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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil. - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 3. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1879
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20.

Der etwas verschleiert gewesene Septembertag neigte sich zum Abende. Durch die warme Luft fächelte ein kühler Hauch, und dieser spielte erquickend durch das offene Fenster, an welchem Junker Hans seit Stunden saß. Er saß nicht da, um zwischen den Eisenstangen auf den jetzt stillen, leeren Marktplatz hinabzublicken, ach nein, in Trauer und Weh befangen sah er nur in sich hinein und wurde es nicht gewahr, daß die Dämmerung wie ein dichter und dichter werdender Schleier niedersank. Er wurde auch nicht gewahr, daß es dumpf durch die Luft klang wie von Kanonenschüssen, die auf den Basteien gelöst wurden, daß alle Glocken läuteten, und daß ein dumpfes Geräusch von Tritten und Stimmen dem Marktplatze immer näher rückte – Fackelschein und Trompetenschmettern waren nöthig, ihn lebendig zu machen für die Außenwelt.

Eine Volksmenge hatte den Marktplatz angefüllt; aus dieser Volksmenge ragten bunte Reiter hervor, bunt in mittelalterlicher Heroldstracht; diese bliesen Trompetenfanfaren und waren umgeben von Fackelträgern, und aus ihrer Mitte rief ein vorzugsweise reich geschmückter Herold in den stillen Abend eine kurze Rede hinaus. Ein Zujauchzen der begleitenden Volksmenge schloß sich an das Ende der Rede, und Reiter wie Volk, welche aus den Tuchlauben hervorgekommen sein mochten, bewegten sich weiter nach dem »lichten Stege« zu, nach dem untern Ende des Marktes. Dort hielten Fackeln, Reiter und Volk wieder still, die Trompetenfanfare erhob sich wieder, und der Ausruf ebenfalls. Jetzt erst horchte Hans, ob er die Worte verstehen könne – »Vivat Ferdinandus!« verstand er deutlich – »erwählter römisch-deutscher Kaiser!« verstand er weniger deutlich, aber ergänzte sich die fehlenden Sylben. Tageshell stand es mit einem Male vor ihm: Ferdinand ist zu Frankfurt erwählt, Ferdinand ist deutscher Kaiser!

Ebenso klar standen jetzt die letzten Worte Gangelberger's, unter denen er vorhin geschieden war, vor seinem Verstande: »Was auch geschehen soll, es soll Euch nicht unvorbereitet treffen«. – Sie bedeuten, sagte er sich jetzt, daß mit Entscheidung der Kaiserwahl die strengen Gewalten in Wien die Zügel wieder straff aufnehmen und ohne längeres Zögern die gefangenen Hochverräther in den Tod senden werden. – Sei es denn! Tod ist nun einmal die Losung. Vater Zdenko, so folg' ich Dir unmittelbar in eine Welt, die wir nicht kennen, und für welche unsere kindliche Phantasie uns mit persönlicher Wiederbegegnung schmeichelt! –

Nicht also philosophisch faßten die drei andern Hochverräther unter ihm, die im Dunkel der »Saugrube« hausten, diese Ausrufung des Kaisers auf. Denn auch zu ihnen drang sie. Sie hörten ferne Trompeten, sie hörten Lärm der Volksmenge, welche auch durch das Landskrongassel drängte, um den Reitern unten voraus zu kommen, sie hörten aus dieser Volksmenge einzelne Rufe: »Vivat Kaiser Ferdinandus!« und zum Ueberflusse hörten sie auch noch Pudel's Zuruf durchs Guckloch: »Der König ist zum Kaiser erwählt!«

Keinem von ihnen war zweifelhaft, was das für sie zu bedeuten habe. Nur noch eine Nacht leben, wenn's heute Abend nicht glückt – sagte Raschmacher Urban halblaut, und Conrad knüpfte einen grimmigen Fluch daran mit der seelenkundigen Bemerkung: welcher Satan steht nun dafür, daß sich Pudel nicht bei dem allgemeinen »Jux« auf der Stelle besauft, und das Examen seines trottlichen Buben vergißt?

Nur Pfeifer, der Schuster, fand einen höheren Standpunkt für die Situation. Er murmelte vor sich hin: Ehrwürdiger Odontius, wie hattest du Recht, der Antichrist werde über unsere Leiber und Köpfe hinwegreiten mit feurigen Hufen, wenn wir länger zögerten!

– Halt's Maul, Schuster, mit Deinen Dummheiten! Ein neuer Plan muß ausgeheckt werden, wenn sich der Kerl draußen wirklich besauft und den Schafskopf nicht »eini« bringt! – brummte Conrad.

Der Ton, in welchem diese drei Helden miteinander verkehrten, war überhaupt durch die vierteljährige Gefangenschaft ein sehr herber geworden. Drei Menschen, eng zusammengedrängt und nur auf sich angewiesen, pflegen mehr und mehr auseinander zu gehen statt sich zu nähern. Liebe und Freundschaft brauchen Freiheit der Wahl zu ihrer glücklichen Entstehung. Und nun gar Leute ohne Bildung! Sie gerathen in solcher Enge neben einander sehr bald in den wildesten Naturzustand, und werden Bestie neben Bestie. Der furchtbarste Stachel dazu ist die Langeweile. Diese wird um so empfindlicher, je weniger innere Quellen von Wissenschaft und Gedanken dem Eingekerkerten zu Gebote stehen.

In diesem Betrachte war der Schuster Pfeifer noch am glücklichsten daran. Er war ein träumender Denker geworden, oder ein denkender Träumer. Wahrscheinlich war es ein fehlerhafter Kreis, in welchem sich sein Denken bewegte, aber es bewegte sich ohne Stockung, und deshalb langweilte er sich am wenigsten. Zum Aerger der beiden Andern. Sie hielten ihn für einen dummen Kerl und fanden es sehr abgeschmackt, daß ein solcher Schwachkopf die Einsamkeit und Unterhaltungslosigkeit mit so viel Fassung ertrug. Nicht nur abgeschmackt, beleidigend fanden sie es und rächten sich dafür. Conrad wie Urban mißhandelten den Schuster durchweg, und thaten dies allmälig zu ihrer eigenen Unterhaltung. Neid kam hinzu: der »Kerl« konnte sein Handwerk ausüben, er »schusterte« den ganzen Tag, er verpflichtete sich dadurch den Pudel, ja Pudel trug aus der Nachbarschaft schadhafte Fußbekleidung zusammen, und Pfeifer erwarb kleine Einnahmen, an denen ihn Pudel betrügen konnte. Dadurch stieg Pfeifer in Schätzung. Pudel hielt ihn noch werther, und kleine Entschädigungen fielen für die »Saugrube« ab. Diese Entschädigungen an Speise und Trank kamen allen Dreien zu Gute; denn Pfeifer war darin idealisch anspruchslos, und gerade dadurch steigerte er nur die Erbitterung der andern Beiden. Wer läßt sich denn gern beschenken von Jemand, den man verachten zu dürfen glaubt!

Oh! rief oder richtiger schrie Conrad zuweilen, ein Hundeleben muß ja himmlisch sein gegen das Leben in dieser »Saugrube«!

Auf solcher Grundlage saßen jetzt die drei Candidaten des Galgens, um die wahrscheinlich nöthig werdende Umarbeitung ihres Planes zu berathen.

Es war ganz dunkel in dem gewölbten Raume, welchen in der Mitte die steinerne Säule stützte. Feuerzeug durften sie nicht haben; sie waren also auf Pudel's guten Willen angewiesen. Der fehlte heute, oder es fehlte ihm wenigstens das Gedächtniß. Die äußerliche Zerstreuung ließ ihn nicht dazu kommen, ihnen wie herkömmlich die Lampe ans Guckloch hinzuhalten, damit sie an der Flamme derselben ihren Holzspließ anzünden und an der Säule aufstecken konnten.

An dieser Säule auf dem steinernen Fußboden pflegte Conrad zu sitzen und seine Nichtswürdigkeiten auszulassen gegen die beiden Kameraden. Denn er war voller Zorn gegen sein Schicksal, und zu seiner Erleichterung ließ er diesen Zorn alle Tage, und besonders gegen Abend, ausströmen gegen die zwei menschlichen Wesen, welche er erreichen konnte, und welche die Geißelhiebe seiner Zunge empfanden und verstanden. Freiheit, wilde Freiheit war das Grundelement seines Protestantismus; wie abscheulich mußte er leiden im engen Gefängnisse! Er ahnte etwas von der wunderbaren Ruhe, welche durch stillen Fanatismus dem Schuster da drüben im Winkel bescheert war, und diese wie Genügsamkeit aussehende Ruhe beneidete er dem »Tropfe«. Es war ihm eine Genugthuung, diese Ruhe des Tropfes zu stören, oder wenn es möglich wäre, zu zerstören. Das war nicht leicht. Schuster Pfeifer war gleichsam mit einer Hornhaut überzogen. Conrad mochte noch so arg mit der Zunge stechen, Pfeifer zuckte nicht, und auch wenn Conrad aufsprang und den Schuster mit körperlicher Mißhandlung bedrohte, der Schuster zuckte nicht. Dieser Pfeifer hatte nicht Kind noch Kegel daheim in seiner Werkstatt, und für seinen persönlichen Leib fürchtete er nichts auf dieser sündigen Welt. Die Lehre von der Erbsünde hatte er dergestalt in sich aufgenommen, daß sie ihm eben die Hornhaut bildete, welche ihn gleichgültig machte gegen alle Stöße, Schläge und Stiche. Sein Leib und Leben war ihm das Haus der Sünde, welches doch zerschlagen werden mußte, um die Seele frei zu machen für den Aufschwung nach oben. Schlag zu! – pflegte er gleichmüthig zu sagen, wenn Conrad über ihn herfallen wollte – schlag zu, und triff gut. Der Geist in mir freut sich darob. Du bist nichts als ein gemeines Werkzeug, für weiter nichts zu gebrauchen, als für Zerstörung. Dein evangelischer Glaube ist Rauch ohne Feuerherd, denn Deine Seele ist leer, Eitelkeit und Weltlichkeit blasen sie auf wie einen Schlauch. Ueber kurz oder lang zerplatzt der Schlauch, und da fällt das Leder zu Boden, der Verwesung anheimgegeben.

