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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil. - Kapitel 4
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1879
correctorJosef Muehlgassner
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21.

Gangelberger war sehr betroffen, er war traurig betroffen von dieser Flucht – sie schien die Katastrophe seines jungen Freundes beschleunigen zu müssen.

Er zog die eiserne Hausthür hinter sich zu, um den Skandal eines offen gähnenden Gefängnisses zu endigen, aber er mußte sie bald wieder öffnen, er sah sich innen in totaler Finsterniß. Er mußte außen Leute bitten, ihm aus dem Winter-Wirthshause Licht zu holen.

Es kam, und er konnte nun verschließen, da sich der Leuchter gefunden hatte, welchen Urban hingeworfen.

Jetzt ward Pudel's schmerzliche Lage entdeckt. Hans half ihn frei machen; der Gefangene befreite den Gefangenwärter! Ein Strom von verhaltenem Athem und Zorn polterte dem Junker entgegen, als er den Wischlappen aus Pudel's Munde zog, und die merkwürdigste Erzählung begann für den Herrn Rath, eine Erzählung, welche alle Schwächen Pudel's zu seinen Vorzügen vergoldete. Nur die bodenloseste Niederträchtigkeit der beiden Bösewichter war schuld an Allem. Während dieser Erzählung sorgte das gemißhandelte Vaterherz Pudel's für Losknüpfung Natzis und berichtete Wunder der Tapferkeit, wenigstens der Standhaftigkeit, welche dieser hoffnungsvolle Sprößling dargethan bei dem mörderischen Ueberfalle.

Gangelberger schwieg und befahl nur endlich, daß der Junker hinauf geführt werde.

Sie gingen. Der zurückbleibende Pfeifer hatte sich wieder an seinen Schustertisch gesetzt und sich ganz ruhig verhalten. Jetzt rief er hinter ihnen her: Wenn Ihr mich auch im Morgengrauen zum Tode schleppt, die Morgenröthe kommt doch auch über Euch Baalsdiener!

Gangelberger sprach nichts; auch von Hans verabschiedete er sich stumm, blos durch ein Zeichen mit der Hand.

Er ging in sein Arbeitszimmer, wo die vorbereiteten Urtel lagen. Auch das Urtel Hansens, für welches er eine Prüfung durch die Reichskanzlei vorgeschützt, lag da. Er mußte jetzt auch dieses Urtel mitnehmen zur Vorlage, es war nicht mehr zu verzögern. Er legte alle vier in eine Mappe, und wollte sie – dem Befehle Eggenberg's gemäß – in die Burg hinauf tragen. Die Meldung der Flucht konnte darin nichts ändern; denn Conrad und Urban, auch wenn sie nicht wieder eingefangen wurden, mußten doch in contumaciam verurtheilt werden.

Er läutete nach Pudel, eh' er fortging. Die Meldung an die Wachen mußte bestellt werden wegen der Flüchtlinge, und Vorbereitungen für den nächsten Morgen mußten getroffen werden, da Pfeifer's Hinrichtung für den nächsten Morgen wahrscheinlich war.

Unter einem tiefen Seufzer blickte er beim Fortgehen nach der Gegend hinauf, in welcher Hans wieder eingeschlossen war. Es schien ihm nur zu möglich, daß die Entrüstung über die gelungene Flucht dem Pater Lamormain mächtiges Oberwasser geben, die Berufung an die Reichskanzlei verwerfen lassen, und auch die Verurtheilung des Junkers beschleunigen werde. Der Statthalter Erzherzog Leopold war geistlicher Herr und allem Anscheine nach bereit dem erneuten Andrängen Lamormain's nachzugeben.

Als er ins Landskrongassel hinaus kam, war die Menschenmasse wol zerstreut, aber sie war noch vorhanden, sie war nur in Bewegung gerathen nach den anstoßenden Straßen. Sie stand in einzelnen Gruppen und disputirte. Gangelberger war als populärer Mann von Vielen gekannt, und wurde mehrfach angeredet. Zu seinem Erstaunen fand er die Stimmung ganz anders als er erwartet hatte. Man schalt nicht über die Kläglichkeit der Bewachung, man sprach nur von dem Schuster Pfeifer, von dem Fanatismus desselben, welcher die Flucht verschmäht, und von dem unheimlichen Eindrucke, welchen dies und der Luther'sche Schlachtgesang hervorgebracht. Man drückte Furcht und Schrecken aus, wenn die Hinrichtung stattfinden sollte. Die Protestanten, deren ja doch eine große Anzahl in der Stadt vorhanden, würden sich um den Galgen drängen und würden für ihren Märtyrer denselben Schlachtgesang anstimmen. Die Katholiken würden schweigend und nachdenklich verharren, der Glaubensmuth des Schusters habe sie bestürzt!

Gangelberger athmete auf. Das war ein Gesichtspunkt, welchen er droben sogleich geltend machen wollte.

Er hatte es gar nicht nöthig. Die Nachricht von diesen Dingen, und wie man sie in der Stadt auffaßte, war ihm vorausgeeilt, Eggenberg, Harrach, Meggau waren schon voll davon, als er ins Rathszimmer trat, und sie hatten noch andere Gründe, Gewicht darauf zu legen. Sie selbst hatten nach Lamormain geschickt, daß er kommen und ihren Vortrag beim Statthalter anhören möge.

Lamormain trat bald nach Gangelberger ins Zimmer, und Eggenberg trat ihm mit der Frage entgegen, ob er wisse, was sich vor dem Schrannenhause ereignet habe, und wie die Stadt das Betragen des fanatischen Ketzers aufnehme?

Lamormain bejahte. Er war kleinlaut und schien gedrückt.

– Nun denn, fuhr Eggenberg fort, dünkt Euch der Augenblick noch so drängend, mit Hinrichtung dieses Ketzers, mit Hinrichtungen überhaupt vorzugehen? Die jetzt bestürzte Stadt ist ohnehin schwierig. Die Einquartierungslast, das wüste Benehmen der Söldner, die Entwerthung der Münzen hat sie unzufrieden gemacht. Sollen wir die Aufregung erhöhen? Sollen wir ihr eine so mißliche Veranlassung geben zum Ausbruch? Oder können wir sie durch irgend eine gute Nachricht beschwichtigen? Im Gegentheile. Da liegen drei Briefe! Einer aus der Horner Gegend, einer aus Mähren, einer von der ungarischen Grenze. Sie enthalten Hiobsposten. Was wir lange gefürchtet, tritt ein. Unsere Gegner haben sich geeinigt und rücken von drei Seiten mit Kriegsmacht heran, und zwar mit einer dreimal größeren, als Thurn vor vier Monaten gegen Wien heranführte. Die Horner protestirten damals blos, jetzt haben sie Truppen aufgestellt und setzen sie in Bewegung. In Verbindung mit den Oberösterreichern haben sie die Pässe verlegt gegen Salzburg und Baiern, um den Kaiser aufzufangen, wenn er von München kommt. Ihre Hauptmacht aber rückt gegen Wien. Ebenso die Hauptmacht der Böhmen unter Thurn, und endlich die Hauptsache: Bethlen Gabor ist mit einem großen Heere schon in der Nähe von Preßburg und will Wien stürmen in Verbindung mit Thurn und den Hornern. In wenig Tagen können sie vor Wien zusammentreffen, und Boucquoi erklärt, daß er gegen solche Uebermacht das Feld nicht halten könne. So steht es. Wollt Ihr, Herr Pater, unter solchen Umständen noch Hinrichtungen ausgeführt sehen, so folgt uns zur Conferenz mit dem Herrn Statthalter Seiner Majestät.

– Ich bin bereit! antwortete Lamormain mit schwacher Stimme und ging mit den Ministern zu den Gemächern des Statthalters hinüber.

Gangelberger blieb zurück. Eggenberg hatte ihm gewinkt, er sollte warten.

Er wartete in trauriger Spannung. Traurig, denn der über die Heimat und das vaterländische Reich von neuem hereinbrausende Sturm verwehte doch schon wieder die letzte Spur von Freude, welche mit der Kaiserwahl eingekehrt war. Eggenberg's Darstellung war ja erschrecklich gewesen. – Trübsinnig setzte er sich zu seinen Acten, um sie nochmals durchzulesen, damit er der politischen Gedanken ledig würde. Er saß allein in einem großen Zimmer an einem grün behangenen Tische, auf welchem zwei Armleuchter brannten. Sie erhellten das große Zimmer nur nothdürftig, und als jetzt die Thür geöffnet wurde, und ein kleiner, schwarzgekleideter Mann leise eintrat, erschrak der sonst nervenstarke Gangelberger, als ob etwas Gespenstiges erschiene. Der kleine schwarzgekleidete Mann mit vorgebückter Haltung näherte sich leise. Es war der Schreiber Fabricius. Man hatte ihn rufen lassen zur Protokollführung in der Conferenz, und er fragte den kaiserlichen Herrn Rath höflich, ob die Conferenz nicht hier stattfände. Gangelberger beschied ihn, und fragte nach seinem Befinden.

– Der Sturz, Herr Rath, der Sturz aus dem Fenster hat mein Nervensystem erschüttert, und die öffentlichen Dinge sind nicht dazu angethan, ein gebeugtes Wesen aufzurichten. Ich fürchte mich.

– Wovor?

– Vor Allem. Ich sehe nirgends einen Halt. Die Böhmen haben nun wirklich den Kurfürsten von der Pfalz zum Könige erwählt, und der unbedachte junge Herr wird die Krone annehmen. Wo soll das hinaus? Nirgends mehr ist ein Ausgleich zu sehen, und damit ist gesagt, daß lauter Verzweiflungskämpfe bevorstehen. Verzweiflungskämpfe sind immer Untergang. Er kann uns Alle verschlingen, und jeden Einzelnen. Es nützt auch nichts, sich ins Privatleben zurückzuziehen; es giebt kein Privatleben mehr, am wenigsten für Unsereinen, der gezeichnet ist. Und Lebensunterhalt braucht man doch auch, der Dienstgehalt ist unentbehrlich. So seufzt man im Joche weiter, in ewiger, ewiger Furcht.

Er schlich weiter. Gangelberger rief ihm nach: die Worte milde zu fassen, wenn er niederschreiben müsse, daß seine Hochverräther in der Schranne –

– Ganz milde, lieber Herr, ganz milde. Es durchschüttelt mich mit Schauern, wenn ich ein tödtliches Wort aufs Papier setzen muß. Ich denke immer: es trifft mich.

Er verschwand, und Gangelberger blieb allein zurück in dem weiten Raume, seinen Gedanken überlassen über die Unruhe der Menschen, welche sie naturgemäß treibt, ihre Zustände hienieden an die Ahnungen vom Jenseits zu knüpfen. Diese Ahnungen – sprach er vor sich hin – spricht der Eine aus und der Andere spricht sie nach. So gewinnen sie ein scheinbares Leben und gewinnen am Ende Gestalt. Für die Gestalt fordert man Achtung, und hat man diese errungen, so fordert man Verehrung. Ist die Verehrung erst eingeführt, so fordert sie Ausschließlichkeit, fordert Verdammung jeder abweichenden Ahnung, jeder abweichenden Gestalt. Die Menschen bekämpfen sich, sie tödten sich für die Gebilde, welche sie selbst erschaffen, und sagen dabei: wir müssen Gott schützen. Furcht und Schrecken schreitet über die Erde, und wenn man fragt: warum? so heißt die Antwort: zur Ehre Gottes! das heißt des Gottes, welchen man sich selber geschaffen. –

Gangelberger erschrak über seinen Gedankengang. Wie kam er dazu? der tägliche Verkehr mit dem Ketzer war Ursache. Selbst er fand sein Inneres ketzerisch aufgelockert.

Da hörte er Geräusch; die Conferenz war zu Ende, die Minister kehrten zurück. Lamormain mit ihnen. Er grüßte aber leicht, und ging von dannen. Harrach und Meggau sahen ihm nach, sahen auf Eggenberg, grüßten und gingen ebenfalls. Nur Eggenberg blieb. Er sah nachdenkend aus und sehr ernst. Schweigend blickte er vor sich hin und trat dann langsam zu Gangelberger, welcher die Entscheidung erwartete.

– Die vier Urtel, sprach endlich Eggenberg, gebt an Fabricius, der gleich hier sein wird.

– Sie werden bestätigt?

– Geduld! Das Mögliche, lieber Freund, man kann und soll immer nur das Mögliche in den öffentlichen Dingen versuchen, und ich kann auch nur dies verantworten vor unserem Herrn, wenn er zurückkommt. Der Herr Erzherzog-Statthalter denkt ebenso. Er hat dem Pater Lamormain nicht in Allem willfahren mögen, aber er hat ihm wol in Einigem willfahren müssen. Pater Lamormain war weniger schroff in seinen Principien, aber er war doch nicht weniger fest als sonst. In Sachen des fanatischen Schusters schwieg er, weil die Gefahr zu deutlich vorliegt, wenn man diesen überspannten Patron gerade jetzt zum Märtyrer macht. Der Ausweg, welchen ich vorgeschlagen, war einleuchtend. Es wird dieser Schuster für närrisch geworden erklärt, seine dürftigen Verstandeskräfte sind übergeschnappt, und es ist jetzt nicht die Zeit, sich mit verrückten Schustern zu befassen. Unter dieser amtlichen Erklärung bringt man ihn still über die Grenze.

– Ueber welche?

– Ueber die nächste, die ungrische. Da geräth er unter die heranziehenden Horden Bethlen's; diesen mag er vorpredigen und vorsingen, so viel er will; an diesen wird nicht viel zu verderben sein. – Die Urtel der beiden flüchtigen Hochverräther, beides boshafte Subjecte, werden einfach bestätigt werden; da man sie nicht mehr hat, in contumaciam – was also zunächst keine Folgen einschließt. Der Junker endlich –

Hier pausirte Eggenberg und fing an, kurzen Schrittes hin und her zu gehen. Gangelberger harrte in großer Spannung und in – herber Enttäuschung. Er glaubte deutlich zu erkennen, daß aus dem wohlwollenden, weitblickenden Staatsmanne, als welchen sich Eggenberg noch vor wenigen Stunden dargestellt hatte, ein fügsamer Minister geworden sei, der dem Drucke von oben nachgiebt, daß er seinen eigenen Gedankengang verleugnet, ja daß er ihn dem augenblicklichen Drucke gemäß umgestaltet.

– Der Junker endlich? fragte Gangelberger selbst, als Eggenberg vor ihm stehen blieb.

– Ja, lieber Rath, sprach nun Eggenberg in ärgerlichem Tone, Eure Stellung ist eben viel leichter als die meine. Ihr tragt nicht die letzte Verantwortung, ich trage sie. Wer steht mir dafür, daß der Kaiser mit solcher Gesinnung zurückkommt, wie sie in Trautmannsdorff's Sendung nach Rom ausgedrückt ist? Ich wünsche es wahrhaftig von Herzen, aber was ich da eben vom Statthalter gehört, das klingt nicht besonders tröstlich in dieser Richtung! Und Lamormain war zwar stiller als sonst, aber im Grunde doch ganz sicher. Man fühlte, daß er festen Boden unter sich habe. Der Jesuiten-Commissarius von Rom, der wahrscheinliche Nachfolger des verstorbenen Provincials, der alle Tage eintreffen kann, soll zwar ein sanfter und frommer Mann sein, aber in den Grundsätzen des Ordens unwandelbar wie ein Element. Dazu ein Italiener und ein Günstling des heiligen Vaters. Wollt Ihr, könnt Ihr berechnen, welchen Einfluß der Mann auf den Kaiser ausüben wird?! Und wenn das alte Element wieder herrschen wird, wie soll ich, wie kann ich verantworten, daß ich die Capitalfrage Eures Junkers auf eigne Hand und zum Vortheile des Junkers entschieden habe! Es ist mir zum Schrecken eingefallen, als ich in dies Zimmer zurückkam, wie damals König Ferdinand an der Stelle mein Fürwort für den alten Grafen Zierotin aufgenommen! Nein, mein Freund, ich kann mir keinen großen Schritt gestatten. Dieser Junker scheint allerdings ein sehr kenntnißreicher Mensch zu sein und mag auch, wie Ihr sagt, ein sehr tüchtiger, ein sehr braver Mensch sein. Er wäre mir, ich wiederhole es, für die Geschäfte der Reichskanzlei, für die schweren Aufgaben in den Angelegenheiten des Reiches eine willkommene Kraft – aber ich kann da nichts übereilen. Die Verurtheilung zum Tode schwebt über ihm, und er ist ein Ritter, er ist hier eine sehr notable Person geworden, Lamormain bezeichnet ihn als einen Rädelsführer der Ketzer. Er setzt hinzu, daß diesem Junker aller Wahrscheinlichkeit nach das große Vermögen des verstorbenen Zierotin zugefallen sei. Man wisse nicht wie und wo, aber der Junker werde das sehr wohl wissen und werde davon Gebrauch machen, sobald ihm die Hände frei gelassen würden, einen Gebrauch, welcher nur gegen die katholische Sache gerichtet sein könne.

