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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil. - Kapitel 5
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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16.

Hans ging ohneweiters nach den Zimmern der Frau Amalie. Sie und den alten Grafen Zdenko hatte er unter den »Freunden seiner Gesinnung« verstanden. Der mißtrauisch gewordene Loß hatte leider noch ganz andere Personen dahinter gesucht.

Mit Frau Amalie zunächst wollte sich Hans berathen. Berathen! Eigentlich war der Entschluß schon ganz lebendig in ihm. Er war eben doch ein junger Mann, der zum Theil in der Waffenkunst auferzogen war, der zum Thun und Handeln die Wanderschaft aus der Heimat angetreten hatte. Er war nur aus Gewissenhaftigkeit schwerfällig und zweifelvoll, und Loß gegenüber war er es doppelt, weil er wußte, daß Loß die ganze innere Welt dieser Fragen nicht kannte und nicht zu schätzen wußte. Der Unkenntniß so im Handumkehren, so ohneweiters zuzustimmen, das verwehrte ihm der Stolz auf tieferes Wissen, wenn man es Stolz nennen darf und nicht auch Eitelkeit nennen muß. Sein männliches Naturell an sich war von vornherein für Theilnahme am Kriege gegen die katholische Welt, weil in ihr das Pfaffenthum die herrschende Rolle spiele.

Dennoch wollte er mit dieser Frau berathen, welche ja doch alle die tiefergehenden Plane für eine Gemeinschaft der Kirchen kannte.

Sie wird ihren eigenen Gesichtspunkt haben, und der wird der Rede werth sein! sagte er sich, als er an ihr Vorzimmer anklopfte.

Hans ward angenommen. Frau Amalie saß vor ihrem Schreibtische und legte die Feder weg, als er eintrat.

– Ihr kommt von Loß, der Euch eine Botschaft Thurn's ausgerichtet? redete sie ihn an, als er noch an der Thürschwelle stand.

– Ja. Woher wißt Ihr –?

– Der Reitende für Loß hat auch mir einen Brief mitgebracht aus dem Lager vor Laa. Und zwar von einem Mann, der uns näher steht, als irgend einer der böhmischen Cavaliere, zu denen er nur dem Stande nach gehört, nicht aber der Bildung und Gesinnung nach. Ihr habt ihn nur einmal in Prag gesprochen, er aber erinnert sich Euer. Ich hatte ihm über Euch geschrieben, und er antwortet mir mit dem Reiter Thurn's.

– Wer ist es?

– Wenzel von Budowa.

– Ah!

– Er ist Euch im Gedächtniß geblieben?

– Ja wol! Und zwar als ein überlegener Geist.

– Das ist er. Vielleicht zu sehr, und darum etwas leichten spöttischen Sinnes. Er weiß von der Aufforderung Thurn's an Euch, und schreibt darüber.

– Nun?

– Er räth Euch, rasch zu kommen.

Hans entwickelte nun vor Frau Amalie seinen Gedankengang in ähnlicher Weise, wie er es eben vor Loß gethan: ob es rathsam sei, sich einer vollen Betheiligung hinzugeben für eine Partei, welche ihm in so vielen Punkten mißfiele.

– Ja, entgegnete Frau Amalie nach kurzer Pause. Wißt Ihr, habt Ihr irgendwo eine Partei, die Eurem Sinne mehr entspricht, und die gleichzeitig in der Lage ist, mit großen Mitteln handelnd aufzutreten?

– Nein. Und ich muß eingestehen, daß die Verbreitung unseres kirchlichen Ideals doch nicht ganz und allein dasjenige ist, wozu ich mich berufen glaube durch meine Erziehung und mein Naturell. Ich habe am Ende wenig Anlage zu einem Missionär oder gar zu einem Apostel, wie sehr ich mich auch erwärmen kann für unsere einfache und allgemeine christliche Kirche. Ich bin für die weltlichen Dinge, für Staats- und Kriegsleben vorgebildet worden –

– Und was die Hauptsache ist, fuhr Frau Amalie fort, was steht uns überhaupt für eine Wirksamkeit, für eine Hoffnung bevor, wenn der Kampf gegen Papismus und Jesuitenthum gar nicht begonnen wird?

– Gar keine Wirksamkeit, gar keine Hoffnung.

– Müssen wir nicht also hindurch durch diesen Krieg, obwol wir seine Motive nicht überall lauter finden? Ich bin hierin als Frau eine schlechte Rathgeberin, mein eigentlicher Charakter erschrickt davor, in Unreines zu springen und über Krieg und Zerstörung hinweg das Ideal aus dem Unreinen hinauszutragen wie eine Fahne. Meine weibliche Empfindung schreckt zurück vor den Opfern an Blut und Menschenleben. Aber ich denke mir den Mann anders. Ich denke mir, er ist von der Natur dafür eingerichtet, unempfindlicher zu sein für einen peinlichen Weg und rücksichtsloser einem großen Ziele zuzustreben.

– So ist er auch, und so fühle ich mich.

– Und dann die Einwirkung! Kann man und soll man nicht einwirken, mäßigen und zügeln, oder treiben und drängen auch unter denen, welche in vielen Punkten nicht mit uns einverstanden sind, welche aber doch in einem Hauptpunkte ein gemeinschaftliches Ziel mit uns haben? Ist diese Einwirkung nicht eine heilige Pflicht unserer Bildung?

– Sehr wahr. Ihr bestärkt mich vollständig in meinem Entschlusse. Nur mein verehrungswürdiger Freund und neu gewonnener Vater, der am Rande des Grabes wandelnde Graf Zdenko, macht mich immer wieder unsicher. Wird er nicht wünschen, daß ich seine letzten Tage mit ihm theile? Und wenn er mich hinausläßt, wird er nicht verlangen, daß meine Thätigkeit reineren, höheren Zwecken gewidmet sei? Unsere einfache Kirche allein liegt ihm am Herzen; Krieg und Gewaltthat scheut er.

– Ja wol, und die Schwäche des Alters macht eigennützig. Aber er ist weise: er weiß, daß die Wandlungen der Welt weite und oft gewaltsame Uebergänge brauchen. Er ist weise, und weiß deshalb persönlich zu verzichten für das Ziel seines Geistes und Herzens. Sprecht ihn! Eröffnet es ihm vorsichtig! Wer weiß, ob er nicht noch die Kraft hat, sich uneigennützig zu fassen!

Das Geräusch von lauten Männerstimmen auf dem Vorsaale unterbrach diese Unterhaltung. Die Thür wurde heftig aufgerissen, und herein trat der Freiherr von Jörger, hastig, unruhig, zornig. Er redete laut mit sich selbst in scheltenden, unzusammenhängenden Ausdrücken; erst als er den neben seiner Frau aufstehenden Junker gewahrte, schwieg er sichtlich unangenehm überrascht.

– Was ist denn? fragte Frau Amalie, indem sie sich ebenfalls erhob.

– Was ist?! entgegnete der Freiherr, indem er einen ärgerlichen Blick auf den beiseite tretenden Junker warf und mit langen Schritten umherzugehen begann. Was ist?! Ich sprenge die Versammlung! Ich sage mich los von meinen Standes- und Glaubensgenossen!

– Jörger!

– Ja, ich, der Freiherr von Jörger! Du hörst sie draußen auf dem Vorsaale. Ich habe ihnen meine Meinung gründlich gesagt. Sie machen unsere gute Sache zur Sache einer Rebellion! Nicht unsere Kirche wollen sie sicherstellen, das Erzhaus wollen sie stürzen, den Staat in Trümmer werfen! Dieser Thonradl ist wie toll! Und man stimmt ihm bei! Unser Landesfürst möge morgen bieten was er wolle, man will in trotzigem Schweigen verharren, man will Nichts annehmen, kurz, man will böhmische Rebellion spielen, und dazu stimme ich nicht, stimme ich durchaus nicht! Sie sollen gehen! Mein Haus soll nicht die Stätte einer Staatsverschwörung werden.

– Gut, gut, lieber Jörger, entgegnete sanft Frau Amalie, Du thust Recht daran, Deiner Einsicht und Deinem Gewissen zu folgen. Aber Du bist bekannt als ein Mann von Haltung, Du wirst nichts im Zorne thun, Du wirst den gastfreien Hausherrn, als welcher Du bekannt bist, nicht verleugnen, wirst Deine Gäste nicht hinaus –

– Das hab' ich nicht gethan, und das – werd' ich nicht thun. Ich bin nur weggegangen, um mich einen Augenblick zu sammeln, und weil ein neuer Gast mich zum Aeußersten gebracht –

– Wer denn?

– Czernin ist angekommen aus Prag. Ein Katholik, ein sanfter, sonst so mäßiger und milder Mann! Und selbst dieser –

– Nun?

– Selbst dieser widerspricht mir, und behauptet, es müsse dem Landesfürsten voller Ernst der Landstände gezeigt werden, auch bei uns. Ein Katholik, ein sanfter, gesetzlicher Charakter tritt so auf! Im Handumkehren wird unsere gerechte Religionsfrage in eine politische verwandelt, wird unser Oesterreich in die wilden Bahnen Böhmens und Ungarns geworfen. Die Folgen werden entsetzlich sein!

– Ja, ja, lieber Freund, die Aufgabe wird immer schwerer, weil wir mitten in die kriegerische Handlung hineingerathen. Aber Du wirst Deiner Aufgabe doch Herr werden, ich kenne Dich. Und was Du an Widerstand zu leisten hast, wirst Du zum Gedeihen des Ganzen in nützlicher Weise leisten. Du hast aber ganz Recht: ein Katholik gehört jetzt nicht unter Euch. Lieber Junker, kennt Ihr den Grafen Czernin?

– Ich kenne ihn aus Prag.

– O, dann geht und bittet ihn her zu mir, damit mein Mann einen guten Grund hat, seine Gäste wieder aufzusuchen.

Hans ging hinaus und fand auf dem Vorsaale die Edelleute, welche theils heftig perorirend umhergingen, theils in Gruppen beisammenstanden. Man achtete nicht auf ihn, und er konnte ungestört nach dem Grafen Czernin umherspähen, den er zu erkennen hoffte, obwol er ihn nur selten in Prag gesehen. Als Katholik gehörte Czernin nicht zu den Kreisen, in welchen sich Hans zu Prag bewegt hatte. Aber gerade als Katholik war er für Hans merkwürdig gewesen, weil er mit den protestantischen Cavalieren in gutem Vernehmen blieb und sich auch nach dem Ausbruche des Aufruhrs nicht von ihnen getrennt hatte. Ebenso wenig hatten die protestantischen Cavaliere ihn zurückgewiesen. Im Gegentheile: er war eine beliebte Persönlichkeit durch milde, liebenswürdige Formen, durch Güte des Herzens, durch Bildung, durch wohlwollenden Freisinn in politischen Fragen, ja selbst in der religiösen Frage.

In einer Ecke des Vorsaales stand er, mit einer einzigen Person, und zwar mit Loß, sprechend; ja wol, diese lange, schmale Figur war Czernin, und Hans trat zu ihm, seinen Auftrag ausrichtend.

Graf Czernin, ein feiner Weltmann, war sogleich bereit, dem Rufe einer Dame zu folgen, und versicherte gleichzeitig dem Junker, daß er sich seiner wohl aus Prag erinnere, und daß er sich freue, einen jungen Edelmann näher kennen zu lernen, über welchen seine Freunde ihm so viel Gutes berichtet. Dabei reichte er Hans die Hand und ging mit ihm ins Zimmer der Frau Amalie.

Loß sah ihnen traurig nach. Obwol er selbst ein persönlicher Freund Czernin's war, fand er doch wiederum eine Bestätigung seines Argwohnes darin, daß Hans sich an den einzigen Katholiken dieses ganzen Kreises wendete, und daß dieser Katholik Hans versichern konnte, er sei ihm durch seine »Freunde« längst empfohlen.

Als Hans mit Czernin eintrat bei Frau Amalie, verließ der Freiherr von Jörger eben das Gemach, und zwar würdevoll und ruhig. Er hatte seine Fassung wieder gefunden, ganz wie ihm seine Frau vorhergesagt, und trat nun wieder als höflicher Wirth unter seine zum Aufbruch drängenden Gäste.

Hans wollte gleichfalls das Zimmer verlassen, nachdem er den böhmischen Gast eingeführt, dieser aber selbst bat ihn, gegenwärtig zu bleiben. Es sei gar wohl möglich, daß er den Junker um dessen Mitwirkung ansprechen könnte bei dem Vorhaben, welches ihn, den Grafen Czernin, nach Wien führe.

– Meine Mitwirkung? fragte Hans nicht ohne Staunen.

