich über die erste halbe Stunde der Niederlage und Demüthigung hinweg. Da meldete ein Diener, ein Cavalier stehe draußen mit einer Botschaft vom Könige.

– Sie wird königlich lauten! Lass' ihn herein.

Herr Rudolph von Mitzlau, der unterdeß auf der Burg oben gewesen, war Ueberbringer der Botschaft. Raupowa hatte sie erwirkt.

– Herr Wenzel von Budowa, sprach Rudolph – der König läßt Euch vermelden, daß ihm sehr mißfallen hat, was da in Eurem Hause vorgegangen.

– Es hat mir auch nicht gefallen!

– Mitten in einem Religionskriege sei es das Nachtheiligste, die protestantische Kirche vor aller Welt so darzustellen, als sei sie bis ins Innerste zerklüftet und zerspalten, ja, als suche sie erst einen Glauben und eine Kirche. Darüber würden die Päpstlichen triumphiren, sich ihrer festen Verfassung rühmend, darüber würden unsere protestantischen Brüder im deutschen Reiche zum Tode erschrecken. Denn es werde nicht ausbleiben, daß der Scandal, welchen Prag heute erlebt, ein Scandal mit den heiligen Fragen des Glaubens, in allen Ländern bekannt werde und durch Gerüchte noch höher anwachse, wenn dies möglich sei. – Darum befiehlt der König, daß wenigstens Alles angewendet werde, um die Wiederholung eines solchen Scandals zu vermeiden. Euch also, Herr Wenzel von Budowa, giebt der König einen Urlaub von drei Monaten, den Ihr auf Euren Gütern zur Kräftigung Eures Alters genießen möget.

– Will sagen: Zur Kräftigung meines Verstandes!

– Diesem fremden Priester Namens Dunstan aber und diesem fremden Junker Namens Starschädel befiehlt der König, seine Hauptstadt Prag binnen einer Stunde zu verlassen, und binnen dreien Tagen das Königreich Böhmen, widrigenfalls mit der Schärfe des Schwertes gegen sie verfahren wird.

Leicht grüßend entfernte sich Mitzlau.

– So ist's recht! Wie die Apostel behandelt, von Land zu Land verfolgt und mindestens verjagt, ohne doch Apostel zu sein – das ist Euer Loos, gutmüthige Schächer! rief Budowa – schnürt Euer Bündel! Ich geleite Euch. Zunächst zu mir nach Münchengrätz! –

Frau Amalie nahm traurig Abschied. Sie wollte zurück nach Tollet, wo sie ohnehin ihren Gatten in üblen Zuständen zurückgelassen. Er war geistig und körperlich tief herabgestimmt, und sie verleugnete ihre Besorgniß nicht, daß er irgend einen neuen Schlag kaum überstehen werde.

Auch Dunstan war betroffener, als man sonst seiner Lebensfrische zutrauen gedurft. Zu Eurer Erleichterung – sagte er – will ich denn nun meine Kutte ablegen; mit meiner geistlichen Thätigkeit, die man nirgends will, ist's ja doch vorbei. Reicht mir Stiefel, Hose und ein Wams, ich will ein Landmann werden, ein Gärtner auf Hansens Gute –

Das geschah, und ehe die Stunde abgelaufen, ritten sie auf der Hauptstraße der Kleinseite hinauf. Auch Conrad neben Tartsch. Er war gegen Gewohnheit leutselig, und Hans war herzlich gegen den alten Kameraden, der eben wieder so brav zu ihm gestanden war. Er versprach dem Bart-Conrad, den alten Hamm mit Tochter und Enkelin auf dem Gute anzusiedeln, welches Pater Dunstan bewirthschaften und verschönern werde.

Oben in der Nähe des Thores kam rechts von der Hradschinburg her eine große Cavalcade gesprengt. Sie verlegte ihnen einen Augenblick den Weg, denn sie jagte quer vor ihnen vorüber, und zwar mit lautem Gelächter. Es war die Königin mit ihren Cavalieren und Damen, Rudolph und Ludmilla unter ihnen.

– Ich glaube, sie lachten über uns traurige Gestalten! sagte Budowa – nimm Dir's nicht zu Herzen, Hans, dies eitle Mädel ist Deiner nicht werth.

Hans nahm sich's aber sehr zu Herzen, daß er nun so jählings und während sie ihm zürnte, aus ihrer Nähe mußte. Was schlimmer war: er mußte sie ohne Schutz seinem Widersacher überlassen.

Raupowa hatte auch hierin gesiegt, und hoffte das Beste für einen seiner jungen Cavaliere.

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