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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil. - Kapitel 3
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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14.

Es war allerdings Wilhelm von Raupowa, welcher sich unter dem Namen eines Herrn von Trotha an der Jörger'schen Tafel eingeführt hatte. Er mochte dies gethan haben, um unbekannt und ungefährdet zu bleiben in Oesterreich, da sein Name einen sehr scharfen Partei-Beigeschmack hatte, und im Erzherzogthume die Aufmerksamkeit auf denselben ihm nicht so willkommen sein konnte, wie in Böhmen und Mähren, wo ein daran haftender gelinder Schrecken seinen Zwecken dienlich war. Seine Zwecke waren: Schürung der Unzufriedenheit gegen das Erzhaus, Sammlung und Entzündung der Aufstandselemente, und vor allem Beitreibung von Geldmitteln. An letzteren gebrach es den aufständigen Cavalieren. Nicht darum, weil sie arm gewesen wären, o nein! sie besaßen ja den größten Theil der im Aufruhr begriffenen Länder. Aber sie waren nicht geneigt, in den eigenen Säckel zu greifen, wenigstens wollten sie nicht tief hineingreifen. Und doch war dies nöthig, wenn ein so gewaltiges Unternehmen, wie das Abreißen eines Königreichs von der österreichischen Hausmacht, durchgeführt werden sollte. Die Geldkraft des Königreichs beruhte ja doch fast ganz in den Cavalieren. Die Städte waren gering an Zahl und im Verhältnisse zum Landbesitze gering an Geldkraft, der Bauer aber war unfrei, war leibeigen, das Land also gehörte erb- und eigenthümlich den Edelleuten. Wenn denn ein Krieg geführt werden sollte – und trotz der augenblicklichen Schwäche der Regierungsmacht in Wien war doch vorauszusehen, daß ohne Krieg ein Endziel nicht zu erreichen sein werde – dann mußte Geld herbeigeschafft werden. Damaliger Zeit war der Krieg ein Handwerk der Söldner. Man mußte werben, und die Geworbenen mußten bezahlt werden. Sold, Sold! war das Hauptwort, wenn man mit gewaffneter Hand etwas durchsetzen sollte. Also Geld!

Dieser Aufgabe unterzog sich unter den böhmischen Malcontenten vorzugsweise Wilhelm von Raupowa. Er war eine nüchterne, trockene Natur, praktisch, rücksichtslos und, wenn's noththat, gewaltsam. Im Uebrigen hatte er als Herr von Trotha dem Junker Rudolph manches Richtige gesagt in Bezug auf böhmische Personen und Zustände. Er selbst, der Raupowa Wilhelm, galt für das Haupt der Calviner-Partei in Böhmen. Die Mehrzahl der protestantischen Cavaliere gehörte zum evangelisch-lutherischen Bekenntnisse, und der diplomatische Führer dieser lutherischen Partei war wirklich der Graf Andreas Schlik, welcher sein Augenmerk auf Kursachsen gerichtet hatte. Schlik war fast ebenso oft in Dresden als in Prag, und er versicherte stets, Kursachsen werde im Kriege gegen das Erzhaus an der Seite Böhmens stehen, und der Kurfürst von Sachsen werde die böhmische Krone annehmen. Ebenso hartnäckig versicherte Wilhelm von Raupowa: der Kurfürst von der Pfalz erkläre aus Heidelberg, er habe die ganze Macht der holländischen Generalstaaten, des Königs Jacob von England, seines Schwiegervaters, und der evangelischen Union hinter sich, und werde mit einer Kriegsmacht kommen, sich die böhmische Krone aufs Haupt zu setzen. Jeder dieser Führer handelte so eigenmächtig als möglich und versprach mehr, als er in Händen hatte. Namentlich fand wol Graf Schlik bei den Ministern und Hofpredigern in Dresden leichtere Zustimmung zu solchen Planen, als bei Johann Georg, dem Kurfürsten selber. Aber das Direktorium in Prag, ein aristokratischer Ausschuß, welcher seit Verjagung der Kaiserlichen regierte, zeigte sich sehr elastisch in diesen Fragen der Zukunft.

Im Grunde wollte man – wie der Freiherr von Jörger gesagt hatte – ein aristokratisches Regiment, in welchem der etwaige König so wenig als möglich zu bedeuten haben sollte. Wer viel zubrachte und wenig verlangte, das war der erwünschte König. Er wird sich schon finden! meinte der dritte Führer unter den böhmischen Cavalieren, Mathias Graf von Thurn, der Feldherr, welcher die Kaiserlichen durch ein Nadelöhr jagen wollte und sollte. Daß er dazu größerer Kriegsmittel bedurfte, als vorhanden waren, wußte er sehr genau, und schon lange vor dem Ausbruche des Prager Aufstandes im vorigen Jahre hatte er den Raupowa Wilhelm als den geeignetsten Dränger selbst gedrängt, Geldmittel vorzubereiten und zu beschaffen. Der Fenstersturz auf dem Hradschin war kein zufällig entstehendes Ereigniß, sondern ein lang vorbedachter Act der Kriegserklärung an den Kaiser gewesen, und Raupowa ritt schon seit zwei Jahren durch alle die Länder, welche zur böhmischen Krone gezählt wurden, um Geldbeiträge zu sammeln, sei's auch nur in Versprechungen nach Art der heutigen Wechselbriefe. Kümmerlich genug war das in der Lausitz von statten gegangen, welche mehr auf Andreas von Schlik blickte und auf Sachsen, und eine Ahnung haben mochte, daß ihre Zukunft dem sächsischen Kurfürstenthume näher rücken werde, als dem Königreiche Böhmen. Auch in Schlesien war die Leidenschaft zu Beiträgen nicht gar groß gewesen: die katholische Welt hielt dort der protestantischen noch ziemlich die Wage. Um so nachdrücklicher hatte Raupowa auf Mähren gerechnet, wo der Adel in großer Landesmacht blühte. Aber Mähren, diese schöne, einem kleinen Königreich gleichende Markgrafschaft, hat sich stets eigen und vorsichtig verhalten gegen die immer etwas despotisch und wild fordernden Tendenzen Böhmens, und hat immer nicht zugeben wollen, daß es der böhmischen Macht unterthan sein solle trotz aller Stammes- und Sprachverwandtschaft. So war es auch jetzt. Die großen Herrengeschlechter der Liechtensteine und Dietrichsteine und Zierotine hielten zum Erzhause, die Zierotin's wenigstens in ihren reicheren Gliedern, und der eine, welcher durch seine Schicksale notorisch war als Protestant und Jesuitengegner, Graf Zdenko von Zierotin, hatte sich auffallenderweise gar nicht besonders entgegenkommend zu dem schatzenden Raupowa verhalten. Dies hatte zu argen Scenen geführt, denn gerade auf ihn hatte man sehr gerechnet. Er war der reichste des großen Geschlechtes, und sein Vetter, der Lundenburger Zierotin, welcher lebhaft Partei nahm für den böhmischen Aufstand, hatte versichert: der alte Zdenko werde sicherlich alles Mögliche thun, um sich an den Jesuiten und an dem kläglichen Regimente zu rächen, welches so lange zugelassen, daß er von seinem rechtmäßigen Erbe verdrängt worden sei.

Der junge Zdenko war vor etwa sechzig Jahren wie ein Bettelstudent in die Fremde hinausgezogen, ohne einen gerichtlichen Anspruch auf sein Erbe geltend zu machen. Er war verschollen gewesen, und Niemand hatte gewußt, ob er noch lebte und wovon er lebte. Wunderliche Gerüchte nur waren zuweilen über ihn aufgetaucht. Einmal wollte man ihn in Rom gesehen haben, und zwar in einem Gespräche mit dem Papste selber. Er habe dem Papste einen Reformplan der Kirche und besonders der geistlichen Orden vorgelegt. Dafür sei er in die Kerker der Engelsburg gebracht worden und dort untergegangen. O nein, hatte einige Jahre später ein Reisender erzählt, in Constantinopel sei er gesehen worden im Verkehr mit dem Sultan und dem obersten Ulema des Islam. Er sei Muselmann geworden. Das kann nicht sein! hatte es später geheißen, denn er hat noch kürzlich auf dem Berge Athos in dem dortigen griechischen Kloster gelebt als griechischer Mönch. Einer von unseren Benedictinern, ein geborner Engländer, welcher zu den Schotten in Wien gehört, hat ihn dort getroffen und hat lange mit ihm verkehrt. Diese Benedictiner sind von jeher Bücherwürmer gewesen, und jener engelländisch-wienerische Schotte ist nach dem Kloster Athos gereist, um einen alten Codex, ein Ur-Evangelium, dort zu studiren und abzuschreiben. Man braucht nur nach Wien zu gehen und dort anzufragen bei den Schotten, da kann man das Nähere hören von jenem engelländischen Mönche, der schon lange wieder daheim ist in der dortigen Schottenabtei!

Diese letzte Sage hatte eine indirecte Bestätigung erhalten. Endlich nämlich, will sagen in hohem Alter, war die Mutter Zdenkos gestorben, und es hatten die Jesuiten ihr bisheriges Verwaltungsrecht der großen Herrschaften in ein volles Besitzrecht umtauschen wollen. Sie hatten zu dem Ende ein Testament der verstorbenen Gräfin vorgezeigt, und waren nicht wenig erstaunt und ergrimmt gewesen, als ihnen vom Landhause in Brünn die Weisung zugegangen war: sie hätten die Verwaltung der Zierotin'schen Herrschaften an die Benedictiner des Schottenklosters in Wien abzutreten. Der eigentliche Erbe, Graf Zdenko, sei am Leben und habe an einen geistlichen Herrn im Wiener Schottenkloster die Vollmacht ausgestellt, seine sämmtlichen Güter in Verwaltung zu nehmen.

Und so war es geschehen trotz alles Sträubens von Seiten der Jesuiten.

Von jener Zeit an – im Jahre 1590 – waren die Zdenko Zierotin'schen Herrschaften von Wien aus durch einen geistlichen Herrn der Schotten verwaltet worden und zwar vortrefflich. Eine Menge landwirthschaftlicher Neuerungen waren eingeführt, die Unterthanen waren sehr milde behandelt, die Gerichtsordnung war ganz unparteiisch geführt worden, Gottes Segen ruhte ersichtlich auf diesen Gütern, und man hatte sich nur zuweilen gewundert, daß der Graf Zdenko nicht einmal selbst erschiene. Am Ende ist es doch – hatte man sich zugeraunt – wiederum nichts als Hocus-pocus; die eine geistliche Corporation hat der andern die große Erbschaft abgelistet. Der Schotten-Geistliche hat im Kloster Athos ein Testament vom Grafen Zdenko erlangt, wie es die Jesuiten daheim von der Mutter erlangt hatten, und der arme Graf Zdenko, der vertriebene und gehetzte, ist lange todt!

Da waren plötzlich im Frühlinge des Jahres 1618 zwei hochgewachsene Greise in Mönchstalaren auf dem Stammschlosse der Zierotin's erschienen. Der eine war der Pater Regens von den Schotten in Wien gewesen, und der andere im schneeweißen, vielleicht vom Berge Athos stammenden Talare war – Graf Zdenko gewesen. Es waren nur noch wenig alte Leute am Leben gewesen, welche ihn in der Jugend gesehen, und die hatten gesagt: er habe nur einen langen, weißen Bart und weiße Haare bekommen, sonst habe er sich nicht verändert. Ein ebenso alter Herr, auch ein Geistlicher, aber ein ketzerischer, sei bald darauf aus Ungarn eingetroffen, der sei vom Grafen Zdenko umarmt worden mit dem Ausrufe:

Hier schieden wir, Seiffert, von einander im Schimmer der Jugend, hier sehen wir uns wieder am Rande des Grabes, gelobt sei Gott!

In Ewigkeit, Amen! hatten hierauf einstimmig der Benedictiner und der ketzerische Prediger erwiedert.

Es schien dem alten Grafen nicht bestimmt zu sein, daß er im Hause seiner Väter zur Ruhe komme. Alle ersinnlichen Verleumdungen, Anklagen und Verfolgungen zogen sich um ihn zusammen wie ein Netz. Ich weiß, woher sie kommen, pflegte er auszurufen, und ich bin unmächtig gegen die Macht dieses Methodius! – Und da er nicht Kind noch Kegel hatte, dem er die Erbschaft hinterlassen sollte, so faßte er den Plan, all seine Güter in Geld zu verwandeln. Dies könne er ja doch ganz und gar für die Zwecke verwenden, welche er nach langer Prüfung für die würdigsten erachte.

So still wie möglich hatten ihm jener Pater Regens und Prediger Seiffert im vergangenen Sommer – 1618 – diesen Plan ausgeführt, und die letzte Zahlung war eben eingegangen und in die eiserne Kiste gepackt worden – da war Wilhelm von Raupowa auf seiner Schatzungsreise in den Schloßhof Zierotin's eingeritten.

Da waren denn heftige Auftritte vorgegangen. Raupowa hatte einen großen Geldbeitrag zum böhmischen Religionskriege verlangt und sich auf Graf Zdenkos protestantische Gesinnung berufen. Graf Zdenko aber hatte entgegnet: der Krieg, welchen die Raupowa's betrieben, sei kein Religionskrieg, sondern ein politischer Krieg. Der Freiheit in Glaubenssachen widme er – Graf Zdenko – allerdings mit Freuden Geld und Gut, nicht aber den Händeln, welche sich der Glaubensfreiheit nur als Deckmantels bedienten für leere Gemüther, unreligiöse Absichten und ehrgeizige Plane aristokratischer Ausschließlichkeit.

Mitten in die auflodernden Flammen dieses Streites war höchst überraschend Graf Albrecht von Waldstein getreten, um seinerseits im Namen der kaiserlichen Autorität die Geldbeisteuer Zdenkos für die Bedürfnisse des Kaisers in Anspruch zu nehmen, und Graf Zdenko hatte nun auch nach dieser Seite empfindliche Wahrheiten ausgetheilt, Waldstein als den glaubenslosen Politiker auf katholischer Seite bezeichnend, wie Wilhelm von Raupowa als den auf protestantischer Seite.

Zwischen all das hinein hatte Waldstein Miene gemacht, sich Raupowa's als schatzenden Aufrührers zu bemächtigen, die Schwerter waren gezogen worden, und Graf Zdenko hatte die Dienstleute des Schlosses rufen müssen, um die Kämpfenden zu trennen. Einander drohend und einstimmig dem Grafen Zdenko drohend, waren Raupowa und Waldstein nach verschiedenen Seiten von dannen geritten, und der arme Zdenko war nun auch in hohem Alter überzeugt worden, daß im Hause seiner Väter kein Friede und kein Bleiben für ihn sei.

– So geschehe denn das Nöthige sogleich! hatte der schottische Pater Regens ausgerufen. Denn was ich bisher nur von einer Seite gefürchtet, von Seite der Jesuiten unter Anführung des Methodius-Athanasius, das hast Du, armer Zdenko, nun von drei Seiten zu befürchten!

– Was?

– Ueberfallen und beraubt zu werden. Der Verkauf Deiner Güter und die Ansammlung des Betrages in baarem Gelde hat nicht verschwiegen bleiben können. Methodius-Athanasius fahndet auf die eiserne Kiste im Gewölbe unten, ich weiß es bestimmt, und Raupowa wie Waldstein werden von Stunde an dasselbe thun. Große Zwecke heiligen diesen Leuten alle Mittel. In diesem Punkte sind sie jetzt sämmtlich jesuitisch in kaiserlichen Landen, wo der Rechtszustand gelockert und der Bürgerkrieg im Gange ist auch ohne öffentlichen Ausbruch. Und besonders gegen Dich, lieber Zdenko, der keiner Partei angehört und deshalb einer jeden Partei für vogelfrei gilt. Also rasch ans Werk, ehe sie uns hier auf dem Schlosse überfallen.

– Was hast Du vor?

– Lass' uns handeln, ohne es auszusprechen.

In diesem Sinne hatte der praktische Benedictiner gehandelt. Er hatte die eiserne Kiste aus dem Rentamte ins Schloß bringen lassen unter allen Zeichen der Heimlichkeit, und doch so, daß diese Heimlichkeit hinreichend bemerkt wurde.