– Nicht einen Kreuzer hat er aus dem Nachlasse des Grafen, schaltete Gangelberger ein, Wilhelm von Raupowa hat sich ja des Schatzes bemächtigt!

– Das weiß man nicht. Ja, man hat Ursache es zu bezweifeln. Kurz, wie dem auch sei, Ihr müßt das Urtel des Junkers ebenfalls dem Fabricius übergeben, damit er es in der Reichskanzlei erledigen lasse und – zur Unterschrift bereit halte. Ich will selbst hoffen, daß es nicht zu dieser Unterschrift komme, aber ich muß in der Ordnung verfahren. Es ist nur eine Wendung möglich, welche mich noch berechtigen kann, die Verantwortung auf mich zu nehmen, die ganze Verantwortung. Ich bin bereit dazu. Und wenn der Junker ebenso bereit ist zu dieser Wendung, so wag' ich es, das Urtel zu unterdrücken und dem begabten jungen Manne die Freiheit zu verschaffen.

– Diese Wendung wäre?

– Er muß – ja, Freund, das wißt Ihr so gut wie ich! Er muß –

– Katholisch werden?

– Allerdings. Dann steht ihm sogar eine glänzende Laufbahn offen; ich verbürge mich dafür. Erklärt ihm das. Was meint Ihr?

Gangelberger schüttelte den Kopf.

– Er hat ja doch keine Aehnlichkeit mit dem Schuster! Er ist ein umsichtiger, weitsichtiger Kopf! Er wird seine Reformen des Reiches von neuer Grundlage aus durchdenken und um so fester ausbauen. Versucht es und unterrichtet mich nach einigen Tagen, wie er es aufgenommen. Jetzt behüt' Euch Gott, es ist tief in der Nacht.

Eggenberg ging. Gangelberger gab dem Fabricius, welcher während der letzten Reden eingetreten war, die Todes-Acten und sagte mit schwacher Stimme: Ihr seid nicht der Mann, die Leute in den Tod zu treiben, Herr Fabricius, und ihr kennt die Reichsgesetze. Schenkt Eure Aufmerksamkeit diesem einen Urtel über den sächsischen Junker von Starschädel. Es bietet schwierige Punkte für die Reichskanzlei. Hebt sie hervor. Sie können Rettungspunkte werden, und wenn auch das nicht, wenigstens Zögerungspunkte. Ihr wißt, wie viel das heut zu Tage sagen will, wo kein Mensch am Morgen verkündigen kann –

– Wie der Abend ausschauen werde. Das weiß Gott! Stricte seine Vorschriften erfüllen, lieber Herr Rath, das ist's allein, was einem untergeordneten Werkzeuge dürftigen Halt verleiht. Stricte! Und ich danke jetzt Gott an jedem Abende, daß ich nur ein untergeordnetes Werkzeug bin. Hervorzutreten und sichtbar zu werden, das ist in wilder Zeit das Allergefährlichste.

Unter diesem leidigen Troste ging nun auch Gangelberger heim, um sich zur Ruhe zu legen. Sein Herz war von schweren Sorgen belastet. Es schlug seit längerer Zeit warm und lebhaft für den jungen protestantischen Freund, und die plötzlich zu Tage getretene Wendung Eggenberg's, von welcher ja doch vorzugsweise die mögliche Rettung Hansens abhing, hatte ihm einen schweren, ängstlichen Eindruck gemacht. Wenn solchergestalt in politischen Wandelungen des Augenblickes Alles wieder verloren gehen konnte, wie heute Nacht Alles verloren gegangen war, was sorgfältig zu Gunsten Hansens im Sinne Eggenberg's vorbereitet und gewonnen gewesen, dann – das konnte sich Gangelberger nicht verhehlen! – dann mußte man des Aergsten gewärtig bleiben. Katholisch werden! Was konnte man sich von diesem Hilfsmittel versehen bei einem Charakter, wie ihn der gewissenhafte Junker bis jetzt gezeigt!

Und dennoch klammerte sich Gangelberger an diesen Strohhalm von Hoffnung. Er war eben selbst ein Katholik von Gewohnheit. Sein kirchlicher Glaube stammte nicht aus einer Ueberzeugung, welche aus Vernunftschlüssen hervorgegangen wäre. Er war wol allenfalls ein geistiger Kämpfer in Religionsfragen, weil Zeit und Nothwendigkeit das mit sich brachten. Aber er war es mehr in Aufdeckung protestantischer Mängel als in Begründung katholischer Sätze. Letztere waren eingelebt in ihm, nicht gründlich erklärt. Deshalb erschien es ihm nicht unmöglich, selbst einem Manne wie Hans gegenüber nicht unmöglich, einen Religionswechsel durchzusetzen, wenn dadurch das Leben gerettet werden konnte. Er meinte eben, daß es sich in der Sache selbst und hier besonders um Leben und Sein handelte. Davor würden bloße Vernunftschlüsse zurücktreten müssen. Vernunftschlüsse seien ja doch mehr oder minder künstliche Dinge! Weil er selbst ihrer nicht bedurfte für seinen religiösen Glauben, so meinte er, auch Hans würde sich ihrer entschlagen können in der äußersten Noth. Und besonders auch darum, weil Hans ja als deutscher Patriot deutlich einsähe, daß die Reform des Reiches ungemein gefördert werden könnte, durch seinen Eintritt in die kaiserliche Reichskanzlei an der Hand des wichtigsten Ministers. Kurz, Gangelberger legte sich's zurecht, daß es doch wol möglich sei, den sächsischen Junker zum Religionswechsel zu bewegen. Nicht sogleich, nicht im Handumkehren, aber nach und nach, so daß Eggenberg vertröstet werden könnte.

Zu dem Ende wollte Gangelberger gleich am folgenden Tage das erste Wort fallen lassen für Hans, damit es Wurzel schlagen könnte.

Er ging also am nächsten Vormittag ins Schrannenhaus, und ordnete dort zunächst die gestörte Hausordnung. Stadtguardisten wurden eingelegt unter strengerer Vorschrift, und die beiden Pudel wurden verhört. Der alte Pudel machte hierbei die niederschlagende Erfahrung, daß die gelungene Flucht aus der Saugrube nicht dazu beigetragen habe, sein Provisorium abzukürzen. Ja, er mußte von der Möglichkeit eines einzusetzenden definitiven Amtsdieners hören, welcher nicht den angenehmen Namen »Pudel« führen dürfte. Darum also den Wischlappen im Munde gehabt, darum sein Natzi gemißhandelt! Pfui über die »ungebülldete« Welt!

Alsdann ließ Gangelberger einen Vertrauensmann von der Stadtguardia berufen, um demselben die nächtliche Ausweisung Pfeifer's zu übertragen. Es erschien Medardo, und er übernahm lächelnd die Expedition. Während Gangelberger zum Junker hinaufstieg, ließ Medardo sich zum Schuster hinein führen, und kündigte diesem an, daß er ihn heut Abend mit einem Wagen abholen werde. Pfeifer verzog seinen großen Mund zu einem Ausdrucke tiefer Verachtung. Er meinte natürlich, daß es der Henkerskarren sei, und daß man den Mantel der Nacht brauche, um ihn zu beseitigen. Dies gleicht den Baalsdienern auf ein Haar, erwiderte er seelenruhig, welche die Gerechten im Dunkeln abthun. Aber meine Stimme wird durch die Lüfte dringen wie der Gesang der Lerche, welche den Tag verkündet!

Medardo ließ ihn bei dem Glauben, daß er ihn zur Hinrichtung abholen werde, und nahm sich vor, ihm das Ketzermaul zu stopfen.

Gangelberger aber verweilte nur kurze Zeit beim Junker. Er schilderte ihm rasch das Benehmen Eggenberg's, und daß er das Todesurtel habe übergeben müssen. Eure Rettung, lieber Freund, setzte er hinzu, ist somit meiner Hand entzogen. Ihr seid jetzt keinen Augenblick mehr Eures Lebens sicher. Eggenberg versichert Euch aber nicht nur Eures Lebens, sondern auch des größten Einflusses auf die Reform des deutschen Reiches, wenn Ihr – -

– Wenn ich –?

– Und hierin glaube ich ihm vollständig, und Ihr könnt Euch auf ihn verlassen. Er vertraut Euch eine wichtigste Stellung an, und ist bereit, die Pläne Eures Memorials kräftig durchzuführen –

– Wenn ich –?

– Wenn Ihr katholisch werden wollt.

Hans hatte es kommen sehen. Der Schmerz, daß Gangelberger dies doch für möglich zu halten schien, war nur wie ein Wolkenschatten über sein Angesicht geflogen. Jetzt war der Schmerz in ein trauriges Lächeln übergegangen. Er schwieg, und als er endlich den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, unterbrach ihn Gangelberger mit den Worten: Sagt jetzt nichts! Auch ein übereiltes Wort bildet eine Fessel. Bedenkt, daß es nicht blos um Euer Leben geht, sondern um Eure Wirkung, um eine große einflußreiche Wirkung für das Vaterland. Damit ist es Eggenberg Ernst, und darin ist er stark. Er ist nur schwach, so lange Ihr als Ketzer unter dem Richtschwerte steht. Außerdem seid Ihr ja selbst kein dogmatischer Lutheraner; Ihr wollt ja auch das Lutherthum reformiren. Am Ende kann dies auch von katholischer Stelle aus geschehen, so wie es Euer Pater Dunstan aus der Benedictinerkutte heraus gewollt hat und vielleicht noch will. Sagt nichts! Sammelt Euch in Einsamkeit. Ich komme in vierundzwanzig Stunden nicht wieder, und berichte an Eggenberg und Harrach, daß jedenfalls diese vierundzwanzig Stunden neutrale Zeit bleiben müssen für Euer Urtel. Also morgen erst komme ich wieder. Gott erleuchte Euch!

Er ging, und ging wirklich zu Harrach und Eggenberg. Wie es aber im Staatsleben geht, dort fand er so viel Neues und Wichtiges, daß die Lebensfrage des Junkers für die Zuhörer verhallte, ja für ihn selbst in den Hintergrund trat. Die Nachrichten vom Heranrücken der Feinde gegen Wien hatten sich furchtbar bestätigt. Bethlen Gabor war schon mit großer Heeresmacht vor Preßburg, also nur einen Tagemarsch von Wien; die unglückliche Hauptstadt war am Vorabende einer neuen Belagerung, und die kaiserlichen Heerführer Boucquoi und Dampierre, welche in der Nacht angekommen, erklärten mit Bestimmtheit: sie könnten das Feld nicht halten, da wirklich auch Thurn von Norden, und die Horner von Westen heranzögen. Eggenberg hoffte noch auf Waldstein, in dessen Thatkraft er großes Zutrauen hegte, und an den er einen Boten gesendet. Waldstein, obwol er bis jetzt im böhmischen Kriege kein oberes Commando geführt, war doch zu wiederholten Malen mit seinen Panzerreitern nachdrücklich an den Entscheidungstagen hervorgetreten, und war fortwährend in enger schriftlicher Verbindung geblieben mit Eggenberg. Er stand jetzt am linken Donauufer oberhalb Krems. Dorthin hatte Eggenberg seinen Boten geschickt. Schon unterwegs war dieser einem Reitenden Waldstein's begegnet, und dieser Reitende erschien jetzt vor Eggenberg in der Burg. Seine Nachrichten lauteten übereinstimmend mit dem Ausspruche Boucquoi's und Dampierre's: Wien müsse sich auf Alles gefaßt halten; es könnten nicht alle kaiserlichen Truppen dort zusammengezogen werden, und das Wagniß einer großen Feldschlacht setze die Monarchie aufs Spiel. Man müsse darauf hoffen, daß der in hundert Intriguen verflochtene Bethlen nicht lange bei der einen Stange aushalten werde, die er ergriffen. Zu dem Ende müsse man sich an die stets vorhandenen Malcontenten in Oberungarn wenden, damit sie eine Diversion gegen Kaschau unternähmen. Ein Georg Drugeth, welcher Polen in Galizien sammle, sei gewiß dazu bereit. Das schon werde Bethlen locker machen vor Wien. Der Pascha in Ofen ferner, Karaskas Mehemed sei zugänglich. Man möge den königlichen Oberst, der in Komorn commandire, mit dem Nöthigen versehen, daß er den Pascha gewinne. Sobald Bethlen das merke, bleibe er keinen Tag länger vor Wien, denn die Türken hinten seien ihm viel wichtiger als Böhmen, Mähren und Oesterreich zusammengenommen.

Diese Winke Waldstein's, der auch in zweiter Stellung schon weit mehr politischer Kriegsführer war als Boucquoi und Dampierre, fielen auf fruchtbaren Boden bei Eggenberg, und dieser nahm selbst Gangelberger sogleich in Anspruch, nach dieser Richtung hin behilflich zu sein. Er sende ja heut Abend den gewandten Medardo mit dem Schuster nach der ungarischen Grenze; diesen Medardo möge er sogleich beauftragen für Georg Drugeth in die oberen Karpathen hinauf – kurz, Gangelberger hatte bis zum nächsten Tage gar keine Zeit mehr, an den Junker zu denken, und als er am nächsten Tage in solchen politischen Dingen mit Harrach zu verkehren hatte in dessen Hause, da wurde er eigentlich erst durch Isabella wieder an Hans erinnert. Sie trat ihm entgegen mit der Bitte: einen Brief an den Junker von Starschädel zu übernehmen. Er ist nicht versiegelt, lieber Herr Rath, setzte sie hinzu, wie Ihr vorgeschrieben.

– Versiegelt ihn getrost! sagte Gangelberger nicht ohne Zerstreutheit, und händigt ihn Eurem Thürsteher unten ein, damit er mir ihn mitgiebt, wenn ich von Eurem Herrn Vater entlassen werde.

Die Unterredung Harrach's mit Gangelberger hatte lange gedauert. Sie betraf die Instruction für Georg Drugeth, welche Gangelberger aufsetzen und dem Medardo einhändigen sollte. Ganz erfüllt mit dieser wichtigen Aufgabe verließ Gangelberger das Harrach'sche Haus, und steckte den Brief Isabellens ein, welchen ihm der Thürsteher überreichte. Er beachtete es nicht, daß er viel dicker war als irgend ein vorhergehender, welchen ihm Isabella anvertraut, und eilte zum Schrannenhause, um dort in seinem Arbeitszimmer sogleich an die Abfassung der Instruction zu gehen.

Es war Abend geworden, als er eintrat. Pudel mußte Licht hinauf bringen und ward beauftragt, Medardo warten zu lassen, bis der Herr Rath läute. Dann sollte er Medardo zu ihm hinaufführen. Den Brief Isabellens übergab der Rath im Hinaufsteigen dem melancholischen Pudel, daß er ihn dem Junker von Starschädel einhändige.

Hans saß im Dunkel seines Zimmers still und traurig, als Pudel mit Licht eintrat und ihm den Brief hinlegte vom kaiserlichen Herrn Rathe. Traurig griff Hans darnach und war angenehm überrascht, als er in der Aufschrift Isabellens Handschrift erkannte und das Harrach'sche Siegel erblickte. Man weiß wohl, dachte er, daß ich um den Preis meines Glaubens mein Leben nicht erkaufen werde, und behandelt mich wie einen Sterbenden, an welchen die wenigen übrig gebliebenen Freunde schreiben mögen was sie wollen! Dies denkend erbrach er ihn und las:

»O hättet Ihr doch, lieber Freund, die Gelegenheit ergriffen, welche sich Euch gestern darbot! Sie kommt schwerlich wieder. Rath Gangelberger hat mir im Vorbeigehen ein Wort gesagt, welches mir klar macht, daß Eure Gewissenhaftigkeit übertrieben war. Er habe Euch nicht aus der Conferenz hinausgeschickt, sagte er, Eggenberg habe es gethan, und Eggenberg habe ja doch keine Zusage von Euch gehabt!

Wie traurig! Jetzt sieht Alles anders aus, und mein Vater versichert mir, Ihr könntet auf Eggenberg nicht bauen. Dieser weiche den Umständen. Könntet Ihr seinen Anforderungen nicht nachgeben, so wäre Euer Leben verloren. O gebt nach, lieber Junker!

Doch der Reihe nach! Ich komme darauf zurück. Jetzt will ich Euch erzählen.

