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Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.

Heinrich Laube: Der deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil. - Kapitel 2
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authorHeinrich Laube
titleDer deutsche Krieg. I. Buch. Junker Hans. 2. Theil.
publisherWilhelm Braumüller
year1878
correctorJosef Muehlgassner
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13.

Der Hochwald, welchen Tschirill als den Punkt bezeichnet hatte, wo zwei »Herren« der Försterstochter begegnet seien, war der hohe Buchenbestand am Zaune des Förstereiparkes. Wer bis dahin gedrungen war, der entdeckte mit Leichtigkeit das Asyl des greisen Grafen Zierotin.

Diese zwei Herren gehörten nicht zur Expedition Norberts, welche sich des Försters Golling selbst bemächtigt hatte zum Führer. Diese zwei Herren kamen aus Hernals. Es war Rudolph von Mitzlau und der sogenannte Herr von Trotha. Letzterer war die Ursache, daß sie so rasch dem Ziele nahe kamen. Er war ein Kriegsmann und ein gewiegter Praktiker. Er kannte den alten Grafen und dessen Verhältnisse genau, denn er hatte zu den böhmischen Cavalieren gehört, welche die Aufwiegelung Mährens und den Anschluß desselben an die böhmische Herrensache betrieben hatten. Die großen Besitzthümer des Grafen Zierotin waren natürlich ein wichtiges Augenmerk gewesen für die böhmischen Führer. Sie schienen auch so leicht erreichbar für die Partei des Aufstandes, da der alte Graf Zdenko als abtrünnig von der katholischen Kirche, ja als ein auserwähltes Wild der Pfaffen bekannt war. Die aufwiegelnden Cavaliere hatten sich also ohne Verzug nach seinem Stammschlosse gewendet und hatten dort zu ihrem Aerger erfahren: Graf Zierotin habe kürzlich und in der Stille all seine Herrschaften für baares Gold verkauft.

– Um so besser, hatte dieser Herr von Trotha ausgerufen, da finden wir baares Geld!

Aber er hatte es nicht gefunden. Graf Zdenko war mit seinen Schätzen entwichen. Wohin? Das war ein viel besprochenes Geheimniß. Mit solchem Schatze war man in solcher Zeit an und für sich gefährdet. Gewaltthat und unsicherer Rechtszustand kamen ohnehin an die Tagesordnung, und da Niemand Auskunft zu geben wußte über den Aufenthalt des Grafen Zdenko, so lag die Vermuthung nahe, die Jesuiten, welchen man Alles zutraute, hätten ihn aufgehoben und sammt seinen Tonnen Goldes beseitigt. Dies war das allgemeine Gerücht, welches ja auch Rudolph von Mitzlau von Schlesien hergesprengt hatte.

Dieser Herr von Trotha aber hatte bei den slavischen Unterthanen des Grafen nähere Auskunft erhoben. Selbst ein eifriger Slave, war er geschickt genug gewesen, über die Vermögensumstände des Grafen Zdenko genaue Kunde zu erhalten. In Folge dieser Auskunft hatte er einen dreisten Versuch gemacht – er sprach nicht gern davon, kurz, sehr deutliche Anzeichen hatten ihn zu dem Schlusse geführt, die Schätze des Grafen seien in Gewahrsam einer geistlichen Körperschaft. Aber nicht, wie die Welt glaubte, in dem der Jesuiten, sondern in dem der Schotten. Außerdem kannte er den Grafen Zdenko persönlich und wußte, daß dessen akatholische Gesinnung wenig gemein habe mit dem eifrigen Lutherthume oder Calvinerthume, vielleicht aber Anknüpfung bewahre mit den gelehrten und in Sachen des Dogmas milden Schottengeistlichen. Endlich wußte er genau, daß Graf Zdenko seit Jahren in freundschaftlichem Verkehr stand mit einem Pater des Wiener Schottenstiftes. Es war ihm also jetzt, als er in Hernals von dem geheimen Aufenthalte des Grafen auf dem Wiener Walde erfuhr, vollkommen deutlich: Graf Zdenko ist da oben in einer Besitzung der Schotten verborgen.

– Solch eine Besitzung ist schon aufzufinden, sagte er lachend, als er mit Rudolph am Morgen ausging, denn viele giebt es da oben nicht. Lassen wir die Pferde daheim, sie sind uns in den unwegsamen Wäldern und Bergen nur im Wege; die Luft ist frisch, gehen wir zu Fuß. In Dornbach schaff' ich uns einen Führer.

So geschah's. In Dornbach warb er einen Bauer, welcher mit der Axt nach dem Holze zu gehen schien, und welchem ein Silberstück sehr willkommen war: sie nach der Försterei der Schotten in den Wald hinaufzuführen.

– Zum Golling? fragte der Bauer.

– Freilich zum Golling! erwiderte Trotha, obwol er den Namen zum ersten Male hörte, und so ging's aufwärts.

Unterwegs bereiteten sich indessen die Herren selbst ein Hinderniß. Den Bauer für ein Nichts haltend, das nur als Lastthier auf der Welt sei, sprach der böhmische Edelmann über Krieg und Frieden, Staat und Kirche, unbekümmert um den Führer, mit Rudolph von Mitzlau, und der Bauer merkte allmälig, wen er da führe, und merkte namentlich, daß er einen Böhmen hinter sich habe, welcher die Deutschen, sowie die katholische Kirche verspotte. Der Bauer war Katholik, und genoß von den Schottengeistlichen für Leseholz und Streu mancherlei Nachsicht. Er war außerdem ein Deutscher, welchem das Böhmenthum nicht behaglich zu Sinne stand. Der einäugige Herr »giftete« ihn, wie er zu sagen pflegte, mehr und mehr, und es schien ihm endlich gar nicht zweckmäßig, daß er den böhmischen Ketzer zu einem Hause der geistlichen Herren geleiten solle; er faßte sich kurz und beschloß nach einem halbstündigen Marsche, die widerwärtigen Herren ihrer eigenen Nase zu überlassen. Als der Fußweg durch ein dichtes »Mais« hinführte, trat er einmal beiseite, als habe er eine Kleinigkeit zu thun, und ließ die Herren an sich vorüber. Dann verlor er sich nach ganz anderer Seite in dem Unterwuchse, und murmelte vor sich hin:

– Hol' euch der Teufel!

Als der Fußweg undeutlich wurde, sahen sich die Herren nach dem Führer um und riefen nach ihm, da er nicht zu sehen war. Es kam keine Antwort, und nach einer Viertelstunde Rast sahen sie ein, er habe sie im Stich gelassen.

Aergerlich gingen sie in der eingeschlagenen Richtung weiter, und kamen auch glücklich aus dem Niederholz heraus unter die hohen Buchen. Gerade fortgehend hätten sie binnen zehn Minuten vor dem Zaune stehen müssen. Sie gingen auch gerade fort, obwol sie ihrer Richtung nicht sicher waren. Da erblickten sie rechts zwischen den hohen Bäumen eine Mädchengestalt. Es war Nandl, Golling's Tochter, welche Schneeglöckchen suchte und sammelte für den alten Herrn Grafen. Dieser liebte die Blumen, und der zierliche Mädchensinn wußte, daß dem guten, vornehmen Greise ein Strauß der ersten Frühlingsblumen eine Freude bereiten werde.

Sie erschrak des Todes, als sie zwei fremde Herren auf sich zuschreiten sah in dieser Einsamkeit, die vom Vater so sorgsam gehütet wurde. Ehe sie sich fassen und zu einem Entschluß kommen konnte, waren die Herren bei ihr und fragten, ob Golling's Försterei in der Nähe sei, und ob sie ihnen zur Führerin dienen könne.

Sie stammelte einige unverständliche Worte und ward über und über roth.

– Du bist ja ein prächtiges, kerniges Mädel! rief Trotha, der ein lüsterner, zudringlicher Mann war, und umfaßte sie ohne Umstände.

Dieser Angriff brachte Spath's Braut in Zorn und mit dem Zorne in Fassung. Sie war gesund und stark und stieß den auf solchen Widerstand nicht gefaßten Trotha mit heftigem Stoße von sich, unmittelbar nach dem Stoße die Flucht ergreifend.

War es Zufall, war es Instinkt, sie flüchtete nicht auf den Zaun hin, sondern seitwärts nach Norden. Die Männer sprangen ihr nach; aber sie war behende und erreichte das »Mais«, welches sich nordwärts näher heranzog an den Hochwald, früher, als die Verfolger es erreichten, und entging ihnen wie der Bauer in dem Unterwuchse, der keine Aussicht gestattete. Im Versteck horchte sie, wohin die Fremden ihre Richtung nähmen. Es schien ihr wol, als gingen sie zu weit rechts, aber es bedünkte ihr doch immer noch möglich, daß sie bei der Nordspitze des Zauns aus dem Hochwalde herauskommen und Park wie Haus entdecken konnten. Sie schlüpfte also rasch nach links hin und flog, als sie beim Heraustreten aus dem »Mais« nichts mehr von den Fremden sah, nach dem Parke und dem Hause zurück, die Mutter und Tschirill von dem Vorfalle in Kenntniß setzend.

Trotha und Mitzlau waren indessen wirklich so weit nordwärts gerathen, daß ihnen der Zaun nicht ins Gesicht kam. Aber Trotha war ein »findiger« Patron.

– Hier links, sprach er, steigt der Boden aufwärts; suchen wir eine Anhöhe zu gewinnen. Vielleicht kommt eine Aussicht. Giebt's keine, so klettert Ihr, junger Springinsfeld, auf einen Baum. Da oben sind Fichten, die das leichter machen. Das hübsche Mädchen war gewiß nicht weit vom Hause, die Försterei muß in der Nähe sein. – Holla, wittert Ihr –?