Wunderlich genug entwaffnete Pfeifer mit solcher Ruhe und solchen Worten jedesmal den Bart-Conrad. Es graute dem jetzt wieder vollbärtigen Losensteiner vor diesem buckligen Schuster mit den unheimlichen Augen und mit dem zahnlosen Munde, aus welchem Worte herauskollerten wie steinerne Kegelkugeln.

Zur Entschädigung pflegte sich Conrad alsdann gegen den Raschmacher zu wenden. Dieser wußte das, und hatte sich durch die Wahl seines Aufenthaltes zu decken gesucht. Im andern Winkel unweit der Thüre hatte er seinen Schemel neben dem Ofen. Der Ofen stand frei, und um ihn herum konnte er geschickt entweichen, wenn das Ungethüm heranstürmte, um ihn zu fassen. – Angenehm waren diese Scenen dem Raschmacher durchaus nicht, aber er konnte es doch nicht lassen, sie immer wieder herbeiführen zu helfen. Er war nämlich eine malitiöse Natur und mochte die Schadenfreude nicht entbehren, wenn er dem Conrad nachweisen konnte, daß er ein unkundiger Lärmmacher sei, der von Entstehung, Wesen und Ziel der protestantischen Lehre gar nichts wisse. Urban hatte eine gewisse Bildung. Seine Ehehälfte war eine trockene Schulmeisterstochter, die ihm zwar keine Kinder, die ihm aber Bücher ins Haus gebracht hatte. In diesen Büchern hatte das Raschmacherpaar an Sonn- und Feiertagen studirt, und da Urban ein scharfer Kopf war und dazu ein ehrgeiziger, begehrlicher Kopf, so hatte er sich eine Art System zusammengeschichtet, welchem er nachtrachtete. Es war dies viel mehr ein gesellschaftliches System als ein religiöses. Der Bauernkrieg war sein Hauptstudium geworden. Er tadelte Luther's Verfahren gegen die aufständischen Bauern, und er hoffte, die Grundsätze des »Bundschuhs« würden in einem neuen Religionskriege wieder zum Vorschein kommen. Den Cavalieren sollte die Herrschaft abgenommen werden! Das war sein weltliches Credo; sein geistliches Credo war eine nüchterne Vernünftigkeit, die so wenig als möglich Glaubensartikel mochte. In manchem Betracht war er seit Jahren Unterrichtsquelle für Conrad gewesen am Schenktische im »weißen Löwen«, und er konnte deshalb auch im Gefängnisse nicht abstehen davon, dem plumpen Schüler die geistige Ueberlegenheit fühlen zu lassen, wenn sie ihn auch geradezu in Lebensgefahr brachte. Denn Conrads Zorn war so brutal, daß auch das Aergste zu befürchten stand, wenn er durch Urbans malitiösen Grimm gereizt wurde. –

Und Urban, ebenfalls voll Gift und Galle über die Gefangenschaft, reizte ihn selbst an diesem Abende, welcher so sehr ihrer vollen Einigkeit bedurft hätte. Das wüste Raisonniren des Losensteiners ärgerte ihn, und mit Recht rief er ihm zu: er solle sein Maul halten, damit leise und vernünftig geprüft werden könne, wie Pudel herein zu locken sei, wenn er das Examen seines Buben wirklich vergesse. Sein Maul spreche ja doch nur aus einem leeren Kopfe; heut Abend aber brauche man einen »findigen« Kopf!

Kaum hatte er dies gesagt, so wurde er gewahr, trotz der Dunkelheit, daß Conrad an der Säule aufsprang und dem Ofenwinkel zustürzte, um ihn zu »beuteln«. Er entwich hinter dem Ofen herum und schlüpfte hinüber in Pfeifer's Winkel, wohl berechnend, daß der Schuster die Wirthschaft ausbaden könne. Denn Pfeifer wich nie von seinem Schemel, und wenn er Conrad unter die Hände kam, so war immer viel gewonnen. Das Gewitter entlud sich doch, wenn auch an falscher Stelle –

Diese herkömmliche häusliche Scene in der Saugrube wurde aber so gegen alle Erwartung unterbrochen, daß selbst Conrad seinen Zorn vergaß und stille stand – die Thür öffnete sich, und mit voller Beleuchtung erschien Pudel und sein Sohn.

Er brachte ihn wirklich zum Examen; der ersehnte Moment war da.

Ein Blick, ausgetauscht zwischen den funkelnden Augen Conrads und Urbans, bekundete Waffenstillstand und Allianz für den gemeinschaftlichen Zweck. Der zweite Blick Beider flog zum Schuster hinüber und barg die Frage, ob der Schuster helfen werde. Pfeifer sah gleichgültig von seinem kleinen Schemel herüber, aber es schien doch, als ob ein verächtliches Zucken mit dem Buckel sagen wolle: Meinethalben!

So ordnete sich denn Alles für die Prüfung Natzis. Natzi mußte sich an den Tisch setzen; Vater Pudel setzte sich ihm zur Seite und bewaffnete sich mit einem handtellergroßen Brennglase, welches ihm als Vergrößerungsglas dienen sollte für die schriftlichen Leistungen seines Einzigen. Zur andern Seite Natzis – dem übrigens nicht recht wohl war bei dieser Feierlichkeit – stand Urban, der Lehrer. Er stand, damit er freier bliebe für die raschen Leibesbewegungen, welche bald eintreten sollten.

Conrad stellte sich hinter diese drei Hauptpersonen, um – wie er sagte – die schmucken Buchstaben des zukünftigen Kanzelisten Ignaz Pudel in ihrer ersten Geburt zu bewundern. Solche Schmeichelei entwaffnete den Vater Pudel. Es war ihm sonst nicht recht, den »ungeschlachten« Obderennser im Rücken hinter sich zu haben. Auch in vertraulichen Stunden traute er dem rohen Conrad nie vollständig, und er hatte eben das Brennglas abgesetzt und sich unruhig herumgewendet. Die obige Aeußerung Conrads aber hatte ihn betäubt. Sie klang »hochdeitsch«, wie er sagte, und wenn Conrad »hochdeitsch« spräche, meinte er, da mache er gleich einen viel »ödleren« Eindruck. Pudel erhob also das Brennglas wieder vor das eine Auge, und quetschte das andere zu, wodurch seine durch Kalbsaugen entstellte Physiognomie vortheilhaft verändert wurde.

Das Papier vor Natzi war noch immer weiß, und Vater Pudel rückte den schmutzigen Leuchter, welchen er mitgebracht, mit seiner Rechten näher, um den Anfang der Operation vollständig zu begünstigen. Davon nahm Conrad Veranlassung zu einer diplomatischen Frage: Ihr habt doch – sagte er – dem Gardisten draußen ein Licht gelassen, Herr Amtsdiener?

– Bitte! entgegnete Pudel, wäre vom »Iberfluß« – hat »häute« Feierabend, der Gardist, von wegen der Kaiserwahl.

Dies nur wollte Conrad wissen. Draußen war nun also gar kein Widerstand zu besorgen. Wenn Pudel und Natzi unmächtig gemacht waren, dann blieben nur die Thüren übrig. Auch die Thür der Saugrube war verschlossen, Pudel hatte dies nicht unterlassen und hatte den Schlüssel in die rechte Tasche seiner Hose gesteckt. Der Schlüssel zur eisernen Hausthür hing in Pudel's Stube hinter einem Schrein, das wußte Conrad und Urban.

Die wohlbedachte Action konnte nun also beginnen. Stricke, welche dazu nöthig waren, hatte Jobst durch den Fensterspalt eingeliefert. Sie lagen unter dem Schustertischchen Pfeifer's, bedeckt mit Leder und altem Schuhwerke.

Conrad schaute rückwärts hinüber zum Schusterwinkel, ob auch Pfeifer nicht etwa – er traute dem Schuster durchaus nicht, er hielt ihn für verrückt, und es schien ihm gar wohl möglich, daß er im entscheidenden Augenblicke auf Pudel's Seite treten könnte.

Pfeifer's Haltung klärte ihn auch jetzt nicht darüber auf: er saß mit verschränkten Armen und vorgebeugtem Oberkörper da, als hätte er einige Kreuzer Eintrittsgeld bezahlt, um ein Schauspiel anzusehen, welches ihn mittelmäßig unterhielte, aber persönlich gar nichts anginge.

Conrad winkte ihm mit Auge und Hand, die Stricke hervorzuziehen unter dem Leder und ihm zu reichen, damit Conrads Weggehen dem Pudel nicht etwa auffalle – umsonst! Schuster Pfeifer nahm gar keine Notiz von diesen Winken, ja er erhob plötzlich seine Stimme und fing an, ein evangelisches Kirchenlied zu singen. Conrad und Urban kochten vor Ingrimm. Solcher Kirchengesang war das Einzige, wogegen Pudel ein ausgesprochenes Vorurtheil hatte. Alles ließ er sich gefallen an den Ketzern, aber dies Geschrei in der Kirche – denn sie singen »follsch«, behauptete er – sei roh und gemein. Natürlich stand zu erwarten, daß er jetzt durch Pfeifer's Herausforderung aus seiner Position auffahren würde, welche doch für die vorbedachte Handlung vortrefflich war –

– Bravo, Natzi, bravo! rief mit Geistesgegenwart Urban zum ersten Federstrich, welchen Natzi in Verzweiflung gemacht hatte und von welchem kein Mensch absehen konnte, ob er zum Anfange eines Buchstabens benützbar sei, – bravo! so beginnt man das Ypsilon in der Kanzleischrift.