Ich bin heute Morgen hinausgeritten nach Hernals. Dorthin hatte ich die Leiche des Grafen Zdenko bringen lassen. Ich hatte mir gedacht, ein schönes, feierliches Begräbniß nach dem Walde hinauf zu veranstalten in rührendem Zuge. Es sind ja so viel Menschen vorhanden, welchen er Gutes erwiesen, und welche so gern der Leiche des vortrefflichen Mannes folgen würden. Wie anders gerieth es! Die ganze Landschaft war in einen braunen Nebel gehüllt wie in ein Bahrtuch, und der Hernalser Hof ist so leer und still geworden! Ach, dort ist die Veränderung beängstigend! Freiherr von Jörger ist fort. Mein Vater selbst hat es ihm gerathen, weil er seiner Freiheit durchaus nicht mehr sicher ist. Gerade auf ihn soll man in der Burg sehr übel zu sprechen sein. Umsonst hat mein Vater berichtet, daß Jörger damals am 11. Juni der Gemäßigtste gewesen sei und von Gewalthandlungen abgerathen habe; der König hat diesem Berichte keinen Glauben geschenkt. So hat Jörger fliehen müssen, denn jetzt rücken des Kaisers Truppen zahlreich heran auf Wien, und Hernals, Dornbach und die ganze Umgegend ist voll von ihnen. Jörger ist nach seinem Stammgute Tollet in Oberösterreich. Nur die tapfere Frau Amalie ist noch da. Mit dem braven Gärtner Spath verwaltet sie Alles, und das ist sehr schwer. Die kaiserlichen Truppen betragen sich sehr unbändig, und schalten wie in Feindes Land. Sie machten uns auch das Begräbniß fast unmöglich, weil sie erfahren hatten, daß es die Leiche eines berühmten Ketzers sei. Nur mein Name verschaffte uns einige Erleichterung. Ich berief mich auf meinen Vater, und so ließ man endlich den Leichenwagen passiren. Er war so dürftig! Ein Paar geringe Bauernpferde zogen ihn. Die schönen spanischen Rosse Jörger's sind weggenommen, der ganze Stall ist ausgeräumt. Frau Amalie, die nicht so weit gehen kann und ihren alten Freund durchaus nicht verlassen wollte, bis die Erde über ihm geschlossen sei, setzte sich auf den Leichenwagen; ach, ein rührender Anblick! Blaß, todtenblaß schaute sie aus dem schwarzen Gewande heraus. In Dornbach gab es neue Störung: die Soldaten höhnten und spotteten, und rissen das Tuch vom Sarge. Wir athmeten auf, als wir den Wald erreichten. Seine Blätter färbten sich schon, er denkt auch an den Abschied von schöner Zeit. Wie lieblich war er, als wir im Frühlinge da so oft hinauf und herunter ritten! Wie trostlos jetzt, da der Gärtner Spath, unser einziger männlicher Geleitsmann, den Wagen halten und schieben mußte in der steilen Schlucht, welche den schwachen Pferden zu schwer wurde! Und oben, welche Verwüstung! In Brandtrümmern liegt das Haus, welches uns so wohnlich umfing in unserm Glücke! Dennoch ward hier Alles besser. Hier waren wir unter uns, und Jedermann weinte von Herzen, selbst der rauhe Trumm. Er hatte mit Golling und Tschirill ein weites, tiefes Grab gegraben unter der jetzt verkohlten großen Fichte, und sie hatten im weiten Kreise um das Grab Holzstäbe aufgepflanzt, in welchen Kienwurzeln eingegraben waren. Diese waren angezündet worden, und leuchteten dunkelroth in dem Nebel wie Kometen. – Als der Sarg unten war, und der treue Tschirill schluchzend auf ihm lag, da war es ein Augenblick reinsten, unvergeßlichen Schmerzes. Nandl weinte bitterlich und fiel ihrer Mutter um den Hals, und Golling, dem das Wasser über die braune Wange lief, stieß ächzend die Worte heraus: der beste Herr auf der ganzen Erde! Wunderbar gefaßt, obwol sichtlich im tiefsten Weh, war Frau Amalie. Denkt! Sie war im Stande, eine kurze Grabrede zu sprechen ›für einen Mann, der nur Gutes gewollt, und nur Gutes gethan, ein treuer Schüler des Heilandes in unerschöpflicher Liebe für alle Menschen‹. Sie sprach nicht sehr laut, aber jedes Wort klar wie eine Perle, o, es war von wunderbarer Rührung. Dann nickte sie mit dem Haupte zum Gärtner Spath, und dieser begann mit gedämpfter Stimme die Absingung eines Verses, dessen erste Worte lauteten: ›Begrabt den Leib in seine Gruft, bis ihn des Richters Stimme ruft‹. Sie stimmte leise ein mit schwacher silberner Stimme. Alsdann sprach der Gärtner Spath langsam das Vaterunser, und als er schloß ›in Ewigkeit, Amen!‹ da winkte sie Golling, trat zurück und sank laut weinend in meine Arme. Ich wollte sie fortführen, aber sie ermannte sich wieder und trat nochmals zum Grabe. Tschirill war herauf genöthigt, herauf gehoben worden, und Frau Amalie warf drei Handvoll Erde hinunter auf den Sarg. Klopfend fielen sie auf, als wollten sie sagen: ›Dies ist das Ende‹.

Golling, Spath und Trumm schaufelten nun die Erde darüber. Als wir uns von dem Orte trennten, war ein Erdhügel entstanden, auf welchem sich Zahn, der große Hund, gelegt hatte, auch ein Schützling des Verstorbenen. Das Thier winselte leise. Niemand schalt ihn.

Ich brachte Frau Amalie in das enge Stübchen des Jägers – er wohnt jetzt da, wo früher Trumm sein Unterkommen hatte – damit sie sich ein wenig erhole, ehe wir an den Rückweg dachten. Das gelang ihr auch. Diese edle Frau ist von einer Tapferkeit ohne Gleichen. Schon nach einer Viertelstunde sprach sie vom Grafen und von Euch mit voller Fassung, und da der Nebel niederging und Sonnenblicke zum Vorschein kamen, so erhob sie sich zu einem Spaziergange nach all den Orten im kleinen Park, welche wir im Frühjahre so oft aufgesucht. Auch am Grabhügel kamen wir nochmals vorüber, und sie betrachtete ihn ruhig; sie streichelte sogar den traurigen Zahn. ›Wir gehen alle nur vorüber auf dieser Erde‹ – sagte sie – ›aber was wir Gutes gethan, wirkt fort, und dauert dadurch. Unsern guten Grafen haben wir begraben, sein Thun bleibt unter uns und in uns, und waltet weiter. So scheiden wir nur von seiner Hülle, von seiner Seele nie und nimmer.‹

Auch Tschirill mochte sich gefaßt haben, denn als ich aufs Pferd steigen wollte, sah ich ihn auf einmal neben mir. Er wollte mir vertraulich eine Mittheilung machen. Das war nicht leicht, denn die Anfälle von Schluchzen unterbrachen ihn noch zuweilen, und seine Unkenntniß der deutschen Sprache und meine Unkenntniß der seinigen erschwerten das beiderseitige Verständniß. Im Ganzen hab' ich aber doch Folgendes verstanden: Ich soll Euch, lieber Junker, von ihm ausrichten, daß er vom Pater Dunstan zum Wächter bestellt sei, und daß er getreulich wache, und zwar für Euch. Er habe in einsamen Stunden, wenn auch die Weibsleute nicht daheim gewesen, Alles genau durchsucht, und er habe Alles vorgefunden, wie es der selige Herr Graf hinterlassen. Ihr möchtet nur bald kommen, und es in Empfang nehmen. Auch ihn selbst, denn er sei ja jetzt Euer Diener.

Ich verstehe das nicht; es geht wol auf eine Hinterlassenschaft des Grafen. Vielleicht versteht Ihr es. Aber freilich kommen müßtet Ihr, kommen! – Lieber Junker! Mein Vater und Rath Gangelberger haben mir das sichere Mittel zu Eurer Befreiung genannt. Solltet Ihr es, könnt Ihr es denn nicht ergreifen? Mir scheint es nicht so wichtig, unter welcher Form man Gott verehrt, wenn man ihn nur verehrt. Aber ich wage nicht, da hinein zu reden und zu rathen. Frau Amalie hat mich irre gemacht. Ich achte sie so hoch, und darf nicht leugnen, daß sie in diesem Punkte des Religionswechsels strenger denkt, als ich. Ich bin nun ganz unsicher. Was ich jetzt eben wieder von Euren religiösen Gedanken und Formen gesehen und gehört, das ist mir sehr erbaulich gewesen, und doch ist es mir dabei nicht in den Sinn gekommen, daß man übertreten und wechseln solle. Mein Glaube gehört mir eben, wie mir mein Herz und mein ganzes Dichten und Trachten gehört. Ich wüßte gar nicht, wie ich mich dessen entäußern sollte. Aber Eins zum Andern hinüber nehmen könnte man doch wohl; Gott gehört ja Alles, von Gott kommt ja Alles. Und nun sollt' ich meinen, Leute wie Ihr Evangelischen, welche so klug zu sondern und zu reden wissen über die Grundsätze der Religion, die müßten doch leicht einen Weg finden, die unterschiedenen Anschauungen in einem Mittelpunkt zu vereinigen. Wenn Ihr Euch einen solchen Weg klar macht, dann vergebt Ihr ja nichts von Euch selbst, wenn Ihr zu uns übertretet. Ihr bereichert nur uns. – Hat das einen brauchbaren Sinn, was ich da schreibe? Ich wollte so sehr, es hätte ihn, und Ihr könntet Euch entschließen. Denn ich muß leider immer und immer wiederholen: es giebt keine andere Rettung Eures Lebens. Mein Vater weiß hierin nur zu gut Bescheid. Eins vielleicht bliebe noch; Waldstein's Hierherkunft ist angesagt für die nächsten Tage. Er mit seiner scharfen Thatkraft könnte Euch wol zum zweiten Male retten – wenn er wollte. Aber er wird nicht wollen. Ihr habt damals die ›drei Tage‹ nicht eingehalten, nicht einhalten können, ich weiß es wohl. Und er wird nicht wollen, weil – lieber Freund, es geht um Leben und Sterben, es geht darum, ob man sich in dieser Welt noch einmal wiedersehen soll, oder ob man auch nur wissen soll, daß der Andere noch da ist, noch athmet, noch denkt, noch die Sterne sieht, da ist doch eigentlich kein Opfer zu groß. Was sagt Ihr dazu, wenn ich – Waldstein dringt auf seine Vermählung mit mir; ich habe sie bis jetzt immer verzögert. Wenn ich rasch zustimme, so gewährt er mir wol jede Bitte, auch die, daß Ihr in Freiheit und Sicherheit gebracht sein müßtet, bevor wir vor den Traualtar träten. Was sagt Ihr dazu? Antwortet mir. Ich muß jetzt schließen, da ich Gangelberger im Nebenzimmer aufstehen höre. Er will den Brief versiegelt mitnehmen. Vielleicht thut er's mit dem Eurigen auch. Gott schütze Euch! – Isabella!«

Hans las die Stelle über den Religionswechsel noch einmal. Dann versank er in Nachdenken. Solche Anschauung des trefflichen Mädchens berührte ihn tief. Sie wich ganz von der seinigen ab, und doch wagte er nicht, sie unberechtigt zu nennen, unberechtigt für ein mildes weibliches Geschöpf wie Isabella.

Er schrieb ihr bis tief in die Nacht hinein. Der Sinn des Geschriebenen war Dank für Alles, aber sanfte Ablehnung in Betreff des Glaubenswechsels, in Betreff der raschen Vermählung mit Waldstein, wenn ihr Herz diese Vermählung nicht wünsche. In friedlicher Zeit, in einer Zeit, welche über Glaubensunterschiede beruhigt dahin fließe, da möge es vielleicht angehen, über einen Glaubenswechsel leicht hinweg zu gleiten, wenn man wie Isabella den Kern aller Religion unberührt davon hinübertrage in die neue Form. Ein Mann aber, und in Zeiten des Glaubensstreites, dürfe nicht wechseln ohne volle innere Ueberzeugung. Das sei fahnenflüchtig und verderbe den Streit. Der Streit habe seine wichtige Aufgabe. Er müsse ehrlich ausgetragen werden, um diese Aufgabe gründlich zu lösen. Wer gegen sich selbst lüge, der verleugne den Gott, welcher in ihm wohne, und begebe sich somit seiner höchsten Menschenwürde. Nur wer sich selbst treu bleibe, könne den Irrthum, wenn seine Meinung irrthümlich, verantworten, wenigstens bis auf einen gewissen Grad verantworten. Wer sich selbst verloren gebe, sei ein verlorenes Atom im Weltenraume, nicht mehr ein eigener Mensch.

Diese Antwort gab er am nächsten Tage Gangelberger zur Bestellung. Er las ihm die wesentlichen Punkte vor und bat ihn, sie auch als Antwort für den Antrag Eggenberg's hinzunehmen.

Gangelberger hörte schweigend zu und zuckte alsdann die Achseln. Wir sind eben auf verschiedenen Wegen zu unsern verschiedenen Glaubensmeinungen gekommen – sagte er endlich langsam – und deshalb können wir uns nicht begegnen bei der Frage: wie und wo ist ein Wechsel möglich?

– So ist es – erwiderte Hans – und so ist es gut. Ihr seid ohne Prüfung im Besitze eines alten Erbes aufgewachsen. Ihr habt bei einem Wechsel nichts zu verlieren als einen alten Besitz. Wir sind durch Gedankenthätigkeit zu unserm Glauben gelangt, wir müssen unsern Geist, wir müssen unsere Ueberzeugung opfern, wenn wir übertreten wollen ohne innere Nothwendigkeit, und so verlieren wir nicht blos ein Eigenthum, wir verlieren uns selbst. Denn die geistige Ausbildung, welche der Mensch sich angeeignet, sie ist der Mensch im höheren Sinne des Wortes. Ergeben wir uns Beide in unser Schicksal! Das Eurige ist: mir nicht helfen zu können; das meinige ist: sterben zu müssen für meine Geisteswelt.

– So ist es, Herr Junker! – erwiederte Gangelberger harten Tones. Man sah an seinen Gesichtszügen, daß er sich beleidigt fühlte, daß der Zorn in ihm kämpfte; sie waren ganz so wie an jenem Frühjahrs-Abende im weißen Löwen, als er die Sache der Katholiken vertrat gegen die Herausforderungen Urbans und des Bart-Conrads. Hansens Worte hatten jetzt gerade so auf ihn gewirkt, wie damals jene Herausforderungen, und nach kurzem Stillschweigen fuhr er in rauhem Tone fort: Umsonst habe ich Euch in Eurem eigenen Interesse gebeten, nicht durch ein voreiliges Wort Eure Entschließung zu fesseln. Ihr habt das Wort dennoch ausgesprochen, und ganz so hochmüthig ausgesprochen, wie es dünkelhafter Rechthaberei eigenthümlich ist. Der vorlaute Protestant ist für Euch ein höheres Wesen als der ruhige Katholik. Er hat eine viel edlere Seele zu vertreten als dieser. Er hat allein den Geist gepachtet, der Katholik steckt in geistloser dumpfer Masse. Er allein hat ein Gewissen, der Katholik hat keins. Es fehlt nur, daß Ihr Euer Phrasenwerk krönt mit der beliebten Redensart: ein übertretender Protestant sündigt wider den heiligen Geist!

– Dies ist allerdings unsere Anschauung.

– Nun, so möge denn auch diese Anmaßung Euer Kopfkissen werden im Sterben, und ich will Euch wünschen, daß sie nicht in Luft zerfährt bei der letzten Probe. Ich aber bin nicht so gleichgiltig gegen den Werth meines Glaubens, daß ich mit einem Gegner, welcher ihn dermaßen gering schätzt, länger disputiren mag, um ihm die Rettung möglich zu machen. Jedwedes Ding hat seine Grenze.

Und ohne Abschied ging er fort, auch den Brief für Isabella, den er bestellen gesollt, auf dem Tische zurück lassend.

Hans blieb bestürzt allein. Den einzigen Freund, welcher ihm helfen mochte, hatte er solchem Anscheine nach verloren.

Er prüfte sich unter peinlichen Empfindungen, ob der Vorwurf des Hochmuths und der geistigen Anmaßung denn wirklich begründet sei, und ob es namentlich ein »Phrasenthum« sei, in welchem er sich verfangen. Phrasenthum in der letzten Frage des Menschen! Ach, er hätte ja so gerne gelebt, wenn er eine Möglichkeit des Ausgleichs vor sich gesehen! Aber ohne Achtung vor sich selbst, was konnte das für ein Leben sein! Das Leben des gedankenlosen Thieres, und weniger als das. Denn das Thier braucht nicht zu vergessen, es hat nie eine Gedankenwelt gehabt. Nein, nein, das ist unmöglich! Und wenn meine Gedanken hohl sind – schloß er – wenn sie nur angelernt, nicht echten Inhaltes sind, kann ich es ändern?! Sie sind ja doch mein geworden, sie bilden mein inneres Wesen; sie verwerfen und verachten heißt ja mich selbst verwerfen und verachten! Und nicht um Besseres an die Stelle zu setzen, nein, ich halte sie ja für mein Bestes. Blos aus Furcht vor dem Tode – nimmermehr! Ich kann nicht über mich selbst hinaus, und muß auch diesen letzten Schmerz auf mich nehmen: einem braven Freunde undankbar erscheinen zu müssen. Denn diese Anklage stand auf der Stirne des Rathes, als er zur Thür hinaus ging.