– Was?

– Es kommt mir ein feiner Rauchgeruch in die Nase. Ja wol! Der Wind steht von Süden. Von dorther, von links kommt der Geruch, und er stammt wahrscheinlich aus der Küche der Frau Golling! Wir gehen in falscher Richtung. Schnell hinauf zu der Anhöhe, und hinauf auf die Fichte! Dort werden wir ins Klare kommen. – –

*

Der alte Graf Zdenko hatte übrigens die Meldung dieser herannahenden Gefahr anders und gleichgiltiger aufgenommen, als er sie nach Tschirills und auch nach Hansens Meinung hätte aufnehmen sollen. Er sah stillen Auges auf den meldenden Diener, und als Hans einwarf, ob es nicht gerathen sei, die Person des Grafen durch rasche Entfernung in eine nahe, dichte Waldesstelle den Eindringlingen zu entziehen, da machte der Graf nur eine unscheinbare Bewegung mit der Hand, welche Nein bedeuten mochte.

Tschirill, an hingebenden Gehorsam gewöhnt, entfernte sich unter Zeichen der Bestürzung, und Hans war von Zweifeln bestürmt, ob er die erhobene Stimmung des Grafen um jeden Preis unterbrechen sollte. Denn es schien ihm unzweifelhaft, daß der Greis nur darum keine Notiz von der Gefahr nähme, weil er gleichsam geistesabwesend war, indem seine Seele ganz und gar in der Vergangenheit weilte. Und doch widersprach eine solche Störung dem Pietätsgefühle Hansens. Der alte Mann hing nur noch mit wenig Fasern an dem Erdenleben, sollte ihm ein solcher Moment der Erinnerung grell vernichtet werden?! Hans blickte rathlos umher, ob und wo er den Greis ins Gebüsch führen könne, wenn Fremde in das Haus drängen. Das schien kaum möglich, denn hier an der Rückseite des Hauses senkte sich oder fiel der offene Wiesenboden in weite Tiefe hinab. Die Fichte, unter welcher sie saßen, war der einzige Baum, und den schwachen Greis die abschüssige Fläche hinabzuführen, welche selbst in der sanfteren Abdachung steil enden mochte, war doch kaum ausführbar.

Der Greis selbst verharrte noch eine zeitlang schweigend und sah wie verloren in die sonnige Luft hinaus. Hans entschloß sich endlich, ihn nochmals anzureden, damit –

– Lass' es gut sein, lieber Hans, sprach der Graf unterbrechend und unerwartet, ich bin nicht so abwesend und für die nächsten Dinge gedankenlos, wie Du glaubst. Habe Dank für Deine Sorge. Ich sehe in Dein Herz und freue mich, es gerade so zu finden, wie mein alter Freund es geschildert. Lass' geschehen, was geschehen soll. Entfliehen und kämpfen kann ich doch nicht mehr, meine körperliche Kraft ist dazu außer Stande. Auch meine moralische ist Aufregungen nicht mehr gewachsen. Eher noch Leiden, obwol ich sie kindisch scheue. Dulden ist am Ende leichter, als mit ungenügendem Vermögen ringen und sich ängstigen zu müssen. Und Eines ist mir jetzt wichtiger als alles Andere: Du sollst mein Vermächtniß erfahren und erhalten. Der Augenblick ist noch unser, und ich habe im langen Leben erkannt, daß man sich durch hastige Voraussicht gern um das Gut betrügt, welches man in der Hand hält. Vielleicht sind es auch keine Feinde, die da kommen. Sie nöthigen mich nur, kürzer zu sein, als ich sein wollte. Höre also, und zerstreue Dich nicht durch Besorgniß.

Ich fiel an jenem schrecklichen Morgen in ein hitziges Fieber, in eine Krankheit, welche wochenlang meine Sinne mit völliger Nacht umhüllte. Ein wunderbares Geschenk, welches Gott den Menschen verliehen: das bewußte Leben selbst für einen längeren Zeitraum aufzuheben, ohne es doch zu vernichten. – Als ich zu mir kam, half die Schwäche des Körpers und Geistes weiter. Ich bemerkte nur matt und langsam, daß unsere Familie tief getroffen und verändert war. Mein Vater war ernst und schweigsam zum Erschrecken. Er war unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden, daß er sich von Heftigkeit hatte übermannen lassen, ohne doch dem armen überreizten Mädchen wirkliche Hilfe, moralische Hilfe zu bieten. Mein Bruder war traurig und thränenreich, voll Mitleid und Hingebung für mich, den er oft schluchzend umarmte. Meine Mutter war starr und unnahbar. Sie verkehrte eigentlich mit Niemand von uns, am wenigsten mit meinem Vater und mir. Methodius war verschwunden. Sein Name wurde nicht mehr genannt. – So vergingen einige Monate des Winters. Ich erholte mich kaum, ich blieb siech. – –

Eines Tages, es war Schneegestöber, fand mich mein Vater auf dem Leichensteine, welchen er der unglücklichen Anna am Rande des Weihers unter Weiden hatte setzen lassen. Ich war starr und naß, meine Glieder zuckten. Er führte mich still auf mein Zimmer.

»Du mußt fort!« sagte er da.

»Ja, mein Vater!« antwortete ich.

»Wohin möchtest Du?«

»Nach Jena.«

»In Sachsen?«

»Ja.«

»So ziehe hin!«

Als ich von meiner Mutter Abschied nehmen wollte, streckte sie mir abwehrend die Hände entgegen und sagte: sie wolle keinen Ketzer geboren haben. – –

Mein Vater und mein Bruder begleiteten mich bis Prag. Dort schied der Vater von mir, herzlich, krampfhaft. O, er war ein braver, tüchtiger Mann, den ich treu und innig geliebt habe und liebe. Ich sollte ihn nicht wiedersehen. Als er von Prag heimgekehrt war, hat er sich in sein Zimmer eingeschlossen und ist in eine schwere Melancholie verfallen. Am Ende jegliche Nahrung von sich weisend, ist er körperlich dergestalt zerstört worden, daß man ihn eines Morgens als Leiche gefunden hat.

Mein Bruder war mit mir nach Jena gegangen, um dort so lange bei mir zu bleiben, bis ich so weit hergestellt und eingerichtet wäre, um ohne Besorgniß mir selbst überlassen sein zu können. Dies ging rascher, als man gehofft hatte. Der Vetter Annas, der junge Candidat evangelischer Theologie, Hortleder, war sogleich von uns aufgesucht worden. Sein Auge und seine Rede wirkten wunderbar erquickend auf mich. Seine Mutter und die Mutter Annas waren Schwestern gewesen. Er hatte ganz den Blick und Ton der armen Verstorbenen, die Thränen strömten mir über die Wangen, als ich ihn das erste Mal sah und hörte, und von dem Augenblicke an war der Bann der Erstarrung von mir genommen; ich athmete wieder auf, ich wurde wieder ein natürlicher Mensch, und es störte mich nicht im Mindesten, als eine alte Muhme der Familie versicherte: die Mutter der Anna habe stets etwas Ueberspanntes gehabt, und das sei natürlicherweise auf Anna übergegangen, und habe sie zu dem gottlosen, letzten Schritte getrieben. Ich sah in Hortleder's Auge, welches verneinend und tröstend auf mir ruhte, und die Rede ging wirkungslos an mir vorüber. Die Stimmung ist Alles im menschlichen Leben. Sie macht aus Steinen Gold, und macht aus Gold Steine. Meine Stimmung war wohlthuend angeregt und gehoben durch den Vetter meiner Anna, welcher sich mir anschloß mit aller Hingebung der Jugend. Er theilte mir und meinem Bruder all seine Kenntniß mit und all seine Gedanken über Gott und göttliche Dinge, und führte uns dann in die Hörsäle der Professoren. Die neue Gottesgelehrsamkeit stand damals zu Jena in frischester Blüthe. Die Universität dort war erst vor Kurzem gegründet worden, als Wittenberg an die neue Kurlinie der Albertiner verloren gegangen war, und aller Drang, aller Eifer war im ersten Triebe des jungen Saftes. Melanchthon selbst war damals auf einige Zeit in Jena und lehrte Theologie. Hortleder hatte das Glück, sein Famulus zu sein, und führte mich und meinen Bruder zu ihm. Welch einen Eindruck machte uns diese Stunde! Der bleiche, magere Mann mit dem Blicke unbeschreiblicher Milde und Sanftmuth empfing uns so gütig, so menschlich! Er hatte gar nichts vom rechthaberischen Pfaffenwesen, welches ja auch den protestantischen Geistlichen nicht erspart worden ist, wie es wol überhaupt unzertrennlich ist von der amtlichen Eigenschaft, freisprechen und verdammen zu können in Sachen Gottes und der Ewigkeit. So lange diese Macht sterblichen Menschen überantwortet werden muß, wird nur die mildeste Persönlichkeit und die edelste Bildung den Geistlichen vor Uebernehmung und despotischer Haltung bewahren. Melanchthon war davor bewahrt durch sein Herz und seine Gelehrsamkeit. Er wußte zu gut aus eigener Erfahrung, welchen Zufällen, welcher Willkür die plötzliche Fassung eines neuen Kirchenregiments preisgegeben war, und wie links und rechts neben der gezogenen Linie Wahrheit und Tugend wandeln könne. Sein schwäbischer Redeton bleibt mir unvergeßlich, wie er uns warnte vor dem Buchstabeneifer, wie er uns anempfahl, den Grund und das Wesen christlicher Religion – hingebende Liebe und bereitwilliges Opfer – nie aus den Augen zu lassen, falls wir, nach Mähren heimkehrend, in unseren Landschaften die neue Kirche einführen wollten. »Alles Andere«, setzte er im heimatlichen Accente hinzu – »ischt tönendes Erz ond klingende Schelle!«

In diese Zeit des tröstenden Uebergangs in neue Lebenskreise fiel die Nachricht vom Tode unseres Vaters. – Mein Bruder, nun regierender Herr, eilte nach Hause, begleitet von zwei jungen Predigern der lutherischen Kirche, welche ihm Melanchthon zugewiesen, und welche in Mähren – zunächst auf unsern Herrschaften – die Reformation vorbereiten oder einführen sollten.