– Das Ypsilon? lallte Pudel, welchem gerade dieser Buchstabe weniger geläufig und in der gemeinen Praxis wol gar entbehrlich schien, und dieser geschickt erweckte Gedankengang brachte ihn über Pfeifer's Störung hinweg.

Nun war aber nicht mehr zu säumen. Im Nothfalle mußte eben der nichtswürdige Schuster, wenn er's noch weiter trieb, ebenfalls gebunden werden! Conrad ging resolut hinüber zum Schusterwinkel, um selbst die Stricke hervorzuziehen – da klang der Hammer an der eisernen Hausthür! Fest und laut. Einmal, zweimal, dreimal! – Alles in der Saugrube war still und unbeweglich geworden; jetzt fuhr Pudel in die Höhe! Er kannte dieses Klopfen genau. So klopfte der für ihn wichtigste Mann: der kaiserliche Herr Rath Gangelberger.

Die unangenehmste Ueberraschung für Pudel! In solcher vorschriftswidrigen Lage! Was nun geschwind thun? Natzi mit hinausnehmen, oder einsperren? Urban und Conrad, zum Aeußersten gefaßte Leute, waren fürs Einsperren. Denn alsdann mußte Pudel wiederkommen. Sie drängten den Alten, so weit es anging, hinaus. Natzi werde unterdeß schreiben, und wenn der Papa wiederkäme, sei schon eine Seite fertig zur Prüfung – eilt nur, eilt, der gestrenge Herr klopft schon wieder!

Pudel folgte diesem Drängen und ließ seinen Natzi zurück.

Rath Gangelberger schien sehr eilig zu sein: Pudel sollte ihm auf der Stelle folgen und Nummer Drei öffnen, alsdann aber warten; der gefangene Junker werde sogleich mit ihm, dem Rathe, das Schrannenhause wiederum auf einige Stunden verlassen.

– Auf, junger Freund – rief Gangelberger dem Junker zu, den er im Finstern fand – auf! Aber warum habt Ihr kein Licht?

– Der Wärter hat mich vergessen, und ich hab' es nicht vermißt.

Gangelberger mußte sehr voreingenommen sein, um diese Sorglosigkeit ungerügt zu lassen. Er ließ sie ungerügt, öffnete selbst die Thür, um Lichtschimmer vom Gange ins Zimmer zu lassen, damit Hans Hut und Handschuhe fände, und führte den Junker hinab, ohne ein weiteres Wort an Pudel zu richten.

Auf der Straße erst erzählte er Hans, was er seit Nachmittag vorgenommen, was sich ereignet, was er erreicht habe. Ich habe eine Unterredung mit Eggenberg nachgesucht, um diesem getreulich Bericht abzustatten über Alles, was ich gewagt. Nach einer Stunde, hieß es, werde er für mich zu sprechen sein. Diese Stunde verwendete ich auf Harrach, den ich in seiner Wohnung traf. Er kam meinen Absichten entgegen, wie es schien, durch ein Schreiben angeregt, welches er eben von Waldstein erhalten hatte. Diese Absichten betreffen nicht nur Eure Rettung. Eure Rettung ist aber nur auf dem Wege dieser Absichten zu finden. Sie betreffen ein neues System unserer Regierung. Ein neues System! Bedenkt, was das heißt. Alle Nachrichten stimmen darin zusammen, daß Kaiser Ferdinand draußen im Reiche Einflüssen nachgegeben, welche er bisher hier in Oesterreich stets zurückgewiesen. Die deutschen Fürsten, selbst die geistlichen, scheinen für Milde gesprochen zu haben, für Ausgleichung in religiösen Dingen. Sie scheinen ihm überzeugend dargethan zu haben, daß ein allgemeiner Krieg bevorstehe, ein großer, unabsehbarer Krieg, wenn Ferdinand sein System aus der Steiermark fortsetzen wollte als deutscher Kaiser; sie scheinen ihm bewiesen zu haben, daß die katholische Sache in einem solchen Kriege besiegt werden und zu Grunde gehen könne, denn die Vorbereitungen der Gegner, Holland mit seinen Geldkräften an der Spitze, seien tief und weitverzweigt, und der Verlust Böhmens werde der Anfang des Endes werden. Noch mehr! die Gesinnung auch der guten Katholiken im Reiche sehe mit Besorgniß auf das anwachsende Jesuitenregiment, und es seien darüber dem Kaiser merkwürdige Mittheilungen zugegangen, Mittheilungen, welche für die Selbstständigkeit des Kaisers niederschlagend gelautet. Ferdinand aber ist wol fromm, jedoch keineswegs geneigt, seine Machtfülle preiszugeben. Das Alles habe ihn bewogen, stille zu stehen auf dem bisherigen Wege und sich nach neuer Bahn umzuschauen. Es bestätigt sich, was ich Euch neulich erzählt: besondere Gesandte sind an die deutschen Fürsten abgeschickt worden mit milden, versöhnlichen Aeußerungen, und Trautmannsdorff ist wirklich nach Rom gesendet, direct an den Papst, und mit der bestimmten Anfrage: ob die Grundsätze der katholischen Kirche ein nachsichtiges Verhalten gegen die Unkatholischen zuließen, und ob den im deutschen Reiche auftauchenden Anklagen gegen die Jesuiten, welche Seine Heiligkeit den Papst und Seine Majestät den Kaiser zu beherrschen trachteten, Aufmerksamkeit zu widmen sei. Hört Ihr, Junker, hört Ihr? »Unkatholische« oder griechisch »Akatholische« soll der Ausdruck lauten, sagt Harrach, nicht mehr Ketzer. Und in Betreff der Jesuiten soll Trautmannsdorff persönlich geneigt sein, das Marianische Buch in Erinnerung zu bringen! So freut Euch doch! Ich bin ganz glückselig. Welche Aussicht fürs neue Kaiserthum! Denn Ferdinand steht da fest, wohin er einmal tritt. Wie stimmt das auch zu Euren Plänen für das neue Kaiserthum! Wie stimmt das! Harrach sagt mir, daß Eggenberg Euer Memorial gelesen, mit großem Antheil, ja mit vielfacher Befriedigung gelesen. Er hat es Harrach mitgetheilt, Harrach liest es jetzt ebenfalls, und es soll die Grundlage bilden zu einer Geheimenrathssitzung, welche morgen Früh stattfinden soll. – Nach diesen Mittheilungen eilte ich getrosten Muthes von Neuem in die Burg, um Eggenberg selbst zu sprechen. Er nahm mich an; er sprach wie Harrach und noch entschiedener, er ist noch muthiger und thatkräftiger. Mein Eindringen ins Jesuitenhaus machte auf ihn gar keinen nachtheiligen Eindruck; auch daß ich Euch ans Sterbelager des Grafen Zierotin geführt, mißbilligte er nicht, durchaus nicht. Er bezeigte sogar für Schicksal und Tod des alten Grafen eine warme Theilnahme, und fragte alsdann wie ein guter Politiker: ob denn Niemand wisse, ob Ihr namentlich denn nicht wüßtet, welche Bewandtniß es mit dem Schatze des Grafen haben möge, ob die Böhmen ihn gefunden und mitgenommen, ob die Behauptung der Jesuiten begründet sein möge, daß er in der Schottenabtei aufbewahrt liege? Ich ergriff diese Gelegenheit, ihm eine Unterredung mit Euch selbst vorzuschlagen, und er ging lebhaft darauf ein. Einige Punkte Eures Memorials, meinte er, bedürften ohnehin der Aufklärung für ihn, bedürften einer mündlichen Auseinandersetzung. Ich machte sogleich Anstalt, Euch zu holen. Nein, rief er, nicht hierher in die Burg. Lamormain's Creaturen, Lamormain selbst könnten dessen inne werden, und es sei gerathener, einen offenen Streit mit dieser Partei noch zu vermeiden. Wenigstens in dieser Angelegenheit. Lamormain habe darüber mit dem Statthalter-Erzherzog schon verkehrt, man wisse noch nicht, wie sich dieser dazu verhalten wolle, man wolle da nicht herausfordern, da das Verhältniß zum Statthalter ein delicates, ein ziemlich unklares Verhältniß sei. Bringt den Junker zu Harrach, schloß er, dort will ich ihn sprechen, heut' Abend um neun Uhr. Da schlägt es Neun von Maria-Stiegen (sie gingen über den »Hof«) – schreiten wir aus, um pünktlich einzutreffen. Ihr steht an der Schwelle zu einer neuen Lebenslaufbahn, junger Freund, denn aus einzelnen Aeußerungen Eggenberg's entnahm ich, daß er Euch für die Geschäfte des Reichs persönlich verwenden will im Sinne Eures Memorials. Was sagt Ihr dazu? Ihr freut Euch ja viel weniger, als ich vorausgesetzt, Ihr schweigt wie ein Karthäuser!