– Ja wol, die Eure, eines sächsischen Edelmannes, welcher unsere Verhältnisse unbefangener ansieht und gleichsam von einem höheren Gesichtspunkte als meine Landsleute. Das Verhältniß zum deutschen Reiche ist der höhere Gesichtspunkt, welcher uns retten kann vor endlosem Bürgerkriege. In Bezug auf die Kaiserwahl allein wird man in Wien zu grundsätzlicher Nachgiebigkeit sich herbeilassen, und eine solche Nachgiebigkeit zu erreichen, ist der Zweck meiner Reise nach Wien. Räthe des Herrn Erzherzogs Ferdinand, wie Eggenberger und Harrach, sind, ich weiß es, vollständig geneigt, mir behilflich zu sein, und was mir Budowa noch gestern über euch gesagt, lieber Herr Junker, das veranlaßt mich, Euch aufzufordern: Lehnt die kriegerische Berufung zum Grafen Thurn ab, und geht mit mir hinein nach Wien zu Unterhandlungen mit den dortigen Machthabern.

– Budowa? Ich habe ihn ein einziges Mal gesprochen.

– Er kennt Euch doch! Er kommt eben von einer Rundreise in Deutschland zurück, er ist in Weimar gewesen und auch in Dresden, er ist genau über Euren Charakter unterrichtet, sowie über Eure Fähigkeiten. Geht mit mir! Es steht Außerordentliches auf dem Spiele. Können wir die Machthaber in Wien nicht zu großen grundsätzlichen Schritten der Nachgiebigkeit und Versöhnung bewegen – und außer mir will Niemand in Böhmen von solcher Bemühung etwas wissen! – so stehen wir am Eingange eines unabsehbaren Bürgerkrieges durch das ganze weite Kaiserreich. Budowa's Schilderungen setzen mir das außer Zweifel; alle möglichen Antriebe ehrgeiziger und eigennütziger Art stehen auf dem Sprunge, und die Abenteurer kriegerischer und politischer Anmaßung, wie Mansfeld und Anhalt, werden zu Hunderten aus der deutschen Erde wachsen, wenn das Kriegsfeuer unter uns hier erst in vollen Flammen steht, werden einen Zustand neuesten Faustrechts über uns heraufbeschwören, unter welchem Religion jeglicher Art, Staat, Gesittung und wir selbst elendiglich zu Grunde gehen!

Das feine Antlitz des Grafen glühte bei diesen Worten, und die Thränen rollten ihm über die Wangen. Er war ein edler Enthusiast, der vielleicht vom katholischen Standpunkte zu einem milden Ausgleiche der religiösen Streitpunkte ebenso geneigt gewesen wäre, wie Hans und Graf Zdenko und Frau Amalie vom protestantischen. In begabter, warmer Rede führte er seinen Gedankengang weiter aus, und schloß mit der erneuerten dringenden Bitte, Hans möge ihn nach Wien begleiten.

Hans war auf das Angenehmste überrascht von der Bekanntschaft eines solchen Mannes, aber er lehnte ab. Er meinte die Verhältnisse der Machthaber in Wien besser zu kennen, wo der papistische und jesuitische Einfluß alle Versuche zunichte machen werde, und er meinte auch in dem grundguten Wesen des Grafen Czernin eine Weichheit zu entdecken, welche für eine solche Aufgabe am letzten Ende nicht geeignet sei. Der Graf machte ihm den Eindruck, als wollte er Wasser und Feuer versöhnen durch bloße Güte des Herzens.

Nach ruhiger Darlegung seiner Gründe und unter dem Ausdrucke warmer Hochachtung für die Sinnesweise des Grafen lehnte Hans positiv ab und ging.

Er ging über den leergewordenen Vorsaal nach seinem Zimmer. Gerade der sentimentale Eifer des Grafen Czernin hatte ihn in dem Gedanken bestärkt, es seien kriegerische Erfolge nöthig, ehe von Unterhandlungen die Rede sein könne. Ein männlicher Instinct trug ihn hierin, und sein Vorsatz stand nun fest. Nur das Morgengrauen wollte er auf seinem Lager erwarten – denn Schlaf erwartete er nicht – um zu seinem Pflegevater hinaufzueilen in den Wald und diesen um die Erlaubniß zur Abreise nach Laa zu bitten.

Die Kraft der Jugend verfügte anders über ihn. Wie lebhaft anfangs in seinem Geiste die Fragen durcheinander schwirrten über Politik und Krieg, das Herz gewann bald die Oberhand. Die Erinnerung an Ludmilla, an die Scene auf dem Balcon, die schwärmerischen Empfindungen mit all ihrer goldenen Hoffnung hüllten ihn bald in jene Traumwolke, welche uns lieblich emporhebt aus den Sorgnissen der blos verständigen Welt. Er entschlief zu glücklichen Träumen, und als er aufwachte, war es schon heller Tag.

Eiligst warf er sich in die Kleider und eilte hinunter, sein Roß selbst zu satteln. Tartsch aber war schon thätig in dem Morgendienste eines Pferdehüters: er striegelte sorgfältig den Gaul seines Junkers, und war erbaut von der Nachricht, daß er Alles reisefertig machen, und daß es vielleicht schon um Mittag nordwärts hinaufgehen solle ins Hügelland.

Das ausgeruhte Pferd war einverstanden mit der Eile seines Herrn: es flog hinaus durch das Thor und ließ ihm kaum Zeit zu einem Blicke nach den Fenstern neben dem Balcone, hinter denen die Geliebte schlummerte; es griff aus mit allen Kräften und flog hinauf in den Bergwald, der im Morgenschauer geheimnißvoll flüsterte.

Es war nicht zu früh für den alten Herrn. Er stand schon an der offenen Thür, welche zum Fichtenbaum führte, und schaute andächtig über Wiese und Schlucht hinüber in die feinen Morgenschleier, welche langsam niedersanken vor den Strahlen der steigenden Sonne. Langsam, lächelnd, gefaßt wendete er sich dem eintretenden Hans entgegen, und sagte mit milder Stimme:

– Du kommst Abschied nehmen, mein Sohn, ich ahne es.

– Wie?!

– Ich weiß es ja, wie das Leben den kräftigen Menschen mit hundert Armen ergreift, und wie das Alter zur Entsagung bestimmt ist. Es ist auch nöthig so. Ich darf Dich nicht einfangen in engen Raum und in thatenlosen Gedankenkreis. Selbst unser liebstes Werk, die Erweiterung der Religion, kannst Du nur befördern, wenn Du handelnd mit Menschen verkehrst. Ich sah es kommen, als Du gestern aus jener Thür hinausschrittest. Es war eine schmerzliche Stunde für mich; sie ist überstanden. Dort hab' ich Dir Geldmittel zurechtgelegt, dort auf dem Tische. Verwahre sie so gut Du kannst; nimm Deinen Diener dabei zu Hilfe, denn Du wirst in stürmische Lagen gerathen! Und nun setze Dich zu mir, damit ich Dir Namen und Anknüpfungen nenne aus unserem Religionskreise. Du wirst sie aufsuchen und wirst in unserem Sinne wirken. Und sende mir Botschaft, so oft Du kannst. Sende sie an meinen Bruder Dunstan in der Schotten-Abtei. Komm'! Reich' mir die Hand! Setze Dich zu mir, und erzähle mir, was Du vorhast, was Du denkst, was Du hoffst. Dann werd' ich Dir – für den doch möglichen Fall eines Nichtwiedersehens –

– Oh!

– Sieh auf den hinfälligen Greis, wie rasch kann er völlig dahinfallen! Also dann werd' ich Dir meinen letzten Willen einhändigen, den ich gestern in einer Zeile niedergeschrieben habe – man kann nicht wissen, ob er Dir nicht einmal auch als bürgerliches Document nöthig sein könne! – und werde Dir den Ort zeigen, wo die eiserne Kiste mit meinem Golde verwahrt liegt, das Du benützen magst zu Deinem Wohlergehen und zum Gedeihen unserer religiösen Wünsche. Schau' nicht traurig drein! Ich leide weniger als Du glaubst; meine Seele ist schon abgestumpft durch die Schwäche meiner sinnlichen Kräfte. Erzähle, sprich!

Hans berichtete zunächst, daß ein Wiedersehen so ferne nicht stünde. Er gehe ja zum böhmischen Kriegsheere, das vielleicht schon in einigen Tagen vor Wien erschiene. Dann sei es ihm ja leicht, ab und zu heraufzukommen, und seinen geliebten Pflegevater zu sehen. Dann erzählte er ihm die Vorgänge, Gespräche und Gedanken, welche ihn auf dem Hernalser Schlosse in Anspruch genommen, und unter welchen Kämpfen er seinen Entschluß gefaßt. Die Scene auf dem Balcone erwähnte er indessen sehr kurz und oberflächlich, zum Theil darum, weil er zu wissen glaubte, daß der alte Herr dieser Herzensneigung nicht fröhlich zustimmen mochte.

Außerdem wurde er gestört: vor dem Fenster draußen erschien das Maulthier des Pater Dunstan mit seinem Reiter, und Pater Dunstan trat ein. Nicht zur guten Stunde für Hans. Denn die Absicht des alten Grafen, seinem Pflegesohne die Goldkiste zu zeigen und den letzten Willen einzuhändigen, gerieth dadurch in Vergessenheit, daß die Aufmerksamkeit des alten Mannes auf andere Gegenstände gelenkt wurde.

Vergeßlichkeit für das Nächste ist ja eine stete Begleiterin des Greisenalters.

Pater Dunstan kam mit bestimmten Vorschlägen zur Veränderung des Aufenthalts. Die Umgegend Wiens werde binnen Kurzem mit Kriegsvolk bedeckt sein. Mehr oder minder sei das stets räuberisch. Es sei nun rathsam für Zdenko, die Nähe Wiens zu lassen. Auch sei die neue Wohnung für ihn ausfindig gemacht. Zu Altenburg bei Horn habe der Benedictinerorden ein armes Stift, Sanct-Lamberts-Stift genannt, welches für den vorliegenden Zweck geeignet wäre. Gerade weil es im Rufe der Armuth stehe, erscheine es ganz besonders passend, denn es locke kein Kriegsvolk an, auch wenn solches im Laufe des Krieges jene Gegend berührte. In wenigen Tagen werde eine Sänfte bereit sein für Zdenko, und Frachtwagen, von zuverlässigen Klosterknechten geführt, für die Fortschaffung der Kiste würden ebenfalls herbeigeschafft werden. Er selbst werde den Zug geleiten.

– Und ich geleite ihn ebenfalls! sagte Hans.

– Nein, nein, nein! rief Graf Zdenko, heftiger als sonst seine Art war. Nicht da hinauf in jene dürftige Gegend, wo der Krieg sich länger herumtummeln wird als hier! Nicht mehr wechseln und wandern, nicht mehr neu anfangen! Ich kann nicht mehr, und ich will nicht. Ich will eher ausathmen und endigen, als neuen Anstrengungen und Entbehrungen ausgesetzt werden, welche ich beide nicht mehr ertrage. Die letzten Wochen mit all ihren Aufregungen, und der Kampf seit gestern, den Hans fortzulassen, haben mich zum Aeußersten erschöpft. Laßt mich, Freunde, laßt mich!

Dunstan machte Hans ein Zeichen, für den Augenblick abzustehen.

Er kannte seinen alten Freund, und sagte ihm öfters nach, daß er auch im höchsten Alter noch etwas vom eigensinnigen Herrensohne aus dem väterlichen Schlosse in sich trage.

Und Graf Zdenko war wirklich heute eigensinnig, wie junge Herrensöhne und überreizte Greise zu sein pflegen. Er drängte selbst seinen Liebling Hans zu schleuniger Abreise, weil er ihn dann um so früher wiedersehen werde, und besser, besser als jetzt – ich meine nicht Dich, mein Sohn, Du bist ja gut; ich meine mich. Ich leide heute peinlich unter den angeerbten Fehlern der Creatur, die man zurückdrängen, aber nicht vertilgen kann. Alle meine Knabenfehler bellen heute in mir, dem alten Manne, und quälen Euch, quälen mich. Laßt mich allein! Und wenn Du wirklich hoffen darfst, mich wiederzusehen, Hans –

– Vielleicht schon in dreien Tagen ist das Heer an der Donau!

– Nun, dann eile zu mir herauf! Vielleicht bin ich dann erläutert und empfänglicher für Eure Rathschläge, auch für die Deinen, Dunstan, der Du eben stärker bist als ich. – Da steht ja noch der Beutel, Hans, steck' ihn doch ein! Und das Blatt Papier mit meinem letzten Willen, wo ist es denn? Da, da!

– Mit Deinem letzten Willen? fragte Dunstan, und nahm das Blatt und las es.

– Wozu das, Dunstan, wozu das? Gieb's ihm! eiferte der Graf, und sein Wesen wurde immer hastiger und ungeduldiger.