Ich blieb in Jena, mit vollen Zügen der neu erwachten Lebensorgane die Fülle von Gedanken, Wissenschaft und Aussicht einsaugend, welche eine neue Glaubenslehre zu tragen und zu heben pflegt. Nach der Heimat wollte ich erst wieder, wenn ich so weit ausgebildet wäre, um die neue Lehre umfänglich und gründlich selbst vertreten zu können.

Wie anders sollte sich's gestalten! Von meinem Bruder kamen erst nach einem Monate Nachrichten, und zwar beunruhigende Nachrichten. Unsere Mutter hatte sich ihm in den Weg gestellt. Sie konnte ihm, als dem ältesten Sohne, nicht wehren, die Herrschaft der Güter anzutreten, aber sie konnte ihn lähmen und hindern. Das that sie. Mein Bruder war weich und gut. Es ging über seine Kraft, ging gegen sein Naturell, seiner Mutter mit Nachdruck entgegenzutreten. Sie fragte nicht, was sie dürfte, sie that, was sie wollte, und mein Bruder ließ geschehen, was er nicht anders als durch offenes Widersprechen hätte hindern können. Diesem offenen Widerspruche ausweichend, kam er von Tag zu Tag mehr in den Hintergrund, und das Ergebniß war bald, daß meine Mutter unsere Herrschaften regierte und nicht mein Bruder.

Die nächste Folge davon war, daß die von meinem Bruder mitgenommenen Prediger aus Sachsen keine Stätte auf unsern Gütern fanden, sondern ausgewiesen wurden. Von diesen jungen Predigern kamen ausführlichere Berichte nach Jena, als von meinem Bruder, der in Kummer und Scham immer schweigsamer wurde. Sie schilderten unser Schloß als den Mittelpunkt katholischer Priester, welche aus allen Theilen des Landes dort zusammenströmten, und planmäßig von dort die Reformirung Mährens erstickten. Ein junger Jesuit, Athanasius geheißen, leite das Ganze. Mein erster Gedanke war: dies sei Methodius. Es war mir aber nicht möglich, Näheres zu erfahren, da mein Bruder auf all meine näheren Anfragen nicht antwortete. Allem Anscheine nach kamen meine Briefe nicht immer in seine Hände; wenigstens waren die seinigen, meist kurz und trübselig, selten Antworten. Sie verriethen mir aber deutlich genug, daß er mehr und mehr einem Erbübel unserer Familie, der Melancholie, verfalle.

Ich berieth nun ernstlich mit Hortleder, ob ich nicht persönlich hineilen sollte zu seiner Hilfe. Ungern ging ich daran, denn ich war in einer verhältnißmäßig glücklichen Lage. Der Schmerz und die Trauer meiner Jugend waren mild geworden, und meine Seele schwelgte in der reichlichen Nahrung des Geistes und Herzens, welche mir in der Freundschaft Hortleder's und in dem wissenschaftlichen Leben Jenas zufloß. Welch ein schöner und edler Rausch ist es doch für einen jungen Mann, wenn ihm zum ersten Male alle Pforten der Kenntniß und Erkenntniß geöffnet werden! Er kennt noch nicht die Grenzen, er erscheint sich wie ein junger, wachsender Gott, dem die unerschöpfliche Welt alle Zugänge aufgethan, und indem er die Gründe, wie den Zusammenhang der Schöpfung vor sich enthüllt sieht, glaubt er selbst zu erschaffen. Um wie viel stärker mußte dieser Rausch in mir wirken, da ich aus dem Abgrunde der Verzweiflung in dies Leben gekommen war, und da die eben erworbene Wissenschaft sogleich und unmittelbar angewendet werden konnte. Man lernte dort und damals nicht blos für die Kenntniß, man lernte für die Thätigkeit, welche an die Thür klopfte. Die Reform sollte vorbereitet werden. Aus allen Ländern kamen Anfragen und meldeten sich Bedürfnisse, und großentheils geistiger Art. Hier war ein Theil der Kirchengeschichte aufzuklären, dort war ein Punkt des Glaubens tiefer zu begründen, es bildete sich eine völlige Weltregierung um Melanchthon, und wir, die ihm nahe stehen durften, wir nahmen thätigen Antheil daran, indem wir prüfen, disputiren, Beweise aufstellen, letzte Gründe aufsuchen und in kurze Ausdrücke fassen durften. Der weise Lehrer hörte uns und belehrte uns, und gab in seiner Milde nicht selten zu, daß Einer von uns die beste Formel gefunden für ein Mysterium oder einen Begriff. Die also gefundene Formel ging dann hinaus in die Welt, und wurde als Gesetz angenommen und überall hin verbreitet. War dies nicht im höchsten Grade fesselnd, ja berauschend für einen jungen Menschen, der noch so kurz vorher wie ein verlorenes Atom der Tiefe zu gesunken war?

Dennoch kam ich zum Entschlusse, meinem Bruder zur Hilfe heimzukehren. Die thätige Wirksamkeit für unsere evangelische Lehre forderte es nach meiner und Hortleder's Ansicht. Mit diesem Entschlusse trat ich vor Melanchthon, um mich von ihm zu verabschieden.

Es war ein sonniger Abend, als ich vor ihm stand. Die kahlen Berge, welche das Städtchen Jena umgeben, waren gelbroth angehaucht, und in der Studirstube Melanchthon's, welche einen Blick auf die schimmernden Hügel und auf den Wasserspiegel der Saale gewährte, war ein gelblicher Schein verbreitet. Dieser Schein zitterte um das dünne, weiße Haar des alten, von mir so hochverehrten Mannes, daß ich ein Heiligenbild vor mir zu sehen glaubte. Er trug einen leichten Pelzrock, weil sein dürftiger Leib wenig Wärme entwickelte, und aus dem schmalen, länglichen Antlitze sah mir sein ruhiges Auge tief und forschend in die Seele hinein. »Du willst fort, mein Sohn?« sprach er endlich leise und deutete auf einen kleinen Schemel, der mitten unter einem Haufen großer Foliantenbücher stand. Ich setzte mich zögernd und bejahte seine Frage. – »Ich kenne durch Hortleder«, fuhr er fort, »die ganze Geschichte Deines jungen Lebens. Sie drängt sich um den Widerspruch Deiner Mutter. Dieser Widerspruch trifft Alles, was in Dir lebt. Das ist traurig, recht traurig, denn sie ist Deine Mutter. Die Religion, auch die unsrige, weist Dich darauf an, sie zu ehren und zu lieben. Wirst Du dies bethätigen können, indem Du ihren Absichten und Handlungen entgegentrittst? Wie schonend Du auch verfahren magst, wirst Du nicht jedenfalls ihr als ein ungehorsamer Sohn erscheinen?« – »Letzteres fürchte ich«, entgegnete ich unsicher. – »Du fürchtest es«, sprach er mit stärkerer Stimme, »Du weißt also, daß es ein Unglück oder gar eine Uebelthat wäre. Mein lieber, junger Freund, lass' uns mit lauterem Sinne prüfen, was in solcher Lage Gott wohlgefällig sein kann. Mit lauterem Sinne! Der nächste Gedanke wäre wol, um Einzelne unbekümmert, unserem großen Ziele nachzutrachten. Unser großes Ziel ist die Ausbreitung unserer Lehre. Deine Mutter steht dieser Ausbreitung im Wege, sie steht ihr gefährlich im Wege, denn sie fördert sogar die Lehren unserer Gegner und fördert sie in großem Umfange. Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen, wären diese Menschen auch Deine nächsten Angehörigen, wären sie selbst Vater und Mutter – so lautet ja allerdings der Satz unseres Katechismus, der hiebei schlagend in die Schanze tritt, nicht wahr?« – »Ja.« – »Und ich, als ein Führer der neuen Lehre, wäre wol berufen und verpflichtet, Dich im Sinne und Bedürfnisse der Ausbreitung unserer Lehre auf jenen Satz des Katechismus hinzuweisen. Ist's nicht also? Erwartest Du's nicht?« – Ich schwieg. – »Du schweigst? Du schweigst, mein Sohn, weil Du einen Widerspruch meines Herzens im Hintergrunde ahnst. Nicht?« – »Ja.« – »Gieb mir die Hand; wir verstehen uns. Die Stimme des Herzens zu hören, wenn unser Herz nicht verderbt ist, das, mein Sohn, soll auch der Mittelpunkt unseres Glaubens sein. Nicht auf Formeln sich verlassen, sondern das Wahrhaftige in uns entdecken und befolgen, das ist ja eine wesentliche Bedingung unseres Widerspruches gegen ein Formenwesen, welches dadurch veraltet ist, daß es die stets erneuernde Seele ausgeschlossen hat. Höre auf die Stimme Deines Herzens, Gott wohnt in ihr, so lange der Mensch nicht vergiftet ist durch Laster, ja er wohnt in ihr selbst dann noch, wenn das Gift schon die edelsten Theile benagt hat. Der Verbrecher selbst kann Gottes Stimme in sich hören, wenn er nur hören will. Gott verläßt ihn nicht bis zum letzten Athemzuge. Nun, wenn wir das wissen, sollen wir nicht danach handeln? Wir glauben zwar auch zu wissen, daß wir Gott dienen und daß wir seinen Willen thun, wenn wir die Lehre über ihn und seine Geheimnisse tapfer verbreiten, tapfer und unbekümmert um all das, was wir verletzen, was wir beschädigen, vielleicht tödten. Ja, mein Sohn, wir glauben das zu wissen. Aber lass' mich Dir's gestehen, ich wenigstens bin nicht immer frei von Gewissenspein, ob ich das Recht habe, in diesen geheimnißvollen Fragen so zuversichtlich einherzuschreiten, wie ich es muß an der Spitze eines neuen Heeres. All unser Wissen ist Stückwerk, all unsere Erkenntniß ist beschränkt. Ich möchte lieber den Vorwurf hinnehmen, daß ich eine Möglichkeit des größeren Sieges gering geachtet, als daß ich ein Herz angetrieben, gegen seine innere Stimme zu handeln. Ist unsere Lehre echt, so wird sie in Deinem Vaterlande Wurzel schlagen, auch wenn Du und Dein Bruder jetzt zögerst, damit das unnatürliche Ereigniß vermieden werde: die grimmige Entzweiung der Söhne mit ihrer Mutter.« –

Der alte Graf machte hier eine Pause, und fragte dann Hans, ob er dieser Ansicht Melanchthon's zustimmen könne.