In diese Kiste hatte der Benedictiner während der Nacht mit Hilfe Seiffert's Steine gelegt, und hatte darauf die Kiste ebenso sorgfältig verschlossen, wie eine daneben stehende, welche den wirklichen Schatz in Goldstücken enthielt. Am andern Morgen hatte er zwei sechsspännige Rüstwagen bestellt und auf den ersten die falsche, auf den zweiten die echte Kiste laden lassen. Gleichzeitig hatte er Boten vorausgesendet auf der Straße nach Brünn, um Vorspannpferde zu bestellen. Diesen Boten hatte er gewisse Orte zu Nachtquartieren bezeichnet, von denen er wußte, daß theils die Jesuiten, theils die Kaiserlichen, theils die Protestanten ihre Dienstleute in ihnen hatten, mit Sicherheit darauf rechnend, daß alle drei Parteien rechtzeitig unterrichtet sein würden von dem Abgange des Transports. Auf dem Wege nach Brünn war zwischen sandigen Hügeln ein langer Kiefernwald zu passiren. Für diesen Theil des Weges, wo die Fortschaffung eines schweren Fuhrwerks am mühsamsten und langsamsten von statten gehen mußte, hatte er den Boten eine Beistellung von Bauern aufgetragen mit Stricken und Reservepferden, wenn etwas risse oder größere Zugkraft erforderlich würde. Dort, hatte er gemeint, in der Einöde des Waldes, würden sich wol alle Parteien den Punkt des Ueberfalls auswählen.

Gegen Mittag war der Zug der zwei sechsspännigen Rüstwagen abgegangen. Der Benedictiner, Graf Zdenko, Seiffert und einige bewaffnete Diener hinter ihm. Dem ersten Wagen, welcher die Kiste mit Steinen führte, waren bestimmte Dörfer zur Nachtherberge angewiesen worden mit dem Bedeuten, auf den zweiten Wagen nirgends zu warten, weil dieser wegen des alten, zu gleichmäßiger Reise ungeeigneten Herrn Grafen langsamer folgen und an anderen Orten übernachten werde.

Als die Nacht hereingebrochen, war dieser zweite Wagen da, wo die Landstraßen nach Brünn und nach Olmütz sich kreuzten, links abgebogen und hatte die Straße nach Olmütz eingeschlagen. Dieser zweite Wagen, bei welchem die berittenen Herren geblieben, hatte keine Nachtherberge gesucht. Die Herren hatten überall für reichliche Bezahlung frische Pferde besorgt und waren ungehindert nach Olmütz, ja nach Wien gekommen, wo in der Schottenabtei Wagen und Reiter verschwunden waren vom Angesichte der Welt.

Der erste Wagen aber war richtig – die weise Voraussicht hatte sich wunderbar bewährt – in dem sandigen Kiefernwalde angefallen worden. Und zwar zuerst von Bewaffneten, denen man einen Zusammenhang mit dem Jesuiten-Collegium in Olmütz nachzusagen wagte. Sie waren auch fertig geworden mit den Fuhrleuten und hatten den weiteren Transport eben auf ihre Rechnung begonnen gehabt – da war ein Trupp Kriegsknechte ihnen entgegen geritten, die man zu einem Regimente Waldstein'scher Panzerreiter rechnen zu dürfen glaubte. Nicht ohne Brutalität hatten diese Panzerreiter jenen ersten Trupp Bewaffneter zusammengehauen und in alle Winde gejagt, und den schweren Wagen wieder nach einer andern Richtung in Bewegung gesetzt. Aber auch ihnen war eine unangenehme Ueberraschung widerfahren. Ein Trupp vornehmer Reiter – man erkannte den Cavalier am feineren Pferde und Sattelzeuge, sowie an der gebieterischen Sprache – war plötzlich dahergekommen, zahlreiches bewaffnetes Gefolge hinter sich, und der Anführer dieses dritten Trupps hatte ihnen schnöde zugerufen: Sie sollten dem Renegaten Waldstein bestellen, diese eiserne Kiste enthalte evangelisches Gut, das nach Prag gehöre und nicht nach Wien!

Dieser Anführer war Wilhelm von Raupowa gewesen. Er hatte unter vortrefflichem Geleite und unter persönlicher Aufsicht die Kiste unbeschädigt bis nach Prag gebracht, und hatte sie erst dort mit Hilfe einiger Schlossermeister geöffnet.

Daß Steine darin enthalten waren statt Goldes, war eine der schmerzlichsten Täuschungen seines Lebens gewesen, oder vielmehr eine der grimmigsten. Denn Grimm war damals seine erste und letzte Empfindung gewesen, Grimm gegen den Grafen Zdenko von Zierotin, welcher ihn so nichtswürdig angeführt habe.

Seit jener grimmigen Stunde stand jetzt der Raupowa Wilhelm zum ersten Male dem Grafen Zdenko persönlich gegenüber im Jägerhause des Wiener Waldes da oben. Es war natürlich, daß sich Graf Zdenko keiner Zärtlichkeit von ihm versehen durfte.

Und doch war dies noch nicht die größte Gefahr. Raupowa war ja zunächst noch allein, denn Junker Rudolph hatte eigene Zwecke.

Es nahte die größere Gefahr. Aus Wien. Der Zug der Stadtguardisten unter Anführung Medardos und unter erzwungener Leitung des Jägers Golling war geradezu eine bewaffnete Expedition, welche kriegerisch vorgehen wollte und sollte. Fanden diese zwanzig Mann – so viel waren ihrer – den Weg zum Waldhause, so bemächtigten sie sich des alten Grafen und seiner Schätze, wenn diese wirklich im Waldhause aufbewahrt wurden. Diese Burschen von der Guardia, besonders die »rothe Feder«, waren im Aufspüren geübt, und kein Erdgeschoß des Jägerhauses, in dem die Schätze etwa sein konnten, wird ihren Spürnasen unzugänglich bleiben.

Jene eiserne Kiste aber mit Goldstücken, dem Kaufschilling der großen Zierotin'schen Güter, war wirklich im Jägerhause. Als es in Wien unruhig zu werden angefangen, nach dem Ausbruche der böhmischen Rebellion, hatte der Pater Regens bei den Schotten selbst dazu gerathen, die Kiste aus der Abtei hinauszuschaffen in die Waldeinsamkeit. Zdenko selbst war zum Theil Veranlassung dazu gewesen. Er kränkelte im Kloster, er sehnte sich nach einem Landaufenthalte, und sein Freund, der Pater Regens, mochte doch auch nicht gern die alleinige Verantwortung übernehmen für die Bewachung so großer Geldmassen. In damaliger Zeit war das Geld viel theuerer als heutigen Tages, und der Inhalt der Kiste in Baarem bedeutete einen außerordentlichen Werth. Schon im vergangenen Herbste war zur Nachtzeit der Transport in den Wald hinauf bewerkstelligt worden.

Und es sprach gar zu viel für das Gelingen der bewaffneten Expedition, da Medardo einmal wußte, es sei links oben über Dornbach nur Ein Gehöfte aufzufinden im Walde. Wenn auch der Jäger Golling sich eher todtschlagen ließe, als daß er den Weg verriethe – wer läßt sich denn aber so ohne äußerste Noth todtschlagen?! – die Expedition kam ja aller Wahrscheinlichkeit nach auch ohne den Jäger Golling zum Ziele.

Ein kleines Hinderniß nur bereitete sich vielleicht Medardo durch den Weg, welchen er einschlug. Er wollte so unbemerkt als möglich aus der Stadt kommen, und kehrte im »tiefen Graben« mit seiner Rotte wieder um nach dem Salzgries zurück. Er wollte unten durchs Arsenal marschiren, denselben Weg durchs Kegelgäßchen, welchen er gestern gemacht hatte. Den »findigen« Brémont wollte er auch aus dem Arsenale mitnehmen. Der verstand sich als alter Kriegsgesell auf derlei Streifungen.

Medardo dachte einmal nicht an seinen steten Widersacher, den Bart-Conrad.

Und doch war dieser wirklich auf seinem Wege. Conrad hatte sich am Abend vorher, ärgerlich über das neue Mißlingen eines Aufruhrs, in den Schooß seiner Familie zurückgezogen, zu Frau und Kind oben im Kegelgäßchen. Die Ruhe dort that ihm mitunter wohl, wenn sie nicht zu lange dauerte, und jetzt besonders, wo alle Erwartungen eines endlichen allgemeinen Losbruchs zu täuschen schienen. Er liebte Frau und Kind zärtlich, das mußte ihm sein Feind nachsagen. Sein junges Weib, des alten Hamm's Tochter, war auch ein herziges Geschöpf. So sanft, so lieb, so anschmiegend. Nicht so ganz ohne Erziehung, wie sonst Mädchen ihres Standes, nein! Der alte Hamm, als schriftkundiger Evangelischer, hatte ein Uebriges gethan für sein Mädchen. Sie war ihrem Manne, dem Bart-Conrad – in den sie sich zu einigem Schrecken des Vaters blind verliebt hatte – sie war diesem allerdings stattlichen Oberösterreicher im Lesen und Schreiben, in Kenntniß der Bibel und der Glaubensschriften und in manchem andern Buchwissen überlegen, und das war ein Stolz für den Bart-Conrad, der mit großem Behagen zuhörte, wenn sie den Präceptor gegen ihn spielte. Das geschah auch an diesem Morgen, als sie beim Frühstück saßen. Alles was der Vater am Tage vorher bei seinem Besuche ihr mitgetheilt über den Stand der Dinge in der Welt, das legte sie jetzt ihrem freundlich zuhorchenden Gatten aus. Es knüpfte sich daran, daß der Vater seinen Dienst bei Hofe aufgeben und von seinen Ersparnissen ein Landgütchen kaufen wollte an der Mittagsseite des Riesengebirges, wo evangelische Gemeinden angesiedelt seien. Conrad sollte gut und »stät« sein, und mit dahin ziehen. Er versprach Alles. So schön und lieb meinte er sie noch gar nicht gesehen zu haben, den allerliebsten Schwarzkopf mit lichtblauen Augen, der sich jetzt früh die vollen Haare noch nicht geordnet und das Mieder noch nicht angelegt hatte. Er herzte sie, und war gegen Gewohnheit wie »Bindfaden« – sagte die junge Frau lachend zu dem Vater Hamm, welcher geräuschlos eintrat. Der Papa setzte sich zu ihnen, und der Abzugs- und Ankaufsplan wurde besprochen, denn die tägliche Lüge da oben in der Burg unter den Katholischen mochte und konnte der Alte nicht länger durchführen. Die Frühlingssonne draußen auf den Wällen – dahin ging das kleine Fenster – konnte zwar nicht herein in den lieblichen Familienkreis, denn das Fenster sah nach Westen, aber ihr lichter Schimmer draußen hob doch das Bild da innen in der kleinen Stube, wo der Großvater sein Enkelchen auf dem Knie schaukelte, und Conrad den Arm um die unordentlich verhüllten Schultern seines Weibchens schlang.

Als der bärtige Sünder endlich aufstand, um, wie er sagte, einem Holzgeschäfte nachzugehen, da geschah es mit den besten Vorsätzen. Es war wahrhaftig nicht seine Schuld, daß schon an der kleinen Hausthür eine Aenderung eintrat.

Mit herkömmlicher Vorsicht lugte er zuerst durch das Bohrloch, welches er in der Hausthür angebracht, hinaus, ob vielleicht ein verdächtiger Wachtposten aufgestellt sei, und dann erst, als er nichts sah und auch nichts hörte, öffnete er und streckte vorsichtig den Kopf hinaus.

Alle Teufel, was ist das? Da kommt oben vom Kegel herab die »rothe Feder« mit einem Trupp der Stadtguardia. Gilt das ihm?!

Eiligst drückt er die Thüre ins Schloß und schiebt den Riegel vor, bleibt aber vor dem Bohrloche, wenn auch nicht mit dem Auge, dessen Schimmer man draußen entdecken könnte, so doch mit dem Ohre.

Die Tritte nähern sich, sie sind da, er hört die Worte »hinter Dornbach« und »der alte Ketzer«, weiter nichts; der Massenschritt von zwanzig nachfolgenden Männern betäubt die Stimme Brémont's. Denn dieser war es gewesen, welcher fragweise obige Worte zu Medardo gesprochen – der regelmäßige Tritt verliert sich abwärts gegen das Schottenthor.

Unbekümmert um sich, reißt Conrad die Hausthür auf und schaut ihnen nach – richtig, sie biegen rechts ins Schottenthor! – Seine Familie ist vergessen; dies ist ein Ereigniß von geheimnißvoller Tragweite: die Katholischen wagen sich hinaus aufs Land, wo die Cavaliere herrschen, die evangelischen Grundherren! Und die lumpige Stadtguardia sogar, nicht einmal ein ordentlicher Kriegshaufe! Was kann, was muß dahinter Alles stecken?! Und einem »alten Ketzer« gilt es – wartet! Und »hinter Dornbach«, also im Hernalser Kirchbezirk?! Das soll Euch wenigstens nicht heimlich gelingen! – Er ist heraus, er schleicht hinab nach dem Schottenthore, er will ihnen nach. Sie sollen nur über den freien Glacisraum draußen hinweg sein, damit sie ihn nicht beim zufälligen Umblicken entdecken können – halt, wer ist das? Reiter kommen von der Freiung in die Schottengasse herein. Gehören sie dazu? – Er tritt zur Seite. – Nein, 's ist eine Dame dabei, hinter ihr zwei berittene Diener. Aber der Cavalier neben der Dame, freilich! Das ist der Jesuit, welchen Conrad erst gestern ins Harrach'sche Haus gehen gesehen – der Jesuit in weltlicher Tracht! Und als er am Thor ist, sagt er zur Dame:

– Ich sprenge nur einen Augenblick voraus, um den Guardisten, die da eben hinaus sind, eine Anordnung mitzutheilen; ich bin in wenigen Minuten wieder bei Euch!

Und dies gesagt, sprengte er wie der weltlichste Reiter ins Thor hinein und hinaus. Die Dame reitet langsam mit ihren Dienern desselben Weges. Conrad schließt sich an; denn unmittelbar hinter den Pferden wird er draußen nicht so leicht gesehen von den Vorausmarschirenden. Er ist entschlossen, Alles daran zu setzen, denn diese Erscheinung des Jesuiten in solcher Tracht und in so ausgesprochenem Zusammenhange mit der Guardiatruppe erhöht ihm das Bedenkliche des Vorganges sehr.

Die Dame war Isabella von Harrach, welche einen Morgenritt und einen Besuch in Hernals machen wollte. Norbert hatte die Reitpferde vor dem Harrach'schen Hause gesehen, und der Gedanke war ihm gekommen, sich da anzuschließen. Die reizende Ludmilla bei diesem Ausfluge zu sehen, war ja doch sein innerstes Trachten. Allein in Hernals einkehren, das war sehr auffällig; als Begleiter der Freundin aber eintreten, war ganz natürlich – vielleicht wollte Isabella auch nach Hernals, und wenn nicht, vielleicht konnte man sie veranlassen –; sie wollte von selbst, und nun war Norbert entschlossen, die Expedition leidlich damit zu vereinigen. Medardo war beordert, draußen bei den »Lucken« seiner zu harren; dort sollte die Mannschaft getheilt werden, um erst hinter Dornbach wieder zusammenzutreffen. Jetzt sprengte Norbert zu ihr und trug der »rothen Feder« auf, hinter Dornbach auf ihn zu warten. Höflich verneinend wies zwar Medardo grinsend auf den Jäger Golling, der den Weg wisse, und daß deshalb kein Zeitverlust nöthig und keine Theilung mehr wünschenswerth sei; aber die viel stärkere Leidenschaft in Norbert war die schöne Ludmilla. Er befahl kurzweg, sie sollten vorausmarschiren und wendete sein Pferd gegen die im Schritt nahende Isabella.

Conrad benützte den Moment, als die Guardisten zwischen die Weingärten und den Gottesacker hineinmarschirten, und eilte links hinüber in die Weingärten hinein. Der damalige Weg nach Hernals zog sich etwas weiter rechts als jetzt, und es war möglich, daß Conrad links durch die Fußpfade zwischen den Weinbergen, wenn er scharf lief, bis Hernals ihnen zuvorkommen konnte. Denn nach Hernals wollte auch er, der dortige Gärtner Spath war sein Augenmerk. Dem wollte er Mittheilung machen, mit dem wollte er berathen.

Conrad lief aus Leibeskräften. Eine Reihe Winzerhäuschen zu seiner Rechten deckten ihn anfangs, dann kam in der Gegend der jetzigen Linie ein kleiner Wald, und so gewann er richtig ungesehen einen großen Vorsprung, und konnte dem Hernalser Schlosse gegenüber die letzte Biegung der Landstraße benützen und keck nach der Brücke hinüberschreiten, ohne von Medardo entdeckt zu werden, besonders da dieser, sehr verdrießlich über den durch Norbert anbefohlenen Aufenthalt, langsam marschirte.

Conrad rief gleich nach Spath.

– Im Garten! hieß es.

Dorthin eilte Conrad und erzählte dem arbeitenden Gärtner im Fluge, was zu erzählen war. Hier fiel dies natürlich auf den fruchtbarsten Boden, denn Spath hegte ja die größte Besorgniß vor einem Ueberfalle des alten Grafen. Er flog nach einer Leiter – der Garten war ummauert – damit er sich durch den Augenschein überzeugen könne.

