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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil. - Kapitel 4
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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15.

Dies Ereigniß schien doch ein großes Glück zu sein für den Junker Hans. Mit einem Streiche befreite es ihn von Widersachern, Nebenbuhlern und Gefahren, und was ihm noch wichtiger dünkte: es übte einen äußerst glücklichen Einfluß auf das Wesen Ludmillens. Mit der Entfernung der Versucher entfernte sich auch aus ihrem Charakter der Hang nach äußerlicher Auszeichnung. Das dreiste Hofiren Rudolphs, das verhaltene Werben Norberts fehlte jetzt, und von Stund' an fehlte auch in diesem wunderlichen Mädchen das Bedürfniß nach solchen Reizungen. Alle edleren Eigenschaften in ihr entfalteten sich wieder, und ein Schmelz jungfräulicher Liebenswürdigkeit ergoß sich über sie, wie man ihn wol der sanften Isabella von Harrach zugetraut hätte, nicht aber der etwas lauten und übergreifenden Ludmilla von Loß.

Vielleicht war auch Isabella nicht ohne Einfluß darauf. Lebhafte Naturen spiegeln gar so leicht wieder, was in ihrer Nähe lebt und einen Eindruck auf sie ausübt. Ludmilla machte sich's wol nicht klar, aber irgend ein Verständniß in ihr wußte es doch, daß Isabella nicht ganz zufällig aus der Stadt herausgekommen war und in dem störenden Wirrwarr ausgehalten hatte, bis das Asyl des alten Grafen und – des Junkers Hans da oben ausgefunden war. Irgend ein Verständniß in ihr sagte es, daß in Hans eine angenehme Empfindung aufstieg, als er Isabella sah, und als sie ihn anspruchslos begrüßte. Dies Verständniß führte keineswegs zu einer Empfindung wie Eifersucht in Ludmilla, o nein! Sie meinte Hansens ganz sicher zu sein, und ihrer Freundin nicht minder. Isabellens Wohlwollen für Hans war auch für sie, für Ludmillen, ein harmloses.

Aber die Geschicklichkeit des Eigennutzes, welche in jedem begabten Menschen wohnt, gab ihr doch die sanften Formen, die weichen Empfindungen Isabellens an die Hand zur Benützung oder, wenn dies Wort zu stark ist, zur Bereicherung für ihr eigenes Wesen. Wenn man will, war es eine nach innen gekehrte Coquetterie, gegen welche Niemand etwas einzuwenden hat, denn die Bereicherung unseres Selbst durch Aufnahme guter Eigenschaften von Anderen gilt ja für löblich.

So entstand da oben in der Försterei nach Abzug der Störung ein ganz wohlthuendes Zusammensein.

Die Mädchen waren während des Lärms nicht von der Seite des alten Grafen gewichen. Die überangestrengten Lebenskräfte des greisen Mannes waren durch milde, freundliche Zusprache der holden Geschöpfe wohlthuend beruhigt und in ein mildes Zurückebben gebracht worden. Die besonnene Zusprache der Frau Amalie hatte das Ihrige dazu beigetragen, und als nun die Freiherren Loß und Jörger allein wieder eintraten und erzählen konnten, daß Alles fort und jede Störung beseitigt sei, da fühlte sich Graf Zdenko auch wieder hergestellt, und es konnte der zuletzt kommende Pater Dunstan, sein erprobter Lebensfreund, nur noch das zurückgewonnene Gleichgewicht glücklich bekräftigen. Man verbrachte den Rest des Tages in ungestörter Harmonie, nachdem man sich darüber klar gemacht, daß für die nächste Zeit wol nichts mehr bevorstehe gegen den Frieden dieser Waldwohnung. Von Raupowa's grimmen Absichten wußte Niemand etwas Bestimmtes, und von Wien glaubte man zunächst auch nichts befürchten zu müssen, weil ja die ganze Wiener Expedition gefangen sei, also auch Niemand von ihr Nachricht und Kunde über den Aufenthalt des Grafen an die Jesuiten bringen könne. Daß zwei Guardisten entsprungen, war ihnen ja unbekannt! Pater Dunstan blieb wol trotz alledem der Meinung, die völlig ausbleibende Rückkehr der Expedition werde bei Pater Lamormain Unruhe und Nachforschung verursachen, und deshalb scheine es doch gerathen, den Aufenthaltsort des Grafen in nächster Zeit zu wechseln. Aber auch er war durch ein langes, an Abwechslungen reiches Leben daran gewöhnt, daß man sich nicht durch Weitsichtigkeit die Gabe des Augenblicks verleiden dürfe. Die nächsten Tage, glaubte er, seien gefahrlos, und so solle man sie dankbar hinnehmen. Dann legte er eine große lederne Tasche, welche er unter der Kutte getragen, auf den Arbeitstisch des Grafen mit einem Augenwinke für diesen und mit dem Zusatze: »Deine Briefschaften!« und setzte sich zur Gesellschaft, den Freiherrn von Loß unbefangen auffordernd, Mittheilung über das zu machen, was draußen in der Welt, namentlich in Böhmen, vorgehe oder vorbereitet werde.

Das nun in Gang gebrachte Gespräch war für Niemand merkwürdiger als für Loß selber. Der Standpunkt Zdenkos, Dunstan's, der Frau Amalie, ja selbst des Junkers Hans in Betreff der religiösen, wie auch der politischen Fragen war für ihn etwas ganz Neues. Er erinnerte sich nun wol, daß er in Prag schon einiges Aehnliche vom Junker Hans vernommen hatte, aber das war ihm damals ohne Eindruck verblieben, weil er es der Ueberspanntheit eines jungen Menschen zugerechnet. Jetzt hörte er dies Thema von so gesetzten Leuten verhandeln, und hörte es verhandeln nicht wie etwas Fragliches, nein, wie eine ausgemachte Sache, wie ein Glaubensbekenntniß! Er rieb sich die Augen, er betastete sich, ob er wache.

Diese Leute behandelten die Frage der Kirchenreform wie einen bloßen Anfang. Die Calvinisten und die Lutheraner waren ihnen bloße Vorposten für das Heer, welches sich allmälig entwickeln solle, und die Katholiken wurden sorgfältig unterschieden von den Päpstlichen.

– Was ist das? Was heißt das? rief er nach einem viertelstündigen Zuhören naiv in das Gespräch hinein.

Er stand mit Leib und Seele bei der reformirten Kirche, er war im Begriffe, Hab und Gut und Leben einzusetzen für den Sieg seiner Glaubenssache, und jetzt mußte er von guten, gebildeten Leuten seine Sache behandeln hören, wie etwas Halbfertiges, beinahe schon Verdorbenes! Und unter diesen Leuten war die verehrte Evangelische, Frau Amalie, war sein lieber Junker aus Sachsen, der im echten Protestantismus aufgesäugt und aufgewachsen war!

– Potz tausend, stieß er hervor, was redet Ihr da? Was ist denn vorgegangen? Hab' ich geschlafen und geträumt, oder träumt Ihr?

Frau Amalie und Junker Hans namentlich versuchten es nun, ihm klar zu machen, daß innerhalb der jetzt bestehenden drei Kirchen, der katholischen, lutherischen und reformirten, eine Kirche der Zukunft sich auferbaue, welche die Spaltung wieder aufheben wolle durch eine Vereinfachung des Glaubensbekenntnisses, durch eine Rückkehr zu den wenigen allgemeinen Glaubenssätzen, um welche sich das Urchristenthum in den ersten Jahrhunderten nach Christi Tode geschaart habe.

– Eine Rückkehr?! Kann man denn und soll man denn zurückgehen? schrie er fast in seiner Einfalt.

– Allerdings, antwortete Hans, wenn man auf Seitenwegen so weit vom Hauptwege vorgeschritten ist, daß man den Hauptweg aus dem Auge verloren, und somit endlich ganz verloren hat.

– Was heißt das?

– Die Kirche hat sich Nebenzwecken und Nebengedanken dergestalt hingegeben, daß der Hauptzweck unserer Religion, ein frommes Verhältniß zu Gott und zu unseren Nebenmenschen, Nebensache geworden ist hinter den Spitzfindigkeiten der Unterscheidungslehren, hinter dem kirchlichen Staate eines Priesterthums, welcher dem Evangelium fremd ist, und welcher für seine Zwecke die Religion ausbeutet, nicht aber für die Zwecke einer unbefangenen Frömmigkeit.

– Nun, deshalb ist ja die Reformation entstanden! Und sie ist ja da seit einem Jahrhundert, und sie besteht ja nach den Lehren Calvin's und Luther's!

– Sie hat sich zu früh geschlossen und zu eng abgeschlossen! erwiderte Zdenko mit sanfter Stimme, und entwickelte dem mit offenem Munde zuhörenden Loß, worin die im letzten Jahrhundert begangenen Fehler lägen, und wie man sich wieder erweitern und die Lehre doch vereinfachen könne, um aus den Religionskämpfen heraus und zu einer großen religiösen Gemeinschaft zu kommen, indem man die Glaubenspunkte auf wenige Sätze unanfechtbarer Bedeutung zurückführe, die spitzfindige Ausführung allen beliebigen Secten freigebe, christlichen Sinn und christliches Handeln aber zur Grundbedingung des Lebens mache.

Die nun folgende Darlegung von Seiten des Paters Dunstan machte den Freiherrn von Loß vollständig confus. Er konnte die Mönchskutte, aus welcher die Worte kamen, nicht einen Augenblick vergessen, und so konnte er es denn auch nicht unbefangen auffassen, daß der jetzt ausbrechende Religionskrieg in den Ländern des heiligen römisch-deutschen Reiches im Grunde gar kein Religionskrieg sei und werde, sondern daß nur Religionsvorwände benützt würden zu politischen Zwecken.

Georg von Loß war ein braver, herzlich wohlwollender Mann. Er war auch ein Mann von ganz gutem Verstande. Aber er war kein Denker. Philosophische Nutzanwendungen mochte er wol anhören und brauchen, aber sie mußten fertig und einleuchtend sein. Sie suchen zu helfen in abstracter Form, sie gar selbst suchen zu sollen, das war nicht seine Fähigkeit, nicht sein Geschmack. Er hatte ein warmes Herz und mochte sich wol begeistern für eine Idee, wenn diese Idee mit dem praktischen Leben zusammenhing. So war er mit Leib und Seele reformirter Christ, wie er es nannte, Calvinist, wie die Welt es nannte. So nüchtern wie möglich, so einfach wie möglich sollte das Glaubenswesen, sollte das Kirchenwesen sein. Auch gegen die Prädestinationslehre, welche man den Calvinisten nachsagte, gegen die Lehre von der Vorherbestimmung des Menschen hatte er nichts einzuwenden. Im Gegentheil! Es war ihm bequem, daß seine Kirche auch der Meinung war: Jeder Mensch bringe es eben nur dahin, wohin ihn Gott oder die göttliche Ordnung aller Dinge von Hause aus bestimmt oder geleitet.

– Es geschieht ja nichts ohne Gottes Willen! sagte er andächtig, und er hielt diese Anschauung für eine unzweifelhaft fromme Anschauung.

Von den »spitzfindigen« Einwendungen gegen diese Lehre, von den Vorwürfen gegen diese heidnische oder mahomedanische Schicksalstheorie ließ er sich nicht anfechten, und wenn er nothwendig darüber disputiren mußte, so wies er auf praktische Beispiele hin, welche ja dem Menschen auf Schritt und Tritt begegneten, und welche deutlich bewiesen: der Mensch denke und Gott lenke.

Einem Manne solcher Art mußte solch Gespräch von einer Kirche der Zukunft gar bald mißlich und lästig erscheinen. Nach einer Stunde langweilte es ihn, und er machte die störende Bemerkung, daß er das Bedürfniß nach einer ordentlichen Mahlzeit empfinde, nach einer Mahlzeit im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Er habe ja heute Morgen unten in Hernals kaum einen Bissen genossen, und die Vorräthe hier oben in der Försterei möchten wol durch den zahlreichen Besuch aufgezehrt sein. Er schlage also vor, nach Hernals hinabzureiten und sich dort mit Freund Jörger's Erlaubniß an die Tafel zu setzen.

Er war ein vollsaftiger kräftiger Mann, der wirklich reichliche Nahrung brauchte und verbrauchte; es war ihm Ernst mit diesem Verlangen, und Jörger, als guter Wirth, ging lebhaft darauf ein. Auch ihm waren diese speculativen Gespräche und Plane gegen die Natur. Wie Loß die reformirte, so wollte auch er nur die evangelisch-lutherische Kirche gefördert sehen, einfach und blank, und weiter nichts. Was darüber hinausging, nannte er unruhiges Wesen.

Man brach also auf. Hans gab den Herrschaften das Geleit bis weit unter die hohen Buchen hinaus. Er ging zwischen den Rossen Ludmillens und Isabellens. Man sprach nicht viel, aber die Stimmung war eine gehobene und wohlthuende. Es schien, als ob jedes der drei jungen Geschöpfe durchdrungen sei von der Schönheit und Harmonie dieser Erdenwelt, und sorglos, ja zuversichtlich in sie hineinblicke. In der Luft zitterten noch die feuchten Atome des vergangenen Regens, beleuchtet und erwärmt von der niedergehenden Sonne; die Vögel zwitscherten ihre kurzen Abendweisen, Alles athmete Frieden und Gedeihen.

Es war ausgemacht, daß Hans zunächst da oben bleiben solle beim alten Grafen, und Ludmilla, kürzlich noch so zornig über das Heraufgehen des Junkers, fand dies jetzt richtig und gut. Jeder eigensinnige oder ungestüme Wunsch war von ihr gewichen.

– Ihr kommt zuweilen hinab zu uns, sagte sie mit weicher Stimme, und wir kommen öfters herauf zu – dem lieben Greise und zu Euch. Nicht wahr, Bella?