Hans sagte einfach:

– Ja.

– Nun denn, mein lieber Hans, so ist Alles wahr und richtig gesehen, was mir Hortleder über Dich mitgetheilt, und wir gehören zusammen wie ein Sohn zu seinem Vater, wie ein Vater zu seinem Sohne. Wir sind nicht besonders geeignet, eine Kirche zu stiften, aber wir haben das innere Bedürfniß einer Religion. – Der Inhalt jener Melanchthon'schen Rede ist der Inhalt meines Lebens geworden. Ich verzichtete auf den offenen Kampf gegen meine Mutter, ich blieb in Jena, und theilte meinem Bruder all diese Worte, all meine Gedanken mit. Sein weiches Naturell, das wußte ich, würde mir beistimmen.

Ach ja! Vielleicht that er es nur in zu hohem Grade! Er verschwand völlig von seiner Stellung als Herr unserer Güter, und um der Pein eines immer wiederkehrenden persönlichen Unterliegens vor den steigenden Ansprüchen meiner Mutter zu entgehen, zog er sich bald auf ein kleines Waldschlößchen zurück und überließ Alles, aber Alles – unseren Gegnern. Armer Bruder! – Jenes Schlößchen, mitten im Urwalde gelegen und von Sümpfen umgeben, hüllte seinen ohnehin reizbaren Körper in Fieberschauer, die sich dichter und dichter um ihn zogen. Ich erfuhr nichts davon. Seine seltenen Briefe waren kurz und milde – plötzlich trat sein Diener bei mir ein in Jena, und meldete mir – seinen Tod.

Welch ein Schrecken! Als ob der Himmel den schnellen und jähen Untergang unseres Hauses beschlossen! Ich flog nach der Heimat zurück, als ob ich, je eher ich käme, die entseelte Hülle doch noch beleben könne! Den Leichnam wenigstens hoffte ich noch in meine Arme schließen zu können, den Leichnam eines Bruders, den ich so herzlich geliebt. Ach, er war so sanft, so lieb, so bescheiden, mit Einem Worte so gut, wie wir uns die Engel vorstellen.

Umsonst! Auch seine Hülle fand ich nicht mehr.

Tief in die feuchte Erde hatte man meinen Bruder eiligst scharren müssen, da der Uebergang in Fäulniß rasch eingetreten war; nur auf seinem Grabe unter einem uralten Weidenbaume konnte ich weinen. Nie, nie habe ich so unstillbar geweint, wie da über meinen guten Bruder, den ich nicht mehr fassen, nicht mehr erreichen, nicht mehr ans Herz drücken konnte, obwol sein Leib nur wenige Fuß tief unter mir lag. Staub! Erde! Moder! stöhnte ich, und der Schmerz über unser vergängliches Menschenloos hat mich niemals so sehnsüchtig durchdrungen. Verzweiflung hatte mich ergriffen bei Annas Verlust, Trauer bei dem Tode meines Vaters; hier war es der reine Schmerz, der wehmüthige, der thränenreiche. Und Alles das, schluchzte ich vor mich hin, kommt von der fanatischen – Still! Still! flüsterte Melanchthon in mir. Frevle nicht an dem natürlichen Gebote! Die Zurückhaltung in dieser Richtung wurde mir sehr schwer; denn ich fand im Zimmer meines Bruders beschriebene Blätter, welche den aufreibenden Kampf seiner Seele nur zu deutlich darlegten. Er war an seiner und meiner Mutter gestorben – hinweg, hinweg! Es war ein Eindruck, der mich empörte und mich meine guten Vorsätze vergessen ließ. Ich war nicht so sanft, ich war nicht so gut wie mein Bruder, die Leidenschaften hatten größere Gewalt über mich, und als mir die Diener den vollen Gehorsam versagten, indem sie mir eingestanden, es sei ein geistlicher Herr da gewesen, welcher derartige Befehle meiner Mutter überbracht, da bemächtigten sich die Leidenschaften meines ganzen Wesens. Ich befahl zornig und handelte durchgreifend als Herr, der ich jetzt war. Mit Dienern und Jägern, welche dort und in der Umgegend zu haben waren, stieg ich zu Pferde und ritt gleichsam zu einer kriegerischen Expedition nach unserem Herrenschlosse hinüber. Die Landleute begrüßten mich überall und sammelten sich um mich. Ich hätte, riefen die Alten links und rechts, ich hätte ganz das Antlitz meines Großvaters, der ein mächtiger, guter Herr gewesen, ich würde dem jetzigen Zustande ein Ende machen. Denn man bedrücke sie stark seit meines Vaters Tode, man sauge sie aus durch schonungslose Eintreibung aller Dienste und Abgaben, man beaufsichtige sie und spionire, als ob sie Verbrecher wären, weil hie und da die neuen Lehrer, die heutigen Hussiten, Aufmerksamkeit und Antheil, wol auch Zustimmung gefunden, und ein Weiber- und Pfaffenregiment sei peinlich, unter mir würde Alles anders werden. Am zweiten Tage meines Rittes kamen auch einige der evangelischen Geistlichen zum Vorschein, welche sich in den Wäldern hatten verbergen müssen, und eilten mir mit aufgehobenen Händen entgegen, den Anbruch einer neuen, besseren Zeit segnend. Ich kannte sie aus Sachsen, und erhielt durch sie genaue Darstellung über den Bestand der Dinge. Auf unserem Herrenschlosse, erzählten sie mir, war eine zahlreiche Jesuitenstation, welche von dort aus all unsere Unterthanen regierte, auch in allen weltlichen Beziehungen regierte. Diese Jesuiten beaufsichtigten, erhoben alle Abgaben, und machten Alles zu Gelde, was sich nur irgend verwerthen ließe. Es sei nothwendig, daß ich mit so zahlreichem Gefolge käme, denn ohneweiters würden sie kaum weichen. Wer könnte wissen, ob mein Erbfolgerecht rasch in Geltung zu bringen sei! Die Landesbehörden seien eingeschüchtert und vielfach von den Jesuiten beherrscht; es sei auch schon hin und wieder öffentlich ausgesprochen worden, daß der Abfall von der Kirche das Erbrecht zweifelhaft und jedenfalls eine Sequestration nöthig mache.

Wie wahr dies sei, sollte ich nur zu bald erfahren!

Es war ein trüber, mit Regen drohender Tag, als ich mit meinen Begleitern, welche auf die Hunderte angewachsen waren, vor unserem Schlosse ankam. Von der östlichen Seite geschah es leider, von der Seite des Parks und Weihers. Jener traurige Wasserspiegel, jener Uferrand, an welchem ich Annas Leiche gesehen – es war verhängnißvoll, daß dies mein erster Eindruck werden mußte. Er lähmte mich vollständig. All meine nächsten Absichten traten zurück vor der Erinnerung, welche sich meiner bemächtigte. Ich hörte und merkte es kaum, daß mich meine Begleiter im Schloßhofe unter Jubelgeschrei vom Pferde hoben und auf die Rampe hinauftrugen, dem neuen regierenden Grafen von Zierotin donnernde Lebehochs zurufend. Hätte ich in jenem Augenblicke so gehandelt, wie ich noch vor einer Viertelstunde entschlossen gewesen war zu handeln, meine Gegner hätten nicht den Vorsprung gewonnen, welchen sie nun erhielten.

Das Schloß mußte und wollte ich säubern von allen Fremdlingen auf der Stelle, so lange mir die Volksmasse zu Gebote stand. Das war meine Absicht gewesen, und das unterließ ich jetzt.