– Himmlischer Vater, schrie er auf, als er über die Mauer blickte und die Expedition die Landstraße entlang kommen sah, sie haben ja den Golling und schleppen ihn mit!

– Wen? fragte Conrad unten. Das hatte er nicht gesehen an seinem Bohrloche.

– Den Schottenjäger von oben! – Flink, flink! jetzt müssen wir Alles in Trab bringen!

Der Vater seiner Nandl war hiebei natürlich keine geringe Steigerung für ihn.

Spath war ein umsichtiger, kaltblütiger Mensch. Was er einmal wollte – und hier wollte er im Nothfalle das Aeußerste, denn sein Glaube und sein Herz war ganz dabei – das wollte er tüchtig, und das griff er am rechten Ende an. Er stand also nur eine kleine Weile still und hielt sich die Hand über die Augen, dann hatte er seinen Plan gefaßt: der Weg nach links hinauf in den Wald mußte verlegt und Golling mußte frei gemacht werden. Soviel sagte er dem Bart-Conrad gleich; ob er ihm mehr sagen müsse, werde sich finden. Dann rief er seinen Gartenknecht, einen handfesten Burschen, und trug ihm auf, den Poldi zu rufen, den Kutscher. Mit dem sei auch was aufzustellen. Sie beide sollten mit dem Conrad die Schießgewehre, welche ihnen anvertraut seien gegen Raubvögel und naschhafte Vögel, in Stand setzen mit Schießbedarf und in Bereitschaft halten – er selbst komme bald wieder und sage ihnen Weiteres.

Er selbst ging stehenden Fußes zur gnädigsten Frau Baronin. Sie wird schon Rath schaffen, sie weiß ja, wie viel auf dem Spiele steht.

Allerdings wollte sie das. Die Notiz vom Jesuiten in Civil, welche Conrad noch rasch dem Spath nachgerufen, und welche dieser der gnädigen Frau nicht vorenthalten, sollte auch von hinreichender Wirkung sein auf den Freiherrn, hoffte sie.

Sie eilte hinüber auf sein Zimmer. Aber sie fand ihn sehr ungünstig gestimmt. Der Candidat war eben bei ihm gewesen, und er hatte ihm seine traurigen Bemerkungen über den Junker Hans und über die trostlosen Umtriebe gegen die reine Lehre Luther's ans Herz gelegt, woraus ja doch Verwirrung politischer Art, Verderbniß der Herzen, Verwandtschaft mit den heillosen Calvinern, den Türken unter christlicher Larve, kurz lauter Satansspuk entstehen müsse – mit diesen Worten schritt er eben aus dem Zimmer, als die Baronin kam, und auf der freiherrlichen hohen Stirne lagen Wolken drohendster Gattung.

Wie es eitlen Menschen zu gehen pflegt, denen soeben eine Menge Inhalt eingeflößt worden ist, war er gar nicht Willens, ja gar nicht im Stande, das anzuhören, was seine Frau vorzutragen begann. Seine Verstandesgefäße waren just angefüllt, ja überfüllt, er konnte nichts Neues in sich aufnehmen, er hörte geradezu nicht, was seine Frau sagte, und unterbrach sie denn auch bald, um in voller, langer Rede alle Vorwürfe wohlgesetzt auszusprechen, welche er schon lange auf dem Herzen hatte gegen die religiösen Incorrectheiten, um es geradeaus zu benennen, gegen die Umtriebe, in welche sich seine sonst hochgeehrte und hochgebildete Frau Gemalin eingelassen. –

Sie kannte ihn, und wußte, daß sie warten müsse. Wenn er in solcher Lage unterbrochen wurde, dann war er, den sie sonst immer lenken konnte, unregierbar wie ein stätisches Roß. Der nicht frei gewordene Inhalt verstopfte ihm alle Organe, und sein Stolz war außerdem empfindlich gekränkt, der Stolz des Herrn, welcher unter allen Umständen gehört sein mußte.

Sie stand auf brennenden Kohlen, aber sie hörte geduldig. Sie hatte die Fassung einer weisen Frau, welche längst erkannt hat, daß eine Frau nicht zu raschem Eingreifen berufen ist, sondern in stetigem Zuwarten und leisem Lenken ihre stärksten Wirkungen findet.

Wenn nur keine Unterbrechung kommt, so hoffte sie doch noch obzusiegen; denn die Logik des Freiherrn ist kurzathmig – aber die Unterbrechung ist schon da! Fräulein Ludmilla fliegt in das Zimmer und verkündet den Besuch Isabellens und Norberts, und – setzt sie hinzu – der ist nicht mehr im geistlichen Kleide, sondern ein schwarz gekleideter Cavalier, und es steht ihm vortrefflich, er sieht sehr gut aus, sehr eigen und anziehend. Kommt Ihr, Tante? Sie sind drüben und warten –

– Ich komme sogleich, unterhalte sie indeß –

– Ich möchte mit ihnen ausreiten, das Wetter ist so schön – wenn der Oheim mir den schwarzen Hengst erlaubte!

– Er ist wild, Kind, wild; aber wir wollen zusehen, komm'! entgegnete der Freiherr rasch, denn die Gelegenheit war ihm sehr willkommen, den Kampf mit seiner Frau abzubrechen.

Er wußte sehr gut, daß nur der Anfang des Kampfes glücklich für ihn zu sein pflegte.

Mit Ludmilla hinausgehend, ließ er Frau Amalie allein. Betroffen und sehr niedergeschlagen folgte sie. Spath stand schon auf dem Vorsaale und wartete, großer Maßregeln gewärtig.

– Es ist noch nichts beschlossen, lieber Spath! sagte sie im Vorübergehen kleinlaut.

– Herr Gott, da wird's zu spät! Die Guardistenbande mit dem gefangenen Golling wird schon nahe bei Dornbach sein –

– Vielleicht wartet sie auf den Anführer, der ja hier ist.

– Wer weiß! Wenn er zu lang ausbleibt, lassen sie vielleicht nur einen Boten für ihn zurück –

Diese Voraussicht Spath's war ganz richtig. Medardo hatte sich's gerade so vorgenommen.

Frau Amalie war auf dem Vorsaal stehen geblieben; sie war unschlüssig. Der Freiherr war mit Ludmilla ins Besuchzimmer getreten, die Gäste zu begrüßen – sollte sie dort Isabellen oder Ludmillen oder beide ins Geheimniß ziehen, um durch sie vielleicht eine Ableitung zu gewinnen für den geistlichen Cavalier –?

Nein, das war peinlich, und war doch unsicher. Ihr Mann allein konnte helfen.

– Ich mache noch einen Versuch, Spath, wartet getrost!

Frau Amalie ging ins Besuchzimmer, begrüßte herzlich Isabellen, kalthöflich Norbert, und wendete sich dann nach der entgegengesetzten Ecke des Zimmers, indem sie die Gesellschaft um Entschuldigung bat und zu ihrem Manne laut sagte:

– Lieber Jörger, ich muß Dir ein soeben eingetroffenes Gesuch sogleich ans Herz legen.

Er war genöthigt, ihr zu folgen. Aber im Bewußtsein seiner Schwäche nahm er sich vor, nur zu hören, stumm zu hören, und schließlich achselzuckend blos Nein zu sagen.

Amalie machte es ihm aber nicht so leicht. Ihr war es Ernst, ihr war es Herzens-, war es Gewissens-Angelegenheit. Mit leiser Stimme führte sie die schwersten Beweggründe ins Gefecht: er sei der Landesherr, der Dynast hier außen vor dem Weichbilde Wiens, der Stab, die Stütze, der Hort aller Evangelischen gewesen für und für, und jetzt, da die Krisis offenbar eintrete, und offenbar günstig eintrete für den evangelischen Glauben, jetzt sollten die Jesuiten mit Stangen ihre Häscher heraussenden dürfen, um einen Märtyrer des neuen Glaubens einzufangen und in die Kerker, in die Marterkammer hineinzuschleppen, und das am hellen Tage, unter den Augen, auf dem Gebiete des Freiherrn von Jörger? Unmöglich! Seinen wohlerworbenen Ruf werde der als mannhaft bekannte Freiherr nimmermehr in solcher Weise preisgeben! Und er gebe ihn preis, denn dort sitze frech in des Freiherrn eigenem Zimmer der Jesuit, welcher die Rotte leite und anführe, er rechne sichtlich mit Unverschämtheit auf die Muthlosigkeit des Freiherrn, und Spott und Hohn auf den Freiherrn werde die unmittelbare Folge sein, wenn der Fang gelungen, wenn der Greis, der allverehrte Graf Zdenko, in ihren Fängen sei.

– Das ist's, rief der Freiherr, seines Vorsatzes vergessend, halblaut dazwischen, das ist's, was den Unterschied zwischen uns macht. Meine Verehrung hat dieser Graf Zdenko gar nicht. Er ist ein Abenteurer, ein unklarer, mir gar nicht gefälliger Charakter, der immerdar nur Verwirrung in die geschlossene Kirche des Evangeliums wirft, indem er das Glaubensbekenntniß anzweifelt und Neuerungen anstiftet. Er ist kein Cavalier, und Du hegst leider nur darum Vorliebe für dergleichen fahrende Ritter, weil Du die Anschauungen aus Deutschland hier in ganz anderen Verhältnissen nicht aufgeben magst, weil Du nicht einsehen willst, daß die kleinen Edelleute von draußen mit ihren kleinen Zwecken hier nicht angebracht sind unter den wirklichen großen Herren –

– Aber wohin schweifest Du, Jörger –?

– Ich schweife gar nicht. Wir gehören hieher. Wir wollen keine Unruhestifter. Unsern Streit mit dem Lehensherrn wollen und werden wir allein ausfechten in großen Zügen –

– In so großen Zügen, daß Ihr Euch vor den Jesuiten verkriecht, wenn diese ihre Knechte in Euer Haus, auf Eure Landesmark senden, um dort frecher zu hausen, als der Lehensherr es wagt! Nun denn, ich wünsche Dir Geduld und Ergebung! Du wirst ihrer bedürfen, wenn in wenig Tagen die böhmische Kriegsmacht hier rings um die Mauern Wiens lagert – und das wird sie, ich weiß es – ich wünsche Dir Ergebung, wenn die böhmischen Herren Dich verächtlich zur Seite schieben, Dich österreichischen Freiherrn, der Einen der Ihren den Pfaffen aus Wien überliefert hat. Sieh zu, wie Du bestehen magst mit Deinem Stolze, der bis heute berechtigt war, und der mir jetzt nur widerspricht, weil er verstimmt und verdrießlich ist und falsch unterrichtet durch unseren beschränkten Candidaten –!

Die letzte Wendung war glücklich. Sie öffnete dem Freiherrn das Pförtchen, durch welches er sich mit Ehren zurückziehen konnte: er war falsch unterrichtet gewesen.

Der Freiherr schwankte und war bereit, sich zu ergeben. Er schwieg und sah unsicher nach der fernen Ecke hinüber, wo die jungen Leute ihr galantes Gespräch führten. Denn Norbert hatte mit dem neuen Kleide auch die Cavalier-Manieren angezogen. Aber er hatte doch auch von seinen bisherigen Gewohnheiten manches Wichtige beibehalten. Er hörte heute noch so fein wie gestern, und einige lauter gesprochene Worte des freiherrlichen Ehepaares drüben waren ihm verständlich geworden, kurz, er hatte bemerkt, um was es sich handeln möge in jenem immerhin auffälligen Gespräche. Jetzt wurde er den unschlüssigen Blick des Freiherrn gewahr, und da Ludmilla eben fortgegangen, um das Reitkleid anzulegen, so war er frei und seines bisherigen Berufes mächtig. Er sprach also mit lauter Stimme und bestimmter Absicht nach dem Freiherrn hinüber:

– Ergebt Euch, ergebt Euch nur, Baron Jörger! Die Frau Baronin siegt immer mit ihren feineren Waffen, das weiß die ganze Welt.

Unglücklicheres konnte in diesem Augenblicke nicht gesprochen werden für Frau Amalie. Die Eitelkeit war Jörger's stärkste Schwäche. Diese Worte allein machten ihn wieder zum Truthahn, welcher den Kopf erhebt und einherschreitet. Der Freiherr schritt auch wirklich, und dies war das Schlimmste. Denn so entfernte er sich von seiner Frau und war einer unmittelbaren Antwort überhoben. Dem lächelnden Norbert sagte er etwas salbungsvoll Abweisendes, und wendete sich dann mit wohlgeschulter Artigkeit zur schönen Isabella, um Nachrichten fragend über Waldstein, der so unbequem nach Mähren gesprengt worden sei.

Hiemit war der erneuerte Besuch Amaliens gescheitert. – Sie war darüber außer Zweifel und eilte hinaus, dem Gärtner Spath ans Herz zu legen, daß er wenigstens mit seinen geringen Mitteln versuchen möge, was einige Hilfe bringen könne.

Spath zeigte sich gefaßt. Er bat nur um die zwei guten Feuergewehre des gnädigen Herrn, welche in einem Schrank auf dem Vorsaale verwahrt standen. Frau Amalie gab ihm den Schlüssel. Er nahm die Gewehre sammt Schießbedarf, und marschirte schweigend ab mit dem Bart-Conrad, mit Poldi, dem Kutscher, und mit seinem Gartenknecht, – vier Mann gegen einundzwanzig wohlbewaffnete Söldner.

Bart-Conrad, in sehr angenehmer Aufregung über dies vollständige Verfahren, verlangte nun aber doch zu wissen, um was es sich eigentlich handle. Spath konnte nun nicht mehr schweigen; er weihte den Bart-Conrad ein, daß es da links oben dem ehrwürdigsten Greise von der Welt gälte –

– Ah, schrie Conrad auf, der »Evangelist« ist dort oben?!

– Wie?

– Na, so heißt er im Land oben; er ist bis Admont hinauf bekannt. So ist's recht! Da hat man seine Freud' auch noch für 'nen guten Zweck. Vorwärts!

– Halt! rief Spath. Eile mit Weile, und Alles mit Bedacht, sonst richten wir Viere nichts aus gegen die Menge.

Und nun setzte er ihnen, langsam gehend, seinen Plan auseinander. Er allein wollte durch Dornbach hinauf; er wollte an den Guardisten, die wol dort noch warten würden auf den Reiter, dicht vorüber. Wozu? Golling müsse ihn sehen, müsse ihn hören. Die andern Drei sollten sein Gewehr mitnehmen, und sollten rechts hinter Dornbach über den Michaelerberg rüstig zuschreiten, damit ihrer Niemand gewahr würde. Rechts von der Rohrerhütte, oder noch besser, in der Rohrerhütte selbst sollten sie auf ihn warten. Der Köhler in jener Hütte sei ein braver Bub, der ihm zu Gefallen mitgehe, wenn er daheim sei.

– Bin ich vor Euch da, schloß er, so wart' ich. In der »Hütten« sag' ich Euch weiter, was ich denk'. Behüt's!

Die Drei gingen rechts nach dem Bach hinüber; Spath ging geradeaus nach Dornbach hinein.

Das Dorf war damals sehr viel kleiner als jetzt, und reichte nicht hinauf bis an die Bachbrücke, welche man jetzt wol für die Grenze hält zwischen den beiden Ortschaften, obwol Neuwaldeck in Wahrheit erst oberhalb des Schwarzenberg'schen Schlößchens beginnt. Von Neuwaldeck waren aber damals nur ein paar weit auseinander liegende einzelne Hütten vorhanden.

An jener Brücke standen zwei Guardisten als Vorposten. Der ganze Trupp war nirgends zu sehen. Man sah freilich auch nicht weit, denn der Wald vom Heuberge links und vom Michaelerberge rechts hing damals hier in der Mitte noch ziemlich zusammen. Spath schritt getrost über die Brücke.

– Wohin? riefen die Guardisten, und vertraten ihm den Weg.

– Nach Königstätten, antwortete Spath trocken.

– Wo ist das?

– Drüben überm Wald, fünf Stund' von hier auf Tulln zu.

– Passirt!

Spath schritt aufwärts am Bache und entdeckte nach einer Weile, daß der Trupp an einem Waldhügel gelagert sei, etwa da, wo jetzt das Forsthaus steht und der Wegweiser, welcher rechts nach Salmansdorf, links nach Mariabrunn weist. Die Guardisten saßen auf dem Boden, Golling mitten unter ihnen. Der Anführer allein, die »rothe Feder«, ging hin und her. Er rief auch schon von weitem den Spath an, ganz wie der Vorposten. Spath gab dieselbe Antwort. Aber er gab sie sehr langsam, so daß er am Schluß derselben ganz nahe an dem Trupp war und Golling's aufmerksamem Blicke begegnete. Da setzte er laut und deutlich hinzu:

– Durch die Kühbacher Einöd'! – Was fragt's denn?! fuhr er dreist fort und blieb stehen, um für Golling ein Zudrücken der Augenlider anbringen zu können.