Mehrere Tage lang störte ihn nichts in solchen Selbstgesprächen. Gangelberger ließ sich nicht mehr bei ihm sehen, und es war klar, daß nun Niemand mehr gegen die Vollziehung des Todesurtels sich verwenden werde, und daß jedes Oeffnen der Thür den Henker bringen konnte.

Hans wünschte nur alsdann Gangelberger noch einmal sehen zu dürfen, damit er ihm danken und ihn um Verzeihung bitten könnte.

Der Mensch gewöhnt sich an Alles, auch an die Todesfurcht. Nach Verlauf einer Woche war Hans abgespannt über all diese Fragen und flüchtete zu den Büchern, welche ihm Gangelberger in früherer Zeit verschafft hatte. Er brauchte Beschäftigung, gleichgiltige Nahrung für den Geist. Wenn er sich in Kriegswissenschaft vertiefte, dann mußte der flackernde Geist, es mußte das in ihm wühlende Gedankenheer ruhen, und diese Ruhe kam allmälig seinem ganzen Wesen zu statten. Er konnte wieder bemerken, wenn er auf den Markt hinab blickte –

Es war dieser Markt täglich mit neuen Kriegshaufen bedeckt, die dort kamen und gingen, nachdem sie eine zeitlang geruht, gekocht und gespeist hatten. Wilder Lärm hörte nicht auf bei Tag und bei Nacht.

Hans fragte endlich den melancholischen Pudel: wie es denn um den Krieg stünde, und ob er so nahe wäre bei Wien, weil man fortwährend neue Truppen erblickte?

– Ach, Herr Junker, wißt Ihr denn gar nicht, was vorgeht? Ja so! der Herr Rath ist lange nicht dagewesen. Wenigstens hier auf Nummer Drei. Ins Haus kommt er wol alle Tage, denn es giebt schreckbar viel zu thun! Ihr müßt es ja an dem Spectakel merken, der jetzt Tag und Nacht im Schrannenhause wirthschaftet. Ich weiß gar nicht mehr, wie Schlaf aussieht, und mit der »Actorität« ists lange vorbei! Das Kriegsvolk bringen sie herein, in die Schranne, das aufsässige. Denkt nur, gnädiger Junker; ins Gerichtshaus vom »Cüvül« unbändiges Kriegsvolk! Sie wissen sich halt gar keinen Rath mehr mit den erschrecklich vielen Verbrechern, die anjetzt wie Pilze aus dem Boden wachsen.

Und nun schilderte er in allen Besonderheiten, wie die Stimmung in Wien eine »desperate« sei. Ganz anders als bei der Belagerung im Frühjahre, bei der es innen wol an Kriegsleuten gefehlt habe, aber nicht an guten Leuten. Jetzt gäb's Kriegsleute genug, aber auch böse Leute mehr als zu viel. Bis auf die Bürger und Meister! Auch die seien jetzt bös. Kein Christenmensch in Wien, kein einziger sei jetzt zufrieden. Die Ketzer natürlich voraus, und die müßten fruchtbare Zeit gehabt haben; es gäb ihrer jetzt viel mehr als sonst, besonders bei dem nächtlichen Spectakel des Schusters Pfeifer. Und die Katholischen seien jetzt eben so widerhaarig. Ueber die Soldaten erbosten sie sich geradezu grimmig. Wahr sei's auch, das Kriegsvolk werde schreckbar »ungeneußig«, und verlangte drei Mal des Tags gebratenes Fleisch, und ginge mit den Weibsen um, daß die Junggesellen und Ehemänner aus dem Zorn nicht mehr herauskämen. Die jungen Junggesellen nämlich, ein alter wie er, ein schon öfter geschorener Pudel sei ruhiger in diesem Punkte. Am schiefsten aber werde die Sache dadurch, daß die Kriegsleute draußen im Felde nichts zu Stande brächten und elend immer wieder hereingekrochen kämen hinter die Mauern. Dabei ginge der ganze Respect in die Brüche. Vor ein paar Tagen erst wieder draußen bei Fischau, da hätten sie dem Siebenbürger und dem Thurn den Uebergang über die Donau verwehren wollen, und da hätten sie gräuliche Schläge gekriegt, und der Siebenbürger und der Böhm stünden jetzt voller Victoria wieder in der Vorstadt wie damals, und innen in der Stadt plünderten die Soldaten, und in allen Gassen gäbe es Mord und Todtschlag, die liebe Justizia daneben aber liege in den letzten Zügen. Das Facit Pudel's war: regiert werde seit acht Tagen gar nicht mehr, sondern nur noch »gewirthschaftet« auf Kaisers Unkosten.

Während dies Pudel dem Junker berichtete, regnete es draußen in wilden Fluthen, und ward es dunkel in Nummer Drei, obwol der Abend noch fern sein sollte. Hans aber erwachte wie aus einem Traume; die Wirklichkeit trat vor ihn hin, und er war frisch genug, sie zu erkennen und zu ergreifen. Zweierlei wurde ihm deutlich: Erstens die mögliche Rettung von außen. Es waren ja protestantische Heere, welche bereits in den Vorstädten lagerten. Drangen sie ein, so sprang auch sein Kerker auf. Zweitens die mögliche Flucht. War die Stadt selbst in so arger Zerrüttung und Unordnung, in solcher Noth und Selbstzerfleischung, dann trat gewiß die Aufsicht auf einen politischen Gefangenen in den Hintergrund. Endlich hatte er es mit einem Pudel zu thun, welcher sich in seiner Eigenschaft als provisorischer Amtsdiener ruinirt sah, also nicht mehr viel zu verlieren hatte. Kurz, zum ersten Male ging Junker Hans an diesen Pudel mit der Absicht, ihn zur Unterstützung eines Fluchtversuches zu bewegen. Zum ersten Male, denn erst seit Gangelberger ihm die Freundschaft aufgekündigt, hielt er sich für berechtigt dazu.

Er forderte Pudel auf sich zu setzen, denn er habe ihm eine längere Mittheilung zu machen. Dies sagend ging Hans durch das dunkle Zimmer nach der Lade des Tisches, in welcher er den Rest seiner Goldstücke verschlossen hielt. Der Klang derselben, welchen Pudel stets durch angenehme Aeußerung begrüßt hatte, wie das Roß im Stalle die Oeffnung des Haferkastens durch Wiehern begrüßt, sollte Pudel's Verständniß öffnen für das Kommende. Hans gedachte auch, während er nach den Goldstücken griff, jener Stelle in Isabellens Briefe, welche von Tschirills letzten Worten berichtete, den Worten »daß Tschirill getreulich wache,« und zwar für ihn, den Junker, und »daß er Alles vorgefunden habe, wie es der selige Herr Graf hinterlassen«, und daß der Junker »kommen möge, es in Empfang zu nehmen«. Dies betraf sicherlich den Schatz des Grafen. Hans hatte es beim ersten Lesen verstanden, aber seine damalige Stimmung und Lage hatte keinen Raum geboten für sonderliche Beachtung dieser Notiz. Jetzt war der Raum dafür vorhanden: die höheren Fragen seiner Seele waren zurückgetreten vor den thatsächlichen Dingen, welche der Augenblick bot. Jetzt war es von Wichtigkeit, daß er Pudel das Versprechen geben konnte: er werde für die Zukunft eines zurückgesetzten Amtsdieners sorgen, er werde reichlich für dieselbe sorgen.

Die Hand voll Goldstücke und diese Zusicherung auf der Zunge kehrte Hans in Pudel's Nähe zurück, nöthigte diesen, welcher aus Bescheidenheit nicht gewagt hatte sich zu setzen, auf einen Sessel, zog sich einen andern dicht neben Pudel, und begann mit halber Stimme einen Antrag, welchen Pudel schon lange schmerzlich erwartet hatte. Als demnach Hans mit Zusicherung der Handvoll Goldstücke und mit Zusicherung einer sorgenlosen Zukunft begann, entdeckte Pudel hinter diesen goldenen Bergen auf der Stelle das Ziel solcher Vertraulichkeit, und lächelte mit seinem breiten Munde, wie er seit jener fatalen Nacht in der Saugrube nicht mehr gelächelt hatte. Er unterbrach aber den Junker keineswegs. Nein, er ermunterte ihn vielmehr dadurch, daß er seine außerordentlich breite Hand ausstreckte, um dem Junker die Last der Goldstücke in der seinigen bereitwillig abzunehmen. Der Junker hatte sie ihm zwar noch nicht förmlich angeboten, und Pudel seinerseits hatte auch noch gar nichts zugesagt, aber wozu die Förmlichkeit in so natürlichen Dingen! dachte er, und wich und wankte nicht mit der breiten Hand, bis Hans die Goldstücke hinein legte. Pudel führte dieselben in die solide lederne Tasche seines Beinkleides und machte mit dem schmelzenden Blicke seines Kalbsauges ein allerliebstes Zeichen, daß der Junker sich durch solchen harmlosen Zwischenact nicht aufhalten lassen sollte in einem Vortrage, welchen ein »provisorischer« Mann mit Antheil vernehme. Selbst als Hans geendigt hatte, schwieg Pudel noch, und auf ein »Nun?« des Junkers erwiderte er erst mit bedächtiger Neigung des großen Kopfes und mit den kurzen Lauten: Aber Natzi?

– Auch für Natzi werd' ich sorgen. Er soll noch Schulunterricht und dann auf meinem Gute eine Anstellung bekommen.

– Und Ihr thätet mir, insbesonders geschätzter Herr Junker, Euer ritterliches Wort verpfänden –?

– Mein ritterliches Wort.

– Nun denn – er sprach nicht weiter, sondern fuhr erschrocken vom Sessel auf. Er hatte das scharfe Läuten einer Glocke gehört.

– Was ist?

– Das ist der kaiserliche Herr Rath im ersten Stock – wenn er fort ist, komm' ich wieder.

Er machte Anstalt hinweg zu gehen. Seine Anstalten waren aber immer langsam, und jetzt hielt er sich noch mit Wegsetzung der beiden Sessel auf, denn »Gestrengen dürften nicht bemerken, daß« –

Ehe er endigen konnte, ging die Thür auf, und Gangelberger erschien auf der Schwelle in voller Beleuchtung, denn er hielt einen Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen in der Hand. – Er schien Pudel scharf ins Auge zu fassen und fragte: was er da im Dunkeln bei dem Gefangenen machte?

– Fragen, ob der Herr Junker Licht wollen möchte – was er anjetzt – manchmal nicht mag – stotterte Pudel und entfernte sich auf einen Wink Gangelberger's unter Verbeugung. Gangelberger wendete sein Auge nicht von ihm, bis er hinaus war. Hatte er Verdacht geschöpft? Gewiß war nur, daß Pudel bis auf einige Goldstücke die ganze Baarschaft des Junkers in der ledernen Hosentasche von dannen trug und eigentlich gar keine Garantie bot, er werde dafür auch etwas thun.

Rath Gangelberger sah sehr erregt aus, und seine sonst schneeweiße Stirnhaut, welche als Glatze bis gegen den Kopfwirbel hinaufstieg war merklich geröthet. Er setzte den Leuchter auf den Tisch und winkte dem Junker sich zu setzen. Dabei sah er ihm nicht ins Gesicht; er blickte starr ins Leere. Langsam griff sein Arm nach einem Sessel, ohne daß sein Auge die Richtung des Armes begleitete. Der Arm griff denn auch zuerst neben die Lehne. Als er sie gefunden, setzte sich der Rath. Er schwieg. Der Regen klatschte laut an die Fenster. Dies erst schien Gangelberger zu erinnern, daß der nasse Regenmantel noch um seine Schultern hing. Er stand rasch auf und warf ihn auf einen leeren Tisch. Dann kam er hastig zurück und sprach nun schon, während er sich setzte:

– Herr Junker – ich komme eben von einer Unterredung mit dem Schreiber Fabricius. Er hat sich mit der Reichskanzlei nicht beeilt; aber seit gestern Abend ist er beeilt worden. Und zwar durch einen der ersten Kriegsobersten, durch Dampierre. Dies ist ein sogenannter »Grundsätzlicher«, das heißt: er ist ein so peinlich strenger Katholik, wie – Ihr Protestant seid. Er gehört, wie Ihr wol wißt, zur »christlichen Ritterschaft« und ihn hat die Soldatenwirthschaft, welche seit einem Monate eingerissen ist, zu Schritten veranlaßt beim Statthalter, zu Schritten – ich komme darauf zurück. Es ist wahr, so kann es nicht fortgehen. Wir haben gewöhnlich über sechstausend Mann in der Stadt, und jeder stiehlt, schlägt, wüstet, fällt über die Weiber her, treibt gewaltsamen Unfug. Das ist ein gräulicher Zustand. Alle Zäune werden abgebrochen, alle Fensterläden abgerissen, was nicht niet- und nagelfest, wird mitgenommen, die Weibspersonen werden am hellen Tage auf der Gasse angefallen, und wer ihnen beistehen will, wird niedergeschlagen. Gestern hat es wieder eine solche Rauferei gegeben, und bei dieser haben sechs Wiener Bürger ihr Leben eingebüßt. Die Soldaten schreien: man reiche ihnen keinen Sold, sie müßten sich ihn also selber suchen. Dazu furchtbare Theurung, ansteckende Krankheit, ein Zustand der Alles zu Grunde richtet. Da haben denn die Bürger beschlossen, an den Kaiser eine Deputation zu schicken, damit er ihre schreienden Klagen gegen die Mannschaft anhöre. Die Deputation ist heute abgegangen, dem Kaiser entgegen, welcher auf der Rückkehr begriffen ist. Dies hat Dampierre zu seinen Schritten veranlaßt beim Statthalter. Er hat behauptet, man thue den Mannschaften Unrecht, sie allein anzuklagen. Die ganze Bevölkerung Wiens sei verdorben, und der Unterschied zwischen Ketzern und Katholiken sei völlig verwischt. Der Anschlag der Regierung an den Straßenecken, in welchem die Krönung des neuen Königs von Böhmen verurtheilt wird, sei abgerissen worden, und an der Stelle desselben sei ein lateinisches Placat erschienen des Sinnes: Wien, die Hauptstadt Oesterreichs, wird zu Grunde gerichtet werden. Er hat ferner behauptet, es sei nicht blos der rückständige Sold, welcher die Soldaten wild mache, es seien tiefere Gründe. Sie fühlten sich nicht sicher hier in Wien, die Stadt wimmle von Verräthern, von Ketzern und Verräthern. Bei der Belagerung im Frühjahre seien vier Ketzer auf frischer That ergriffen worden, als sie ein Thor sprengen und die Stadt den Böhmen überliefern gewollt. Was sei ihnen widerfahren? Drei von ihnen habe man aus der Schranne entwischen lassen, und der vierte, der eigentliche Rädelsführer, werde dort wie ein Prinz behandelt. Man führe ihn spazieren, man setze alle Kanzleikniffe in Bewegung, ihn gerichtlich freisprechen zu lassen, man thue alles Ersinnliche, daß nur ja eine neue Verrätherei aufgemuntert und zu Stande gebracht werde. Dies empöre die Mannschaft, und wenn der ketzerische Rädelsführer vom Stubenthor nicht binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet werde, so würden sie ihn selbst aus der Schranne holen, und vom Leben zum Tode befördern. – – –

Ihr könnt Euch ausmalen, was das für eine Wirkung auf den Statthalter gemacht! Fabricius ist gerufen worden, und als er mir vorhin begegnete, brachte er Euer Urtel aus der Reichskanzlei. Es ist in der Reichskanzlei – zustimmend erledigt worden, und es wird an diesem Abende dem Statthalter vorgelegt zur Unterzeichnung. – Es kann dies also nun wirklich die letzte Nacht sein, welche vor Euch liegt in diesem irdischen Leben.

Nun sind wir fertig. Machen wir Testament, lieber Junker. Ich bin gekommen, Euch um Verzeihung zu bitten. –

– Wie?! –

– Ja wol. Mein Aerger über Euren protestantischen Hochmuth hat mich damals heftiger gemacht, als recht war. Ich hab' mir's hinterher überlegt und bin zur Einsicht gekommen, daß diese schneidige Anmaßung doch eigentlich nicht in Euch, sondern in Eurer Glaubenslehre liegt, welche nach ein paar Verstandesformeln die ganze Welt zusammenschneidet. Oder richtiger, da ich jetzt nicht mehr disputiren, nichts mehr angreifen will: Ihr legt nun einmal den ganzen Nachdruck in die Sittenlehre, Ihr müßt also vor Euch selbst sittlich erscheinen um jeden Preis, wenn Ihr Euch nicht erbärmlich erscheinen wollt. Das mag sein Gutes haben; jedenfalls hat es sein Schweres. 's ist keine Kleinigkeit, das Leben so kaltblütig aufzugeben, wenn man nicht ein beschränkter Fanatiker ist wie Schuster Pfeifer; straf mich Gott! es ist keine Kleinigkeit, und das ist mir in den letzten acht Tagen an jedem Morgen klarer geworden, und ich hab' mir endlich eingestehen müssen: Gangelberger, du hast deinem Junker Hans Unrecht gethan, er ist ein tüchtiger Mensch, und du sollst trachten, ihm noch einmal die Hand schütteln zu können. Was meint Ihr, Hans? Da ist meine Hand! Legt Ihr die Eure hinein? –

– Von Herzen, braver Rath!