Niemand kam uns entgegen. Das Schloß erschien wie ausgestorben. Ich hatte nichts mehr vor Augen, als die letzte Lebensstätte meiner Anna. Ich winkte im Hausflur, man möge hinter mir zurückbleiben, und eilte hinauf, zum Zimmer Annas. Es war unverschlossen, es war unverändert, das Bett sogar, von welchem sie in jener Nacht aufgesprungen, war unberührt geblieben, ihr Schnupftuch lag vor demselben auf der Diele – – ein Zauberbann umfing mich, ich war stundenlang für alle Außenwelt verloren, nur meinem Schmerze, der durch den Thränenerguß am Grabe meines Bruders weich geworden, nur meinem das Herz zerreißenden und doch das Herz erquickenden Schmerze hingegeben. – –

Einer der jungen evangelischen Geistlichen, welche mit mir gekommen waren, weckte mich endlich. Er hatte mich mühsam aufgefunden. Eine Stunde lang hatte er mit der Menge geduldig auf mich gewartet. Aus dem Hause hatte sich Niemand sehen lassen. Dann war das trübe Wetter in Regenwetter übergegangen. Die Leute hatten Unterkunft gesucht, und zwar zunächst im Hausflur des Schlosses. Da war denn ein Diener meiner Mutter erschienen, und hatte Ruhe und Stille anempfohlen, die Frau Gräfin sei sehr krank, und man wisse überhaupt nicht, was die Menschenmasse hier wolle. Der junge Herr Graf brauche auch Ruhe. – Daraus hatte man geschlossen, es sei nicht mehr meine Absicht, meiner Begleitung besonders eingedenk zu sein. Hungrig und durstig hatten sie wol auf einen Imbiß und einen Trunk gerechnet, enttäuscht fingen sie an, sich in die Wirthschaftshäuser und ins nahe Städtchen zu zerstreuen. Nur er, der junge Prediger, hätte andere Gedanken gehabt, hätte sich heraufgedrängt dem alten Diener zum Trotz, und hätte mich sprechen wollen. Ohne Antwort sei der Diener fortgegangen, und nach langem, vergeblichem Umhersuchen habe ein Dienstmädchen ihm, dem jungen Prediger, die Thür des Zimmers scheu und heimlich bezeichnet, hinter welcher der junge Graf zu finden sein möchte. Was ich denn vorhabe? fragte er. Die Menge, welche uns zu Gebote gewesen, sei nun zerstreut, wenn ich noch länger zögerte, würde ich meinen Feinden im Schlosse hilflos überantwortet bleiben. Sie seien da, das wisse er gewiß, er sei beim Umhersuchen an ein Zimmer gerathen, welches ein Schwarzrock kurzweg vor ihm zugeschlagen und zugeriegelt. Offenbar sei es ihr Plan, den Eindruck meiner Ankunft durch Ausweichen zu lähmen. Wenn man mich erst allein habe, werde der Widerstand plötzlich hervortreten. Ich hörte dies nur mit halbem Verständnisse an. Meine Seele war durch den Schmerz abgeschwächt für das, was zu thun war.

Ich ermannte mich nur so weit, daß ich ihn bat, mir auf mein Zimmer zu folgen. Dort angekommen, zog ich am Glockenstrang. Es läutete schauerlich durch den einsamen Corridor. Ich saß erschöpft auf einem Sessel und rang nach Fassung. Niemand kam. Auf meine Zustimmung läutete der Prediger noch einmal. Wir harrten wieder eine zeitlang vergeblich. Der regierende Herr dieser großen Herrschaften, welche ein kleines Herzogthum bilden konnten, saß wie ein Bettler unbeachtet in seinem Eigenthume und hatte nicht die moralische Kraft, in Zorn oder Ungeduld aufzuwallen. Da riß der junge Prediger zum dritten Male an der Schnur, daß die Glocke schrill gellte – jetzt hörten wir einen Tritt langsam nahen.

Es trat der alte Diener meiner Mutter ein. Sein Anblick brachte mich einigermaßen zu mir. Wir hatten diesen alten Burschen nie leiden können; er war immer ein Hausspion gewesen und ein heuchlerischer Patron.

»Warum läßt sich Niemand sehen?« fragte ich kurz.

Er verbeugte sich stumm.

»Ist meine Frau Mutter im Schlosse?«

»Sie ist krank.«

»Liegt sie zu Bette?«

»Sie liegt zu Bette.«

»Ich wünsche sie zu sprechen. Frage an« – hier unterbrach mich der junge Prediger in lateinischer Rede, um mir diesen Schritt zu widerrathen; ich fuhr aber doch langsam fort: »und bringe mir Antwort.« – »Und bestellt den Haushofmeister des Schlosses und den Rentmeister hieher!« setzte der Geistliche als mein Vormund hinzu.

Der Diener sah ihn von der Seite an und ging schweigend von dannen.

Der junge Prediger – Seiffert war sein Name, und er stammte aus der Gegend von Weißenfels – redete nun wieder lebhaft in mich hinein, daß ich mich ermannen und daß ich kräftig, daß ich regierend vorgehen möge. Es stehe Alles auf dem Spiele, und er halte es nicht für unmöglich, daß man mich in meinem Rechte als regierender Herr nicht nur nicht anerkennen, ja daß man mich sogar gefangen halten werde. Denn der junge Pater Athanasius sei berüchtigt als –

Athanasius – bei dem Namen erwachte ich völlig – »Athanasius? Weiß Jemand, ob dies der frühere Methodius –?«

»Derselbe. Er ist gleich nach Eurer Abreise damals zu Olmütz in den Jesuitenorden getreten, und regiert hier als die rechte Hand Eurer Mutter.«

Das hing zusammen mit Annas Untergang und traf mich. Ich stand auf. Nur Melanchthon's Gedanke: die Ehrfurcht vor der Mutter nicht zu verletzen, stand noch zwischen mir und entschlossener Handlungsweise. Ich erzählte Seiffert die Unterredung mit Melanchthon. Er war anderer Meinung. »Du sollst Vater und Mutter verlassen und mir nachfolgen, spricht der Herr!« entgegnete er strenge und malte mir aus, wie mein Verhalten über das Seelenheil vieler Tausende entscheide, die nicht zur reinen Lehre übertreten könnten, so lange fanatische und unsaubere Feinde wie dieser Athanasius vermittelst meiner Mutter hier weiter gebieten dürften. –

Da kam der Diener zurück. Meine Mutter sei nicht im Stande, mich zu empfangen.

»Und der Haushofmeister und der Rentmeister?« fragte Seiffert barsch.

Der Diener schwieg.

»Antworte!« sprach nun ich streng.

»Sie sind nicht im Schlosse.«

»Wo sonst, Lügner? – Führe mich zu meiner Mutter! Einen Sohn empfängt die Mutter, selbst wenn sie im Sterben liegt. Vorwärts! – Erwartet mich hier, Seiffert!« –

Ich war in eine fieberhafte Aufregung gerathen, und der Geist meines Willens stürmte nach irgend einer Erledigung.

Der alte Schuft von Diener verfiel in ein starkes Husten, als wir in die Nähe der Thür kamen, welche zu den Gemächern meiner Mutter führte. Wahrscheinlich wollte er vorbereiten und warnen. Ich schob ihn an der Schulter zurück und öffnete rasch.

Es war das große Vorzimmer meiner Mutter, in welches ich trat. Ein Ruf des Erstaunens empfing mich. Drei bis vier Männer stießen ihn aus, und einer dieser Männer kam mir eiligst entgegen. Es war im schwarzen Jesuitenkleide Methodius. Ich machte keine Umstände und schob ihn zur Seite, auf die offen stehende Thür des Wohnzimmers zuschreitend. Dabei erkannte ich unter den anderen anwesenden Männern den vermißten Verwalter und den Haushofmeister. »Warum verleugnet Ihr Euch vor Eurem Herrn?!« rief ich ihnen zu, wartete aber ihre Antwort nicht ab, sondern schritt nach der offenen Thür, durch welche ein Schrei meiner Mutter mir kundgab, daß meine Ankunft gehört worden sei. Gleichzeitig erschien auf der Schwelle zu ihrem Wohnzimmer ein zweiter Jesuit, ebenso jung wie Methodius, unter ebenso abweisender Geberde wie jener. Ich war im Begriff, ihn ebenso zu behandeln, wie jenen – da wurde ich inne, daß der Ausdruck seiner Miene sanft, mitleidsvoll ja bittend war. Das grobe, etwas bäuerische Gesicht des jungen Geistlichen hatte in den blauen Augen etwas Ehrliches, und in den wenigen Worten, die er sprach, lag etwas, was mich traf. Er sagte blos: »Nicht im Zorne, Herr Graf! Es ist Eure Mutter!«

Der Erzähler pausirte einen Moment, und setzte dann mit schwächerer Stimme hinzu:

– Dieser junge Jesuit war ein Bauernsohn aus der Steiermark. Sein geistlicher Name war und ist Bartholomäus. Er ist später Beichtvater des Erzherzogs Ferdinand in Grätz geworden, und wol heute noch neben ihm. – Sein Ton dämpfte damals meine erwachte Leidenschaft in etwas, und ich trat langsamer in das Wohnzimmer, zurückhaltender als ich im Begriff gewesen war. – – Da lag meine Mutter, oder saß vielmehr auf einem Ruhebett, abgemagert, gelblich bleich, der Arm abwehrend gegen mich erhoben, der Blick des großen braunen Auges düster flammend. Ich stand still. Ihr ausgestreckter Arm wendete sich langsam zur Seite und legte die Finger auf das Fußgestell eines metallenen Crucifix, welches auf dem nahen Tische stand.

»Was willst Du?« fragte sie kaum hörbar.

»Mein Recht!« brachte ich mühsam hervor, denn der Anblick meiner Mutter entwaffnete mich.

»Dein Recht auf irdischen Besitz?«

»Ja.«

»Das Du in Anspruch nimmst, weil ich Dich geboren?«

»Ja.«

»Unglücklicher! Ist es wahr, daß Du mit aufrührerischen Horden in das Haus Deiner Eltern gedrungen, daß Dein erster Gang zur Stätte einer Selbstmörderin, daß Dein Begleiter ein ketzerischer Prediger gewesen ist?«

»Ja.«

Die Erwähnung meiner Anna als Selbstmörderin, und als ob ich durch ihr Gedächtniß Unwürdiges begangen, vernichtete jeden rührenden Eindruck in mir. Ich trat entschlossen näher, ich sprach bestimmt, ich sprach hart, meines Vaters, meines Bruders gedenkend, welche in voreiligen Tod geworfen seien durch die Einmischung des Pfaffengetriebes in unser Haus, in unsere Familie.