Isabella neigte sanft ihr Haupt und sah mit ihren klaren, blauen Augen leise bestätigend zu ihr hinüber. Ludmillens Blick, sonst so schalkhaft und in seinem schillernden Schimmer vieldeutig oder herausfordernd, war jetzt von liebenswürdiger Einfachheit und glitt ruhig wie ein Gestirn von der Freundin hinab auf den stillstehenden Freund, der Abschied nehmen wollte. Sie reichte ihm die Hand. Er drückte sie kaum leise, und ihr Handschuh ließ ihn kaum bemerken, ob eine Erwiderung stattfände. Jedes sinnliche Element schien entfernt zu sein. Ja, als Hans sich gegen Isabellen nur verbeugen wollte, rief Ludmilla:

– Wie, Du giebst dem gelehrten Waldesjunker nicht die Hand zum Abschiede?!

Lächelnd mit all ihrer lieben Sanftmuth that es Isabella – er blieb zurück; sie blickten noch einmal nach ihm, er grüßte mit der Hand, und die schönen Mädchengestalten verschwanden unter blitzenden Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen.

Pater Dunstan war beim Grafen zurückgeblieben. Er wollte ihm zunächst den Inhalt der Ledertasche, welche er mitgebracht, im Einzelnen vorlegen.

– Warte damit, ich bitte, entgegnete Zdenko, bis der Hans zurückkommt. Er wird mein Sohn und soll jetzt Alles übernehmen, und Du wirst ihn unterrichten über all unsere Verbindungen, nicht wahr? Ich bin sehr erschöpft von diesem stürmischen Tage und muß mit der untergehenden Sonne zur Ruhe, wenn ich weiter bestehen soll. – Gut, Tschirill, daß Du kommst. Lass' Dich anschauen, ob Du Schaden gelitten von der Heftigkeit des Raupowa.

Tschirill schüttelte lachend sein krauses Haupt und küßte seinem Gebieter die Hände.

– Es ist kein guter Mann, dieser Raupowa Wilhelm, und man muß sich der schlimmsten Dinge von ihm versehen. Die Vormittagsstunden heute, als er hier eingedrungen, waren mir die peinlichsten; ich habe eine körperliche Scheu vor ihm. Unser braver »Zahn« schrie ja heut' Morgen kläglich; hat der Raupowa ihn verletzt?

– Freilich! – Da, da – oh!

Und Tschirill deutete unter diesen Ausrufungen auf die Thür, durch welche sich der verwundete Hund mühsam hereindrängte. Er hatte den ganzen Tag über in seiner Hütte gelegen und seine Wunde geleckt; die jetzt eingetretene Stille erst schien seinem Instincte gesagt zu haben, daß sein Gönner Zeit haben werde für ihn. Er kroch auf dem Bauche zu den Füßen des Grafen heran und winselte beweglich. Der alte Herr tröstete ihn, und Zahn heulte laut auf bei diesen Trostesworten, während welcher Tschirill unter den gelbbraunen, langborstigen Haaren des Hundes vorsichtig untersuchte, wohin der Schwerthieb Raupowa's getroffen. Die Untersuchung fiel tröstlich aus, und ein Wundbalsam, welcher ihm leise eingerieben wurde, schloß die häusliche Scene.

Graf Zdenko erhob sich, um nach seiner Lagerstatt hinaufzugehen. Beide Hände seinem Freunde Dunstan, welcher schweigend dasaß, entgegenstreckend, sagte er schmerzlich lächelnd:

– Es ist doch nichts so schwer zu erringen, Dunstan, als der Frieden! So lange trachten wir danach – Ah, unterbrach er sich, es ist doch dem unglücklichen Odontius nichts begegnet in diesem Tumult?

– Nichts Uebles! erwiderte mit seiner tiefen Baßstimme Pater Dunstan. Geh' zur Ruhe, Zdenko! Ich erwarte Deinen jungen Freund, und komme wol morgen wieder herauf, um Weiteres zu besprechen.

Graf Zdenko ging, auf Tschirill gestützt, hinauf. Zahn blieb liegen und sah ihm traurig nach. Pater Dunstan blieb sitzen und sah gedankenvoll in das Abendroth hinaus, welches sich hinter der großen Fichte über Schlucht und Wald und Berge in feurigem Scheine ergoß.

So fand ihn Junker Hans.

Pater Dunstan begrüßte den jungen Fremdling, welcher so auffallend rasch das Vertrauen seines alten Freundes Zdenko gewonnen, mit Wohlwollen, aber doch nicht ohne einige Vorsicht.

Er theilte die Grundgedanken Zdenkos, aber er zieh diesen gern einiger Ueberschwenglichkeit, namentlich in Aufnahme neuer Bekanntschaften. So schien es ihm doch ein wenig voreilig, dem jungen Manne sofort alle Papiere, Geschäfte und Geheimnisse anzuvertrauen; er wollte also vorher sich erst selbst des Näheren mit dem Junker beschäftigen.

Das that er in sehr einfacher Weise. Er fragte, und fragte ohne Umschweif nach Hansens Familienverhältnissen, und fragte so gewiß vertrauensvoll, daß Hans sich angeregt fühlte, diesem treuen Genossen seines Gönners ebenso vertrauensvoll und intim zu antworten. – Pater Dunstan war von großer Ruhe, war in all seinen Aufgaben sorgfältig und genau, und suchte überall einen wohlbegründeten Zusammenhang. Die Neigung Zdenkos zu Hans bedurfte für ihn einer näheren Erklärung. Mit Zdenkos Jugendgeschichte, mit Hortleder, mit den Jenaischen wie Weimarischen Verhältnissen genau bekannt, war er hinlänglich ausgerüstet, aus der offenen Darstellung Hansens zu entnehmen, ob da eine verborgene Beziehung obwalte. Und er fand auch eine solche. Er fand mehr, als Graf Zdenko selber gesucht hatte, weil er weniger Idealist war als dieser, und den gemein natürlichen Dingen und Gründen nüchterner nachforschte. Er fand sie, weil er auf Namen genau einging, welche Zdenko ungenannt gelassen. Zdenko hatte den Familiennamen seiner Anna gar nicht ausgesprochen. Pater Dunstan sprach ihn aus. Er hieß nicht Hortleder, wie Hans gemeint hatte, er hieß Wiedenfeld. Hans rief lebhaft:

– Ah! Wiedenfeld?

– Warum staunt Ihr?

– Meine Großmutter hat nach dem Tode meines Großvaters eine zweite Ehe geschlossen mit einem Wiedenfeld aus Dornburg, und man hat mir oft gesagt, daß sich eine auffallende Aehnlichkeit mit jener Großmutter auf mich vererbt habe – –

– Da liegt der natürliche Zauber! Ihr und die Anna Zdenkos habt dieselbe mütterliche Abstammung gehabt. Die Eurige ist nur um eine Generation jünger. Der Familienzug Eurer Großmutter, sei's in Formen, sei's in Mienen, sei's im Blick oder sonst einem Ausdruck, ist meinem Zdenko entgegengetreten wie eine unmittelbare Erinnerung an seine Anna! Hat Hortleder wol darum gewußt?

– Gewiß! Er kennt unsere Familienverhältnisse so genau wie die seinigen.

– So seid uns doppelt willkommen, lieber Junker, ein Segen des gütigen Himmels für meinen vielgeprüften Freund Zdenko!

Und nun zeigte sich die Abhängigkeit des alten Benedictiners von seinen vorgefaßten realistischen Meinungen. Er prüfte nicht weiter; es war ihm nun erwiesen, daß Zdenkos Zutrauen zu dem jungen Fremdling wol begründet wäre. Er übergab ihm den Inhalt der Ledertasche, welche er mitgebracht, und erklärte ihm alle einzelnen Briefschaften und Schriften, damit er sich in denselben zurechtfinden und des andern Tages dem Grafen Zdenko Vortrag halten könne.

– Ich bin überzeugt, setzte er hinzu, daß Euch Freund Zdenko die ganze Verwaltung seines Thatenkreises übergeben wird. Es ist dies eine weitverzweigte vollständige Regierung. Wir haben Verbindungen und Berichterstatter in dem größten Theile Europas, und der Zusammenhang ist endlich so weit hergestellt, daß eine Generalversammlung – wenn man's so nennen will, eine Synode – vielleicht noch im Laufe dieses Jahres möglich scheint. Prag ist dazu in Aussicht genommen, weil man voraussetzen darf, dort auf die geringsten Hindernisse zu stoßen. Die meisten der Briefe, welche ich heute bringe, beziehen sich hierauf. – Der andere Theil eingegangener Schriften bezieht sich auf Almosen, auf Wohlthätigkeit überhaupt. Widmet diesem Theile eine hingebende Theilnahme! Er ist der wichtigste. Das, was wir zusammenstellen, was wir bauen wollen, kann verunglücken; das, was wir an Hilfeleistung und Schenkung zuwege bringen, das ist unter allen Umständen ein sicherer Segen. Fürchtet niemals, den Geldkasten zu erschöpfen. Mit dieser Furcht verscherzt man sich die bessere Hälfte. Ich weiß am besten, wie schnell man auf den Boden seiner Casse kommt, und dennoch bin ich gegen diese Furcht. Je besser man giebt, desto besser setzt man die Fruchtbarkeit neuer Saaten in Thätigkeit. Fürchtet auch nicht für Euer eigen Schicksal, weil Euch Zdenko vielleicht zum Erben einsetzt. Ihr wäret nicht sein würdiger Erbe, wenn Ihr schon in jungen Jahren von solcher Besorgniß eingeengt würdet. Und zur Beruhigung für die älteren Jahre kann ich Euch sagen, daß ich eine der sichersten Herrschaften Zierotin's nicht verkauft habe. Sie ist in guter Verwaltung, sie gedeiht und sammelt, sie bleibt Euch, wenn die Goldstücke der eisernen Kiste auf die Neige gehen.

Nachdem Pater Dunstan also gesprochen, erhob er sich, um nach Wien heimzukehren. Die noch leuchtende Abenddämmerung genügte seinem sicheren Maulthiere, welches mit diesem Wege, selbst mit der Steige nach der Rohrhütte hinreichend vertraut war. Morgen, spätestens übermorgen wollte er wiederkommen, um über den Wohnungswechsel Zdenkos ernstlich zu berathen mit dem alten Herrn. Heut' und morgen wol würden die Jesuiten nichts erfahren von der Katastrophe, welche hier oben über ihre Leute ergangen, aber über kurz oder lang würden sie doch des Ausganges inne werden, und dann sei das Aergste zu gewärtigen –

– Dann aber, unterbrach ihn Hans, kommt auch Euer Schutz und Asyl zu Tage! Habt Ihr nichts zu fürchten für Eure Abtei und für Euch?

– Doch, doch! Wir sind ihnen preisgegeben in der Stadt, und unser Abt würde nicht erbaut sein von dem Ungewitter, welches ich zuwege gebracht. Aber, junger Freund, ich habe mich durch ein langes Leben daran gewöhnt, daß jeder neue Tag ganz Unerwartetes bringen kann, das Beste wie das Schlimmste. Jeder Mensch ist fortwährend in Lebensgefahr. Diese Einsicht hat mir Eins verschafft: ich ängstige mich nicht mehr. Trachtet danach, in dieser Eigenschaft mir ähnlich zu werden, und Ihr habt einen größeren Schatz errungen, als in dem Eisenkasten Zdenkos da drinnen aufgehäuft liegt. – Ade, Freund! Helft uns redlich die Leidenschaft aus den Sachen des Glaubens entfernen, helft uns Vorurtheile zerstreuen und Kenntniß verbreiten, helft uns Wohlthaten ausstreuen in alle Furchen, und seid gesegnet für und für!

Während dieser Worte waren sie hinausgegangen, und der Pater war auf das Maulthier gestiegen, welches Tschirill vorgeführt, und jetzt ritt er langsam von dannen in die dämmernde Nacht des Buchenwaldes hinein. Sein dunkler Talar, dessen Capuze er wieder über den dünn behaarten Kopf gezogen, verschwand allmälig im Abenddämmer, und Hans sah ihm gedankenvoll nach, so lange noch etwas zu entdecken war von der hohen Gestalt.

Dann ging er in den Saal zurück, um die Arbeit vorzunehmen, welche ihm der Pater anvertraut. – Tschirill brachte Licht dazu und küßte ihm den Aermel. Der gestern noch so mißtrauische und abweisende Diener hatte mit dem Instincte eines Hausthieres wahrgenommen, daß dieser junge Herr ein Herr auch für ihn geworden sei. Er machte Feuer im Kamin, und fragte, ob »Pan« vor dem Schlafengehen noch was befehle, und ob – es heute schon geschehen dürfe.

– Was?

– Das Grabmachen und Hineinlegen unter dem großen Baume –?

– Nein, Tschirill, warte bis morgen Abend. Der Verstorbene könnte noch einmal erwachen.

Tschirill schüttelte langsam das Haupt und ging, den langsam kriechenden »Zahn« mit sich nehmend.

Hans war endlich allein. Wie sehr fühlte er sich der Sammlung bedürftig! Was alles war um ihn, mit ihm, für ihn geschehen in der Zeit von vierundzwanzig Stunden! Mehr als er zu übersehen, als er zu fassen, als er in sich zu verarbeiten wußte. Vielleicht sogar mehr, als er wünschte. Denn die Gesichtskreise, welche vor ihm geöffnet worden, gingen über den Umfang dessen hinaus, was als idealer Wunsch in ihm gelegen. Der beginnende Krieg gegen die katholische Kaisermacht war ihm ja doch entwerthet worden auf erschreckende Weise! So waren ihm die Gegensätze nicht geschildert worden in der Heimat, in den Kreisen des Fürstenhauses zu Weimar! Und Deutschland: Deutschlands Zukunft und neue Form! Davon war nirgends die Rede. Das war ersichtlich den böhmischen Aufständischen etwas ganz Gleichgiltiges!