– Braver Rath! Leider bin ich das. Wenn ich's nicht wäre, so errettete ich Euch jetzt noch. Aber als Rath bin ich Protestant wie Ihr. Da steckt mein Gewissen. Seit es Matthäi am Letzten steht, werd' ich die Versuchung nicht mehr los, Euch mit hinaus zu nehmen, auf die Gasse, und Euch da – zu verlieren in dem wüsten Tumulte, der jetzt durch alle Gassen lärmt. Was wär's denn weiter! 's wär ein Aufwaschen mit den drei Ketzern aus der Saugrube, die alle drei durchgebrannt sind. Die Nase, die ich kriegte, wär nur etwas länger. Aber, wie gesagt, in diesem Punkte bin ich lutherisch wie Ihr. In meinem Amte steckt mein Gewissen. Und wenn Ihr mein Sohn wär't, die Ehrlichkeit und Schuldigkeit meines Amtes könnte ich Euch nicht opfern. Vergebt mir's, Hans, aber das kann ich nicht.

– Ich hab' Euch nichts zu vergeben, lieber Rath, denn ich bin Eurer Meinung.

– Ein paar Hansnarren sind wir, die sich nicht zu helfen wissen! Das klingt fast lustig, aber 's ist ein Elend, denn wir sind am Ende unsrer jungen Freundschaft.

Er umarmte Hans. Zum ersten Male, und, wie er meinte, wol auch zum letzten Male, und wurde es nicht gewahr, daß die Thüre leise geöffnet wurde und daß Jemand eintrat.

Es war Pudel. Gangelberger war unangenehm überrascht, als er durch ein Räuspern Pudel's dessen inne wurde. Daß der Untersuchungsrichter in einer Umarmung seines Delinquenten überrascht wurde, paßte nicht in die Umgangsformen des strengen Richters. Was wollt Ihr? fragte er also ziemlich unsanft.

– Gestrenger Herr Rath, man fragt nach Euch.

– Wer?

– Ein Mönch.

– Ein Mönch?!

– Ein Mönch in schwarzer Kutte. Von großer Statur, und schon bei Jahren. Er fragte zuerst nach dem Herrn Junker da –

– Nach mir? Ein Mönch!

– Ich sollte Gestrengen vermelden, daß er von Rom komme.

– Wie?!

– Und daß man ihn Pater Dunstan nenne.

Hans schrie laut auf.

– Bringt ihn her, Pudel, bringt ihn her! rief der Rath.

Pudel riß die großen Augen auf und ging. Hans gerieth in die lebhafteste Aufregung, und Gangelberger, der sonst so gemessene Jurist, gab ihm darin nichts nach. Mit dem Jus war er am Ende, und er gab zu, daß er bereits fasele und wie alte Weiber um jede Ecke Rettung ankommen sähe, weil er vernünftiger Weise keine mehr zu erwarten wüßte. Pater Dunstan's Charakter und Ziel aber war ihm durch Hansens Schilderung völlig bekannt; er kam von Rom, wohin er im Interesse des Grafen Zdenko und Hansens geeilt war, er erschien jetzt im gefährlichsten Momente; wer konnte es wissen, ob dieser Mann von ungewöhnlicher Energie nicht wirklich einen ungewöhnlichen Erfolg errungen, und nicht wirklich Rettung brachte! –

Da stand sie in der offenen Thür, die hohe Gestalt in der dunklen Kutte mit tief gebräuntem Antlitz und mit den großen blauen Augen. Hans flog ihm entgegen und schloß ihn an seine Brust. Pater Dunstan küßte ihn auf die Stirn. Dann drängte er ihn ins Zimmer und sah sich nach der offenen Thür um, in welcher Pudel stand. Gangelberger winkte. Die Thür schloß sich, Pudel verschwand.

Rath Gangelberger – sprach hierauf Dunstan in ruhiger Fassung – ich danke Euch für Euer menschenfreundliches Wohlwollen gegen unsern Junker. Reicht mir die Hand. Und nun ohne Umschweif zur Sache. Wie steht sie? Was die Jörger und die junge Harrach wissen können, haben sie mir mitgetheilt; ich habe beide vor einer Stunde in Hernals gesprochen. Das schöne Mädchen fürchtete das Aeußerste: sie hat seit einer Reihe von Tagen keine Antwort von Hans erhalten.

– Da liegt die Antwort! rief Hans.

– Ich bin schuld, sagte Gangelberger, gebt den Brief! Er soll heute noch zu ihr.

Und nun schilderte er dem Pater Dunstan, was er soeben Hans geschildert.

– Also vielleicht nur diese Nacht noch Euer! sprach Dunstan, indem sein ruhiges Auge fest auf Hans verweilte. – Wie gut, daß ich gehandelt habe, als sei jede Viertelstunde Zeit unschätzbar für unsern Junker. Setzen wir uns. Mein altes Knochengerüst hat gut ausgehalten, aber es wackelt doch schon ein wenig, und braucht mitunter Ruhe. Wir haben zwei Stunden vor uns, in denen nichts geschehen kann von meiner Seite. Ihr seid fertig mit Eurem Latein, und habt nichts vor. Betrachten wir also diese zwei Stunden als geschenkte Mußezeit. Ich will Euch schildern, was ich versucht. Es ist so, daß ich nach zwei Stunden etwas unternehmen kann, was vielleicht eine günstige Entscheidung zu Wege bringt.

Oh! riefen einstimmig Hans und Gangelberger, und sahen unwillig nach der Thür, in welcher Pudel wieder erschien. Gangelberger wollte scheltend auf ihn los, Pudel aber zuckte so nachdrücklich mit den Achseln, daß man verstehen mußte: ich kann nicht dafür, ich muß! Ein kleines schwarzes Herrchen von der Burg stehe draußen, und verlange den Herrn Rath auf einen Augenblick.

Gangelberger ging hinaus und kehrte in wenig Minuten zurück, die Thür sorgfältig hinter sich schließend.

Es war Fabricius, berichtete er, der von Eggenberg geschickt war. Ihr habt den geheimen Rath gesprochen, Herr Pater?

– Er war der Erste, den ich aufgesucht, um ihm eine Nachricht vom Kaiser zu bringen.

– Vom Kaiser?!

– Allerdings. Den Zusammenhang werdet ihr sogleich erfahren. Eggenberg weiß, daß ich bei Euch bin, Herr Rath.

– Das hör' ich von Fabricius. Nun, der geheime Rath Eggenberg läßt Euch eiligst melden, daß der neue Provincial der Jesuiten heut angekommen ist, und seinen Besuch in der Burg hat ansagen lassen.

– Für wann?

– Für morgen Vormittag.

– Gut. Dann bleibt die Nacht für uns. Erinnert Ihr Euch, Junker, jenes Paters Anselm, den unser seliger Zdenko in seiner Lebensgeschichte erwähnte?

– Pater Anselm?

– Der junge, sanfte Jesuit, welcher damals neben der Gräfin, neben Zdenkos Mutter auf dem Schlosse war, als Zdenko Besitz ergreifen wollte von seinen Rechten, und welcher in Milde und Einfachheit, wie ein katholischer Melanchthon, so tiefen Eindruck auf Zdenko gemacht?

– Ja, ja, es war der einzige gute Jesuit. –

– Nun, dieser Pater Anselmus ist der neue Provincial, welchen der General aus Rom sendet.

– Gott sei Dank!

– Meinst Du? Dies ist die größte Feinheit des Jesuiten-Generals! Anselmus nach Methodius! Alle die Anklagen sollen als Verläumdungen erscheinen, denn Anselmus ist wirklich ein frommer Greis, und Kaiser Ferdinand wird tief von ihm erbaut sein. Damit die Frucht dieser Erbauung aber auch gebrochen werde, hat man dem Greise einen Assistenten mitgegeben, welcher zu handeln berufen ist statt des sprechenden und betenden Greises. Eggenberg weiß, warum er mich mahnt. Nur die Nacht ist noch unser; morgen sind die Gegenkämpfer auf dem Platze. Deshalb muß ich heute noch den Kaiser ausführlich sprechen.

– Den Kaiser?!

– Er kommt.

– In dieses Wien? durch die belagernden Feinde hindurch? rief Gangelberger.

– In dieses Wien, durch die belagernden Feinde hindurch. An Muth gebricht's ihm nicht. Eine Gasse von Baden herein am Gebirge ist übrigens ziemlich frei, und er hat ein Geleit von ein paar hundert Kriegsleuten. Er weiß, wie Wien innerlich aussieht, und weiß, daß seine Krone hier auf dem Spiele steht. Er muß herein. Auch um derer willen, welche draußen im Reich zuschauen. Er hat auch dort herbe Erfahrungen gemacht, selbst in München, wo der Mittelpunkt ist für die einzige Kriegshilfe, die erreichbar ist. Sein Freund, der Herzog Maximilian, will diese Kriegshilfe theuer bezahlt haben; er ist ein ökonomischer Herr. Und als der Kaiser von München her an seine Landesgrenze kam, da fand er sie versperrt. Ganz Oberösterreich steht in Waffen gegen ihn, und er hat von Salzburg aus seitwärts über Golling und Werfen ablenken müssen in die obere Steiermark, um in sein Erbland zu kommen. Gestern Abend kam er von Graz in die Neustadt, als ich eben mein Thier bestiegen hatte, um herein zu reiten nach Wien. Dort hab' ich ihn eine Viertelstunde lang gesprochen durch Vermittelung seines Beichtvaters Bartholomäus –

– Des Jesuiten?

– Ja. Dieser alte Pater gehorcht Gott mehr als den Menschen, und mein Geleitsbrief von Rom ist allmächtig, so lange nicht – setzen wir uns also wieder, und kommen wir auf Rom.

Meine Reise dorthin war vorbereitet von langer Hand. Unser Orden und zahlreiche Würdenträger unserer Kirche haben seit lange dem Jesuitenthume mit schwerem Mißtrauen zugeschaut. Alle kleinen und großen Schritte waren längst eingeleitet, daß die ungeschminkte Wahrheit zu den Ohren des heiligen Vaters gelangen könne, alle Vollmachten lagen bereit, und als hier die Katastrophen hereinbrachen über meinen armen Freund Zdenko und diesen Adoptivsohn desselben, da setzte ich es durch bei unserm Abte, daß mir die Vollmachten eingehändigt würden, und daß ich hintreten könnte vor den Stuhl Petri.

Ohne Aufenthalt ritt ich bis Rom. Dort freilich ging es langsam. Wie groß, wie mächtig die Verbindungen unseres Ordens waren, wie viel edel gebildete Geistliche mich auch unterstützten, wie heftig auch die Nachricht einschlug von den Scenen, die Methodius hier herbeigeführt, ich gelangte dennoch nicht zu einer Audienz beim heiligen Vater. Die Jesuiten umgaben ihn wie eine eiserne Mauer. Ich mußte einen Nebenweg suchen und ich fand ihn. Ein Landsmann von mir, ein alter englischer Bischof lebt seit Jahren in Rom und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das dem Katholicismus verloren gegangene England dem Papste wieder zu gewinnen! Eine außerordentliche Aufgabe, welche natürlich jede Unterstützung von Seiten des Papstes findet, und dem alten Bischofe zu jeder Zeit die Pforten des Vaticans öffnet. Mit diesem Manne besprach ich die Reformgedanken, welche ihm nöthig schienen, um in England einen Erfolg für den Katholicismus hoffen zu dürfen. Sie zeigten manche Berührungspunkte mit dem, was Zdenko und ich seit Jahrzehnten sorgfältig ausgebildet, und ich war also im Stande, meinem Landsmanne sachgemäße Einwürfe und Förderungsmittel an die Hand zu geben. Solche waren ihm erwünscht und nöthig. Denn sein Plan hat nur Aussicht auf Erfolg, wenn er dem regierenden Stuart durch mannigfaltige Beweisgründe annehmbar gemacht wird. Meine Einwürfe, meine Erfahrungen leuchteten dem alten Bischofe ein, und er berichtete dem Papste von unserer gemeinschaftlichen Arbeit. Dabei unterließ er nicht hinzuzusetzen, daß ich für das deutsche Reich eben so wirksam sein wolle, wie er für England, daß es für England von unermeßlichem Einflusse sein würde, wenn eine von Rom ausgehende Reform gleichzeitig im stammverwandten Deutschland ins Werk gerichtet würde. Sie würde dem englischen Königshause die Brücke bauen für England. Der Papst also möge mich hören, aufmerksam hören und unparteiisch prüfen. – Dies bewilligte der Papst.

Mein Landsmann schilderte mir den jetzigen Papst, den er durch lange Besprechungen genau kennen gelernt hatte. Paul der Fünfte ist ein geborener Römer, ein Camillo Borghese. Er ist in seiner Jugend Advocat gewesen; Rechthaberei ist ihm davon verblieben. Formelle Wörtlichkeit, unerbittliche Macht des Buchstabens ist der Grund und Boden einer Herrschsucht gewesen, welche ihn durch eine lange Regierung hindurch geleitet und verleitet hat. Anmaßung hat ihm den Beinamen eines Vicedeus eingetragen. Das sind Eigenschaften, welche mir wenig Hoffnung übrig ließen. Aber gerade diese Eigenschaften hatten doch in einer langen Regierung für mich vorgearbeitet. Papst Paul der Fünfte hat fortwährend Enttäuschungen erlebt. Mißerfolg auf Mißerfolg hat ihn mürbe machen müssen. In dem großen Streite der Dominikaner gegen die Jesuiten hat er gegen seine Ueberzeugung die Sache der Dominikaner im Stich lassen müssen. In dem wichtigen Streite mit Venedig hat er eine schwere Niederlage erlitten. Seine Excommunication der ganzen Republik ist ohne Folgen geblieben, die Geistlichen haben nicht ihm, sondern der Signoria gehorcht, die Jesuiten, die ihm gehorchen wollten, haben den venetianischen Staat verlassen, Rom hat am Ende nachgeben müssen. So ist es ihm fort und fort ergangen. Nur seine Bauten, der Ausbau der Peterskirche, der Bau der Villa Borghese, der Paulinischen Wasserleitung haben ihm den Trost gegeben, daß er etwas schaffen könne, obwol er auch hierin dem Spotte der Römer nicht entgangen ist, welche ihn Fontifex maximus nennen in Bezug auf die Wasserleitung. Er lechzt in seinen alten Tagen nach irgend einer Genugthuung, nach einer Schöpfung, die gelingen und seinen Namen verherrlichen könnte.

Dies war das Fundament, auf welches ich mich stützen wollte, wenn die Stunde käme.

Sie kam. Eines Abends führte mich mein Landsmann in den Vatican. Durch weite hohe Räume in ein kleines Cabinet. Dort saß in weißen Gewändern Papst Paul und begrüßte mich durch eine leichte Kopfbewegung. Dann betrachtete er mich lange schweigend und sagte endlich: Sprich!

Ich sprach. Unbefangen. Was hätte mich befangen sollen? Ich bin zu alt, um von der Außenseite der Personen geblendet zu werden, und kenne Rom zu lange, um die dortigen Beweggründe nicht zu durchschauen. Man denkt dort nie an eine Reform, so lange sie noch vermieden werden kann. Ich wußte also voraus, daß ich etwas Gründliches nicht erreichen konnte, und wenn ich mit Engelzungen redete; ich durfte höchstens hoffen, eine augenblickliche Wirkung zu machen. Dem lieben Gott stellte ich's anheim, ob die augenblickliche Wirkung eine weiter zeugende Kraft entwickeln könne. Zdenkos und Hansens Gefangennahme dahier hatten mich nach Rom gesprengt. Dafür etwas zu erwirken war immerhin möglich, auch wenn ich nur augenblicklich wirkte. Sie konnten befreit werden, wenn der Papst auch nur eine Strecke Weges auf meine Vorschläge einging. Und endlich: eine neue Erfahrung zu machen, ob in Rom kein wahres Gehör zu finden sei für eine Reform, das war immerhin der Mühe werth für das Gewissen Anderer. Ich redete in solcher Stimmung frei von der Leber weg.