– Geht Dich nichts an! Mach' fort! erwiderte gebieterisch Medardo.

Spath gehorchte stumm. Er meinte auf Golling's Gesicht bemerkt zu haben, daß dieser ihn verstanden. So war es auch. Die Leute in Wald und Feld sind wie die Thiere des Waldes und Feldes instinctmäßig begabt für Kenntniß und Bedeutung von Oertlichkeiten. Die »Kühbacher Einöd'« war für Golling ein unverkennbarer Wink. Die Schlucht, vor Jahren eine kahle Schlucht und deshalb wol »Einöde« genannt, war jetzt mit einem dichten Unterwuchs von Kiefern bedeckt, und es führte ein schmaler Holzweg durch sie hindurch nach dem noch weit entfernten Walddorfe Kühbach. Der Weg dahin ging steil nach Norden nach dem Tulbinger Kogel zu, lenkte also völlig ab von dem Wege nach Golling's Jagdhause, zu welchem oben auf der Höhe links gen Westen der Weg führte.

Er hat ganz recht, der Spath – dachte Golling – die Richtung verwirrt sie am besten, und dort ist die erste Dickung, in welche ich hineinspringen kann. Ob Spath noch andere Hilfe dort bereit habe, wußte Golling zwar nicht, aber er hoffte so was, »denn der Spath hat's hinter den Ohren, und 's ist fast eine Stunde her, daß er mich über die Mauer gesehen«.

Daß schon eine Stunde vergangen, war im Gegensatze zu Golling sehr peinlich für Medardo. Er war immer nahe daran, ohne den Pater Norbert aufzubrechen; aber Brémont, der sehr bequem in der Sonne saß, vertröstete ihn immer wieder. Die Sonne stehe ja noch weit vom Mittag, und der Tag scheine jetzt bis gegen Sieben.

Norbert war nun auch wirklich zu ihnen unterwegs. Er war in fieberhafter Aufregung. Der muthige schwarze Hengst, welchen Ludmilla reiten wollte, hatte durch seine Ungeduld Veranlassung gegeben, daß er das knapp gekleidete, schöne Mädchen beim Aufsitzen unterstützen, also berühren gedurft, die erste Leidenschaft loderte in ihm wie Feuer, als er neben ihr über die Brücke hinausgaloppirte und sie von vollem Sonnenschein übergossen neben sich sah auf dem hohen, schnaubenden Thiere. Ihr Schleier wehte, ihre Wangen glühten, und all seine Vorsätze, sich vor Dornbach von ihr und Isabella zu trennen, um seiner ernsten Aufgabe ungestört hingegeben sein zu können, sie flogen mit den zwitschernden Lerchen hinauf in die Lüfte. Was können denn auch die Mädchen stören und hindern, redete er sich ein, wenn sie mit uns durch den Wald dahinreiten? Nichts, gar nichts! Und wenn wir nahe am Ziele sind, schicke ich sie zurück unter dem Vorwande, es könnte geschossen und gekämpft werden. Dann reiten sie desselben Weges wieder heim.

Dies abgemacht in seinem Innern, widmete er sich ganz seiner lockenden Begleiterin und sagte ihr alles Gewinnende, was seine erregte Phantasie nur ausfinden mochte, namentlich darauf lossteuernd, daß er keineswegs ein Geistlicher sei. Er habe nur Studien gemacht und dazu bisher das geistliche Kleid getragen seiner Mutter zuliebe. Aber den wirklichen Eintritt in den Stand und in den Orden habe er trotz des mütterlichen Wunsches bis jetzt hartnäckig verschoben, und jetzt, da ihm die zauberischen Reize des Lebens zum ersten Mal in der Nähe erschienen, jetzt sei er fest entschlossen, ganz in die Weltlichkeit zurückzutreten. Dieser Frühlingsmorgen erschließe ihm die Welt, welche er noch gar nicht gekannt!

Ludmilla sah etwas scheu auf ihn. Bei aller Gefallsüchtigkeit, die jede Huldigung willkommen hieß, war sie doch einem katholischen Geistlichen gegenüber ein wenig schreckhaft. Und sie hatte ja doch diesen blassen, jungen Mann noch gestern erst in dem schwarzen Jesuitenkleide gesehen, welches ihr von Kindheit auf als etwas Furchtbares eingeprägt worden! Ein leichter Schauer war da wol natürlich, wenn sie sich jetzt zuweilen berührt fühlte von dem dicht neben ihr reitenden Körper Norberts. Geheimnißvoll, eigenthümlich und nicht ohne Reizung war allerdings dieser schlanke Jüngling von feinen Formen. Und wie geschickt regierte er sein Pferd, wie kräftig! Die größere Hälfte seiner Jugend war er ja doch, wie er beiläufig bemerkte, in Cavaliersitten auferzogen worden.

Aber wenn ihm auch Ludmilla mit einiger Neugier und Theilnahme zuhörte und zuschaute, die Stunde war nicht die günstigste für seine erste Annäherung. Im Grunde des Herzens war sie jetzt anderswo.

Trotz aller Eitelkeit gehörte ihre erste Liebe dem Junker Hans. Die Vorhöfe ihres Herzens mochten offen und sehr zugänglich sein, das Innere, das wahre Schloß desselben, die Wohnung der Seele war noch wohl verwahrt, und da saß, stand oder ging sie nur mit dem lichtbraunen Junker, dem ungehorsamen, welcher nicht die ganze Welt um ihretwillen vergessen wollte und gestern leider von dannen gegangen war. Sie hatte sich heute Morgen wol bei Tartsch erkundigt, ob er zur Nachtzeit heimgekehrt wäre, und war betroffen gewesen, als dieser Nein gesagt und hinzugesetzt: er wisse selbst nicht, wo der junge Herr hingekommen. Ihr offenes Köpfchen hatte die Aeußerung von einem »Grafen« und diese wie jene kleine Bemerkung der Tante und Hansens selbst zusammengefädelt, so daß sie endlich eine unklare Vorstellung von der Situation hatte, als sei da oben in den Wäldern etwas vor, woran Hans und der geheimnißvolle »Graf« betheiligt sein müßten. Deshalb war es ihr recht angenehm, daß sie nach dem Walde zu ritten. Sie fragte sogar leise die still neben ihr reitende Freundin Isabella, ob diese wol etwas ahne von dem, was vorgehe? Denn es gehe etwas vor. Onkel und Tante hätten ungewöhnlich lebhaft beiseite verkehrt, und der – sächsische Junker fehle.

– Er fehlt? fragte Isabella auffallend rasch zurück.

– Das heißt, er ist nicht da; hast Du ihn vielleicht gesehen?

– O nein.

– Und Du weißt auch nicht, ob und was der – Herr Norbert vorhat?

– Ich hab' ihn nicht gefragt. Aber ich habe gesehen, daß ein Trupp Leute, mit denen er verkehrt, voraus ist.

– Ah?!

Vor diesem Trupp hielten sie plötzlich.

– Ist dies der Kreuzbühel? fragte Norbert.

– Nein, erwiderte Medardo, der soll noch eine Strecke weiter hin sein; aber weil ein Weg hier abgeht, hab' ich's für besser gehalten, hier zu warten – und dabei sah er bestürzt auf die Damen, welche der Expedition doch kaum förderlich, wol aber hinderlich sein konnten.

– Vorwärts also! Voraus den Jäger, rief Norbert, und, setzte er halblaut hinzu, keine Umstände mit ihm gemacht, wenn Ihr Winkelzüge bemerkt.

So setzte sich denn der Zug in Bewegung. Golling voraus inmitten zweier Guardisten, die ihn durch ihre Waffen in Schach hielten. Er hatte sich übrigens vom Anfang herein immer stumm verhalten. Widerstand schien unmöglich gegen solche Uebermacht, und er war deshalb gleich der Meinung gewesen, sie seitabwärts in den Wald hineinzuführen, bis er an gelegener Stelle entspringen könne. Spath's »Kühbacher Einöd« sollte nun diese Stelle werden. Dorthin steuerte er also. Zunächst auf die Köhlerhütte zu, welche Rohr- oder Rohrerhütte hieß. Entweder von ihrem Rohrdache, oder weil der Wiesenplan vor ihr im Herbste ein Brunftplatz war für die damals noch vorhandenen zahlreichen Hirsche. Denn das Brunften des Rothwildes nennt man in Ober-Deutschland Röhren oder Rohren. Hinter dieser Hütte erhebt sich ein steiler Berg, an welchem ein schmaler Hohlweg hinaufführt. Dieser Hohlweg war zur Noth fahrbar für einen schmalen Wagen, und bis zur Höhe des Berges ging hier auch der richtige Weg zum Forsthause. Oben auf dem Berge aber mußte man sich jählings nach der linken Seite wenden auf einem schmalen Rasenstreifen zwischen Stangenholze. Dieser Rasenstreifen zeigte geringe Spuren von Rädern, konnte also leicht übersehen werden, und Golling wollte ihn übersehen und geradeaus weiterführen in die Berge hinein, innerhalb welcher kein Unkundiger sich mehr zurechtfinden konnte nach links hinüber.

In der Rohrerhütte lauerte Spath mit den Seinen. Sie hatten ihre Gewehre geladen, auf Spath's Anrathen zunächst blind geladen, weil vielleicht bloße Schreckschüsse zum Ziele führten, und nicht ohne Noth Blut vergossen werden sollte. Daß Conrad anderer Meinung war, hatte Spath nicht bemerkt, denn Conrad hatte nur gebrummt. Der Köhler, welcher daheim gewesen, stand auf Vorposten, um den Zug anzukündigen. Er that's zu rechter Zeit, und schlüpfte nun mit den vier Anderen im Hohlwege hinauf bis zu jenem Rasenstreifen. Dort machten sie Halt und horchten, nachdem ihnen der Bart-Conrad den Schlachtplan nochmals leise wiederholt hatte. Das kriegerische Genie des Krawallers war im Kriegsrathe der Rohrerhütte bewährt worden; Conrads Plan war für besser befunden worden, als der Spath's, und Spath hatte sich unterworfen. Spath war nur jetzt an dem Rasenstreifen unschlüssig, ob sie sich nicht zunächst doch links hineinschleichen sollten für den Fall, daß Jemand hier den rechten Weg nach links erkenne.

– Sie kommen! flüsterte der Köhler.

– Aufi! grunzte leise Conrad. Was hast Du, Spath? was stehst?

Spath mochte ihm seine Bedenken nicht mittheilen, weil er ihm nicht ohne Noth den nächsten Weg zum Forsthause zeigen mochte, wenn er ihn auch in das meiste Uebrige eingeweiht.

– Ach, sie werden's nicht merken! sagte er endlich, und folgte den vier Genossen.

In der That hielt die Expedition trotz Golling's Vorwärtsdrängen am Rasenstreifen still. Der Aufgang war steil gewesen, Alle waren athemlos, und das schwarze Roß Ludmillens, in dem engen Hohlwege vom Nachbar öfters gestreift, war unruhig geworden. Ein kurzer Stillstand schien gut, um es wieder in Ruhe zu bringen.

– Nach welcher Seite hin liegt das Haus? fragte Norbert den Jäger Golling.

Golling deutete vor sich hin nordwärts.

– Wie weit von hier?

– Eine Stunde Weges, antwortete Golling mürrischen Tones.

– So weit noch? sagte Medardo mißtrauisch und näherte sich dem Jäger. Wohin führt denn hier links der Weg auf dem Rasen?

– Ins Holz. Das ist kein Weg.

– Wol ist's einer! Man sieht die Radspur.

– Man hat Holz herausgefahren.

– Hochwürdiger Herr, flüsterte Medardo zu Norbert hinauf, mir scheint fast –

– He, he, he, Rapp! Stät, stät! rief Norbert, ohne auf Medardo zu hören, und folgte Ludmillens Rosse, welches nicht stehen wollte und von der heiteren Reiterin fortgelassen wurde.

So kam der Zug ohne weitere Umstände wieder in Bewegung, und zwar in der Richtung nach Norden, wie Golling sie wollte und Spath sie hoffte.

Der Boden zieht sich dort in mäßigen Wellungen immer leise aufwärts nach dem Tulbinger Kogel. Man kann fast sagen, es ist ein breiter Kamm, welcher hier quer über die schmale Seite des Wiener Waldes leitet. Tiefere Thäler und Schluchten sind fast nur auf der rechten Seite, und der Zug rückte also ziemlich bequem vorwärts, am Schlusse desselben die Reitergruppe. In der Frühlingssonne, welche durch die laublosen Bäume herabdrang und einzelne schöne Blicke nach rechts hinüber, nach dem Gebiete des Hermannskogels, mit prächtigem Licht und Schatten schmückte, schien sich die Reitergruppe ganz heiter zu fühlen. Sogar Gräfin Isabella schloß sich der munteren Nachfrage Ludmillens an: was denn die Expedition zu bedeuten habe, und was oder wen man suche?

– Harmlose Bekanntschaft, entgegnete Norbert lachend, ganz harmlose! Mehr Sachen als Menschen –

Ein gellender Pfiff zur Rechten unterbrach ihn, ein gellender Pfiff zur Linken antwortete.

Ludmillens Rappe fuhr in die Höhe.

Ein gellender Pfiff vor dem Zuge, ein gellender Pfiff hinter dem Zuge folgte.

Betroffen stand Alles still, nur der Rappe wollte nicht stehen. Man sah Niemand.

Links und rechts hatte man ein enges Stangenholz junger Buchen, in welches der Weg vor etwa zwei Minuten eingebogen war nach rechts abwärts.

– Was ist das? Was bedeutet das? rief vorn Medardo, rief hinten Norbert dem Jäger Golling zu.

Dieser zuckte die Achseln.

Gellend wiederholten sich die Pfiffe von allen Seiten. Es war unbehaglich für alle Theilnehmer der Expedition.

– Vorwärts, damit wir aus dem engen Holze herauskommen! commandirte Medardo, und Norbert hatte doch nun die Entsagung, daß er den Damen rieth, umzukehren. Er hoffte, sie unten in Hernals wiederzusehen, und drängte sein Pferd durch die bestürzt zur Seite weichenden Guardisten nach vorn, um die Führung zu übernehmen.

Das enge Stangenholz endigte, und ein ziemlich hoher Unterwuchs von Kiefern bedeckte die sanften Seitenlehnen eines Thales, in welches der reitende Norbert tapfer vorrückte. Der hindurchführende Weg auf der tiefsten Thalsohle war schmal und wenig betreten oder befahren. Es war der Eingang zu jener Kühbacher Einöde, in welcher Spath und Conrad ihren Hauptschlag führen wollten.

Augenblicklich war Alles still. Die Pfeifenden zogen sich näher an einander, um aus den Kieferbüschen hervor zum eigentlichen und doch gedeckten Angriffe überzugehen.

Die Ruhe dauerte aber nur kurze Zeit. Norbert und die Guardisten waren eine kurze Strecke in die Einöde vorgerückt, und Ludmilla hatte hinten ihren Rappen noch nicht so weit zur Ruhe gebracht, daß er sich auf dem schmalen Raume zum Rückwege wenden ließ – da krachten von links und rechts unten zu beiden Seiten der Guardisten Schüsse.

Diese bedenkliche Aeußerung hatte unmittelbare Folgen. Ludmillens Rappe drehte sich wie ein geübter Tänzer jählings um und ging durch, Isabellens und deren Diener Rosse heftig zur Seite stoßend; Medardos Hut flog vom Kopf, und die Guardisten nahmen mit ziemlicher Berechtigung an, daß dies Fliegen des Hutes durch eine Kugel verursacht sei. Sie fuhren auseinander, wie eine Schaar Krähen, unter welche eine Ladung Schrot fährt, und bemerkten es kaum, daß ihr Führer, der Jäger Golling, diesen Moment der Zerstreuung seinerseits benützte, um mit einem langen Schritte links zwischen die jungen Kiefern zu treten und zu verschwinden.