Und doch so viel Günstiges, Glückverheißendes für seine Person! Das Vertrauen des wunderbar reichen Grafen Zdenko, reich im alltäglichen Sinne, reich im weiten Sinne einer unermeßlichen Kenntniß und Erfahrung. Solch einem Manne ist er plötzlich nahegerückt wie ein Sohn und wie ein Erbe – er wendete unwillkürlich den Kopf nach jener Thür, welche heute Morgen der Graf so ängstlich in's Auge gefaßt hatte, als Raupowa eingedrungen. Jene Thür führte also wol zu der eisernen Kiste, voll von Goldstücken. – Hans schalt sich über diese unwillkürliche Bewegung seines Kopfes, und schämte sich dieses unausgesprochenen Gedankenganges. Er war ja nicht habsüchtig, wahrlich nicht, und doch übereilte ihn solch eine Bewegung! Wie widerwärtig fand er es, daß sie doch natürlich sein mußte bei einem armen Junker, der sich die Welt eröffnen wollte zu allen möglichen großen Wirkungen! – Hinweg!

Er setzte sich an den Schreibtisch, auf welchem Pater Dunstan den Inhalt der Ledermappe ausgebreitet hatte, und in dessen Kasten das grüne Buch lag, die Lebensgeschichte seines väterlichen Freundes. Das sollte seine Beschäftigung sein für diesen Abend.

Todtenstille herrschte in dem einsam gelegenen Waldhause; zwei große Kerzen brannten vor ihm, ein freundliches Feuer leuchtete aus dem Kamin, die Fensterläden waren geschlossen, nichts störte ihn in Betrachtung der Papiere, als seine eigene Phantasie. Sie ließ ihn zunächst die vorliegenden Schriftzüge nicht erkennen, nicht entziffern, sie zauberte ihm ein Mädchenbild vor die Augen – er bedeckte die Augen mit seiner Hand, er blickte mit allen Sinnen in die liebenswürdigen Gesichtszüge Ludmillens. So schalkhaft wie nie war heute der etwas falsche Blick des Mädchens gewesen, aber auch so lieb wie nie. Hinter der schalkhaften Falschheit winkte eine liebevolle Hingebung, ja, ja, ihre Seele ist doch gut und hingebend, und sie wird dir angehören, und du wirst ihr mit all den Mitteln, welche dir jetzt zu Gebote stehen, ein reiches, mannigfaches Leben bereiten können! Sie bedarf dessen, und du kannst es ihr bieten – ein volles Glück wird sich entwickeln –

Langsam riß er sich los von diesen Bildern. Er mußte aufstehen und einen Gang durch den Saal machen, ehe er sich Fassungskraft zutrauen konnte für die vorliegenden Papiere.

Diese Papiere waren indessen von der Art, daß sie seine ganze Aufmerksamkeit anzogen, als er endlich mit einer gewaltsamen Anstrengung ihre Durchsicht begonnen. Sie waren nicht nur aus Deutschland, Dänemark, Schweden, England, Holland, der Schweiz, Ungarn, sie datirten auch aus Frankreich, aus Rom selbst, ja aus Constantinopel, und es war Hans besonders auffallend, daß sich diejenigen aus katholischen Ländern viel eingehender und hingebender zeigten für die Kirche der Zukunft, als diejenigen aus protestantischen Ländern. Die Berichterstatter aus den bereits reformirten Ortschaften klagten sämmtlich, daß dogmatischer Eigensinn ihnen ringsum herb und schroff entgegentrete.

Diese weitverzweigte Anknüpfung des Grafen stammte sicherlich aus den langen Reisen des in die Welt hinausgestoßenen Jünglings, welcher auf seinem Falben von dannen geritten war damals – damals! Hans griff hastig nach dem grünen Buche, um die weitere Lebensgeschichte seines neuen Vaters zu erfahren.

Das Manuscript war in kleiner, aber sauberer und leserlicher Schrift niedergeschrieben. Es war in Abschnitte getheilt. Unter dem Titel »Mähren« stand der Abschied von der Heimat. Vom nächsten Abschnitte an las Hans genau. Er hieß »Oesterreich«. Durch die Berge hinauf war die Pilgerschaft gegangen, durch Oberösterreich und Innerösterreich über Villach in's Tirol hinein. Auch äußerlich war es eine Pilgerschaft geworden. Er hatte sich und seinen Falben nicht erhalten können. Das treue Thierlein wurde hingegeben an einen evangelischen Prediger am Hallstädter See, und dafür wurde in Graz die Kutte eines Bettelmönches eingetauscht mit allen guten Regeln solch eines wandernden Philosophen, der Lehre und Trost und Rath spendet, und dafür in jeder Hütte ein Lager und einen Imbiß findet. – Hinaus ins Reich war die Pilgerschaft gegangen, den Rhein abwärts, ins Holland hinein, nach England hinüber. Dort hatte er Dunstan kennen gelernt, und sie waren zusammen aufgebrochen gen Jerusalem. Durch Frankreich, durch Italien waren sie gezogen, und in Rom hatten sie wirklich den Papst gesprochen, den aus Mailand stammenden Papst Pius IV., welcher damals das Tridentiner Concilium schloß mit dem Vorbehalte, »alle entstehenden Zweifel nach eigenem Willen zu entscheiden«. Während ihres Aufenthaltes in Rom war eine Verschwörung gegen den Papst entdeckt worden, eine Verschwörung gegen das Leben desselben, weil er noch nicht rasch und energisch genug die unbedingte Weltherrschaft des Papstes ins Werk gesetzt. Pius IV. hatte sich mit einer Leibwache von hundert Arkebusieren umgeben müssen. So hatten sie ihn zum letzten Male gesehen, als sie von Rom geschieden waren. Von da waren sie nach dem Berge Athos zu griechischen Christen, von da nach Jerusalem, von Jerusalem nach Constantinopel gekommen. Der furchtbare Soliman II. war damals Sultan. Sie fanden als Derwische bei ihm Zutritt, und er gab ihnen Aufträge für Ungarn, welches unter seinem Schwerte seufzte. Sie kamen nach Ungarn und fanden hier Odontius, der aus der Steiermark entflohen war.

Bis dahin hatte Hans gelesen. Nicht eigentlich gelesen, sondern nur überflogen, um nur zunächst die Hauptumrisse dieses wechselvollen Lebens zu überschauen. Damals waren diese Länder in unermeßlicher Entfernung, und da Graf Zdenko überall jahrelang verweilt, so hatten sie ein halbes Jahrhundert in Anspruch genommen.

Jetzt erst ging Hans wieder zurück bis zur ersten Ankunft des Grafen in Wien; nun las er wörtlich die Schicksale, die Auffassung, die Eindrücke eines Mannes, welcher im Grunde nichts sucht, als den Verkehr mit Gott, das Verhältniß zu Gott, die Form des Glaubens. – Die Kerzen brannten nieder, er las und las mit unermüdlicher Seelenkraft. Es mochte gegen Mitternacht sein, er bemerkte den Flug der Stunden nicht – da klopfte es an ein Fenster. Er überhörte es. Nach kurzer Pause klopfte es von neuem – er sah auf, er besann sich wo er sei und was das bedeuten könne. Mitten in der Nacht, in dieser unnahbaren Einsamkeit, was konnte das sein?! – Er riß den Fensterladen auf – das Mondlicht lag wie ein weißer Dämmer über dem Walde – ein Mann stand vor dem niedrigen Fenster. Das Vordach von oben warf Schatten, Hans konnte nicht viel mehr als die Umrisse sehen; er öffnete das Fenster – ein altes, bärtiges, von Leidenschaften zerfressenes Gesicht grinste herein.

– Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?

– Ein verirrter alter Mann bittet um ein Obdach! erwiderte in ziemlich unreinem Deutsch eine gebrochene Stimme in bittendem Tone.

– Wie kommt Ihr daher?

– Hab' einen Botengang über den Wald zu machen gehabt, und auf dem Rückwege hab' ich mich vergangen, die Nacht ist dazugekommen, bin einmal über's andere gefallen, find' mich nimmer aus. Hab' auch ein lahmes Bein, das den Dienst versagt und bei der Nachtluft schmerzt; seid christlich, gnäd'ger Herr, laßt mir ein Nachtlager zukommen und einen kleinen Imbiß!

Hans war so befangen von seiner Lectüre, daß ihm nur die Worte: »Seid christlich!« einen Eindruck machten. Er sah sich rückwärts nach dem Zimmer um – richtig, da stand ein kleines Nachtmahl, welches Tschirill für ihn aufgetragen. Davon reichte er dem Fremden zum Fenster hinaus. Während dieser gierig aß, überlegte Hans, daß er doch wol um der Sicherheit willen für den Grafen den Fremden nicht hereinnehmen dürfe, nein, drüben ins Wirthschaftshaus! Aber die Ausgänge waren sorgfältig durch Tschirill verschlossen; durch sein Schlafzimmer und Golling's Stube hindurch wollte er nicht, um die Jägersleute nicht zu wecken.

– Da, haltet das Licht. Vielleicht bläst es der Wind nicht aus.

– Nein.

Und nun schwang er sich zum Fenster hinaus und ging mit dem Fremden zu Trumm's Wohnung hinüber – die Hunde schlugen an.

– Rasch, rasch, sonst wecken wir Alles auf!

Sie traten in den kleinen Flur. Links war des Gärtners Stube, rechts die Kammer.

– Fürchtet Ihr Euch, in demselben Raume mit einem Todten zu schlafen?

– O, Gott bewahre, gnäd'ger Herr! Das hab' ich oft gemußt, und jetzt bin ich zum Umfallen müde.

– So kommt! – Da auf dem Lager ruht er, der kleine Alte – er ruht für immer. Hier im Winkel ist eine Streu von Blättern, hier sind des Verstorbenen dicke Mäntel zum Zudecken. Behüt' Euch Gott bis morgen.

– Dank für den Christendienst, gnäd'ger Herr!

Hans eilte mit dem Lichte zurück und sprang wieder durch's Fenster in seinen Saal. Er eilte, damit nur die Hunde ruhig würden. Caro bellte hell und heftig, Zahn heulte.

Der Jäger steht am Ende auf, dachte Hans, besser ist, du machst nun hier auch Nacht, damit die Nachfrage nicht neue Unruhe erzeugt.

So that er denn auch. Er schloß das Fenster und blies die Kerzen aus. Die wenigen Schritte zu seinem Schlafzimmer hinüber kannte er; er fand sie im Finstern, kleidete sich rasch im Finstern aus und legte sich schlafen.

Er ahnte nicht, wen er aufgenommen. Es war der alte Kriegsknecht Brémont aus dem Arsenale in Wien, welcher als Liebhaber die Expedition mitgemacht, und welcher zuerst während des Getümmels entwichen war. Er hatte sich wirklich in dem unwegsamen Bergwalde verirrt und war in seiner Erschöpfung froh gewesen, als er endlich wieder an den Staketzaun gekommen war, welcher den kleinen Platz umschloß.

Hunger, Frost und Müdigkeit hatten über alle Bedenken gesiegt, er hatte eine Latte eingedrückt und war da wieder hereingekrochen, von wo er am Nachmittag sorgfältig entwichen war.

Wenn sie dich erkennen, hatte Brémont gedacht, so leugnest du, und wenn's nichts hilft, was thut's?! Sie können dich nicht fressen! Und du machst ihnen was vor. Hunger thut weh, und verhungern werden sie dich nicht lassen. Wende dich nur an die Ecke, wo die Herrenstube war, die Herren haben bei solcher Gelegenheit eher ein Einsehen und Nachsehen –

Das war ihm gelungen. Golling war wol aufgestanden, von dem ungewöhnlichen Bellen der Hunde aufgeweckt, und hatte sein Fenster geöffnet, aber erst nachdem Hans schon wieder zurück war. Die Hunde hatten sich beruhigt; Golling war auch wieder auf sein Lager zurückgekehrt. Die Frühlingsnacht verstrich ohne weitere Störung.

Brémont erwachte zeitig auf seiner Streu, und das eben erst aufdämmernde nüchterne Tageslicht brachte ihn auf den Gedanken, befriedigt zu sein mit der nächtlichen Unterkunft und still von dannen zu schleichen, ehe der Jäger und das sonstige Volk der Försterei ihn ins Auge faßten und am Ende doch als einen solchen wieder erkännten, der Nachmittags unter den Feinden dagewesen. Bei Tage werde er sich doch wol aus dem Walde herausfinden.