Seine Nerven schienen wirklich zum Zerspringen gespannt.

– Wozu? sagte Pater Dunstan. Zum Besten Deines Pflegesohnes da, der in Gefahr und Krieg hinausgeht, und bei dem ein so wichtiges Blatt Papier überaus schlecht aufgehoben ist. Ich will es an mich nehmen, lieber Hans –

– Nein, nein! rief Graf Zdenko.

– Und will es niederlegen unter Umschlag und Aufschrift bei dem Bibliothekar unserer Abtei, wollt Ihr? Mit einem Motto versehen! Mit dem Motto: »Alter schützt vor Thorheit nicht!« Wenn Ihr das Motto nennt, so wird es Euch eingehändigt, falls von uns Niemand mehr leben sollte. So ist es sichergestellt, wenigstens tausendmal sicherer, als in Eurer Tasche oder Eurem Reitergepäck. Wollt Ihr?

– Ich will, und danke Euch! entgegnete Hans.

Kaum hatte er dies gesprochen, da sank der alte Graf mit einem schmerzhaften Seufzer in den Sessel. Er schien bewußtlos zu sein, und der willenlos gewordene Körper drohte an die Erde zu gleiten.

Hans sprang hinzu, und Dunstan rief mit starker, fester Stimme nach Tschirill. Tschirill flog herbei und als er seines Herrn ansichtig geworden, stürzte er nach Wasser. Mit diesem wusch er Stirn und Haupt des ohnmächtigen Greises.

– Aengstigt Euch nicht, Hans, sprach Dunstan mit gedämpftem Tone, das begegnet ihm öfter, wenn ihm zu viel zugemuthet worden ist. Das Nervenleben ist von Jugend auf das reizbarste in ihm gewesen; aber es tödtet ihn keine solche Krisis, im Gegentheil! Er versinkt dann in tiefen Schlaf, und erwacht gekräftigt. Warten wir nur ab, bis er die Augen wieder aufschlägt, und dann gehen wir. Er braucht dann einen langen Schlaf, und wenn er frisch erwacht, dann martert ihn tagelang die Reue, daß er seiner natürlichen Fehler nicht Herr werden kann bis an den Rand des Grabes. Unser braver Freund meint immer noch, wir könnten uns der Eigenschaften entäußern, welche unsere persönliche Lebenskraft bilden in unauflöslicher Mischung. In den nächsten Tagen also ist es ihm nöthig, ganz allein zu bleiben. Ich treffe in den nächsten Tagen trotz seines Widerspruchs alle Vorkehrungen zu seiner Uebersiedlung, wenn ich sie auch vielleicht nicht bewerkstelligen kann ohne seinen zustimmenden Willen. Immerhin ist es gut, daß sie bereit gehalten werden für den Fall dringender Noth. Seht Ihr, da schlägt er die Augen auf! Nöthigt ihn nicht zum Sprechen! Drückt ihm die Hand, und gehen wir!

So geschah es. Hans selbst wurde in der Aufgeregtheit nicht inne, daß er den Ort nicht erfahren hätte, an welchem die Goldkiste verborgen sei. Erst als er vor dem Hernalser Schlosse Abschied nahm von Dunstan, und dieser ihm noch Notizen angab über die Mittel und Wege der Benachrichtigung, wenn Wien wirklich eingeschlossen und belagert werden sollte, erst da fiel es ihm ein, und er war im Begriff, Dunstan danach zu fragen. Aber eine falsche Scham in ihm drängte die Frage zurück. Er erinnerte sich, daß Dunstan von vornherein mißtrauisch gegen ihn gewesen, er wollte deshalb jetzt nicht zeigen, daß ihm das Gold des Pflegevaters im Sinne liege. Er schied von Dunstan, ohne die Frage ausgesprochen zu haben.

Wie schlug sein Herz, als er in den Hernalser Hof einritt! Einer entscheidenden Zusammenkunft mit Ludmilla meinte er entgegenzugehen. Abschied nehmen wollte er freilich, denn noch im Laufe des Tages wollte er gegen Laa hinauf; aber vor dem Abschiede wollte er der Geliebten fröhlich sein Herz erklären, offen und rückhaltlos, und wenn sie seinem Geständnisse offen entgegenkäme, wie er hoffen durfte, dann wollte er vor Papa Loß hintreten und sagen: Ich reite noch heute zu dem Kriegsheer der Deinen, um ihm Kopf und Hand zu widmen; ich liebe deine Tochter, sie liebt mich wieder, ich bin auch kein armer Junker mehr, versprich mir die Hand deines Kindes.

Also denkend und in glücklicher Stimmung stieg er vom Pferde. Zu seiner Verwunderung zeigte sich kein Diener und kein Knecht. Er führte sein Roß selbst nach dem Stalle und rief nach Tartsch. Tartsch war da und meldete ihm, daß darum Alles so still im Hofe wäre, weil die Freiherren beide mit all ihren Dienern und Knechten nach Wien hineingeritten seien. Dort versammle sich der Landtag in großer Zurüstung, der Erzherzog werde in Person erscheinen und die Huldigung verlangen von den Cavalieren. Der Hausherr Jörger sei für die Huldigung, der Freiherr von Loß sei gegen dieselbe. So hätten die Knechte erzählt, und der Herr Candidat hätte im Vorbeigehen bemerkt: fast alle evangelischen Cavaliere seien gegen diese Huldigung, und heut' werde sich's entscheiden, ob ein papistischer Fürst wieder über Oesterreich herrschen solle oder nicht. Alle Welt sei sehr gespannt, und man erwarte, daß die Huldigung nicht bewilligt werde, denn der protestantischen Cavaliere seien viel mehr als der katholischen.

Hans hatte während dieser Berichterstattung den Lederbeutel aus der Satteltasche gezogen, und hundert Goldstücke abgezählt. Die gab er Tartsch mit dem Auftrage, sie gut zu verwahren. Tartsch traute seinen Augen nicht. Hundert Goldstücke waren in damaliger Zeit eine außerordentliche Summe, und er sah deutlich, daß sein Junker wol noch ebenso viel in dem ledernen Säcklein zurückbehielt. Der fast erschrockene Diener verstand es kaum, daß er Pferde und Gepäck sorgfältig rüsten sollte, in ein paar Stunden ritten sie von dannen. –

Hans schritt auf den Eingang des Schlosses zu. Da sah er Spath innen am Fenster der Gesindestube, blieb stehen und winkte ihn zu sich. Ein junger Mann voll glücklicher Hoffnungen, welcher zum ersten Male ungezählte Goldstücke in seinem Besitze hat, ist die Freigebigkeit selbst.

– Lieber Spath, sprach der Junker halblaut zu dem herantretenden Gärtner, ich ziehe fort und möchte gern, daß Ihr meinen Pflegevater, den alten Herrn Grafen oben, behüten und beschützen hälfet, so weit Ihr könnt. Und Ihr seid aufmerksam und besonnen, Ihr könnt viel. Ihr habt da oben auch etwas, was Euch am Herzen liegt – verleugnet's nicht, ich hab's wol bemerkt, erst vorgestern Abends wieder, als die Herrschaften aufbrachen, und Ihr im Hausflur hinter der Thür dem Nandl noch etwas zu sagen hattet – Ihr braucht Euch nicht zu schämen! Nehmt getrost da einige Goldstücke. Vielleicht sind sie Euch förderlich beim strengen Golling, wenn's zur Einrichtung einer kleinen eigenen Wirtschaft für Euch kommt. Laßt's gut sein! Mich selbst freut's ebenso wie Euch, daß ich etwas für Euch thun kann, und wenn's der Himmel will, daß wir da oben heil aus dem jetzt entstehenden Tumulte hervorgehen, so wird mein Pflegevater noch gründlicher für Euch sorgen. Liebt ihn dafür und seid ihm zur Hand. Und jetzt sagt mir noch: Ist Fräulein Ludmilla vielleicht im Garten?

– Nein, gnädiger Junker, sie ist ja nach Wien.

– Nach Wien?!

– Ja doch! Der Herr Vater hat sie mitgenommen.

Hans schwieg. Das war eine Enttäuschung. – Er fragte erst nach einer Pause, ob die Frau von Jörger auch mit hinein sei.

– Nein, die ist ganz allein zu Hause. Wie soll ich Euch aber, lieber Herr Junker –?

– Du hast mir schon gedankt. Trachte, glücklich zu werden.

Langsam stieg er hinauf zu Frau Amalie. Da erfuhr er Schlimmeres. Loß hatte ihr unumwunden gesagt, daß er sein Mädchen mit in die Stadt nähme, damit sie der Begegnung des sächsischen Junkers entzogen werde. Er wünsche nicht, daß sich ein näheres Verhältniß mit ihm entwickle. Warum? Dazu habe er nur den Kopf geschüttelt.

Frau Amalie war ebenfalls nicht eingenommen für die Neigung Hansens zu Ludmilla; sie zeigte also kein Interesse, näher auf die Sache einzugehen, sondern fing an von Budowa zu sprechen, an welchen sie ein paar Zeilen geschrieben, welche den Junker noch besonders seiner Theilnahme empfehlen sollten. Diese übergab sie ihm, und ermunterte ihn übrigens zur Eile. Die wichtige Entscheidung, welche heute in Wien gefällt werde – die Stände würden die Huldigung ablehnen – sei ganz geeignet, auf die Katholischen einen niederschlagenden und lähmenden Eindruck zu machen. Je früher also Thurn an der Donau erschiene, desto mächtiger werde sein Erscheinen wirken.

– Sagt ihm das von mir, und zieht mit Gott zu der Bestimmung, die Euch jetzt wirklich obliegt. Sind die Dinge erst zu einem Resultate gediehen, dann kommt auch die Zeit, lieber Junker, uns mit unseren häuslichen und Herzensangelegenheiten zu beschäftigen. Sie wird nicht ausbleiben, wenn Jeder von seiner Seite kräftig handelt.

– Noch Eines! rief sie dem Scheidenden nach. Czernin ist wirklich nach Wien hinein, obwol er zu den böhmischen Rebellen gezählt wird, und beharrt darauf, Eure Thätigkeit als Vermittler in Anspruch zu nehmen. Seid auf Eurer Hut! Czernin ist ein sehr guter Mann, aber auch ein sehr sanguinischer Mann, der sich nur zu leicht in Hoffnungsseligkeit berauscht. – Auf baldig' Wiedersehen!

Betroffen stieg Hans aufs Roß, und ritt auf schmalem Nebenwege über die Hügel von Pötzleinsdorf und Grinzing nach Nußdorf hinüber an die Donau. Er konnte nicht die große Donaubrücke benützen, weil er es nicht wagen mochte, durch Wien hindurchzureiten. Auf einer Holzplätte, wie deren vom oberen Lande zahlreich die Donau herabgeflößt und »Tschaiken« genannt wurden, ließ er sich oberhalb Nußdorf über den Strom setzen. Durch Erlen- und Espengehölz hindurch, welches das linke Donauufer tief einsäumte, erreichte er das freie Feld zwischen dem Spitz und Jedlersee, und befand sich also unversehens wieder an der Stelle, wo er vor einigen Wochen stillgehalten und zum ersten Male den Stephansthurm gesehen hatte. Er hielt wieder still. Welch ein Wechsel seines Schicksals seit jener Zeit!

Nordostwärts über Strebersdorf und Stammersdorf ritt er auf Feldwegen weiter. Hinter Stammersdorf hoffte er die nach Norden aufsteigende Heerstraße nach Brünn zu finden. Er erkannte sie schon von weitem an den Reiterkarawanen, welche sie belebten. Deputationen von allen Parteien des Landes und von den meisten Ortschaften am linken Ufer des Wiener Beckens zogen nach Laa hinauf, oder kehrten von da zurück. Jede Partei wollte ihr Verhältniß feststellen mit dem böhmischen Heere, jede Ortschaft wollte dem Schutze des Grafen Thurn empfohlen sein, denn vor Gewalt und Raub hatte jeder Ort zu zittern.

Hier hinter Stammersdorf erhebt sich das Land in sanfter Anhöhe über das Wiener Becken. Der Bisamberg streicht bis hieher, und senkt sich in das weite Marchfeld, welches am fernen Osten begrenzt wird durch die kleinen Karpathen.

Ein hoher Eichenwald zog sich damals vom Bisamberge herab ins Marchfeld, und hier auf der Anhöhe lag ein Jägerhaus.