– Verzeiht, werther Freund, der Uebergang aus meiner Stimmung zu dem, was Ihr mir bringt, ist grell und jäh. Ich danke Euch herzlich für so warme Theilnahme, und es berührt mich wie eine Tröstung, was Ihr mir von dem Gesinnungswechsel des neuen Kaisers sagt. Wie eine Tröstung, denn es ist ein Cypressenkranz auf die Leiche meines verstorbenen Vaters. Graf Zdenkos Grundgedanke war es stets, daß von hier aus, vom hier residirenden Kaiser aus die Reform des Reiches beginnen müsse, und daß sie nur im Sinne einer christlichen Duldung der verschiedenartigen dogmatischen Standpunkte möglich sei. Das, werther Freund, berührt mich wie Balsam. Aber ich habe noch nicht den Muth, an solchen jähen Wechsel der öffentlichen Dinge und meines Schicksals zu glauben. Verzeiht! Seit Sonnenuntergang mit meinem Abschiede von diesem Leben beschäftigt, bin ich nicht sogleich im Stande, Lebenspläne günstiger Art zu fassen, und im Mißtrauen aufgewachsen gegen die ungreifbare jesuitische Macht, bin ich nicht fähig, sofort an die Unmacht derselben zu glauben.

– Der Glaube wird Euch in die Hand kommen! Auch das deutete mir Eggenberg an, daß in Rom selbst eine auffallende Wandelung sichtbar werde. Er habe zum zweiten Male einen Brief vom Benedictiner Pater Dunstan erhalten –

– Ah?!

– Jawol! der erste ist ihm damals nach Graf Zdenkos Gefangennahme zugegangen. Dieser zweite Brief ist aus Rom datirt.

– Pater Dunstan ist also wirklich dort?

– Und wie es scheint, von einflußreicher Thätigkeit. Er beschwört Eggenberg, jede strenge Maßregel hinzuhalten, denn es bereite sich ein großer Wechsel vor am heiligen Stuhle selber. Er habe den Papst selbst gesprochen, der über die Schilderung des Jesuitentreibens dahier, namentlich über die Handlungen des Provincials, betroffen gewesen, er habe ihm die religiöse Stimmung des mittleren und nördlichen Europa geschildert, insbesondere auch Englands, an welchem der Papst vorzüglichen Antheil zeige, er habe ihm auseinandergesetzt, daß im deutschen Reiche, im heilig römisch-deutschen Reiche, also im Mittelpunkte der europäischen Macht, ein Wendepunkt bevorstehe, welcher von zerschmetternder Wirkung gegen die katholische Kirchenmacht werden könne, und Papst Paul, immer zu großen Maßregeln geneigt, habe sich bereit gezeigt zu gründlicher Prüfung, zu weit aussehender Aenderung. Eggenberg möge seinem Herrn Anzeige machen hiervon, damit dieser nicht im Sinne der hiesigen Jesuiten Schritte thue, welche in kurzem zurückgethan werden müßten. Diese hiesigen Jesuiten betreffend, sei bereits entschieden, daß ein Commissarius von Rom hergesendet werde an die Seite des Provincials Athanasius (dessen Tod man natürlich nicht wissen konnte), ja, daß dieser Commissarius schon unterwegs sei. Endlich nennt dieser Brief auch Euren Namen, Junker, indem Eggenberg gebeten wird, sich Euer nachdrücklich anzunehmen, Ihr wäret eingeweiht in die großen Reformpläne, welche Dunstan dem Papste vorgelegt.

– Braver, kräftiger Dunstan! Echter Freund Zdenkos, du weißt zu beleben! Jetzt bin ich erweckt für die Unterredung, treten wir ein!

Im Hausflur der Harrach'schen Häuser, den sie jetzt betraten, kam ihnen überraschend Tartsch entgegen, der Diener des Junkers. Er war nicht wenig erstaunt, seinem frei einherschreitenden Junker zu begegnen, aber seine Ueberraschung äußerte sich nicht eben liebenswürdig. Seine Freude war eine ärgerliche. Immer sein drittes Wort war die Berufung darauf, daß er schon draußen am »Spitz« und dann fortwährend abgemahnt von dem Betreten Wiens, und daß er vorausgesagt, in welches Unglück der junge Herr hineinrennen werde.

– Lass' das! Wie kommst Du jetzt in dieses Haus? fragte Hans.

– Das Fräulein oben hat mich aus Hernals rufen lassen. Ich soll die Leiche des verstorbenen Grafen bei den Jesuiten einfordern, und soll sie hinausschaffen nach Hernals, von wo das Begräbniß hinauf gehen soll in den Wald, morgen Abend.

– Fräulein Isabella?!

– Ja.

– Ich hab Euch zu sagen vergessen, schaltete Gangelberger ein, daß ich sie heut Nachmittag gesprochen, und daß ich ihr Alles mitgetheilt vom Grafen und von Euch. Sie weinte schmerzlich, das schöne Fräulein, und hat, wie sich darstellt, sogleich Anstalt getroffen, Eurem Wunsche nachzukommen.

– Gutes, edles, liebenswerthes Mädchen!

– Seid Ihr endlich frei, Junker, und kommt Ihr hinaus zu dem Begräbnisse?

– Nein, Tartsch –

– Hinauf, hinauf! unterbrach Gangelberger, da kommt der Geheimerath, der Freiherr von Eggenberg mit des Kaisers Secretarius!

– Heda! Nehmt uns mit, Ihr Herren! rief Eggenberg, und schloß sich vertraulich, ja behaglich an Gangelberger und Hans, als wären sie uralte Bekannte, und als gälte es ein Abendessen, nicht aber ein Staatsgeschäft mit einem Fremdlinge, über welchem die Schärfe des Richtschwertes hing. Diese unbefangene Lebensart des österreichischen Cavaliers bestand damals wie jetzt. Sie nimmt Alles leicht, auch das Wichtigste, sie scheint im äußeren Verkehre gar kein Standesvorurtheil zu kennen, und stammt aus einem liebenswürdigen Naturell leichten Sinnes.

Als sie oben ins Zimmer traten, fanden sie Harrach und dessen Tochter Isabella. Letztere hatte wol erwartet, Hans mit Gangelberger allein ankommen zu sehen, und als sie ihn jetzt im Geleite politischer Männer erblickte, begrüßte sie ihn nur kurz, indem sie ihm treuherzig die Hand reichte, und entwich ins Nebenzimmer. Sie war schwarz gekleidet und sah rührend schön aus: die Trauer um Graf Zdenko und das drohende Schicksal des Freundes Hans lag wie ein feuchter Schimmer auf ihren Zügen.

Harrach bat die Herren, ihm in ein rückwärtiges kleines Zimmer zu folgen, damit sie um so sicherer ungestört blieben, und er beauftragte den Diener, die gewöhnlichen Abendbesuche abzuweisen.

So meinten sie denn, als sie bald darauf um einen runden Tisch nahe bei einander saßen, es sei die sichere Stunde gekommen zu einer weit aussehenden Unterhandlung über Reformen des deutschen Reiches.

Der Secretarius, jener Fabricius vom Hradschin, hatte sein Schreibgeräthe vorbereitet, um die wichtigsten Punkte aufs Papier zu setzen, und Hans folgte der Aufforderung Eggenberg's und nahm das Wort.

Völlige Toleranz und Gleichberechtigung in religiösen Fragen war die Grundbedingung seines Planes, und er fragte denn auch gleich zu Anfange und nicht ohne Feierlichkeit, ob die geheimen Räthe des Kaisers überhaupt und ganz auf diese Grundbedingung eingehen möchten und könnten, da ohne dieselbe alles Uebrige müßig und bedeutungslos sei.

Eggenberg bejahte. Harrach desgleichen. Aber diese Bejahung klang nicht so zuversichtlich, klang nicht so fest, wie Hans es wünschte, es wünschen mußte. Es lag nicht in seiner Natur, die Angelegenheit nur diplomatisch zu betreiben, wie es für seinen persönlichen Vortheil hinreichend gewesen wäre. Denn auch die blos diplomatische Behandlung der Frage konnte ihn persönlich aus der Schlinge befreien, welche die Anklage auf Hochverrath um seinen Hals geworfen. Wenn er leicht hinwegging über die religiöse Vorbedingung, so konnte er von der mächtigen Stellung Eggenberg's erwarten, daß er aus dem Gefängnisse entlassen würde, denn über die politische Eintheilung des Reiches, wie er sie in seinem Memorial vorgeschlagen und jetzt zu entwickeln im Begriff stand, war die Einigung gar nicht so schwer. Sie verlangte zwar eine große Erweiterung des Kurfürsten-Collegiums, verlangte eine größere Machtbetheiligung der protestantischen Länder und Städte, aber diese größere Machtbetheiligung wollte er auf Kosten der jetzigen Kurfürsten und der Kirche, er wollte sie keineswegs auf Kosten des Kaisers. Im Gegentheile: er wollte die Macht des Kaisers verstärken, und dies war die Lockung für Eggenberg. Je früher er also auf diesen Theil seines Plans überging, desto leichter konnte seine Person sicher gestellt werden, wenn auch die Verhandlung nicht sogleich einen festen Abschluß gewann.

Seine gründliche oder, wenn man will, seine pedantische Natur verdarb das und verlor die ihm karg zugemessene Zeit. Eggenberg und Harrach konnten immer nur versichern, daß jetzt alle Anzeichen günstig wären, der Kaiser werde auf die Toleranz-Grundlage eintreten; aber sie konnten auf seine immer wiederkehrende Frage nicht so bestimmt antworten, wie er es verlangte.

Freilich wuchs dadurch sein Ansehen in Beider Augen. Sie mußten die Gewissenhaftigkeit achten, welche die eigene Lebensgefahr so gering anschlug neben dem Grundprinzipe der Ueberzeugung. Aber die kostbaren Viertelstunden verstrichen und kamen dem Feinde zu statten, welcher sich näherte.