Gleich zu Anfang sagte ich blank heraus, daß es ein Unglück für die katholische Kirche sei, ihr Oberhaupt immer nur aus der einen Hälfte des christlichen Europa gewählt zu sehen, aus der romanischen. Die andere Hälfte, die germanische, komme deshalb an oberster Stelle nie hinreichend zur Kenntniß und zur Geltung. Der Kern und die Form des Romanen und Germanen seien tief von einander verschieden, und weil man diese Verschiedenheit nicht gekannt und gewürdigt, sei der Abfall Luther's und Calvin's nicht verhindert worden. Das Mittel, welches man zur Abhilfe errichtet, der Jesuitenorden, sei das unglücklichste. Seine ganze Organisation sei eine Gipfelung romanischen Wesens: mechanische Berechnung durch und durch, Vernichtung des persönlichen Unterschiedes, Zerstörung der Eigenthümlichkeit. Dies widerspreche durchaus dem germanischen Sinne, und erbittere ihn. Man habe die Jesuiten deshalb auch immer nur »spanische Priester« genannt und nenne sie noch so, um auszudrücken, daß sie wildfremd sind und bleiben. »Auf diese Weise wird der Abfall vollständig werden,« fuhr ich gerade heraussprechend fort, »wenn Du, heiliger Vater, nicht weise Mitglieder des germanischen Klerus um Dich versammelst und ihren Gründen Gehör leihst. Geschieht dies nicht, und kommt nicht auf diesem Wege eine Uebereinkunft zu Stande, so ist der Abfall germanischer Völker, ich wiederhole es, der vollständigste Abfall unvermeidlich. Die österreichischen Länder sind in den höheren Ständen jetzt schon verloren, die rheinischen und fränkischen sind's schon zur Hälfte, und die andere Hälfte wird durch das Schreckbild Ferdinands nachgetrieben; bleibt nur der bairische Stamm übrig, welchen der ausbrechende Krieg überfluthen und verändern wird. Man ahnt in Rom nicht, wie tief die Quelle dieses Krieges liegt, und welche Sündfluth er an die Oberfläche bringen wird. Es ist ein germanischer Krieg gegen alles romanische Wesen, wie einst der Krieg des Armin gegen Varus. Ja viel, viel ausgedehnter! Alle mit den Germanen verwandten Stämme in Dänemark, in Skandinavien, in England betheiligen sich. Es ist eine trügerische Hoffnung, welche Du hegst, England wieder zu gewinnen, solange der gegen Ferdinand aufsteigende deutsche Krieg nicht gehemmt ist. Giebst Du Ferdinand nicht ein Friedensinstrument in die Hände, dann sehen Deine Augen noch den Tag, an welchem von der Höhe der Alpen nordwärts kein römisch-katholisches Kreuz mehr gesehen wird.«

»Welch ein Friedensinstrument?« sprach der Papst.

»Dasjenige Instrument,« fuhr ich fort, »welches im Sommer 1541 zu Regensburg festgestellt wurde durch den Legaten des Stuhles Petri und durch die Führer der Gegenpartei, Melanchthon und Bucerus. Dein Namensbruder Paul der Dritte saß auf Deinem Stuhle, und der Strahl Gottes erleuchtete ihn wie jetzt Dich, daß ein großer Friede möglich sei für die Kirche Christi. Und er berief sich von der weltlichen Bank der Regierung in Venedig einen Mann, welcher die Menschen kannte, und machte ihn zum Erstaunen des Collegiums zum Cardinal. Und diesen Contarini sandte er nach Regensburg mit weiter Vollmacht, und das Unerwartete trat ein: man vereinigte sich über alle wichtigen Streitfragen. Man einigte sich über die Artikel von der menschlichen Natur, von der Erbsünde, von der Erlösung, ja, was unglaublich geschienen, auch über den Artikel von der Rechtfertigung. Die katholische Kirche besteht darauf, daß gute Werke den Menschen rechtfertigen können, die Gegner behaupten, daß nur der Glaube dies vermöge. Wie legte Contarini dies aus? Ja, rief er, die Rechtfertigung des Menschen ohne Verdienst erfolgt allerdings durch den Glauben, aber dieser Glaube muß lebendig und thätig sein! – Nun denn, entgegnete Melanchthon, so sagen auch wir: der Glaube, welcher rechtfertigen soll, darf nicht leblos und unthätig sein; wir sind also einig.

Nach Süden und Norden ging man glückselig auseinander; die Bedingungen des Friedens waren gefunden, sie bedurften nur noch der Bestätigung. Rom aber zögerte mit der Bestätigung, und erweckte dadurch das Mißtrauen Luther's. Cardinäle wie Caraffa eiferten gegen die Erklärung der Rechtfertigungslehre, und hemmten den versöhnlichen Aufschwung des heiligen Vaters – das Werk gerieth ins Stocken, verfiel den Leidenschaften, ging unter.

Achtzig Jahre sind vergangen. Der Zwiespalt hat sich tiefer und tiefer eingegraben; neue Reiche wie das englische sind deshalb von der Kirche abgefallen, und statt vor dem Frieden, stehen wir jetzt vor dem Kriege ganz Europas. Heiliger Vater, nimm auf, was der dritte Paul unvollendet gelassen, vollende es, und ganz Europa wird sich dankbar vor Dir neigen, denn Du wirst schaffen, was uns Noth thut: eine Heerde unter einem Hirten, unter Paul dem Fünften, unter Dir!«

»Bruder Benedictiner,« sprach hierauf leise der Papst, »Du sprichst bereits selbst wie ein Ketzer.«

»Ich spreche wie Contarini, wie Paolo Sarzi, ich spreche wie ein alter Mann, der vom irdischen Leben nichts mehr zu hoffen hat, als den Trost, daß der ungeschminkte Ausdruck seiner Ueberzeugung Gutes bewirken könne. Rufe fünf Greise, wie ich einer bin, aus England, aus Skandinavien, aus dem deutschen Reiche in eine Grenzstadt des Alpenlandes, wähle fünf Priester romanischer Zunge, und sende sie eben dahin. Gieb ihnen die Contarini'schen Punctationen mit auf die Reise, und fordere beide Theile auf, sich auf diesem Grunde zu vereinigen. Die Vereinigung wird erfolgen. Sie ist das Friedensinstrument, welches von jedem Concilium vollzogen werden wird, sobald Du es mit Deinem Segen geweiht hast.«

Jetzt winkte der Papst dem englischen Bischofe, welcher außerhalb des Cabinets stehen geblieben war, und forderte ihn auf, seine Meinung zu entwickeln in Bezug auf England zur Vergleichung mit dem, was ich über das deutsche Reich behauptet.

Mein Landsmann stimmte mir im Wesentlichen zu. Der König Jakob insbesondere, sagte er, werde gern auf eine solche Vorbesprechung eingehen, und das Oberhaus werde beistimmen. – Ohne sich weiter auszusprechen, entließ uns der Papst mit der Aufforderung: das sogenannte Friedensinstrument schriftlich aufzusetzen, es ausführlich zu begründen und ihm einzureichen.

Dies geschah. Die Gegenwirkung blieb natürlich nicht aus; denn in Rom haben die dicksten Wände Ohren, und die »spanischen Priester« hatten rasch erfahren, was im Werke sei. Die Vertrauensmänner, an welche uns der Papst gewiesen zu gründlicher Disputation, wurden vorsichtiger und vorsichtiger, furchtsamer und furchtsamer – ich gab die letzte Hoffnung auf. Da erfolgte die Kaiserwahl in Frankfurt, und ich zäumte mein Maulthier zur Abreise. Mein Landsmann aber hielt mich auf mit der kaum glaublichen Nachricht: der Gesandte des neuen Kaisers habe eine Anfrage mitgebracht, welche den Papst und das ganze Collegium in Erstaunen und Unruhe versetze, die Anfrage Ferdinands: ob nicht Toleranz gestattet und nöthig sei bei so drohenden Aspecten? Wenn der felsenfeste Ferdinand so fragte, dann mußten die Dinge viel schlimmer stehen, als man geglaubt. Dem Papste wurde hierdurch mein Wort zur Wahrheit. Er ließ meinen Landsmann rufen, er ließ mich durch diesen auffordern, schriftlich einzureichen, was ich damals gesprochen über die Kirche in Deutschland, und als ich dies gethan, ließ er mich versichern, daß meine Vorschläge Beachtung finden würden.

Ich eilte nun zu Trautmannsdorff, dem Botschafter des Kaisers, welcher auf die Antwort des Papstes harrte. Ihm erzählte ich, was Alles schon vorgegangen sei in dieser Frage, was ich dem Papste mündlich und schriftlich vorgetragen, und was mir der Papst geantwortet hätte. Trautmannsdorff, in Sinn und Wesen nicht ohne Aehnlichkeit mit Eggenberg, erwies sich wohlwollend und entgegenkommend. Ersichtlich wünschte er selbst, daß dem Kaiser Toleranz empfohlen und gestattet werde, und so trug er mir an, was ich von ihm erbitten wollte: eine persönliche Sendung an den Kaiser. Er sah bald, daß ein so wichtiger Gegenstand nicht eilig erledigt werden könne in Rom, und doch hatte er das Bedürfniß, dem Kaiser bald ein eindrucksvolles Zeichen zukommen zu lassen: der heilige Vater trete ein auf den Toleranzgedanken. Meine Person schien ihm ganz dazu geeignet: ich war ein Geistlicher, war aus Wien, war in directer Verbindung mit dem heiligen Vater. Wenn dieser durch ein schriftliches Wort bestätigen mochte, daß ich eine Vertrauensperson sei, dann konnte Trautmannsdorff mich direct an den Kaiser senden.

Jetzt lag die Sache so, wie ich sie für unsern Zweck erwünscht hatte. Mein Landsmann setzte ein kurzes Zeugniß auf für mich, in welchem meine Einsicht und mein Eifer für das Gedeihen der Kirche ausgesprochen, und in welchem gesagt war, daß der heilige Vater meine Vorschläge beachtenswerth fände. – Dies Blatt trug er in den Vatican und legte es dem Papste vor zur Unterschrift. Er gewann diese Unterschrift und brachte mir das Blatt. Es war der Talisman, welchen ich hier zu Eurer Rettung brauchte. Ich zeigte das Blatt Trautmannsdorff, und er schrieb mir nun auf der Stelle ein Einführungsschreiben für den Kaiser, welches mich diesem wie einen vorläufigen Quasi-Legaten anmeldete, welcher aufmerksames Gehör verdiene.

Mit diesen zwei Schreiben ausgerüstet begab ich mich auf die Reise und gönnte mir nur so viel Ruhe, als meinem braven Maulthiere unerläßlich war. Zufällig machte ich in Graz kein Nachtlager und sprach dort Niemand. So erfuhr ich denn erst diesseits des Semmering, daß der Kaiser auf seiner Rückreise dort verweilt, und jetzt hinter mir auf dem Wege nach Wien begriffen wäre. Ich wartete nun auf ihn in Neustadt. Gestern Abend hab' ich ihn dort gesprochen, eingeführt durch Trautmannsdorff's Schreiben. Er empfing mich mild und sanft, und als er das Zeugniß des Papstes selbst gelesen, da zeigte er sich offen und mittheilsam. Seine Stimmung war sehr gedrückt. Die Anfrage, welche er durch Trautmannsdorff an den Papst gerichtet, hatte ihm schwere Ueberwindung gekostet, und er war in frommer Sorge, ob er nicht ein Unrecht begangen mit derselben. Aber es sei ihm kein anderer Ausweg mehr übrig geblieben! Selbst sein Jugend- und Schulfreund von Ingolstadt her, selbst Maximilian von Baiern, den er jetzt in München um Hilfe angesprochen, habe ihm für Kriegshilfe schwer lastende Bedingungen auferlegt. Das ganze Land ob der Enns verlangte der Baier als Pfand! Er wisse sich kaum noch aufrecht zu erhalten, wenn er nicht namentlich den Oesterreichern in kirchlichen Dingen Zugeständnisse machen dürfe. »Ich mache sie nimmermehr,« rief er, »wenn es Sünde ist, und der heilige Vater nicht zustimmt. Darum erleichtert es mein Herz so ungemein, lieber Pater, daß Ihr mir solche Eröffnungen, solchen Trost von Rom bringen könnt. Sprecht noch mit meinem Beichtvater Pater Bartholomäus, und kommt zu mir morgen Abend in die Burg, wenn es uns gelingt, nach Wien hinein zu kommen. Eure Angelegenheit ist mir die wichtigste. Sobald ich nur eine Stunde lang meinen Bruder und die geheimen Räthe gehört, will ich Euch hören, damit festgestellt werden kann: in welcher Weise vorläufig den Oesterreichern angedeutet werden mag, daß Milde und Ausgleichung eintreten dürfte.«

Ich sprach Pater Bartholomäus. Er ist ein guter Mann, und die Vorsicht, welche ich in meinen Mittheilungen anwendete, war kaum nöthig. Ihm stellte ich dar, daß der Kaiser mit Gnadenacten in Wien beginnen und Gefangene losgeben müsse. Das sei einfach menschlich, und verpflichte nicht zu dogmatischen Folgerungen. Daß mein alter Freund Zdenko keiner Befreiung mehr bedürfe, hatte ich leider schon erfahren, aber Euch, Junker, konnte ich nennen, als einen Adoptivsohn Zdenkos nennen, an welchem gut gemacht werden sollte, was man an Zdenko verschuldet. Bartholomäus nickte mit dem Kopfe –

So weit war Pater Dunstan in seinem Berichte, da ging die Thür wieder auf, und unter Achselzucken wegen der neuen Störung erschien Pudel wieder: Von Excellenz dem Herrn Geheimrathe Freiherrn von Eggenberg sei ein Bote da für Herrn Pater Dunstan. Seine Majestät der Kaiser sei vor einer halben Stunde in der Hofburg eingetroffen, und habe jetzt schon nach Pater Dunstan gefragt.

– Gut, mein Lieber, ich komme!

Pudel verschwand.

– Das ist ein gutes Zeichen! – rief Dunstan, – jetzt ans Werk! Wenn Alles gelingt, Hans, so kannst Du bis Mitternacht frei sein; Euch, Herr Rath, bitt ich mit mir zu gehen, und mich zu unterrichten über Form und Zeichen, welche nöthig sind, daß Ihr den Junker entlassen könnt. Wollt Ihr?

– Natürlich! Ich hole nur ein Blanquet, damit wir's zur Unterschrift gleich bei der Hand haben.

Gangelberger eilte hinaus. Sobald die Thür hinter ihm zufiel, sagte Dunstan halblaut: Noch eins, Hans! Nichts ist sicher mit jenen Leuten, und Lamormain kann uns noch Alles entzwei schlagen, in der letzten Minnte. Dann stürzest Du unrettbar morgen früh in den Tod. Also einen zweiten Weg öffnen! Dieser Gefangenwärter muß zu haben sein, und wir haben ja in Fülle, um ihm zu geben. Beim Hereinreiten hab ich in Hernals zwei Worte mit der Jörger gesprochen. Sie hat mir gesagt, daß oben im Walde nichts vorgefallen ist. Dort wacht Tschirill. Die Goldkiste Zdenkos ist wahrscheinlich unentdeckt, unberührt. Sie läßt uns diesen Gefangenwärter ausstatten und sicher stellen über all' seine Erwartungen. Das sage ihm.

– Ich hab es schon gethan.

– Gut. Ich werde noch mehr bei ihm gelten als Du, und ich werde beim Fortgehen ihm ein festes Wort ins Ohr legen. Sollte ich oben scheitern, und würden wir getrennt, dann ist Hernals unser Rendezvous. Es liegen zwar Reiter da, aber sie kennen dich nicht, und die Jörger sorgt schon für einen Schlupfwinkel –

Da kam Gangelberger zurück, und Dunstan verließ mit ihm des Junkers Zimmer und das Schrannenhaus. Als sie aus der eisernen Thür schritten, hatte Dunstan ein Papier verloren im Hausflur. Pudel suchte darnach, Dunstan desgleichen, und während Gangelberger draußen wartete, erfuhr Pudel von dem mächtig erscheinenden Mönche, daß seine Zukunft in sicherer Hand ruhe, und zwar eine glänzende Zukunft! – Pudel's Augen öffneten sich so weit, daß ihnen von dieser Zukunft gewiß nichts entgehen konnte.