Noch heute ist ein Theil des gelichteten Waldes vorhanden, und die im Freien stehenden wenigen Häuser heißen das Jagdrendezvous. Hier hielt der Junker Hans eine kurze Weile und blickte auf die weite Mulde zurück, in welcher das alte Wien liegt, hoch vom »Stephan« beherrscht, der immer höher zu wachsen scheint, je mehr man sich von Wien entfernt. Der helle Frühlingsmorgen zeichnete in recht deutlichen Umrissen die fernen und nahen Gebirge, durch welche dem Wiener Lande der Charakter eines Beckens oder einer Mulde verliehen wird: ganz nahe im Nordwesten der Wiener Wald, fern im Südwesten die Alpe des Schneeberges, und an diese südlich sich andrängend der Semmering und das Leithagebirge, niedrig und lieblich bis an die Donau heranziehend. Hans, im Anschauen und in Gedanken vertieft, wurde nicht gewahr, daß ein Klepper an ihm vorüberkeuchte, und daß der Reiter desselben ihn scheu angeschaut und dann hastig das Angesicht von ihm abgewendet hatte. Tartsch war abgestiegen, um das Gepäck fester zu schnallen, und auch er hatte es nicht bemerkt, daß der Reiter des Kleppers niemand anders war als Medardo, die »rothe Feder«, welcher heute in der Morgendämmerung aus dem Hauptquartier Thurn's in Tassowicz bei Laa entwischt war, und jetzt im abgerissensten Zustande nach Wien hinabhastete.

Ohne Arg ritt der Junker auf der Hochebene fort, welche hinter dem Jagdrendezvous bis Eibesbrunn in flachen, mageren Feldern sich ausdehnt. Sie ist gegen Norden und Westen von den anderen Ausläufern des Bisamberges wie von einer Mauer halbkreisförmig eingerahmt. Hans beobachtete aufmerksam diese aufsteigende Bildung des Erdbodens neben der immer offenen Fläche des Marchfeldes gegen Osten, weil er sich klar machen wollte, wie ein Kriegsheer da herabziehen, und was es für Hindernisse finden könne.

– Wenig oder gar keine, sagte er leise vor sich hin, bis zu jener zweiten Terrasse, welche vor mir liegt.

Er meinte die Höhen hinter Wolkersdorf, welche mit weiten Wäldern bedeckt waren, und welche jetzt noch den meilenweiten Wald der »Hochleiten« tragen.

– Hier herab, setzte er hinzu, bis an die Donau hemmt nichts den Heereszug der Böhmen, auch wenn das kaiserliche Feldvolk, welches bei Budweis steht, in Eilmärschen am Strom herunterzieht. Wien, du kannst in wenig Tagen den Feind vor deinen Basteien sehen!

Dies vor sich hinsprechend, gab er seinem Roß die Sporen. Die Landschaft hatte ihn in dem Gedanken bestärkt, daß Thurn rasch herabrücken solle. Der weitere Verlauf des Weges über Ulrichskirchen und Mistelbach bestärkte ihn in dem Gedanken. Das gelbe Land, von Sand- und Lehmboden gebildet, bleibt zwar einige Stunden weit bergig und zeigt tiefe Thäler, aber die Heerstraße zieht immer über die Kämme und giebt dem von Norden kommenden Kriegszuge die Ueberlegenheit.

Unter diesen Beobachtungen, die er dem Feldherrn ausführlich mittheilen wollte, vergaß er die Sorgen seines Geistes und Herzens, der Kriegsmann war vollständig in ihm erwacht, und er, welcher noch vierundzwanzig Stunden früher zweifelhaft gewesen war, ob er sich betheiligen solle in diesem Kriege, war jetzt voller Ungeduld, dem Grafen Thurn zuzurufen: Auf, auf, unbedenklich und sogleich gegen Wien!

Er hatte allerdings Wien in einem schwachen Zustande gefunden, schwach an Kriegsleuten, schwach an Macht und Ansehen der Regierung. Gerade heute sollte im Landhause in der Herrengasse entschieden werden, ob die Regierung auch nur einigermaßen auf die »Herren« in Niederösterreich zählen könne.

Die Herrengasse war angefüllt mit Reitpferden, welche umhergeführt wurden von den Dienern, so weit es der enge Straßenraum zuließ. Hinter dem Gitter, welches die damaligen Landhausgebäude von der Straße abschloß, hielten in dem kleinen Vorhofe die stattlich aufgeschirrten Rosse des Königs, wie ihn die Seinigen nannten, des Erzherzogs, wie er von den Gegnern geheißen wurde. Er war mit kleinem Gefolge zu Pferd herübergekommen von der Burg, und war soeben in die Landstube eingetreten, um den Vertretern des Landes einen Vortrag zu halten.

– Er soll sehr mild und versöhnlich sein dieser Vortrag, sagte ein kleiner Mann, welcher sich in den Männergruppen im Strauchgassel umherbewegte.

Das Strauchgassel, welches damals wie heute in die Herrengasse beim Landhause mündete, war damals sehr dürftig und unsauber. Es war sogar nicht frei von Misthaufen, denn der kleine Mann, sehr zierlichen Aussehens, machte graziöse Anstrengungen, diese Haufen sorgfältig zu umgehen, indem er sich von einer Gruppe zur andern schlängelte. Das war erreichbar, denn der Gruppen waren nicht viele.

Die Theilnahme Wiens an dem politischen Ereignisse war eine geringe. Die »Herren« nur beschäftigten sich damals mit Politik, der Bürgersmann stand ihr fern, und Leute wie Raschmacher Urban, welcher denn auch hier nicht fehlte, machten eine Ausnahme.

Der kleine zierliche Mann unterhielt sich auch mit dem Raschmacher Urban, aber nicht in dem Tone, welchen er eben angeschlagen, nicht von der Milde und Versöhnlichkeit des Fürsten sprach er zu diesem, sondern von der Nutzlosigkeit des Vorganges da drüben im Landhause sprach er dem Raschmacher.

Der Raschmacher Urban blickte schweigend auf das zierliche, in lichtblaues Tuch sehr sauber gekleidete Männchen, schweigend und nicht ohne bedenkliches, nach Hohn schmeckendes Lächeln. Das höhnische Lächeln schien indessen nicht dem lichtblauen Männchen zu gelten, welches er unbefangen »Herr Tocke« nannte, sondern dem politischen Vorgange.

Herr Tocke verweilte denn auch nicht bei allgemeinen Dingen, sondern flüsterte dem Raschmacher zu, daß er heut Morgens den wackeren Candidaten, Herrn Götzinger, in Hernals gesprochen, und nur Tröstliches über die Stimmung der »Protestantischen« vernommen habe. Die Versammlung draußen sei gestern ganz einig geworden, und man fühle sich so herrschsam, daß sich heute Alles nach Wien hereingewagt habe, was zu anderer Zeit Verhaftung zu fürchten gehabt hätte.

– Wer denn? fragte Urban.

– An der Spitze ein böhmischer Herr, der eigentlich zu den sogenannten Rebellen gehört – nein, zwei sogar: der Graf Czernin und der Freiherr von Loß. Da drüben vor Harrach's Hause könnt Ihr noch ihre Wagen und Pferde sehen. Bei Harrach's sind sie abgestiegen, durch Harrach will Czernin Unterhandlungen anknüpfen mit den Geheimräthen des Erzherzogs, oder in seinem Sinne des Königs, denn ich glaube, Czernin nennt ihn noch König. Auch der schlesische Junker, Mitzlau glaub' ich heißt er, ist da oben, und macht den Frauenzimmern die Cour. Herr Götzinger sagt, dieser schöne junge Mann sei erst kürzlich übergetreten zu den Protestanten, und noch obenein zu den Calvinern. Kommt aber doch fröhlich herein! Ja, Gevatter Urban, nun geht's weiter!

– 's ist Zeit! knirschte Urban.

Er schien keine besondere Zärtlichkeit zu hegen für das weiterschreitende Männlein, den Herrn Tocke, aber doch auch kein Mißtrauen.

Hätte er ihm nachgehen mögen, so wäre wol das Mißtrauen erwacht gegen den gefälligen jungen Mann, welcher erst seit einigen Monaten in Wien gesehen wurde, und welcher sich gegen Jedermann zuvorkommend und angenehm erwies. Er galt für einen Kunstfreund aus der Lausitz, wol auch für einen Künstler. Man erzählte, er male sehr schön und kaufe Bilder, denn er sei sehr wohlhabend. Deshalb verkehre er in allen großen Häusern, die Bildersammlungen besäßen. Bei den Vornehmen frage man nicht nach seinem Glauben, weil er sich nur um Kunst bekümmere, und die sei doch katholisch. Bei den gemeinen Leuten war er aus der Lausitz, die eben lutherisch sei, und die Lutherischen hätten ja in ihren Kirchen noch Bilder; Doctor Luther habe auch eine Liebhaberei dafür gehabt.

Herr Tocke schritt über den Hof nach dem Graben zu. Dort begegnete ihm in der Gegend des Peilerthores der hinkende Brémont. Tocke schien mit seinen kleinen lichtblauen Augen sehr scharf zu sehen, wenigstens schien er den alten Soldaten aus der Entfernung schon zu erkennen und die Begegnung vermeiden zu wollen. Er schlüpfte behende in eine offene Hausthür der Bognergasse. Brémont war aber gewiß weitsichtig, und hatte ihn ebenfalls erkannt. Er trat in dieselbe Hausthür.

Nach etwa fünf Minuten kam Herr Tocke wieder heraus. Sein Gesicht lächelte unverändert, aber die Richtung seines Weges schien eine Aenderung erfahren zu haben: er ging nach dem Hofe zurück und wendete sich nach dem Judenplatze und über Maria-Stiegen nach dem Salzgries hinunter. Dort trat er in den »weißen Löwen«.

Hier saß Medardo, die »rothe Feder«, und stärkte sich mit einer Mahlzeit, welche für den kleinen magern Mann auffallend stoffartig erschien. Sie that ihm noth; man hatte ihn in der böhmischen Gefangenschaft verzweifelt kurz gehalten, und der Fluchtritt von Laa herunter nach Wien hatte seine untergrabenen Kräfte erschöpft. Er hatte deshalb seinen Klepper sofort nach diesem Gasthofe gelenkt, um sich aufzufrischen, und dann erst an die abgerissene Kleidung und an die Meldung bei seinen Vorgesetzten zu denken.

Der Sinn für Vorsicht war ihm indeß trotz aller Erschöpfung treugeblieben: als er Herrn Tocke auf sich zukommen sah, schüttelte er rasch den Kopf und deutete mit der Gabel seitwärts.

Herr Tocke verstand das und grüßte höflich nach dem Tischchen im Fenster. Dort verzehrte nämlich noch Jemand seine Mahlzeit, und ohne sich weiter um Medardo zu kümmern, näherte sich Herr Tocke dem Fenster und erkundigte sich unter dem verbindlichsten Lächeln nach dem Wohlbefinden des Herrn Rathes.

Dieser Herr Rath war Gangelberger. Er war in feierlicher Kleidung, und speiste heute vor seiner gewöhnlichen Speisestunde. Er wollte nach der Burg. In Folge der damaligen nächtlichen Scene mit Odontius, als Kaiser Mathias aus dieser Welt geschieden, war er dem wichtigsten Minister, dem Grafen Eggenberg, nahegekommen und hatte dessen Vertrauen gewonnen. Graf Eggenberg hatte ihn denn auch heute rufen lassen. Unmittelbar von seiner Mahlzeit wollte Gangelberger hinauf in die Antecamera, wohin er beschieden war. Er hatte deshalb weder Zeit noch Neigung, sich des Breiteren mit Herrn Tocke einzulassen, welcher um Erlaubniß bat, in der Nähe des Herrn Rathes seinen Imbiß einzunehmen.

Gangelberger nickte artig mit dem Haupte. Er hatte nichts einzuwenden gegen die Nähe des hellblonden Köpfchens, welches mit fein geröthetem Antlitze lächelnd in die Welt hineinsah, denn er wußte nichts weiter von ihm, als daß das Männlein sich mit der Malerkunst beschäftige.

Gangelberger war ein Freund und Kenner der Künste, er hörte gern Musik, er sah gern ein gutes Bild, und fragte also, ohne im Essen innezuhalten, ob irgendwo ein neues Bild zu sehen sei.

– Ja, verehrungswürdiger Herr kaiserlicher Rath, ja! Unser leutseliger Mäcen, der Herr Baron von Harrach, hat einen Lucas Cranach erworben und in seinem Gesellschaftszimmer aufgestellt. Man streitet, ob dieses Bild trocken und nüchtern genannt werden dürfe, oder respectabel. Die Frage gilt für wichtig, weil die religiöse Anschauung hineinspielt und Lucas Cranach der lutherische Maler genannt wird. Ich wäre wol begierig, ein Urtheil des Herrn kaiserlichen Raths darüber zu vernehmen.

– Wäre von keiner Bedeutung – liebe zu sehr die Farbe, als daß ich – gegen Cranach gerecht sein könnte! erwiderte in Pausen Gangelberger.