Tapfer sein zu sollen, wenn man den Feind nicht sieht, von welchem man angegriffen wird, das hat seine große Schwierigkeit. Die Guardisten fühlten sich nicht berufen, diese Schwierigkeit mit Glanz zu lösen. Sie dachten auf schnellen Rückzug. Norbert aber wollte sein Cavaliersblut nicht verleugnen, und wollte auch nicht in seinem ersten weltlichen Unternehmen schmählich stecken bleiben. Er rief also seinen Leuten zu, ihm nach vorwärts zu folgen, es werde gewiß bald freier Raum kommen, der solchen Hinterhalt unmöglich mache, ja, man sei wahrscheinlich nahe am Ziele, und werde eben deshalb so meuchlerisch angegriffen. Medardo hatte während dieser Rede seinen Hut gesucht und gefunden, und die zwei runden Löcher im Kopfende desselben hatten einen entschiedenen Eindruck auf ihn gemacht. Nicht ohne Blässe des Antlitzes dieses Zeugniß betrachtend, schritt er zu Norbert hin. Er hielt den Hut mit den Löchern standhaft in die Höhe, zum Beweise, daß Grund vorhanden sei, die Sache zu überlegen, und zeigte mit unsicherer Hand abwärts ins dicht bewachsene Thal. Es sehe keineswegs danach aus, als ob das üble Terrain da unten sich verändern wolle, der Führer sei verschwunden, man sei wahrscheinlich verführt, und es sei viel gerathener, rasch in das Stangenholz zurückzueilen, in welches man doch wenigstens eine Strecke hinein sehen könne, während man inmitten dieser jungen Nadelholzbäume auf drei Schritte angeschossen und erschossen werden könne, ohne daß man den Gegner entdecke.

Daß sich diese Besprechung in die Länge zog, hatte einen gewissen Uebelstand: sie verschaffte den Gegnern Zeit, ihre Gewehre wieder zu laden. Conrad besonders that dies mit großer Hast, und stopfte wieder eine Kugel in den Lauf, unbekümmert darum, ob man das schwere Aufsetzen desselben durch den Ladestock hören und ihm durch Zuschleichen beikommen könne. Er war beim ersten Schusse auf die »rothe Feder«, welche er sich natürlich ausgesucht, unsicher gewesen, ob er's bis zum Todtschießen treiben solle, und hatte beim Abdrücken absichtlich etwas hochgehalten. Jetzt aber, nach dem ersten Schusse, glich er einem Raubthiere, das Blut gekostet. Der zweite Schuß sollte in Fleisch und Knochen schlagen, dachte er jetzt, indem er sich selbst erhitzte, und – dachte er weiter, gleichsam um seine That durch den höheren Zweck zu erhöhen – Fleisch und Knochen eines vornehmen Jesuiten sollen es sein. Den Reiter, Norbert selbst wollte er aufs Korn nehmen.

Die Angreifer im Dickicht hatten den Vortheil, an der Berglehne erhöht über ihren Gegnern zu stehen, und Conrad hatte sich außerdem noch eine kleine Erhöhung des Bodens ausgesucht, vor welcher nur niedrige Kiefersträucher standen. Wenn er hinter seinem Bäumchen hervortrat, so übersah er unten Alles. Er war gerade fertig mit seiner Ladung, als Norbert den Vorstellungen Medardos nachgegeben und sich zum Rückzuge entschlossen hatte. Um Ruhe und Tapferkeit darzuthun, behielt Norbert jetzt die letzte Stelle, als wollte und könnte er den Rückzug decken, ja im Bedürfnisse eines übertriebenen Anstandes wendete er seinen Kopf nach rückwärts und drohte mit dem Schwerte, das er gezogen, nach der verrätherischen Berglehne hinauf. Kaum hatte er dies gethan, so krachten wieder mehrere Schüsse, und sein Pferd stürzte zu Boden.

Die Guardisten, nur die Schüsse hörend und sich nicht umschauend, ergriffen nun unbedingt das Hasenpanier. Conrads lautes und freches Gelächter schallte hinter ihnen her.

Dies Gelächter zog Spath und Genossen zum Bart-Conrad. Auch den Jäger Golling. Denn in den dichten Büschen bedurfte es auch für sie solch eines Zeichens zur Orientirung.

Spath war der Erste, und er machte Conrad Vorwürfe, daß er scharf geladen und die vornehmste Person niedergeworfen. Das ziehe Rache auf den Hals und halte zunächst die Gegner hier im Walde fest, wo sie am Ende doch durch irgend einen Zufall den rechten Weg in die Försterei entdecken könnten.

– Der Denkzettel ist dem glatten Burschen gesund! entgegnete Conrad. Viel wird er nicht einmal haben, denn ich habe vorne aufs Schulterblatt des Pferdes gehalten. Höchstens hat er was ans Bein gekriegt.

Spath pfiff nun noch einmal, damit auch der noch fehlende Köhler sich einfinden konnte, und dann brachen sie nach Golling's Rathe auf. Sein Rath ging dahin, daß sie nun den richtigen Weg zur Försterei, welcher auf dem Rasenstreifen hineinführte, vorsichtig verlegen sollten. Der Anführer mit der rothen Feder habe dort gestutzt, und man sei nicht sicher, daß er auf dem Rückwege dort noch einen Versuch mache rechts einzubiegen.

Man eilte also, die Guardisten rechts im Bogen zu umgehen.

Unerwartet kam diesen Kämpfern für das Asyl in der Försterei von anderer Seite Hilfe. Vom Hernalser Schlosse nämlich, und zwar von einer Seite, auf welche Niemand mehr zu hoffen gewagt.

Frau Amalie war eine ernste, gewissenhafte Natur. Sie fühlte sich immer getrieben, Alles daranzusetzen, wenn das gefährdet wurde, was sie für recht und gut hielt. Obwol eine schwächliche Frau, fühlte sie sich dann getrieben, auch ihre eigene Person einzusetzen, selbst wenn wenig Erfolg von diesem Opfer zu erwarten stand. Da denn ihr Mann jede Hilfeleistung versagte, und die kleine Ausrüstung und Absendung Spath's ihr ungenügend erschien, so wollte sie selbst an Ort und Stelle. Einen Augenblick hatte sie – wie schon erwähnt – geschwankt, ob sie sich nicht auch Ludmillens bedienen sollte, welche eben mit Isabellen und Norbert nach den Pferden hinabgehen wollte in den Hof. Sie hatte bei Harrach's und hatte jetzt wohl erkannt, welch ein sträfliches Feuer in dem jungen Jesuiten aufloderte für Ludmillen, und der Gedanke drängte sich ihr auf, dies zu benützen. Wenn sie Ludmillen veranlaßte, ihre Macht zu gebrauchen, damit der Expeditionsführer abgelenkt und abgeführt würde von seinem Ziele, so kostete dies nur einige kleine Künste der Coquetterie, für welche ja leider das schöne Mädchen schon begabt zu sein schien. Aber ihr Inneres widersetzte sich diesem Mittel; sie verwarf es. Sie ließ die Reitergruppe hinweg ohne irgend eine Mittheilung. Aber sie trug ihrem Diener auf, für sie einspannen zu lassen, den kleinen offenen Wagen, der schmal und leicht für ihre Spazierfahrten durch Feld und Wald eingerichtet war. Nach diesem Auftrage verließ sie das Zimmer, in welchem der diesmal gegen sie siegreiche Freiherr umherschritt.

– Wohin gehst Du?

– Meine Kleidung wechseln! erwiderte sie einfach.

Der Freiherr hatte sich seines Sieges gefreut, so lange Andere zugegen waren, die allenfalls seine Haltung und seinen Erfolg bewundern konnten. Diese Stimmung änderte sich jetzt.

Die stumme Ergebenheit seiner Frau fing an, auf ihm zu lasten.

Er verehrte seine Frau, und es war ihm eigentlich ein Bedürfniß, daß sie all seine Handlungen billigte. Hatte die Eitelkeit ihn getrieben, sich selbstständig und gebieterisch zu erweisen, so blieb doch gleich darauf die Frage nicht aus: Was sagt Amalie dazu? Bist du ihr gegenüber auch wol zu weit gegangen? Hast du ihr unrecht, hast du ihr weh gethan? – Wenn sie nun gar schwieg, wie jetzt, und in ihren kurzen Antworten keine Gereiztheit zeigte, sondern nichts als stille Ergebung, so wurde ihm peinlich zu Muthe. Er war im Grunde gut, und er konnte es nicht vertragen, daß sein Sieg errungen schien mit unlauteren Mitteln, mit Mitteln, welche seine Amalie nicht billigen mochte.

Hierin war sein Stolz in der That der Weg zu seinem Adel.

Er ging immer rascher umher und fürchtete nur, sie würde nicht mehr eintreten ins Zimmer. Er wollte mit ihr sprechen; aber es mußte sich die Gelegenheit leicht und natürlich machen; er mußte ihr nicht nachlaufen müssen. Unten fuhr der kleine Wagen vor. Drüben öffnete sich die Thür seiner Frau.

Sie ging unmittelbar nach der Stiege zu.

Er fühlte sich höchst unbehaglich. Nachlaufen konnte er durchaus nicht!

Aber hinaustreten konnte er ja, um nach seinem Zimmer zu gehen, und dabei konnte er von fern rufen: »Wohin fährst Du denn?« – Ja, das konnte er, ohne sich etwas zu vergeben.

Und so geschah's. Und als sie ganz einfach antwortete: »Zum alten Grafen!« – da knüpfte er heftig an, wie sie die Dinge übertreibe und wie sie ihn ins Unrecht setze, als ob er unempfindlich und gemüthlos und was sonst noch sei. Das habe ja doch gar keinen Zweck, daß sie allein da hinauffahre. Wenn er auch nicht an gewaltsame Scenen glaube, wie ihre Phantasie vorhin ausgemalt, so könne er doch sie nicht einer solchen – Möglichkeit aussetzen, und wenn denn ihr wunderlicher Eigensinn absolut da hinauf müsse, so wolle er sie wenigstens begleiten und begleiten lassen durch Dienstleute.

– Die Knechte aus den Ställen, rief er über die Stiege hinunter, sollen alle herbeikommen, sogleich!

Der Diener aber erwiderte aus dem Hausflur mit lauter Stimme herauf:

– Es sprengt eine Schaar Reiter über die Brücke in den Hof herein, gnädigster Herr Baron!

So war es. Ein hochgewachsener, älterer Mann, neben sich auf kleinerem Pferde ein Mädchen von etwa zwölf Jahren, hinter sich ein berittenes Gefolge von etwa zehn Mann, galoppirte in den Schloßhof und parirte einen hohen Schimmel fest und gelassen, indem er zu dem jungen Mädchen heiter rief: »Da sind wir, Purzel!« und dem Diener im Hausflur zuschrie:

– Wenn der Freiherr daheim ist, so sag' ihm flugs: Der Georg sei da, der Loß aus Böhmen! Schwenk' Dich, wir haben Hunger und Durst.

Dieser blonde Mann von hohem, stattlichem Wuchse, Ludmillens Vater, stand in den Fünfzigern. Das feine, blonde Haar war aber erst hie und da an den Spitzen weiß angehaucht, im vollen Barte war es sogar etwas dunkler, als auf dem Haupte, und eine kerngesunde, lichtbraune Hautfarbe machte dies kleine Haupt – es war anmuthig klein im Verhältnisse zu der wohlgebauten, hohen Gestalt – gleichsam leuchtend von gesunder Lebensfrische. Die blauen Augen schauten treu und fröhlich, die Bewegungen waren die eines Jünglings, und die volle Stimme klang immer wie herausfordernd zu Lebenslust und Heiterkeit, als spräche sie ununterbrochen: Freut euch des Lebens, ihr Menschenkinder, dazu ist es ja da vom guten Herrgott, welcher es uns geschenkt hat.

In solcher Weise begrüßte er auch das Jörger'sche Ehepaar, und so wurde er hier wie überall wieder begrüßt. Denn er war überall geliebt, überall willkommen. Es war, als ob der Sonnenstrahl in das Haus dränge, welches er betrat, und das empfand Jedermann, und Jedermann fühlte sich dadurch erfreut und dankbar für die Ankunft des guten, fröhlichen Loß. Die sorglichsten, unzufriedensten Menschen pflegten im Stillen zu sagen, wenn Loß ein paar Minuten bei ihnen war: 's ist ja wahr, was quälen wir uns mit Sorgen und Gedanken, wir sind Thoren! Das Leben ist viel leichter und hübscher, als wir uns einreden, das Leben ist ein gut Ding, der Loß hat Recht! Und sie schüttelten ihm dankbar die Hände.

So that auch der Freiherr jetzt, den Loß von der peinlichen Gewissensfrage in Bezug auf die Scene mit seiner Frau nun rasch und gründlich befreite. Rasch und gründlich, denn er theilte dem Loß geschwind ins Ohr mit, um was es sich handelte, und daß er eben mit einigen Leuten hinauf wollte dem alten Grafen zur Hilfe, und daß Loß mitziehen könne sammt seinen Reitern. –

– Freilich, freilich! Auf der Stelle! Wir werden doch den alten Knaben nicht den Pfaffen überlassen! Freut mich, daß ich ihn einmal wiedersehe. Lass' nur ein Fäßchen Wein aus dem Keller holen und ein Dutzend Brode herbeischaffen. Ein Trunk und ein Bissen für mich und meine Leute genügt, und ist fix abgemacht, dann hinauf, hinauf, mein lieber, immer prächtig ausschauender Jörger und meine verehrungswürdigste Frau Amalie, meine getreueste, edelste Muhme, der ich die schönen Hände und Füße küsse für Alles, was sie meiner leichtfüßigen Mille anthut, und was sie der ganzen Menschheit anthut, denn daß Du's nur weißt, Jörger, Du hast den größten Schatz gehoben, der in Europa zu haben war, in dieser Frau! Wenn sie unglücklicherweise katholisch wäre, so wäre sie schon lange eine Heilige – nicht abwinken, nicht Nein winken, Frau Amalie, uns ist's ja auch lieber, daß Sie noch menschlich und irdisch mit uns verkehren. Dem Jörger auch. Sehen Sie nur, wie seine Augen leuchten!

Ja, sie leuchteten; denn er sah, daß Alles ausgeglichen war, daß seine Frau die Unebenheit vergessen hatte. Nicht vergeben – das liebte er nicht – aber vergessen! Sie reichte ihm die Hand, als er auf Erledigung des Trunkes und Imbisses und auf sofortigen Aufbruch drang, und er war nun in der Stimmung, die ganze Expedition der Wiener Stadtguardia zu Kraut und Rüben hauen zu lassen, ja selbst mitzuhauen.

Daß Ludmilla mit draußen, ja in Gesellschaft der Feinde draußen sei, kam dem Loß sehr schnurrig vor.

– Wir wollen sie zausen, die Treulose! rief er, indem er sich wieder in den Sattel schwang.

Aber zu »Purzel« sagte er doch, sie müsse zurückbleiben, denn es könnte bei der Gelegenheit blutige Köpfe setzen, und das würde ihrem jungen Köpfchen nicht besonders gut anstehen.

– Hängs Mäulchen nicht, Purzel, ich schick' Dir auch die Mille zurück, sobald ich ihrer ansichtig werde.

Er wurde ihrer sehr bald ansichtig, denn sie kam verzweifelt schnell daher vom Schlachtfelde an der Kühbacher Einöde. Der Rappe war selbst den Hohlweg hinab zur Rohrerhütte so standhaft gejagt, daß zu besorgen war, er würde Hals und Beine brechen, und die arme Reiterin wer weiß wohin schleudern. Seine Knochen aber waren jung, sie strauchelten nicht, und die Reiterin, von Jugend auf an den Sattel gewöhnt, saß fest; es fehlte ihr nichts, als die Macht über den Zügel. Die Gefahr bestand nur darin, daß der Rappe vom Wege abbiegen könne, denn alsdann wurde sie zwischen den Bäumen abgestreift, wie die Schale vom Kern, bei welcher Procedur keine Schale ganz zu bleiben pflegt. Der Rappe aber folgte instinctmäßig dem Wege, welchen er aufwärts gekommen, sauste durch Dornbach und ließ erst im Sturmschritte nach, als er das Hernalser Schloß von weitem sah.

Von da kam eben die Karawane, das kleine Gefährt der Frau Amalie voraus, neben ihm links und rechts der Freiherr von Loß und der Freiherr von Jörger, hinter ihnen ein Dutzend Reiter und mehrere bewaffnete Fußgänger.

Loß hatte vortreffliche Augen, er erkannte seine Mille von weitem und jauchzte auf wie ein Juchheschreier auf dem Gebirg, und als sie bei einander waren, da winkte er seinem Reitknechte, den Rappen am Zügel zu halten, damit er feststehe, und dann hob er sein Mädchen aus dem Sattel und setzte sie sich auf den Schooß – sein Pferd war gut gezogen – und herzte und küßte sie wie ein Liebhaber sein Liebchen.

Nachdem nun rasch erzählt war, was mit ihr vorgegangen und warum er seinerseits plötzlich doch von Horn aufgebrochen, hatte er sie wieder auf den Rappen gesetzt, und sie ritt mit. Denn sie that's nicht anders. Purzel müsse warten. Die Isabella sei ja noch zurück, und wisse nicht, was aus ihr geworden; die müsse beruhigt werden, und sie selbst sei gar nicht angestrengt, denn es sei ja leicht und schnell da herabgegangen auf dem Rappen. Der Rappe allein habe die Unkosten getragen.