Der Diener trat hastig ein, und machte dem Freiherrn von Harrach leise eine Meldung. Dieser, sichtlich unangenehm berührt, wiederholte diese Meldung eben so leise an Eggenberg. Es entstand eine Pause. Pater Lamormain war draußen und wollte sich nicht abweisen lassen. Auch dem dreisteren Eggenberg schien es unangemessen, in einer Conferenz mit dem hochverräterischen Ketzer überrascht zu werden durch den Hauptvertreter der kirchlichen Macht. Er wußte, daß dieser vom Statthalter kam, und wahrscheinlich Entscheidungen gerade gegen die Hochverräter im Schrannenhause betrieben, vielleicht erlangt hatte. Für die streitige Erörterung dieses Themas war jedenfalls die Anwesenheit des sächsischen Junkers nicht wünschenswert, und Eggenberg bedeutete ihn also, er möge sich bis zum Weggange des Paters in ein Nebengemach verfügen.

– Bleibt Ihr zugegen, Herr Rath, setzte er für Gangelberger hinzu; Euer Wort kann mich unterstützen, wenn der Herr Pater im Sinne seiner frühern Stellung Ansprüche erhebt, welche wir bei der veränderten Situation zurückweisen müssen.

Er dachte als großer Herr nicht daran, daß er einen »Hochverräther« ohne Aufsicht hinaus schickte.

Harrach seinerseits war ganz Hauswirth, welcher gut zu machen wünschte, daß seine Anwesenheit durch den Diener verleugnet worden war. Er wies Hans eine Thür, zu welcher einige Stufen hinauf führten, und ging nach der entgegengesetzten Seite dem Pater Lamormain entgegen. Gangelberger sah schweigend zu. Er fühlte sich außer Verantwortlichkeit in Betreff seines Gefangenen. Der Minister hatte ihm zu bleiben befohlen und hatte dem Gefangenen befohlen fortzugehen. Der Minister mochte tragen, was daraus entstand. Wäre der Gefangene nicht eben dieser Junker gewesen, welcher ihm allmälig werth geworden, er würde nicht geschwiegen haben.

Hans trat in ein Erkerzimmer, dessen Fenster auf die Herrengasse ging, und an dessen offenen Flügeln Isabella stand. Sie kam ihm rasch entgegen und fragte leise, was es zu bedeuten habe, daß man ihn allein, daß man ihn sich selbst überließe.

Hans berichtete kurz, was vorgegangen.

– Gerechter Himmel, rief sie halblaut, das ist Dein Fingerzeig!

– Was meint Ihr?

– Eggenberg wünscht es vielleicht selbst, da er Euch heraus gewiesen!

– Was denn?

– Verlieren wir keine Zeit. Dieser Theil unserer Wohnung hat eine Stiege und eine Thür auf die Herrengasse hinaus. Wir begegnen Niemand. Kommt schnell! Binnen einer Minute seid Ihr unten, binnen fünf Minuten seid Ihr durchs Schottenthor hinaus und in Freiheit. Es ist noch nicht Zehn, das Thor ist noch offen. Im nahen Hernals findet Ihr Frau Amalie und Mittel zu weiterer Flucht. Warum zögert Ihr?

Sie hatte den brennenden Armleuchter vom Tische genommen, um ihm auf dem Wege durchs Haus zu leuchten.

– Meine liebe Freundin! Ich stehe wie geblendet vor Euch! So leicht und lockend ist das Alles – aber ich darf ja nicht!

– Ihr dürft nicht?

– Ich habe dem Rath Gangelberger mein Wort verpfändet, die Gelegenheit, welche er mir verschafft, indem er mich ohne Wache aus dem Gefängnisse läßt, nicht zu mißbrauchen und – nicht zu entfliehen.

– Oh!

– Dies Wort bindet mich natürlich! Ich darf die Gelegenheit nicht benützen.

– Seid Ihr darin nicht zu gewissenhaft? Hat er Euch jetzt, als Ihr heraus gingt, durch ein Wort oder einen Wink angedeutet, daß er Euch beim Wort halte?

– Nein.

– Nun seht! das hätte er gewiß gethan, wenn er – ich weiß von ihm selbst – er war ja erst heute bei mir – ich weiß, daß es ihm eine herrliche Freude wäre, Euch gerettet zu sehen!

– Aber wenn ich entfliehe, trifft ihn die Verantwortung!

– Mir scheint, sie trifft Eggenberg, der Euch herausgeschickt, und der trägt sie schon. Entschließt Euch um Gotteswillen! Ich weiß von meinem Vater, daß Eggenberg zu vertrauensvoll ist, daß Lamormain viel mächtiger bleibt, als Eggenberg glauben will, daß die sogenannte Wendung zur Toleranz ein ganz unsicheres Ding, wahrscheinlich ein Irrthum ist, und daß ein plötzlicher und heftiger Widerstand Lamormain's zu befürchten steht. Tritt dieser Widerstand ein, dann werdet Ihr, lieber Freund, das erste Opfer.

Hans schwieg. Eine heftige Bewegung ging in ihm vor. Er gestand sich ein, daß er einer Neigung zu peinlicher Genauigkeit unterworfen sei, und daß man ihm oft mit Recht Pedanterie vorgeworfen habe. Es blitzte ihm selbst der Gedanke auf, ob er nicht soeben wieder in der Verhandlung mit Eggenberg und Harrach nach ähnlicher Richtung gefehlt und die ihm entgegenkommenden Staatsmänner verstimmt habe. Es war ihm auf der andern Seite sonnenklar, daß die Gelegenheit zur Befreiung vortrefflich, und daß sein Bedürfniß derselben stark, fast unwiderstehlich sei, wie wahrhaftig er sich auch in den Nöthen und Aengsten des heutigen Tages mit dem Leben abgefunden habe! Er war ja gesund und kräftig, der Drang nach fernerem Leben war ja überaus natürlich –

– Entschließt Euch um Gotteswillen! flüsterte Isabella.

Er war von Natur ehrlich, und die protestantische Erziehung hatte diese Ehrlichkeit im Feuer ihrer Grundsätze gestählt. Der Mittelpunkt evangelischer Lehre lag ja darin, daß man in sich selbst den Richter entwickeln, daß man nicht von außen eine Gnade erwarten müsse, die nur in uns selbst entstehen und gedeihen könne durch Wahrhaftigkeit im Kampfe mit unserer Schwäche. An dieser stählernen Stange seiner Natur und seiner Erziehung stießen sich immer und immer wieder die Wünsche nach Befreiung. Sie prallten ab, und kamen wieder, und prallten von Neuem ab. Der Athem keuchte, das Auge blickte starr auf das schöne Mädchen, welches in Angst und Ungeduld zitternd vor ihm stand mit den flackernden Lichtern – er sah sie nicht, seine Sehkraft war rückwärts, war nach innen gekehrt zu dem Kampfe seiner Gedanken.

Isabella ahnte das und glaubte zu bemerken, es bedürfe nur noch eines Gewichtes, um die Wage für das Natürliche niederzuziehen. Eine Uhr im Zimmer schlug drei Viertel –

– Das ist drei Viertel auf Zehn! sprach sie hastig – bis Ihr zum Thore kommt, ist die Hälfte dieser Viertelstunde verronnen. Kommt! kommt! – Hört Ihr da unten im Cabinet die heftig werdenden Stimmen? Lamormain nimmt den Kampf auf, und ich versichere Euch nochmals: er ist nach wie vor allmächtig. Ich kenne ja von meinem Vater alle Wallungen dieser regierenden Herren! Erst vorhin hat dieser eine Aeußerung gethan, aus der hervorging, daß er die Unterhandlung mit Euch für eine wunderliche Laune Eggenberg's hielte, die keine ernsthafte Folge haben werde, und daß die geistliche Partei von Eurer Hinrichtung nimmermehr abstehen würde, weil diese Hinrichtung politisch allein schon gerechtfertigt sei – ich beschwöre Euch, kommt!

– Ich kann nicht.

– Hans!

– Ich kann nicht. Ich bleibe. – Es widerstrebt meiner Natur, das gegebene Wort zu brechen. Es widerstrebt ihr peinlich, bis zur Folterqual. Ich würde es auch nie verwinden. Die stete Erinnerung würde mir das Leben vergiften. An Gangelberger's Zustimmung glaub' ich nicht. Er ist Mann des Rechts, Mann der strengen Form. Und mich hat er aufs Tiefste verpflichtet. Ihm am wenigsten dürfte ich es anthun, ihm am wenigsten die Enttäuschung anthun. Dem jungen Manne hätte er sein Zutrauen geschenkt, obwol er die religiöse Anschauung dieses jungen Mannes verwirft, nur darum geschenkt, weil er ihn für ehrlich in seiner Ueberzeugung hält, und gerade mit Unehrlichkeit sollte ich ihm vergelten, sollte meine Religion selbst damit verdächtigen? Armselig nennt er meine Religion, aber Wahrhaftigkeit gesteht er ihr zu, und nun sollte ich gerade an ihm das Gegentheil bekunden?! An ihm, welchen die Jesuiten zuverlässig meine Flucht entgelten lassen würden durch unerbittliche Anklage an oberster Stelle?! Nein, nein, nein – ich kann nicht, ich darf nicht, ich bleibe.

Isabella setzte den Armleuchter auf den Tisch; es gelang ihr kaum, ihn fest zu stellen, so zitterte ihre Hand. Große Thränen fielen ihr aus den Augen, und sie sank auf einen Sessel neben dem Tische.