Gesagt, gethan! Mit einem scheuen Seitenblicke auf die Leiche öffnete er vorsichtig die Thür. Es war hohe Zeit! Denn eben erhob sich auch Trumm von seinem Lager, und Golling drüben desgleichen. Ein paar Minuten Vorsprung nur waren dem alten Kriegsknechte gestattet. Er benützte sie, und war nahe am Zaune, als Trumm und Golling aus den Thüren traten – sie sahen nichts mehr von ihm, und sie ahnten auch nichts von ihm. –

Brémont seinerseits erwies sich als alter Feldsoldat doch nicht ganz ungeschickt in Aufsuchung des Weges, als er einmal jenseits des Zaunes im hohen Holze war und der lichter werdende Tagesschimmer ihm zu Hilfe kam. Ganz strategisch zu Werke gehend, strich er nicht geradeaus, sondern quer durch den Wald, voraussetzend, daß er auf diese Weise doch den Weg finden müsse, welcher ihn und die Expedition am Tage vorher zum Zaunthore geführt hatte. Er fand ihn auch. Und wenn er noch zweifelhaft gewesen, ob es auch der rechte sei, so belehrte ihn ein Fund, daß er sich nicht irre. Er fand nämlich den Sattel, welchen die Seinigen gestern liegen gelassen. Obwol er faul war, lud er sich doch dies fast neue und immerhin werthvolle Instrument auf den Kopf, um es bis Dornbach hinabzutragen. Dort meinte er im Wirthshause zu frühstücken und eine Fahr- oder Reitgelegenheit nach der Stadt hinein zu erlangen. So geschah's. Der Gastwirth in Dornbach spannte eben ein, um ein Faß Wein nach Wien zu fahren. Auf Brémont's Geheiß wartete er das Frühstück des Gastes ab und berichtete außerdem, daß in der Nacht ein bewaffneter Mann, wie er glaube einer von der Stadtguardia, bei ihm eingekehrt und sich schwer besoffen habe. Er schlafe drin auf der Bank. Dies war der zweite glückliche Ausreißer. – Brémont besann sich, ob er ihn mitnehmen solle. Der Kerl schlief felsenfest, und Brémont entschied sich dafür, ihn schlafen zu lassen. Warum? Brémont war nicht ohne politische Schlauheit. Er wollte zunächst allein im Stande sein, über das Schicksal der Expedition Auskunft zu geben. Das mußte ihn wichtig machen, und konnte etwas abwerfen. Pater Norbert war ja doch eine bedeutende Person, die in der Burg vermißt werden müsse – den Weg zu Norberts Wohnung kannte er, und dort würde man ihn schon zu höheren Personen weisen, welche die Auskunft belohnen würden. Dies reiflich überlegend, fuhr er neben dem Weinfasse und dem Sattel behaglich am Hernalser Schlosse vorüber nach der Stadt hinein, das gefährlichste Werkzeug gegen die Sicherheit der Försterei. –

Dort in der Försterei ahnte Niemand eine Gefahr. Der alte Graf war gestärkt aufgestanden, und harrte geduldig seines Sohnes, welcher in den Tag hineinschlief und welcher bei seinem Erwachen von Gewissensbissen gepeinigt ward. Die unwillkürliche Kopfwendung nach der Thür des Badezimmers, wo der Schatz des Grafen vermuthet wurde, lag wie Blei in seiner Seele. Niedrig und gemein erschien er sich, und er hätte mit Freuden auf Alles verzichtet, wenn dazu Gelegenheit gewesen wäre, um sich von so widerwärtigem Vorwurfe zu befreien.

In solcher Weise verstört kam er zum Grafen.

– Was ist Dir? fragte Zdenko besorgt.

– Ich verachte mich selbst!

– Warum?

Und nun erzählte er offen, was vorgegangen in ihm und was ihn quäle.

– Das nennen die Theologen unsere Erbsünde, erwiderte lächelnd Graf Zdenko. Sie zu haben ist kein Verbrechen, sie zu besiegen ist unsere Tugend. Du hast sie schon besiegt. Komm' daher und verzehre getrost Dein Frühmahl, und blicke getrost zu Gott hinauf, welcher seinen herrlichsten Frühlingstag über uns ausgießt, über Gerechte und Ungerechte. Wer ehrlich trachtet, gerecht zu sein, dem dienen die wilden Begierden alle zur Läuterung. Lass' mich übrigens diese Deine Scrupel zur Veranlassung nehmen, daß ich Dich mit meinem Mammon bekannt mache –

– Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht!

Lächelnd gab der alte Herr diesem gewissenhaften Widerwillen nach. Er hegte ja überhaupt wenig Aufmerksamkeit für Geld und Gut. Die Handkasse im Schreibtische war zufällig gefüllt, und so war es in nächster Zeit nicht nothwendig, die eigentliche Schatzkiste in Anspruch zu nehmen. Daher kam es, daß Hans über den Aufenthalt dieser Kiste nichts Näheres erfuhr.

Der alte und der junge Schwärmer versenkten sich im Gegentheile mit aller Hingebung in ihre religiösen Gedanken und Plane. Der Tag zog am Himmel vorüber, und sie bemerkten erst am Nachmittage, daß ein allgemeines Regenwetter eingetreten war, und ein Besuch von Hernals nicht mehr zu erwarten stünde. Es war ein Landregen des Frühlings, der mit einer einzigen Kraftanstrengung die ganze Natur entwickeln mochte. Er hüllte den Wiener Wald in weißgraue Wolkennebel, und man saß da oben abgetrennt von der Menschenwelt wie in einer Alpenhütte. Er strömte drei Tage lang ununterbrochen nieder, und die beiden Schwärmer konnten den Austausch ihrer Gedanken und Träume vollständig erledigen.

Ein Unterschied zwischen ihnen trat deutlich hervor. Hans war, um es kurz zu bezeichnen, nüchterner als der alte Herr. Der feste Mittel- und Hintergrund für Alles, was er wünschte, war das deutsche Reich in reformirter Gestalt. Die Kaisermacht in der Hand eines protestantischen Fürsten war sein nächstes Ziel. Seine Herkunft, seine Jugendgeschichte brachten es mit sich, daß er einen von den jungen weimarischen Fürsten vor Augen hatte. Unter den anderen protestantischen Regenten schien ihm auch keiner empfehlenswerth. Gegen den kursächsischen hegte er das feindliche Vorurtheil des Ernestiners gegen die usurpatorischen Albertiner. Außerdem war ihm der sächsische Kurfürst zuwider, weil er in den Händen beschränkter und fanatischer Lutheraner, weil er, in völlerischer Lebensweise befangen, geistig zu unbedeutend, und weil er dem katholischen Kaiserhause in Wien zu gedankenlos ergeben sei. Der Brandenburger war schwach und nichtig, unter den welfischen Fürsten in Wolfenbüttel und Lüneburg war nichts Hervorragendes, der hessische Landgraf war tyrannisch und verlogen, der Darmstädter –

Warum stockst Du da? fragte lächelnd der alte Graf. Der Darmstädter Herr ist mild und versöhnlich, aber er ist ein Süddeutscher, und ist Dir deshalb nicht genehm!

– Nein, nicht deshalb, erwiderte Hans. Aber er hängt zu fest am habsburgischen Kaiser und an den alten Traditionen. Er würde nirgends durchgreifen können und mögen, er ist ein Vermittler, wir brauchen aber eine schöpferische Kraft. Wenn wir einmal absehen von starker Hausmacht, die doch eigentlich keiner von unserer Seite mitbringen könnte, so müssen wir auf frische persönliche Kraft Rücksicht nehmen, und für diese in der neuen Reichsverfassung Mittel und Wege bereiten. Das neue Kaiserthum muß mit größerer Machtvollkommenheit ausgerüstet werden im politischen Rechte, und zur Besitzunterlage kann ihm alles das von den Stiftern verliehen werden, was im weiten Nieder- und Mitteldeutschland eigentlich doch herrenlos geworden ist durch den Abfall der Stiftsbewohner vom katholischen Glauben.

Dazu schüttelte Graf Zdenko das Haupt. Er war wol gegen die aristokratischen Gelüste seiner Standesgenossen eingenommen, welche das Reich in eine Unzahl kleiner Reiche auflösen wollten zu egoistischem Zwecke, aber er war doch auch gegen die Anhäufung aller Macht in Eine Hand. Dadurch verlor nach seiner Ansicht die mannigfache innere Entwicklung der Länder zu sehr an Freiheit, und ein weltlicher Papst sei gar zu bedrohlich. Er hatte überhaupt für die politische Form der Zukunft kein klares Bild, die Spekulation dafür lag außerhalb seines Naturells, welches in der religiösen Frage zusammengedrängt war. Die Hauptmacht nach dem Norden zu verlegen, widerstrebte ihm instinctmäßig. Dann, fürchtete er, könnten allmälig die südöstlichen Mischländer für die deutsche Culturmacht ganz verloren gehen und in Barbarei versinken. Am natürlichsten schien es ihm, daß zu Wien die Hauptmacht verbliebe, aber der Träger derselben sollte in der Glaubensfrage mild, versöhnlich, mit Einem Worte gründlich tolerant sein. Dann nur, meinte er, könne das deutsche Weltreich wieder aufblühen und weitverzweigte Wurzeln fassen. Dies sei auch das Leichteste, denn es habe das Herkommen mehrerer Jahrhunderte für sich, und also das erbliche Ansehen, welches in jeder Machtfrage von unermeßlichem Werthe sei.

– Und dazu der Steiermärker Ferdinand?! rief Hans.

Graf Zdenko seufzte und setzte nach einer Pause hinzu:

– Du siehst, wohin das bloße Politisiren führt! Die Elemente drängen zu kriegerischem Flusse; wer mag sagen, wohin sie strömen werden?! Dergleichen sagt der Mensch nicht voraus, die Gottheit leitet die Ströme. Ich erleb' es nicht mehr; wer weiß, ob Du es erlebst. Darum ist es dankbarer, zunächst unsere innere Welt zu ordnen und nach Kräften zu gestalten.

So vergingen die Tage. Endlich brachte ein Morgen Aufheiterung des Wetters und mit ihr Besuch aus dem Hernalser Schlosse. Es folgte eine ganze Reihe schöner, ruhiger Tage.

Die Wetter, welche sich draußen in der Welt zusammenzogen, blieben unbemerkt in dieser friedlich gewordenen Waldoase, und man konnte meinen, diesem eingewanderten sächsischen Junker brächte die Wiener Luft alle Freuden und Vortheile des irdischen Daseins entgegen – man konnte meinen! Er selbst meinte es, und fühlte sich dankerfüllt gegen einen Himmel, welcher ihn so ungemein begünstigte.

Trotzdem empfand er zum öfteren, daß wallende Nebel seine Zukunft verschleierten, gerade so, wie sie bei Regenwetter Abgründe zwischen den Bergen verschleiern. Alle Personen, die ihm von Bedeutung waren, erweckten ihm zuweilen diese unheimliche Empfindung.

Zunächst Ludmilla selbst.

Ludmillens liebenswürdiges, anziehendes Wesen, frei von den früheren heftigen Wendungen, blieb sich gleich während dieser stillen Friedenstage. Hans sah sie selten allein. Ihr Vater, ihre kleine Schwester, Frau Amalie, zuweilen auch Isabella Harrach pflegten mit ihr zu kommen, und in der Gesellschaft war sie das erheiternde, bewegende, lebensvolle Element, das alle Aufmerksamkeit auf sich zog und verdiente. Hans bemerkte es kaum, daß sie dieser Aufmerksamkeit auch jetzt bedurfte, und daß sie doppelt liebenswürdig war, wenn er sie im kurzen Zwiegespräch lobte für diese oder jene Virtuosität. Denn an solcher Virtuosität fehlte es nie, sie mochte erzählen, oder schildern, oder spotten, oder singen, oder mit der kleinen Schwester einen Nationaltanz improvisiren. Und wie gern lobt die Liebe, wie gern lobte er, wenn er einen kurzen Spaziergang unter die jetzt völlig grünenden Buchen erhaschen konnte! Dennoch fand er auch bei so günstiger, einsamer Gelegenheit nicht den Muth, ein volles Geständniß seiner Neigung auszusprechen, und wenn er sich vorwarf, es wieder versäumt zu haben, so flüsterte eine Stimme in ihm: Es liegt nicht blos an deiner Schüchternheit, es liegt auch an ihr, an Ludmillen selbst! Es schwirrt und blitzt ein Etwas aus ihr hervor, das Dich abhält, ein Etwas von Sicherheit, von Eitelkeit, ja von – Sinnlichkeit. Letzteres Wort wagte er nicht zu verstehen, die Stimme flüsterte es entweder zu leise, oder er war zu keusch, um es zu begreifen. Aber den Eindruck behielt er doch, daß sie ebenfalls Schuld trage an dem scheinbaren Stillstande ihres Verhältnisses. Er war ja doch nur scheinbar, dieser Stillstand, denn seine Neigung wuchs von Tag zu Tag, das konnte er gar nicht verkennen. Nur eben weil er kein unmittelbares Aussprechen desselben errang, dämmerte ihm für seine und Ludmillens Zukunft jenes Nebelgewölk auf, welches sichern Schritt und festen Weg in Zweifel stellt.

Dann blickte auch Frau Amalie zuweilen so eigenthümlich auf ihn und Ludmilla, daß er nicht nur erröthete, sondern daß er auch einen ernsten Vorwurf vor sich zu sehen glaubte. Sie mißbilligt es, flüsterte es in ihm, daß du in so schwerer Zeit deine Seele hingiebst an Liebesträume. Wenn du deine Bestimmung nur irgend erfüllen sollst in all den Aufgaben, die dein Vaterland, dein Glaube, dein so glücklich gewonnener Vater Zdenko dir zutrauen und auferlegen, wo bleibt dann Zeit und Raum für ein Liebesverhältniß oder gar für eine Ehe?! Erst erfülle deine Pflichten, ehe du häusliches Glück suchst, welches jetzt wahrlich wenig Aussicht und wenig Berechtigung hat!