Papa Loß fand lachend das Alles gut und schön, und freute sich seines tapfern Mädchens, und als man in Dornbach der im Galopp daherkommenden Isabella begegnete, meinte er:

– Da nun doch einmal schon zwei Frauenzimmer dabei sind – und Frau Amalie brauchen wir zum Wegweisen – so kann auch das dritte mitreiten. Wir stellen Euch ins Hintertreffen, wenn's losgeht.

Auch Isabella ließ sich's gefallen; sie war auch neugierig, daß sie nun ausführlicher erfahren sollte, wer und was Alles da oben zu finden und zu schützen wäre. Sie glich dem Monde, der bei allen Stürmen gleichmäßig kühl am Horizonte dahinzieht.

Als die Karawane durch den Hohlweg hinaufgekommen war, wendete der Kutscher der Frau Amalie sein Gefährt links auf dem Rasenstreifen hinein in den engeren Wald. Er hatte seine gnädige Frau schon mehrmals da heraufgefahren.

Spath und Consorten geriethen in Aufregung, als sie des herannahenden Geräusches inne wurden; sie rüsteten sich eilig, denn sie glaubten, die Guardisten hätten jetzt doch den richtigen Weg entdeckt. Wie erstaunt war Spath, als er an der Spitze des Zuges seine Herrschaft entdeckte! Uebrigens war er und war Golling gar nicht erbaut von dem Heranziehen der Karawane. Bei so vielen neuen Mitwissern war es nun doch wol vorbei mit dem geheimnißvollen Aufenthalte des verehrungswürdigen Eremiten im Forsthause. In Frage kam nur noch, ob man den Rückzug der Guardisten nicht doch noch beobachten solle. Besonders nöthig schien es nicht mehr. Sie würden wol Noth und Sorge genug haben, meinte man, ihren niedergeworfenen Hauptmann, der doch wol beschädigt sei, von dannen zu bringen. Zudem wurde derjenige, welcher am sorgfältigsten auf Sicherstellung bedacht war, Spath, der Gärtner, von Frau Amalie in Anspruch genommen. Sie sendete ihn eiligst voraus in die Försterei, damit der alte Graf von dem Schrecken der Ueberraschung bewahrt und von dem heranziehenden massenhaften Besuche in Kenntniß gesetzt werde. Golling hätte wol auch noch den Beruf gehabt, die Guardisten im Auge zu behalten, ihn aber befing eine andere, und zwar eine häusliche Sorge. Diese Masse von Menschen werde gewiß, dachte er, Bedürfnisse mitbringen in seine Behausung, nämlich Hunger und Durst. Der alte, freigebige Herr Graf werde befehlen, daß man diesen Bedürfnissen genugthue mit Speise und Trank, woher sollte Mutter Golling so viel Nahrungsmittel nehmen?!

So zog man denn von dannen, und es wurde nichts angeordnet zur Sicherstellung vor den Guardisten.

Diese waren allerdings eine zeitlang gar nicht in der Stimmung gewesen, etwas Neues zu unternehmen. Aber seit jenem ersten Schrecken in der Kühbacher Einöde war eine Stunde vergangen; sie hatten Zeit gehabt, sich zu fassen.

Als sie auf der Flucht inne geworden, daß ihr Anführer fehle, waren sie bestürzt stillgestanden. Die Schmach wäre doch zu groß gewesen, sich nicht um ihn zu bekümmern! Vorsichtig also hatte sich Medardo mit einigen seiner Leute zurückgeschlichen, und hatte Norbert beigestanden, daß er sich unter dem todten Rosse – es war mausetodt – hervorarbeite.

Er war hart mitgenommen. Das Thier, mitten durch die Lungenflügel geschossen, hatte sich im Todeskampfe heftig gewälzt, aber der Tod war glücklicherweise rasch eingetreten. Norbert war bis zur Ohnmacht gequetscht und gedrückt worden, und hatte deshalb nicht sogleich Bewußtsein und Kraft gefunden, sich frei zu machen.

Medardo, der Norbert dann diesen Dienst erwies, that es mit gemischten Gefühlen. Zunächst fühlte er sich doch nicht sicher vor den undurchsichtigen Gebüschen. Die Feinde konnten ja noch da sein und konnten sich von neuem unangenehm äußern. Er veränderte deshalb beim Hervorziehen Norberts zum öfteren seine Stellung, um dem etwaigen Zielen Schwierigkeit zu bereiten, und dabei war sein rasch aufblitzendes Antlitz verdrießlich ängstlich. Alsdann aber zeigten sich doch auch auf diesem Antlitze die Lichter einer nichtswürdigen Schadenfreude, wenn er an den Gliedmaßen des bisher so gefürchteten, vornehmen, geistlichen Herrn zerrte. 's ist schmählich, aber es ist nicht zu leugnen: der langjährige Sklave geistlicher Herren empfand eine bösartige Genugthuung, daß endlich einmal auch seiner Herrschaft schmerzlich mitgespielt würde.

Als Norbert auf den Beinen stand, schien es zweifelhaft, ob er sich auf denselben erhalten könne; er wankte bedenklich. Die Erschütterungen waren arg gewesen, und es fand sich auch, daß die Kugel ihn am Knie gestreift hatte. Aber seine moralische Kraft erwies sich doch zum Herrschen geeignet: sie ermannte sich in kurzer Frist und zwang die versagenden Glieder zu leidlichem Gehorsam. Unter beiden Armen gestützt, machte er einige Schritte, und erklärte dann, daß er vermittelst eines Stockes gehen könne. Der Stock ward abgeschnitten, und nun setzte sich Norbert – zum gelinden Schrecken Medardos – in derselben Richtung thalabwärts durch die Schlucht in Bewegung, in welcher der Marsch unterbrochen worden war durch den Ueberfall. Medardo hatte zu dieser Richtung gar kein Vertrauen mehr, und war überzeugt, der gedeckte Ueberfall werde sich über kurz oder lang erneuern.

– Um so rascher müssen wir trachten, aus der Schlucht hinauszukommen! erwiderte Norbert. Ruf' Deine Leute herab und vorwärts!

Die zögernd herankommenden Guardisten suchten dadurch noch einen Aufschub zu erwirken, daß sie Sattel und Zaumzeug vom todten Pferde lösten; aber Norbert gebot ihnen, sich damit nicht zu belasten. Sie versteckten es im Dickicht und marschirten langsam hinter dem mühsam am Stock vorschreitenden Führer. Medardos Zweifel bestätigte sich: die wegsame Schlucht schien kein Ende zu nehmen, und als endlich links und rechts höheres Holz begann, da verschwand auch unten auf dem Rasen die letzte Spur eines Weges. Norbert konnte nicht mehr widersprechen, daß der nichtswürdige Jäger sie in einen Holzweg geführt. Nun erklärte sich auch das Aufhören des verdeckten Angriffes. Die Feinde hatten die irregeleiteten Guardisten ihrem Schicksale überlassen.

Was nun? Selbst Norbert mußte eingestehen, jetzt sei nichts rathsamer, als umzukehren und sich in Dornbach einen neuen Führer zu verschaffen.

Sie kehrten um und marschirten niedergeschlagen wieder aufwärts nach dem Kamme oberhalb des Hohlweges, um da hinabzustolpern. Ein Guardist hatte nicht unterlassen, sich mit Sattel und Zaum zu beladen. Man weiß, wie sehr die Frühlingswärme ermattet; der arme Kerl schwitzte und stöhnte unter seiner Last, und da auch Norbert in Schweiß gebadet war, so ließ Medardo kurz vor dem Hohlwege eine Rast machen. Während er sich selbst umschaute nach einem alten Baumstumpf zum Sessel, wurde er inne, daß es derselbe Punkt war, wo sie des Morgens beim Kommen stillgestanden – richtig! da zog sich der Rasenstreif hinüber. Der war ihm ja beim Herwege schon aufgefallen, und jetzt – was sah er?! Eine frische Wagenspur und weiterhin ganz frischen Mist von Pferden!

– Hier ist ein Wagen nach uns gekommen! Das ist ein Weg! Vielleicht der, welchen wir suchen!

Er spürte vorsichtig eine Strecke weiter und kam mit der Nachricht zurück: seine Vermuthung bestätige sich vollkommen.

– Wohlan denn, rief Norbert, da hinein! Ordnet Euch, macht Euch fertig! Du, wirf den Sattel weg! Vielleicht sind wir ganz nahe am Ziele und haben einen Angriff zu bestehen, denn unsere Feinde aus dem Hinterhalte da unten werden sich wol nun hier irgend wo auf die Lauer gelegt haben. Still und vorsichtig vorwärts!

Das wurde leicht. Der Rasenweg ging nur eine kurze Strecke durch enges Holz. Dann leitete er unter hohe Buchen, und hier war kein solcher heimtückischer Ueberfall möglich.

Es war jetzt schon die Mittagszeit vorüber. Die Sonne hatte Dünste zusammengezogen, welche sich zu leichten Wolken geballt hatten und jetzt als warmer Frühlingsregen niederfielen.

Das kam scheinbar dem Guardistentrupp zu statten. Die jetzt so zahlreichen Bewohner der Försterei nämlich waren durch den Regen alle unter Dach und Fach genöthigt worden, und Niemand konnte von fern bemerken, daß die Guardisten in den Park einmarschirten, vielleicht in ihre Mausefalle! Vielleicht auch nicht! Zwanzig bewaffnete Männer, welche den Vortheil des Angriffs und der Ueberraschung für sich hatten, waren doch auch im Stande, dieser allerdings wol ebenfalls mit zwanzig Männern angefüllten Häuser habhaft und mächtig zu werden.

Norbert und Medardo dachten nicht im entferntesten an eine solche Anzahl von Gegnern. Die Gegner aus der Kühbacher Einöd' waren zweifelsohne gering an Zahl gewesen, und nur das unzugängliche Terrain hatte sie furchtbar gemacht. Waren sie also auch jetzt hier in den zwei Häusern, mit ihnen war sicherlich fertig zu werden. Ja, Medardo war der kecken Meinung: man solle keinen entwischen lassen. Warum? Das Gelächter nach dem letzten Schusse, das Gelächter bei der Flucht da unten im Hohlwege war ihm so verzweifelt bekannt. Es hatte ihn auf die ärgerlichste Weise an seinen Busenfeind, an den Bart-Conrad, erinnert. Diesen frechen Lacher zu fangen, war ein wichtiger Nebenzweck. Deshalb stellte er jetzt, ehe er eindringen mochte, Wachtposten aus um beide Häuser. Norbert widersprach zwar, denn der steinalte Graf werde ja doch nicht entlaufen können, aber Medardo wußte, was er wollte, und setzte seine Wachtposten durch.

In den Häusern ahnte Niemand den Ueberfall. Golling kam nicht mehr zur Besinnung, denn es war wirklich Speise und Trank nöthig, und Frau Golling hatte den Kopf verloren. Golling selbst also mußte überall Hand anlegen und die Vorräthe zweckmäßig vertheilen. Nandl war ihm behilflich, und da bald Dieser, bald Jener – besonders Poldi, welcher gern den Tausendsappermenter spielte – sich eine kleine Freiheit bei ihr herausnahm, so war auch Spath durch peinliche Aufmerksamkeit gefesselt. Denn ein Liebhaber wird innerlich sehr beschäftigt, wenn er dergleichen mit ansehen muß. So hatte auch Spath keine Gedanken mehr für auswärtige Gefahr. Der Lärm war groß im Hausflur, wo die Dienstleute des Freiherrn von Jörger und die Reitknechte der jungen Freiin Harrach untergebracht waren. Im Wohnzimmer Golling's waren die Hernalser Kutscher und der Bart-Conrad um den Eßtisch gruppirt, Herrn Loßens Reiter aber und der Köhler labten sich drüben beim Gärtner Trumm, unbekümmert um den in hitzigem Fieber stöhnenden Odontius.

Alle Herrschaftlichen waren drüben im großen Salon des alten Grafen, und wurden von Tschirill bedient, so weit Bedienung nöthig war, denn die »Herrschaften« – sagte Golling seiner Frau zum Troste – die essen und trinken nicht so oft wie die gemeinen Leute!

Hier war der alte, räthselhafte Graf Mittelpunkt für Alle. Er litt sehr darunter. Stundenlang hatte er den rohen Raupowa ertragen müssen, und der schmeichlerische Vetter Rudolph von Mitzlau hatte ihm ebenfalls keinen günstigen Eindruck gemacht. Seiner Lebensweise und seinem Alter war zudem jede längere Geselligkeit äußerlicher Art fremd geworden. Sie strengte ihn an. Nun war ein neuer Schwarm hereingebrochen, allerdings wol mit Persönlichkeiten, welche ihm theils vertraut und lieb waren, wie Frau Amalie, theils ihn recht wohl anmutheten, wie der frische Loß und die jungen Damen – denn er sah gern junge Mädchen. Aber es war doch zu viel für ihn; er saß gebrochen in seinem Sessel, und überließ dem redseligen Loß die Kosten der allgemeinen Gesprächsführung. Dieser trug sie tapfer, denn er hatte auch Dinge zu berichten, welche die für Jedermann wichtigen allgemeinen Angelegenheiten betrafen: was in Horn beschlossen worden sei, wo die evangelischen Landstände Niederösterreichs tagten, und wo eine lebhafte Verbindung mit den oberösterreichischen, oder wie man lieber sagte, mit den »obderennsischen« stattfand, wo man endlich im nächsten und lebendigsten Verkehr stand mit dem Aufstande in Böhmen. Die südwestlichen Kreise von Böhmen grenzen dort unmittelbar an Oesterreich, während sich gegen Osten überall Mähren dazwischenschiebt, und dort im Westen drängten sich auch damals im ersten Jahre des Aufstandes die Truppenbewegungen der Kaiserlichen und der Böhmischen zusammen. Budweis war der damalige Mittelpunkt. Man schlug sich noch nicht, aber man beobachtete sich, man wechselte drohende Redensarten, die ihre »Wenn« und »Aber« hinter elastische Rechtsausdrücke verschanzten, bis der Moment gekommen wäre, alle »Wenn« und »Aber« mit dem Schwerte zu durchhauen.

– Und das kann nun jeden Tag eintreten, meinte Loß, denn unsere Herren Directoren in Prag haben durch ein offenes Patent unter Ankündigung der allerschwersten Strafen die Weisung erlassen, das Volk zu Roß und zu Fuß in Bereitschaft zu halten, und durch Friedensanträge des Königs – des sogenannten – sich nicht irre machen zu lassen. Die bisherigen Kaiserlichen – denn jetzt sind sie's ja nicht mehr, da es keinen Kaiser mehr giebt – haben durch Boucquoi unseren Anführern einen Waffenstillstand anbieten lassen. Aber die Unserigen haben kurzweg erwidert, hiezu hätten sie von den Directoren keinen Befehl, und haben den Boucquoi aufgefordert, das böhmische Land zu räumen, da man ja nach des Kaisers Tode gar nicht absehe, in wessen Namen er jetzt noch das Commando führe. Dieser Boucquoi aber wird nun auch kurz angebunden, und es gilt für ausgemacht, daß dieser wallonische Kriegsmann vom Erzherzog Albrecht in den Niederlanden ganz und gar an den Herrn in Wien abgetreten worden ist, und als Feldhauptmann den Krieg leiten soll. Ebenso der Dampierre. Sie holen sich die ganze Kriegsleitung aus den Niederlanden, und unser Thurn wird aufpassen müssen, denn sie haben da draußen mit den Spaniern das Kriegshandwerk gründlich erlernt. Kurz, während wir hier schwatzen, kann's drüben schon losgegangen sein, wenn's nicht immer noch an Geld fehlt diesseits und jenseits der Donau. Es ist aber auch grausam, was das Kriegführen Geld kostet! Der Budowa hat mir neulich gesagt, daß wir monatlich zweimalhunderttausend Gulden brauchen, um den Sold zu zahlen und nur das Nöthigste zu bestreiten. Daß ich Dich, Wilhelm, hier bei Wien finde – setzte er gegen Raupowa gewendet hinzu – ist ein schlimmes Zeichen. Drüben wartet Alles auf Dich und die Gelder, welche Du eingetrieben.

– Ich bin eiligst drüben, erwiderte Raupowa, sobald Dein Nachbar, der Zierotin, seine Truhen aufschließt und seinen Theil beisteuert.

– Schließt auf, alter Herr, schließt auf! Was soll Euch der Mammon bei so hohen Jahren, und gar einem Philosophen wie Ihr seid? Diogenes war mit einer Tonne zufrieden und mit etwas Sonnenschein! Ihr seid ja der mährische Diogenes; schließt auf!

– Wofür? Wozu? sagte leise vor sich hin der alte Herr.

– Für Vaterland, Freiheit und Religion! schrie Raupowa.