*

Dunstan hatte seine Gegner ganz richtig beurtheilt: Es war ihnen nichts entgangen von seinen Schritten in Rom, und sie waren denselben sorgsam gefolgt in wohlberechneten Gegenschritten. Ueberrascht und überholt wurden sie nur plötzlich durch die Ankunft Trautmannsdorff's und durch die Anfrage des Kaisers, welche er zum Papste brachte. Das hatten sie vom Kaiser nicht gefürchtet. Heftiger Zorn gegen Pater Bartholomäus übereilte sie – denn er allein war auf der Reise neben dem Kaiser – und in dieser zornigen Uebereilung versäumten sie den Tag, an welchem Dunstan seinen Geleitsbrief eroberte und verschwand. Als sie inne wurden, daß er fort wäre, faßten sie den Gedanken, unterwegs den einsamen Mönch aufzuheben und zu beseitigen. Das war aber erstens nicht so leicht als es schien, denn Dunstan, ein erfahrener Streiter, hatte schon dicht hinter Rom die Heerstraße verlassen, und zweitens trug er ja doch die eigene Namensschrift des Papstes bei sich! Es konnte einen für sie gefährlichen Eindruck machen, wenn zu Tage kam, daß selbst dies nicht sicher gestellt hätte gegen Ueberfall. Sie gaben dies also zunächst auf, aber nur zunächst. Ein Eilbote wurde sogleich nach Wien gesprengt, welcher den Benedictiner überholen und ihn dem Orden in Wien ankündigen sollte als gefährlichen Feind. Man sollte sich seiner bemächtigen, sobald er in Wien eingetroffen. Der Kriegszustand werde hiefür leichte Veranlassung und Hilfe bieten. Allenfalls könne man sich Dampierre's zur Unterstützung bedienen.

Drei Tage vor Dunstan war dieser Eilbote im Jesuitenhause in Wien eingetroffen, und alles Mögliche war vorbereitet gegen Dunstan. Man wollte unverzüglich handeln, auch wenn das durch den Eilboten gleichzeitig angekündigte Eintreffen des neuen Provincials sammt dessen Assistenten sich verzögern sollte. Es verzögerte sich nicht. Pater Anselmus, der neue Provincial, war da, und sein Assistent, ein deutsch redender Südtiroler Namens Euphemius, ergriff die Zügel. Alle Agenten und Hilfsmittel wurden ihm bekannt gemacht. Unter ihnen Herr Tocke, welcher seit des Methodius Tode ziemlich brach gelegen. Er gefiel dem Pater Euphemius besonders und wurde von ihm besonders beauftragt in Sachen des Pater Dunstan.

Trotz alle dem überraschte Dunstan die Jesuiten auch jetzt wieder. Sie erfuhren erst von seiner Anwesenheit, als der Kaiser eingetroffen war, sogleich nach ihm gefragt und ihn bestellt hatte. Diese Frage und Bestellung kam Lamormain zu Ohren. Es war unmöglich, dies abzuwenden. Der Benedictiner hatte zuerst das Ohr des Kaisers! Erst am folgenden Vormittage sollte der neue Provincial Audienz haben! Was thun? Es blieb nichts übrig, als Vorsorge zu treffen, daß dieser Benedictiner nicht zum zweiten Male den Kaiser sprechen könne. Lamormain ließ Herrn Tocke in die Burg rufen.

Dies war dem schlauen Görlitzer gar nicht angenehm. Am späten Abend in der Burg gesehen zu werden, konnte sein neutrales Ansehen beschädigen. Er schlich also vorsichtig wie ein Kätzchen über die Zugbrücke und schlüpfte eng an dem Brunnen hin im Thorwege, eng an der Mauer hin zur kleinen Treppe, welche zu Lamormain's Gemache führte. Lamormain erwartete ihn schon, und zog ihn sofort ans Fenster unter der Frage: ob er den gefährlichen Benedictiner persönlich kenne?

– Nein! war die Antwort.

– So warten wir hier, damit Ihr ihn seht. In dieser Viertelstunde muß er kommen.

Ein harter Wind hatte draußen die Regenwolken zerrissen, und minutenlang leuchtete der Mond auf den nassen Boden herab.

Gerade während einer solchen Minute kam Pater Dunstan mit Gangelberger vom Kohlenmarkte daher gegen die Zugbrücke. Seine hohe dunkle Gestalt war deutlich sichtbar.

– Das ist er! rief Lamormain, der ihn längst kannte; könnt Ihr sein Gesicht ausnehmen?

– Nein!

– Dann hinunter zum Brunnen, an dem er vorüber muß! Aber laßt Euch selbst nicht ins Gesicht sehen. Ihr habt ja einen Mantel.

Herr Tocke sprang wie ein Tänzer hinab, und kam gerade zu rechter Zeit. Dunstan, im Gespräch mit Gangelberger, ging dicht an ihm vorüber und beachtete ihn nicht.

Er wendete sich mit Gangelberger zur Treppe rechts, und die beiden Männer stiegen hinauf zu einer folgenschweren Unterredung.

Eggenberg und Harrach traten eben aus jenem Zimmer, welches im Frühjahre die tumultuarische Scene der Cavaliere gesehen, und Eggenberg rief ihnen entgegen: Zur rechten Zeit, lieber Herr Pater, der Kaiser erwartet Euch. Nehmt der Stunde wahr! Sie kann ein Segen werden für das ganze Reich. – Für den Fall des Gelingens, setzte Harrach leise hinzu – bringt ihn augenblicklich zu mir. Ich lasse Pferde bereit halten und sorge für Oeffnung des Thors!

Dunstan trat ein. Der Kaiser saß neben einem kleinen Tische und hatte das Haupt auf eine Hand gestützt. Manche behaupteten, seine rechte Schulter sei um einige Linien höher als die linke; sie hätten dies bestätigt gefunden in der jetzigen Stellung des offenbar tief erschöpften Mannes, dessen Gliedmaßen schlaff danieder hingen. Kummer und Sorge und der scharfe Ritt von Neustadt herein, welcher Gefangennahme bringen konnte, hatten den sonst rüstigen Körper erschüttert. Sein Angesicht war tief geröthet von Luft und Aufregung, und das blaue Auge blickte trocken und unsicher auf die dunkle Gestalt des Benedictiner-Mönchs, der an der Thür stehen geblieben war.

Der Kaiser lehnte sich zurück und winkte ihm, näher heran zu treten. Dann sprach er mit schwacher Stimme:

– Du findest mich, hochwürdiger Pater, in schweren Zweifeln. Mein Bruder hat mir so eben gesagt, daß Du derselbe bist, welcher mit dem ketzerischen Grafen Zierotin in enger Verbindung gestanden. Und jetzt kommst Du von Rom, mit einem Geleitszeugnisse des heiligen Vaters, welches ich in Ehrfurcht anerkenne, und welches von unermeßlicher Wichtigkeit ist. Wie vereinigt sich das?

– Darin, kaiserlicher Herr, daß der Ausdruck »ketzerisch« ein nur zu leicht gebrauchtes Streitwort geworden ist, und daß der heilige Vater eingesehen hat, es müssen die Ursachen des neuen Streites neu geprüft, es müsse die weggeworfene Spreu nochmals auf die Tenne gebracht und nicht nur geworfelt, sondern auch gesiebt werden. Da wird sich's unter Anderm zeigen, daß Zdenko Zierotin ein guter und frommer Mann gewesen, welchen man unchristlich gemißhandelt hat.

Der Kaiser stand jählings auf vom Sessel.

– Ich bin nicht hier, um anzuklagen, – fuhr Dunstan ruhig fort, – ich bin hier, um aufbauen zu helfen. Was Dich da, kaiserlicher Herr, in meinen Worten aufscheucht, das kennt der heilige Vater genau. Er wägt die Schwere der Anklage gegen Pater Athanasius in ruhiger Hand; und um Dir zu zeigen, daß ich nicht Kraut und Unkraut verwechsele, setze ich von freien Stücken hinzu: ich halte den Pater Bartholomäus neben Dir, obwol er zu demselben Orden gehört, für einen Gott wohlgefälligen, hochwürdigen Priester. Deine Zeit ist karg zugemessen, lass' mich, wie ich schon gesagt, von jeder Anklage absehen, lass' mich einfach aussprechen, was der heilige Vater für die nächste Zukunft erwägt und vorhat. Deine Anfrage durch Trautmannsdorff fiel wie ein stimmender Ton in die Gedanken, welche just in seiner Seele kreiseten.

– Sprich! – Die Anfrage, welche ich Trautmannsdorff mitgegeben, lastet Tag und Nacht auf meinem Gewissen wie der Beginn einer Sünde. Es ist mir ein Trost, daß der heilige Vater sie nicht also beurtheilt. Was erwägt er, was hat er vor?

– Toleranz zunächst, wie Du selbst es genannt. Nicht blos Nachsicht und Duldung gegen alle Nebenmenschen. Das Gesetz will er erweitern. Alle Völker sollen darunter Raum finden, welche Gott anbeten im Geiste und in der Wahrheit. Auf das Regensburger Gespräch vom Jahre 1541 will er zurück gehen, welches damals schon ein weiser Cardinal zur Richtschnur der Ausgleichung mit den sogenannten Evangelischen empfahl. Weißt Du, wer vorzugsweise damals die Ausgleichung zur Seite schob? Die Feinde des deutschen Kaisers thaten es, die Feinde Deines Ahnherrn Karls des Fünften!

– Wie?!

– Politischen Erwägungen über die Maßen hingegeben und in diesen verirrt, riefen damals Cardinäle: Wenn man auf diesen Ausgleich eintritt, so wird der deutsche Kaiser wieder allmächtig, und es entsteht wieder das heilige römische Reich deutscher Nation in seiner Allgewalt! – Das wollten sie nicht, weil sie weltlich herrschsam geworden, und weil sie Kaiser Karl strenge Maßregeln zutrauten gegen politische Neigungen der Curie. Am Mißwollen gegen die Macht Deines Hauses also scheiterte der große Gedanke, und dies Mißwollen hat das Reich wie die Kirche an den Abgrund geführt. Dies wird jetzt am Rande des Abgrundes erkannt, und der heilige Vater setzt hinzu: Einem kirchlich gesinnten Kaiser gegenüber, wie Ferdinand der Zweite einer ist, wäre es Thorheit, vor der Herstellung eines mächtigen deutschen Reiches zu zittern. Je mächtiger der Kaiser, desto mächtiger die Kirche! Treten wir ein in die Bedingungen des Regensburger Gespräches, und berufen wir eine Vertretung der abweichenden Ansichten, damit eine Vorlage festgestellt werden kann für ein neues Concilium. Bis dahin Milde, Versöhnlichkeit, gute Werke unter dem Worte des Evangeliums: Was du nicht willst, daß man dir thue, das thue einem Andern auch nicht! – Dies, kaiserlicher Herr, ist der Kern der Botschaft, welche ich auszurichten habe.

Der Kaiser ging hin und her.

– Zeigen Deine nächsten Schritte diese Versöhnlichkeit und diese guten Werke, so ist die Einleitung im Sinne des heiligen Vaters getroffen, und es erfolgen von ihm die directen Anerbietungen an die Gegner. Aber rasch und ganz muß Dein Entschluß sein, und er muß sichtbar werden mit der Morgenröthe. Denn wenn die Feinde Wien völlig einschließen, so hat Dein Entschluß nur noch halben Werth; er gilt dann nur noch für einen Nothbehelf und wird nicht geglaubt.

Der Kaiser stand still an dem kleinen Tische, auf welchem Tintenfaß und Feder stand, und ein Bogen Papier lag. Die Rede Dunstans arbeitete in ihm wie Hefe. Der kluge Mönch hatte ein Lebensorgan in ihm getroffen. Ferdinand war bei aller Frömmigkeit, welche die Regierung der Kirche unterordnete, doch ein ächter Habsburger: der politische Sinn war instinctmäßig rege in ihm. Die Erinnerung an Kaiser Karl, die Erinnerung an die Kaisermacht, welche dem mächtigen Ahnherrn verkümmert worden war durch die Reformation und durch die Curie, der Gedanke, daß sie im Augenblicke tiefster Unmacht wieder zu gewinnen sei, und zwar im Bunde mit dem heiligen Vater wieder zu gewinnen sei, dieser einleuchtende Gedanke versetzte ihm Geist und Herz in Gährung. All seine Nerven zitterten, und die Hand griff krampfhaft nach dem Papier auf dem Tische, es mechanisch in die Höhe hebend.

Pater Dunstan, weitsichtigen Auges, wie alte Leute zu sein pflegen, die viel in freier Luft verkehren, konnte lesen, was auf der ersten Seite des Papiers geschrieben stand: »Urtel über Hans Junker von Starschädel aus Obersachsen« – – er harrte geduldig, er war abgehärtet und von starken Nerven.

Er schwieg selbst dann, als er bemerkte, daß die Reaction eintrat im Innern des Kaisers.

Ferdinand hatte sein ganzes Wesen auf den Begriff der Autorität gestellt. Das feste Herkommen war ihm dergestalt Fundament geworden, daß ihm auch ein glücklicher Wechsel wie ein Unglück entgegen trat. Der ganze Grund der Welt sollte plötzlich anders werden? die lange, harte Vergangenheit ein Irrthum? Nein! sagte die tiefste Stimme in ihm, nein! Wenigstens nicht eher, als bis die Kirche unzweideutig, öffentlich, in feierlicher Amtlichkeit gesprochen! Er warf das Papier hin und ging im Zimmer umher.

Dunstan erkannte, daß Alles auf dem Spiel stehe. Er ging dreisten Schrittes zum Tische und ergriff das Papier mit fester Hand.

– Dies scheint ein Todesurtel zu sein, kaiserlicher Herr! – rief er nach dem umherwandelnden Kaiser hin – – es ist ein's, wie ich sehe, und zwar gegen Zdenko von Zierotin's Sohn.

– Wie?

– Zdenko hat den jungen Mann an Sohnes Statt angenommen, weil er ein braver, gottesfürchtiger Jüngling ist. Unterschreibe es, Herr, und Du hast ein Leben ausgelöscht, welches in frommer Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit seinen Gott sucht mitten durch Thränen und Noth. Der Vater ist zum Märtyrer unchristlicher Feinde geworden, der Sohn werde es ebenfalls! Die Gegner brauchen Fahnen gegen Dich und die Kirche. Nein, ich habe Unrecht: die Kirche und Du gehen nicht mehr zusammen. Ich komme vom heiligen Vater mit dem Oelzweige; Du weißt es, Du glaubst es, aber Du weisest den Oelzweig zurück. Der Sohn der Kirche widersetzt sich dem Vater derselben –

– Höre auf, Jünger des heiligen Benedict, höre auf! Uebereile mich nicht! Ich selbst will mich nicht übereilen, deshalb zögere ich. Im Gebet erst will ich Sammlung und Fassung suchen. Komm wieder mit der aufgehenden Sonne!

Die letzten Worte langsam und mit niederhängendem Haupte sprechend winkte der Kaiser leicht mit der Hand, ging zögernden Schrittes nach der Thür links, welche zu seinem Schlafzimmer führte, und – verschwand.

Dunstan sah ihm leuchtenden Auges nach. Der Papierbogen, auf welchem Hansens Todesurtheil geschrieben stand, war noch in seinen Händen. Diese Hände zuckten, sein Entschluß war gefaßt.

Festen Schrittes ging er hinaus auf den Corridor. Dort fand er Eggenberg noch und Gangelberger, die hin und her gingen und seiner harrten. Sie kamen ihm entgegen, und Eggenberg fragte schon von Weitem: Nun?

Dunstan zeigte ihm das Urtel, ohne es aus der Hand zu geben, und sagte zuversichtlich: der Kaiser hat das Urtel meinen Händen überlassen!

Victoria! rief mit gedämpfter Stimme Gangelberger, und zog das Blanquet hervor, welches eine Formel der Entlassung enthielt, den Freiherrn von Eggenberg bittend, er möge ihm im nächsten Kanzleizimmer seine Namensschrift darunter setzen.

Im Hingehen fragte Eggenberg nach dem Weiteren, denn ihn interessirte es denn doch noch mehr, ob und wie weit der Kaiser die große Wendung des politischen Systems annähme.

Dunstan berichtete, daß die Grundfrage nachdrücklich zur Sprache gekommen, daß der Kaiser mit der ganzen Wucht seiner inneren Persönlichkeit in die Frage eingetreten sei und ihn zu morgen früh wieder zu sich beschieden habe. Ganz früh, bei Sonnenaufgang!

Die Hauptsache schwebt also noch! sagte Eggenberg und nahm die eingetauchte Feder, welche ihm Gangelberger reichte. – Solcher Weg mit einem Todesurtel ist ungewöhnlich! sagte er hierauf, und sein Blick ruhte fragend auf dem ruhigen Antlitze Dunstans.

– Wenn wir das Gewöhnliche nicht entbehren können – – entgegnete Dunstan trocken – – dann bleibt es eben beim Alten, und Ihr seid verloren. Nur das Ungewöhnliche kann noch retten. Das weiß der Kaiser jetzt, und da er's von Rom erfahren, so wird er's morgen ins Werk setzen. Mit dieser Freilassung übrigens beginnt er ja heute schon, und Ihr werdet gut thun, es noch in der Nacht draußen die Oesterreicher wissen zu lassen, welche unter den Belagerern sind. Die Wirkung wird nicht ausbleiben.