Er schluckte dazwischen die letzten Bissen, trank seinen letzten Schluck und erhob sich zum Fortgehen. Stumm und höflich Herrn Tocke grüßend, blieb er bei der »rothen Feder« einen Augenblick stehen und sagte halblaut:

– Gratulire also zur Befreiung und erwarte Euch zu weiterem Rapport. In den ersten Abendstunden pfleg' ich allein zu sein auf der Schranne. Addio!

So ging er.

Tocke und Medardo sahen einander schweigend an. Erst als Frau Riedl nach sorgfältiger Verabschiedung vom Herrn Rath die übrigens leere Gaststube auf einen Augenblick verlassen hatte, sprach Medardo halblaut:

– Vor Eintritt der Dämmerung komm' ich ins Collegium und erstatte Bericht!

Frau Riedl trat wirklich schon wieder ein, und Herr Tocke berichtigte die Zeche für seinen kleinen Imbiß, indem er nicht unterließ, ihr gutes Aussehen zu preisen und sich nach dem Wohlbefinden ihres allerliebsten Töchterleins zu erkundigen. Dann ging auch er unter schalkhaften Abschiedsworten.

Er eilte die Fischerstiege hinauf und hätte beinahe den Rath Gangelberger wieder eingeholt, welcher langsam und, wie es schien, in tiefen Gedanken das steile Gäßchen hinaufstieg. Das war aber nicht Tocke's Absicht. Oben angekommen, wendete er sich links nach dem Hohen Markte zu, während Gangelberger neben dem Salvatorkirchlein in den Durchgang eintrat, der auch damals schon in die Wipplingergasse hinüberleitete. Der sorgenvolle kaiserliche Rath – die politischen Zustände belasteten sein patriotisches Herz – nahm den geraden Weg durchs Jordan- und Schultergäßchen, durch die Tuchlauben, die Spänglergasse, das Peilerthor und den Kohlenmarkt hinauf nach der Burg.

Auf dem weiten Raume zwischen der Burg und dem Cillihofe lag die Frühjahrssonne wie ein goldenes Meer. Die Luft war still und heiß. Kein Mensch war zu sehen außer der Schildwacht, die oben auf der Burgbastei im Schatten lehnte.

Er ging über die Brücke in den Schweizerhof hinein, und stieg die Treppe rechts hinauf nach den Vorzimmern des Königs. Für ihn war er König, und hoffentlich bald Kaiser. Hoffentlich! Gangelberger empfand, daß es einer starken Hoffnung bedürfe, und seufzte.

Als er in das erste Vorzimmer trat, sah er zu seinem Erstaunen zwei schwarzbärtige wilde Gestalten an der Seitenwand auf- und niedergehen. Ihre Säbel und Sporen klirrten schrill, vielleicht nur darum schrill, weil man an diesem Orte an solches Geräusch nicht gewöhnt war. Es sind Ungarn! sagte sich Gangelberger und dachte unwillkürlich an die Odontius-Scene drüben in der Stallburg. Er dachte ferner daran, daß man doch eigentlich dies weite Reich im Süden zu sehr aus aller Berechnung lasse für die Sache des Königs. Des Königs! Er sei ja doch auch erblicher König von Ungarn, und doch spreche Niemand von der dortigen Krönung! – Von neuem seufzend schritt er nach dem zweiten Vorzimmer, der eigentlichen Antecamera, und im Dahinschreiten gestand er sich ein, daß man nur zu guten Grund habe, das ungarische Reich aus aller Berechnung zu lassen. Es war eben nicht zu berechnen, in Nichts zu berechnen. Wilde Parteiungen beherrschten es, lähmten es, zerrissen es. Es gab dort keinen Strom der Absichten, sondern nur Wildbäche, die plötzlich unter einem Gewitter zu überfluthenden Strömen anschwollen, Tags darauf aber wieder versiegten.

In der Antecamera harrten die Geheimräthe auf die Rückkehr des Königs. Nur Harrach war mit dem Könige im Landhause. Eggenberg, als steirischer Herr, hatte dort nicht Sitz, noch Stimme. Er wartete hier unruhig und ungeduldig, und hörte bekümmert auf Lamormain's Auseinandersetzung: daß von den Ständen in der Herrengasse gewiß nichts zu erwarten sei, und daß diese ständische Regierungsform überhaupt nur lähmen könne, und jeden großen Gedanken eines Regenten verhindere oder wenigstens beschädige.

In diesem Gedanken begegneten sich der Edelmann und der Priester ganz und gar nicht. Eggenberg erwiderte nichts, sondern winkte den nahe an der Thür bleibenden Gangelberger zu sich heran.

– Was sagt Ihr dazu, Herr Rath? Ihr habt draußen die Ungarn gesehen! Es sind Abgesandte, wirkliche Abgesandte, ihre Legitimation stellt es außer Zweifel. Und nun wird man irre. Am Ende war doch auch jener kleine häßliche Greis, welcher damals in der Stallburg drüben zu Boden stürzte, am Ende war doch auch er ein wirklicher Agent des ungarischen Mithridates, und die Meinung der geistlichen Herren, er sei ein Bösewicht, sei der Odontius selbst gewesen, diese Meinung verliert die Wahrscheinlichkeit.

– Aber Excellenz wissen ja durch mich – schalt Lamormain unwillig ein.

– Ich weiß, was Ihr glaubt; ich aber glaub' es noch nicht. Es stimmt auf ein Haar, was in dem Schreiben jenes sogenannten Bösewichtes angedeutet war, mit dem, was draußen jene Abgesandten in ausführlichen Worten anbieten. Denkt Euch: der Burghauptmann von Kaschau sendet die Leute im positiven Auftrage Bethlen Gabors. Und was will der Herr von Siebenbürgen? Er will wenig und bietet viel, bietet es in diesem verhängnißvollen Augenblicke! Da leset, und sagt mir dann rasch, frisch und kurzweg, was Ihr davon haltet und wozu Ihr rathen möchtet.

Gangelberger nahm den ziemlich unscheinbaren Brief aus den Händen Eggenberg's, und trat ein paar Schritte zur Seite, um ihn ungestört zu lesen. Er war in lateinischer Sprache abgefaßt, und sein Inhalt ging dahin, daß Bethlen Gabor, der Fürst von Siebenbürgen, dem Könige Ferdinand seine Dienste anbot, und zwar in ganz bestimmter Weise. Er wollte sogleich dreitausend Mann in Bewegung setzen zur Hilfe für Wien. Sie sollten der Vortrab sein, welchem er mit ganzer Heeresmacht folgen würde. Bei den Böhmen wollte er den Wahn hervorrufen, er käme angerückt, um sie zu unterstützen. Dergestalt ihr Vertrauen erobernd, würde er die böhmischen Häupter in sein Lager einladen zu einer Besprechung, dort werde er sie festnehmen und gleichzeitig mit seiner ganzen Heeresmacht über die sichergemachten böhmischen Truppen herfallen. Ihre Niederlage werde unausbleiblich sein, und wenn er dann mit seinen Schaaren ins böhmische Land einfalle, so werde ihre Unterwerfung nicht auf sich warten lassen. Zum Lohn dafür verlangte er die Burg und Herrschaft Tokai in Ungarn.

– Nun, was ist Eure Meinung? fragte Eggenberg, als Gangelberger ihm den Brief zurückstellte.

– Die schmutzige Hand, welche sich im Augenblicke höchster Noth darbietet, rasch und fest zu ergreifen.

– Nicht wahr?!

Er wollte weitersprechen, da hörte man Geräusch und klingendes Spiel aus dem Hofe, von dem Vorzimmer her aber ein starkes Klopfen an die Thür.

– Der König kommt! riefen Alle.

Das Klopfen an die Thür von Thürhütern im äußeren Raume, von Kammerherren in den inneren Gemächern, war stets die unfehlbare Anzeige, daß der regierende Herr heranschreite. Die Thüren flogen auf, Kammerherren, Truchsessen und Pagen fanden sich ein, letztere in dem ersten Vorzimmer, die Kammerherren in der wirklichen Antecamera. Man stellte sich auf und blickte durch die offenen Thüren nach dem Vorsaal hinaus.

Der König erschien dort. Aber man sah ihn nur einen Augenblick. Er ging nur außen vorüber, er trat nicht ein.

– Er geht in die Capelle! flüsterte man sich zu; und so war es. Die wichtige Feierlichkeit mit den Landständen wollte der fromme Herr mit andächtigem Gebete für sich beschließen.

Eggenberg, obwol ein ganz guter Katholik, verbarg nur mühsam seinen Unmuth über die Verzögerung bei so drängenden Angelegenheiten. Ja, selbst Lamormain schien sich weltlich überraschen zu lassen von Ungeduld. Man verkehrt eben auch als Geistlicher nicht ungestraft Tag für Tag mit weltlichen Dingen. Beide begegneten sich außerdem in einem unmuthigen Gedanken: Jedem fiel ein, daß die Mittagszeit da sei, und Jeder wußte, daß der König in seiner Tagesordnung regelmäßig und unabänderlich sei wie eine Uhr. Schon um vier Uhr des Morgens pflegte er aufzustehen, demgemäß das »Frühmahl« zeitig einzunehmen, und pünktlich um die Mittagsstunde zu speisen. Jeder dachte: So wird es auch heute geschehen, und die wichtigsten Fragen werden unerledigt harren müssen. Lamormain litt am meisten dabei, denn er durfte seinem Stande gemäß am wenigsten seinen Aerger zeigen.

Glücklicherweise wurde die peinliche Stimmung und Stille bald unterbrochen. Man meldete dem Grafen Eggenberg, der Commandant des Arsenals wünsche ihn zu sprechen.

– Er soll eintreten!

Seine Ankunft war willkommen; man erwartete eine wichtige Nachricht von ihm. Dem alten zuverlässigen Manne pflegte man damals die bedeutenderen Botschaften aufzutragen, welche den Krieg und die Kriegsleute angingen. So hatte er jetzt, als Thurn's Einbruch ins Oesterreich offenkundig wurde, einen Reitenden an Boucquoi nach der Budweiser Gegend hinaufsprengen müssen mit der Anzeige jenes Einbruchs, und mit der Weisung, Kriegsvolk herabzusenden zum Schutze Wiens. Die Antwort hierauf brachte wahrscheinlich der greise Santhelier.

Schweren, langsamen Schrittes, denn er war ein von Wunden gebeugter und gepeinigter Greis, trat Santhelier in die Antecamera, blieb an der Thüre stehen und richtete sich nach Kräften gerade, um die Herren zu grüßen. Eggenberg ging ihm entgegen und trat mit ihm in eine Fensterbrüstung. Halblaut sprach Santhelier in gleichmäßigem Tone eines Rapports:

– Die Meldung des kaiserlichen Feldhauptmanns Grafen von Boucquoi ist mündlich an mich gelangt. Größerer Sicherheit wegen, damit sie nicht aufgefangen und ausgesprengt werden kann. Der kaiserliche Feldhauptmann meldet: Seine Armada zähle augenblicklich trotz der eingetroffenen Panzerreiter Waldstein's und trotz der Vereinigung mit Dampierre nur zwölftausend Mann. Ihm gegenüber aber stehe der Mansfeld und Styrum und Hohenlohe mit viel größerer Macht, und hätten ihm bereits die Schanze am goldenen Steig, die Verbindung mit Passau, weggenommen. Schwäche er jetzt seine Macht, so setze er die ganze Armada aufs Spiel. Er könne nicht Einen Mann abgeben. Dies die Meldung.

Eggenberg stand wie vernichtet vor diesem unerbittlichen Boten. Die Hoffnung auf Boucquoi's Hilfe gegen Thurn's Heranziehen war seine einzige Hoffnung gewesen für Wien. In Wien selbst war die Truppenmacht eine ganz geringe. Was stand also bevor, wenn sich Thurn wirklich gegen Wien wendete? Das Aergste!

Dem alten Arsenal-Hauptmann stumm dankend mit einer Kopf- und Handbewegung, winkte er Lamormain und Gangelberger herzu, um ihnen die zerschmetternde Nachricht leise mitzutheilen.

– Was thun? fuhr er fort. Ist's nicht jetzt am Ende wirklich rathsam, daß der König Wien verläßt, und seine Residenz in Graz nimmt?

– O nein, nein! sagte hastig Gangelberger.

– Nein? Womit soll Wien vertheidigt werden, wenn auch die Landstände in dieser Stunde vielleicht schon die Huldigung versagen, und also auch kein Geld, keine Leute, keine Hilfe stellen zur Rüstung und Verteidigung der Wälle? Wir wissen noch nichts aus dem Landhause?