Ferner Ludmillens Vater, der ihm sonst so wohlwollende Freiherr von Loß, war zurückhaltender gegen ihn als sonst. Billigte er das entstehende Verhältniß zu Ludmillen wirklich nicht? War er durch irgend eine üble Nachrede eingenommen gegen den sonst so gern gesehenen Junker? – Letzteres war nur zu wahr. Die kleinen Feindschaften, welche sich Hans im Hernalser Schlosse zugezogen, übten ihre Nachwirkung. Der Bart-Conrad hatte mit seinen Aeußerungen Spath irre gemacht über den zweideutigen sächsischen Junker; Spath nickte bedenklich zu den ungünstigen Aeußerungen des Candidaten Götzinger über den ungläubigen Junker; Götzinger verhetzte den störsamen Fremdling getreulich vor dem Freiherrn von Jörger, der ihm ohnedies das noch immer lahme Roß nicht vergeben und noch gar viel Anderes auf dem Rocken hatte gegen ihn. Jörger endlich redete in seinen Freund Loß hinein, daß alle Welt darüber einig sei, diese fahrenden jungen Ritter voll Ueberspanntheit und Verwirrung seien ein Kreuz für die ohnehin übermäßige Uneinigkeit im Lande und unter den Evangelischen, und fand damit ein offenes Ohr bei Loß. In die Spaltung von Lutheranern und Calvinern hatten die beiden älteren Herren sich einmal gefunden, weitere Haarspaltereien waren ihnen gleichmäßig unbequem. Wohin sollte das führen?! Zudem war Loß gelangweilt und verdrießlich. Es reute ihn, seine Leute mitgegeben zu haben für den Transport; er wartete ungern, und fand im Verkehr mit evangelischen Mitständen, die aus Wien nach Hernals kamen, daß hier in Wien nichts zu erwarten sei. Die Evangelischen hatten die große Mehrheit im Landhause, und protestirten wol gegen den neuen Landesherrn, aber doch nur mit halben Maßregeln. Da war es in Horn entschlossener hergegangen! Kurz, er wäre gern von dannen geritten, wenn nur seine Leute erst wieder dagewesen wären. Unseren Unmuth lassen wir ja aber gewöhnlich am härtesten gegen die Personen aus, welche wir eigentlich lieb haben. Da er nun nichts als Uebles von Hans hörte, so sammelte sich all sein Aerger auf den armen Junker, den er sonst so gern mochte. Er ritt fast täglich mit hinauf, ja, weil die verehrte Frau Amalie hinauffuhr und weil die unruhige Ludmilla Abwechslung wollte, und sogar der kleine Purzel, welcher noch aus Prag eine kindische Anhänglichkeit für den Junker Hans hegte, täglich auf der Partie bestand, ja doch! Er unterhielt sich auch gern mit dem alten Zierotin, der so viel erlebt hatte, und der so viel zu erzählen wußte, und der Hans war ihm immer noch sympathisch, wenn er auch alle Tage mehr gegen ihn eingenommen wurde; aber der Entschluß befestigte sich doch in ihm, den Verkehr mit ihm abzubrechen, und seine Mädchen kurzweg nach Böhmen abzuführen, sobald seine Leute zurückkehrten. Hans hatte also ganz Recht mit seiner Ahnung, daß Papa Loß nicht mehr für ihn gestimmt sei.

Endlich der alte Graf selbst! Auch er zeigte dem liebenden Pflegesohne nur trübe Aussicht in Betreff Ludmillens. Er verrieth mit keinem Worte, ob er die Neigung Hansens bemerke. Aber er sprach öfters über Ludmilla, und er sprach nicht günstig über sie. Reizend möge sie sein, das empfinde er selbst in seinem für Sinnenreiz unempfindlichen Alter, begabt sei sie über die Maßen, aber Vertrauen flöße sie ihm nicht ein. Er halte es für das größte Wagestück eines jungen Mannes, solch ein Mädchen vor den Traualter zu führen. Dagegen halte er den jungen Mann für beglückt und gesichert, dem Isabella Harrach ihre Hand schenke. –

– Leider ist Waldstein kein junger Mann! erwiderte Hans schwermüthig.

– Sie ist auch noch nicht seine Frau, sprach der Graf. – Sie erinnert mich in ihrer stillen Sanftmuth, setzte er hinzu, zuweilen an meine Anna, und mir scheint, Hans, sie sieht Dich gern!

Es war gegen Abend an einem Sonntage, als der Graf, unter der großen Fichte sitzend, diese Worte an Hans richtete, der dazu schwieg, und dem es eine Erleichterung zu sein schien, als Tschirill meldete, die gnädige Frau von Hernals komme angefahren, und zwar sehr rasch.

Sie kam allein, kündigte aber an, daß die Uebrigen nachkämen, und zwar um Abschied zu nehmen.

– Wie! riefen der Graf und Hans einstimmig.

– Loßens Leute sind zurück, fuhr sie hastig fort, es ist Alles schneller gegangen, als man dachte, der Krieg kommt mit Riesenschritten näher! – Raupowa Wilhelm muß Kunde gehabt haben von dem Plane Thurn's, des böhmischen Oberfeldherrn, er ist mit seinen Gefangenen nicht, wie er wollte, an der Donau aufwärts gezogen, sondern hat sie in Kähnen bei Tulln über den Strom gesetzt und seine Richtung gen Znaim genommen. Dort ist er denn auch richtig dem böhmischen Heere begegnet, welches über Iglau in die Markgrafschaft eingebrochen ist, um nach Brünn und Olmütz vorzudringen. Thurn und seine Umgebung haben ein großes Gelächter aufgeschlagen, als ihm Raupowa den kriegerischen Jesuiten Norbert und eine Rotte wienerischer Stadtguardisten vorgeführt und zur Verfügung gestellt hat, und spöttisch hat der böhmische Heerführer sie mit den Worten begrüßt: »Gebt Euch dem Heimweh nicht hin, ich bring' Euch nach Wien zurück, ehe die jetzt noch blühenden Kirschbäume Kirschen tragen! Ihr sollt in erster Reihe stehen, wenn der Nandl und die Jesuiten herüberschießen wollen vom Rothen Thurme nach dem Werd«. Kaum hat er diesen Hohn ausgesprochen gehabt, da ist die Nachricht eingegangen von Brünn und Olmütz: Er möchte eilen, Albrecht von Waldstein benütze die letzten Augenblicke zum Schaden des Landes. Er habe sein Regiment von Panzerreitern aus Olmütz abführen lassen, und als der Oberstwachtmeister desselben zögern gewollt, habe ihn Waldstein eigenhändig vom Pferde gestochen, und sei spornstreichs nach Brünn geritten und vor dem Landhause abgestiegen, Abends um zehn Uhr. Der ständische Einnehmer hat geholt werden und hat unter Androhung des Stranges die Kassenschlüssel der Landesgelder abliefern müssen. Diese Gelder, eine Summe von beinahe hunderttausend Thalern, hat Waldstein auf Wagen laden lassen und hinweggeführt. Umsonst haben die Stände Commissarien und Reiter hinter ihm hergeschickt, man hat ihn nicht mehr eingeholt. Zum Spott aber hat er ihnen einen Boten entgegengeschickt mit der Nachricht: Seine Herren Vettern, die zu den böhmischen Rebellen hielten, werde er binnen Kurzem mit Prügeln und Ruthen bedenken. Mit einem Schrei der Wuth haben die böhmischen Herren diese Herausforderung beantwortet, und das ganze Heer ist im Eilmarsche gegen Brünn aufgebrochen.

Dies sind die Nachrichten, welche Loßens Leute mitgebracht. Ich selbst habe heute in Wien im Harrach'schen Hause weiter erfahren: Jenes Geld aus der ständischen Kasse in Brünn ist bereits in Wien angekommen, und König Ferdinand hat die Annahme desselben – verweigert. Zu großem Schmerze seiner Rentbeamten hat er aus höheren politischen Gründen das Verfahren Waldstein's mißbilligt und verleugnet, und die ganze Summe im Wiener Landhause niederlegen lassen. Die Stände hier wie dort sollen daraus erkennen, daß er auf keine Weise, auch nicht im Falle offener Empörung, in ihr Gut eingreifen wolle. Die Empörung und der Abfall Mährens sind übrigens unzweifelhaft. Brünn ist von den Böhmen besetzt, und die Mehrzahl der mährischen Ständemitglieder scheint sich gegen Ferdinand erhoben zu haben. Albrecht von Waldstein ist von dieser neuen Regierung all seiner Güter verlustig erklärt worden; er ist in diesem Augenblicke ein Bettler, denn all die reichen Herrschaften, welche ihm Lucretia Necksin von Landsberg, seine verstorbene Frau, zugebracht, liegen in Mähren. Aber auch derjenige von Eurer Familie, lieber Graf, mit dem allein Ihr in freundlicher Verbindung und in vielfacher Uebereinstimmung geblieben –

– Vetter Carl –?

– Euer sehr würdiger Vetter Carl ist zu Brünn ins Gefängniß gesetzt worden, weil er die Mittel und Zielpunkte des böhmischen Aufstandes nicht billigt.

– Der Arme! Da siehst Du's, Hans, welch mißlich Feld die Politik! Mein Vetter Carl ist ein tüchtiger, ist ein weiser politischer Mann. Selbst ich, der ein Schwärmer heißt, muß ihm nachsagen: Wohl den Ländern, wenn sie die Plane Carls von Zierotin verwirklichen könnten! Denn er will ein großes österreichisches Reich auf freien und edlen Grundlagen. Umsonst! Die Leidenschaften vernichten das Beste und die Besten. Aber hier thut Hilfe noth. Du kannst nicht hinüber, Hans, Du bist fremd. Lass' Dunstan herausbitten; er wird Rath schaffen, meinem Vetter hilfreich zu werden.

– Langsam, vorsichtig, lieber Graf! rief Frau Amalie. Ich möchte um keinen Preis solche Hilfeleistung verzögern, aber ich muß Alles sagen, Euch aufmerksam machen, daß zunächst für Euch selbst gesorgt werden muß.

– Schon wieder? Die neuliche Expedition ist ja beseitigt worden, ohne daß eine Spur von ihr übrig bleiben konnte!

– So glaubten wir. Was ich bei Harrach's gehört, widerspricht dem.

– Hat Isabella selbst –?

– Nein, nein, Junker! Ich hatte sie nach jenem stürmischen ersten Besuche hier aufmerksam gemacht, was auf dem Spiele stünde und daß sie schweigen möge. Sie versprach es bereitwillig, und – sie ist wahrhaftig. Nein, aus Harrach's Aeußerungen entnehm' ich, daß in der Burg Kenntniß von des Grafen Asyle und feindliche Absicht vorhanden ist. Woher? weiß ich nicht. Als von der Abführung des Brünner Geldes aus der Burg ins Landhaus die Rede gewesen, da scheint Lamormain eine Aeußerung gethan zu haben in Harrach's Gegenwart, welche diesen veranlaßt hat, mich zu warnen –

Frau Amalie wurde hier unterbrochen durch die Ankunft des Freiherrn von Loß und der Seinigen. Loß war so laut und heiter, wie man ihn seit dem Tage seiner Ankunft nicht mehr gesehen.

– Das halbe Wesen hat ein Ende, rief er, das halbe Wesen dort wie hier und hier wie dort. Das Leben geht wieder aus dem Ganzen, und nun ist's gut. Seht freundlich dazu aus, Papa Zierotin, und der Junker da kann auch froh sein. Jetzt kann er sein Predigerthum beenden und zu Kriegsthaten übergehen, wie's einem Junker ziemt; ich werd' ihn nachdrücklich dem Thurn empfehlen, und er darf sich nur auf mich berufen und sich bei ihm melden, wenn er im Laufe dieser Woche vor Wien rückt –

– Im Laufe dieser Woche? riefen Alle.

– Allerdings. Der schlesische Vetter, der Mitzlau Rudolph, ist eben angekommen.

– Der ist auch wieder da?

– Auch wieder da, Papa Zierotin. 's kommt Alles wieder auf dieser Welt, Hunger und Durst und Liebe und Zahnweh. Also der Mitzlau kommt recta vom Thurn. Mit Mähren hat sich der gar nicht länger aufgehalten, das hat er in der Tasche, und ist ohneweiters ins Erzherzogthum eingerückt –

– Ins Oesterreich?

– Ins Oesterreich unter der Enns, genau zu sprechen, und wenn er da nicht mit dem Fuße an den kleinen, gut ummauerten Ort Laa gestoßen wäre, so wäre er schon hier vor Wien, oder wol gar schon in Wien. Kurz, vor Laa liegt er jetzt, die paar Meilen von hier, und über Nacht wird er da sein. Zunächst reitet und fährt und geht Alles zu ihm hinaus, was nicht katholisch ist, um ihn zu begrüßen und ihm Dienst und Hilfe anzubieten. Und so mein' ich, Junker Hans von Starschädel, werdet Ihr auch thun, sobald er an die Donau kommt. Denn alsdann werd' ich mit ihm gesprochen haben auch für Euch, Ich reite mit meinen Mädels über Laa morgen nach Böhmen – schäm' Dich doch, Mille, mit Deinem Schluchzen! Meiden und Scheiden thut weh, aber Wiederseh'n ist Aufersteh'n – hör' auf!

Nie war Ludmilla so hinreißend schön und anziehend gewesen. Sie trocknete ihre Thränen und versuchte zu lächeln. Das feuchte Auge war eine heiße Sonne, und ihr Wesen und Benehmen, weich und ergeben, machte selbst dem alten Grafen Zdenko den Eindruck, er habe ihr Unrecht gethan mit seinem Vorurtheil, denn sie sei ja wirklich ein herzenswarmes, herzensgutes Geschöpf! – Das war sie auch. Hans empfand es unter den süßesten Schmerzen. Eigentlich hegte er – und mit Recht – die schmeichelhafte Besorgniß, sie werde vor der ganzen Gesellschaft seine Hand ergreifen, werde mit ihm vor den Vater hintreten und sagen: Papa, wir Beide lieben uns, trenne uns nicht, vereinige uns! Denn so war ihr leises, wenn auch unarticulirtes Flüstern, sobald sie an ihm vorüberging, so sprach ihr Auge in das seinige hinein, die ganze Umgebung war nicht für sie vorhanden.

Der Vater schien aber auch eine Ahnung davon zu haben; er bestand darauf, jeder Abschied müsse kurz sein, und in Hernals warte ein Ausschuß der Stände auf ihn, der jetzt den Bericht des Junkers von Mitzlau anhöre und dann Beschluß fassen wolle, ob die Evangelischen noch vor Ankunft des böhmischen Heeres in voller Anzahl zur Hofburg schreiten und dem Erzherzog Ferdinand ankündigen sollten, was ihr Verlangen sei.