– Dank, herzlichen Dank, gute, liebevolle Freundin, für Eure Theilnahme, für Euer Mitgefühl!

Dies sagend trat er zu ihr, ergriff ihre schlaff herabhängende Hand, und küßte sie ihr. Er hatte dies bisher nie gethan, und die in Angst erkaltete Hand belebte, erwärmte sich in der seinen, unter seinem Kusse. Isabella erbebte unter dieser Berührung – sie war in ihrer Lage von dem liebenswürdigsten Reize: das reiche blonde Haar, durch die Aufregung ein wenig gelockert, beschattete wie goldiger Schmelz die rosige Haut des Antlitzes, die von Thränen angehauchten großen blauen Augen, und fiel in einzelnen Locken auf Hals und Brust, deren weiße jugendliche Fülle sich blendend abhob von dem schwarzen Seidengewande. Und was lieblicher als Alles war: es pulsirte offenbar durch diesen ganzen schönen Körper die von schmerzlichem Mitgefühle aufgeweichte Neigung rührender Weiblichkeit, welche in diesem Entgegenkommen des geliebten Mannes Geständniß und Hingebung nicht versagt hätte trotz aller Schüchternheit, welche ihr eigen war, trotz aller äußern Bande, welche sie von ihm entfernt und getrennt hielten. Ja, der zu Hans aufschauende Blick des Auges war der Kern und Gipfel dieses Reizes, denn er war der Kern und Gipfel des weiblichen Räthsels: er war voll Liebe, er schien um Liebe zu bitten, und doch bat er auch um Schonung, um Zurückhaltung – Leib und Seele eines so edlen wie schönen Mädchens harrte ängstlich und doch glücklich einer Entscheidung, welche gewünscht und gefürchtet wurde.

Hans aber war noch viel zu sehr erfüllt und bewegt von dem Kampfe streitender Gewissensfragen, die ihn gepeinigt, als daß ihm eine Liebesscene an Sinn und Seele getreten wäre in diesem Moment. Sein Herz war eng und treu in Neigung, und rascher Wechsel in der Neigung war seinem Wesen völlig fremd. Wie sehr er gelitten hatte unter den letzten Nachrichten über Ludmilla, sie war und blieb der Mittelpunkt seines Herzens, sie war und blieb es, auch wenn er hätte sagen müssen: sie hat dich verlassen. Auch der ihm Ungetreuen würde er treu verblieben sein. Und so empfand er jetzt in dem zitternden Händedrucke Isabellens, in dem liebevollen Thränenblicke ihres blauen Auges nur die Zeugnisse einer liebevollen Freundschaft, die seinem Herzen innig wohlthat, ohne es aufzuregen, ohne es in irgend eine Unruhe zu versetzen.

Ja, er war so unbefangen, daß er getrost der fernen Freundin erwähnte und Isabella eingestand, wie traurig ihn die letzten Mittheilungen über Ludmilla gestimmt. Sie hat einen so leichten, stets heitern Himmels bedürftigen Sinn – sagte er gleichsam zu sich selbst, indem er seine Augen mit der Hand bedeckte – daß derjenige übel daran ist, welcher ihr Herz fesseln möchte, wenn er von anderer Gemüthsart ist als sie, die ein Kind des Glücks ist. Sie ist des Glückes Kind durch ihre Begabung und durch ihr Bedürfniß. Sie hat das Glück, und sie braucht es. Sie braucht es ohne Unterbrechung, und ist deshalb ununterbrochen das bedürftige Kind. Darum ist sie aber auch ganz abhängig von ihm, und ein Genosse wie ich, der Alles schwer nimmt im Leben und schwer findet, ein solcher Genosse wird ihr nicht taugen, und wird jedenfalls schwer zu leiden haben neben ihr.

– Frau Amalie war heute hier – erwiderte nach kurzer Pause Isabella, indem sie tief Athem holte und, in die gesellschaftliche Form übergehend, dem Junker einen nahestehenden Sessel anwies – sie hat einen neuen Brief von Ludmilla. Der ist viel herzlicher. Sie schilt sich darin, daß sie Eure Lage so leicht genommen. Mitzlau's Berichte seien daran schuld gewesen, und dieser sei von der wol unpassenden Voraussetzung ausgegangen Ihr würdet Euch schon abfinden mit den Grundsätzen der Wiener Regierung. Seitdem habe ihr Budowa Eure Lage unter ganz anderem Gesichtspunkte dargestellt, und jetzt sei sie wie ihr Vater in verzweiflungsvoller Sorge über Euer Schicksal. Sie ist nicht so leichten Sinnes, wie Ihr glaubt, lieber Junker, sie ist nur ein fröhliches Gemüth, welches ungern und schwer ans Unglück denkt.

Mit dieser Rede hatte das edle Mädchen ihre ganze Fassung wieder gefunden, besonders dadurch, daß sie für Ludmilla sprechen gekonnt. Mit reiner Theilnahme sah sie, daß es Balsam gewesen für Hans, und wollte eben fortfahren in diesem Thema: da wurden die Stimmen unten im Cabinet überlaut; man hörte Sessel rücken, man hörte eine Thür zuschlagen – Gangelberger öffnete unten und kam herauf.

– Da seid Ihr, Junker? sprach er, und Isabella meinte, ein leises Erstaunen aus dieser Frage heraus zu hören. Ein Blick und Kopfnicken gegen Hans schien zu sagen: Da seht Ihr's! Er ist darauf gefaßt gewesen, Euch nicht mehr zu finden!

– Da bin ich, entgegnete Hans.

– Ich wollte, Ihr wäret anderswo! Unsere Schlacht hier steht übel. Lamormain kam geharnischt vom Statthalter. Ich sah ihm beim Eintreten an, daß er den Entschluß gefaßt, das verloren gegangene Terrain mit allem Nachdruck, ja unter Drohungen wieder in Anspruch zu nehmen. Er hatte in der Burg erfahren gehabt, daß Eggenberg hier sei, ja er schien ziemlich genau zu wissen, daß es sich hier um weittragende Maßregeln gegen seinen Einfluß und den Einfluß der Seinigen handeln sollte. Ohne Umschweif sprach er's aus, und machte Eggenberg drohend verantwortlich für die Folgen. Das Privilegium seines Ordenshauses sei verletzt worden durch Eindringen von weltlichen Gerichtspersonen ins Jesuitenhaus – damit meinte er mich, – durch Einschleppen von Ketzern und Verbrechern – damit meinte er Euch. Dafür forderte er Sühne, und zwar sofortige durch Vorlegung Eures Urtheils und durch – Erledigung desselben. Eggenberg hielt eine Weile tapfer Stand; aber Lamormain berief sich auf den Statthalter, von welchem er eine Vollmacht in der Hand hielt, und fragte kategorisch: ob der Geheimrath von Eggenberg sich auch dem Statthalter des Kaisers widersetzen wolle? Das mochte Eggenberg nicht wagen. Ablenkend fragte er mich, ob die Urtheile über die Hochverräther im Schrannenhause vorlägen? Drei liegen vor – antwortete ich – über die gemeinen Leute, welche sämmtlich Einheimische. Der vierte ist ein Fremder, ein Edelmann des Reichs. Die Reichskanzlei, während der kaiserlosen Zeit von zweifelhafter Competenz, muß darüber unterrichtet werden, dies Urtheil liegt deshalb noch nicht vor. – Die kaiserlose Zeit ist vorüber, rief Lamormain, wenn diese Competenzfrage überhaupt mehr ist als eine Ausflucht, binnen vierundzwanzig Stunden kann die Reichskanzlei befragt sein und geantwortet haben. Soll es geschehen? – Eggenberg wagte nicht, Nein zu sagen, und wagte nichts einzuwenden gegen die Forderung, die drei fertigen Urtheile in dieser Nacht noch dem Statthalter zu unterbreiten. Der Herr Statthalter erwarte sie; er werde sie auf der Stelle unterfertigen, so daß die drei Hochverräther morgen früh –

Isabella schrie schreckensvoll auf.

– Es ist nicht anders, mein gnädiges Fräulein, und der arme Junker muß mir jetzt folgen bis – auf Weiteres.

– Bis auf Weiteres! hauchte kaum hörbar Isabella. Durch und durch erbebend streckte sie Hans ihre Hand entgegen und ihr starr werdendes Auge überflog seine Gestalt, als wollte sie dieselbe für immer ihrem Gedächtnisse einprägen. Sie meinte, ihn nicht mehr wiederzusehen in diesem Leben.

*

Während dieser zehnten Stunde war auch im Schrannenhause die Entwickelung mit den drei gemeinen Hochverräthern rasch vorwärts gegangen. Die plötzliche Abholung des Junkers, deren sie inne geworden, weil sie Gangelberger und Hans sprechen gehört, als Beide im Landskrongassel unter dem Fenster der Saugrube vorübergegangen, diese Abholung zu später Abendstunde war ihnen sehr verdächtig. Conrad flüsterte Urban zu: jetzt keine Umstände mehr gemacht! und er holte ohne weitere Vorsicht die Stricke hervor unter dem Schustertische und einen grobleinenen Wischlappen, der auf dem Leder lag. Vergebens deutete Urban auf den Natzi, welcher stumpfsinnig vor seinem Blatte Papier saß und einen hoffnungslosen Kampf mit dem Schlafe aufgegeben hatte. Was kümmert uns der Trottel? – grunzte Conrad – er »schlaft« auch schon und wird Euch kein Keuchen kosten. Wenn nur der alte Schnarcher nicht draußen auch »einschlaft«! dann säßen wir, denn dem Schlosse ist nicht beizukommen.