– Noch nichts! antwortete Lamormain. Aber wir wissen, daß es von unermeßlichem Schaden wäre, wenn der König Wien aufgäbe! Alle unsere Hilfsquellen sind hier, die geistlichen, die geistigen und auch die materiellen – Dort kommt Harrach! Er kommt aus dem Landhause! Er wird die erste Nachricht bringen.

Während wirklich Baron Harrach hastigen Ganges durch das Vorzimmer sich näherte, hörte man das eigenthümliche Klopfen mit einem Schlüssel an die Thüren draußen, und die Thüren flogen auf, der König kam aus der Capelle zurück. Pagen und Kammerherren gingen voraus; einer der letzteren flüsterte im Vorübergehen dem Grafen Eggenberg zu:

– Majestät geht zur Tafel!

Der König war in spanischem Anzuge von dunkler Farbe. Sein röthlich gefärbtes Antlitz und lichtbraunes Haar hob sich vortheilhaft ab von der tiefgefärbten Kleidung, und sein gedrungener, mittelgroßer Körper schritt leicht und kräftig daher. Das ernste Antlitz hatte einen milden, freundlichen Ausdruck, den Ausdruck des Wohlwollens, wenn sein Blick auf Jemand gerichtet wurde. Das geschah aber erst, als er in die Nähe Eggenberg's kam. Bis dahin war links und rechts nichts für ihn zu sehen, noch weniger zu beachten gewesen. Die spanische Etiquette, welcher Ferdinand jetzt schon ergeben und später ganz hingegeben war, brachte es so mit sich. Auch die rasselnd vortretenden Ungarn im Vorzimmer hatte er nicht bemerkt, wenigstens hatte nicht die kleinste Wendung oder Miene gezeigt, daß er sie bemerkt hätte. Selbst das wohlwollende Zeichen für Eggenberg war nur eine leichte Bewegung des Augapfels und der Augenlider. So schritt er dahin in seine Gemächer, aus denen ihm eine angenehme Musik entgegenschallte. Sie fand immer statt während seiner Mittagstafel. Er liebte Musik ungemein und pflegte zu sagen: »Der Aufwand dafür ist kein eitler, denn die Tonkünstler dienen dazu, Gott zu loben und auf anständige Weise den Geist zu erheitern«.

Als die Thüren sich geschlossen, drängten Eggenberg und Lamormain den Baron Harrach, Bericht zu erstatten über den Ausgang der Sitzung in der Landstube.

– Steht was zu hoffen, rief Eggenberg, und wie viel?

Harrach sah niedergeschlagen aus und zögerte mit der Antwort. Er war ein redlicher Patriot und litt schmerzlich unter dem herrschenden Zwiespalte.

– Wir hofften immer noch, begann er endlich, als der König erschienen war und seinen Vortrag begonnen hatte. Sein Vortrag klang so mild, so vertrauensvoll! Alle Streitworte wurden vermieden, billige Ausgleichung für Alles wurde zugesagt, an die patriotische Gesinnung der Herren wurde so warm gemahnt! Die Stimme des Königs klang so gut, fast herzlich! – Alles umsonst! Als er fort war, erhoben sich die Evangelischen und – verließen die Stube!

– Oh?!

– Alle! Statt die Huldigungsfrage vorzunehmen, hoben sie die Sitzung auf; die Sitzung, denn sie sind die Mehrzahl. Wir haben also gar nichts zu erwarten und das Schlimmste zu befürchten. Zur Landesvertheidigung werden sie nicht Ein Roß, nicht Einen Mann stellen, wol aber hat der heranrückende Feind allen Vorschub von ihnen zu erwarten.

Jedermann schwieg. – Nach einer Pause fuhr Harrach fort:

– Sollen wir den Strohhalm ergreifen, der von Prag hergeweht worden?

– Welchen? fragten Eggenberg und Lamormain.

– Czernin ist angekommen, und hofft noch, eine Vermittlung anbahnen zu können.

– Czernin, der zu den Rebellen gehört, obwol er Katholik?! rief Lamormain heftig.

– Eben weil er unseres Glaubens geblieben, sollen wir ihn hören. Man kann nicht wissen! sprach Eggenberg.

– Er ist ein Latitudinarier! rief Lamormain, ein weichlicher Vermittler auch in der Religion, ein Toleranzprediger!

– Eben deshalb! Nur mit Toleranz ist eine Vermittlung möglich, und nur eine wahrhaft angebahnte Vermittlung kann Thurn aufhalten, kann unsere evangelischen Stände umstimmen. Wir wollen Meggau rufen und den Fabricius zur Schriftführung, und Du, Harrach, hole Czernin!

– Doch nicht hieher in die Burg, den Rebellen?! erwiderte heftig Lamormain. Es ist schwach genug, daß man ihn nicht verhaftet, und gar –

– Meinethalben! Wir treffen in Harrach's Hause zusammen und halten dort die Conferenz. Unterdeß hat der König abgespeist, und ich kann für eine Nachmittagsstunde eine Audienz nachsuchen. Die ungarischen Boten soll man bewirthen – He da, kommt herein! Ja, ja, Ihr, Hamm! Besorgt, daß die beiden Ungarn da gespeist und getränkt werden; ich werd' es bei Deinem Chef, ich werd' es beim Grafen Meggau verantworten.

– Der Alte paßt für die Ungarn! sagte halblaut Pater Lamormain.

– Was sagt Ihr? – Ich hoffe doch, Ihr nehmt Theil an der Conferenz?

– Zuverlässig, obwol ich sie für hoffnungslos halte.

– Also zu Harrach! Lieber Rath Gangelberger, nach zwei Stunden möcht' ich Euch hier wiedersehen. Ich hoffe, eine Sitzung des geheimen Rathes vom Könige zu erbitten, und möchte vorher anhören, was Ihr über den Stand der Dinge, besonders in der Stadt, zu sagen habt. Wenn Alles scheitert, ist ja doch die Hauptfrage, ob die Stadt aus eigenen Mitteln zu vertheidigen ist gegen ein Kriegsheer. Wie denkt Ihr darüber, würdiger Herr Hauptmann?

– Erlauchter Herr, entgegnete langsam Santhelier, das kommt auf die Geschütze des Feindes an. Sind die nicht so gut wie die spanischen und niederländischen, dann kann sich die Stadt Wien eine zeitlang halten, eine zeitlang. Die Wälle, Mauern und Basteien sind fest angelegt und in gutem Stande. Wenn man vor Verrath sicher ist, geht es dann, wie gesagt, eine Weile.

– Wenn man vor Verrath sicher ist! rief Lamormain. Das ist man gar nicht. Die Evangelischen sind lauter Verräther unserer Sache. Dagegen muß der König noch heute einen durchgreifenden Beschluß ergehen lassen. Es muß reiner Tisch gemacht werden in Wien. Zunächst in der Burg.

– In der Burg?

– In der Burg. Es sind noch offenkundige Ketzer unter uns, und es sind verborgene Ketzer unter uns. Hamm, Ihr werdet Euch heute Abend bei mir melden; ich habe eine Mittheilung für Euch. Und jetzt gehen wir denn den müßigen Gang zum Czernin.

Ehe er noch mit Eggenberg und Harrach das Vorzimmer erreichte, trat ihm ein Diener entgegen und überreichte ihm ein kleines Blatt Papier. Es schien nur eine Zahl darauf geschrieben zu sein, der Zettel reichte aber doch hin, ihn zu bestürzen.

– Jetzt gerade, stieß er ärgerlich heraus, jetzt gerade, wo jede Viertelstunde kostbar! Er muß warten! Die Geheimrathssitzung muß erst vorüber sein! setzte er leise hinzu und folgte den Cavalieren, welche vorausgegangen waren.

Auf dem Wege nach der Freiung war nichts zu entdecken, daß Wien eingedenk wäre der Gefahren, welche heraufzogen. Die Sonne lag heiß in den Straßen, und die Straßen waren leer. Selbst die Pferde vor dem Landhause waren verschwunden, der Landtag war auseinandergefahren, als ob ein Wirbelwind hineingeblasen hätte.

Die Oberfläche Wiens war wie ein unbewegter Teich. Aber auch nur die Oberfläche. In der Tiefe begann die Bewegung. Von Haus zu Haus hatte sich die Nachricht verbreitet: die Herren im Landhause sind von dannen geritten, ohne auf die Vorschläge des Königs zu antworten. Sie verweigern also auch jede Hilfe zur Kriegführung. Sie sind mit Thurn in Verbindung, der jetzt im Sturmschritte vor Wien rücken wird. Wien ist ohne hinreichende Vertheidigung, Wien ist verloren, und mit ihm die katholische Religion.

Letzteres offenbarte sich den Bürgern durch einen öffentlichen Aufzug, welcher an diesem Nachmittage stattfand. Die Glocken auf Sanct Stephan läuteten plötzlich zu dieser ungewöhnlichen Stunde mit ihrem Geläute, und ein langer Zug von Männern, je zwei und zwei, kam vom Graben her nach dem Hauptthore des Doms. Es war angelweit geöffnet, innen im Dome brannten die Lichter wie bei großen Kirchenfesten, ein unerwarteter, ungewöhnlicher Gottesdienst begann. Die Männer aber, welche langsam je zwei und zwei durch das Thor einzogen, waren alle in vornehmer Kleidung, waren sämmtlich – die herzueilenden Leute erkannten sie – waren sämmtlich Cavaliere.

Diese Nachricht ging nicht mehr, sie flog durch die Stadt.

»Es ist der Orden der christlichen Ritterschaft«, hieß es, »der schon vor dem Tode des Kaisers im Stephan zusammengetreten ist. Er hat zum Symbolum das Bild der Jungfrau Maria, und gewaltige Kriegsmänner, wie Dampierre, gehören zu ihm. Er bietet heute Abend dem Könige seine Waffenkräfte an, und wird jetzt im Stephan gesegnet. Daß dies heute geschieht, ist ein Zeichen, wie nahe die Gefahr!«

Es war derselbe Orden, dessen Odontius in seiner Predigt damals im Kellergeschoße an der Seilerstätte gedacht hatte.

Dies Ereigniß mit seiner Gedankenreihe wirkte in Wien wie ein Gewitterschlag. Ehe noch der Abend völlig einbrach, waren alle Kirchen gefüllt, waren alle Corporationen zusammengetreten, hatte der Rath der Stadt eine Sitzung »einsagen« lassen. Die Straßen belebten sich, und besonders im Südosten der inneren Stadt, da, wo die Bäckerstraßen auf den Platz münden, welchen die Universität und ein Jesuitenhaus abschlossen, da wogte es von Studenten.

Die Studenten gehörten in damaliger Zeit durchaus dem Einflusse der Jesuiten, und waren im Jugendeifer bereit, für die Losungsworte der Jesuiten in den Kampf zu gehen, ganz so wie man sie in heutiger Zeit auf demselben Platze gesehen hat für die entgegengesetzten Losungsworte.

Die Jesuiten waren in jener Zeit noch nicht vollständig wohnhaft bei der Universität. Ihr Collegium residirte noch am Hof. Nur der Provincial hatte sich hier unten in einem Universitätsgebäude mit einer Abtheilung des Ordens angesiedelt, um Besitz zu ergreifen von einem der Universität zugehörigen Hause. Zwei Jahre später erst wurde es mit vielen Nebengebäuden vom Kaiser dem Orden geschenkt und zum Collegium eingeräumt.

Es führten Stufen hinauf zu der Eingangsthür dieses Jesuitenhauses. Diese Stufen wollte eben Herr Tocke herabsteigen. Er hielt inne, als er den Platz angefüllt sah mit Hunderten von jungen Leuten und Aeußerungen vernahm, daß sie eine »Legion« bilden wollten zum Schutze der heiligen Kirche. Scheute er sich unter die aufgeregten Schaaren hinabzusteigen – die Dämmerung fiel langsam von den hohen Mauern auf den Platz herunter – und wollte er vielleicht völlige Dunkelheit abwarten, oder –? kurz: er trat in die Halle des Hauses zurück, wendete sich dann links, und stieg die steinerne Stiege hinauf. Dann ging er links den Flur entlang, wie ein Mann, der hier zu Hause war, und klopfte in eigenthümlicher Weise dreimal an eine kleine Thür. Nach kurzer Pause öffnete sich diese Thür. Aber nur ein wenig. Man sah nicht, wer sie öffnete; es war innen dunkel. Tocke aber wußte wohl, wer da innen im Finstern vor ihm stand, und machte eiligst die Meldung von dem, was er unten gesehen und gehört. Die Form der Meldung klang so, als sei sie nur ein Nachtrag, und als habe er kurz vorher über ähnliche Dinge Mittheilungen gemacht. Als er jetzt fertig und eines freundlichen Lobes gewärtig war über so rasche und günstige Kunde, antwortete eine rauhe Baßstimme:

– Ich habe das selbst gesehen und gehört. Es taugt nichts, obwol es für die gute Sache geschieht. Die Jugend soll gehorchen, aber nicht anführen!