– Fort, fort! Ein Handschlag und Ade, daß man sich jünger wiederseh'! Nun heult der Purzel auch! So schämt Euch doch! Ritterfräulein sollt Ihr sein, muthig und tapfer!

Es war ihm gar nichts daran gelegen, daß Hans sie begleiten wollte hinab ins Thal. Aber geradezu abweisen konnte er's doch nicht.

Hans war entschlossen. Alle Scheu und Besorgniß Ludmillen gegenüber war hinweggescheucht. Er wollte ihr sein Herz offen darlegen, bevor sie von ihm schiede. Zu dem Ende wollte er sie heute noch allein sprechen. Wo? Und wie? Er wußte es noch nicht. Aber zunächst mußte er mit hinab. Er kannte ja den Weg gar nicht hinunter aus den Waldbergen; Spath hatte ihn damals im Finstern heraufgeführt auf einem Fußpfade, welchen er nicht wieder zu finden wußte. Er schloß sich also jetzt dem Zuge an, wenn auch zu Fuß. Die Loßischen waren alle Drei beritten, und Frau Amalie, welche gleichzeitig mit aufbrach, bot ihm vergeblich einen Platz in ihrem kleinen Wagen an. Es schien ihm unmöglich, jetzt Gleichgiltiges zu sprechen; wie von himmlischen Kräften getragen, schritt er zwischen dem Pony Purzels, welche bei dieser Gelegenheit die zärtlichste Aufmerksamkeit vom sogenannten sächsischen Vetter erfuhr, und dem Rosse Ludmillens einher, durch den Buchenwald dahin. Erst als sie durch die Schlucht bis zur Rohrerhütte hinabgelangt waren, mußte er diesen Posten aufgeben. Loß bestand darauf, Eile zu haben, und nöthigte den nachfolgenden Reitknecht, dem Junker Hans sein Pferd abzutreten. Nun ging's raschen Trabes durch Dornbach hindurch, und Hans sah sich binnen einem Viertelstündchen zum ersten Mal wieder im Schloßhofe von Hernals, wo Tartsch schon so lange täglich vergebens auf seinen jungen Herrn gewartet hatte. Wie immer ungeschickt, drängte er sich herzu und verhinderte Hans noch ein heimliches Wort an Ludmilla zu richten. Diese schien auch ein solches zu erwarten, ein bestimmtes Wort für eine Zusammenkunft, denn sie suchte beim Absteigen ihr Pferd so zu wenden, daß Hans nahe zu ihr treten könne. Tartsch sorgte dafür, daß dies nicht möglich wurde: er drängte sich mit unübertrefflicher Geschicklichkeit zwischen sie und seinen Herrn, um diesem Vorwürfe zu machen, daß er ihn so lange ohne Nachricht und Weisung gelassen in fremdem Hause, wo Niemand was von ihm wissen wolle, und kaum Futter für die Pferde zu kriegen sei. Auch Papa Loß war gleich zur Hand, um seine Mädchen ins Schloß zu treiben, damit sie ihre Habseligkeiten richten möchten, nächsten Tages mit dem Frühesten gehe es auf die Reise. Er merkte es wohl, was zwischen seinem ältesten Mädchen und dem sächsischen Junker in der Luft schwebte, und innerlichst lächelte er darüber. Es wäre ihm ja noch vor Kurzem so erwünscht gewesen! Seiner Mille gönnte er vom Herzen die Freuden des erwachenden Mädchenfrühlings, und der Hans war ihm in Prag noch der erwünschteste Schwiegersohn gewesen. Aber Zeugniß und Nachrede über ihn waren im Hernalser Schlosse gar zu nachtheilig, jedenfalls hielt er's für seine väterliche Schuldigkeit, den verdächtigen Jungen länger zu beobachten, und jetzt – setzte er mit einem halblauten Fluche hinzu – ist doch auch wahrhaftig keine Zeit zu hochzeitlichen Dingen. – Wie oft hat er sich später Vorwürfe gemacht, daß er leichtgläubig gewesen!

So blieb denn Hans allein auf dem Hofe stehen. Es kümmerte sich Niemand um ihn, denn das Gesinde war durchweg angesteckt von dem Mißtrauen gegen ihn, und seine einzige Gönnerin, Frau Amalie, wurde bei ihrer Ankunft von ihren Leuten in Anspruch genommen. Haus und Hof waren voll von Gästen, die Zusammenkunft und Berathung der evangelischen Standesherren war oben im Saale bereits laut und thätig. Jeder dieser Herren war von Dienern begleitet, die den Hof anfüllten.

Der unbeachtete Hans sah und hörte nichts von der Geringschätzung und dem Uebelwollen, welche ihn empfingen. Er lebte jetzt nur für den Einen Gesichtspunkt seines Herzens, alles Uebrige war ihm ein mechanisches Abthun. Mechanisch stieg er zu dem Zimmer hinauf, welches er damals verlassen, mechanisch fertigte er Tartsch ab, der alles Mögliche wissen wollte; aber mit sehr bewußter Absicht öffnete er das Fenster. Rechts drüben an der Ecke der Hauptfronte war Ludmillens Wohnung, wenigstens ein Fenster derselben, das Fenster ihres Vorzimmers. Ihr Wohn- und Schlafzimmer waren hinter der Ecke. Jenes eine Fenster konnte eine Vermittlung bieten, er wußte selbst nicht welche; sinnend und hoffend blickte er hinüber – unten war Garten, Spath's Gebiet. Spath war auch da beschäftigt, und sah den Junker. Hans sah den hinter einer Hecke arbeitenden Gärtner nicht.

Der Abend sank eben herunter auf das grünende und blühende Land, der Flieder duftete berauschend, die Vögel sangen in Pausen ihre letzten Weisen, nur eine Grasmücke machte keine Anstalt, ihren lieblichen Gesang einzustellen.

Da, richtig! sein Hoffen hatte ihn nicht getäuscht, und sein Auge täuschte ihn jetzt nicht – da erschien eine weiße Gestalt an jenem Eckfenster. Noch mehr, sie trat heraus, denn jene Ecke und die rechts von der Ecke fortlaufende Front des Schlosses hatte einen hölzernen Balcon nach Art der Bauernhäuser in den Alpenländern. Er war nur dort angebracht, weil die Morgen- und Mittagsonne nicht an jene Seite drang, und solcherweise ein schattiger Aufenthalt im Freien möglich wurde für die Damen des Hauses in der warmen Jahreszeit.

Jene weiße Gestalt war Ludmilla, er war dessen gewiß, obwol die Dämmerung ihm nicht mehr gestattete, ihre Züge zu erkennen. Frau Amalie, deren Zimmer ebenfalls auf den Balcon gingen, scheute die Abendluft und hatte jetzt im Hause Beschäftigung, das wußte er. Es ist Ludmilla, rief sein Herz, und sie harret Dein!

Das Stockwerk war nicht hoch, und unten war weiche Gartenerde. Er besann sich nicht lange, sondern sprang hinab.

Ludmilla, etwa fünfzig Schritte von ihm entfernt, schien es bemerkt zu haben. Wenigstens meinte er, als er bis hoch über den Knöchel feststand im lockern Beete, sie habe eine hastige Bewegung gemacht.

Spath hatte es aber auch bemerkt und war im Begriff, störend einzuschreiten. Die Mißhandlung seines Beetes war ihm nicht gleichgiltig, und der gründlich verleumdete sächsische Junker war ihm – doch gerade dies ließ ihn zögern.

Spath war der einzige von allen Dienstleuten im Hernalser Schlosse, welcher sich lange zweifelnd verhalten hatte gegen die allgemeine Mißachtung des Junkers. Er konnte nicht in Abrede stellen, was man als zweideutig nachwies gegen Hans, nein, der abenteuerlich erscheinende fremde Junker mit seinem mürrischen Reitknechte hatte auch ihm allmälig den Eindruck eines zugewanderten Hungerleiders gemacht, welcher sein Schäfchen scheeren wolle, sei es bei den Katholiken, sei es bei den Evangelischen. Die Anknüpfung an Waldstein und an Harrach's in Wien waren zu verdächtig, und das Fräulein Isabella, welche ja sonst nie so fleißig herausgekommen, steigerte den Verdacht, als ob Hans je nach Umständen um die reiche Katholikin, oder um die reiche Protestantin freien wolle. Dazu seine Aufnahme beim Grafen Zdenko! Man sah ja und hörte es auch vom alten Herrn selber, daß er ihn an Kindesstatt angenommen, der unermeßlich reiche, mit einem Fuße schon im Grabe stehende Cavalier das dürftige Junkerlein aus Sachsen! Welcher Stoff für den Neid! Und der Neid ist geschäftig wie ein Wiesel, namentlich unter der ärmeren Menschenclasse. Ja, es ist ganz in der Ordnung, stieg es in Spath's Gemüthe auf, diesem verdächtigen Patrone das Stelldichein zu verderben, welches er vor hat. Spath war im Begriffe, unter dem Kirschbaume hervorzutreten und durch laute Anrede das Fräulein da oben fortzuscheuchen. Er trat auch vor, aber nur einen Schritt. Ein gewisses Etwas in ihm hielt ihn fest. Dies war eine unerklärliche Vorliebe, welche er innerlichst für den Junker hegte. Sie erwies sich jetzt stärker als jede Verdächtigung. Die Verdächtigung hatte wol Spath's Verstand eingenommen, aber sein Gemüth doch nicht beseitigt. Dies Gemüth flüsterte: Der Junker ist aber doch gebildeter und wohlwollender als irgend einer seinesgleichen! Und warum wäre denn der so gute, so fromme und so erfahrene alte Herr droben im Jägerhause dergestalt für ihn, wenn nicht eine Tüchtigkeit in diesem Junker wohnte?! Und warum solltest du denn die Liebesfreude verderben, die er dir droben schon zweimal vergönnt hat – ja, zweimal ist er stumm und sachte vorbeigegangen, als er dich unter den Buchen einsam antraf mit der Nandl! Und dem Förster hat er auch nichts verschwätzt, sonst würde der schon davon angefangen haben! Endlich – und hier zog er selbst den Gegner, den Verstand, herbei zur Unterstützung, damit es nicht heiße, er habe gedankenlos gehandelt – endlich kann ein Wort dieses Junkers den Förster mürbe machen für dich, vielleicht gar eine kleine Aussteuer vom alten Herrn erringen – kurz, er machte sich's durch alle Mittel deutlich, daß er seinem weichen Triebe nachgeben und den Junker gewähren lassen solle. Und eigentlich war das unnöthig, er hatte sich schon lange niedergebückt an einen Strauch und hatte den Junker an sich vorüberschreiten lassen, ohne sich zu regen. Ja, er that noch mehr: als Hans drüben am Balcone stand und sein Gespräch angeknüpft hatte mit dem Fräulein, da dachte er nicht neidisch, sondern mit Zärtlichkeit an sein Mädchen droben, und meinte lächelnd es sei doch gar unbequem, so blos aus der Entfernung mit seiner Liebsten sprechen zu können. Meine Gartenleiter mit den Treppensprossen, die wär ja dafür erfunden! Sie steht da drüben unter dem Birnbaume, den du heute abgeraupt. Aber der arme Narr sieht sie nicht. Zeig' sie ihm, ohne dich zu zeigen! – Und er schlich vorsichtig hinüber, und trug dann die Leiter ungesehen in der Dunkelheit bis zu einem großen Strauche, der nur zehn Schritte entfernt stand von Hans. Dort stieß er sie um, daß sie auf Hans zufallen und von diesem bemerkt werden mußte. – Hans bemerkte sie denn auch und erschrak. Da sich aber nichts weiter regte – Spath kauerte mäuschenstill hinter dem Strauche – so meinte er, wie er sollte: die Leiter sei nur leise angelehnt gewesen und durch einen Luftzug umgeblasen worden.

– 's ist Niemand da, flüsterte er zu Ludmillen hinauf, die ebenfalls erschrocken war. Vielleicht ist ein verbannter heidnischer Gott vorübergezogen, und hat mir ein Mittel hergeworfen, mich der schönen Dame da oben nähern zu können.

Und ohneweiters errichtete er die Leiter unter dem Balcone und erstieg sie. Sie reichte vollkommen: Hans stand mit einem Fuße auf der letzten Staffel der Leiter, und saß übrigens auf dem Geländer des Balcons.

Er war ganz betroffen von seiner Dreistigkeit, und Ludmilla schien es auch zu sein. Denn ihr beiderseitiges Gespräch war bis jetzt durchaus nicht so intim gewesen, daß es ihn zu solcher Annäherung berechtigt hätte. Keusch und schüchtern wie sie beide waren, mußte ihnen eine Pause zum Uebergang, ein Scherz zur Befreiung aus der Verlegenheit dienen. Ludmilla fand zuerst das scherzende Wort.