Er that dem alten Pudel sehr Unrecht. Dieser liebte seinen Natzi viel zu sehr, als daß er dessen Examen und Person der Saugrube überlassen hätte.

Als er die eiserne Hausthür abgeschlossen hatte hinter dem kaiserlichen Herrn Rathe, ging er gewohnheitsmäßig nach seinem Stübchen, um den großen Schlüssel hinter dem Wandschränkchen aufzuhängen, und schlürfte dann hinüber zur Saugrube, um diese wieder aufzuschließen. Conrad stand am Guckloche. Er hatte mit aller Anstrengung auf die leider sehr unklaren Filzschuhschritte des Alten gehorcht, um berechnen zu können, wo er den Hausthürschlüssel hinhänge. Das wußten die Hochverräther nicht ganz genau, und doch war ihnen die rasche Auffindung dieses Schlüssels nothwendig. Conrad meinte, der Alte könnte nur etwa drei Schritte gemacht haben in seinem Stübchen, und trat jetzt eilig zur Seite, als sich der andere Schlüssel im Schlosse der Saugrubenthür ächzend drehte. Nur zur Seite trat er, denn trotz aller Winke Urbans hatte er vor, den alten Plan abzuändern und Pudel gar nicht zum Schemel am Schreibtische kommen zu lassen.

Pudel trat ein und wendete sich, um den Schlüssel außen abzuziehen und ihn innen ins Schloß zu stecken. Diese Arbeit wollte ihm Conrad ersparen. Er sprang vor, faßte ihn bei beiden Schultern und riß ihn rückwärts ins Innere der Saugrube. Der Schlüssel fiel klirrend auf den steinernen Fußboden. Diesem Geräusch folgte ein Brüllen Pudel's, welches dem Brüllen eines Stiers sehr ähnlich war. Pudel nämlich hatte mit großer Geistesgegenwart erkannt, daß dieser gewaltsame Anfang etwas sehr Schlimmes zu bedeuten habe, und hatte sich augenblicklich erinnert, daß die sonst draußen im Flur stationirte Wache seit Tagen in unregelmäßigen Abgang gekommen, und namentlich heute – der Kaiserherolde wegen – nicht vorhanden und auch nicht mehr zu erwarten war. Der ganze Schreck dieses Gedankenganges war in jenem Brüllen zusammengedrängt. Dies Brüllen war auch seine beste Waffe unter den überlegenen Fäusten Conrads. Es konnte doch außen Leute herbeirufen, vielleicht aus dem Winter-Bierhause. Ebenso dachte aber auch Conrad, ja er hatte im voraus daran gedacht und zu dem Ende den Wischlappen vom Lederhaufen in die Hand genommen. Diesen dem schreienden Pudel in den Mund zu stopfen wie einem Säuglinge den Saugbeutel, war deshalb seine nächste Bestrebung. Aber das war nicht leicht. Er brauchte beide Hände dazu, und dadurch wurden Pudel's beide Hände frei, welche sich der Säuglingsoperation widersetzten. Solcherweise kam das Brüllen stoßweise doch immer wieder zum Vorschein, und Conrad mußte Pfeifer zu Hilfe rufen, da Urban mit Natzi beschäftigt war. Pfeifer aber blieb unbeweglich im Winkel auf seinem Schusterschemel sitzen und betrachtete harmlos die Scene; er blieb eben Zuschauer in der Komödie. So geschah es, daß Conrad den alten Pudel an den Fußboden niederdrücken mußte, was nicht in seinen Plan paßte, denn es sollten beide Pudel an die zwei Ringe der Säule gebunden werden.

Mit Natzi, der sich in seinem Stumpfsinne gar nicht gewehrt hatte, war dies dem Raschmacher gelungen, und der Raschmacher eilte nun herbei zur Unterstützung Conrads. Jetzt hatte der alte Pudel nur noch wenig Aussicht auf erfolgreichen Widerstand. Er biß wol noch den Raschmacher in die Hand, als dieser die Stopfung mit dem Wischlappen übernahm, während Conrad ihm beide Arme hielt, aber das war nur der Pfeil eines fliehenden Parthers: Pudel war stumm gemacht. Nun mußte er aufgehoben werden, und das war wieder schwer zu bewerkstelligen, weil Pudel jede Mitwirkung seiner Beine versagte, die dicke Figur also immer wieder niederknickte, sobald die Hebekraft oben nachließ. Das krieg ich satt – schrie Conrad – steh fest, Pudel, oder wir hängen Dich auf, statt Dich blos anzubinden. Ich glaub nit, daß Dir's Hängen besser schmecken wird. Und für uns kommt's auf ein's 'naus; denn morgen hängen wir, wenn wir Dich heut' nicht still machen.

Pudel zeigte, daß er seine ganze Geistesgegenwart bewahrt: er begriff das, er fand es einleuchtend und – gab jeden fernern Widerstand auf, indem er seinen Beinen befahl, ihre herkömmliche Schuldigkeit zu thun.

So wurden ihm denn die Hände auf den Rücken geschnürt, und er wurde an die Säule gebunden, mit dem Rücken gegen den Rücken seines Natzi, dessen Examen einen so tiefsinnigen Ausgang fand.

– Der Spahn geht aus! Der Spahn geht aus! wo ist sein Leuchter?! schrie plötzlich Urban und rannte von der Säule weg, um Pudel's Leuchter zu suchen, welcher ihm entfallen war bei Conrads Ueberfalle an der Thür.

– Himmeltausend, fix, fix, fix! schrie Conrad, sonst bleiben wir stecken! Wann's finster wird, finden wir den Hausthürschlüssel nicht, und der Rath kann jählings mit dem Junker zurückkommen!

– Ich find ihn nicht, es wird zu dunkel!

Der Holzspahn oben an der Säule angebracht, jetzt nahe über dem unseligen Haupte des ältern Pudel, war im Erlöschen und schien sich gegen die Hochverräther zu erklären, wenn auch nicht ohne Malice gegen Pudel. Einzelne Splitter seiner verglimmenden Kohle bröckelten nämlich ab und besuchten im Hinfallen Pudel's Kopf. Pudel schüttelte ihn ärgerlich, war aber doch innerlich sehr angenehm berührt von diesem Ereigniß, denn es versprach wirklich eine wesentliche Verhinderung der Flucht. Warum? wußte er noch besser, als Conrad angedeutet hatte.

Endlich stieß Urban mit dem Fuße an den Leuchter, hob ihn auf und eilte herbei. Es war kaum noch Zeit. Nur ein ganz kleines blaues Flämmchen war noch übrig am Holzspahne, und die Schnuppe des groben Talglichtes war unten am Steinboden etwas feucht geworden. Athemlose Stille herrschte, so lange Urban mit wackelnder Hand das Flämmchen überzuleiten versuchte. Pudel hatte die Frechheit, mit seinem Kopfe in Urbans Arm hineinzustoßen wie ein Widder, um die Operation zu stören, und Conrad mußte sich die Maulschelle versagen, welche er ihm sofort dafür zugedacht, und zu welcher er bereits ausgeholt: solch eine heftige Bewegung konnte die letzte Hoffnung vernichten. Er begnügte sich, Pudel bei seinen großen Ohren zu fassen und festzuhalten –

Jetzt faßte die Schnuppe, das Licht brannte. Pudel hätte gern geseufzt bei dem aufstrahlenden Schimmer, aber sein verstopfter Mund ließ kein Seufzen zu. Nur aus den Nasenlöchern, welche ohnehin das ganze Geschäft des Athemholens besorgen mußten, nur aus diesen ungebührlich aufgeblasenen Oeffnungen stieß er einen wunderbaren Ton hervor.

Conrad eilte nun mit dem Lichte hinüber. Die Thür der Saugrube war ja offen geblieben. Die Saugrube blieb im Dunkeln und harrte mit Spannung des Erfolges. Das dauerte lange, lange. Conrad hätte während dieser Zeit das ganze Stübchen Pudel's umdrehen können. Pudel seinerseits hätte gern gelacht, aber wegen des eingeklemmten Wischlappens war das nicht möglich, und der Versuch schmerzte auch.

Endlich kam Conrad zurück. Ziemlich verstört. Er hatte keinen Schlüssel gefunden. Den Nagel wol, wo er ihn vermuthet, aber keinen Schlüssel. Urban sollte mitkommen und suchen helfen.

In der wiederum dunkeln Saugrube erhob sich der Schuster Pfeifer und näherte sich den Säulenmärtyrern. Was konnte er wollen? Er fing an zu reden:

– Höre mich, Natzi, mit offenen Ohren!

Natzis Ohren waren wol offen, aber seine Augen waren geschlossen; er schlief längst. Festgehalten um den Leib durch die Stricke, war sein Körper in gesicherter Stellung, und die junge Natur nahm dies hin wie die gesicherte Stellung im Bett, sie schenkte Natzi, welcher durch Nerven nicht belästigt war, auch in solcher Lage den Schlaf.

Pfeifer sah das nicht und fuhr fort: Nimm Dir ein Beispiel an diesen Gräueln der Menschenkinder. Lerne bei Zeiten die Sorge um nichtswürdige Dinge des Lebens verachten. Sieh nur in Dich hinein. Dort leuchten die Freuden des Himmels und die Qualen der Hölle. Frage nicht nach Deinem leiblichen Vater, der aus Babylon stammt und in babylonischer Völlerei ersoffen ist. Frage nach den Lehren des reinen Wortes, schlürfe sie ein wie die Quelle Siloah!

Vater Pudel hätte ihm gern einen Fußtritt gegeben, aber der Schuster stand auf der andern Seite. Vater Pudel mußte sich mit dem vorigen Nasenseufzer begnügen.