Die Thür schloß sich, und Herr Tocke ging betroffen wieder hinab.

Die Baßstimme da innen aber war die eines steinalten Mannes. Aus dem dunklen Vorzimmer ging er zurück in ein großes Zimmer, welches mit Büchern und Papieren angefüllt und übrigens mit hölzernen Möbeln einfachster Art versehen war.

Ein junger Mann stand in der Mitte dieses Zimmers und erwartete die Rückkehr des kleinen Greises. Auf einem Schreibtische brannten zwei dicke Wachskerzen, und man konnte nun sehen, daß der untersetzte breitschulterige Greis einen schwarzen Jesuitenrock trug von gröberem Stoffe, als es gewöhnlich war. Der Kopf war garstig, und zeigte den Ausdruck von herber, verdrießlicher, oder um es richtiger zu bezeichnen, von ärgerlicher, liebloser Härte. Der Knochenbau dieses Kopfes mit seinen vorstehenden Backenknochen erinnerte an mongolischen Typus. Der Mund, breit geschlitzt, tief eingefallen, bedeckte unzureichend vereinzelte braune Zähne. Die Augen, ebenfalls tief liegend, waren klein, lichtgrau und stechend, über ihnen dichtbuschige, schneeweiße Augenbrauen, die bis gegen die weißen Augenwimpern herabhingen, und vielleicht das völlige Aufschlagen der Augenlider hinderten oder doch erschwerten. Die Nase war klein und an der Wurzel eingedrückt, das Haupt völlig kahl und nackt. Dennoch trug der über achtzig Jahre zählende Greis den Kopf unbedeckt.

Langsam, aber festen Schrittes ging er an dem harrenden jungen Mann vorüber, und machte ihm mit der Hand – sie war groß, grob, und erweckte nicht den Eindruck der Sauberkeit – ein Zeichen, daß er fortfahren möge. Der junge Mann war jener italienische Arzt Blandini, welcher zuletzt am Sterbebette des Kaisers gesehen worden war, und er schien in Schilderung des Gesundheitszustandes von wichtigen Persönlichkeiten begriffen zu sein. Er fuhr fort:

– Se. Heiligkeit also –

– Das hab' ich ja gehört! unterbrach ihn rauh der Jesuit. Vom jetzigen Könige, vom bairischen Herzoge, vom pfälzischen Buben und seinem Weibe, vom Tilly will ich Kunde, und dann vom Mansfeld, Anhalt und wie die ketzerischen Abenteurer weiter heißen. Das sind die Personen, welche zunächst auf dem Theater des deutschen Reichs auftreten werden.

Indem er dies unfreundlich herausstieß, ging er weiter und nöthigte Blandini, ebenfalls auf und ab zu gehen im weiten Zimmer.

– König Ferdinand, fuhr Blandini fort, ist vorherrschend sanguinischer Beschaffenheit. Die Blutbereitung ist leicht, die Quellen des Aergers und Zornes sind spärlich. Er ist viel empfänglicher für angenehme Eindrücke, als für unangenehme. Er ist also auch fähig zu edlem Aufschwung, fähig zu Opfern. Seine Körperentwicklung ist mit seinem vierzigsten Jahre harmonisch geschlossen, wie seine geistige. Aeußerliche Zufälle abgerechnet, hat er ein Decennium gleichmäßiger Existenz vor sich. Ob er weit darüber hinaus –

– Ueber zehn Jahre! Was wißt Ihr davon! Was brauch' ich – zehn Jahre sind bei der jetzigen Lage der Dinge eine Ewigkeit. – Und der Baier?

– Ist noch stärker ausgerüstet. Der Knochenbau ist noch massiver, die Ernährung noch stärker.

– Und Tilly?

– Wallonische Körperbeschaffenheit. Sehr fest und zäh; leider in der Ernährung übermäßig enthaltsam –

– Dafür ist er ganz klein. Mit Eurer Ernährung! Als ob der Mensch so viel brauchte! Die Brahminen essen niemals Fleisch und werden steinalt!

– Die Frage ist nur, ob das Alter kräftig sei bei den Brahminen, kräftig wie bei Euer –

– Ich esse Fleisch, esse sogar stark. An mich denk' ich dabei nicht. Und der Pfälzer?

– Der Kurfürst von der Pfalz ist ein Jüngling von einigen zwanzig Jahren, und körperlich von einer so glücklichen Beschaffenheit, daß er hundert Jahre alt werden kann –

Da klopfte es wieder. Aber nicht von der Seite, wo Tocke geklopft hatte, sondern von der entgegengesetzten. Auch nach dieser Seite stand die Thür in ein Nebenzimmer offen, und man hörte das Klopfen. Der alte Jesuit ging nun in dies Nebenzimmer. Hier schien der regelmäßige Zutritt stattzufinden. Ein Laienbruder war eingetreten und hatte dichter an der Thür, welche auf den Corridor führte, sich aufgestellt.

– Wer ist's?

– Der Herr Pater Lamormain, antwortete der Laienbruder mit kaum hörbarer Stimme.

– Soll kommen! – Ich entlass' Euch, Doctor. Später mehr!

Und dabei zeigte er ihm die Thür zum Abgange, an welche vorher Tocke geklopft hatte.

Respectvoll empfahl sich Blandini; die Stellung des alten Jesuiten mußte eine sehr hohe sein! – Es war die höchste in diesen Ländern; es war die eines Provincials. Ein solcher war gleichsam Statthalter des Jesuitengenerals in Rom, Statthalter in einem Reiche. Der damalige Provincial der Jesuiten in Wien hieß Pater Athanasius, und dieser Greis war jener Methodius, von welchem Graf Zdenko von Zierotin dem Junker Hans erzählt hatte. Während Zdenko die Welt durchreiste, machte Methodius mit riesenhafter Anstrengung und Zähigkeit, mit unablässigem Fleiße und großer Klugheit die Laufbahn im Jesuitenorden. Er galt in Rom für einen der fähigsten Menschen, der sich durch nichts verblenden ließe, und der auch in so hohem Alter noch mit voller Geistes- und Thatkraft ausgerüstet sei.

Wie war es möglich, daß die Leiter des Ordens übersahen, welch niedrige moralische Welt in der Seele dieses Methodius lebte?! Wie es möglich war? Sie hatten ja grundsätzlich nur auf disciplinarische Formen zu achten, auf alle Grade des Gehorsams und der Thatkraft. Und ein kluger Kopf weiß sich Alles, was bloße Form ist, anzueignen. Deshalb war es möglich, daß ein Mensch wie Methodius zu hoher Stufe eines Ordens aufsteigen konnte. Selbst wenn die Oberen tiefere Bedürfnisse gehabt und in ihm gesucht hätten, er war der Mann, sie durch dialektische Wendungen seines Geistes zu täuschen. Das Grundmotiv des Ordens aber veranlaßte sie gar nicht, nach solchen tieferen Bedürfnissen umzuschauen. Dies Grundmotiv war ein formelles: Rückführung zur römischen Kirche durch jedes Mittel. Nicht blos durch Ueberzeugung. So formell war es wenigstens von dem Augenblicke an geworden, als der Orden die Eroberung, die Eroberung mit allen weltlichen Mitteln zu seiner kriegerischen Fahne gemacht hatte für kirchliche Zwecke. Für kirchliche! So nannte man es mit logischer Richtigkeit; man nannte die Zwecke nicht religiöse. In einem eigentlich religiösen Orden wäre einem Methodius das so hohe Emporsteigen kaum möglich gewesen.

Er selbst war sich dessen sehr wohl bewußt, und in zwei Richtungen handelte er streng und gewissenhaft, wie ein Mensch, der nach besten Kräften ein würdiges Ziel zu erreichen trachtet. Zuerst streng und gewissenhaft in allen Fragen der Ordensdisciplin. Obwol von Natur hochmüthig und herrschsüchtig, zwang er sich zur demüthigsten Unterwürfigkeit gegen die Vorgesetzten. Noch jetzt in seiner hohen Stellung waren seine Berichte nach Rom an den General des Ordens Musterbilder hingebender Demuth. Der General mochte in allen Welttheilen kaum Einen Provincial haben, der so scharf und unerbittlich für die Gesichtspunkte des Ordens, so scharf und unerbittlich gegen sich selbst in seinen Berichten auftrat. Wie hätte der General zweifeln können, daß Pater Athanasius ein Schatz des Ordens sei? – Er war aber auch zweitens gegen sich selbst streng und gewissenhaft. Nicht nur in der Disciplin, welche nach außen sichtbar wurde, auch in der Disciplin seines Innern. Ohne jedes liebevolle Gefühl war er, der logische Mensch, sogar erbaut davon, daß er jede Handlung, jede Aeußerung, ja jede innere Regung nach disciplinarischen Formeln einrichten und ordnen konnte. Die Disciplin in weitester Bedeutung des Wortes war sein Stab und seine Stütze. Er kannte Shakespeare's Shylok nicht, aber er rief mit Shylok: »Welch' Urtheil soll ich scheun; thu' ich kein Unrecht?!« Die dialektische Fähigkeit seines Geistes verschaffte ihm die Mittel, sich innerhalb der formellen Gesetze seines Dogmas und Ordens Alles so zurechtzulegen, wie es sein Bedürfniß brauchte, um gewissenhaft auch vor sich selbst zu erscheinen.

Er durfte sich getrost »correct« nennen, er war ein Held des Formalismus.

War er dabei glücklich geworden? Konnte er glücklich werden? Jeder stark ausgesprochene Charakter kann eben nur diejenige Gattung von Glück erreichen, welche seinen stark ausgesprochenen Eigenschaften entsprechend ist.

Die Eitelkeit war ursprünglich stark in Pater Athanasius; sie wurde genährt und befriedigt durch seine immer aufsteigende Laufbahn. Die Herrschbegierde und der Haß gegen die Hoch- und Glücklichgestellten lag von Jugend auf in seinem Naturell; für beide Begierden fand er reichliche Nahrung. Was unter ihm stand, das knechtete er unbarmherzig. Die Disciplin rechtfertigte es. Was über ihm stand, das züchtigte er – wenigstens für seinen Geist – durch übertriebene Demuth. Die Narren nehmen's für nahrhafte Speise, lachte der Kobold in ihm, speisen wir sie mit Luft! Und indem er den Kobold streng aufs Maul schlug, sagte er ernsthaft zu seinem Gewissen: Das ist die Erbsünde, die in mir lacht, das ist der Teufel! Ersticken wir ihn dadurch, daß wir der Disciplin, welche Demuth gegen die Oberen heischt, den stärksten Ausdruck geben. Und wenn der Kobold dennoch, nur leiser, weiter flüsterte: Du kannst ja selbst ein Oberer, am Ende gar der Oberste werden! dann ließ er sich's gefallen, denn dies war ja nicht gegen die Disciplin, es war disciplinarisch richtig.

Trotz all den Rechtfertigungen war er ein tief verdrießlicher, ein tief ärgerlicher Mann, war er ein innerlichst unbefriedigter Greis geworden. Am Tage mochte er das Bild verjagen, in seinen Träumen erschien es doch: die kleine von Sonnenstrahlen durchglitzerte Sacristei, in der die blonde Anna in seiner Nähe saß, und die Allee nach dem Zierotin'schen Schlosse hinauf, und jede Scene mit Anna, welche sein Herz bewegt hatte. Der Traum kam mehr denn sechzig Jahre hindurch hartnäckig wieder, der höhnische Traum, daß der Mensch auch ein Herz habe, und daß dies Herz von wunderlicher Bedeutung sei. Widerwärtiger Traum, dem mit keiner Disciplin beizukommen war, und den man deshalb hassen durfte, hassen mußte!

So war der Mann beschaffen und geworden, zu dem jetzt Pater Lamormain eintrat, eilig und aufgeregt eintrat.

– Wann habt Ihr meinen Citationszettel erhalten? herrschte ihm der greise Provincial entgegen.

– In der Mittagsstunde.

– Könnt Ihr lesen? Stand auf dem Zettel die jetzige Abendstunde?!

– Es war mir nicht möglich, früher zu kommen. Die Staatsgeschäfte sind jetzt von höchster Dringlichkeit. Eine Conferenz mit Czernin rief mich aus der Burg, eine Geheimrathssitzung unter Vorsitz des Königs rief mich in die Burg zurück. Vor einer Viertelstunde erst hat uns der König entlassen –

– Ist der König Euer Herr, oder bin ich es?! – Soll ich Euch das ABC des Ordens vorsprechen? Was geht Euch der König an, wenn der Orden befiehlt! Der Orden kann Euch heute befehlen, den König zu vernichten, was habt Ihr zu thun?