Eggenberg unterschrieb. –

Dunstan und Gangelberger gingen. Unten am Brunnen harrte ihrer, tief in den Mantel gehüllt, Herr Tocke. – Dieser folgte ihnen; er wollte erhorchen, was geschehen und was man vorhabe. Dunstan und Gangelberger aber schwiegen auffallender Weise. Gangelberger ahnte, daß die Sache nicht ganz richtig sei, wollte aber nicht fragen. Das unterschriebene Blanquet stellte ja sein Amt und sein Gewissen sicher, und dem Junker wollte er nicht schaden. Neue, zweifelvolle Notizen konnten in solcher Lage nur Unheil bringen, denn sie konnten von seinem Gewissen Aufschub verlangen.

An dem Eingange zur Herrengasse blieb Dunstan unerwartet stehen, nahm das Urtel aus seiner Kutte, riß es in kleine Stücke, welche der Wind entführte, und sprach: – Bringt den Junker, Herr Rath, sogleich zu Harrach's Hause! Ich lasse mein Maulthier satteln und geleite ihn hinaus über Hernals. Ja?

– Auf der Stelle. Ihr sollt ja aber bis Sonnenaufgang –?

– Bis dahin ist noch eine Reihe von Stunden, welche für den Junker benützt werden müssen. Abgemacht?

– Abgemacht!

Gangelberger ging den Kohlenmarkt hinab, Dunstan die Herrengasse, an dem langsam schreitenden Tocke vorüber. Denn dieser hatte im Vorübergehen verstanden, daß Hernals das nächste Ziel sei. Wenn das Thor wirklich geöffnet würde, so wollte er mit hinaus. Der letzte Punkt der Verhinderung war ja gerade Hernals, wo Dampierre'sche Reiter lagen.

Dunstan, sonst so bestimmt in seinen Entschlüssen, war jetzt unentschlossen. Sollte er zum Kaiser zurückkehren, oder nicht? Er glaubte nicht an die neue Wendung in Rom, er glaubte nicht an die neue Wendung des Kaisers. Sie schien ihm gegen die Natur, hier wie dort. In einigen Tagen konnte authentische Botschaft von Rom kommen, morgen Vormittag schon hatte das Jesuitenhaupt Audienz. Sollte er für einige Tage halber Wirkung –? Aber auch einige Tage neuer Wirkung konnten von Einfluß sein auf den großen Kampf! Nein! Dieser Ferdinand thut keinen Schritt, bis der Papst direct befiehlt. Nein! schloß Dunstan ab, du kehrst nicht zum Kaiser zurück, du gehst von dannen mit Hans, bestellst dein Haus in der Schottenabtei, ordnest oben mit Tschirill und Golling, der nun unterrichtet werden muß, die stückweise Uebersiedelung des Schatzes an einen sichern Ort jenseits der Grenze, und nimmst draußen Zdenkos Werk der einfachen Kirche auf, wie wenig Du auch dafür hoffen magst.

Also denkend ging er an den wirklich schon harrenden Pferden bei Harrach's Hause vorüber in die Schotten-Abtei.

Gangelberger machte im Schrannenhause wenig Umstände. Ihm schwante davon, daß sich die ganze Befreiung auf einer morschen Brücke über einen tiefen und reißenden Strom bewege. Leise auftreten, eilig gehen! war seine Losung. Er sagte Hans kaum frei heraus, daß die Gefangenschaft zu Ende gehe, er trieb ihn nur an, sich fertig zu machen und ihm zu folgen nach dem Harrach'schen Hause. Pudel erfuhr gar nichts, und sah unangenehm verblüfft darein, als der Junker ohne sein Zuthun hinaus geführt wurde. An gewissen Kleinigkeiten, welche der Junker sonst bei Ausgängen mit dem Rathe nicht zu sich gesteckt, meinte Pudel zu erkennen, daß der diesmalige Ausgang nicht geheuer sei, und daß des Junkers Rettung am Ende nicht mehr von ihm abhängen könne. Bittere Verachtung der Menschen erhob sich in seiner Seele, und als er die eiserne Thür zuschlug, vielleicht zum letzten Male hinter diesem »gebülldeten« Junker zuschlug, da stieß er eine Verwünschung aus gegen die Menschheit, gegen diese thörichte Menschheit, welche hartnäckig bezweifeln wolle, daß ein Pudel und ein Natzi nicht ebenso gut eine Herrschaft verwalten könnten, wie ein unsauberes Gefängniß. Pfui! war sein letztes Wort, trotz der Handvoll Goldstücke, die er unverdient eingesäckelt hatte vor wenig Stunden.

Als Gangelberger und Hans vor die Harrach'schen Häuser kamen, war Dunstan mit seinem Maulthier noch nicht da, und Gangelberger mußte Hansens Verlangen weichen, einen Augenblick dort einzutreten. Vielleicht wachte Fräulein Isabella noch, und er wollte so gern von ihr Abschied nehmen, von dieser guten, liebevollen Freundin! – Harrach kam ihnen schon auf der Treppe entgegen. Er war, wie Gangelberger, gegen jeden Verzug. Und es wäre auch besser, sprach er, Ihr trätet gar nicht ein ins Hernalser Schloß. Es ist voll von Dampierre'schen Panzerreitern, welche man giftig aufgestachelt hat. Heute Nacht zudem werden sie auf den Beinen sein, denn man fürchtet einen Ueberfall der Bethlen'schen Horden. Bethlen will die Einschließung der Stadt vollenden und auch von dieser Seite bis an die Donau dringen. Es ist von den Unserigen Alles in Bewegung, und Ihr findet das Schottenthor offen, weil Boucquoi die Straße nach Nußdorf hinaus besetzt hat. Am besten ist, Ihr schickt nur meinen Reitknecht ins Schloß hinein zur Jörger. Sie weiß durch meine Tochter, daß ihr vielleicht kommt. Selbst zur Abreise gerüstet will sie auf Euch warten. Mit ihr links nach Hütteldorf hinüber kommt Ihr am raschesten aus dem Bereich unserer Truppen und unter österreichische Kriegsleute, denn an der Reichsstraße hinauf lagern Fähnlein von den Hornern.

Da wurde die Ankunft Dunstans gemeldet. Harrach eilte vors Haus, um diesem der Gegend genau Kundigen ähnliche Mittheilungen zu machen. Hans aber flog die Treppe aufwärts, denn da oben erschien Isabella und winkte ihm den Abschied zu mit beiden Armen. Ein rückwärts stehendes Licht zeichnete die volle, schöne Gestalt in eine dämmervolle Beleuchtung. Ihr Auge war wol auch diesmal feucht, aber es war eine Freudenthräne. Dieses wahrhaft liebende Mädchen freute sich innig, den Freund errettet zu sehen. Sie wußte es wohl, daß er vielleicht auf Nimmerwiedersehen für sie von dannen ging; sie wußte es wohl, daß der unklare Traum einer Möglichkeit – nun völlig verfliegen müsse. Aber sie gehörte zu jenen weiblichen Engeln, welche zuletzt an sich selbst denken. Thörichter Junker! dem Gefühl, welches dich jetzt anweht aus dem Handkusse dieses Mädchens, solltest du dich hingeben! Dies Mädchen beglückt wie eine Gabe des Himmels, und ihr Besitz liegt dir näher als der Ludmillas! denn diese Isabella ist so einfach und einig in sich, daß sie für eine gegenseitige Liebe Alles, Alles opfert. Sie tritt vor ihren Vater hin, der sie bis zur Schwäche liebt, und sagt ihm mit rührender Wahrhaftigkeit: Dort ist mein Glück. Sie sagt Waldstein sanft und ruhig dasselbe, und der stolze Mann ist nicht angethan dies zu überhören. Dies Alles ist seit Wochen, seit Monden in ihren Träumen dagewesen, aber sie hat es sich im Wachen nie ausgesprochen, sie spricht es niemals vor sich selber aus, wenn nicht deine Stimme die ihrige weckt. Sie ist eine Blume, welche nur im Sonnenstrahl sich aufschließt; im Dunklen bleiben ihre Blätter fest verschlossen immerdar. Dein Herz, dein Auge, dein Mund besitzen diesen Sonnenstrahl für sie! Du weißt es nur nicht. Jetzt, indem du ihr so treu und warm ins Auge siehst, indem ihre Abschiedswehmuth wie linde Luft in dein Inneres fächelt, jetzt bist du nahe daran es zu erfahren; verweile nur noch einige Minuten, und es entfaltet sich Alles, was dein Charakter braucht zu einem dauerhaften Lebensglück –!

Kommt, Junker, kommt! rief unten von der Hausthür eine Stimme, und – die aufdämmernde neue Welt versank ihm. Er drückte ihr rasch und herzlich beide Hände und flog hinab. Sie sah ihm liebevoll nach von oben. Ohne irgend eine Reue, ohne irgend eine Enttäuschung. Ihre Güte des Herzens wußte ja nicht, daß noch etwas Anderes zu wünschen sei, als seine Errettung und sein Glück!

– Auf Wiedersehen in einer bessern Zeit! sagte Gangelberger, und umarmte den Junker stark und herzhaft. – Dank für Alles! flüsterte Hans, und nachdem er auch dem so gütigen Harrach die Hand geschüttelt, schwang er sich aufs Pferd und ritt mit Dunstan in die Schottengasse hinein.

Das Thor war wirklich offen. Es war's auch für Herrn Tocke gewesen, der längst hinaus war. Innen und außen Kriegsleute. Aber sie kümmerten sich nicht um den durchreitenden Hans und Dunstan. –

Endlich waren sie außen. Hans holte tiefen Athem. Es stand vor ihm, wie er in warmer Sonnengluth damals auf den Mehlsäcken hier eingefahren war. Jetzt stürmte der schneidende Wiener Wind, aber der jugendliche Körper des Junkers erfreute sich dieser schneidenden Frische.

– Wir thun besser, sprach Dunstan, als sie an die Luken kamen, wenn wir gar nicht einkehren in Hernals, sondern unverweilt hinauf reiten in den Wald,

– Aber Frau Amalie wartet!

– Wenn auch.

– Sie will endlich selber fort, wahrscheinlich muß sie, und kann unterwegs meines Schutzes bedürfen.

– Sei froh, wenn Du Dich selbst hinreichend beschützen kannst. In einer halben Stunde ist sie ja bei den Vorposten ihrer Partei.

– Aber, Freund Dunstan, geben wir denn Alles auf, was uns Vater Zdenko auf die Seele gebunden? Frau Amalie ist ja doch ein Mittelpunkt für unsere Vorbereitungen und Verbindungen zu unserer einfachen Kirche. Müssen wir nicht Verabredung mit ihr treffen? In der Verwirrung dieses Sommers wird unser Concilium in Prag unausgeführt geblieben sein. Wollen und müssen wir nicht die Fäden wieder aufnehmen, und ist dazu nicht Frau Amalie von größter Wichtigkeit?

– Das ist freilich wahr. Nun denn, meinethalben! Aber beeilen wir uns, und seien wir vorsichtig! Ich will allein in den Schloßhof hinein; meine Kutte wird respectirt von den aufgehetzten Reitern. Bleib Du außen. Die Jörger soll fertig sein zur Abfahrt, kann also bald heraus kommen. Eben so Dein Reitknecht, der sich Deine Pferde hat wegnehmen lassen, also nichts mehr zu thun hat.

So wurde es ausgeführt. Hans ritt mit seinem Harrachschen Reitknecht seitwärts, um hinter dem Gartenwalle zu warten; Dunstan ritt in den Schloßhof hinein. Dieser war angefüllt mit gesattelten Rossen; die Reiter selbst standen in Gruppen umher und empfingen Dunstan erst mit erstauntem, dann mit drohendem Zurufe: »Wo ist der Ketzer? Wo ist der verrätherische Ketzer?« war die Formel, in welcher die Zurufe sich nach und nach vereinigten. Dunstan antwortete zunächst nicht, sondern machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, welche von einigen wie ein Zeichen geistlichen Segens aufgefaßt wurde und theilweise Ruhe hervorbrachte. Dann rief Dunstan mit lauter Stimme nach Spath, dem Gärtner. Diejenigen, welche die Handbewegung als Segen aufgenommen, wiederholten den Ruf, und einer schrie unmittelbar in den Haupteingang des Schlosses hinein: Spath! Spath!

Spath erschien in der Hausthür, und als er im Mondscheine den Herrn Pater erkannt, rief er einen Diener, welcher das Maulthier halten sollte. Den Pater selbst führte er zur gnädigen Frau hinauf. Unterwegs erzählte er ihm schnell und leise, was der drohende Ruf zu bedeuten habe. Wir wissen selbst nicht, was eigentlich vorgegangen, sagte er, – vor etwa einer Viertelstunde kam ein Bekannter des Herrn Candidaten Götzinger, und fragte nach diesem. Es wurde ihm gesagt, daß der Herr Candidat mit dem gnädigen Herrn fortgereist sei, und darauf ging der kleine Mann wieder. Es dauerte aber gar nicht lange, so entstand Spectakel unter den Reitern. Der sächsische Junker, der Ketzer, der das Stubenthor damals von innen gesprengt, komme hier heraus; er sei entwischt und wolle nach dem Walde hinüber. Ein Reiter saß gleich auf, um die Kriegsleute, die in Dornbach stehen, an den Weg zu sprengen. Die andern schrieen immer grimmiger durcheinander. Ein Mönch von den Schotten entführe den Ketzer. Dieser Mönch wolle ein österreichischer Luther werden; man sollte ihn beim Kragen nehmen. –

– So, so? entgegnete Dunstan oben auf dem Vorsaale – – ist's wahr, daß die gnädige Frau zur Abreise gerüstet ist?

– Alles ist fertig; die Pferde brauchen nur angespannt zu werden!

– Und des Junkers Reitknecht?

– Steckt hinten bei mir im Backstübel. Er darf sich nicht sehen lassen; er hat geschimpft, und die Reiter haben ihm das Lutherthum abgemerkt.

– Er soll hinaus auf den Weg nach Hütteldorf, und auf den Wagen der gnädigen Frau warten. Die wird ihn mitnehmen. Werden die Reiter den Wagen und die gnädige Frau fortlassen?

– Ich denk' wol!

– So lass' anspannen und vorfahren, und schleich' hinten auf den Gartenwall. Unter ihm hält der Junker. Führ' ihn hinüber auf den Hütteldorfer Weg zu seinem Reitknecht. Von dort soll er – ich lass' es ihm nachdrücklich sagen – mit der gnädigen Frau auf der Stelle fort!

– Aber Ihr selber, würdiger –

– Sie sollen auf mich ja nicht warten. Wenigstens nicht eher als in Purkersdorf, wo sie sicher sind. Ich komme schon nach, der österreichische Luther wird doch mit einem Haufen von Kriegsknechten fertig werden. – Und noch Eins! Würde es ärger, als ich denke, und müßte ich wieder nach Wien hinein, so sage oben dem Tschirill, daß er getreulich aushalten solle, bis ich oder der Junker Hans käme. Jetzt geh' mit Gott!

Spath ging und besorgte Alles richtig. Nur noch praktischer. Er nahm Tartsch gleich mit zu seinem Herrn, damit er sie zusammen hinüberführen könne, wo der Hütteldorfer Weg durch eine Grube ging und man von fern auch einen Reiter nicht entdecken konnte. Hans widersprach zwar Anfangs; er wollte den Pater Dunstan nicht allein lassen, aber Spath erwiderte: der würdige Herr hat » nachdrücklich« gesagt!

So ging's denn hinüber unter den Aeußerungen der Unzufriedenheit, welche Tartsch nicht unterdrücken konnte darüber, daß die braven Pferde zum Teufel gegangen und er selbst dabei die schönsten Prügel bekommen. –

– Hast Du das Geld noch?

– Das freilich!

Sie kamen ungefährdet über geackertes Feld auf den Weg in der Grube, und Hans ahnte nicht, wie gefährdet Dunstan sei; denn der gescheidte Spath hatte ihm nicht Alles gesagt.

Als Dunstan mit Frau Amalie in den Hof kam, hatten die Reiter einen Schluß gefaßt. Sie ließen die Frau aufsteigen und fortfahren, als aber der Pater auf seinem Maulthier ihr folgen wollte, hielten sie das Thier am Zügel fest und erklärten: er müsse den Ketzer schaffen; er wisse, wo er sei.

Pater Dunstan erhob seinen Sinn und seine Stimme zu ganzer Kraft, und predigte in sie hinein, daß sie wirklich einen Augenblick betroffen abstanden. Da rief aber Einer von der Mauer herüber – Herr Tocke hatte es ihm aus einem Fenster soufflirt –: Grade so hat der Doctor Luther gepredigt! der verstand's gerade so. Laßt den österreichischen Luther nicht aus! Bringt ihn nach Wien zu den frommen Jesuitern!

Dies wurde das Losungswort. Vier Reiter stiegen auf ihre Pferde, nahmen den Pater in ihre Mitte, und: Vorwärts! schrieen alle, nach Wien zu den Jesuitern!

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