– Für die gute Sache! rief Loß.

– Fürs Vaterland? fragte Zierotin zurück und richtete sich ein wenig auf. Ihr mögt Recht haben, daß ich durch mein langes Wandern für dies Wort und diesen Begriff etwas zu wählerisch geworden bin. Die Menschheit ist mir zu wichtig geworden, und darin mag eine Schwäche liegen. Es ist eine Stärke, seinem nächsten Kreise ganz anzugehören, seinen verwandten Kreisen sich opfern zu können. Scheltet darum mein Schicksal, scheltet auch mich. Es mag verdient sein. Aber laßt auch mich schelten. Was macht Ihr aus unserem Vaterlande?! Da sagt mir der junge Mann hier – und er deutete auf Hans, welcher zwischen Ludmilla und Isabella an der Glasthür stand – Ihr habt eine Commission eingesetzt, welche unsere slavischen Landeskinder von den deutschen Landeskindern trennen, und die letzteren allmälig austilgen soll. Die deutschen Landeskinder sollen fortan nur in unserer slavischen Sprache unterrichtet werden, und Kinder, welche der slavischen Sprache nicht mächtig sind, sollen ausgeschlossen sein von dem Erbrechte an die liegenden Güter ihrer Eltern. Vor den Gerichten habe allein die slavische Sprache zu gelten, in dieser nur sei der Religionsunterricht zu ertheilen, in dieser nur sei zu predigen, und jeder Geistliche, der deutsch predige, sei aus dem Lande zu jagen. Ist dem so?

– Ja! sagte Raupowa mürrisch.

– Leider! sagte Loß.

– Ist das unser Vaterland? Was wird so aus unserem Vaterlande? Ein Land, das wir nicht kennen, ein Land, das ich nicht möchte, das eine große Anzahl der jetzigen Bewohner nicht möchte. Ein anderes, in überlebte Jahrhunderte zurückgedrängtes Land. Die slavische Sprache meiner Heimat ist mir lieb und werth. Nicht minder die Sitte und Art meiner Heimat. Aber dies ist noch nicht das Wesen meines Vaterlandes. Die Sprache, die Sitte und Art unserer slavischen Abkunft ist seit Jahrhunderten vermischt worden mit deutschen Bestandtheilen, ja sie ist gerade in allen Dingen der Bildung mit deutschen Bestandtheilen verwachsen, von deutschen Bestandtheilen überwachsen. Soll diese Bildung ausgerissen werden aus uns? Sollen wir wieder Kinder werden? Wißt Ihr, was das heißt, wenn ein Volk seine ganze geschichtliche Entwicklung ausstreichen oder wenigstens verleugnen will? Es heißt Selbstmord. Die geschichtliche Entwicklung ist der Geist Gottes, wie er sich in einem Volke entfaltet hat. Und ihn wollt Ihr austreiben? Geistig tödten wollt Ihr Euch, um eigenthümlich aufzuleben? Und was für eine Eigenthümlichkeit kann im glücklichsten Falle entstehen? Die eines rohen, in der Welt, die Euch umgiebt, fremdartigen Geschöpfes. Ein solches Geschöpf ist von allen Hilfsmitteln entblößt, welche zum Bestehen und Gedeihen unter ausgebildeten Völkern nöthig sind; es ist den Nachbarn nicht mehr gewachsen, denn die bloße Macht der Faust ist selbst im Kriege heutiges Tags schon eine geringe, und da es den Nachbarn bald hinderlich erscheint, weil es wie ein Stein unergiebig im Wege liegt, so wird es angegriffen, wird unterjocht und wird zerstört. Dies ist das Endziel, auf welches Ihr lossteuert. Sind Euch aber diese Gedanken zu spitzfindig, nun wohl, so schaut auf die Erfahrung, welche unser Vaterland gemacht hat, und gerade in der Richtung gemacht hat, welche Ihr jetzt wieder einschlagt: schaut auf Eure Vorfahren, auf die Hussiten, die just vor zwei Jahrhunderten aufstanden, wie Ihr jetzt aufsteht. Sie erfüllten das heilige römisch-deutsche Reich mit dem Schrecken und der Macht ihres Namens, sie herrschten unumschränkt in allen slavischen Marken des deutsches Reiches, sie trugen ihre siegreichen Waffen bis an die Ostsee auf der einen Seite, bis gegen die Weser und den Rhein hin nach der andern Seite, und sie hatten etwas vor Euch voraus, was überwältigend zu sein pflegt: eine wirkliche, eine gründliche Reform der Kirche, eine eigene, auf ihrem Boden erwachsene Reform, und für solche selbstständig neue Reform einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst, an ihren Beruf, eine märtyrerartige Hingebung, eine Nüchternheit und Entsagung ohnegleichen, kurz, lauter Eigenschaften, die Euch heute fehlen. Und was erreichten sie? Krieg und Pestilenz und Untergang. Und warum? Weil sie gegen den Strom der geschichtlichen Entwicklung anschwimmen wollten mit slavischer Absonderung. Sie unterdrückten, wie Ihr es jetzt thun wollt, die deutsche Sprache und deutsche Art, welche die Bildung in unserer Heimat vermittelt hatte, und sie fanden deshalb in sich keine Ausbildung, weil sie die geistigen Mittel unter die Füße traten, fanden ringsum bei allen Nachbarn keine Anknüpfung, sondern Widerstand, bei all den Nachbarn, welche übrigens bereit gewesen wären, eine Reform der Kirche gemeinschaftlich mit ihnen durchzuführen, und gingen unter in Rauch und Brand und Schutt und wüster Zerstörung, ein furchtbares Denkmal irrthümlich verwendeter riesiger Kräfte. Soll eine so theuer gekaufte Erfahrung nutzlos gemacht worden sein in unserer Heimat?! So scheint es; denn Ihr betretet in Prag denselben unglücklichen Weg. Nun denn, ich alter Mann sage Euch mit aller Kraft schmerzlicher Ueberzeugung: Ihr werdet an dasselbe Ziel gelangen, wie die Hussiten. Ja, ich sage Euch noch Schlimmeres, ich sage Euch: das Unglück meiner Heimat ist noch größer, wenn Ihr länger dauernde Erfolge erringt, als die Hussiten errangen. Dann ist Euch der Fluch Eurer Enkelkinder gewiß. Warum? Weil Eure Kinder und Kindeskinder alsdann, in Eurer armseligen Absperrung aufgewachsen und erzogen, plötzlich entdecken werden, daß sie ein zurückgebliebenes Volk bilden, welches den geistig überlegenen langsam, aber sicher zur Beute wird. Da braucht es keines Krieges und keiner Gewalt, der reicher ausgebildete Geist, von welchem Ihr die Eurigen ausgeschlossen, unterwirft die Eurigen unmerklich und ganz und gar, und aus den böhmischen Herren entstehen im Lauf der Zeiten böhmische Dienstboten. Aus den Slaven, welche die deutsche Bildung verachten zu dürfen gemeint, entstehen Sklaven der Deutschen, und unser Volk verliert sich in Küchen und Ställe, mühsam zum Lebensunterhalt einzelne Brocken der Sprache erlernend, welche ihre hochmüthigen und gedankenlosen Ahnherren aus den Grenzen gepeischt.

– Lirum larum! murmelte halblaut Raupowa.

– Wahr, sehr wahr! stöhnte Loß vor sich hin, als der tief erregte alte Graf eine Pause machte, welche allem Anscheine nach nur seiner körperlichen Erschöpfung zugeschrieben werden durfte.

Er schien weitersprechen zu wollen, und die Gesellschaft schien das zu erwarten. Die Zuhörerschaft hatte sich sogar vergrößert: Tschirill nämlich hatte, trunken von Stolz über Macht und Gaben seines Gebieters, in Golling's Stube hineingerufen:

– Gnädigster Graf halten Predigt, Predigt oh!

Das hatte Spath, Golling und selbst den Bart-Conrad an die Thür hingezogen, welche Tschirill offen hielt. Das Wort Predigt war ein populärer Begriff geworden seit der Reformation, und eine freigesprochene längere Rede ist zu allen Zeiten ein Gegenstand der Aufmerksamkeit und Achtung gewesen, besonders bei den gemeinen Leuten, welche dieses Talent, einen größeren Zusammenhang öffentlich aufzubauen, ungemein hochschätzen.

Was sie nun hier hörten, das schmeckte diesem niedrigeren Publicum sehr wohl; die slavischen Zuthaten waren Keinem genehm gewesen, selbst dem Bart-Conrad nicht, welchem doch sonst kein Aufstand unerwünscht war.

Freiherr von Loß unterbrach die Pause. Es schien, als wollte er mehr hören.

– Ich hab's immer gesagt, rief er gegen Raupowa hin, daß wir mit der Feindseligkeit gegen das Deutsche Dummheiten machen! Die Freiheit wird das ausgleichen müssen, die Freiheit und die Religion, denn darin, Papa Zierotin, sind wir vernünftig, das werdet Ihr schon zugeben, wie?

– Freiheit? Vernünftig in der Freiheit? begann der Alte aufs neue, indem er seine sinkenden Kräfte durch die Gedankenkraft solchen Themas gewaltsam neu zu beleben suchte. Gott stärke Euch darin, denn Ihr habt auf dem Wege der Freiheit viel zu thun und viel gutzumachen. Frei sein und frei machen ist eine höchste Aufgabe des Menschen, ist eine Lebensader der Religion. Wohl Euch, wenn Ihr ernstlich daran geht, und nicht blos äußerlich. Aber es steht zu fürchten, daß Ihr die Freiheit Eurer Gelüste für die Hauptsache haltet, und daß Ihr nicht ahnt, die Freiheit fordere, wie alles Große auf Erden, einen schweren Dienst. Ihr sprecht ja zunächst schon immer nur von Eurer Freiheit. Unsere Freiheit, unsere Freiheiten wollen wir haben! ruft Ihr auf allen Straßen. Die Freiheit eignet nicht Einzelnen. Sie ist kein abgesperrter Raum, sie ist eine Luft des allgemeinen Daseins. Wer Freiheiten will, der will Ausnahmen; das Wesen der Freiheit ist die ausnahmslose, ist die allgemeinste Gerechtigkeit. Was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thue einem Andern auch nicht! sagt der Heiland, und lehrt damit das Grundgesetz der Freiheit. Denkt Ihr, die Ihr die Bibel vor Euch einhertragt, denkt Ihr an diesen Spruch? Ich glaube kaum. Zuvörderst denkt Ihr nur an einen politisch engen Kreis: Ihr wollt vom Kaiser befreit sein und von den österreichischen Landen, Ihr wollt eigenmächtig sein und nennt dies Eure Freiheit. Gut; ich will annehmen, daß Ihr damit reine Zwecke verfolgt, ich will annehmen, daß Ihr zu diesem Wunsche und Ziele berechtigt seid durch mannigfache Störungen und Rechtsbrüche, welche Ihr zu erdulden gehabt von dem bisherigen Oberherrn. Ich will nicht fragen, ob diese Störungen und Rechtsbrüche nicht auch von Euch ausgegangen sind. Ich will eintreten in Eure Folgerung: Ihr sollt frei sein von der Oberherrschaft in Wien. Was habt Ihr dann vor? Gesteht es offen ein! Ihr habt dann vor, Euch abzuschließen und abzusperren von den österreichischen Landen und ein slavisches Herrenreich zu gründen, welches ein Eroberungsreich werden soll für die Länder, welche Ihr erreichen und überwältigen könnt. Ich will auch darüber nicht vorschnell absprechen. Es mag eine Eroberung geben, welche sich durch große Zwecke rechtfertigt oder verherrlicht. Habt Ihr einen großen Zweck? Ihr nennt vielleicht die evangelische Lehre. Damit täuscht Ihr Niemand. Die Glaubenslehre ist Euch nur ein Mittel zum Zwecke. Ein slavisches Herrenreich ist Euer Zweck; Generalstaaten zu Lande wollt Ihr werden, wie die Holländer es sind zur See, unterjochen wollt Ihr ohne irgend einen Gedanken innerer Bildung.

Das Sklaventhum im Gegentheile, fuhr der alte Graf fort, welches unter den slavischen Völkerschaften noch in wildem Unkrautsgedeihen sproßt, gerade dies Sklaventhum mit seiner Leibeigenschaft, mit seinen wilden Herrenrechten der ersten Jungfernnacht und dergleichen, das lockt Euch, das ist das gemeine Ziel Eurer Freiheit. Bleib' sitzen, Raupowa, Du bist nicht der Mann zu widersprechen. Du gehörst zu den Directoren Böhmens seit Jahr und Tag; hast Du, haben die Deinen schon den kleinsten Vorschlag in Rede gebracht, das Sklaven- und Helotenthum des böhmischen Bauernstandes auch nur zu erleichtern und zu verbessern? Ich spreche gar nicht vom Aufheben. Mit nichten. Ein solcher Vorschlag ist Euch nicht eingefallen. Ihr fändet ihn lächerlich. Das Evangelium, welches Ihr predigen laßt, ist für Euch selbst ein tönendes Erz, eine klingende Schelle. Die Schlachtfelder für Eure Herrschaft soll Euer Bauer düngen, das habt Ihr vor, und Ihr rechnet Euch das als Opfer an; denn Ihr verliert in dem todtgeschlagenen Bauer immerhin einen Leibeigenen –

Hier stockte der Redner, als ob er den dumpfen Lärm gehört hätte, welcher sich drüben im Hausflur vor des Golling's Stube erhoben hatte. Die Zuhörer an der Thür, Spath, Galling und Conrad hätten ihn doch noch eher hören sollen, aber sie waren mit allen Sinnen bei den Worten des Redners, Worte, welche in damaliger Zeit sehr neu und wunderbar waren für niedrig gestellte Leute. Und der überall dreiste Conrad ließ sich auch fortreißen, als der Redner innehielt, zu dem Rufe:

– Weiter, alter Herr, immer weiter! Ihr seid brav!

– Hinaus mit dem Bauer! rief der schwer geärgerte Raupowa, indem er in die Höhe sprang und auf Conrad zuging.

– Ich bin kein Bauer, böhmischer Herr! entgegnete Conrad, verschwand aber plötzlich nach rückwärts, als ob ihn eine Teufelskralle umgerissen.

Diese Kralle gehörte der »rothen Feder«. Sie war mit ihren Guardisten unbemerkt in den Hausflur eingedrungen. Dort hatten sich die Guardisten auf die überraschten Dienstleute geworfen, und da die Thüren offen standen bis zu dem Saale, so hatte Medardo des Bart-Conrads Stimme und Rede gehört und war nicht säumig gewesen, sich sogleich auf den Erbfeind zu stürzen und ihn hinterrücks niederzureißen. Zwei Guardisten, seine Leibtrabanten, waren dicht bei ihm – er hatte sie schon vorher unterrichtet, was zu thun sei, wenn der Erbfeind angetroffen würde – und beschäftigten sich eiligst und geschickt, dem niedergeworfenen Oberösterreicher die Arme festzubinden.

– Du kommst später dran, Du ehrlicher Führer! herrschte Medardo dem verdutzten Jäger Golling zu, und trat in den Saal, nach dem alten Grafen von Zierotin rufend.

Die Reihe des Staunens war nun an ihm, als er so zahlreiche Gesellschaft vorfand, und Norbert, welcher unmittelbar nach ihm mit gezogenem Schwerte eintrat, war wie von einem Blitzstrahle geblendet, als er die unerwarteten Männer alle vor sich sah und im Hintergrunde auch noch die Damen.

Eine kurze Weile blieb es unentschieden, ob sich dies Zusammentreffen komödienhaft ausgleichen werde. Die Bekanntschaften und Beziehungen kreuzten sich gar so wunderlich. Der zierliche Jesuit war ja noch vor einigen Stunden Gast im Hernalser Schlosse und die Damen waren in seiner Begleitung gewesen! Aber die Weile war nur kurz. Junker Hans hatte die Frage Medardos nach dem Grafen Zierotin sehr ernst genommen, war vorgesprungen und hatte die »rothe Feder« kurzweg bei der Kehle gepackt. Spath hatte geschrieen:

– Es sind die Jesuiten aus Wien, die uns überfallen!