– Zu gehorchen.

– Zu befehlen wißt Ihr ohnehin nicht. Euer König wenigstens läßt sich vom Untergange überraschen, ohne Vorkehrung zu treffen. Und dieser Untergang verschlingt auch uns. Wißt Ihr denn nicht, was es bedeutet, wenn dies Haus mit seinen Archiven den Ketzern in die Hand fällt?! Und die Ketzer können morgen an der Donau, übermorgen vor Wien stehen, und Wien laßt Ihr in wehrlosem Schlafe! Ich habe die »christliche Ritterschaft« aufbieten, den Dom öffnen, dem Rathe der Stadt und den Corporationen Sitzung ansagen müssen, um den bleiernen Schlaf zu verscheuchen. Wofür ist Euer König da? Wofür seid Ihr neben ihm?

Nach dieser für einen Mann wie Lamormain tief beleidigenden Rede maß der kleinere, garstige, grinsende Greis in grober Hülle den höher gewachsenen und mit feinerem Schwarz bekleideten Lamormain vom Scheitel bis zur Zehe, und ging dann in den weiten Zimmerraum hinaus, seine langsame Promenade, die durch Lamormain's Eintritt unterbrochen worden war, wieder aufnehmend. Den bei Hofe wohlbeglaubigten Pater zu demüthigen, war seinem Neide gegen alles Vornehme ein Genüge. Das schlürfte er jetzt. Es war ihm aber auch ein Bedürfniß, schreiend darzulegen, daß der Anstoß zu wichtigen Handlungen von ihm ausgehe, und daß endlich seine Kenntniß der Dinge und Verhältnisse eine viel genauere sei, als die des Paters Lamormain, obwol dieser, im Schooße der Landesregierung selbst residirend, eigentlich besser unterrichtet sein könnte. Dies gehörte überhaupt zu den Uebelständen der jesuitischen Einrichtung, daß Einer den Andern überholen wollte im Kundschaften, und daß dadurch Behorchen und Spioniren ein Alles überwucherndes Lebensgeschäft wurde. Athanasius erzog sich immer einen ganzen Kreis von Agenten, und er betrieb dies mit feinem Verstande. Jenen Herrn Tocke zum Beispiele hatte er sich von einer Revisionsreise aus Breslau mitgebracht, wesentlich nur zu dem Zwecke, ihn an alle Spione und Commissionäre Lamormain's zu heften. Die Medardo, Brémont und solche Helfershelfer waren dem gebildeten, zierlichen Lausitzer beiweitem nicht gewachsen an harmlos erscheinender Schlauheit, sie wurden fast täglich aufgeknöpft von Herrn Tocke, und ausgeschält bis auf die kleinsten Fasern alles dessen, was sie von Lamormain erfahren, was sie für ihn gethan hatten oder thun sollten. Tocke unterließ nicht, sie unzweifelhaft ahnen zu lassen, daß er den Chef Lamormain's, daß er den Provincial selber kenne und besuche, und daß sie verloren wären, wenn sie Lamormain davon einen Wink gäben, daß sie aber auch verloren wären, wenn sie ihm, dem Herrn Tocke, die geringste Kleinigkeit verschwiegen oder falsch berichteten. An Bezahlung fehlte es nicht für all die Schmerzen. Tocke hatte nun heute erst Beide gesprochen, also früher gesprochen als Lamormain selbst, der im Drange der Geschäfte noch keinen von Beiden hatte anhören können; Tocke hatte aber auch Athanasius schon ausführlich Vortrag gehalten. Athanasius war deshalb mit all seinen Lieblingswaffen versehen gegen den »Pater bei Hofe«, und wollte sich nun eine vergnügte Viertelstunde bereiten. Zuvor aber wollte er einsammeln, was Lamormain diesen Nachmittag erlebt. Er blieb also endlich stehen – die Greisennatur machte doch ihr Recht einiger Ruhe geltend – und rückte den Sessel am eichenen Schreibtische herum. Dann setzte er sich, und erst als er eine Weile schweigend gesessen und den innerlich kochenden Lamormain ärgerlich angeschaut, machte er mit der Hand eine roh gnädige Bewegung nach einem der hölzernen Sessel hin, dessen sich der »Pater bei Hofe« bedienen könne.

– Hat denn nun Euer König, begann er mit knarrender Stimme, wenigstens heute etwas der Rede Werthes beschlossen? Hat er die Ungarn angehört und angenommen?

Auch das weiß er! dachte Lamormain und vergaß, daß der Bote des Provincials, welcher den Zettel mit der Nummer gebracht, sie gesehen haben konnte, und der Provincial vielleicht weiter nichts wußte, als eben dies.

– Wollt Ihr die Gnade haben, zu antworten? fuhr Athanasius fort, und die Stimme knarrte weniger, der breite, eingefallene Mund aber lächelte widerwärtig. – Aber nein, der Reihe nach! Ihr seid mit den Geheimräthen zu Czernin gegangen. Was ist denn da zu Stande gekommen?

– Man hat sich über neue Anerbietungen geeinigt, welche der König den Böhmen bieten soll.

– Unnütz! Die Böhmen können einen Frieden gar nicht brauchen. Nun, und der König?

– Der König hat für Nachmittag eine Geheimrathssitzung bewilligt und hat ihr vorgesessen. In dieser hat er mit großer Zuvorkommenheit die Anerbietung für die Böhmen bewilligt, und Czernin ist sogleich abgeritten ins Lager von Laa, um –

– Er wird die Herren Directoren schon auf dem Marsche hieher finden, und die Antwort Thurn's kann ich Euch voraussagen. Sie wird lauten: Was nützen uns Eure Versprechungen! Sobald der Frieden hergestellt ist, haltet Ihr sie ja doch nicht. Die Herren Rudolph und Mathias haben alles Zutrauen zerstört, und Ferdinand ist in den Händen der Jesuiten!

– Wie? Das sagen wir selbst –?

– Das sagt der Thurn, und wenn er mit den letzten Worten Unrecht hat, so seid Ihr schuld daran. Er soll aber nicht Unrecht haben, nur sollt Ihr bei Hofe nicht überall und zu jeder Zeit gesehen werden, als wäret Ihr der Minister. Denn daher stammen Thurn's letzte Worte. Weiter! Zu den Ungarn! Hat der König gutgeheißen, was sie wollen?

– Das war eine schwere Stunde. Eggenberg sprach lebhaft für das Bündniß, welches Bethlen Gabor vorschlägt. Der König schien betroffen und schwieg lange. Alle Räthe sprachen für den Abschluß, denn er bringt binnen wenig Tagen dreitausend Mann zu Hilfe –

– Was spracht Ihr?

– Ich sprach wie die Räthe. Der König schüttelte leise den Kopf –

– Falsch!

– Und dann blickte er auf den Pater Bartholomäus –

– Den schwachen Mann!

– Und von dessen Gesichte schien er mit Befriedigung zu lesen. Er sammelte sich und erklärte dann feierlich und unwidersprechlich: dieser Bethlen Gabor, ein Genosse der Türken, ein treuloses, verderbtes Menschenkind, sei noch ganz was Anderes, als irgend ein Lutheraner, ja noch was Schlimmeres als selbst ein Calviner, zu denen er sich zähle. Sich von ihm retten lassen durch Lug und Trug, heiße sich dem Bösen überantworten und vom Himmel abwenden. Das könne er vor seinem Gewissen nicht verantworten; man möge den Siebenbürger ausweichend bescheiden.

– Und das ist geschehen?

– Es geschieht an diesem Abende.

Athanasius schwieg.

Das Lächeln auf seinem Antlitz war zum Grinsen geworden.

– Der Mann beschämt uns! sagte er endlich mit einem unheimlichen Tone. Der Himmel wird viel für ihn thun müssen. Was thut er zunächst selbst, der – König?

– Alle des Ketzerthums Verdächtige werden von heute an streng aus der Burg gewiesen.

– Und?

– Und die Stadt wird von morgen an wie eine belagerte Festung behandelt. Jede Zusammenrottung wird untersagt, die Thore werden um neun Uhr geschlossen, vor dem Schottenthore wird eine Schanze aufgeworfen.

– Und woher kommen die Kriegsleute? Vom Himmel? – Tröstet Eure Regierung, ich habe dafür gesorgt: die Stadt soll werben lassen von morgen an, die »christliche Ritterschaft« desgleichen, die Corporationen werden Hilfsmänner stellen, und für Geld kann schon gesorgt sein, wenn Ihr Eure Schuldigkeit gethan habt. Ist der Schatz des Grafen Zdenko hereingebracht?

– Wie?

– Nun, spreche ich denn undeutlich?

– Aber Ihr wißt ja doch, sagte Lamormain, daß die Expedition nach dem Wiener Walde hinauf verunglückt ist, daß unsere besten Leute gefangen und zum Rebellenheere geführt worden sind!

– Wo sich der junge Norbert, die vornehme Novize, ganz artig ins Unvermeidliche gefügt hat unter seinen Standesgenossen!

– Er nimmt eine Erlaubniß unserer Regeln in Anspruch, er verleugnet nothgedrungen und um unter den Feinden nützen zu können, seinen Glauben, und zeigt sich willfährig für die Grundsätze der Gegner –

– Um unter den Feinden nützen zu können?! Um sich nützen zu können! Um sich's leicht und bequem zu machen. Verblendete Diener unseres Ordens, die Ihr immer vorzugsweise unter dem Adel werben zu müssen glaubt für unsere Reihen! Dieser Adel hat ein Standesinteresse, welches unserem Interesse schnurstracks zuwiderläuft, und welches er nie vergißt, weil ihn seine Standesgenossen stets daran erinnern. Laßt nur die Adelsrepubliken entstehen und fest werden in Böhmen, Oesterreich und Ungarn, und Ihr werdet mit Schrecken erkennen, daß Ihr gegen die Priestermacht eine Mauer errichtet habt. Wo so Viele nicht blos mitrathen, sondern auch mitthaten, da werden wir machtlos. Schaut doch auf Venedig, auf die Adelsrepublik! Ist sie nicht der einzige katholische Staat, welcher dem Heiligen Vater Ungehorsam zu bieten wagt? Schaut auf Holland! Ist jene ketzerische Republik nicht der einzige ketzerische Staat, wo wir nicht die kleinste Anknüpfung gewinnen können, und von wo der Lebenshauch ausgeht gegen Alles, was wir unternehmen?! – Um unter den Feinden nützen zu können! Dieser Herr Norbert wird ein lustiger Cavalier bleiben, wenn die Cavaliere siegen! Verliebt ist er jetzt schon, und nur Ihr bemerkt es nicht –

– Ich hab' es bemerkt!

– Und nach dem Schatze des Oheims trachtet er für seine Tasche.

– Was aber hätten wir thun können nach jener Niederlage da oben, über welche uns selbst alle näheren Nachrichten fehlen?

– Sie fehlen Euch nicht. Einer Eurer Agenten ist entwischt, ist hier in Wien, hat Euch genauen Bericht abgestattet.

Der Name Brémont zuckte auf der zitternden Lippe Lamormain's. Auch das wußte der Provincial!

– Ihr habt kostbare Zeit verstreichen lassen, während welcher da oben der alte und der junge Ketzer allein und wehrlos waren. Nun ist der letzte Augenblick da. Sobald das böhmische Heer die Umgegend besetzt, ist er vorbei. Also morgen wiederholt die Expedition, aber geschickter, mit Umgehung der Ketzerburg in Hernals, und erst mit einbrechender Dunkelheit des Abends. In zwei Stunden können die Leute oben sein, also spätestens um Elf. In zwei Stunden kann es abgemacht und der Schatz aufgeladen sein. Laßt einen bedeckten Rüstwagen mitgehen. In diesen den Schatz und den alten Ketzer. Um ein Uhr kann der Wagen abfahren, vor drei Uhr, also vor Tagesanbruch, kann er hier vor dem Hause sein. Verstanden?

– Wo soll ich im jetzigen Augenblicke die Kriegsleute dazu hernehmen?! Die Stadtguardia ist durch die Gefangennahme so vieler Leute ohnedies geschwächt, ihr kundiger Führer ist ebenfalls fern in der Gefang –

– Er ist hier. Euer Medardo ist seit heute Mittag in Wien. Es ist erschreckend, wie wenig Ihr von Euren eigenen Leuten wißt. Genug. Morgen Abends neun Uhr finden die Euern am Kreuzwege hinter Dornbach, wo sie damals gelagert waren, zwölf handfeste Kriegsmänner, die ich hinsende. Um elf Uhr sollen sie mit den Euren oben sein, um ein Uhr fertig, um drei Uhr hier mit dem alten Ketzer und seiner Habe. Handelt! Ihr seid entlassen.

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