»Zurück, zurück!« unterbrach mich angstvoll kreischend meine Mutter. »Nähere Dich mir nicht, unseliges Geschöpf, meine Fibern, mein Herz, mein Kopf zerspringen vor Grauen und Wehe über die Vergiftung Deiner ganzen Seele. Du liegst verworfen vor den Pforten unserer heiligen Kirche, Dein Athem ist Pest, und ich sehe keine Hilfe, frommer Vater Anselmus, ich sehe keine Hilfe, und doch ist es mein Sohn!«

»Wir Menschen sind kurzsichtig, und Euer Sohn ist jung!« sprach mit vollem schönen Redetone ein dritter Jesuit, welcher aus der Fensterbrüstung hervorschritt zwischen mich und meine Mutter, die erschöpft und zitternd auf ihr Lager zurückgesunken war. Dieser Jesuit war schön und würdig, wie ein Apostel, und er sprach in gebrochenem Deutsch sanft und freundlich in mich hinein, so daß ich meinem zuerst aufbäumenden Widerwillen gegen das neue Erscheinen und neue Einmischen eines Pfaffen keinen Ausdruck geben konnte. Was er sagte, war allgemein und menschlich, nur die Mutter und den Sohn betreffend – Angesichts meiner offenbar leidenden Mutter, die jedenfalls voll unzweifelhaften Glaubens an ihre Kirche war, konnte ich ihm nicht widersprechen. Er schloß damit, daß er mich fragte: was ich denn eigentlich mit meinem lärmenden Eintritte in das Haus meiner Väter beabsichtige, was ich wollte?

Bei aller Macht, welche seine Rede auf mich ausgeübt, erschien mir diese Frage denn doch gar zu einfach. Ich blickte ihm scharf ins Gesicht – es war kein Spott darin zu finden, das männliche Antlitz des italienischen Vaters Anselmus leuchtete rein, unbewegt, mild zu mir herüber, und langsamen sanften Tones wiederholte er: »Ja wol, was Ihr wollt? fragen wir.«

»Mein Erbe will ich antreten als regierender Herr von Zierotin.«

»Wird es Euch bestritten?«

»So scheint es doch. Wer gebietet hier?«

»Eure Mutter. – Ist dies unnatürlich? ist es unrecht? – Ihr schweigt. – Ihr beruft Euch auf weltliches Erbrecht. Wer tritt denn Eurem Erbrechte in den Weg?«

»Alles, was ich hier finde und wie ich es finde!«

»Ja, junger Herr, wißt Ihr denn nicht, was Euch zusteht nach weltlichem Erbrecht? Wißt Ihr denn nicht, daß Eure Großjährigkeit erfüllt sein muß bis auf den letzten Tag? Ist dieser letzte Tag schon eingetreten?«

Diese Worte blendeten mich wie ein Blitz, der vor mir in den Erdboden führe. Sie sprachen eine Wahrheit aus, an welche ich nicht gedacht. Mein Geburtstag, an welchem ich großjährig wurde, war erst in acht Tagen. – Ich fühlte mich wie ein Kind entwaffnet.

»Diese Woche schenkt Euch der gnädige Himmel,« fuhr er in unerschütterlicher Milde fort, »zur Läuterung Eurer Begierden. Wenn es Euch gelingt, Eure Leidenschaften zu sänftigen – und das ist schwer in der Jugend – so wird Euch die Einsicht kommen, daß alle Vortheile eitel sind, wenn sie nicht geheiligt werden durch den Frieden unseres Gewissens. Ich glaube aber nicht, daß sich irgend ein Glaube religiös zu nennen wagt, der die Liebe und Hochachtung des Kindes zu seiner Mutter verleugnet; ich glaube nicht, daß es einen Frieden unseres Gewissens giebt, wenn wir um irgend eines irdischen Vortheils willen unsere Mutter gepeinigt, vielleicht gar zerstört haben –«

Dabei wies er auf meine Mutter hin, welche schmerzlich stöhnte.

Ich weiß nicht mehr zu sagen, wie ich hinweggekommen bin. Dies Zusammentreffen des Jesuiten mit dem Gedankengange Melanchthon's betäubte mich völlig. –

Auf meinem Zimmer erst konnte ich mich wieder sammeln. Ich suchte nach dem Prediger Seiffert. Er war verschwunden. Ich eilte hinab nach den Wirtschaftsgebäuden; kein Mensch war mehr zu sehen und zu hören von all denen, welche mich begleitet. Während ich bei meiner Mutter gewesen, hatte Methodius Haus und Hof säubern lassen. Seiffert schien sich widersetzt und man schien Gewalt gegen ihn angewendet zu haben. Die Dienerschaft, Kutscher und Knechte des Schloßbereiches waren alle im Banne der herrschenden Jesuiten und waren diesen zu jeglicher Dienstleistung bereitwillig.

Ich war allein, war machtlos. Noch mehr: ich war allem ausgesetzt. Das wurde mir deutlich, als ich erschöpft mein Zimmer wieder aufsuchte. Der Abend sank frühzeitig bei dem trüben regnerischen Wetter, und die dunklen Corridore und Treppen waren schauerlich einsam. Die Diener mochten mich vermeiden, keiner war zu sehen, ich war wie ein Geächteter in meiner Väter Hause. Ermattet und allmälig furchtsam fiel ich aufs Lager. Was sollte werden?! Ich wagte nicht einmal nach Licht zu schellen: der Schall der Glocke, meinte ich, müsse unheimlich und erschreckend für mich sein. Instinctmäßig verhielt ich mich still und regungslos – da klopfte es leise an meine Thür. Ich fuhr in die Höhe.

Aber, sagte ich mir, man wird sich ja nicht anmelden, wenn man Dich überfallen, gefangen nehmen und – beseitigen will! So grelle Bilder beschäftigten schon meine Phantasie; ich rief: Herein!

Es war ein Dienstmädchen. Wie ich später erfuhr, dasselbe, welches Seiffert zu mir gewiesen hatte in Annas Zimmer.

Sie war bei Annas Lebzeiten ihr zugetheilt gewesen, und war ihr anhänglich geblieben, die gute Marthe! Diese Anhänglichkeit trug sie auf mich über, und schlich sich jetzt zu mir, um zu fragen, ob ich etwas brauchte. Denn die Diener seien von Pater Athanasius angewiesen worden, sich gar nicht um mich zu kümmern, weil ich ein Ketzer und von der regierenden Frau Gräfin verstoßen sei. Nur ein Abendessen sei dem alten Diener meiner Mutter für mich anbefohlen – »nehmt's um Gotteswillen nicht an, gnädigster Junker, es kann vergiftet sein!« flüsterte Marthe. »Ich bring Euch einen Imbiß aus unserer Küche –«

Ich ließ mir nun Licht bringen. Marthe wagte nicht, es offen zu bringen. Sie holte ein Feuerzeug und zündete die Kerze im Zimmer an. Dann dankte ich ihr für alles Uebrige, und schickte sie fort.

»Riegelt nur ja« – flüsterte sie fortgehend – »die Thüren zu!«

Ich schob den Riegel vor hinter ihr, vergaß aber ein Gleiches zu thun an der Seitenthür, welche zu dem einstigen Zimmer meines verstorbenen Bruders führte. Ich war bald furchtsam, bald zerstreut, bald zornig über meine Furcht und Unmacht. Zwinge Dich, rief ich mir zu, eine philosophische Ruhe und Höhe zu gewinnen! Nimm ein Buch!

So that ich. Aber ich erinnere mich deutlich, daß ein Gedanke mich nicht fassen ließ, was ich las, der Gedanke, daß Pater Anselmus gerade so frei und natürlich wie Melanchthon gesprochen, daß wahre Religion doch am Ende auch bei den Jesuiten zu finden sei, daß meine Mutter wol auch berechtigt sein könne in ihrer Herzensangst um mein Seelenheil. Sie habe mich ja doch geliebt in früherer Zeit, ehe die Entwickelung um streitige Punkte des Glaubens unter uns zum Vorschein gekommen – –

Der junge Körper hatte über all die Unruhe den Sieg davongetragen: ich war doch eingeschlafen, und das Licht hatte ich nicht ausgelöscht.