Conrad hatte seine brüllende Stimme erhoben, während er sich mit allen Leibeskräften wehrte; die im Hausflur überraschten Dienstleute hatten sich, ebenfalls unter lautem Geschrei, ermannt, und Golling hatte das Fenster aufgerissen und nach Trumm's Wohnung hinüber, wo die Mehrzahl der Loß'schen Reiter untergebracht war, nach Hilfe gerufen. Kurz, der Lärm steigerte sich so schnell, so nachdrucksvoll und ernstlich, daß nun auch Loß und Raupowa und Junker Rudolph und selbst der Freiherr von Jörger ihre Schwerter zogen und der komödienhafte Charakter sofort verschwand. Die Damen eilten zum alten Grafen, welcher auf seinem Sessel zurückgesunken war und in Abspannung theilnahmslos zu verharren schien. Raupowa schlug mit eherner Faust dem Norbert, in welchem er den Jesuiten-Zierotin erkannte, die Waffe klirrend aus der Hand; Hans warf die »rothe Feder« mit einem geschickten Ruck zur Erde, und Loß drang hinaus zu dem brüllenden Conrad, die Widersacher desselben mit flacher Klinge dergestalt über die Köpfe hin bearbeitend, daß sie taumelnd von ihrem Schlachtopfer abließen.

Die Försterei schien wirklich eine Mausefalle für die Guardisten zu werden. Sie hielten aber doch nicht übel Stand, und als die Vorposten von dem gegen Erwarten starken Lärm herbeigesprengt wurden, entspann sich außen unter der Allee ein kriegsmäßiger Kampf zwischen ihnen und den aus Trumm's Wohnung herausstürzenden Loß'schen Reitern. Aus dem Hausflur drängten sich die Ringenden ebenfalls dahinaus, und der befreite Conrad trieb noch hinaus, was innen zögerte, so daß es unter dem sprühenden Frühlingsregen da außen auch Schläge regnete nicht unbedenklicher Gattung. Bart-Conrad hatte sich, er wußte wol selbst nicht warum, das Schlachtgeschrei erwählt: »Der Antichrist kommt!« und die Loß'schen Reiter schrieen es nach, und das mochte wol die Veranlassung sein, daß sich plötzlich ein kleines Männchen im blanken Hemde unter die Kämpfenden stürzte, mit kreischender Stimme schreiend:

– Der Antichrist ist da, der Antichrist! In die Hölle mit ihm!

Diese abschreckende Erscheinung des armen Odontius, der unter den hauenden Waffen umhersprang wie ein indischer Fakir, brachte einen augenblicklichen Stillstand zuwege, denn die gemeinen Kriegsknechte glaubten eine Höllenerscheinung unter sich zu sehen.

Loß, Raupowa und Rudolph traten eben aus dem Hause, und sahen staunend auf das wunderliche Bild. Raupowa hatte dabei ohne irgend welchen Anstand Norbert vor sich hergeschoben, welchen er sich zum dauernden Stichblatt auserwählt zu haben schien, und Norbert erkannte auf der Stelle in dem tanzenden Fakir den ungarischen Abgesandten Bethlen Gabors, welcher in der Todesnacht des Kaisers eine so verdächtige Erscheinung in der Stallburg gespielt hatte. Die Entdeckung war ihm höchst willkommen, wenn er nur selbst erst wieder der zudringlichen Faust Raupowa's ledig gewesen wäre.

Man wußte nicht, ob der herumspringende und schreiende Gnom getroffen worden sei von den Hieben, zwischen denen er plötzlich zum Vorschein gekommen, man sah kein Blut an ihm, und Jedermann empfand ein Grauen, diese häßliche kleine Gestalt zu berühren. So wurde der unglückliche Odontius, welchen Gewissenspein und erschöpfte Lebenskraft in den Wahnsinn des Fiebers geschleudert, der Gegenstand eines peinlichen Schauspiels, und die Veranlassung, daß dem Blutvergießen vorgebeugt wurde. Denn der Eindruck war für Alle ablenkend, und da allmälig alle in der Försterei vorhandenen Männer hergekommen waren – mit Ausnahme des alten Grafen, welchen die Frauen zu pflegen und zu beleben suchten – so stellte sich für die Guardisten und ihre festgehaltenen Führer von selbst heraus, daß sie unter eine überlegene Macht hineingerathen seien. Die meisten von ihnen waren bereits in ihren Nebengedanken darauf bedacht, ein geschicktes Reißaus zu versuchen, sobald das tanzende Männlein zu einer Endschaft gelangen und ein Zusammendrängen um sich herbeiführen würde.

Das schien ganz nahe zu sein. Die Sprünge des armen Männleins wurden immer matter, und die Stimme wurde immer heiserer, welche kaum noch verständlich lallte:

– Der Antichrist – der Satan – greift nach mir – weil ich tödten – gewollt – gewollt – gewollt –

Und wie der Kreisel eines Knaben aus dem Drehen flugs in ein kurzes Stehen und Schwanken übergeht, und dann rollend umfällt, so stand und schwankte Odontius jählings und fiel auf den Erdboden leblos dahin.

– Friede seiner Seele! sprach in gebrochenem Deutsch eine schluchzende Stimme, und ein barhäuptiger Mann trat aus dem Kreise hervor und kniete an dem Unglücklichen nieder.

Es war Tschirill, welcher seit Jahren den Odontius gekannt hatte, denn seit Jahren war der fanatische Prediger von Zeit zu Zeit zum alten Grafen Zierotin gekommen und war immer im Streit von ihm geschieden.

– Friede seiner Seele! sprach nach Tschirill eine zweite Stimme ebenfalls in fremdartigem Deutsch, und Alle sahen aufwärts, denn die Stimme kam von oben herab.

Auf einem hohen Maulthiere saß ein Benedictiner in seinem langen Ordensgewand, und er streckte von da segnend eine magere lange Hand über die Waffenträger hinweg. Scheu wichen diese von beiden Seiten auseinander.

– Betet für die erlöste Creatur ein Vaterunser! sprach in tiefem Tone der Benedictiner.

Jedermann gehorchte; man hörte eine Minute lang nur das Fallen der Regentropfen auf die Dächer.

– Trage den Leichnam in eine Kammer hinein, Tschirill, und bestatte ihn nach dreien Tagen, wenn es ein Leichnam ist, unter der großen Fichte. Aber sage Deinem Herrn nichts davon; ich werd's ihm sagen. – Und nun, fuhr der Benedictiner fort, bitt' ich um Aufschluß: Was haben die bewaffneten Schaaren zu bedeuten hier in einem friedlichen Hause unseres Ordens?

Der Freiherr von Jörger nahm das Wort und berichtete, daß es unter Anführung eines Jesuiten auf die Wegführung des alten Grafen Zierotin abgesehen gewesen sei.

Der Benedictiner blickte auf Norbert herab. Sein großes lichtblaues Auge unter grauen buschigen Augenbrauen lastete streng und schwer auf dem Jesuiten; welcher dreist aufzublicken versuchte. Aber es ging von des Benedictiners knochigem Haupte, welches die Capuze gegen den Regen einhüllte, ein mächtiger Druck aus, und Norberts Blick wurde unsicher.

Dieser Benedictiner war der Pater Regens aus dem Schottenkloster, – der sogenannte, denn eine officielle Bezeichnung war der Ausdruck »Pater Regens« nicht. Der Pförtner hatte ihm des Morgens den Besuch des Jägers Golling angekündigt mit denselben dringenden Worten, welche Golling vor dem Pförtner geäußert hatte. Alsdann war Golling ausgeblieben.

Dies hatte den Pater Dunstan – so war sein Name – besorgt gemacht, und er war selbst da heraufgeritten, wie er öfters zu thun pflegte. Denn er besorgte die weltlichen Angelegenheiten seiner Abtei, und war in diesen Geschäften öfters über Land.

Der Streit, welcher ihm hier entgegentrat, war ihm sehr unerwünscht. Ein principieller Austrag desselben gegen die Jesuiten, wie feindlich auch er und sein Orden den Jesuiten gesinnt war, konnte nicht in seiner Absicht liegen. Denn das Asyl des alten Zierotin war ein mißlicher Gegenstand. Zdenko von Zierotin galt für einen notorischen Ketzer. Ihn aufgenommen, verborgen und geschützt zu haben, konnte er kaum vor den Seinigen verantworten, und er mochte und konnte dieselben nicht in solche Verantwortung hineinziehen gegenüber dem Jesuitenorden, welcher in der Hofburg herrschte, und also in weltlichen Dingen jedem andern Orden überlegen war.

Deshalb ließ er es eine zeitlang bei dem streng fragenden Blick bewenden, und erst als Norbert hartnäckig schwieg, fragte Pater Dunstan:

– Seid Ihr der Führer der bewaffneten Schaar, und ist es Eure Absicht gewesen, einen Greis von hier fortzuführen?

– Dieser Greis ist ein Todfeind unserer heiligen Kirche und ist mein Verwandter, erwiderte Norbert. Es steht mir zu, ihn aufzusuchen, aus vielen Gründen. Daß ich ihn unter dem Schutze des Benedictinerordens gefunden, ist merkwürdig genug und wird an geeignetem Orte zur Sprache kommen. Außerdem steht hier gar nicht die Frage, ob ich um seinetwillen gekommen sei. Dieses Forsthaus der schottischen Benedictiner beherbergt eine Auswahl gefährlicher Menschen. Der Leichnam, welcher da fortgetragen wird, ist ein furchtbares Zeugniß. Vorgestern Abends war dieser vom Racheengel getroffene Mann in die Hofburg eingedrungen und, das mörderische Eisen in der Hand, auf den König von Böhmen zugestürzt – wer ist er? wo war er hingekommen? Hieher wiesen die Spuren, und hier hat er sich vorgefunden im Asyl der schottischen Benedictiner! Fragt Ihr noch, was der Arm der Gerechtigkeit hier zu suchen hat? Ich beneide Euch nicht um die Verantwortung, welche Ihr auf Euch geladen, und ich frage einfach zurück: Soll dieser Leichnam mit seinen Habseligkeiten und Helfershelfern sogleich überantwortet werden an die Diener der Gerechtigkeit? Und ich frage schließlich: Wollt Ihr den Grafen Zdenko diesen Abgesandten der hohen Obrigkeit in Wien verweigern? Darauf antwortet!

– Ich will Dir antworten, pfäffisches Junkerlein! rief Raupowa. Ich habe Dich entwaffnet, und Du bist mein Gefangener. Als solcher wirst Du das Gelüst nach der Person und – dem Weiteren Deines Oheims fahren lassen, dafür bürg' ich Dir. – Hieher, Junker Rudolph von Mitzlau, der sich zu bescheiden im Hintergrunde hält! Ihr seid ja auch ein Vetter des alten Zdenko, und Ihr habt heut' Morgen zu unserer Fahne geschworen. Hieher! Wir beide wollen diesen jungen Springinsfeld in unsere Obhut nehmen und dahin bringen, wo er Geduld lernen kann. Ihr, Freiherr von Jörger, werdet übernehmen, und der Loß Georg wird Euch helfen, daß diese Fledermäuse aus Wien, wo man sie wälsch Guardisten nennt, an der Donau hinauftransportirt und dem Tschernembl in Linz übergeben werden. Er wird sie zu uns nach Böhmen befördern, und sie sollen da ihre guten Waffen wieder erhalten und als hoffnungsvolle Söldner eingestellt werden. So, mein Herr Benedictiner, wird hier reiner Tisch gemacht, und es kommen keine Brocken nach Wien, die Euch Unverdaulichkeiten zuwege bringen könnten.

Dem Freiherrn von Jörger waren diese Maßregeln durchaus nicht angenehm. Sie mußten ihm ja gewiß directe Schritte aus Wien auf den Hals ziehen. Er erklärte also bestimmt, daß er mit dem weiteren Verlaufe dieser Angelegenheit nichts zu thun habe.

Selbst Georg Loß war nicht erbaut von dem Antheile, welcher ihm zufiel. Seine Reiter auf mehrere Tage fortzuschicken, war ihm gar nicht gelegen. Aber Raupowa war ein mächtiges Haupt in Prag; es schien nicht angemessen, ihm einen Dienst zu verweigern, welcher deutlich genug in den öffentlichen Dienst einschlug. Sicherlich würde es auch, dachte er lächelnd, in Böhmen eine genugthuende Heiterkeit erwecken, wenn man ein Dutzend Guardisten Ferdinands gebunden einsende, und an der Spitze gar einen jungen Jesuiten, einen abtrünnigen Cavalier aus Mähren. Solchen Spaß zu verderben war gar nicht Loßens Art, und er sah fragend auf Junker Hans, welcher mit der »rothen Feder« neben ihm stand, und in welchen er ein besonderes Vertrauen setzte, ein moralisches und ein politisches. Hans entsprach gern bei dieser Gelegenheit dem humoristischen Zuge seines Patrons Loß, welcher so behaglich lächelte bei der stummen Frage. Hans lächelte ebenfalls und nickte, und der Freiherr von Loß rief laut und lustig:

– Meinethalben! Meine Reiter soll'n mitgehen!

– Stricke herbei, alter Jäger! herrschte Raupowa dem Golling zu.

Nun entstand aber doch die Frage, ob das so ohneweiters ins Werk zu setzen sei. Die Guardisten hatten während dieser Verhandlungen um ihre Haut natürlich nicht unterlassen, auch nachzudenken und zu überlegen. Sie waren doch zwanzig Mann, und der Gegner waren nicht eben viel mehr. Aber zu den Loßschen Reitern, den Jörger'schen Leuten, dem Spath, Conrad, Poldi, dem Köhler, dem Jäger und dem Trumm kamen die Cavaliere all, die mit blanken Schwertern dastanden, und die wenig Umstände zu machen pflegten um ein Menschenleben, die man also wol doppelt rechnen mußte – der Entschluß war nicht leicht, besonders da man sich nicht berathen konnte, sondern jeder für sich seine Meinung bilden mußte. Das Resultat war denn natürlich nur eine halbe Vertheidigung, und der herrschende Gedanke unter den Guardisten war der, durch einen geschickten Rückzug oder rasche Flucht der Gefangennehmung zu entgehen. So entwickelte sich mehr ein Tumult als ein Kampf, und das Ende vom Liede war, daß Raupowa's Vorschlag durchgesetzt und die Stadtguardia da oben im Walde entwaffnet und als Gefangenentrupp zusammengestellt wurde.

Freilich waren ein paar Guardisten in dem Durcheinander entschlüpft und hatten sich hinter das Wirtschaftsgebäude in ein Gebüsch des Parkes gerettet. Das wußte man aber kaum, denn man wußte ja auch nicht genau, wie viel ihrer von Anfang an gewesen wären. Norbert und die »rothe Feder« mitgezählt, standen zwanzig Gefangene im Haufen da, als Raupowa befahl, es sollte auf der Stelle aufgebrochen werden. Ueber den Wald hinüber nach Tulln hinab sollte der Marsch gehen. Trumm sollte den Führer abgeben durch die Waldberge, bis man Königsstätten unten in der Ebene liegen sähe.

Raupowa betrieb das Alles eifrig und durchgreifend. Er hatte noch ganz andere Absichten dabei. Zweierlei war ihm hier oben klar geworden: erstens, daß der alte Graf Zdenko seine Schätze wahrscheinlich hier bei sich habe; und zweitens, daß man sie nur mit Gewalt erhalten könne. Für einen Gewaltstreich aber sei dieser Aufenthaltsort günstig. Diesen Gewaltstreich vorzubereiten, war seine nächste Absicht. Den erblustigen Vetter Rudolph bei dieser Gelegenheit mitzuentführen, schien ebenfalls rathsam. Er bestand also darauf, daß Rudolph von Mitzlau mit ihm aufbräche, da dieser ja heut' Morgen zu seiner Fahne getreten sei. Er werde schon dafür sorgen, daß der schmucke Junker am Hofe des neuen Königs von Böhmen seine Laufbahn mache.

Rudolph seinerseits mußte angesichts von Norbert sein Coquettiren mit der katholischen Partei doch wol aufgeben, und hatte angesichts seines Oheims, der ihn sehr kalt aufgenommen, wenig Hoffnung, durch ferneren Aufenthalt hier etwas zu erreichen, etwa das schöne und reiche Fräulein Ludmilla ausgenommen. Ludmillens Vater aber war ja ein strenger Parteigenosse Raupowa's, er stellte sich also auch zu Loßens Fahne, wenn er jetzt mit Raupowa ging, und das Wiedersehen schien so nahe! Loß wollte ja seine Tochter abholen nach Böhmen – kurz, Rudolph hatte die Fassung, gar kein Schwanken merken zu lassen, sondern recht frisch zuzustimmen, daß mit Raupowa's Roß und Diener auch sein Roß und Diener rasch heraufgeholt werde auf die Höhe des Hohlweges oberhalb der Rohrerhütte, wo der Zug auf die Ankunft derselben warten sollte. Und so setzte sich denn der Zug mit den Gefangenen in Bewegung. Niemand war heiterer als der Bart-Conrad. Er schloß sich mit Vorliebe der »rothen Feder« an, und versprach ihr ausdrucksvoll, für ihre Unterhaltung thätig sorgen zu wollen. Er hätte »ob der Enns« ohnedies Geschäfte abzuwickeln, und könnte sich mit Selbstvergessenheit der Zerstreuung seines Pflegebefohlenen widmen.

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