Die weitere Predigt Pfeifer's wurde aber durch die schnelle Rückkehr Conrads und Urbans unterbrochen. Hatten sie plötzlich den Schlüssel gefunden? Nein. Aber der schlaue Urban hatte eine Idee gehabt. Konnte nicht Pudel den Schlüssel diesmal in seine Tasche gesteckt haben, weil er die Rückkehr Gangelberger's zu erwarten hatte und dann ohne Aufenthalt zum Oeffnen der Hausthüre bereit sein wollte? – Richtig! hatte Conrad gesagt, und jetzt kamen sie, um den gefesselten Löwen zu untersuchen. Pudel betrug sich so unruhig wie nur möglich mit dem beweglichen Ober- und Unterkörper, aber es half ihm nichts. Urbans Idee war richtig gewesen, und er zog den großen Schlüssel triumphirend aus dem Beinkleide Pudel's hervor.

Nun stand der Flucht nichts mehr im Wege, und Conrad rief aus natürlicher Gutmüthigkeit dem Schuster zu: er habe sich zwar wie ein niederträchtiger Kamerad aufgeführt, aber sie wollten doch nicht hinter sich zuschließen, sondern ihn mit hinaus lassen. Er solle kommen.

– Geht dahin, wohin ihr gehört, rief der Schuster, zu den Pharisäern und Tempelschändern, die Eure Kameraden sind. Ihr seid ein tönendes Erz und eine klingende Schelle, nicht aber lutherische Christen. Wer das Kreuz der gereinigten Lehre auf sich genommen, der soll es tragen, bis er niederfällt, und wenn er fällt, soll er sich geißeln und höhnen und ans Kreuz nageln lassen zum Preis seiner Lehre und zum Beispiel für die Schwachen im Glauben. Dazu ist er berufen und auferweckt. Ihr seid wie die Krämer in der Vorhalle des Tempels, zum Markten und Schachern vorhanden, zu weiter nichts. Ich stehe zu meinem Meister Odontius, und bringe meinen elenden Leib freudig zum Opfer dar, damit die Papisten erkennen, wie der Geist Gottes in mir lebt, welcher Martern und Tod nicht empfindet. Geht hin und rettet Eure armseligen Leiber, Eure armseligen Seelen hat der Herr nicht erweckt und nicht berufen.

Du bist ein Schafkopf! sagte Conrad und ging. Leuchtet, Raschmacher, setzte er im Gehen hinzu, bis ich aufgeschlossen, dann löscht aus. Offen lassen wollen wir dem Narren als gute Christen; er wird schon 'naus kriechen. Die Predigt hat er ja angebracht.

Sie gingen. Urban leuchtete; Conrad steckte den Schlüssel ins Schloß der eisernen Hausthür, nichts schien ihrer Befreiung mehr im Wege zu stehen. Halt! flüsterte auf einmal Urban. – Was ist? – Ich höre Stimmen draußen! Am Ende kommt der Gangelberger zurück! – Kurze Pause. – Wenn er's ist, sagte dann Conrad, so müssen wir'n halt niederschlagen, Punktum. Dabei kommt der Junker mit fort –

Er war es nicht. Die Stimmen entfernten sich: es waren Gäste aus dem Winter gewesen. – Nun drehte Conrad den Schlüssel, die Thür ging auf, sie standen außen. Behüt' Dich Gott! brummte Conrad und wendete sich links. Urban antwortete gar nicht – es herrschte nicht die mindeste Gemüthlichkeit zwischen ihnen – und wendete sich rechts. Er wollte nach Böhmen, Conrad nach Oberösterreich. Ihr nächstes Trachten war, noch vor Zehn an ein Thor zu kommen und aus der Stadt hinauszuschlüpfen. Denn es war voraus zu sehen, daß ihre Flucht einen großen Lärm und sofortige Visitation aller Schlupfwinkel in der Stadt verursachen würde. Urban hatte nur noch vor, im Vorübergehen seine magere Gattin in seiner Wohnung abzurufen. Sie war orthodox, war rüstig und wol auch zum Wanderleben bereit. Nur viel Zeit durfte es nicht kosten: er wußte nicht genau, wie weit die Uhr von Zehn entfernt wäre. Eiligst huschte er dahin durch das Schultergäßchen nach dem »Stoß im Himmel« hinüber, nach dem tiefen Graben hinunter, wo sein Webstuhl stand und sein Weib hauste – da schlug's vom Thurm dreimal. Drei Viertel! Es war noch Zeit.

Conrad wendete sich nach dem Kärnthner-Thore. Dort oben verkehrte er sonst am wenigsten, dort meinte er am sichersten zu sein vor dem Erkanntwerden.

Pfeifer aber, der fanatische Schuster, tappte nun doch ebenfalls im Dunkeln aus der Saugrube heraus – Urban hatte das Licht ausgeblasen und die Hausthür wieder angelehnt, damit das offene Loch nicht verdächtig schreie – und suchte die angelehnte Hausthüre. War das Fleisch denn doch stärker als der wüste Geist, und wollte er bei dieser Gelegenheit die Befreiung mitnehmen? O nein! Er war ein grundehrlicher Fanatiker. Sein Geist war keiner Wendung fähig, er hatte nur einen einzigen Gedanken: sein Glaubensbekenntniß bis zum Aeußersten zu vertreten und so laut als möglich zu verkündigen. Deshalb suchte er jetzt die Thür. Er fand sie, zog sie weit auf und trat hinaus ins Landskrongassel. Es war eine stille finstre Herbstnacht. Er setzte sich auf die Steine am Eingange zum Gefängnisse, und fing mit lauter Stimme an zu singen. Seine Stimme war ein hoher schneidender Tenor, und weithin durch die schweigende Nacht war zu vernehmen, was er sang, Wort für Wort zu vernehmen, denn die Musik war ihm Nebensache, das Wort war ihm die Hauptsache. Er sang:

»Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alt' böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint;
Groß Macht und viel List
Sein' grausam Rüstung ist;
Auf Erd' ist nicht sein's gleichen.«

Wegen langsamer Betonung brauchte er viel Zeit für diesen Vers, und nicht nur die Gäste aus dem Winter-Bierhause, auch immer mehr Leute aus der Nachbarschaft kamen herzu und füllten das Landskrongassel, um zu erfahren, was dieser schneidende Gesang zu bedeuten habe. Es war männiglich bekannt, daß die drei Luther'schen in der Schranne auf den Tod säßen, und der Schuster Pfeifer war auch persönlich Manchem bekannt. Was stellt das vor? Was heißt das? fragte Einer den Andern. Die Thür steht offen! Ist der Schuster ausgestellt vor seinem Tode?

Man nannte ihn wol verrückt. Aber man hielt es nicht für eine gemeine Verrücktheit, sondern ahnte und respectirte ein religiöses Element in dieser Verrücktheit, sowie die Muhamedaner Geisteskranke mit heiliger Scheu ansehen, ja verehren. Es wagte Niemand ihn zu unterbrechen, ihn zu fragen.

Dem Schuster selbst aber war es darum zu thun, ihnen Auskunft zu geben. Als er mit dem Vers zu Ende war, hub er zu sprechen an, halb Erzählung, halb Predigt: wie die Pforte aufgegangen vor ihm, und wie die Fleischeswelt ihn hinaus locke. Der Geist aber widerstrebe, und er erwarte ruhig die Kriegsknechte des Pontius Pilatus, auf daß sie ihn aufhöben und erhöhten an den Galgen, damit er Zeugniß ablege vor dem Sodom Wien von der Macht und Herrlichkeit seines evangelischen Glaubens allen Schächern zum Schrecken, allen Zweifelnden zur Erweckung, allen Erweckten zur Auferbauung. Und jählings fing er wieder an zu singen:

»Mit unsrer Macht ist nichts gethan,
Wir sind gar bald verloren;
Es streit't für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein and'rer Gott!
Das Feld muß er behalten!«

– Macht ein Ende! Werft ihn hinein, den Ketzer! rief eine Stimme aus dem immer dichter werdenden Menschenhaufen.

– Stille! stille! riefen zehn andere.

– Der kaiserliche Rath kommt, Herr Gangelberger kommt! rief es über Alle hinweg von den Tuchlauben her. Macht Platz! Macht Platz!

Pfeifer achtete auf nichts; er strengte seine Stimme nur noch heftiger an und sang schneidend ingrimmig weiter:

»Und wenn die Welt voll Teufel wär,
Und wollt' uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen!
Der Fürst dieser Welt,
Wie sau'r er sich stellt,
Thut er uns doch nichts!
Das macht, er ist gericht't;
Ein Wörtlein kann ihn fällen.«

Jetzt stand Gangelberger mit dem Junker Hans vor dem in Aufregung zitternden Schuster, der immer noch am Boden saß. – Gangelberger ahnte, was vorgegangen; der provisorische Amtsdiener Pudel stand vor seiner Seele. Steh auf! sagte er in strengem Tone zu Pfeifer.

Pfeifer stand auf und sprach in seinem Lutherliede weiter:

»Das Wort sie sollen lassen stahn«

– Hinein!

»Nehm'n sie uns den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Laß fahren dahin!
Sie habens kein'n Gewinn;
Das Reich muß uns doch bleiben.«

– Hinein!

– Hinein und hinauf zu den Cherubim und Seraphim! Gelobt sei Gott in der Höhe! erwiderte schreiend der Schuster und ging ins Richthaus zurück. Gangelberger und Hans dicht hinter ihm.

Die Volksmenge blieb lautlos stehen.

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