Es war ein unruhiger, peinlicher Schlaf. Die Gedanken und Empfindungen, welche mich den Tag über bewegt, rasten wie ein Kriegsheer durch die Seele, und unsere Seele ist ja im Schlafe gleichsam gelöst von mannigfachen Fesseln des Körpers, sie lebt gleichsam allein, allen Bewegungen und Regungen schutzlos wie fessellos preisgegeben. Das war ein fortwährendes Zucken, Erschrecken und Stöhnen, bis sich die tobenden Kriegsmassen wie zur Schlacht auf einzelne Punkte zusammendrängten. Meine Mutter und die Religion wurden diese Punkte. Pater Anselmus schrie wie ein Herold: Du hast's erfahren, daß der katholische Geist ein anderer ist, als man Dir eingeredet; daß er sich in menschlicher Natürlichkeit über alle Schranken seiner Formeln erheben kann. Du bist verführt. Kehre zurück! – Auf diesen Punkt lastete sich Alles zusammen, und preßte mein Herz wie ein furchtbarer Alp. Die Jugendkraft mochte endlich einen heftigen Widerstand versucht haben, ich war in die Höhe gefahren und halb wach geworden. Dann fiel ich wieder aufs Kissen zurück, und jener eigenthümliche Halbschlummer, welcher nicht alle Nerven zu umgreifen scheint, hüllte mich ein gleich einem durchsichtigen Nebel. Da war mir's, als hörte ich eine ferne Thür öffnen und wieder schließen, als schlürrten Fußtritte langsam näher, als ächzte die lange unberührt gebliebene Klinke der Thür, welche zu meinem Bruder führte, als träte eine Gestalt an mein Bett – ich versuchte die Augen aufzuriegeln, es gelang nur eine Linie breit, aber ich meinte doch zu sehen durch den gelblichen Dämmer, welchen die trüb leuchtende Kerze verbreitete, und was ich zu sehen vermeinte, schüttelte mich wie Fieberschauer. Es ist ein Traumbild, flüsterte mein Geist, schließe die Augen und schlafe, dann ist's vorbei. Der Rath war meiner Müdigkeit willkommen: ich schloß die Augen. Aber jetzt empfand ich eine kalte feuchte Berührung an meiner Stirn – wie von einer Hand. Ich zuckte elektrisch, ich wachte auf, und sah wirklich eine weiße Gestalt vor mir stehen, über mich gebeugt – es war meine Mutter.

Ich schrie! Halb war es Freude. So schnell ist der Gedankenproceß im Menschen: ich wußte augenblicklich, daß Teilnahme an mir die Triebfeder dieser erschreckenden Ueberraschung sein mußte, Theilnahme, die ich seit Jahren von meiner Mutter nicht erfahren. –

»Sammle Dich, Zdenko,« sprach sie, »ich bin's, die Deine Mutter bleibt, auch wenn sie Dich verleugnen muß. Du hast unter meinem Herzen gelegen, ich habe Dich mit Schmerzen geboren, das Band zwischen uns ist unzerreißbar. Gegen den Rath und ohne Vorwissen meiner geistlichen Beistände komme ich heimlich zu Dir. Es ist der letzte Schritt Dich zu erretten. Höre auf mich und folge mir. Entsage Deinem Ketzerthum, kehre reuig und ganz zurück in den Schooß unserer allerheiligsten alleinseligmachenden Kirche! Entschließe Dich!«

Ich hätte in diesem Augenblicke Alles in der Welt versprechen mögen, so gerührt und erhoben war ich von dem Schritte meiner Mutter, mich höher zu achten als die Stimme ihrer Pfaffen! Ich hörte kaum, was sie forderte, ich überdachte kaum, was sie forderte, ich hatte nur Aeußerungen der Zärtlichkeit und Dankbarkeit. – Meine Mutter aber handelte unter anderen Gesichtspunkten: ihre Theilnahme für mich war nur aus der religiösen Sorge entsprungen. Sie erwiederte meine Zärtlichkeit nicht, sie drang nur auf unmittelbare Antwort, auf Ja oder Nein: ob ich ehrlich und vollständig zur Kirche zurückkehren und am nächsten Morgen in die Hände der anwesenden Jesuiten ein rechtgläubiges Bekenntniß ablegen wolle.

Dies ernüchterte mich. Ich erzählte naiv, daß ich sammt meinem verstorbenen Bruder zu Jena förmlich übergetreten sei zur evangelischen Kirche. –

»Unglücklicher,« schrie sie auf, »und Du wagst es von einer solchen Kirche zu sprechen?!«

»Das gehört ja doch zum evangelischen Glauben, liebe Mutter. Wir glauben an unsere kirchliche Gemeinschaft, wie Ihr an die Eure –«

»Schweig mit solcher Blasphemie! Das ist ja schrecklicher, als ich gedacht. Was frevelhafte Menschen neuerdings erfunden, in frecher Leichtfertigkeit so zu benennen, wie die heilige Erbschaft von anderthalb Jahrtausenden, geweiht durch das Märtyrerblut und die wunderbare Ueberlieferung der Heiligen, gegründet auf den Felsen Petri und seiner von Gott eingesetzten Nachfolger! Mein Sohn, mein Sohn! Wie sollst Du gelöst werden, wenn Dein Sinn in so gemeinem Schlamme steckt und von diesem Schlamme redet, als ob er Aether des Himmels wäre –!«

»Aber, liebe Mutter, das ist ja eben der Unterschied zwischen unseren Ansichten, und über diesen Unterschied müssen wir einander aufklären, um einer Einigung zuzustreben –«

»Wir wollen nicht Deine Ansichten, wir wollen Deinen Glauben!«

»Der Glaube kann ja bei einem denkenden Menschen nicht getrennt werden von seinen Gedanken. Die Gedanken sammeln sich zu Ansichten, die Ansichten sammeln sich zur Ueberzeugung, und die Ueberzeugung gebiert –«

»Den Aberwitz der Kreatur! Hör' auf! O, all ihr Heiligen, wie soll da geholfen werden?!«

»Nicht im Handumkehren, liebe Mutter. Das ist unmöglich. Wir haben ja verschiedene Zugänge zu den Pforten der Religion. Wir bestreiten die Unverfälschtheit Eurer Ueberlieferung –«

»Schweig'!«

»Oder wenigstens die Zuverlässigkeit derselben. Wir leugnen, daß die ersten Jahrhunderte des Christenthums Eure jetzige Kirche ausgebildet, wir glauben große Lücken in der Geschichte des Glaubens nachweisen zu können, und in Folge dieser Lücken spätere willkürliche Einrichtungen. Wir gehen deshalb zurück auf die Grundquelle unserer Religion, auf die Evangelien, und trachten aus dieser einfachsten Quelle uns einfach neu zu gestalten in unserer christlichen Gemeinschaft. Deshalb nennen wir uns Evangelische, und das Beiwort lutherisch will nur sagen –«

»Daß ihr einem aufgeblähten, von gemeinen Leidenschaften durchwühlten Menschen das Recht einräumt, über Gott und göttliche Dinge Gesetze zu geben! Kein Wort mehr in diesem Tone; jedes Wort ist ein Scorpion für mich. Ich sehe die Verzweiflung über Dich vor meinen Augen. Ich sehe, meine frommen Rathgeber haben Recht: Es wird Dir nicht zu helfen sein, wenn Du nicht, wie Pater Anselm sagt, all Dein Denken und Dichten und Trachten gefangen giebst ein- für allemal und in einem herzhaften Entschlusse zur Demüthigung. Willst Du das? Zdenko, ich beschwöre Dich um meiner Ruhe, um Deines ewigen Heiles willen! Willst Du?«

Es lag ein so fanatischer Schmerz in diesen Worten, daß ich nicht mehr wagte, Nein zu sagen, wenn ich auch wußte, daß ich nimmermehr Ja sagen könnte zu solcher Hingabe meines inneren Menschen. Den unmittelbaren Schmerz wenigstens wollte ich der armen Mutter ersparen, die ja doch – das sah ich nur zu deutlich – in ihren besten Kräften Pein litt um ihren Sohn. Ich schwieg.

Sie mißtraute freilich auch meinem Schweigen, aber sie konnte doch noch einen Tropfen Hoffnung schöpfen aus meinem Schweigen. Sie sah mich lange an mit stierem Blick. Dann schien eine heilige Scheu über sie zu kommen: ich sah, wie sie zusammenschauerte und eine abwehrende Bewegung gegen mich machte, wie vor einem gezeichneten, mit dem Zeichen des Fluches behafteten Geschöpfe. Dann sprach sie langsam, indem sie einige Schritte zurücktrat: »Zdenko, dies mögen wol die letzten Stunden sein, welche Dir geschenkt sind zur Rettung Deines besseren Theils. Benütze sie redlich. Bete! Demüthige Dich! Und morgen gegen die Mittagsstunde komm' hinab in die Capelle, reuig abzuschwören Deine entsetzlichen Irrthümer. Dann sollst Du mein werther Sohn sein und hier herrschen in Deinem Eigenthume. – Kommst Du nicht, so erwarte von mir keinerlei Nachsicht. Sie widerstreitet meinem Glauben. Erwarte auch nicht, daß Dir der irdische Besitz dieser Herrschaften überlassen bleibe. Du würdest dies irdische Pfund nur mißbrauchen zum Schaden der heiligen Kirche. Ich muß dann und ich werde Dir's vorenthalten mit allen Mitteln. Dies ist mein letztes Wort. Gott möge sich Deiner erbarmen!«

So ging sie hinweg. Ich blieb zurück in der trostlosesten Verfassung. Nirgends sah ich noch einen Haltpunkt. Für die Liebe meiner Mutter hatte ich einen Augenblick lang geglaubt, mich in Alles fügen, wenigstens Alles versuchen zu können. Jetzt war mir unwidersprechlich klar, daß die Liebe meiner Mutter zu mir nur eine untergeordnete, gleichsam nebensächliche Bedeutung habe. Einen kurzen Versuch gestatte sie zur Aussöhnung, aber nur unter dem Beding, daß ich unterwürfig meine ganze Persönlichkeit aufgäbe. Das kirchliche Dogma war für meine Mutter die einzige Hauptsache, die Liebe zu ihrem Kinde eine völlige Nebensache. Melanchthon und Pater Anselmus waren beide verleugnet durch eine Mutter, und ach! durch meine Mutter.

In jener trostlosen Stunde entstand der Keim in mir, den Unerbittlichkeiten jeder Kirche Mißtrauen entgegenzutragen, ein Keim, welcher mein ganzes Leben bitterlich erschwert, freilich aber auch bereichert hat.