Die Worte, mit welchen sich junge Liebende unterhalten, pflegen nur Vorwände zu sein. Man braucht ein Geräusch, höchstens einen annähernden Ausdruck für das, was im Innern vorgeht, man braucht ihn vorzugsweise aus einem Bedürfnisse der Scham. Geistige Vermittlung, geistiger Uebergang soll eintreten, weil man den Geist für vornehmer, für uneigennütziger hält. Der Liebesdrang selbst, wie sehr man ihn der Seele zuschreibt, ist immer tief mit den Sinnen verstrickt; das ahnt man, und man will nicht den Anschein haben, als folge man so geradehin einem mit den Sinnen verstrickten Drange. Deshalb ist das wirkliche Gespräch junger Liebesleute niemals so geistreich und geschlossen, als die Dichter schildern. Der Geist ist nur ein gezwungener Stellvertreter, und er wird gar nicht in Anspruch genommen für geschlossene Gedankenreihen. –

Demgemäß war die Zwiesprache beschaffen zwischen Ludmilla und Hans. Nicht um die Worte war es ihnen zu thun. Sie sahen sich, sie fühlten, sie athmeten ihre beiderseitige Nähe, sie schwelgten in dieser Nähe, sie schwelgten in jener reizenden Ahnung der Sinnlichkeit, welche man keusche Sinnlichkeit nennen möchte, weil sie noch fern vom eigentlichen Begehren ist, sie schwelgten in jenem Liebeszauber, der göttlich genannt wird, weil er der irdischen Erfüllung nicht zu bedürfen scheint. Nicht Umarmung und Kuß war Ziel und Streben, o nein, das lag wie der Himmel selbst vor ihnen in rosenrother Ferne, die Aussicht auf den Himmel schon berauschte sie. Ludmilla war auch angethan dazu, den bescheidenen Hans durch ihre bloße Nähe zu entzücken: das leichte Gewand floß wie eine fast durchsichtige Wolke um den frischen jugendlichen Leib; der schöne Arm enthüllte sich, wenn sie eine Bewegung machte; das halb gelöste Haar spielte in Locken um die Schultern, und der Klang ihrer Stimme war wie die Sehnsucht selbst. Hans wankte einmal in seiner luftigen Stellung auf dem Geländer, da griff sie eiligst nach ihm, um ihn zu halten. Und sie that es herzhaft wie ein Landmädchen; sie hielt ihn einen Augenblick fest an den Schultern. Langsam, allmälig verminderte sie die Kraft, und nur leise berührend blieben ihre Hände noch eine Weile ruhen – Hans erbebte wie ein vom Glück Betroffener durch und durch. Er ergriff eine Hand von ihr, um sie zu küssen; sie wehrte nicht, sie überließ Hand und Arm bewegungslos, und so kam es, daß nicht ihre Hand, sondern ihr Arm an seine Lippen gelangte, eine viel innigere Annäherung, als der banalere Handkuß darbieten konnte; der entscheidende Augenblick einer ersten Umarmung war unmittelbar vor ihnen – da rief eine helle Kindesstimme dicht neben ihnen:

– Ach, wie hübsch! Vetter Hans macht den Handkuß ganz anders!

Die Liebenden trennten sich so schnell, daß der Junker fast ohne Leiter in den Garten hinabgekommen wäre, wenn das sprechende Kind ihm nicht seinen kleinen Arm hingestreckt und ihm einen augenblicklichen Haltpunkt geboten hätte, den er auch wirklich im Taumel ergriffen hatte.

– Auch so 'nen Handkuß, Vetter Hans! rief lachend der kleine Gnom, welcher nicht ahnte, was er angerichtet.

Die kleine Schwester Ludmillens war der Störeglück, es war Purzel, wie der Vater auf dem Umwege über Murzel den Namen Marie abgekürzt hatte. Sie war drinnen im zweiten Zimmer, wie Ludmilla glaubte, zu Bette gegangen, in Wahrheit aber von den Stimmen auf dem Balcone angelockt worden, weil sie den »Vetter Hans« – wie sie sich ausdrückte – zu hören meinte. Vetter Hans war aber ihr bester Freund, mit ihm unterhielt sie sich immer gern, und so hatte sie es jetzt für wünschenswerth gehalten, ihm noch »gute Nacht!« zu sagen. Arglos war sie ohne Schuhe herausgeeilt, und stand jetzt zwischen den Liebesleuten, höchst glücklich darüber, daß sie beide so prächtig erschreckt hatte.

Als Hans sich nicht beeilte, den neumodischen Handkuß auch ihr zu gewähren, sagte sie schmollend:

– Ich verklag' Dich beim Papa, garstiger Vetter, daß Du mich weniger lieb hast als die Mille! Da kommt er! Da kommt er!

Wirklich hörte man des Vaters Stimme.

– Hierher, Papa, hierher, rief Purzel, wir sind Alle beisammen: die Mille, der Vetter Hans und ich! Der garstige Vetter will mir nicht die Hand so küssen, wie er sie eben der Mille geküßt hat, und doch ist er mein Bräutigam, nicht wahr?

Hans war in peinlichster Verlegenheit durch dies »schreckliche Kind«.

Sich so am dunkeln Abende auf dem Balcongeländer neben Ludmilla betroffen zu sehen, hätte zu jeder Zeit sein Mißliches gehabt. Jetzt aber, nachdem der Freiherr von Loß seine freundliche Gesinnung gegen ihn unverkennbar gewechselt, war es eine geradezu bedrohliche Lage.

Insbesondere wußte er nicht, ob es noch unschicklicher sei, die halb sitzende Stellung auf dem Geländer beizubehalten mit der leichtfertigen Gartenleiter unter sich, oder ob er nicht wenigstens mit dem Fuße die Leiter umstoßen und wie ein regelmäßiger Besucher sich auf die Beine stellen solle. –

Purzel ersparte ihm auch hierin einen selbstständigen Entschluß.

Sie rief dem heraustretenden Vater entgegen:

– Der ungezogene Vetter hat mich gar nicht gerufen und ist auch nicht durch die Thür gekommen, er muß vom Taubenschlage heruntergeklettert sein –!

Da stand die mächtige Figur des Freiherrn dicht vor ihm und – schwieg.

Ludmilla unterbrach die ängstliche Pause. Sie schlang ihre Arme um des Vaters Hals und küßte ihn.

– Geh' hinein ins Zimmer und lass' Licht anzünden! sagte er ruhigen Tones. Geh' zu Bett, Purzel, setzte er hinzu, es ist spät.

Die Mädchen gingen.

Der Freiherr stand dem immer noch sitzenden Hans allein gegenüber.

– Ich habe Euch was Wichtiges zu sagen, Herr Junker. Seid so gut, mit hineinzukommen.

Er ging.

Hans folgte, einer ernsten Scene gewärtig.

Drin im Zimmer Ludmillens, in welches die Dienerin eben Licht brachte, beharrte der Freiherr von Loß kurz darauf, Purzel solle zu Bette gehen.

– Dich seh' ich noch, Mille! fuhr er fort. Erst hab' ich mit dem Junker auf meinem Zimmer zu sprechen.

Und ohneweiters schritt er hinaus, dem Junker winkend. Dieser suchte im Fortgehen Ludmillens Auge, Ludmilla aber sah zu Boden. Sie schien verlegen, unsicher, verschämt. Des Vaters Schweigsamkeit, sonst gar nicht in seiner Art, hatte sie bestürzt.

Hans konnte nicht warten, konnte nicht zögern, der Wink des Freiherrn war zu bestimmt.

In dem erleuchteten Zimmer des Freiherrn harrte ein Diener. Loß schickte ihn fort und wies dem Junker einen Sessel an, indem er sich selbst nahe zu ihm, und zwar an einen Tisch setzte. Auf diesen Tisch legte er einen Brief, welchen er aus dem Wamse zog. Sein Antlitz war räthselhaft, und ein ruhiger Beobachter selbst hätte es nicht zu deuten vermocht, viel weniger Hans, welcher ein Gefühl der Beschämung nicht los werden konnte, der Beschämung darüber, daß er einen so vertraulichen Schritt gegen die Tochter eines Mannes gewagt, welcher neuerdings ersichtlich nicht einverstanden war mit einem näheren Verhältnisse zwischen seiner Tochter und dem Junker.

Gegen seine Gewohnheit begann der Freiherr endlich, der sonst gar kein Redner war, langsam und feierlich zu sprechen wie folgt:

– Wir haben jetzt wieder eine Stunde lang drüben berathen. Es sind an zwanzig Herren da, und der Thonradl überschreit sie alle. Morgen soll eine Hauptsitzung im Landhause sein. Der Erzherzog Ferdinand will selber kommen und die Huldigung fordern. Von den Unsrigen soll Jedermann erscheinen. Auch nach den »Hornern« sind von Thonradl Reiter geschickt worden. Wir sollen alle nach Wien hinein. Er versichert, man würde nicht wagen, uns anzutasten. Auch mich nicht, obwol ich ein böhmischer Rebell heiße. Ich glaube auch, ich werde hineinreiten –

– Thut das nicht! unterbrach ihn Hans.

– Ich habe es so gut wie zugesagt, entgegnete Loß, und sein Auge schärfte sich zum ersten Male auf den Junker. Es schien ihn zu verstimmen, daß dieser so bestimmt abrieth. Was wußte denn Hans so Genaues, um bestimmt abrathen zu können? Hatte er also wirklich besondere Quellen bei den Katholischen, wie Candidat Götzinger behauptete? – Der scharfe Blick milderte sich indessen allmälig wieder, und es kehrte der vorige Ausdruck auf Loßens Gesicht zurück, welcher so schwer zu deuten war. So schwer, weil entgegengesetzte Regungen durcheinander zu spielen schienen: Entschlossenheit in wichtigen Fragen, und doch auch Besorgniß; ja zwischen all dem hindurch schienen, ganz und gar befremdlich, freudige Zuckungen zu hüpfen.

Er strich sich mit der Hand über die Augen und fuhr fort:

Ihr selbst, Junker, habt mich aus der Versammlung herausgesprengt.

Hans schwieg, der Anklage gewärtig.

– Ihr seid nicht mehr der, welcher Ihr in Prag in meinem Hause wart. Ihr seid tief, vielleicht zu tief in die politischen Wirtschaften hineingerathen. Das ist wol Niemand so leid gewesen als mir, der ich Euch sehr lieb hatte –

– Um Gotteswillen erklärt Euch näher!

– Nicht doch! Ihr seid ein freier Edelmann und könnt mit Euch schalten, wie Ihr mögt. Ich mag mich nicht in das Gewissen Anderer eindrängen. Ihr seid auch gelehrter als ich, und müßt, wie die Jörger und der Zdenko, die feinen Unterscheidungen besser verstehen. Ich mische mich da nicht ein, und wünsche nur, daß Ihr darüber nicht verloren geht –

– Aber ich beschwöre Euch, mir deutlicher –

– Ganz gewiß nicht. Ich komme nur darauf, weil ich Euch etwas mitzutheilen habe, was vielleicht ein Wendepunkt in Eurem Leben wird.

Hans schwieg in großer Spannung. Wohin ging das Alles?

– Ich wurde aus der Versammlung hinausgerufen, weil ein Reitender mit dringenden Briefschaften für mich angekommen sei. Der Reitende ist vom Mathias, vom Grafen Thurn. Aus dem Feldlager bei Laa schickt er ihn, und die Botschaft betrifft Euch.

– Mich?

– Einer Eurer jungen Herzoge in Weimar, mit denen Graf Mathias in engem Verkehr, hat Euch unserm Feldhauptmann dringend empfohlen zu einem bestimmten gefährlichen Zwecke. Mathias schreibt mir des Breiteren darüber. Er klagt, wie er oft gethan, daß unsere Armada im Geschützwesen vernachlässigt sei, und wiederholt mir, was er mir schon neulich mündlich gesagt, daß Eure jungen kriegerischen Herzoge in Weimar einen alten invaliden Lehrmeister aus den Niederlanden gehabt –

– Den alten Straaten, ja.

– Der die spanischen Kriege mitgemacht und ein vortrefflicher Lehrmeister geworden sei bei Euren jungen Herren in Weimar –

– Ja wol!

– Namentlich in allem, was die Behandlung und Benützung des Pulvers und die Wirksamkeit der Geschütze überhaupt betreffe –

– Ganz richtig!

– Von seinen Schülern – hat der Weimar'sche junge Herzog dem Mathias geschrieben – habe der alte Niederländer drei genannt als diejenigen, welche ihn am leichtesten und besten begriffen hätten: den Herzog Wilhelm, den Herzog Bernhard, ein noch ganz junges Herrchen, und – den Junker Hans von Starschädel, Euch!

– Das mag wol sein! Der alte Straaten ist mir sehr zugethan, und ich habe fleißig bei ihm gelernt.

– Nun, dies ist der Haken, an welchen der Thurn anknüpft. Er hat sich nach Euch erkundigt –

– Er kennt mich ja aus Prag!

– Er hat sich nach Euch erkundigt in Betreff dessen, was Ihr seit Prag vorgenommen, und da haben ihm Einige Mancherlei zugeraunt –

– Was?

– Ich habe Euch schon gesagt, daß ich davon nicht sprechen mag. Mathias Thurn ist ein harter, eigensinniger Schädel, der sich nicht leicht von etwas abbringen läßt, was er sich vorgenommen, er hat die Zurauner abgetrumpft, und – nun seht, das hat mich gefreut! –

– Aber was ist es denn?

– Hört nur zu! Er schreibt mir davon, und legt die Entscheidung in meine Hände. Das ist kein Spaß, denn die Verantwortung ist groß, aber es freut mich doch. Er schreibt: »Wenn Du, ehrlicher Loß, gutsagst für den jungen Mann, so schick' den Starschädel spornstreichs nach dem Feldlager bei Laa; ich habe für ihn eine capitale Aufgabe, capital für unsere Armada und für die Affaire, welche wir vorhaben«. – Soll und kann ich nun für Euch gutsagen, und wollt Ihr die Aufgabe übernehmen?

– Zuerst muß ich wissen, warum und inwiefern es einer besondern Gutsagung für mich bedarf!

– Element! Ich hab' Euch schon zweimal gesagt, daß ich mich darauf nicht einlassen mag. Man weiß nicht mehr recht, woran Ihr glaubt, und ob Ihr auch ganz und gar zu unserer Sache gehört. Da habt Ihr's in kurzen Worten.

– Zu diesem Zweifel ist man ganz berechtigt.

– Wie? Seid Ihr des Teufels?! Also wirklich?