Auf meinem Lager regungslos sitzend, starrte ich blöden Auges in das leere Zimmer. Allein, mutterseelenallein, in dieses Wortes traurigster Bedeutung, war ich auf der Welt. Geliebte, Vater, Bruder und – Mutter dahin! Die Heimat, ja das Obdach desgleichen. Denn sie hatte mir ja angekündigt, daß mir mein Erbe versagt sein solle. – Ein Thränenstrom befreite meine zusammengeschnürte Brust, ich sank zurück, und die körperliche Erschöpfung verlöschte allmälig auch die Gedanken.

Spät am Morgen erwachte ich aus tiefem Schlafe. Ich war gestärkt, die Fähigkeit zum Entschlusse war wieder da; ich sprang auf, kleidete mich an und eilte hinab ins Freie. Ein armer Jünger wollte ich ausziehen, vielleicht ein Apostel werden. Meine Schritte hatten mich unwillkürlich zum Weiher geführt, zum Grabe meiner Anna. Feiner Regen sickerte vom Himmel und spielte brüselnd auf der Wasserfläche, wie er niederzugehen pflegt, wenn die Wolken schon ihre Schwere verloren und den Durchbruch der Sonne zu erwarten haben. Meine Gedanken vermählten mich mit der abgeschiedenen Seele, mit ihrer Anspruchslosigkeit, mit ihrer Armuth.

So nimm Dein Kreuz auf Dich und wandere! schloß ich und wendete mich vom Hause meiner Väter, vom Grabe meines Glückes und meiner Jugend.

Ein Blick hinauf zeigte mir an einem Fenster den Widersacher, Methodius, der höhnisch auf mich herabsehen mochte, auf den Besiegten. Höhne, triumphire, ich räume das Feld!

Hinten an den Stallungen vorüber schritt der verstoßene Erbe dieser Herrschaft nach der Landstraße hin – ein Roß wieherte mir nach. Ich erkannte den Ton. Es war mein kleiner Falbe, den mein Bruder für mich aufgezogen und zugeritten hatte.

Diesen Falben hatte ich drüben im Sumpfschlosse wieder gefunden, er hatte mich gestern hierher getragen. Jetzt mahnte er mich; ich sollte ihn nicht zurücklassen. Armer Bursche, ich muß! ich habe nichts mehr, womit ich dich ernähren könnte. – Da wieherte er von neuem, als wollte er sagen: sie werden mich mißhandeln um Deinetwillen! – »Das sollen sie nicht,« rief ich, »und wo sich ein Stück Brod findet für mich, da wird sich auch ein Grasfleck finden für Dich!« Und ich ging hinein in den Stall und sattelte mir den nun vergnügten Falben, schwang mich auf ihn und ritt von dannen.

Vor Verfolgung meinte ich mich sicher, denn die Pfaffen im Schlosse, dachte ich, werden froh sein, daß ich ihnen das Feld räume. Ich achtete also nicht darauf, daß ein Bauersmann hinter mir herging.

Wohin ich wollte, hatte ich selbst noch nicht bedacht. Ich überließ also meinen Falben ganz seinem Willen. Dieser Wille war auf eine Wiese gerichtet, die im nächsten Wäldchen nahe am Wege lag. Dort wollte er grasen. Ich ließ ihn gewähren, und weil ich so still hielt, holte mich der Bauer ein.

»Reitet nicht, gnädigster Herr,« rief er mir in der Landessprache zu, »auf diesem Wege weiter. Der Regen hat den Bach überfüllt, und der ist ausgetreten, der Falbe könnte in den Landgraben gerathen – wendet Euch rechts hinter dem Holze.«

»Schönen Dank!« erwiderte ich und folgte der angegebenen Richtung, nicht ahnend, daß der Bauersmann einen Auftrag erfüllte, und daß es eine Absicht war, mich in das Dorf zu leiten, welches auf dem Wege rechts erreicht wurde.

Als ich an das Dorf kam, ward' ich erst inne, daß ich absichtlich geleitet worden. Seiffert trat mir entgegen. Er hatte Jemand zurückgelassen, um Nachricht über mich zu erhalten.

Jetzt empfing er mich mit Vorwürfen, als er von mir erfuhr, daß ich Alles aufgegeben und den Feinden unseres Glaubens allen Besitz und alle Macht überlassen wollte. »Das hieße auch unsere überall entstehenden evangelischen Gemeinden den Widersachern überantworten, also dem Untergange überliefern. Nach acht Tagen steht Euch ja das Landesrecht zur Seite, welches Eure Erbschaft schützen muß.«

»Gegen meine Mutter?!«

»Gegen die Pfaffen des Antichrist! – Eure Mutter kann ja aus dem Spiele bleiben, und was zu thun ist, braucht nicht Ihr zu thun, das Landesgericht muß und wird es besorgen. Machen wir uns auf nach Brünn!«

Das Alles war nicht in dem Sinne, der mich bewegte. Ich widersprach aber nicht vollständig, und wir zogen gen Brünn.

Dort wohnte ein Vetter von mir, ein Zierotin, ein bejahrter, würdiger Mann, welcher eine wichtige Stelle einnahm im Landesausschusse. Zu ihm verfügte ich mich, ihm schilderte ich meine Lage. Er war Katholik verblieben, war aber ohne Fanatismus und ein gewissenhafter, frommer Herr. Er theilte meine Ansicht, daß der Antritt meiner Herrschaft freilich durchzusetzen, aber nicht ohne Strenge und Härte gegen meine Mutter zu erreichen sein werde. »Du bist jung, Zdenko«, setzte er hinzu, »Du könntest warten, um Deiner Mutter das Weh zu ersparen –«

»Ich will es auch!« schloß ich. »Ich will nicht gegen meine Mutter auftreten und verfahren mit den Waffen des Gesetzes, ich will – –«

Hier stockte der alte Graf plötzlich in seiner Erzählung. Man hörte zorniges Hundegebell, dann den gellenden Schmerzensschrei eines Hundes, dann heftige Stimmen von dem Platze herüber, welcher das Jägerhaus von dem Wirthschaftshause trennte, schreiende Stimmen. Diejenige Tschirills war unverkennbar. Aber eine andere, rauh und tief dazwischenfahrend, schien den Greis zu bestürzen. Er erhob sich rascher, als bisher seine Art gewesen, vom Sitze und beugte den Kopf vor, um leichter zu hören. Ein heftiger Fluch in slavischer Mundart, von jener rauhen Stimme ausgehend, schien die Vermuthung des alten Herrn zu bestätigen; er zuckte ein wenig zusammen und sagte halblaut:

– Das ist er!

– Wer? fragte Hans.

– Der Raupowa Wilhelm.

– Mir scheint es die Stimme jenes Herrn von Trotha zu sein, welcher gestern Abends in Hernals –

– O nein, die Stimme dieses schlimmen Wilhelm kenn' ich. Sie hat mir noch vor Kurzem in die Ohren geschrien. Er sucht mein Gold. Er ist der roheste, aber auch verwegenste von jenen böhmischen Cavalieren, die jetzt vorgeben einen Religionskrieg zu führen, während –

– Sie kommen näher! Soll ich ihnen entgegentreten und sie mit bewaffneter Hand abhalten?

– Nein, nein, mein Sohn! Wozu Gewalt?! Mein Aufenthalt ist nun doch verrathen und die Ruhe dahin.

– Wenigstens sind es Protestanten!

– Ach, Kind –!

Jetzt stürzte die Tochter des Försters, Nandl, herein, um Nachricht zu bringen, daß dieselben Männer gewaltsam eindrängen, denen sie vor einer Stunde im Walde begegnet. Sie mißhandelten den Tschirill auf eine erbärmliche Weise, und der Vater sei nicht da. Ob der ehrwürdige Herr sich verbergen wolle? Noch wären sie draußen; er könnte vielleicht noch ungesehen durch den Saal und über die kleine Stiege hinaufkommen ins Schlafzimmer, und die Thür des Schlafzimmers könnte man vielleicht durch einen vorgeschobenen Schrank verstecken.

– Ja, ja! rief Hans und ergriff die Hand des Grafen. Die andere ergriff das Mädchen, und so zogen sie ihn fast, den Greis, welcher ablehnen wollte, in den Saal hinein.

Da drang ihnen das heftige Gezänk schon aus dem Innern des Hauses entgegen. Es kam auf die Saalthüre zu, welche nach jener kleinen Stiege führte. So war auch dieser Ausweg gesperrt.

– Vielleicht da hinein!? rief Hans und deutete auf jene Seitenthür, welche neben dem Kamin und durch welche der Graf heute Früh zu seinem Bade geschritten war.

– Gewiß nicht! rief der alte Herr unerwartet mit großer Entschiedenheit. Ist sie denn offen? setzte er hastig hinzu.

Hans sprang hin.

– Nein, sie ist verschlossen.

– Gut. Aber Tschirill soll sich nicht unnütz – geh' ihm zu Hilfe, Hans!

Hans eilte durch den Saal, da flog die Thür desselben, an der kleinen Stiege aufgebrochen, herein, und der arme Tschirill, dessen Körper als Thürbrecher verwendet worden war, taumelte fallend bis in die Mitte des großen Zimmerraumes, erschöpft auf der Diele zusammenbrechend.

Hans wollte erzürnt den Einbrechenden entgegen, aber der alte Graf Zdenko rief mit bebender Stimme:

– Zu mir, Hans, zu mir!

Hans folgte dem Rufe, und während über die erbrochene Schwelle jener Herr von Trotha erhitzten Antlitzes eintrat, so daß sein einzig offenes Auge wie eine Kohle glühte, zog Graf Zdenko den Junker Hans nahe zu sich und flüsterte ihm ins Ohr:

– Lass' mich nicht einen Augenblick mit diesem Raupowa allein, bis ich Dir genau beschrieben habe, wie und wo mein Gold verborgen ist.

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