– Ich begreife Eure Verwunderung nicht. Ihr seid ja mehrfach Zeuge gewesen unserer Disputationen über den innern Stand unserer Lebensfragen, und habt da gehört, daß Graf Zdenko und Frau Amalie und ich nicht befriedigt sind mit den Grundsätzen, mit den Zielpunkten und mit der Handlungsweise Eurer Landsleute –

– Wenn's weiter nichts ist! Ich bin auch nicht immer zufrieden, und wenn Ihr Euch mit der Jörger auf gleiche Linie stellt, da hat es nichts auf sich. Dann seid Ihr ja doch unter allen Umständen Protestant geblieben, und wollt nichts mit den Katholischen zu thun haben. Dann bleiben wir schon in Ordnung und Gemeinschaft!

Und unter diesen Worten stand Loß auf, und alle Räthselhaftigkeit seiner Miene war verschwunden, die heitere Gutmüthigkeit seines Antlitzes war wieder da, ja, die erwähnten Zuckungen besonderer Freude breiteten sich strahlend über sein Gesicht. –

Hans blickte staunend auf ihn. Von einer Scene wegen Ludmillens schien also gar nicht die Rede sein zu sollen? Doch, doch! Nur in ganz anderer Weise, als der ängstliche Liebhaber erwartet hatte. Loß hatte innerlichst eine herzliche Freude, oder – um das wahre Wort zu gebrauchen – eine väterliche Freude daran, seine Tochter bei einer Liebesscene überrascht zu haben. Er war eben ein so gutmüthiger Vater, dem diese Herzensentwicklung seiner Mille das behaglichste Vergnügen gewährte. So wie er von einem Sohne eine herzhafte That oder das erste Zeugniß einer fertigen männlichen Bildung aufgenommen hätte, so meinte er von seiner Tochter erbaut sein zu dürfen, wenn sie die Liebe eines bedeutenden Jünglings erwecken und fröhlich theilen könne. Sie ist ein richtiges Frauenzimmer, sie kann glücklich machen und glücklich sein! hatte es mit kichernder Stimme in ihm gerufen, als er die jungen Leute auf dem Balcone ertappt hatte, und er würde sie ohneweiters Beide segnend ans Herz gedrückt haben, wenn ihm nicht der neuerliche bedenkliche Leumund über Hansens Charakter zu Kopfe gestiegen wäre. Deshalb war eine so wunderliche Schlacht streitender Empfindungen auf seinem gutmüthigen Gesichte entstanden, und jetzt war er über die Maßen froh, daß er Grund genug zu haben glaubte, allen peinlichen Verdacht abzuschütteln und mit dem Schlingel, dem Hans, dem er ja innerlichst zugethan war, kurzweg Verlobungspräliminarien besprechen zu können.

So nahe war Hans den Erfüllungen seiner Herzenswünsche, und nur er selbst war im Stande, neuen Anstoß zu geben durch seine unerbittliche Gewissenhaftigkeit oder Pedanterie, je nachdem man es gut oder übel benennen will.

Loß nämlich trat nahe zu ihm hin mit dem vollen Ausdrucke seiner liebenswürdigen und fröhlichen Gutmüthigkeit, die er sich – wie er meinte – tapfer wieder erobert hatte, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte munter:

– Na also, junger Sauertopf, so wären denn unsere Dinge wieder in gutem Gange! Die Mille wird sich freuen, wenn es jetzt auch einige heiße Zähren der Trennung kostet. Ihr reitet morgen mit dem Frühesten über die Donau hinüber nach Laa hinauf, und bringt dem Mathias eine Gutsagung, die ich gleich schreiben werde, und entwickelt Eure Kriegstalente in Blitz und Donner des Geschützes, ja?! 's ist mir doch herzlich angenehm, Dich in so wichtige Thätigkeit eintreten zu sehen, mein lieber Junge!

Nun hätte der Hans blos zu schweigen gebraucht, und es wäre Alles im besten Gange geblieben.

Aber Hans schwieg nicht, sondern sagte:

– Mein verehrter väterlicher Freund, ich kann solch eine Gutsagung von Euch nicht verlangen und kann sie nicht annehmen!

– Wie? Was? Warum nicht?

– Ich kann nicht dafür einstehen, daß ich ihr Ehre mache; ich kann nicht voraussehen, ob ich sie nicht zu Schanden mache.

– Aber um Christi willen, unglücklicher Junge, was heißt denn das?

– Zunächst bin ich kein besonderer Verehrer des Grafen Thurn. Ich theile die Meinung der böhmischen Cavaliere nicht, daß er ein hervorragendes Feldherrntalent besitze. Unsere weimarischen jungen Herren und ich haben ihm seit einem Jahre aufmerksam zugesehen und zugehört, und wir sind der Meinung geworden: Graf Thurn sei ein überaus dreister Parteigänger und allenfalls auch ein tapferer Kriegsmann, aber einen eigentlichen Feldherrn geist besitze er nicht.

– Nun, wenn dem auch so wäre, was hindert Dich denn –?

– Erlaubt! Dies ist nur die eine Seite. Auch diese ist nicht so gleichgiltig, als Ihr meint. Man handelt doch nicht gern unter einem Anführer, dem man nicht die nöthigen Fähigkeiten zutraut, weil man fürchten muß, ohne Erfolg zu handeln. Und die andere Seite ist für mich noch wichtiger.

– Welche?

– Graf Thurn ist Protestant, ja! Aber von der dürrsten, unfruchtbarsten Sorte.

– Was heißt das?

– Mit nüchterner Seele will er in der religiösen Frage nur Platz schaffen für seine politischen Zwecke. Hat er den Platz, wird er dem religiösen Sinne keine weitere Aufmerksamkeit und keine andere Nachsicht angedeihen lassen, als seine einmal angenommene lutherische Form zuläßt. Er wird den anders denkenden Christen, der seinen Plänen nicht zu Willen ist, unbedenklich mißhandeln und mit dem rohen Türken ein Bündniß schließen, wenn der Türke ihn im Kriege unterstützt gegen das Haupt der österreichischen Erblande. Die Beweise liegen vor. Er ist längst in Unterhandlung mit dem treulosen und gottlosen Barbaren Bethlen Gabor, er ist längst in Unterhandlung mit dem Sultan. Was Christenthum! ruft er. Die Herrschermacht in Wien zu stürzen, geht ihm über Alles, und dies große östliche Ländergebiet deutscher Nation auseinanderzuschlagen ist sein Ein und Alles. Herren-Republiken zu gründen, in denen der Edelmann – allenfalls auch mit einem kleinen Scheinkönige für den Anfang und Uebergang – herrscht, gebietet und unterdrückt auf Kosten aller übrigen Einwohner, das ist sein Ziel. Das deutsche Reich kümmert ihn dabei nicht im geringsten. Oder doch, es kümmert ihn. Er will jeden Zusammenhang mit demselben auflösen. Zu dem Ende verleugnet er seine deutsche Abstammung und spielt den slavischen Herrn, der alle deutschen Elemente und Hilfsmittel beseitigen möchte, denn mit der slavischen Masse können die Herren leichter umspringen und gebahren. Sind dies Ziele für mich, der in der Religion eine edle, liebevolle Freiheit sucht, der für sein Vaterland, für das ehrwürdige deutsche Reich eine vollere, bessere Form anstrebt?! Soll ich für Leute fechten, welche unser Reich tief beschädigen und arg verkleinern wollen?!

– Ach was, das ist weitsichtige Schwarzseherei! Die Dinge kommen uns nicht wie gebrat'ne Tauben auf die Schüssel, und wenn man in einen großen Kampf geht, kann man sich seine Nebenmänner nicht auswählen, wie man sich die Herzensfreunde auswählt. Wie die Dinge nach dem Kampfe sich gestalten werden, kann so genau kein Mensch vorhersehen. Und wer das will, der fängt niemals an. Es thut doch aber wahrhaftig im höchsten Grade noth, anzufangen gegen diese erstickende Tyrannei der Pfaffen und Jesuiten und gegen ihr bigottes Werkzeug, den Ferdinand. Tausend Element, mit solchen Bedenklichkeiten arbeiten wir ja den Papisten geradezu in die Hände! Und sind denn die besser als die Türken?! Oder ist es wirklich möglich, daß ein sächsischer Edelmann im Stande wäre, mit dieser Rotte in Wien zu pactiren?!

Hans schwieg, seine Augen mit der Hand bedeckend. Seine Seele litt unter den Schwierigkeiten, welche sich seinem Verstande aufthürmten. Loß aber bezog dies Schweigen auf seine letzte Frage, und der Gedanke schoß ihm wie ein Blitz durch den Sinn: Dieser Junker ist am Ende doch wirklich im Pactiren begriffen mit der Rotte in Wien, und seine Ankläger haben Recht! – Im Innersten erschreckt, stand er starr.

Hans ahnte nicht, was die nun folgende Pause bedeute. –

Leider wurde die Gelegenheit abgeschnitten zu einer Aufklärung. Die Thür ging auf. Der Eintretende war der Junker Rudolph von Mitzlau. Er hatte nach seinem Vortrage in der Versammlung von dem ankommenden Loß erfahren, daß die Damen alle mit heruntergekommen seien vom Walde, und hatte während der ermüdenden politischen Debatte das Bedürfniß empfunden, sich nach der schönen Ludmilla umzuschauen. Vielleicht sei sie bei Frau von Jörger oder während des schönen Abends im Garten. Bei Frau von Jörger war sie nicht gewesen, und vor ihrem Zimmer hatte die Dienerin erklärt, ihre Herrin sei schon im Hauskleide und empfange keinen Besuch mehr. Aergerlich war er nach dem Hofe hinabgestiegen, vielleicht um auf gut Glück nach dem Garten zu schlendern. Da war ihm Tartsch begegnet, und so hatte er erfahren, daß Junker Hans mit herabgekommen sei vom Walde.

– Ist er auf seinem Zimmer?

– Nein! hatte Tartsch geantwortet.

Da war dem Junker das Blatt geschossen, ob nicht am Ende –? Und gerade während des Aufsprießens eifersüchtiger Gedanken war Spath, der Gärtner, an ihm vorübergegangen.

– Hast Du den Junker Starschädel gesehen? hatte er hastig gefragt.

Spath, welcher den Junker Rudolph gerade so innerlich nicht leiden mochte, wie er eigentlich den Junker Hans gern hatte, Spath hatte zunächst auf die Anfrage geschwiegen und dann einfach den Kopf geschüttelt.

Was ist das? hatte sich Rudolph gesagt. Der Kerl lächelt so curios, antwortet kaum, und beim Fortgehen schaut er sich lächelnd nach mir um – der weiß was und lacht mich aus! – Eilig war er nun wieder nach dem Sitzungssaale gegangen, um Papa Loß irgendwie zu veranlassen – Loß war abgerufen gewesen – vorwärts zu ihm unter dem ersten besten Vorwande, um dann vielleicht das zu stören, was er fürchtete! So war er dahergekommen in Loßens Zimmer.

Die Störung war schlimmer für Hans, als wenn der Nebenbuhler, wie er gewollt, eine Liebesscene unterbrochen hätte. Loß blieb nun unter dem Eindrucke des peinlichsten Argwohns.

Rudolph schützte vor: die Versammlung rufe nach Loß; man wolle Entscheidung treffen für morgen.

– Ich komme! entgegnete Loß mit tonloser Stimme, starr auf Hans blickend, der die Hand nicht von seinen Augen zurückzog.

Während dieser Pause hörte man Ludmillens Stimme, welche draußen den Diener fragte, ob der Vater nicht mehr allein sei mit dem Junker. Da doch eine Unterbrechung stattgefunden, hielt sie sich auch für berechtigt, ins Zimmer zu fliegen, dem Vater um den Hals zu fallen und ihn aufs Zärtlichste zu bitten: er möge morgen noch nicht abreisen mit ihr und der Purzel.

– Ich gehe morgen nach Wien hinein, mein Kind, erwiderte Loß mit gedrückter Stimme, und wir reisen noch nicht. Aber gewinnen wirst Du dabei schwerlich.

Erstaunt blickte sie auf und wurde die Anwesenheit Rudolphs gewahr, der sich zierlich vor ihr verbeugte, und sah erschrocken auf Hans, der jetzt seine Hand vom verstörten Antlitze hinweggezogen und wie blicklos vor sich hinstarrte. Sie ahnte nicht, welch ein schwerer Kampf in ihm vorging.

In demselben gedrückten Tone sagte endlich der Freiherr von Loß zu Hans:

– Ihr verzichtet also wol, Herr Junker von Starschädel, auf mein Zuthun –?

– Ich verzichte auf jede Gutsagung, allerdings! entgegnete Hans mit matter Stimme. Was ich thue oder lasse, muß ich und will ich allein vertreten. Damit will ich übrigens nicht sagen, daß ich die Berufung selbst ablehne. Dies soll sich morgen entscheiden, nachdem ich mit meinem Gewissen und den Freunden meiner Gesinnung mich berathen habe.

– Mit den Freunden Eurer Gesinnung?! Ich habe also nichts mehr damit zu thun! rief hastig und nicht ohne Heftigkeit Loß, und setzte mit einer an ihm ungewöhnlichen Strenge hinzu: Gott befohlen!

Hans, auf diese Weise verabschiedet, sah schmerzlichen Blickes auf Ludmilla, die gar nicht wußte, wie ihr geschah, und verließ das Zimmer.

– Ich komme sogleich! sagte der Freiherr, während Hans hinausschritt, zu Rudolph, und beförderte gleichsam auch diesen durch eine verabschiedende Handbewegung zur Thür hinaus.

– Vater!? rief Ludmilla schmerzlich und fragend.

– Mein armes Kind! stöhnte Loß und schloß die Tochter heftig in seine Arme.

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